Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Annette Schavan, MdB, anlässlich der Eröffnung der Berufsbildungskonferenz

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1 Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Annette Schavan, MdB, anlässlich der Eröffnung der Berufsbildungskonferenz am 12. Juni 2009 in Shenyang Es gilt das gesprochene Wort!

2 1 I. Anrede Es ist für die Mitglieder meiner Delegation und mich eine große Freude, heute an dieser besonderen Berufsbildungskonferenz in Shenyang teilnehmen zu können. Zwischen unseren beiden Ländern bestehen langjährige Beziehungen, wenn es um Bildung speziell um berufliche Bildung geht. Berufliche Bildung steht im Fokus unserer Beziehungen, weil sie in beiden Ländern eine lange Tradition hat. Bildung, die auf einem persönlichen Verhältnis von einem Meister und seinen Schülern basiert, gehört seit langem zur chinesischen Tradition. Schon Konfuzius hat vor 2500 Jahren 77 Lehrlinge ausgebildet, die später selbst große Meister verschiedener Fächer wurden. Konfuzius hatte erkannt, wie wichtig das Lernen in der Praxis ist. Von ihm stammt der Satz: Nehmen wir an, jemand kann alle 300 Stücke des Buchs der Lieder auswendig hersagen, wird ihm aber eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, versagt er. Ein solcher Mensch hat zwar viel gelernt, aber welchen Nutzen hat er? Dieser Gedanke beschreibt prägnant den Unterschied von Wissen und Bildung. In unseren Ländern gibt es Debatten, was zu Bildung im 21. Jahrhundert gehören muss, und wie sich Bildungsbiografien verändern werden. Dabei geht es darum, wie unsere Bildungssysteme auf diese Veränderungen bestmöglich reagieren werden und wie wir es schaffen können, zeitgemäße und vor allem menschengemäße Bildungs- und Karrierewege zu ermöglichen. Uns allen ist klar, dass es in Zukunft nicht mehr darum gehen wird, Bestehendes einfach zu verwalten. Vielmehr ist deutlich spürbar, dass es Zeit ist für Neues und dass in vielem auch eine neue Zeit angebrochen ist. In China gibt es seit Jahren schon eine ganz konsequente Öffnung und Modernisierung der Gesellschaft. Auch in Deutschland hat sich durch die zunehmende Globalisierung vieles verändert. Für uns und für viele andere Länder der Erde gilt, dass die derzeitige wirtschaftliche Situation eine tiefgreifende Zäsur bedeuten wird, die alle Bereiche beeinflusst. Danach wird vieles anders sein. Denn die Zeit der Krise ist auch eine Zeit der Erneuerung. Das betrifft ganz besonders die Frage, wie junge Menschen gebildet und ausgebildet werden. Wir müssen jetzt die Weichen stellen und Veränderungsprozesse in Gang setzen, um die Erneuerungen in unseren Gesellschaften zu fördern und die damit verbundenen großen Chancen zu ergreifen.

3 2 II. Wenn wir heute nach neuen Ideen, Entwicklungsmöglichkeiten und insbesondere Umsetzungsstrategien für innovative Berufsbildung suchen, können wir auf dem Fundament einer langen Tradition in Deutschland aufbauen. Die erste schriftlich fixierte Ausbildungsordnung stammt bereits aus dem 12. Jahrhundert aus der Hand eines Tischlermeisters in Köln. Ausbildungsordnungen entstehen in der Praxis. Sie erwachsen aus Erfahrungen des beruflichen Alltags; aus den Erfahrungen derer, die ein Geschäft gegründet haben; aus den Erfahrungen derer, die mit Mitarbeitern gearbeitet haben und selbst Ausbildung erfahren konnten. Wir in Deutschland sind stolz auf die berufliche Bildung. Wir nennen sie das Flaggschiff unseres Bildungssystems. Wir sind davon überzeugt, dass die duale Ausbildung die Zusammenarbeit von Unternehmen und Schule die beste Vorbeugung gegen Jugendarbeitslosigkeit ist. Sie ist ein besonders wirksamer Weg, auf dem junge Menschen einen guten Übergang aus der Bildung in den Beruf finden. Das ist eine der wichtigsten Erfahrungen für junge Menschen. Durch die Arbeit im Betrieb erfahren die Jugendlichen, dass sie gebraucht werden. Aber sie merken vor allem auch, dass alles, was sie gelernt und sich angeeignet haben, beruflich anwendbar ist. In Deutschland sind wir deshalb nach wie vor davon überzeugt, dass selbst in Zeiten, in denen sich vieles in den Branchen, in den Arbeitswelten und in den Betriebskulturen verändert, die Zusammenarbeit von Unternehmen und Schule weiterhin einer der besten Wege bleibt, um exzellente Fachkräfte auszubilden. Ohne das Berufsbildungssystem in Deutschland hätte die deutsche Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die Marke Made in Germany zum Symbol für höchste Qualität aufbauen können. Bereits seit 25 Jahren arbeiten China und Deutschland in der Berufsbildung zusammen. Zahlreiche Projekte wurden erfolgreich verwirklicht. Über die Jahre hin hat sich ein großes Vertrauen entwickelt, um gemeinsam die Herausforderungen in der Berufsbildung anzugehen. Der technische Fortschritt und der rasante Wissenszuwachs in allen Bereichen des wirtschaftlichen Lebens erfordern gerade in der beruflichen Bildung eine ständige Weiterentwicklung auch hinsichtlich der Ausbildungskurrikula, der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Ausbilderinnen und Ausbilder. In Deutschland wurde im Laufe der vergangenen Jahrzehnte auch hier und da gefragt, ob die berufliche Bildung noch zeitgemäß sei. Gott sei Dank haben sich diese Skeptiker nie durchgesetzt. Denn die duale Berufsbildung ist so wichtig und erfolgreich, weil sie das, was an Fachkenntnissen in Theorie und Praxis notwendig ist, mit allgemeiner Bildung verbindet.

