Und die größte Frage, nämlich Was - verdammt noch mal - sollen wir tun? ist zwar wichtig, muß aber zuletzt kommen.

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1 Die Fragen sind klar. Sie kommen aus dem Abgrund der Postmoderne. Deshalb sind sie logischerweise nicht neu, sondern wieder und drastisch formuliert. Aus dem Abgrund der Postmoderne als Krisengebiet des wiederentdeckten Abendlandes und als Forschungsgebiet für heutige Handlungsalternativen. Und die größte Frage, nämlich Was - verdammt noch mal - sollen wir tun? ist zwar wichtig, muß aber zuletzt kommen. Verdammt kommt mir dabei schnell über die Lippen. Biblische Begriffe sind gefühlt das Einzige, was mein Gefühl ausdrücken kann. Mein Gefühl ist: nach diesem Jahr 2014 sind wir verdammt. Wir sitzen in der Hölle. Es gibt kein Zurück mehr, auch keinerlei Absolution. Das was wir dieses Jahr gesehen, gehört und immer wieder gesehen haben, ist die Hölle. Die Hölle hat nichts Schlimmeres zu bieten, glaube ich. Ich glaube nicht daran, aber meine Fantasie ist gespeist von Werken der Weltliteratur, darunter die Bibel. Ich entschuldige mich schon jetzt, wenn es etwas missionarisch wird. Aber, um Sartres Begriff ins politische Miteinander zu übertragen, nicht nur die anderen sind die Hölle, nicht nur das, was wir gesehen haben. Sondern auch wir. Still dabei sitzend und zusehend, unser Gelähmtsein ist unsere Hölle hier. Wir haben die Welt mitgebaut in der das alles passiert. Wie wir die sixtinische Kapelle (und alles was sie repräsentiert) gebaut haben, an deren Wand Michelangelo das Jüngste Gericht malen konnte. Die körperlichen Qualen in diesem Fresco sind heute live und auf youtube zu sehen. Kriegsverbrechen mit live- Übertragung. Noch im April 2012 sagte der syrische Autor Mohammad Al Attar, wenn erstmal die schrecklichen Greuel in Syrien in ihrer Quantität durch Bilder in die Welt gelangten, würde die Welt handeln. Aber nein. Ja, wir haben die Bilder gesehen. Von Massenfolterungen in Assads Gefängnis, von willkürlichem Bombardement, vom Todesfluß in Aleppo, vom gegessenen Herz. Wir haben das Gas praktisch gerochen. Der Tod erreicht uns jeden Tag auf allen Kanälen, er hat jeden Mythos verloren. Es gibt offensichtlich Menschen, die den Tod dem Leben vorziehen, wenn es nicht nach ihren Regeln läuft. Den Tod, der entscheidet, wer diese Glaubensfragen gewinnt. Das abstrakteste, unvorstellbarste, letzte, das Ende des eigenen Lebens ist zur ständigen Möglichkeit geworden, auch hier. Das lähmt die hochgeschätzte Vernunft und verstellt den Blick. So sind wir Mit- Architekten dieser Hölle und sehen es nicht. Deshalb sind wir hier. Gelähmtsein stimmt nicht völlig. Viel haben wir bewegt in der Kultur, im öffentlichen Leben in diesem denkwürdigen Jahr 2014, und zwar durch - dieser sehr deutsche, sehr dehnbare Begriff - öffentliche Vergangenheitsbewältigung. Allerdings öffentlich - ja, ausgestellt in Museen und geschmückt mit 1

