Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist Predigt zu Röm 9, (10. So n Trin, )

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1 Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist Predigt zu Röm 9, (10. So n Trin, ) Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Liebe Gemeinde, der Predigttext heute morgen stammt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Rom. Dieser Brief steht in der Reihe der Paulusbriefe an erster Stelle. Und das ist kein Zufall. Er ist zwar nicht als erster von Paulus verfasst worden das war vermutlich der 1. Thessalonicherbrief. Aber er ist von besonderer Bedeutung. Im Römerbrief erläutert Paulus Schritt für Schritt, was Christsein bedeutet: Erlöst zu sein und vor Gott gerecht nicht durch eigene Werke, sondern durch die Gnade Gottes in Jesus Christus. Ausführlich beschreibt Paulus die Verlorenheit aller und Gottes Angebot an alle: das Angebot der Sündenvergebung und des neuen, ewigen Lebens. Beides macht sich fest an Jesus Christus. Beides wird ist bereits im Alten Testament vorbereitet, beides wird in der Taufe vollzogen. Darum geht es Paulus, das ist das Evangelium, das er predigt: Vergebung der Sünde, Versöhnung mit Gott, 1

2 neues Leben, geprägt von der Liebe, dem Glauben und der Hoffnung, die Gott uns schenkt. Im 9. Kapitel des Römerbriefs beginnt dann ein neues Thema. Ein Thema, das Paulus schwerfällt. Es geht um das Verhältnis zwischen Christen und Juden. Paulus selbst war ja Jude, genauso wie Jesus, die Jünger und alle ersten Christen. Immer, wenn Paulus in eine neue Stadt kam, um Jesus zu verkünden, ging er zuerst zu den Juden, die in dieser Stadt wohnten. Hier konnte er anknüpfen an die Verheißungen des Alten Testaments, an die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Immer wieder erlebte er, dass Mitglieder der jüdischen Gemeinde sich für das interessierten, was er von Jesus erzählte. Die größten Unterstützer des Paulus waren ebenfalls Juden. Aber immer wieder erlebte Paulus auch das Gegenteil: Juden, die die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus ablehnten. Und das machte ihm zu schaffen. Er kannte das Wort Jesu: Ich bin zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Für Paulus war klar: Wer mit der Hoffnung auf den Messias lebte, der musste es hören: Jesus ist der Messias. Der Retter von Gott. 2

3 In drei Kapiteln, Römer 9 bis 11, geht Paulus der Frage nach: Was ist nun mit denjenigen, die als Juden zum Volk Gottes gehören, aber nicht an den Sohn Gottes, an Jesus glauben? Welche Bedeutung hat der erste Bund Gottes mit seinem Volk? Welche Bedeutung hat es, Nachkomme Abrahams zu sein? Ich lese den Predigttext, Römer 9, die Verse 1-8 sowie 14 bis 16: 1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, 4 die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. 6 Aber ich sage damit nicht, dass Gottes Wort hinfällig geworden sei. Denn nicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen; 7 auch nicht alle, die Abrahams Nachkommen sind, sind darum seine Kinder. Sondern nur»was von 3

4 Isaak stammt, soll dein Geschlecht genannt werden«(1.mose 21,12), 8 das heißt: nicht das sind Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind; sondern nur die Kinder der Verheißung werden als seine Nachkommenschaft anerkannt. 14 Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! 15 Denn er spricht zu Mose (2.Mose 33,19):»Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.«16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. (Gebet) Liebe Gemeinde, für Paulus stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Juden und Christen aus seiner eigenen Lebensgeschichte heraus. Er war Jude. Und nun ein Jude, der an Jesus glaubte also beides: Jude und Christ. Wie verhält sich das eine zum anderen? Für uns heute morgen, für evangelische Christen in Deutschland im 21. Jahrhundert, stellt sich diese Frage aus einer anderen Perspektive. Vermutlich keiner von uns hat jüdische Vorfahren. Biografisch gesehen. Geistlich dagegen sind wir als Christen eng mit den Juden verbunden. Das Christentum 4

