Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.

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1 Rede zum Volkstrauertag Markdorf von Patrick Brunkhorst Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung. Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, Mit diesen Worten von Dietrich Bonhoeffer möchte ich Sie zum Volkstrauertag begrüßen. Mein Name ist Patrick Brunkhorst, ich bin 21 Jahre alt und besuche die 12. Klasse des Gymnasiums in Markdorf. Wir haben uns heute hier versammelt, um der Menschen zu gedenken, die durch Krieg, Terror oder Gewalt ihr Leben verloren haben. Wir gedenken heute auch derer, die aufgrund ihres Glaubens, ihrer Abstammung, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer politischen Einstellung oder einfach nur zum Opfer gewaltsamer Bestrafung wurden, weil sie so lebten und sprachen wie sie es für richtig hielten. Der Volkstrauertag fand das erste Mal 1922 statt. Er wurde auf Vorschlag des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingerichtet und galt zunächst lediglich dem Gedenken an die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges. Mittlerweile ist er zu einer festen Tradition in Deutschland geworden und gilt schon seit vielen Jahren nicht mehr nur den Opfern der Weltkriege, sondern dem Gedenken aller Opfer, von Krieg, Terror und Gewalt, nicht nur in Deutschland und Europa sondern, darüber hinaus auch in der Welt. Auch wenn der Volkstrauertag mittlerweile diesen globalen Gedenkcharakter besitzt ist es wichtig, dass wir uns an die dunkelsten Stunden unserer Kontinents erinnern, denn kaum eine Zeit ist enger mit dem heutigen Gedenktag verbunden. Die beiden Weltkriege zu Beginn des letzten Jahrhunderts haben zusammen mehr als 65 Millionen Todesopfer gefordert und eine tiefe Wunde in die Seele Europas gerissen. Mit dem zweiten Weltkrieg eng verflochten ist auch der Nationalsozialismus der neben dem Kriegsgeschehen das meiste Übel verschuldet. Auch an die Leidtragenden dieser menschenverachtenden Ideologie wollen wir heute erinnern. Seit diesem Jahr trennen uns siebzig Jahre vom 8. Mai Seit 70 Jahren nun leben wir in Deutschland ohne Krieg. Und nicht nur das : An dem was unsere Großeltern und Eltern erlebt haben, an ihrer Erfahrungen mit dem Krieg und dem Elend, daran haben wir heute nicht nur einen militärischen und politischen Frieden, sondern auch einen geistigen, einen inneren Frieden. Einen Frieden in unseren Köpfen, weil wir als Gemeinschaft begriffen haben, dass Krieg und Gewalt, keine Lösungen sind und,dass das Theorem von einem besseren Menschen,keine Idee ist,

2 die uns weiterbringt. Von diesen Erfahrungen profitieren wir alle außerordentlich. Ich persönlich verbringe gerade mein 21. Lebensjahr auf diesem Planeten. Seit 21 Jahren lebe ich in Frieden. Ich muss nie Angst haben aus dem Haus zu gehe, egal zu welcher Tageszeit, ich besitze ein Fahrrad, ein Handy und ich darf Anfang nächsten Jahres mein Abitur schreiben. Doch wie hätte mein Leben ausgesehen, wenn ich nur einige Jahre früher oder auf einem andern Kontinent geboren worden wäre? Wäre ich anstatt in Gräfelfing in Mogadischu oder Damaskus geboren, wäre ich anstatt 49 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, vor 75 Jahren in Deutschland auf die Welt gekommen, dann hätte mein Leben ganz anders ausgesehen. Doch ich wurde 1994 in einem der wohlhabendsten und sichersten Länder der Welt geboren. In einem Land, das den Krieg seit siebzig Jahren hinter sich gelassen hat. Wir in Deutschland leben heute in Frieden. Wir müssen nicht um unser Leben fürchten und können uns so frei entfalten wie in kaum einem anderen Land der Erde Doch wer nun glaubt, wir hätten einfach Glück gehabt der irrt. Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung sind Dinge, die nicht vom Himmel fallen. Ganz im Gegenteil! Eine der Eigenschaften, die den Menschen zu dem gemacht hat, was er heute ist, ist seine Fähigkeit Erfahrungen weiterzugeben. Unsere heutiger Wohlstand, unsere Freiheit, Demokratie, der Europäische Frieden: alles Dinge die von dem Wissen der vergangenen Generationen leben. Wissen bewahren, erinnern, der Vergangenheit gedenken, heißt also: Lernen: menschlicher Fortschritt. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass es Traditionen wie den Volkstrauertag gibt. Kaum jemand in meiner Generation hat noch einen direkten Bezug zu den Kriegen der Vergangenheit. Die Erzählungen der Großeltern sind meist die einzig persönliche Verbindung und schon heute gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, in einigen Jahren werden Bilder, Briefe und Tagebücher die letzten Möglichkeiten für uns sein, an die Erinnerung der Vergangenheit anzuknüpfen. Diese Gegenstände sind nicht nur persönliche Erinnerungstücke, sondern sie sind sie uns auch ein kollektives Vermächtnis. Wir, meine Generation, ihre Generation und die zukünftigen Generationen müssen sich dafür einsetzen, dass die Erinnerung lebendig gehalten wird. Denn wer sich mit dem Übel der Vergangenheit auseinander setzt, lernt das Gute der Gegenwart zu schätzen, und wird es pflegen.

