Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis; Christuskirche 16. August 2009 Seite 1 von 7

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1 Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis; Christuskirche 16. August 2009 Seite 1 von 7 Predigt Kanzelgruß: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen. Der heutige Predigttext steht geschrieben bei Markus 12, die Verse Wir hören den Text während der Predigt. Liebe Gemeinde, mitten im Sommer werden wir an diesem Sonntag es ist der 10. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest Trinitatis an Israel erinnert. Gut, können wir sagen, es vergeht ja kaum ein Tag, an dem nicht in den Nachrichten über Israel und über die Palästinenser berichtet wird. Es sind meist Schreckensnachrichten über Mord und Totschlag, Absprachen und gebrochene Absprachen, über Demonstrationen auf dieser und auf der anderen Seite. Es geht um vieles, u.a. um das Land. Es geht um ein friedliches Leben der Israeliten, der Palästinenser und der Nachbarvölker und um die, die auf beiden Seiten dies nicht wollen. Die Frage, was dem Frieden dient, ist aktueller den je. Seit der Reformationszeit steht nun in den protestantischen Kirchen das Israelgedenken am 10. Sonntag nach Trinitatis auf dem Predigtplan. Der Zeitpunkt ist kein Zufall, steht er doch datumstechnisch in der Nähe des jüdischen Trauertages, an dem gläubige Juden an die Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. denken. Lassen Sie uns zunächst bedenken, was Juden und Christen eint!

2 Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis; Christuskirche 16. August 2009 Seite 2 von 7 Christen haben immer wieder versucht zu formulieren, was am wichtigsten an ihrem Glauben ist. Martin Luther zum Beispiel schrieb in seinem Kleinen Katechismus kurze Auslegungen zu dem, was er die Hauptstücke des Glaubens nannte: die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, die Sakramente. Damit wollte er uns die wichtigsten Grundlagen des christlichen Glaubens prägnant vermitteln. Ebenso gibt es in der jüdischen Tradition immer wieder die Suche nach dem, was am wichtigsten ist. Von Simon dem Gerechten, einem jüdischen Gelehrten, der vor Jesu Geburt gelebt hatte, ist der Spruch überliefert: Auf drei Dingen steht die Welt: auf der Tora, auf dem Gottesdienst und auf Taten der Mitmenschlichkeit. Das sind Positionen, die wir als Protestanten nachvollziehen können. Das Wort Gottes, das Zusammenkommen zum Gebet im Namen Gottes und gute Taten das ist in der Tat das, worauf sich die Welt von religiösen Menschen gründet, nicht nur von Juden.

3 Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis; Christuskirche 16. August 2009 Seite 3 von 7 Trotzdem sind damit nicht alle Fragen erledigt. Simon der Gerechte und Martin Luther haben zu ihrer Zeit gute und richtige Worte gefunden. Aber was im Glauben und im Leben das Wichtigste ist, darüber müssen Menschen immer wieder neu nachdenken und diskutieren. Im 12. Kapitel des Markusevangeliums wird ein Gespräch zwischen Jesus und einem Schriftgelehrten überliefert, in dem es auch um die Frage nach dem Wichtigsten geht: Es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, und fragte ihn: "Welches ist das höchste Gebot von allen?" Jesus aber antwortete ihm: "Das höchste Gebot ist das:»höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Das andre ist dies:»du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese." Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: "Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer." Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: "Du bist nicht fern vom Reich Gottes." Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

4 Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis; Christuskirche 16. August 2009 Seite 4 von 7 Liebe Gemeinde, Jesus wird wieder einmal in die Zange genommen und bekommt von einem Schriftgelehrten, eine Frage gestellt. Das waren oft Fangfragen. Welches Gebot ist das Höchste von allen? Und Jesus antwortet mit dem "Schma Israel", dem "Höre Israel, der Herr unser Gott, ist der einzige Herr". Das ist das Bekenntnis Israels bis auf den heutigen Tag. Oder hätte vielleicht die Liebe zu Gott als oberste Regel nennen sollen? Und die Nächstenliebe? Ist die denn nicht von Gott geboten? Jesus macht das ganz einfach: Er setzt die beiden Gebote auf eine Ebene. Die Liebe zu Gott und zum Nächsten ist oberstes Gebot. Offensichtlich hat er dabei voll ins Schwarze getroffen, denn der Schriftgelehrte wiederholt sinngemäß, was Jesus sagte, und fügt noch hinzu, dass die Liebe wichtiger ist, als alle möglichen Opfer. Freilich ist das so, weil das zweifache Liebesgebot die Einhaltung des Gesetzesbundes bedeutet. Ja, das Gebot der Liebe zu Gott und zum Menschen war und ist ein Vertrag mit Gott. Schauen wir den Text aus Markus 12 an, dann sehen wir drei Faktoren. Eigentlich ist ein Beziehungsdreieck zu erkennen: Die Beziehung zwischen mir, Gott und dem Nächsten. Oder anders gesagt: Gott, ich und du. 1. Die Liebe zu Gott Da Gott selbst die Liebe ist, kann echte Liebe nur von ihm kommen. Freilich ist der Mensch von sich aus liebesfähig; das hat der