5 ist aus dem Judentum hervorgegangen. Christentum ist ohne Judentum gar nicht denkbar wenn man sich die Geschichte anschaut, und wenn man in die Bibel schaut. Seit der Zeit des Paulus ist viel passiert. Paulus erlebte es noch, dass er von Juden angefeindet und verfolgt wurde. Seither waren die Rollen stets andersherum verteilt. Allzu oft waren Christen seither daran beteiligt, dass Juden angefeindet, ausgegrenzt und verfolgt wurden. Es ist noch keine 80 Jahre her, dass in Deutschland Juden zusammen getrieben und ermordet wurden. Und nur wenige Christen haben protestiert. Nur wenige haben sich dagegen gestellt, als im Dritten Reich die Situation für jüdische Mitbürger immer schwieriger und immer bedrohlicher wurde. Ich weiß, im Rückblick ist vieles leichter zu durchschauen und ein Urteil schnell gefällt. Ums Urteilen soll es heute Morgen auch nicht gehen. Aber darum, dass wir uns bewusst machen, dass der Text von Paulus heute in einem anderen Zusammenhang steht als damals. 5

6 Dabei hätte es geholfen, wenn Christen aufmerksamer hingeschaut und auf das geachtet hätten, was in der Heiligen Schrift steht, was z.b. Paulus hier im Römerbrief schreibt: Kein Wort von Zorn, kein Wort der Aggression, sondern Trauer und ein fast verzweifeltes Ringen nach Worten, nach Antworten: Was sollen wir hierzu sagen? Zunächst einmal stellt Paulus fest: Gottes Volk, das Volk Israel, ist das Volk der Verheißung. Es hat die Zusage von Gott bekommen: Ihr seid mein Volk. Schon bei Abraham, dann bei Mose, später bei David und immer wieder in dieser wechselvollen Geschichte wird deutlich: Gottes Zusagen gelten. Israel ist und bleibt das Volk der Verheißung. Es ist das Volk der Bundesschlüsse. Und das Volk der Väter: Die wunderbaren Geschichten von Abraham, Isaak, Jakob das sind die Geschichten der Vorfahren Israels. Ihm, dem Volk Israel, gehört ja die Kindschaft. Und die Herrlichkeit gemeint ist die Herrlichkeit Gottes, die sich im Tempel im Allerheiligsten bündelt. An dem Ort, wo die Bundeslade mit den Zehn Geboten aufbewahrt war. 6

7 Ja, richtig, die Zehn Gebote: Ihm, dem Volk Israel gehört auch das Gesetz und die Ordnungen für den Gottesdienst. Das alles Verheißungen, Bundesschlüsse, die Stammväter, die Gotteskindschaft, das Gesetz, der Gottesdienst Paulus sagt: Das gehört ihnen. Nicht: Das hat ihnen gehört, nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart: Der Bund Gottes mit Israel ist nicht beendet. Es stimmt nach wie vor: Gott vergisst sein Volk nicht. Und wer wären wir, dass wir als Christen etwas anderes behaupten oder gar geizig einfordern würden. Diesen falschen Stolz, diese triumphale Überheblichkeit von von Christen gegenüber Juden hat es immer wieder gegeben. Aber dazu haben wir weder Grund noch Recht. Wir dürfen dankbar und demütig erkennen: In Jesus Christus ist der Bund erweitert auf alle Völker. Weil Gott es so gefallen hat, gilt nun auch uns die Verheißung, Kinder Gottes zu sein und zwar aus Gnade. Es liegt nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. 7

8 Dieses Erbarmen freilich können wir nicht ermessen. Wir können nicht einschätzen oder zuordnen, wie weit Gottes Erbarmen reicht. Es genügt, wenn wir staunend feststellen: Es reicht bis zu mir, bis zu meinem von der Sünde verkehrten Herzen. Und es macht mein Leben neu. Schon der Alte Bund war getragen von Gottes Barmherzigkeit. Schon im Alten Testament heißt es: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, und Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Im Neuen Bund bekommt diese Barmherzigkeit ein Gesicht, das Gesicht Jesu. Und so knüpft der neue Bund an den alten an beide gehören zusammen, so wie Juden und Christen miteinander verbunden sind. Sie sind unsere großen Geschwister. Und gemeinsam sind wir Kinder der Verheißung wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 8

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