3 So ähnlich sprach einst auch Richard Freiherr von Weizsäcker Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Diese Aussage bringt einen weiteren wichtigen Aspekt des Volkstrauertages zum Ausdruck. Der Volkstrauertag ist kein Tag der lediglich mit der Vergangenheit verbunden ist. Nein! Denn, auch wenn wir in Europa heute in Frieden leben, Krieg, Vertreibung und Gewalt sind keine Relikte des vergangenen Jahrhunderts. Sondern trauriger Alltag. Gegenwart! Unmittelbar vor den Toren Europas reiht sich ein konflikt- und kriegsgebeuteltes Land an das andere. Wenn wir heute den Volkstrauertag begehen, dann hat er also einen ganz aktuellen Bezug. Der Krieg in Syrien, im Irak, in Nigeria, in Somalia, die Expansion des Islamischen Staates, oder der Bürgerkrieg in der Ukraine. Diese Krisen gehören nicht der Vergangenheit an! Genauso wenig wie die traurigen Ereignisse, die sich vor weniger als 48 Stunden in Paris ereignet haben. Bei den Terroranschlägen kamen mehr als 120 Menschen ums Leben. Krieg, Gewalt und Terror sind real. Das müssen wir uns bewusst machen. Auch in dieser Stunde fallen Menschen bewaffneten Konflikten zum Opfer, werden Familien auseinandergerissen, Menschen verfolgt, unterdrückt und ermordet. Trotz der Präsenz all dieser aktuellen Krisen, gibt es Menschen, die fragen: Was geht mich das eigentlich an? Warum soll ich mich mit den Problemen anderer herum schlagen? Probleme die viele hundert Kilometer von uns entfernt geschehen? Menschliche Verantwortung antworte ich ihm darauf. Die Europäische Union, das Projekt, welches dafür verantwortlich ist, das wir in Frieden leben, war lediglich realisierbar, weil Europa begriffen hat, das Frieden nur möglich ist, wenn die nationalen Interessen hinter dem Interesse nach Frieden und Zusammenarbeit zurückstehen. Beim Volkstrauertag geht es auch darum, die Verantwortung zu begreifen, die aus unserer Vergangenheit resultiert. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Für den Frieden. Und nur durch die Ausweitung unserer Verantwortung auch auf andere Staaten, auf Menschen, die nicht in Deutschland leben, wird es uns langfristig möglich sein, uns den Frieden zu erhalten. Denn eines steht fest. Wir können der Globalität unserer modernen Zeit nicht davonlaufen. Die Finanz- und Wirtschaftsmärkte, das Internet. Diese Dinge haben bereits dafür gesorgt, dass die Staaten dieser Erde untrennbar miteinander in Verbindung stehen, über die