2 Kränzen. Aber nicht vollzogen, nicht bewältigt. Aber die Vergangenheit anzuschauen ist schon mal gut. Deshalb sind wir auch hier. Eine Frage drängt sich jetzt auf. Hier im Raum und auch draußen, jeden Tag. Wer - verdammt noch mal - sind Wir? Wir hier? Ich, Sie, Du? Jeder Einzelne? Wir in Berlin? Wer in Berlin? In Deutschland? In Europa? Im Raum gibt es ganz verschiedene Wirs. Ich versuche zu differenzieren. Aber grundsätzlich bitte ich darum, dass, wenn ich ab jetzt - Wir- sage, alle denken, jeder Einzelne ist wichtiger Teil dessen. Also. Wir sind frei. Geistig - alle, hier, materialistisch - unterschiedlich, würde ich sagen. Das mehrheitliche - Wir hat die Wahl, eine Stimme, eine Art Wertesystem. Seit 1989 wird Freiheit hier ganz groß geschrieben...aber leider ist die Verantwortung, von der unter anderen George Bernard Shaw sagte, dass sie mit der Freiheit käme und den Leuten Angst mache, etwas kurz gekommen. Von keiner Seite gewollt. Und so konnte sich die Auffassung, es gibt Wir und Die anderen bei uns durchsetzen. Das sagt uns gerade montags (heute abend...wieviele?) sehr laut das Volk. Es sagt, das das Volk sich kein größeres Wir vorstellen kann. Angst als Motor, aber weniger vor der eigenen Verantwortung als vor dem, was die Absenz der Verantwortung zur Folge hat, noch zur Folge haben kann. Dieses Wir ist gefährlich, weil es sich nicht aus klaren Einzelstimmen zusammensetzt. Weil diese Wir nicht komplexer ist als ein lebloses Akronym in dem es die langen Worte versteckt, die dem Ich gar nicht so wichtig sind (Patrioten, Europa, Islamisierung, Abendland etc). Deshalb sind wir hier. Ich schlage vor, das Wir eine Weile zu vergessen. Ich schlage vor, wirklich zum Ich zu wechseln. So wie es vor 25 Jahren nach dem Mauerfall ja auch kollektiv entschieden wurde. Die alteingesessenen (westlichen) und neueroberten Ichs (östlichen) waren sich 1990 irgendwie einig und votierten sehr schnell gegen das vielleicht utopische Wir und für ein Wir mit Währungsreform. Die einzige Chance ist, aus dieser Fehlentscheidung, ganz passend, endlich Profit zu schlagen. Das Potential des Einzelnen ins Visier zu nehmen, die politische Handlungskraft des Einzelnen wieder spürbar zu machen. Die vermeintliche Freiheit zu entlarven und in eine echte zu verwandeln. Ich habe gewarnt - es ist missionarisch, aber: deshalb sind wir hier. Das grammatische Element Wir ist eigentlich fehl am Platz - Wir suggeriert nämlich das Voranbewegen einer Gemeinschaft nach gemeinschaftlich gewählten ungefähren politischen Prinzipen, die die Opposition noch einige Zentimeter nach rechts oder links reißen kann. Das ist heute eine Illusion. 2

