Predigt des Erzbischofs em. Friedrich Kardinal Wetter am Weihnachtstag, 25. Dezember 2015 im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern

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1 1 Predigt des Erzbischofs em. Friedrich Kardinal Wetter am Weihnachtstag, 25. Dezember 2015 im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater (Joh 1,14). So wurde uns im Evangelium das Geheimnis der Weihnacht verkündet. Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, heißt es. Aber was war im Stall von Bethlehem an Herrlichkeit zu sehen? Die Hirten fanden, wie es die Engel ihnen gesagt hatten, ein neugeborenes Kind, das in Windeln gewickelt in einer Futterkrippe liegt. Und den Weisen aus dem Morgenland ging es nicht anders. Sie fanden das Kind und seine Mutter. Das Kind ist, wie alle Neugeborenen, klein, schwach, hilflos; und dieses Kind ist auch noch arm. Da ist nichts von Herrlichkeit zu sehen. Doch eines kann dieses kleine Kind schon, wie es alle Neugeborenen können: unsere Liebe wecken. Wenn wir ein kleines Kind anschauen, spüren wir Zuneigung und Liebe zu ihm. Aber das ist bereits die Antwort auf die zärtliche Liebe, die ein Kind ausstrahlt. Es wirbt um unsere Liebe. Diese Erfahrung machen wir bei jedem Kind. Nicht anders erlebten es die Hirten, als sie das Jesuskind fanden. Liebe ging von ihm aus und erfasste sie. Doch die Liebe, die sie dabei erfuhren, war von besonderer Art. Denn dieses Kind in der Krippe ist Gottes Sohn, also Gott wie der Vater. In ihm wird Gott sichtbar. In diesem Kind offenbart sich Gott und zeigt uns: so bin ich. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat uns Kunde gebracht (Joh 1,18), heißt es im Evangelium.

2 2 Dazu ist der Sohn Gottes Mensch geworden, um uns Gott, den Vater zu zeigen. Schon in der Krippe beginnt er damit. Im liebenden Blick und Lächeln des Kindes wird offenbar, dass Gott uns liebt. Diese Liebe ist die Herrlichkeit, die im Jesuskind zu sehen ist. Das ist ein neues Verständnis von Herrlichkeit. Gewöhnlich verstehen wir darunter Glanz, Hoheit, Macht, Ehre. Aber die Liebe Gottes, die im Kind in der Krippe sichtbar wird, ist unendlich schöner und größer und kostbarer als alles, was wir uns unter Herrlichkeit vorstellen. Seine Herrlichkeit ist die Macht seiner Liebe. Diese göttliche Herrlichkeit, die Liebe Gottes zu uns, zeigt sich schon in dem Neugeborenen, das in Windeln gewickelt in der Krippe liegt. Und dieses Kind wächst und entfaltet sich. So entfaltet sich in ihm auch die Offenbarung der Liebe Gottes zu uns Menschen und wird sichtbar in Jesu Taten und Worten. Am Tag vor seinem Leiden bittet Philippus den Herrn: Zeig uns den Vater! Darauf antwortet ihm Jesus: Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen (Joh 14,9). In allem, was Jesus getan und gesagt hat, wird Gottes Herrlichkeit, die Macht seiner Liebe, sichtbar. Und diese Offenbarung findet ihre volle Entfaltung im Leiden und Sterben und in der Auferstehung Jesu. In der Todeshingabe Jesu zeigt sich, Gott schenkt uns nicht etwas von seiner Liebe, sondern er schenkt sich uns ganz. Im durchstochenen Herzen Jesu steht uns Gottes Herz offen. Dieser Tod ist nicht Schwäche und Untergang, sondern Sieg und Durchgang in die Auferstehung. Am Kreuz zeigt sich die siegreiche Liebe Gottes, und sie wird offenbar in der Auferstehung des Herrn. Darin offenbart uns Gott die Macht seiner Liebe, die allmächtig ist; so allmächtig, dass er auch ein kleines Kind werden kann, ja sogar an einem Kreuz sterben kann.