5 Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis; Christuskirche 16. August 2009 Seite 5 von 7 Schöpfer in seine Geschöpfe gelegt. Und es ist auch gut, dass das so ist, denn sonst wäre diese Welt nicht zu ertragen. Die Grenzen der Liebe sehen wir im Gebot der Feindesliebe, die über die menschliche Fähigkeit hinausgeht. Echte, selbstlose Liebe, die Liebe, die zuerst den anderen sieht und nicht sich selbst, kommt kaum aus dem Menschen. Mit dieser Liebe liebt Gott die Menschen. Nur in der Hingabe an die Liebe, also an Gott, wird ein Mensch zum selbstlosen Liebenden. Paulus unterstreicht dies in Römer 5, 5: "Die Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist". Deswegen betont das "Schma Israel", das von Jesus zitiert wird, Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit ganzem Verstand und von ganzer Kraft zu lieben. Durch die Liebe zu Gott wird dem Menschen Liebe geschenkt. Den Nächsten soll der Mensch nicht so lieben, sondern "nur" wie sich selbst. Dieser Unterschied verdeutlicht doch eine Art Hierarchie. In der Begegnung mit Gott begegnet der Mensch seinen Nächsten. Der Weg zum Menschen führt immer über Gottund umgekehrt. Denn wenn ein Mensch die Liebe Gottes erlebt (Luther spricht von Gott als einen Backofen voller Liebe), dann wird er mit Liebe und Dankbarkeit erfüllt. Gott hat uns Sünder ja lieb; unverdient und unverfügbar ist seine Liebe.

6 Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis; Christuskirche 16. August 2009 Seite 6 von 7 2. Die Liebe zum Nächsten Was jetzt folgt, ist eigentlich die logische Folge aus der Begegnung mit dem Allmächtigen. In der Gottesbegegnung begegnen wir dem Nächsten. Die erfahrene Liebe Gottes durch die vergebende Liebe Jesu treibt zu meinem Mitmenschen. Durch den Glauben bin ich wieder Ebenbild Gottes, also so, wie ich von Gott geplant war. Ich bin versöhnt mit ihm; es ist wieder alles gut zwischen Gott und mir. Ich darf wachsen im Glauben und in der Liebe. 3. Die Liebe zu mir selbst Das Gebot redet in Bezug auf die Nächstenliebe von der Selbstliebe. Freilich ist hier nicht Selbstsucht oder Egoismus gemeint. Sonst würde das wohl kaum funktionieren. Nein; wenn ich im Du bei Gott geborgen bin, dann finde ich zum Ich. Erst dann bin ich frei von mir selbst und bin frei für meinen Nächsten. Der Mensch ist ein Beziehungswesen; er kann nur im Gegenüber zu seiner eigentlichen Bestimmung finden. Aber erst wenn ich frei bin von den Fesseln meiner Selbstsucht, kann ich echt lieben. Diese Fesseln werden durch die Selbstliebe gelöst. Erst wenn ich mich von Gott angenommen und wertgeschätzt fühle, dann fühle ich mich nicht mehr minderwertig. Ich weiß, ich komme nicht zu kurz. Ich weiß, dass ich geliebt bin. Jetzt zwingt mich mein Ego nicht dauernd, was ich zu tun habe. Jetzt sagt mir mein Selbstwert, dass der andere auch wertvoll und geliebt ist; auch wenn er mir vielleicht nicht sehr sympathisch ist.

7 Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis; Christuskirche 16. August 2009 Seite 7 von 7 Wir haben gesehen, dass Liebe ein Beziehungsdreieck zwischen Gott, mir und meinem Nächsten ist. Das Wissen, dass Gott mich liebt, macht mich fähig zu lieben. Der Heilige Geist hilft dem Christen, hilft Ihnen und mir, die Liebe Gottes weiterzugeben. So wird aus dem schwierigen Gebot der Liebe, eine ganz natürliche Lebenseinstellung, die von der Liebe Gottes zu uns bestimmt ist. AMEN.

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