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2 INHALT Quartal. 24. Jahrgang,,Politik und Unterricht wird von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg herausgegeben. Herausgeber und Chefredakteur: Siegfried Schiele, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg KEIN ICH OHNE WIR KEIN WIR OHNE ICH Vorwort des Herausgebers Redaktionsteam: Otto Bauschert, M.A., Oberregierungsrat, Landeszentrale für politische Bildung, Stuttgart (geschäftsführender Redakteur) Ernst-Reinhard Beck, Oberstudiendirektor, Direktor des Friedrich-List-Gymnasiums Reutlingen Judith Ernst-Schmidt, Studienrätin, Werner-Siemens-Schule (Gewerbliche Schule für Elektrotechnik), Stuttgart Ulrich Manz, Rektor der Schiller-Schule Esslingen (Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule) Horst Neumann, Ministerialrat, Ministerium für Umwelt und Verkehr Baden-Württemberg, Stuttgart Angelika Schober-Penz, Studienassessorin, Ministerium für Umwelt und Verkehr Baden-Württemberg, Stuttgart Karin Schröer, Reallehrerin, Eichendorff-Realschule Reutlingen Anschrift der Redaktion: Stuttgart, Stafflenbergstraße 38, Tel. (0711) /-378, Telefax (0711) Politik und Unterricht erscheint vierteljährlich Preis dieser Nummer: DM 5,- Jahresbezugspreis DM 20,-. Unregelmäßig erscheinende Sonderhefte werden zusätzlich mit je DM 5,- in Rechnung gestellt. Geleitwort des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Mitarbeit an diesem Heft Unterrichtsvorschläge Einleitung (Roland Götzinger) Baustein A Ich lebe in Gruppen (Roland Götzinger) Baustein B Meine Familie (Angelika Schober-Penz) Baustein C Die Schule und die Freunde (Roland Götzinger) Verlag: Neckar-Verlag GmbH Villingen-Schwenningen, Klosterring 1 Der Schülerwettbewerb des Landtags 14 Druck: Baur-Offset GmbH & Co Villingen-Schwenningen, Lichtensteinstraße 76 Namentlich gezeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers und der Redaktion wieder. Nachdruck oder Vervielfältigung auf elektronischen Datenträgern sowie Einspeisung in Datennetze nur mit Genehmigung der Redaktion. AV-Medien zum Thema

3 1 vorwort des Herausgebers Jeder Mensch lebt sein eigenes Leben. Aber er lebt es nicht allein. Zur Ausbildung der menschlichen Individualität bedarf es der sozialen Beziehungen. Die Gruppen, die den jungen Menschen prägen, brauchen ihrerseits gemeinschaftsfähige Individuen, um auf Dauer bestehen zu können. Der Titel dieser Ausgabe von Politik und Unterricht beschreibt dieses dialektische Spannungsverhältnis: Kein Ich ohne Wir, kein Wir ohne Ich. Nach der Geburt kommt das Kind mit seiner unmittelbaren Umgebung in Berührung: der Familie. Die wichtigen Aufgaben der Familie, in erster Linie die der Erziehung, stehen im Zentrum der hier vorgestellten Unterrichtsvorschläge. Wenn das Kind den vertrauten Kreis der Familie verläßt, trifft es auf andere: Kinder zum Spielen, Klassenkameraden, Lehrerinnen und Lehrer in der Schule, Freundinnen und Freunde in der Gruppe der Gleichaltrigen. Im vorliegenden Heft werden die Funktion der Schule und die zunehmende Bedeutung des Freundeskreises für die Sozialisation der Jugendlichen besonders untersucht. Auf die Rolle der Medien wird hier nicht eingegangen, weil das den Umfang des Heftes gesprengt hätte. Die Themen Familie und Schule finden sich in den Lehrplänen aller Schularten unseres Bundeslandes. Oft sind sie als fächerverbindende Projekte ausgewiesen. Die Autoren waren bestrebt, vor allem solche Texte und Materialien auszuwählen, die sich für den Unterricht im Sekundarbereich I eignen. Herausgeber und Redaktion sind sich aber sicher, daß auch die Lehrerinnen und Lehrer der gymnasialen Oberstufe von vielen Anregungen werden profitieren können. Siegfried Schiele Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

4 2 Geleitwort des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Wenn es an der Schwelle zum 21. Jahrhundert schon für die Erwachsenen angesichts von zunehmendem Egoismus, neuen gruppendynamischen Prozessen und sich verändernder Gesellschaftsstrukturen nicht einfach ist, den eigenen Standort zu behaupten, um wieviel schwieriger ist es für unsere Jugendlichen, ihre Identität und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Auf ihre Fragen Wer bin ich, wo stehe ich, wer oder was sind die anderen? kann die Soziologie zwar fachspezifische Antworten geben, aber schwerlich Lebenshorizonte öffnen. Hier sind die Sozialisationsinstanzen selbst gefragt, in unserem Fall vor allem die Schule. Von ihr werden in steigendem Maße Erziehungsaufgaben erwartet, je mehr sich die traditionelle Familie destabilisiert, Jugendliche bereits von,,elterlichen Altlasten sprechen und Peer-groups ein diffuses Bild bieten. Hauptaufgabe der schulischen Erziehungsarbeit wird es nach wie vor sein müssen, unseren Kindern und Jugendlichen zu helfen, zu sich selbst zu finden, ihre Persönlichkeitsstruktur zu festigen. Die Schule wird sich aber künftig intensiver um den Aspekt KEIN ICH OHNE WIR zu kümmern haben, denn der Wert menschlicher Gemeinschaften darf nicht hinter einem extremen Individualismus oder gar Egoismus zurücktreten. Spielregeln anzuerkennen, sich einordnen zu lernen und eigene Wünsche auch einmal zurückzustellen, statt beständig zu fordern, solche Verhaltensnormen gegen einen verbreiteten Trend wieder als etwas bewußt zu machen, von dem alle profitieren, ist eine Herausforderung an alle Lehrerinnen und Lehrer. In diesem Sinne hofft das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, daß das vorliegende Heft über bloße Wissensvermittlung und über den Gemeinschaftskundeunterricht hinaus unseren Schülerinnen und Schülern Impulse geben kann, sich formend und stabilisierend in ihre jeweiligen Lebenskreise einzubringen. Es dankt der Landeszentrale für politische Bildung, daß sie dieses Anliegen erkannt hat und mit ihrem Material unterstützt, das breit gefächert die relevanten Altersstufen anspricht. Rudolf Pfeil Gymnasialprofessor Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg Mitarbeit an diesem Heft Roland Götzinger: Oberstudienrat, Mönchsee- Gymnasium Heilbronn, Fachleiter für den gesellschaftswissenschaftlichen Bereich (Konzeption, Einleitung, Bausteine A und C; bei Baustein C: Ab- schnitt,,mobhing unter Mitarbeit von Tamara Stieb, Abschnitt,,Freunde unter Mitarbeit von Elke Zahn) Angelika Schober-Penz: Studienassessorin, Ministerium für Umwelt und Verkehr Baden-Württemberg, Stuttgart (Redaktionelle Betreuung, Bau- Stein B)