3 Wie wir alle wissen ist es eher so dass im Zentrum des Zirkuszelts Wirtschaft und Finanzkapital die Peitsche schwingen, der rotschwarz gestreifte Leithengst GROKO im Kreis galoppiert und die Opposition immer mal aufspringt, abgeworfen wird, einen Knüppel zwischen die Beine wirft und einen Nachtritt bekommt. Und der Zirkusdirektor kommentiert vom Rand, (vom Schloß Bellevue) wo ihm der aufgewirbelte Dreck um die Ohren fliegt. Daher zurück zum Ich statt dem (utopischen) Wir von damals nachzujammern. Den Werteverlust in den letzten 25 Jahren als solchen sehen und die schon gegebenen Gegebenheiten der Postdemokratie auf ihr Potential prüfen. Und verstehen, dass man das eigene Leben praktisch ändern werden muß. Denn sonst kann Handlungskraft Dienst an der Waffe eines realen Kriegspiels bedeuten, der mehr Halt verspricht als unser gegenwärtiger Identitätensumpf. Der Teufel des Neoliberalismus wurde hier entfesselt und auch auf eine Art in Syrien in den zehn Jahren bevor ein Großteil der Bevölkerung sich dagegen aufgelehnt hat, von diesem Prozess vollkommen abgehängt zu werden. Die verschiedenen Auswirkungen müssen hier und dort differenziert verstanden werden. Dazu beim nächsten Mal mehr. Eine potentiell befreiende Frage: Was geht uns das an? Als ich klein war - ich kann nicht sagen, wie es kam, dass der Rest der Familie am Wochenende ausschlief und trotzdem früh ein Fernseher lief - jedenfalls war ich eines Tages schon lange wach und sah Kriegsflugzeuge und dann die Nachricht, dass der Golfkrieg vorbei sei. Ich fing an, im Haus herumzutanzen und alle zu wecken um die frohe Nachricht zu verkünden. Aber alle waren ungefähr dieser Meinung: Was geht uns das an? Ich hatte irgendwie das Gefühl, es geht uns eine Menge an, und vielleicht mache ich diese Veranstaltung nur mit, weil ich meine Familie immer noch überzeugen will, dass es uns alle angeht. Warum hatte es jenen Krieg gegeben - ich wusste, wegen Öl. Und wer braucht das alles eigentlich? Damals und heute? Wir? Die Zufriedenheit des Ich, des Einzelnen muß heute einfach im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Prozessen gesehen werden. Und zwar auch, damit die Zufriedenheit ganzheitlich sein kann und, ja, verantwortlich. Der Entscheidungsspielraum des Einzelnen beim Erwerb eines Produktes, bei der Einrichtung seiner Identität, seiner täglichen Realität, wird bekanntlich bestimmt durch Werbung die mit emotionalen Aufrufen ein Rauschen erzeugt, in dem die Vernunft baden geht. Aber diese 3

4 gelenkten Entscheidungen müssen im Bewusstsein getroffen werden, dass sie Auswirkungen haben auf das Wohl anderer Gesellschaften, deren Wohl oder Unwohl sich auch auf uns auswirkt. Noch einmal beispielhaft ein Golfkrieg: die Invasion im Irak David Kelly war dafür verantwortlich, die Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein ZU FINDEN. Er FAND sie, Tony Blair triumphierte - und David Kelly ging in einen englischen Wald. Dieser Selbstmord war die menschlichste Reaktion auf das, was damals geschehen ist und gab den geeigneten Rahmen für das, was in Gang kam. Auch David Kelly saß in seiner Hölle. Auf Tony Blairs Gesicht gefror für immer ein Lächeln und der wurde nach Verlassen der Downing Street zum Middle East Envoy erklärt. Aber das ergibt Sinn, denn seine Regierung wollte auch Bashar Al Assad zum Ritter schlagen. Man vergisst es hier leicht, aber die englische Politik, die englische Monarchie, glaubt immer noch, dass sich andere über all ihre globalen Bemühungen freuen. In dieser betreffenden Region sind sie ja zu Kolonialzeiten rechtzeitig ausgerückt, dass sie die Folgen nicht mehr mitansehen mussten. Es gibt eine gerade Linie von dieser Invasion 2003 zur Entstehung von ISIS/Daesh im Irak. Und diese Linie beginnt natürlich schon früher, in den Achtzigern, als die Rote Armee in Afghanistan war. Heute verhindert Russland, dass Europa und die USA in Syrien eingreifen. Ein angebliches sich Berufen auf das Völkerrecht, also auf eine eigentlich- progressive Errungenschaft des internationalen Rechts, befähigen zwei Staaten (Russland und China) dazu, den Krieg in Syrien sich unaufhaltsam entwickeln zu lassen. Ich möchte wirklich mal beim UN Sicherheitsrat Maus spielen - das muß immer so anstrengend sein! Das die progressiven Errungenschaften der internationalen Gemeinschaftsgremien ihr Ziel, nämlich den Schutz von Menschenleben und die Verteidigung der Menschenrechte so klar verfehlen, entzieht uns jede gebliebene Sicherheit, jedes gebliebene Vertrauen in internationale politische Architektur- verstärkt potentiell die Lähmung des Wir und braucht noch mehr das bewegliche Ich. An dieser Stelle eine Zwischenfrage: Worum wird in Syrien und im Irak gekämpft? Einfache Antwort: Es ist nicht die Religion. Für mich ist eigentlich die Hölle, dass wir alle das alles wissen. Alles was ich hier sage, weiß eigentlich jeder. Nichts davon ist neu, und all diese Informationen sind frei zugänglich. Trotzdem kann sich Murphys Gesetz frei entwickeln: Alles, was falsch gemacht werden kann, wird falsch gemacht. Immer wieder. Eine rote Linie wird gezogen und dann überschritten und dann ignoriert. Und dann gibt es keinen globalen Generalstreik. Ich zitiere Mohammad Al Attar aus unserer heutigen Lesung - Warum bleibt die Welt nicht stehen, wenn ein Wohnviertel zerstört wird? Die persönlichen Auswirkungen einer Frührente mit 55 sind eben greifbarer als die zukunftsträchtige Zerstörung einer 4

