Werdet wie die Kinder

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1 Werdet wie die Kinder Predigt von Otto Schaude beim Jubiläumsgottesdienst der Freien Evangelischen Schule Reutlingen 8. September 2013, Marienkirche Reutlingen Liebe Gemeinde, liebe Schulgemeinde, liebe Freunde, heute vor 40 Jahren welch ein Tag: Der erste Schultag an der Freien Evangelischen Schule Reutlingen. Mir sind noch viele Details in allerbester Erinnerung. Vor allem der biblische Text beim Eröffnungsgottesdienst. Die Predigt war in einer anschaulichen Erzählung einer biblischen Geschichte gehalten: - Einer Geschichte, die Kinder in den Mittelpunkt stellt - Natürlich: Sehr geeignet für den Schulanfang! Es war die bekannte Geschichte: Jesus segnet die Kinder aus Markus 10, die wir eben als Schriftlesung gehört haben. Heute genau 40 Jahre später: Wir feiern ein Schuljubiläum! Und dies - als Evangelische Schule zurecht mit einem Gottesdienst. In der Mitte unseres Jubiläumsgottesdienstes hören wir wieder auf eine biblische Geschichte, in welcher ein Kind im Mittelpunkt steht. Eine andere Geschichte als vor 40 Jahren. Es ist freilich eine ernste Geschichte für uns Erwachsene. Matthäus 18, 1-5 Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. Die Jünger stellen eine Frage! Das ist eine großartige Lernsituation. Wer fragt, ist neugierig und offen für eine Antwort. Wohl den Lehrern und Eltern -, denen es gelingt, dass Kinder Fragen stellen und dann gespannt die Antwort erwarten. Was ist nun die Fragestellung der Jünger? Eine zunächst sehr geläufige Frage: Wer ist der Größte? Diese Frage ist nicht nur damals bei Jesus gestellt worden. Sie wird laufend gestellt: - Wer ist der Größte? - Wer ist der Schnellste? - Wer ist der Stärkste? - Wer wird Weltmeister oder Olympiasieger? Ein berühmter Sportler, Boxweltmeister Muhammed Ali hatte auf seinen Pressekonferenzen einst pausenlos getönt: Ich bin der Größte! 1

2 Auch Kinder fragen schon, auch in der Schule wird gefragt: Wer ist der Beste in der Klasse? Nicht weniger fragen Eltern und Großeltern nach Bestleistungen. Überall taucht diese Fragestellung auf z.b. auch in Märchen, etwa bei Schneewittchen: Wer ist die Schönste im ganzen Land? Jesu Jünger haben auch diese Frage! Freilich klingt es dabei noch sehr fromm: - Wer ist der Größte im Himmelreich? - Wer ist bei Gott obenan? Es ist nun sehr interessant, wie Jesus auf diese Frage eingeht. Er macht es wie ein guter Pädagoge: Er demonstriert seine Antwort an einem anschaulichen Beispiel: Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie. Das muss man sich einmal vergegenwärtigen: Da stehen 13 Männer in einem Kreis und mittendrin ein kleines Kind. Alle warten gespannt. Dann kommt eine überraschende Antwort: Der Lerneffekt ist bei überraschenden Antworten stets größer. Jesus verwendet hier bewusst diese Schocktherapie, weil er das Denken und vor allem das Herz seiner Jünger treffen will. Und deshalb sagt er: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wenn Ihr nicht umkehrt! Umkehr ist angesagt also ein völlig anderes Denken! Damit will Jesus zunächst sagen: Mit Eurer Frage liegt Ihr völlig falsch. Sie ist typisch für Euch Erwachsene. Euch geht es immer um Größe, um Vorne-Dran-Sein-Wollen, um Überlegenheit. Aber das ist die falsche Perspektive. Ihr denkt in die verkehrte Richtung. Liebe Gemeinde: Vorne dran sein wollen, Größe haben wollen, überlegen sein wollen das ist ein urmenschliches Bedürfnis und hat Menschen von Anfang an in die Irre geführt. Ich erinnere an die allererste Geschichte von Menschen in der Bibel. Im 3. Kapitel der Bibel geht es genau um diese Frage im Garten Eden: Ihr werdet sein wie Gott Wie erfolgreich war die Schlange mit diesem verführerischen Satz bei Adam und Eva: Ihr werdet größer sein als jetzt mehr haben überlegen sein. Doch genau diese Haltung zerstört Beziehungen damals und heute! Größe haben wollen, mehr sein wollen, das eben ist das Denken der Erwachsenen. Und deshalb stellt Jesus ein Kind in die Mitte und sagt: Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder. Das heißt natürlich zunächst nicht, Ihr sollt wieder klein werden. Das heißt auch nicht, Ihr sollt fehlerfrei sein nach dem Motto: Ach, wie süß und goldig sind doch die kleinen Kinderlein! Nach der Bibel sind auch die Kinder nicht sündlos und brauchen von Anfang an Gnade und Vergebung. Es geht vielmehr um einen Vergleichspunkt: Werdet wie die Kinder. Es geht um das Wesen des Kindseins. Jesus will, dass wir von den Kindern Entscheidendes lernen. Wenn wir auf das Wesen der Kinder schauen, werden wir Wesentliches begreifen. Normalerweise ist das die Zielsetzung einer Schule: Schüler lernen von den Lehrern. Und das scheint das Prinzip aller Erziehung zu sein: Kinder lernen von Eltern und Erwachsenen. 2