5 3 KEIN ICH OHNE WIR - KEIN WIR OHNE ICH In unserer heutigen Welt der Widersprüche, in der das traditionelle Wertesystem im Umbruch ist, suchen und finden Jugendliche nach wie vor Orientierung in Familie und Schule. Allerdings ist der Einfluß dieser Sozialisationsagenturen nicht mehr ganz so stark und ungebrochen wie früher, weshalb der Gruppe der Gleichaltrigen erhöhte Bedeutung zukommt. Jugendliche müssen heute ein hohes Maß an Autonomie anstreben und erreichen, um den Herausforderungen, die an sie gestellt werden, gewachsen zu sein. Die oft ungewissen Zukunftsaussichten der jungen Generation (Ausbildungsengpässe, drohende Arbeitslosigkeit) setzen die Fähigkeit voraus, Frustrationen und Unsicherheiten nicht nur auszuhalten, sondern möglichst sogar kreativ mit ihnen umzugehen. Der Mensch als gemeinschaftliches Wesen muß stets auch seine Individualität und Identität ausbilden.,,ohne Ich kein Wir betitelt Ulrich Beck seinen politischen Traum vom,,solidarischen Individualismus. Die Demokratie, so Beck, brauche Querköpfe, und plädiert für eine Sozialmoral des,,eigenen Lebens. Autonomie bedeute demnach nicht Egoismus, sondern,,ein Leben auf der Suche nach einem Dasein mit anderen und für andere. Nur ein selbstbestimmtes Ich kann Wesentliches zum Wir beitragen. Die wichtigsten Sozialisationsinstanzen - Familie, Schule und die Gruppe der Gleichaltrigen (die Peer Group) - tragen dazu bei, daß Jugendliche als konfliktfähige und motivierte Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden können. Die wichtigste Rolle hierbei spielt immer noch die Familie. Die Familienformen verändern sich: von der Großfamilie mit mehreren Generationen zur Kernfamilie aus Eltern mit Kind oder Kindern, daneben eine zunehmende Zahl alleinerziehender Mütter oder Väter. Auch Lebensformen, die sich vom traditonellen Familienmodell lösen wollen, müssen die Frage beantworten, wie sie die Pflege und Erziehung der Heranwachsenden regeln wollen. Das Thema im Unterricht Das Thema eignet sich in allen Schularten als Einführung in das Fach Gemeinschaftskunde. Ohne 1 Ulrich Beck: Ohne Ich kein Wir, in,,die Zeit Nr. 35 vom , S. 10f. Zeichnung: Dietmar Dänecke, Die Zeit NL gleich in die oft nicht besonders motivierenden Teilbereiche unseres politischen Systems einzudringen, holt es die Jugendlichen dort ab, wo sie stehen - in den Kleingruppen unserer Gesellschaft (Familie, Schule und Gleichaltrige). Die Bausteine des Heftes orientieren sich an den Erfahrungsbereichen der Jugendlichen und dürften damit bei den Schülerinnen und Schülern auf ein natürliches Interesse stoßen. Hierin liegt die Chance, daß die Jugendlichen über das Interesse am Thema auch Lust auf Politik bekommen und für unsere Demokratie motiviert werden können. In den Lehrplänen der einzelnen Schularten wird das Thema dieses Heftes vielfach genannt. Meistens ist es das Fach Gemeinschaftskunde, in dem zumindest Teilaspekte in Lehrplaneinheiten oder in fächerverbindenden Themen wie folgt aufgegriffen werden: Hauptschule: Klasse 7, Lehrplaneinheit 1; Klasse 9, Lehrplaneinheit 4; fächerverbindende Themen: 1, 3 und 5 (Klasse 7) sowie Thema 4 (Klasse 9), Realschule: Klasse 7, Lehrplaneinheiten 2, 3 und 4; fächerverbindende Themen: 1 (Klasse 6 und 7), 5 ( Klasse 8), 1 (Klasse 9) und 4 (Klasse lo), Gymnasium: Klasse IO, Lehrplaneinheit 1; fächerverbindende Themen: 2 und 3 (Klasse 10) Berufsschule: Schuljahr 1, Lehrplaneinheit 1. Aufgrund der Nähe von Gemeinschaftskunde und speziell dieses Themas zu anderen Fächern ist der Einsatz der Materialien zum Beispiel auch im

6 4 Ich lebe in Gruppen Claus Breme6 In: Burckhard Garbe: Experimentelle Texte im Sprachunterricht, Düsseldorf: Schwarm 1976, S. 68 Deutsch- und Religionsunterricht, im Fach,,Mensch und Umwelt sowie bei Projekten vorstellbar. Die Schülerinnen und Schüler sollen bei der Beschäftigung mit dem Themenbereich erkennen, wie sehr das Individuum sozialbezogen ist und in seinen Einstellungen und Verhaltensweisen stark von den Menschen und Gruppen seiner Umwelt geprägt wird. Die Beschäftigung mit Gruppenprozessen soll sie in die Lage versetzen, sich ihrer eigenen Bezugsgruppen bewußt zu werden. Die Beispiele sollen die Jugendlichen darüber hinaus motivieren, in Gruppen aktiv mitzuarbeiten. Die Schülerinnen und Schüler lernen so für ihre Zukunft, die persönlichkeitsstabilisierenden Wirkungen einer Gruppe zu nutzen und mit ihren die Selbstentfaltung begrenzenden Wirkungen produktiv umzugehen. Familie, Schule und Gleichaltrige sind somit Et-fahrungsbereiche, die reichlich Gelegenheit zu sozialem Lernen bieten. Die Bausteine Der Baustein A (Ich lebe in Gruppen) thematisiert grundsätzliche Fragen und Probleme der Jugendlichen als Gemeinschaftswesen. Er vermittelt Basiswissen (der Mensch als,,zoon politikon ) und ist Ausgangspunkt für die folgenden Bausteine. Die Jugendlichen als politische Wesen leben nicht passiv in der Gemeinschaft, sondern tragen und gestalten die Primär- und die Sekundärgruppen, in denen sich ihre Sozialisation vollzieht, bei zunehmendem Alter mit. Wegen ihrer zentralen Bedeutung ist der Familie ein eigener Baustein (B: Meine Familie) gewidmet. Im abschließenden Baustein werden Schule und die Gruppe der Gleichaltrigen zusammengefaßt (C: Die Schule und die Freunde). Wir haben im Unterricht viel erreicht, wenn die Schülerinnen und Schüler das folgende Zitat von Adolf Friedemann verstehen und akzeptieren:,,jedes Ich in der Gruppe nimmt etwas vom anderen und gibt etwas her. 2 Roland Götzinger * Zit. nach: Otto Marmet: Ich und du und so weiter. Kleine Einführung in die Sozialpsychologie. Weinheim: Psychologie-Verb Union S. 19 Alle Menschen leben von Geburt an in einer Gruppe. Die meisten gehören einer Familie an, besuchen Kindergarten und Schule. Später treten sie in eine Jugendgruppe ein (Pfadfinder, Verein, Musikschule) und bewegen sich im Freundeskreis. Nach der Schule kommt in der Regel die Ausbildung oder das Studium und der Beruf. Dazwischen finden sich noch viele andere Gruppen, denen man für kürzere oder längere Zeit angehört. Im Rahmen dieses lebenslangen Sozialisationsprozesses übernimmt das Individuum in den Gruppen verschiedene Rollen, verinnerlicht Werte, Normen und Regeln. Die Gesellschaft bewertet diese Rollen (und ihre jeweilige Interpretation durch den Rollenträger) mit dem Status. Das Gefühl der Identität ist dabei eng mit den verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten verbunden. Das Leben des jungen Menschen wird durch die Gesellschaft und ihre Gruppen geprägt. Die Jugendlichen erfahren so, wie eine Gruppe als soziales System entsteht und sich entwickelt. Sie haben dabei die Chance, sich selbst zu finden und mit anderen zusammenzuarbeiten. Im Unterricht kann die Beschäftigung mit den Themen Gemeinwesen, Rolle, Status, Norm und Sozialisation dazu beitragen, sich grundsätzlicher Gruppenmechanismen bewußt zu werden. Die Grundregeln des Zusammenlebens und der Anpassung an die Gesellschaft werden aufgezeigt. Dieser Baustein soll die Schülerinnen und Schüler ferner befähigen, ihre eigenen Rollen in Gruppen zu erkennen, selbst zu definieren und aktiv wahrzunehmen. 1. Merkmale von Gruppen (A 1 und A 2) Eine Auseinandersetzung mit dem Gruppenbegriff sollte am Anfang stehen. Man spricht in der Regel erst dann von einer Gruppe, wenn bestimmte Merkmale vorhanden sind. Eine sinnvolle Orientierungshilfe zum Gruppenbegriff, auch für einen möglichen Tafelanschrieb, bietet der folgende Merkmalskatalog. Die Fotos A 1 (Meine Welt) machen deutlich, was man unter gesellschaftlichen Gruppen versteht, wie vielfältig und wichtig sie sind. Die Schülerinnen und Schüler können eigene Fotos anfertigen, sie vorstellen sowie Geschichten erzählen oder aufschreiben (,,Eine Gruppe, die mir besonders am Herzen liegt ). Es lassen sich Aufnahmen von Gruppen sammeln und verschiedenen Unterscheidungskriterien zuordnen. Legt man bezüglich des Gruppenbegriffs den Merkmalskatalog des Schaubildes 1 zugrunde, dann kann man prüfen, ob es sich im soziologischen