4 3 Es gilt heute mehr denn je, Ausbildung im Unternehmen und in der Schule so anzulegen, dass junge Menschen die Chance haben, im Laufe ihres Lebens auch in andere Branchen und Berufe zu wechseln. Und je länger Arbeitnehmer im 21. Jahrhundert am Arbeitsleben teilhaben, je rascher die Arbeitswelten sich verändern und je mehr neue Berufe entstehen, um so bedeutsamer ist es, ein breites Fundament an Wissen und Kompetenzen zu haben, auf dem eine vielfältige und erfolgreiche Bildungsbiografie aufgebaut werden kann. Dabei denke ich nicht nur an einen Jobwechsel oder den Aufstieg in Führungspositionen, sondern auch an die Möglichkeit eines Studiums. Wir arbeiten in Deutschland gerade intensiv daran, mehr Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung zu verwirklichen. Wir wollen die Veränderungen möglich machen, die mit modernen Bildungsbiografien verbunden sind. Kaum einer kann sich heutzutage vorstellen, am Ende seines beruflichen Lebens noch dasselbe zu machen wie zu Beginn. Viele junge Menschen haben den Anspruch, ihre Karriere flexibel zu gestalten und Interessen, die sich vielleicht jetzt noch nicht umsetzen lassen, zu anderer Zeit zu verwirklichen. Berufsbildung, bei der Wirtschaft und Schule zusammenarbeiten, ist ein wirksamer Schlüssel, um eine solche Dynamik zu ermöglichen; eine Dynamik, die notwendig ist, damit die Bürgerinnen und Bürger in unseren Gesellschaften die Möglichkeiten, die die moderne Welt des 21. Jahrhunderts bietet, auch nutzen können. Wir machen in Europa gute Erfahrungen damit, dass Teile der Ausbildung auch in einem europäischen Nachbarland gemacht werden können. Wir haben zum Beispiel mit Frankreich entsprechende Vereinbarungen, damit Auszubildende in beiden Ländern ihre Lehre absolvieren können. Internationalität ist ein zunehmend wichtiger Baustein für ein zukunftsorientiertes Bildungssystem. Alles was in unseren Bildungssystemen weiter entwickelt wird, muss heute mit der Frage verbunden werden, wie sich das international auswirkt. Gerade mit Blick auf die Unternehmen, die längst in einer globalen Wirtschaftswelt agieren, wird deutlich, dass sie ein großes Interesse daran haben, internationale Bildungsbiografien mitzugestalten. III. Wenn sich heute Politikerinnen und Politiker aus verschiedenen Ländern treffen, dann haben Fragen der Bildung einen höheren Stellenwert als noch vor einigen Jahren. Längst stehen nicht mehr die weichen Themen im Mittelpunkt. Wir sind davon überzeugt und haben die Erfahrung gemacht, dass Bildung der Schlüssel ist für individuelle Lebenschancen, für ein selbstverantwortetes und selbstbestimmtes Leben. Bildung ermöglicht soziale Teilhabe und ist der Motor für gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen.

5 4 In diesem Sinne wünsche ich uns in den wichtigen Fragen der Bildung, dass es uns gemeinsam mit unseren so unterschiedlichen Traditionen und zugleich so vergleichbaren Interessen gelingen möge, dieses erprobte System der dualen Ausbildung, der Zusammenarbeit von Wirtschaft und Schule, in den nächsten Jahren gut weiter zu entwickeln. Vielen Dank.

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