3 Aber: Kinder lernen nicht nur von Erwachsenen, sondern Erwachsene können und sollen auch von Kindern lernen. Auch die zwölf Jünger damals gestandene Männer! Genau das will Jesus hier. Dabei wird auch seine hohe Wertschätzung für Kinder und das Kindsein deutlich. Ich möchte jetzt einige Beispiele benennen, wie wir von Kindern lernen und dabei für uns Wesentliches begreifen können. 1. Kinder haben Vertrauen Wir hatten vor Jahren eine Familienfreizeit. Ein Mitarbeiter nahm eine Bockleiter, stellte sie in die Mitte, rief seinen kleinen Sohn zu sich und sagte: Peter, steig doch bitte nach oben. Lass dir die Augen verbinden und lass dich dann rückwärts herunterfallen. Ich stehe unten und fange Dich auf. Und tatsächlich: Peter kletterte hinauf, ließ sich die Augen verbinden und rückwärts in die Arme des Vaters fallen. Als ich ihn nachher fragte: Hättest Du das bei mir auch gemacht? antwortete er: I glaub ned (Original-Schwäbisch). Eine wunderbare Antwort warum? Zu seinem Vater hatte er absolutes Vertrauen, denn ihn kannte er. Er wusste: Ich kann mich in die Arme meines Vater fallen lassen, er fängt mich auf. Kinder haben Vertrauen zu ihren Eltern. Wenn Hilfe notwendig ist, dann kommen sie einfach. Wenn nachts ein Gewitter aufzieht, wenn sie Angst haben, wenn ihnen ein großer Hund begegnet: Sie kommen zu ihren Eltern. Dort fühlen sie sich geborgen und sicher. Kinder haben ein Urvertrauen. Erwachsene tun sich da viel schwerer. Vielleicht ist ihr Vertrauen vielfach enttäuscht oder gar ganz zerschlagen worden leider! Habt doch Vertrauen in Gottes gute Hand. Du darfst dich in seine Hand fallen lassen wo immer du auch stehst, mit allem, was sich plagt und belastet. Er fängt dich auf. Er ist für dich da! Lass Dich doch fallen in Gottes gute Hände auch im neuen Schuljahr. Das ist kindlicher Glaube. Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird s wohl machen. Wie gut, dass wir singen können: Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben. 2. Kinder müssen alles lernen Wohl sind im Kind Fähigkeiten und Gaben angelegt, wenn es geboren ist. ABER: Es muss sich alles erst noch entwickeln durch Üben! Das Sprechen muss gelernt werden, das Gehen, das Singen, das Radfahren und auch das Denken. Jede Sprache will und muss gelernt werden. Wird es nicht eingeübt, bleibt es brach liegen. Ihr müsst das Entscheidende im Leben lernen und Einüben und ihr dürft es: - das Beten und das Glauben, - das Hoffen und das Lieben, - das Hinhören auf Gott und das Vertrauen. Bei keinem von uns ist das automatisch vorhanden. Wir alle dürfen in diese Schule gehen. 3