7 5 Schaubild 1: Eigenschaften von Gruppen Eine Gruppe unterscheidet sich von anderen Menschenansammlungen (Masse, Menge) durch folgende Merkmale: Die Mitglieder einer Gruppe kennen sich persönlich. Eine Gruppe ist deshalb nicht unbegrenzt groß. Die Mitglieder interagieren und entwickeln gefühlsmäßige Beziehungen zueinander, positive wie negative. Die Mitglieder haben ein gemeinsames Ziel (Thema oder Anliegen). Das gemeinsame Ziel fördert die Kommunikation und ist Anlaß für gemeinsame Aktivitäten. Individuelle Bedürfnisse werden für die Erreichung des Gruppenziels zurückgestellt. Die Mitglieder haben ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, durch das sie sich auch nach außen abgrenzen. Sie finden ihre eigene Gruppe häufig besser als andere Gruppen. Für die Art und Weise, wie die Mitglieder interagieren, wie sie sich ihrer Aufgabe widmen und wie sie sich nach außen darstellen, gibt es informelle Regeln oder Normen, die für die Mitglieder verbindlich sind. Die Gruppenmitglieder nehmen aufgrund ihrer Eigenheiten und Fähigkeiten innerhalb der Gruppe verschiedene Positionen mit verschiedenem Ansehen und verschiedene Rollen ein. Eine Gruppe überdauert eine gewisse Zeit und schafft dadurch Gewohnheiten und Traditionen. Nach Gislinde Bovet: Gruppe, Unterrichtsmaterial des Ver bandes der Psychologielehrerlnnen, 7992, S. 15 (gekürzt) Sinne um soziale Gruppen handelt. Manchmal wird fälschlicherweise von Gruppen gesprochen, wenn es sich um Massen oder Mengen handelt (z. B. Stadionbesucher, Wartende). Ein vergleichbares Problem stellt sich bei der Unterscheidung nach verschiedenen Gruppenarten. Schaubild 2: Arten von Gruppen Gruppen unterscheiden sich nach: 1. der Größe kleine (Freunde) 2. der Dauer flüchtige Gruppen t) (Spielgruppe) 3. der Organisation formelle (Mannschaft) große Gruppen (Jugendpartei) dauernde Gruppen (Klasse) informelle Gruppen (Clique) 4. dem Grad der wechselseitigen Beziehungen Primärgruppen = Sekundärgruppen (Familie) (Verein) Alternativ oder ergänzend bietet sich die Erzählung A 2 (Ein normaler Tag) an. Sie führt am Beispiel des Tagesablaufs einer Schülerin in die Bereiche Rolle, Status, Normen und Sanktionen ein und macht deutlich, wie sehr unser Verhalten und das der anderen vom Innenleben von Gruppen bestimmt wird. Ob die Fachbegriffe gleich zu Beginn und vollständig erarbeitet werden, hängt von der Intention, der Klassensituation und der Schulart ab. Wichtig ist der Hinweis, daß Leistungen, die von einer Gruppe erbracht werden, häufig besser sind als die Leistungen ei,nzelner. Zu den Vorteilen gehören ferner: weniger Uberforderung des einzelnen, die Notwendigkeit des Zusammenhalts und der gegenseitigen Hilfestellung, die gemeinsame Verantwortung und Erfolgserlebnisse. Das liegt nach Gislinde Bovet (1992, S. 8) daran,,,daß in einer Gruppe mehr Informationen zusammengetragen werden, mehr Lösungseinfälle zustande kommen, Fehler eher aufgedeckt werden und die Motivation konstanter ist. 2. Rollenerwartungen und Rollenkonflikte (A 3 bis A 7) Jedes Mitglied einer Gruppe übernimmt bestimmte Rollen innerhalb einer Gruppe und ist damit unterschiedlichen Erwartungen ausgesetzt. Eine Rollenerwartung beschreibt, was jemand tun muß oder soll, wenn er den Erwartungen der anderen Gruppenmitglieder oder denen der Umwelt gerecht werden will. Als Einstieg in das Thema wäre ein Rollenspiel denkbar, in dem Schüler oder Lehrer durch entsprechendes unerwartetes Auftreten,,aus der Rolle fallen. Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt. Mit Hilfe von Abbildungen wie A 3 (,,Verhält sich ein Lehrer so? ) läßt sich auf ironische Art in das Thema einführen. Auch Jugendliche sind schon früh Träger verschiedener Rollen, die zum einen zugewiesen und zum anderen erworben sind. Dieses Rollenrepertoire ließe sich grafisch oder tabellarisch wie in A 4 (Meine Last) herausarbeiten oder ergänzen. Das Schaubild A 5 (Was wollen die alle von mir?) könnte in unvollständiger Form als Vorlage dienen, seine eigene Rolle als Schüler darzustellen, um sie mit der anderer Rollen zu vergleichen. Eine Gruppe ist keine in sich geschlossene heile Welt. Rollenkonflikte entstehen durch widersprüchliche Erwartungen an eine Person. Es kann zu Intra- Rollenkonflikten (Widersprüchen zwischen den Erwartungen innerhalb einer Rolle) und Inter-Rollenkonflikten (Widersprüchen zwischen den Anforderungen durch verschiedene Rollen) kommen. Anschauliche Beispiele hierfür liefert A 6 (Dumm gelaufen). In die Rolle des Außenseiters gerät schnell, wer den Erwartungen einer Gruppe nicht entspricht oder aufgrund seiner Eigenschaften nicht entsprechen kann. Die Zeichnungen A 7 (Die Schüler) illustrieren anschaulich, wie die Eigenwahrnehmung und die Fremdwahrnehmung einer Rolle (hier der Schülerrolle) deutlich voneinander abweichen können.

8 6 3. Prestige und Statussymbole (A 8 und A 9) Mit Status wird die Rangordnung eines Individuums in einer Gruppe und in der Gesellschaft beschrieben. Ausschlaggebend für den Status, den jemand einnimmt, ist die Bewertung (Prestige-zuschreibung) der anderen. Unabhängig von ihrer Persönlichkeit genießen die Inhaber einer bestimmten Rolle unterschiedliches Prestige. Wichtig für die Jugendlichen ist die kritische Auseinandersetzung mit den Statussymbolen, welche für das Prestige (Ansehen in der Gruppe oder Clique) eine große Rolle spielen. Solche höheren und geringeren Bewertungen sind oft nur relativ, da sie aufgrund subjektiver Beurteilungen anderer entstehen und charakterliche Qualifikationen nicht berücksichtigen. Ein gutes Beispiel hierfür sind sogenannte,,markenklamotten, die als Statussymbol bei den Jugendlichen im Trend liegen, obwohl oder weil sie nicht gerade billig sind. Da das Taschengeld für Kleidung mit dem richtigen Label oft nicht reicht, arbeiten viele dafür in ihrer Freizeit. Dies verdeutlicht A 8 (Jobben für die Jeans von Joop). Das Schaubild A 9 (,,Ich will das, oder ich nerv dich,..! ) belegt, daß Kinder durchaus bei einigen Waren ihren Kaufwillen durchsetzen. Die Schüler erörtern die Frage, warum bestimmte Fabrikate von den Gleichaltrigen bevorzugt werden. Andere Fragestellungen sind: Wer entscheidet, was,,geil,,, hip und,,cool ist? Welche Folgen ergeben sich daraus für die Gruppe (Familie, Freunde, Klasse)? 4. Soziale Normen und Ich-Identität (A 10 bis A 12) Soziale Normen verkörpern verbindliche Verhaltenserwartungen an die Mitglieder einer Gruppe. Dahinter stehen gesellschaftliche Werte, die sich im Laufe der Zeit teilweise verändern. Oft handelt es sich dabei auch um ungeschriebene, nicht genau definierte Regeln dafür, wie,,man sich zu verhalten hat. Daher sind Normen grundsätzlich veränderbar und historischen Wandlungen unterworfen. Einerseits sind Gruppennormen wichtig für das Funktionieren einer Gruppe, weil sie Orientierung bieten, das Verhalten aller kalkulierbar machen, Konflikten vorbeugen und somit Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Andererseits schränken sie das Individuum in dessen Freiheiten ein. Die Gruppe (und die Gesellschaft) überwacht die Einhaltung der Normen. Sie belohnt normgerechtes Verhalten und bestraft Normabweichungen durch positive oder negative Sanktionen. Eine von den Schülerinnen und Schülern selbst erstellte Ordnung für das Schullandheim (Beispiel A 10), kann dazu dienen, die Notwendigkeit von Sanktionen zu begründen, andererseits ihre Grenzen aufzuzeigen. Die Fragen:,,Was könnte der Schülerrat bei bestimmten Verstößen beschließen? Wie könnte er die Einhaltung der Regeln darüber hinaus unterstützen? weisen auf Sanktionen in beiden Richtungen hin. Sozialisation wird im allgemeinen als ein lebenslanger Prozeß des Hineinwachsens eines Individuums in die Gesellschaft definiert. Bei Kindern und Jugendlichen sind dies insbesondere die Lernprozesse, die sowohl bewußt als auch unbewußt die Übernahme von Rollen und Normen in den Gruppen und die Entwicklung der Ich-Identität einschließen. Hierbei geht es