3 3 In den Armen, die uns das Kind in der Krippe entgegenstreckt, wie in den Armen, die Jesus am Kreuz ausspannt, offenbart uns Gott seine Herrlichkeit, die Macht seiner Liebe, und sagt uns: Ich bin nicht nur Liebe, ich liebe euch und will euch alle in meine Arme schließen und glücklich machen. Das sehen wir bereits im Geheimnis der Weihnacht. Darum dürfen auch wir sagen, was im Evangelium zum heutigen Fest steht: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater (Joh 1,14). Um diese Herrlichkeit zu schauen, brauchen wir Augen, die sehen. Dazu reicht die Sehkraft unserer leiblichen Augen nicht aus. Bekannt ist das Wort des kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Um einen Menschen wirklich kennenzulernen, genügt es nicht, ihn mit den Augen anzusehen. Dazu müssen wir ihn mit unserem Herzen anschauen. Der Blick unseres Herzens reicht tiefer und ist anders als der Blick unserer Augen. Denn die Sehkraft des Herzens ist die Liebe. Mit dem Herzen müssen wir auf das Kind in der Krippe schauen. Erst dann sehen wir es richtig. Durch dieses Schauen geschieht auch etwas mit uns. Wenn ich meine Augen öffne, nehme ich die Dinge, die ich sehe, in mich auf. Wenn ich mein Herz öffne und Jesus anschaue, dann nehme ich ihn in mich auf. Das heißt, ich werde selbst zur Krippe. Als Maria und Josef in Bethlehem eintrafen, war kein Platz für sie in der Herberge. So gehen sie in einen Stall. Dort steht die Krippe, in die sie das Neugeborene legen. Darum geht es auch bei uns. Im Stall unseres Lebens steht die Krippe für Jesus bereit; das ist unser Herz. Der große Sohn Gottes ist

4 4 Mensch geworden, um in die Krippe unseres Herzens gelegt zu werden. Er hat sich so klein gemacht, dass er in uns Platz findet. Wir aber müssen uns öffnen und ihn aufnehmen, hinein in unser Herz. Dadurch geschieht etwas mit uns. Was das ist, sagt uns das Evangelium: Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden (Joh 1,12). Kinder Gottes sollen wir werden. Das ist der Sinn von Weihnachten. Denn der Sohn Gottes wurde ein Menschenkind, damit wir Menschenkinder Gotteskinder werden. Darum geht es nicht nur an Weihnachten, darum geht es auch im Jahr der Barmherzigkeit. Die Augen des Herzens müssen uns aufgehen, damit wir in Jesus seine Herrlichkeit schauen, nämlich die Macht seiner Liebe, mit der uns Gott umgestaltet und uns an seinem Leben teilhaben lässt. Das beginnt jetzt in uns ganz klein, wie Jesu Menschenleben klein angefangen hat, klein wie eine Knospe, die sich entfaltet. Wie Gottes Liebe sich im Kreuz und in der Auferstehung Jesu siegreich erwiesen hat, will sie sich auch an uns siegreich erweisen. Jetzt nehmen wir Jesus in uns auf, der als Kind in der Krippe liegt. Indem wir ihn aufnehmen, nimmt er uns auf und nimmt uns mit in seine Herrlichkeit zur Rechten Gottes, des Vaters. Das beginnt mit Weihnachten und geht mit uns durch unser ganzes Leben. Bethlehem ist überall, sagt der Hl. Hieronymus, der über dreißig Jahre neben der Geburtsgrotte in Bethlehem gelebt hat. Doch dies ist nicht nur uns zugedacht. Denn der Sohn Gottes ist für alle Menschen in die Welt gekommen. Weihnachten soll sich darum ausbreiten über die ganze Welt.

5 5 Und dazu braucht Jesus Helfer. Er konnte ja nur an einem Ort und zu einer bestimmten Zeit geboren werden. Darum sendet er uns als Boten, die mit der Botschaft von Weihnachten seine Liebe hinaustragen bis an die Grenzen der Erde. Alle sollen seine Herrlichkeit schauen und die Macht seiner Liebe erfahren, mit der er die Wunden der Welt heilt. Unsere Welt blutet aus vielen Wunden. Denken wir nur an den Nahen Osten mit dem Heiligen Land und an das Flüchtlingselend, das von dort auch in unserem Land ankommt. Übersehen wir dabei aber nicht auch die Wunden in unserer Umgebung, das Leid und die Not von Menschen in unserer unmittelbaren Nähe. Weihnachten soll es werden in aller Welt durch uns. Diese Sendung können wir nur erfüllen, wenn es Weihnachten in uns selbst wird; wenn wir uns für das Kind in der Krippe, für den menschgewordenen Sohn Gottes, öffnen, mit unserem Herzen seine Herrlichkeit schauen und uns von der Macht seiner Liebe ergreifen lassen. Und dies nicht nur am Weihnachtsfest. Weihnachten ist Programm für unser ganzes Leben. Amen.

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