5 höchst- fragilen Weltgegend. In die Kette der exemplarischen Fehler reiht sich gerade das Bombardemant der westlichen Koalition in Kobani. Und genauso die Nicht- Intervention bei der Regimegelenkten Zerstörung von Aleppo. Noch was? Ein Passagierflugzeug wird abgeschossen und es verursacht keinen dritten Weltkrieg. Das ist gut. Aber wie soll man begreifen, daß es ohne Folgen bleibt? Ach ja, und: Die Flüchtlinge sind hier übers Meer. Und 3419 sind nicht da. 3419??? Wahrscheinlich ist diese Zahl nicht korrekt. Nicht mal auf deutsche Statistik kann man sich noch verlassen. Die die gerade am Golfplatz auf ihre Chance warten, wissen noch nicht was sie erwartet. Über all das in Zukunft an dieser Stelle mehr. Unser Leben wird sich ändern müssen, um unseren geschriebenen Prinzipien praktisch treu bleiben zu können. Wie machen wir das? Hier muß die Sammlung der Ichs tatsächlich zum Wir werden, und zwar leider lieber heute abend als morgen. Denn sonst ist alles zuviel und ich kann ja sowieso nichts ausrichten! Aber so kleine Sachen, zusammen, kräftigt alle. Wir - in diesem Fall ich und der andere Ich und die andere Ich - machen das hier deshalb. Zum Schluß: Wir sind nicht frei. Wir können es nur immer werden. Es ist Arbeit. Deshalb sind wir auch hier. Um zusammen zeitweise der Absurdität unser konstruierten Realität ins Gesicht zu blicken! Und wie Bölls Clown trainieren, dabei nicht verrückt zu werden. Sondern erträglich und anstelle der Lähmung Bewegung eintritt. Wir müssen diese Fragen stellen: Was geht uns das alles an? Und schlussendlich: Was - verdammt noch mal - sollen wir tun? Ich und Wir können das alles hier Gesagte wissen und begreifen, dann bezeugen und weitererzählen. Please share widely. Meinungsbildung. Und dann Schritt für Schritt entscheiden, was Ich, was wir tun können, und das dann tun. Mit der freudigen Einsicht, dass auch beim glücklichen Sisyphos irgendwie immer mal was rumkommt. Auch, um unser Leben zu genießen, trotz allem und damit. You just have to deal with it. And first - you have to deal with yourself. So zitiert die Theaterautorin Dea Loher den Maler Mark Rothko in LAND OHNE WORTE. Quasi Put your own mask on before helping others. Aber das dann auch tun. 5

6 Und ich zitiere noch Jean Ziegler, der Willy Brandt zitiert, in der Hoffnung, dass es nachher so sein wird: Am Ende muß Hoffnung stehen. Wenn einer/eine den Saal verlässt ohne Hoffnung, hätte er/sie gar nicht erst kommen müssen. Deshalb sind wir hier. 6

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