gleichzeitig um die sensiblen Prozesse der Individualisierung als auch der Vergesellschaftung. Problematische Sozialisationsbedingungen in Kindheit und Jugend können den Menschen ein Leben lang belasten. Die Frage: Wer bin ich? ist somit eng mit der jeweiligen Sozialisation verbunden. Die Entwicklung der Identität von Jugendlichen hängt von einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer sozialen Umwelt ab und entscheidet mit darüber, ob eine individuelle Persönlichkeit entsteht, die ihren Teil zur Gemeinschaft beitragen kann. Jugend hat es heute oft schwer, jung zu sein, Nicht nur die Eltern, die um keinen Preis alt sein wollen, sondern auch Industrie und Handel gehen derart wenig auf Distanz, daß es für die Jugendlichen schwierig ist, ihre eigene Identität zu entwickeln. Der Katalog A 11 (Zwölf persönliche Rechte) kann als Grundlage dienen, um an Fallbeispielen die Rechte von Kindern und Jugendlichen zu konkretisieren und zu diskutieren. Darüber hinaus ist es reizvoll, dem Rechtekatalog der Kinder einen Pflichtenkatalog gegenüberzustellen. Auch über persönliche Rechte der Erwachsenen sollte gesprochen werden, um das Ziel eines menschengerechten Umgangs miteinander anzustreben. (Vgl. dazu Artikel 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.) Das anspruchsvolle Gedicht (A 12) von Günter Kunett ist als Aufforderung zu verstehen, sich die Suche nach seinem eigenen Weg nicht zu leicht zu machen, sondern herauszufinden, welcher Weg nicht nur gangbar, sondern,,für mehr als mich sinnvoll ist. Publikationen in der Reihe,,Bausteine,,Zwischen Romantisierung und Rassismus Sinti und Roma Jahre in Deutschland Handreichung zur Geschichte, Kultur und Gegenwart der deutschen Sinti und Roma ca. 80 Seiten,,Die Nacht als die Synagogen brannten Texte und Materialien zum 9. November Seiten Beide Publikationen werden kostenlos abgegeben. Bestellung an: Landeszentrale für politische Bildung Stafflenbergstr Stuttgart Fax

9 7 Meine Familie Kaum ein Begriff ruft so unterschiedliche Emotionen hervor wie das Wort Familie. Jeder Mensch hat seine Erfahrungen, Erlebnisse und seine Meinung, positiver wie negativer Art. Von der romantisiert verklärten Idylle bis zum Horrorszenarium - das Spektrum individueller Erfahrungen ist weit gefächert. Die Thematik erfordert einen sensiblen Zugang, weil die Privatsphären der Schülerinnen und Schüler unterschiedlich sind. Es können Kinder in der Klasse sein, die emotional stark betroffen sind, weil sie gerade eine Krise in ihrer Familie erleben oder unter der Trennung ihrer Eltern leiden. Ausgehend von den Fragen,,Was ist eigentlich eine Familie? und,,welche Erscheinungsformen gibt es heute? wird das zentrale Thema,,Welche Funktion hat die Familie im Entwicklungsprozeß der Kinder und Jugendlichen? in Verbindung mit dem gesellschaftspolitischen Umfeld aufgegriffen. Die Bereiche,,Wie erleben Kinder und Jugendliche ihre Familie? und,,wie bewerten sie Bedeutung und Zukunft der Familie? sollen die kritische Auseinandersetzung und Urteilsbildung fördern. Sie sind je nach Situation in der Klasse und Alter der Schülerinnen und Schüler unterschiedlich zu gewichten. Die Behandlung des Themas Familie hat zum Ziel, den Juaendlichen zu helfen, sich als soziales Wesen zu begreifen, zu erkennen, daß die Familie als Lebensbereich auch heute von elementarer Wichtigkeit ist und existentiellen Bedürfnissen gerecht wird, zu erkennen, daß die Familie als private Institution ein Modell menschlichen Zusammenlebens ist, das sich an die wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse anpaßt, selbst aber auch auf die Gesellschaft wirkt und wichtige Leistungen übernimmt, zu erkennen, daß unterschiedliche Erscheinungsformen existieren und für das Alltagsleben der Betroffenen entsprechene Auswirkungen haben... Was ist eigentlich eine Familie? (B 1 bis B 10) Die Frage,,Wen zählst du zu deiner Familie? (B 1) kann als Einstieg dienen, alternativ zwei Bilder von einer Mutter mit Kind und einer Familie mit Verwandtschaft. Danach werden die wichtigsten Merkmale anhand des Textes (B 2) herausgearbeitet und festgehalten. Familie läßt sich heute beschreiben als eine vor allem in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern begründete soziale Gruppe eigener Art, die als solche gesellschaftlich, d. h. als Institution, anerkannt ist und einem Wandel unterliegt. Eine allgemeinverbindliche Definition von Familie existiert nicht, denn durch das Grundgesetz (Artikel 6) und die Landesverfassung (Artikel 12) wird nur ein Rahmen abgesteckt, der der inhaltlichen Konkretisierung durch Detailgesetzgebung und Rechtsprechung bedarf. Dies hat zur Folge, daß für das Verständnis des Familienbegriffs immer auch wertgebundene Bestimmungen und Anschauungen von Bedeutung sind. Nach christlichem Grundverständnis ist in unserem Kulturkreis der Familienbegriff normativ auf eine lebenslange Ehe (mit Kindern) angelegt. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts wird der Familienbegriff auch auf alleinerziehende Mütter oder Väter und auf Ehepaare mit Adoptivkindern angewendet. Aktueller Streitpunkt ist die Anerkennung von Lebensgemeinschaften ohne öffentliche Legitimation mit Kindern als Familie, insbesondere ihre Berücksichtigung in familienpolitischen Programmen des Staates. In der Alltagswirklichkeit stellt das Zusammenleben als Familie keine statische Lebensform dar. Familien sind aufgrund ihrer Struktur sehr dynamische soziale Gebilde und aufgrund der Orientierung an individuellen Bedürfnissen der Familienmitglieder äußerst vielfältig. Anhand des Schaubildes (B 3) werden nach der Form des äußeren Zusammenlebens die heute am häufigsten vertretenen sechs Typen der Lebensformen unterschieden: Ehepaare mit Kindern oder ohne Kinder, Ein-Eltern- Familie (Alleinerziehende), nichteheliche Lebensgemeinschaften mit oder ohne Kinder und Alleinlebende. Stellvertretend für hochentwickelte Industrieländer läßt sich die Verteilung der unterschiedlichen Lebensformen und der zeitliche Wandel am Beispiel des Bundeslandes Baden-Württemberg mit Hilfe des Diagramms (B 4) feststellen. Ehe und Familie sind immer noch die mit Abstand häufigsten Lebensformen. Obwohl die,,klassische Familie zahlenmäßig an Gewicht verloren hat, wachsen die meisten Kinder nach wie vor in Familien mit beiden Elternteilen auf. Nicht zuletzt aufgrund demographischer Entwicklungen haben Familien mit alleinerziehenden Müttern und Vätern, Ehepaare ohne Kinder sowie nichteheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder zunehmende quantitative Bedeutung und gesellschaftliche Akzeptanz (Statist. Landesamt B.W.: Statistisch-prognostischer Bericht 1997, Stuttgart, S. 93). Weitere Strukturveränderungen und deren Ursachen werden in den Texten über die Bewertung der Mutterrolle, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie den Wandel der Vaterrolle dokumentiert (B 5 bis B 7). Die veränderte soziale Rolle der Frau, ihre gestiegene Qualifikation und Erwerbsbeteiligung, die Möglichkeit der Geburtenplanung, die bewußte Entscheidung bei Kinderzahl und dem Zeitpunkt des Kinderwunsches, die spätere Mutterschaft und der zunehmende,,unerfüllte Kinderwunsch führen insgesamt zu einer geringeren Kinderzahl pro Familie. Eine Rolle spielen auch grundsätzliche Lebenseinstellungen der Partner, wie Konsumansprüche versus,,kostenfaktor Kind, die Bewertung unserer Gesellschaft als kinderfeindlich und die Einschätzung der ökonomischen und ökologischen Zukunftschancen.

