Wir feiern heute die Wiedererrichtung unserer demokratischen Republik Österreich vor genau 60. Jahren, am 27. April 1945.

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1 Rede von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer beim Festakt anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung der Zweiten Republik, am 27. April 2005, 11:00 Uhr, im Redoutensaal der Wiener Hofburg (Es gilt das gesprochene Wort!) Hochgeschätzte Festgäste! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir feiern heute die Wiedererrichtung unserer demokratischen Republik Österreich vor genau 60. Jahren, am 27. April Dieses historische Ereignis das zu einem Zeitpunkt stattfand, als noch mehr als die Hälfte des damals als Ostmark bezeichneten österreichischen Territoriums von Deutschen Truppen besetzt war, steht natürlich mit anderen historischen Ereignissen in untrennbarem Zusammenhang. Mit dem März 1938 als Österreich durch den so genannten Anschluss an Hitler-Deutschland seine Selbständigkeit verloren hatte.

2 Mit dem Überfall Hitlers auf Polen im September 1939, der uns in die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verstrickte. Mit dem 8. Mai 1945 als der Zweite Weltkrieg durch die Kapitulation von Hitler-Deutschland beendet wurde. Mit dem 25. November 1945, als in Österreich die ersten freien demokratischen Wahlen im gesamten Bundesgebiet durchgeführt werden konnten und nach sehr langem Warten. Mit dem 15. Mai 1955 als der Österreichische Staatsvertrag unterzeichnet wurde, der unserem Land die volle Souveränität brachte und auch die Beschlussfassung über das Verfassungsgesetz betreffend die österreichische Neutralität zur Folge hatte. Alle diese Ereignisse sind in ihrem historischen Zusammenhang zu betrachten. Jedes dieser Ereignisse ist mit allen anderen verbunden. Der heutige Festakt ist aber in ganz besonderer Weise dem 27. April 1945 gewidmet, also dem Geburtstag und Gründungstag unserer Zweiten Republik.

3 An diesem Tag wurde nicht nur wie schon erwähnt die österreichische Unabhängigkeitserklärung als Gründungsdokument der Zweiten Republik proklamiert, sondern es wurden damit auch die Weichen für eine demokratische Zukunft unseres Landes gestellt. Sie wurden gestellt im Sinne der Eigenstaatlichkeit Österreichs, aus der sich im Laufe der Zeit ein erfreuliches Österreich-Bewusstsein entwickelte ohne Chauvinismus, aber auch ohne Minderwertigkeitskomplexe. Sie wurden gestellt im Sinne eines demokratischen Pluralismus und einer Absage an totalitäre Strukturen, was Österreich nicht nur gegenüber der Ideologie des NS- Staates, sondern auch gegenüber dem System des Kommunismus weitgehend immun machte. Und sie wurden gestellt im Sinne eines Modells Sozialer Marktwirtschaft, das dem Gedanken sozialer Gerechtigkeit, dem Prinzip sozialer Verantwortung und dem Kampf gegen Arbeitslosigkeit einen sehr hohen Stellenwert einräumt. Diese Kernelemente unserer politischen und sozialpolitischen Kultur dürfen auch unter dem Druck der Globalisierung nicht verloren gehen.

4 Meine Damen und Herren! Gerade im Rahmen dieses Festaktes zum 60. Geburtstag der Zweiten Republik sind mir einige weitere kurze Feststellungen wichtig. 1. Der Zweite Weltkrieg hat unter der österreichischen Bevölkerung insgesamt mehr als Menschenleben gefordert, darunter jüdische KZ-Opfer. Ich ehre alle Opfer dieser unseligen Periode, gleichgültig, ob sie unter der Zivilbevölkerung oder unter den Soldaten zu beklagen waren und ich verstehe den Schmerz jedes Einzelnen der einen Vater, einen Sohn, eine Mutter oder eine Schwester verloren hat. In besonderer Weise möchte ich jene Menschen ehren, die ihr Leben im Widerstand gegen das NS-Regime und für die Wiedergeburt unseres Landes geopfert haben. 2. Wir sollten nicht zulassen, dass der 27. April 1945, also der Tag der Wiedergeburt unseres Landes und der 15. Mai 1955, also der Tag des Abschlusses des Staatsvertrages, in irgendeiner Weise gegeneinander ausgespielt werden. Das Ende des Anschlusses, die Befreiung von der NS-Diktatur, die Befreiung der Menschen in den Konzentrationslagern und dann nach langem Warten der Staatsvertrag und der Abzug der