4 Ländergrenzen hinweg zusammengewachsen sind. Was dort draußen passiert, hat Einfluss auf uns und wird uns in Zukunft immer mehr beeinflussen. Die Fähigkeit über den eigenen Tellerrand zu schauen, eine verstärkte vorurteilsfrei Empathie und ein globales Problembewusstsein werden die Eigenschaften sein, die wir entwickeln müssen, wollen wir uns den Problemen annehmen, die uns teils noch sehr fern erscheinen und doch die unseren sind. Das beste Beispiel dafür ist die momentane Flüchtlingskrise. Hunderttausende Menschen sind dieses Jahr nach Deutschland gekommen. Bald werden es über eine Millionen sein. Den Veränderungen, die damit wirtschaftlich, politisch und vor allem gesellschaftlich auf uns zu rollen, werden wir nur kurze Zeit ausweichen können. Wer sich bei Problematiken wie der Flüchtlingskrise heraus nimmt und lieber die eigene Haustüre oder Ländergrenze verbarrikadiert, anstatt sich konstruktiv mit den Dingen auseinanderzusetzen, die ohnehin gelöst werden müssen, stellt nur seinen eigenen Kleingeist zur Schau. Das gilt auf Länder- und Bundesebenen genauso wie auf Ebene der Europäischen Union. Egoismus und nationale Kurzsicht bringen uns nicht weiter. Ein Frieden in Europa wird nicht reichen. Deutschland stellt sich in diesem Zusammenhang einer internationalen Verantwortung. Das deutsche Volk war an zwei der verheerendsten Kriege der Weltgeschichte maßgeblich beteiligt, hat selbst darunter gelitten und daraus gelernt. Die Erfahrungen, die wir im Zusammenhang mit Krieg, Terror und Diktatur, gemacht haben, das Vermächtnis unserer deutschen Geschichte adelt uns in gewissen Maße, bedingt unsere Friedfertigkeit und unseren Wohlstand, macht uns aber auch verantwortlich. Gleich, ob wir uns dafür stark machen, den Frieden in Europa zu erhalten, Demokratie und persönliche Freiheitsrechte zu stärken, oder aktiv etwas dafür zu tun, dass das gegenwärtige Leid auf der Welt gemildert wird. Die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit kann uns dabei eine große Hilfe sein. Das Gedenken, die Erinnerung und die Trauer, sind Ressourcen, aus denen wir schöpfen können. Dies zu betonen, ist mir ein persönliches Anliegen. Denn bei all der Schwere und Ernsthaftigkeit mit der wir uns heute beschäftigen, dürfen wir nicht vergessen: Der heutige Gedenktag ist auch ein Tag der Hoffnung. Diese positive Komponente, das Licht, das im Volkstrauertag lebt, finde ich sehr bedeutend.

5 Denn ich bin offen gesprochen eher eine Person, die sich ungern mit bedrückenden Dingen auseinandersetzt. Zwar bin ich durchaus ein ernsthafter Mensch, aber Trauer und Schwermut sind, das muss ich gestehen, Dinge die ich meide. Und Sie werden mir sicher recht geben, wenn ich sage, das Trauer eben eines der Dinge ist, die wir uns nicht wünschen, Sie nicht aktiv heraufbeschwören, sondern unserer Trauer in den meisten Fällen ein Ereignis vorausgeht, das Anlass zu Trauer gibt und als solches sicherlich keines ist, das wir herbeigesehnt haben. Am heutigen Tage verhält es sich jedoch anders. Der Volkstrauertag ist eine Tradition, zu der wir uns ganz bewusst entscheiden. Wir entscheiden uns ihr beizuwohnen. Bewusst wollen wir uns den traurigen und grausamen Dingen der Vergangenheit und der Gegenwart erinnern, an ermordete und verlorene Menschen denken, Trauer spüren und sie mit anderen teilen. Die Zeit und den Ort uns zu erinnern, haben wir bestimmt, das Ereignis, das Anlass zur Trauer und zum Gedenken gibt, haben wir uns heute selbst gewählt. Weil wir es wollen, und weil wir es müssen. Weil wir die Verantwortung haben, uns zu erinnern, nicht zu vergessen, was geschehen ist und was geschehen kann. Und wenn wir im Bewusstsein unserer Vergangenheit und mit Ehrfurcht und Dankbarkeit vor den Menschen, die sich für den Frieden eingesetzt haben, die Erinnerung pflegen. Wenn wir unsere Vergangenheit als Vermächtnis begreifen und daraus Mut und Motivation für die Gegenwart gewinnen, dann bin ich mir sicher, sind wir auf einem guten Weg. Wenn sie es also schaffen, am heutigen Tage bei jeder Träne, die sie über den Verlust einer geliebten Person oder im Geiste kollektiver Trauer vergießen, gleichzeitig dankbar zu sein, dass wir am Leben sind, dass wir sicher sind und dass es uns gut geht. Und, wenn sie es schaffen aus dieser Energie heraus, aus der inneren Beweglichkeit die Trauern heißt, nach vorne zu blicken, die Zukunft aktiv zu gestalten und etwas dafür zu unternehmen, dass uns der Frieden und die Freiheit erhalten bleiben. Wenn sie dies schaffen, dann kann ich Ihnen nur mein größtes Kompliment aussprechen, denn sie haben verstanden worum es geht, beim Trauern. Danke

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