10 8 Ein weiteres Merkmal der Familie ist die Dynamik, die den Familienzyklus bestimmt. Die Schaubilder (B 8 und B 9) zeigen einerseits abnehmende Eheschließungen und andererseits zunehmende Scheidungsraten, die sich in einer Zunahme der Ein-Personen-Haushalte (B 10) auswirken. Darüber hinaus wirkt sich der Auszug der jungen Erwachsenen aus dem Elternhaus vor der Eheschließung, (meist vorübergehendes) Alleinleben nach Trennungen sowie eine höhere Lebenserwartung (ein Drittel aller Alleinlebenden sind über 60 Jahre) auf die unterschiedlichen Lebensphasen der Familie aus. 2. Die Familie als soziale Gruppe (B 11 bis B 14) Als Einstieg im Unterricht bietet sich eine Umfrage an: Was bedeutet Familie für dich?, wobei das Umfrageraster (B 11) blanko zum Ankreuzen verteilt wird. Alternativ können die Beispiele aus dem Focus-Interview (B 12) zu einer Befragung anregen. Ein Vergleich der Klassenmeinung mit der Repräsentativ-umfrage von Allensbach bringt weitere Ergebnisse. Die Antworten können anschließend gemeinsam den unten genannten Hauptfunktionen zugeordnet werden. Es gibt keine andere Institution oder Gruppe, die für das Leben und Zusammenleben der Menschen eine ähnliche Bedeutung hätte wie die Familie. Die Interpretation des Textes (B 13) bringt weitere Aspekte dazu und erläutert, warum der Staat die Familie unter besonderen Schutz stellt. Auf welche Weise das möglich ist, zeigen Beispiele familienpolitischer Maßnahmen (B 14). Aus den grundlegenden Merkmalen der Familie - unterschiedliche Geschlechter der Eltern, Alters- bzw. Generationenunterschied zwischen Eltern und Kindern sowie Struktur als Kleingruppe - ergeben sich bestimmte Aufgaben oder Funktionen. Schaubild 3: Funktionen der Familie Reproduktion Produktion (Existenzsicherung) Sozialisation (Erziehung und Pflege) Regeneration (Spannungsausgleich, Freizeitgestaltung) Die Familie trägt zum Überleben einer Gesellschaft und Kultur bei, indem sie als sozialisierende Instanz deren Werte und Erfahrungen in der Generationenkette weitergibt. Sie erfüllt zentrale Bedürfnisse nach Anerkennung und Wertschätzung im Rahmen einer verläßlichen Beziehung sowie nach Lebenssinn überhaupt. Je nach gesellschaftlicher und historischer Situation variiert diese Synthese der Bedürfnisse und Funktionen, auch die Erfüllung gelingt mehr oder weniger gut und ändert sich, wenn Gesellschaften sich ändern.,,die Familie ist die beständigste und anpassungsfähigste aller menschlichen Institutionen. Sie biegt sich wie ein Bambus im orientalischen Märchen, um sich alsbald wieder aufzurichten, so beschrieb sie der Anthropologe Paul Bohannan. 3. Die Familie als Sozialisationsinstanz (B 15 bis B 23) In den Industriegesellschaften wird die Sozialisationsfunktion als wichtigste Aufgabe, als Kernfunktion der Familie gesehen. Die Familie wird zur wichtigsten Erziehungsinstanz für die Kinder. In der industriellen Massengesellschaft kommen die Schule, später der Kindergarten hinzu, um Aufgaben der Erziehung und Bildung zu übernehmen. Damit wurde die Kindheit zur Familienzeit, die Jugend zur Schulzeit. Bis zur Mitte unseres Jahrhunderts wurden Kinder und Jugendliche als,,noch-nicht-erwachsene wahrgenommen, die ihre eigenen, geschützten Entwicklungsbedingungen benötigen, um ihre Persönlichkeit reifen zu lassen. Artikel 6 GG (Ehe und Familie, nichteheliche Kinder) (1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. (2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft. (3) Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen. (4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft. (5) Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetrgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern. Mit Gründung der Bundesrepublik werden in Art. 6 GG die Rechte und Pflichten für Eltern und Kinder sowie das Elternrecht auf die Erziehung der Kinder geregelt, wobei das Wohl des Kindes eindeutig Vorrang vor dem Elternrecht hat. Aktuell wird das zum Ausdruck gebracht in dem seit geltenden Gesetz zur Reform des Kindschaftsrechts (SS 1626 BGB). Betroffen ist vor allem das elterliche Sorgerecht, das erstmals auch unverheirateten Paaren das gemeinsame Sorgerecht ermöglicht. Zudem sollen auch nach einer Scheidung beide Elternteile gemeinsam das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder haben. Zentraler Punkt der Neuregelung ist die Gleichstellung ehelicher und nicht-ehelicher Kinder, die sich auf das Umgangsrecht und das Erbrecht auswirkt. Außerdem entfällt die gesetzliche,,amtspflegeschaft für nicht-eheliche Kidner. Diese Anderung könnte eine Neudefinition der Familie zur Folge haben, insbesondere für nichteheliche Lebensgemeinschaften mit gemeinsamem Sorgerecht für gemeinsame Kinder. Bei der Sozialisation ist die Familie in ihrer Wechselwirkung mit anderen gesellschaftlichen Institutionen zu betrachten, die teilweise im Zusammenwirken, teilweise in Konkurrenz stehen. Mit Hilfe des Schaubildes (S. 9) und B 15 kann dies an Beispielen er-

11 9 läutert werden. Oft übernimmt dabei die Familie die fördernde oder vorbereitende Funktion, z. B. für Kindergarten, Schule, Kirche und Erwerbsieben. Festzuhalten ist die zentrale Bedeutung und Monopolstellung der Familie in der frühkindlichen Phase bis zu vier Jahren, die man auch als,,primäre Sozialisation oder,,soziakulturelle Geburt bezeichnet. Der Einfluß der Familie wird mit fortschreitendem Alter des Kindes durch Kindergarten, Schule, Gruppe der Gleichaltrigen, Beruf und Massenmedien zurückgedrängt und von außen überlagert. Unbestritten ist jedoch, daß er weiterhin stark wirksam bleibt und zunehmend an die Erziehungsleistungen höhere Anforderungen gestellt werden (B 17). 4. Wie wird Familie erlebt? (B 18 bis B 22) Jede Familie ist anders. Die Familie, in die das Kind hineingeboren wird, hat Einfluß auf seine Persönlichkeit. In starkem Maße beeinflussen die Gefühlsbindungen und Machtbeziehungen die Bereitschaft des Kindes, von Mutter und Vater zu lernen und sich an ihren Verhaltensweisen und Einstellungen zu orientieren. Werte und Normen werden im Zusammenleben von Eltern und Kindern vermittelt, so entstehen Vertrauen und wechselseitige Anerkennung. Die Anzeige (B 18) soll eine Diskussion über die Notwendigkeit innerfamiliärer Kommunikation auslösen. Das Diagramm (B 19) veranschaulicht, wie Frauen mit Kindern Gratifikationen und Belastungen durch die Familie erleben. Deutlich wird der hohe Stellenwert der Familie, die zunehmend zur hauptsächlichen, wenn nicht alleinigen Erfüllungsinstanz für tiefe Sehnsüchte, emotionale und existentielle Bedürfnisse wird. Sie ist der Ort, wo man sich sozusagen ohne Schminke zeigen und wo man eine Geborgenheit erleben kann, die sonst kaum mehr zu finden ist. Daneben bietet die Familie einen Freiraum für die persönliche und intellektuelle Entfaltung:,,Sein können wie ich bin und,,anregende Gespräche führen (B 11). Die Qualität der persönlichen Beziehungen, die emotionale Beheimatung, Geborgenheit, Liebe, Kommunikation, Verständnis und gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt sowie die Wertschätzung der Familienmitglieder füreinander bestimmen den individuellen Wert der Familie. Am Beispiel eines ehemaligen Kinderdorfkindes (B 20) können diese Merkmale herausgearbeitet werden und mit aktuellen Umfragen (B 21, B 22) verglichen werden. Die Familie steht heutzutage im Spannungsfeld. Sie leistet als persönlicher Schutz- und Schonraum, in dem Gefühle ausgelebt und Spannungen abgebaut werden, einen wichtigen Beitrag zur psychischen Regeneration und Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft. Gerade diese starke Emotionalisierung birgt die Gefahr in sich, daß hohe Erwartungen nicht erfüllt werden können und Enttäuschungen leicht zu Krisen und zum Scheitern führen können. Die Familie ist auch oft überfordert - nicht nur aufgrund ihrer differenzierten Erscheinungsformen - mit Alltagssorgen und Problemen aus Schule und Arbeitswelt. Die wachsende Zahl von Kindern mit Sozialisationsdefiziten, unangemessenen Normvorstellungen, psychosomatischen, neurotischen und psychischen Störungen und einem hohen autoaggressiven Potential verdeutlichen das Versagen der Familie als Erziehungsinstanz, was auch von der Schule nur bedingt aufgefangen werden kann (Elternjournal 2/97, S. 15). Zum Abschluß des Themas wird noch einmal die eigene Meinung gefordert. Die Erarbeitung der,,richtigen Lösung (und ihre Begründung) im Fallbeispiel,,Hänse1 und Gretel (B 22) ist geeignet, alle Aspekte des Themas noch einmal argumentativ aufzugreifen. Schaubild 4: Was bedeutet Sozialisation durch die Familie? angeborene Artung angeborene Artung (biologische Faktoren) (biologische Faktoren) gegenwärtige außerfamiliale Sozialtsatlonseintldsse (Schule, peqroup usw.) - Lernverhalten perwnale Gegebenheiten auf Seiten des Kindes - demographtsche Struhtur ~Autoritatsstruktur - Rollenaufteilung Ehegattenbeziehung - Eltern-Kmd-Beziehung - Arbeltstellung Grad der Offnung zur Um!+elt - MItwirkungsrechte m Gesellschatt und Kultur cal\ zentraler unmtttelbal-er Bertlmmung\faktor Partlzlpatlonsbereltschaft - Kontakt zur peergmup J Sozlali\atl~>nslel\tunfen III der Famtlle (der Eltern, de\ Kmder) L- Arhett\hedmgungen - Max Wingen: Familienpolitik. Grundlagen und aktuelle Probleme. Schriftenreihe Band 339, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung Bonn, 1997, S. 50

12 10 Die Schule und die Freunde Die Schule Mit dem Eintritt in die Schule beginnt die sekundäre Sozialisation. Das Kind ist prinzipiell schon handlungsfähig und lernt jetzt neue Rollen mit entsprechenden Handlungsmustern. Die Schule soll im Idealfall die familiäre Sozialisation ergänzen und weiterführen. Zunächst bekommt das Kind einen grundsätzlichen Unterschied zu spüren. Während es in der Regel in der Familie auch akzeptiert wird, wenn es versagt, beginnt in der Schule, obwohl es sich hier auch um einen Schonraum handelt, mit dem Leistungsprinzip allmählich der,,ernst des Lebens. Dazu kommt die Erfahrung, daß Schule mehr ist als nur Wissensvermittlung: Schule hat viele Funktionen. Helmut Fend spricht in diesem Zusammenhang von den drei Funktionen der Qualifikation (Vermittlung von Schlüsselqualifikationen für das Beschäftigungssystem), der Selektion oder Allokation (das schulische Auslesesystem weist Positionen in der Sozialstruktur zu) und der Integration und Legitimation (durch Vermittlung von Werten und Normen werden die Jugendlichen in das gesellschaftliche System integriert). In den Verfassungen der Bundesländer zählen Bildung und Erziehung gleichermaßen zu den Aufgaben der Schule. Besonders in der Hauptschule, aber auch in den anderen Schularten, übernehmen Lehrerinnen und Lehrer immer mehr Erziehungsaufgaben, die traditionell von der Familie erbracht wurden. Schule leidet unter der Schwächung der Familie. Auch wenn in der Schule neben der Wissensvermittlung mehr als bisher Erziehungsarbeit geleistet werden muß, ein Ersatz für die Familie kann Schule dennoch nicht sein. 1. Schule als sozialer Erfahrungsraum (C 1 bis C 4) Einen Einstieg zu den verschiedenen Funktionen der Schule bieten die drei Karikaturen von Liebermann, Gaymann und Wolter (C 1). Der Text C 2 (Was ist Schule?) zeigt die Vielfalt des Sozialraums Schule auf; er eignet sich - ebenso wie die Karikaturen - dafür, die Schule mit der Familie und den Gleichaltrigen zu vergleichen und ihre Aufgaben von den anderen Sozialisationsinstanzen abzugrenzen. Ein alternativer Beginn wäre ein Erzählimpuls:,,Stellt euch vor, Wesen von einem fremden Stern landeten zufällig in unserer Schule. Wie würden sie ihre Eindrücke beschreiben? Sie würden sagen:... Die Karikatur,,Drunter und drüber von Mester (C 3) illustriert anschaulich den Erziehungsauftrag der Schule. Die Umfrage C 4 (Wozu Schule?), kann man in der Klasse durchführen und dann mit den repräsentativ ermittelten Eraebnissen veraleichen (Eraebnisse mehr 1995, WestdeÜtschland). Ei plädieren- für Gemeinsinn und Hilfsbereitschaft 85 % Allgemeinbildung 85 % Umweltbewußtsein 85 % Rücksicht auf Schwache 81 % Persönlichkeitsbildung 74 % Leistungsbereitschaft 67 % Orientierung auf berufliche Praxis 67 % Disziplin 59 % Fremde Sprachen 61 % 2. Lust und Frust in der Schule (C 5 bis C 7) Hier kommt es darauf an, wie Schülerinnen und Schüler ihre Schule erleben und bewerten. In C 5 (Schüler über ihre Schule) haben Schülerinnen der drei Schularten spontan ihre Gedanken zum Thema Schule aufgeschrieben. Die Ergebnisse der repräsentativen Schülerumfrage in Deutschland (C 6) können mit einer entsprechenden Befragung in der eigenen Klasse verglichen werden. Die Karikatur von Reinhold Löffler (C 7) führt die Wünsche der Schüler an ihre Schule in einem Wunschzettel auf. Interessant ist der Vergleich mit ähnlichen Erhebungen bei Bürgern über 18 Jahren, für die Schule bereits der Vergangenheit angehört (C 7). 3. Mobbing unter Schülern (C 8 bis C 13) Für nicht wenige Kinder und Jugendliche stellen Schule und Schulklasse Risikowelten für ihre Entwicklung dar. Ein Beispiel hierfür ist Mobbing unter Schülern. Diese kurzen Ausführungen können nicht das Studium der Fachliteratur ersetzen. Im Hinblick auf den theoretischen Hintergrund sei u.a. auf das lerntheoretische Modell des norwegischen Sozialpsychologen Dan Olweus (in: Haanewinkel/Knaak, S. 4) verwiesen, das sehr anschaulich die Verhaltensabläufe beim Mobbing benennt und einordnet. Ausführlichere Informationen zur Tätermentalität und zu den Opfermerkmalen finden sich in der Dokumentation,,Mobhing und Schule. (Vgl. dazu die Literaturhinweise.) Was ist Mobbing? Das Wort Mobbing (vom englischen,,mob = Pöbel) steht für Gewalttätigkeit oder die Probleme mit Gewalttätern und -opfern. In der Zeitschrift,,Psychologie heute (1997, Heft 8, S. 22) werden die Merkmale aufgeführt, die für Mobbing charakteristisch sind: - Häufigkeit: Die Schikanen passieren mindestens einmal pro Woche; - Dauer: Die Situation zieht sich mindestens über ein halbes Jahr hin; - Systematik: Die Schikane erfolgt nicht zufällig, sondern geplant; - ungleiche Machtstrukturen: Das Opfer hat wenig Möglichkeiten, auf das Geschehen Einfluß zu nehmen, es bekommt keine soziale Unterstützung, kann sich daher nur ungenügend wehren;