4 Wie lernen Kinder nun? Durch Zuschauen und Zuhören, durch Nachahmen und Üben. Pestalozzi sagte einmal kurz und bündig: Erziehung ist Vorbild und Liebe. Es ist entscheidend, dass die Beziehungsebene stimmt. Damit macht er deutlich, wenn Kinder ein Vorbild haben, das die wesentlichen Inhalte des Lernens und Lebens mit Liebe rüberbringt, lernen sie mehr und sie werden zugleich entscheidend geprägt. Schaut auf ein Vorbild schaut auf mich. Lernet von mir. (Matth. 11,29) Deshalb kamen die Jünger zu Jesus mit der dringenden Bitte: Herr lehre uns beten. (Lukas 11,1) Weil sie sein Beten als Vorbild erlebten. In der Tat: Jesus ist unser Vorbild in allen Dingen des Glaubens und Lebens. In Jesus haben wir Beides: Vorbild und Liebe! So kann das Entscheidende in unser Leben kommen. 3. Kinder lassen sich gerne beschenken Das war immer eine besondere Situation, wenn ich von einer Reise nachhause kam und unsere vier Kinder an der Türe standen: Papa, hast Du etwas mitgebracht? Und wie strahlten dann die Augen, wenn sie etwas in den Händen hielten. Sie nahmen es einfach an und zogen triumphierend ab, um es der Mutter zu zeigen. Einfach annehmen und sich beschenken lassen und sich darüber freuen, wie Kinder! Kinder denken nicht wie Erwachsene: Was kann ich nun als Gegenleistung dafür geben? Kinder nehmen Geschenke einfach an ohne Nebenabsichten. Erwachsene tun sich da viel schwerer. Das Entscheidende im Leben ist Geschenk nicht Leistung. Wir leben vom Geschenkten, nicht vom Gemachten! Das Leben z.b. wurde uns geschenkt wir selbst haben nichts dazu beigetragen. Genau das war ja die Botschaft der Reformation durch Martin Luther und es ist für eine Evangelische Schule unaufgebbar, dass sie diesen Herzton des Evangeliums beachtet. Lass Dich doch beschenken mit dem, was Gott Dir gibt. Nimm es dankbar an und freu Dich. Er schenkt Dir Liebe, Zuwendung, Vergebung Deiner Schuld, Hoffnung, neues Leben. Nicht Leistung ebnet dazu den Weg. Christsein heißt: Sich einfach in die Sonne setzen und sich von Gottes Liebe anstrahlen lassen. Wie viele Christen haben einen verkrampften Glauben, weil sie nie richtig gelernt haben, sich einfach von Gott beschenken zu lassen. Das Erste, was ein Christ tun muss ist: Nichts tun! Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es nicht aus Werken! (Epheser 2,8) 4. Kinder wollen gerne erzählen Wenn unsere Kinder vom Kindergarten, von der Schule, von einem Besuch oder einer Freizeit nach Hause kamen, fielen sie meist mit der Türe ins Haus: Mama, Mama, Mama, dann sprudelte es nur so heraus. Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Kinder sind da ganz natürlich sie wollen Anteil geben an dem, was sie gerade erlebt haben. Kinder wollen und müssen das zum Ausdruck bringen, was für sie ein starker 4