5 vier Besatzungsmächte gehören zusammen. Dabei war der April 1945 für Österreich die große Wasserscheide zwischen Diktatur und Demokratie, zwischen Krieg und Frieden. Nicht zufällig hat Leopold Figl die bewegenden Worte Österreich ist frei zweimal verwendet. Zunächst am 21. Dezember 1945 in seiner Regierungserklärung vor dem Nationalrat wenige Monate nach der Befreiung Österreichs und auch nach seiner persönlichen Befreiung und dann ein zweites Mal unmittelbar vor der berühmten Szene am Balkon des Belvedere nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages. Das österreichische Haus wurde eben in mehreren Etappen gebaut und fertig gestellt, wobei im April 1945 das Fundament gelegt wurde und im Mai 1955 die Fertigstellung gefeiert werden konnte. Eine dritte Feststellung möchte ich der bewundernswerten Rolle der Frauen in der grausamen Zeit vor sechs Jahrzehnten widmen: Sie haben sowohl in den letzten Monaten des Krieges, als auch in der Phase des Wiederaufbaues in physischer und psychischer Hinsicht Unglaubliches für unser Land geleistet. Eine Geschichtsschreibung, die das nicht würdigt wäre unvollständig.

6 Herr Bundeskanzler, Herr Kardinal, geschätzte Anwesende! Vergessen wir heute nicht zu erwähnen, dass der europäische Gedanke und das Konzept der Europäischen Integration, seine Wurzeln in der Verzweiflung über den Krieg und in der Entschlossenheit der Nachkriegsgeneration hatte, die Wiederholung eines großen europäischen Krieges unmöglich zu machen. Bedenken wir: Schon 21 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hat der Zweite Weltkrieg begonnen! Aber 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist unter den Mitgliedstaaten der EU Krieg undenkbar geworden! Das verdient hervorgehoben und festgehalten zu werden! Ein ganz großer Wunsch von uns allen ist es wohl, dass das auch in den nächsten Jahrzehnten so bleibt und die Zone des Friedens in Europa und in der Welt sich weiter ausdehnen möge. Welcher Termin wäre geeigneter, diesen Wunsch laut und deutlich auszusprechen, als der 60. Geburtstag unserer Zweiten Republik!

7 Meine Damen und Herren! Abschließend möchte ich sagen, dass ich historische Debatten auch unter Politikern - nicht nur für möglich, sondern sogar für wichtig und notwendig halte. Gerade Menschen, die in der Gegenwart politische Verantwortung tragen, müssen auch über die Vergangenheit Bescheid wissen und über die Verantwortung, die uns aufgrund der Vergangenheit auferlegt ist. Man muss die Geschichte des Landes für das man arbeitet kennen und zu dieser Geschichte auch eine Meinung haben. Man muss wissen, dass es die grausame Verfolgung Andersdenkender, die Vernichtung von Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse unter Hitler und Eichmann gegeben hat und nicht nach 1945 unter Renner und Figl. Das nicht unterscheiden zu können wäre fatal. Wenn es Zweifel geben sollte an der Existenz von Gaskammern, kann ich nur raten nach Mauthausen zu fahren oder nach Auschwitz zu fahren dann hat man mehr Klarheit, als man eigentlich ertragen kann. Und dann wird man wissen, wofür man sich schämen muss.

8 Ich denke, dass das wichtig ist, um für die Zukunft richtige Konsequenzen aus der Vergangenheit ziehen zu können. In diesem Sinne danke ich Ihnen allen, die Sie an dieser Festveranstaltung aus Anlass des 60. Geburtstages unserer Zweiten Republik teilgenommen haben. Gleichzeitige gratuliere ich nochmals gewissermaßen stellvertretend für die Nachkriegsgeneration jenen Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes, die am 27. April 1945 geboren wurden und daher heute Ihren 60. Geburtstag feiern. Einige von Ihnen, die hier anwesend sind, darf ich besonders herzlich begrüßen. Ich möchte von dieser Stelle aus auch einen freundlichen Gruß an unsere Nachbarstaaten richten, ganz besonders auch an jene, die in den vergangenen sechs Jahrzehnten noch lange Jahre der Diktatur zu ertragen hatten. Trotz einer gemeinsamen Geschichte hat uns in der Vergangenheit auch manches getrennt. Umso mehr sollten wir in einer gemeinsamen europäischen Zukunft in den Vordergrund rücken, was uns verbindet.

9 In diesem Sinne hoffe ich und wünsche ich mir, dass letzte offene Fragen, die es im Zusammenleben mit unserer slowenischsprachigen Volksgruppe im Süden unseres Landes gibt, im Geiste der Fairness, der Toleranz und in einer positiven Gesinnung gegenüber Minderheiten, gelöst werden können. Die Zeit ist wirklich reif dafür. Unserem Land, der Republik Österreich, allen Österreicherinnen und Österreichern und dem großen Projekt der Europäischen Zusammenarbeit wünsche ich als österreichischer Bundespräsident eine gute Zukunft.

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