13 11 - Zielgerichtetheit: Während von einem schlechten Betriebsklima und einem rauhen Umgangston alle Mitarbeiter mehr oder weniger betroffen sind, ist Mobbing gezielt auf eine Person gerichtet. Wenn Mobbing von Vorgesetzten, also zum Beispiel von Lehrern gegenüber Schülern ausgeübt wird, wird es auch als Bullying oder Bossing bezeichnet (bully = Tyrann, Rabauke; Boss = Chef). Mobbing ist ein Gruppenphänomen und wird damit - in Abgrenzung zur Aggression - als ein originär sozialer Akt aufgefaßt. Mobbing ist heute zu einem Modebegriff für alle möglichen Konfliktsituationen geworden. Wurde der Terminus zuerst vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz verwandt, so war die Bezeichnung in der Folge ursprünglich für schulische Phänomene reserviert. Erst durch die Veröffentlichungen des schwedischen Mobbing-Forschers Heinz Leymann, der das Thema auf die Arbeitswelt ausweitete, fand es öffentliche Beachtung. Mobbing ist zwar ein neuer Begriff, aber keine ganz neue Erscheinung. Psychoterror unter Schülern in Form von Drangsalieren, Quälen, Demütigen und Ausgrenzen kann sich bis zur Drohung, Erpressung und körperlichen Gewalt steigern. Betroffen sind vor allem schwächere, aber auch hochbegabte Schüler, die sich kaum wehren können. Die Starken sind oft ältere Schüler, die sich auf Kosten der jüngeren amüsieren. Manchmal sind es Jungen, die sich Mädchen als Opfer aussuchen (und umgekehrt) oder eine Klasse einen Außenseiter. Mobbing richtet sich gegen jede denkbare Art von Andersartigkeit und kann folglich fast jeden Schüler treffen. Als Einstieg ins Thema bieten sich Beispiele aus dem Schulalltag wie C 8 an (Was da abläuft, ist extrem). Mit welchen subtilen Mitteln gemobbt wird, verdeutlicht C 9 (Wie Opa Feiningers Hund). Die Schüler beschreiben, was beim Mobbing geschieht, wer so etwas tut und welche Motive dahinter stehen können (C 10). Sie stellen auch fest, wie sich Mobbing bei den Betroffenen auswirkt. So wird klar, daß es sich bei Mobbing nicht um die gelegentliche, gewöhnliche und bald wieder vergessene Stichelei oder Rauferei, sondern um wiederholte Quälereien mit System handelt, die den betroffenen Kindern das Leben zur Hölle machen. Alternativ kann man auf literarische Beispiele zurückgreifen, die sich bei Peter Weiss (Abschied von den Eltern) oder bei Robert Musil (Zögling Törleß) finden. Mobbing ist ein ernstzunehmendes soziales Phänomen, welches in vielen Bereichen, darunter der Schule, alltäglich ist. Dies beweisen die Erfahrungen aus der Mobbing-Beratung, denn mit 15 Prozent der Anrufe ist das Schulwesen beim Stuttgarter Anti- Mobbing-Beratungstelefon relativ stark vertreten. Mechthild Schäfer, Wissenschaftlerin am Max- Planck-Institut für psychologische Forschung in München betont:,,an deutschen Schulen wird mindestens eines von zehn Kindern ernsthaft schikaniert, und mehr als eines von zehn Kindern schikaniert andere. (Der Spiegel, 34/1997, S. 170). Von Mobbing sind im übrigen alle Schularten gleichermaßen betroffen. Wie wirkt sich Mobbing aus? Mobbing macht physisch und psychisch krank, mit entsprechenden negativen sozialen Folgen. Für die Opfer gibt es kein Entkommen. Der Gemobbte hat mit Nervosität, Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten, Herzund Kreislaufproblemen sowie quälenden Erinnerungen, depressiver Verstimmung, Reizbarkeit oder Wutanfällen zu kämpfen. Die Betroffenen verstehen die Welt nicht mehr, fühlen sich isoliert und fehlen öfters in der Schule. Neben Rückzug sind Lustlosigkeit, Depression, Angstzustände oder ziellos wirkende Aktivitäten im Kampf gegen die Ungerechtigkeit zu beobachten. In extremen Fällen kann Suizidgefahr bestehen. Der Text C 11 geht auf soziale und psychische Folgen ein und wirft die Frage auf, aus welchen Gründen Hilfe oft unterbleibt. Zum nächsten Thema kann man mit der Frage überleiten: Welche Maßnahmen würdet ihr ergreifen, um den Opfern zu helfen? Wie kann man sich gegen Mobbing zur Wehr setzen? Da jeder Fall verschieden gelagert ist, sind einfache Ratschläge und Patentrezepte mit Vorbehalt zu genießen. Die Maßnahmen erfordern Sensibilität sowie Empathie und sind mit viel Aufwand und Engagement verbunden. Lösungsstrategien kann man in der angeführten Fachliteratur (z. B. bei Kasper 1998) nachlesen oder bei den dort angegebenen Beratungsstellen einholen. Mobbing ist ein Problem sämtlicher Schulangehörigen, nicht etwa das des Täters oder des Opfers allein. In der Regel wissen alle in einer Klasse, wann und wo Mobbing stattfindet. Die Schüler neigen dazu, ihre Rolle als Mitläufer zu unterschätzen. Die Schule sollte den Schülern das Beziehungsgeflecht und die Verhaltensmuster der beteiligten Personen (Mobber, Gemobbter, Mitläufer, Lehrer und Eltern als nicht Eingeweihte) klarmachen und am konkreten Fall Handlungsmuster erarbeiten. Vorrangiges Ziel muß es sein, daß die Beteiligten lernen, ihre Beziehungen anders zu gestalten und angemessen miteinander umzugehen. Wichtig ist, möglichst früh einzuschreiten, am besten präventiv. Hier taucht bereits die erste Hürde auf, denn nur jedes Dritte unter den Opfern teilt seinen Kummer den Lehrern mit, und nur jeder vierte Lehrer spricht ein Opfer von sich aus an. Hier sind genaue Beobachtung und Sensibilität gefragt. Die Errichtung eines Schikane- oder Anti-Mobbing-Briefkastens kann bei der Früherkennung helfen. Diese Maßnahmen lassen sich auf der Ebene der gesamten Schule anwenden (mit Einbeziehung der Gesamtlehrerkonferenz, der SMV und der Schulkonferenz). Das folgende Modell zielt auf die Konfliktlösung innerhalb einer Klasse. Die Schüler beraten gemeinsam, was zu tun ist. Für die betroffenen Schüler ist es wichtig, daß sie in ihrer Selbstsicherheit und ihrem Auftreten gestärkt werden. Um die Konflikt-