5 Eindruck war. Deshalb zeigen sie spontan ihre Gefühle: Ihr Glück, ihre Freude aber auch ihren Schmerz. Wie urplötzlich konnten unsere Kinder los heulen! Erwachsene tun sich da viel schwerer. Sie fressen Vieles in sich hinein. Sie strahlen nach außen und sind verklemmt nach innen. Dabei hat uns Gott das wiederum schöpfungsgemäß deutlich gemacht: - wir müssen einatmen und ausatmen, - wir müssen Nahrung aufnehmen und Nahrung wieder ausscheiden. Das ist der gesunde Rhythmus des Lebens. Wer nur einatmet, wird nicht überleben. Wenn das Einatmen und das Aufatmen nicht mehr natürlich vor sich geht etwa bei Asthma ist das ein Hinweis auf eine krankhafte Situation. Das ist aber nicht nur körperlich so. Gott hat uns ganzheitlich geschaffen und diese Gesetze gelten grundsätzlich auch für Seele und Geist. Die Eindrücke, die unsere Seele und unser Geist erhält, müssen wieder zum Ausdruck gebracht werden, sonst werden wir krank innerlich krank. Es gibt drei Dinge im Leben, die muss ein Mensch abgeben, hergeben, damit er nicht krank wird: - Angst - Sorge - Schuld. Das darfst Du alles abgeben. Du darfst alle Eindrücke deines Lebens bei Gott hergeben, mitteilen: - Freude und Schmerz - Glück und Trauer - Erfolg und Schuld Schüttet Euer Herz bei ihm aus, liebe Leute. So steht es in einem Psalm. Du darfst und sollst Gott alles sagen ganz spontan! Werdet wie Kinder! Alle eure Sorgen werfet auf ihn, denn er sorgt für Euch (1. Petrus 5,7) Weitere Beispiele könnte ich jetzt noch nennen. Etwa: Kinder sind völlig abhängig. Wenn ein Kind geboren wird, ist es völlig abhängig von der Hilfe und Zuwendung Anderer, sonst würde es elendig zugrunde gehen. Das ist eine Predigt von Gott an uns: Du Mensch bist in den wesentlichen Dingen abhängig von der Hilfe, die von Außen kommt. Werdet wie die Kinder! Unsere Abhängigkeit von Gott ist Glück und lässt unser Leben aufblühen. Oder: Kinder brauchen Schutz und Geborgenheit. Werdet wie die Kinder: Von allen Seiten umgibst du mich und hälst deine Hand über mir In Gott sind wir geborgen. Gott ist unsere Zuversicht und Stärke. (Psalm 46,1) Jesus schließt seine Unterweisung ab mit einem interessanten Satz: Wer sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, ist der Größte im Himmelreich. Wer das begreifen will, soll einmal nachvollziehen, was Jesus hier mit dem Kind anschaulich demonstriert: 5

6 Er soll sich auf den Boden setzen, damit er die Welt aus der Perspektive eines Kindes betrachtet. Wenn er sich so erniedrigt sieht er die Welt, wie sie ein Kind sieht. Kinder schauen von unten nach oben und sie halten die Hand noch oben wenn sie etwas erbitten oder wenn sie festgehalten werden sollen. Das ist die Haltung des Empfangens, des Erbittens, des Geführt Werdens: Von unten nach oben. Diese Haltung ist keine falsche Demütigung des Menschen, sondern es nach der Bibel dem Menschen angemessene Haltung: Der Mensch aufsehend auf Gott alles von ihm erwartend. Das ist es, was Jesus meint: Wer sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, ist der Größte im Himmelreich. Nach oben schauen das ist das Zeichen des Vertrauens. Die Hände empor halten das ist das Zeichen des Bittens. Diese Haltung zeigt, dass der Mensch kapiert, was seinem Leben die richtige Orientierung gibt und Ewigkeitswert besitzt. Erwachsene machen es in der Regel genau umgekehrt: Sie schauen von oben nach unten, sie schauen herab, sie spielen die Überlegenen, die Herren. Doch Jesus sagt, in der heutigen Geschichte: Wer so lebt - von oben herab - wer der Größte sein möchte, der kann das Entscheidende nicht empfangen. Eine solche Haltung zerstört Beziehungen. Dagegen macht das Nach-oben-Blicken, die Haltung des Empfangens, das Leben reich. Zum Schluss ein ganz persönliches Wort: Lieber Eberhard Stäbler, lieber Stefan Creuzberger, das möchte ich persönlich Euch heute zusprechen und das möchte vor allem dieser Bibeltext Euch konkret zusagen: Werdet wie die Kinder. Als biblische Ermutigung für die neue Aufgabe, die Euch heute übertragen wird. Aber auch dem ganzen Kollegium zum Start ins neue Schuljahr mit den anstehenden Aufgaben. Und nicht weniger Ihnen, liebe Eltern, Großeltern und Anverwandte: JA es ist eine Perspektive. Uns allen gilt: - Habt Vertrauen in Gottes gute Hand - Ihr dürft bei Jesus in die Schule gehen - Lasst Euch beschenken von Gottes guten Gaben - Schüttet Euer Herz vor ihm aus - Schaut nach oben: Auf ihn ist Verlass Wir lesen in Psalm 121: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. 6

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