14 12 fähigkeit zu trainieren, erscheinen Rollenspiele methodisch am sinnvollsten. Da deutliche Strukturen helfen, Mobbing zu verhindern, bestehen weitere Lösungstrategien darin, Regeln aufzustellen, welche derartige Verhaltensweisen ächten. Dies geschieht zum Beispiel in Form einer Sammlung positiver Zielund Wertvorstellungen. Die Vorlage C 12 (Anti-Mobbing-Konvention) ist als Anregung gedacht, einen Verhaltenskodex in schülernaher Sprache zu erstellen. Sie dient als kollektive Mobhingprävention für eine ganze Schule, an die sich alle zu halten haben. Wer andere schikaniert, muß mit Konsequenzen rechnen. Mit der Klasse können Vereinbarungen zum Gewaltverzicht (mit entsprechenden Strafen) unter dem Motto,,Das wollen wir nicht! aufgestellt und verbindlich vereinbart werden. Eine weitere Lösungsstrategie stellt die Methode der Mediation dar, bei der unparteiische Dritte als Schlichter vermitteln. Hierzu gibt es ausgearbeitete praxisorientierte Trainingsprogramme für Schüler von Jeffrey und Noack (Schüler-Streit-Schlichter- Programm). Es geht hierbei um das konstruktive und friedliche Austragen von Konflikten, wobei u.a. besonderer Wert auf Hierarchiefreiheit und Selbsthilfe gelegt wird. Das praktische Ausbildungsprogramm gliedert sich in ein kooperatives Konfliktlösetraining und ein praktisches Ausbildungsprogramm für Schüler-Streit-Schlichter. Ein Element aus dem formalisierten Schlichtungsverfahren stellt das Schlichtungsformular (C 13) dar. Literaturhinweise zum Thema Mobbin9 Ene mene muh, und raus bist Du! Mobbing und Schule. Eine Dokumentation mit Fachbeiträgen und Beispielen der Initiative zur Förderung hochbegabter Kinder e.v. Stuttgart 1998 Hanewinkel, Reiner u. Knaack, Reimer: Mobbing: Gewaltprävention in Schulen in Schleswig-Holstein. Kiel, Juli 1997 Jeffreys, Karin u. Noack, Ute: Streiten, Vermitteln, Lösen: das Schüler-Streit-Schlichter-Programm für die Klassen 5 bis 10. Lichtenau Kasper, Horst: Mobbing in der Schule. Weinheim und Basel: Beltz 1998 Psychologie heute, August 1997 Die Freunde Neben der Familie und der Schule gilt die sogenannte Peer Group als weitere wesentliche Sozialisationsagentur. Unter Peers versteht man Menschen, welche etwa gleichen Rang und Status haben. In der Soziologie wird mit Peer Group die Gruppe der Gleichaltrigen im Kindes- und Jugendalter bezeichnet; die Jugendlichen selbst sprechen meist von der Clique oder ihrem Freundeskreis. Bereits im Kindergarten knüpfen Kinder Freundschaften mit Gleichaltrigen. Ungefähr mit zehn Jahren intensivieren sie die Kontakte, die im Jugendalter einen Höhepunkt erreichen. Die Familienbande lockern sich während der Jugendphase, da mehr Zeit außerhalb des Elternhauses verbracht wird. So muß sich die Familie nicht nur mit der Schule auseinandersetzen, sondern sie befindet sich auch in harter Konkurrenz zu dem Einfluß der Peer Group. An der Gruppe der Gleichaltrigen orientieren sich die Jugendlichen immer mehr, von ihr beziehen sie ihre Maßstäbe, bei ihr suchen sie Zuflucht. Diese Gruppe hat der Familie und der Schule sicher in manchen Bereichen den Rang abgelaufen oder zumindest streitig gemacht. Die Peer Group spielt als Sozialisationsinstanz neben Familie und Schule eine wichtige Rolle im Sozialisationsprozeß der Jugendlichen. Die Jugendphase ist glejchzusetzen mit einem Zeitabschnitt tiefgreifender Anderungen. Die körperliche Entwicklung ist durch starkes Körperwachstum und sexuelle Reifung gekennzeichnet. Die Persönlichkeitsentwicklung verläuft vielfach konfliktträchtig und krisenhaft, begleitet von einer gewissen Diffusität des Selbst- und des Weltbilds. Es beginnt der Abspaltungsprozeß vom Elternhaus. Jugendkulturen sind häufig Abgrenzungsversuche gegenüber der Erwachsenenwelt, die sich auch in einer eigenständigen Jugendsprache äußern. In den Augen der Jugendlichen gelten die Eltern nicht mehr viel. Die Jugendlichen verhalten sich ihnen gegenüber nun häufig maßlos und provokativ. Es kommt zum Krach mit den Eltern, die Schulleistungen verschlechtern sich, die Mithilfe im Haushalt wird verweigert, im Jugendzimmer herrscht Chaos. Neuere Untersuchungen zeigen aber, daß dies nicht generell gilt. Die Eltern sind keineswegs vollkommen abgemeldet, vielmehr haben die Hälfte aller Jugendlichen sowohl zu den Gleichaltrigen als auch zu ihren Eltern ein gutes Verhältnis (Shell-Studie 1997, S. 343). 4. Die Bedeutung der Gleichaltrigen (C 14 bis C 19) Viele Jugendliche können sich den Alltag, die Freizeit ohne die Clique gar nicht vorstellen. Die Karikatur C 14 (Familienszene) thematisiert den Ablösungsprozeß der Jugendlichen von den Erwachsenen und läßt sich über die angeführte Frage erschließen. Mit wem will die Jugend ihre Freizeit verbringen? Eine Antwort darauf gibt das Schaubild C 15 (Freizeitbeschäftigungen). Die Materialien machen deutlich, daß die Mehrheit der Jugendlichen ihre Freizeit hauptsächlich mit Freunden verbringt oder verbringen möchte. Die Freizeit in der Gruppe der Gleichaltrigen repräsentiert für die Jugendlichen das Leben überhaupt und rückt die anderen Bereiche an die Peripherie. Die folgenden Materialien belegen, daß mit den jugendlichen Gruppenbildungen offensichtlich Be-

15 13 dürfnisse befriedigt werden, welche die Gesellschaft sonst nicht oder nur unvollständig erfüllt. Sie zeigen, daß Jugendgruppen meist eine Reaktion der Jugendlichen auf die Welt der Erwachsenen sind und sich bewußt von der Familie und der Schule absetzen. Die Zugehörigkeit zu einer Peer Group ist im Regelfall freiwillig und kann aufgekündigt werden. Bovet (a.a.o., S. 10) beschreibt die Funktionen wie folgt:,,für die Jugendlichen ist die Peer-Gruppe Ubungsfeld für neu zu erwerbende Verhaltensweisen (diskutieren, tanzen...) und für neue Wertvorstellungen und Normen (Kleidung, Politik...). Fähigkeiten, die in Familie und Schule nicht viel Bedeutung haben..., werden in der Gruppe oft honoriert und bieten Kompensationsmöglichkeiten. Die Gruppe gibt Rückmeldungen über die Wirkung der eigenen Person auf andere, bietet Vergleichsmöglichkeiten und dient damit auch der Identitätsfindung. Sie bietet Orientierung und emotionale Unterstützung, die der sich von den Eltern lösende Jugendliche braucht. Peer Groups können für Jugendliche also sowohl eine normative Funktion (Erwerb von Werthaltungen und Einstellungen) als auch eine komparative Funktion (die Jugendlichen gewinnen im wesentlichen über die Peer Group ihre Selbsteinschätzung) haben (Naudascher 1978, S. 10). Mit eigenen Aufnahmen oder Texten können die Schülerinnen und Schüler ihren Freundeskreis vorstellen und erzählen, wie wichtig er ihnen ist. Der Liedtext des Hits,,Freunde (C 16) des bekannten Softrockquintetts Pur aus dem schwäbischen Bietigheim gibt auf einfühlsame Art eine Antwort auf die Frage nach den Besonderheiten einer engen Freundschaftsbeziehung. Neben den Freundeskreisen kommt es zur Entwicklung breiter Jugendbewegungen bis hin zu jugendlichen Subkulturen. Viele blicken dabei auf die Love Parade. Doch die größte Jugendbewegung ist eher still und präsentiert sich in Zeltlagern und bei Fußballturnieren. Ungefähr fünf Millionen 16- bis 25jährige geben sich in den Jugendverbänden unspektakulärem Zeitvertreib hin, wie die Tabelle C 18 (Mitgliedschaften) und der Text über die Pfadfinder (C 17) belegen. Vereine und Jugendverbände schaffen sozialen Zusammenhalt und bauen Brücken zwischen den Generationen. Ein anderes Phänomen sind die Fan-Gruppen der Boygroups, die fast nur aus jungen Mädchen bestehen. Ihr Verhalten und insbesondere ihr Rauschzustand, wie in C 19 (Kids werfen Kuscheltiere) beschrieben, erinnert in manchem stark an das Fanverhalten aus der Rock-and-Roll-Szene in der Mitte der fünfziger Jahre. Es erscheint reizvoll, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Gestern und dem Heute herauszuarbeiten. 5. Problematische Subkulturen (C 20 bis C 22) Gewalt kommt häufig aus der Gruppe. Jugendliche, die verzweifelt danach streben, eine seelische Krisensituation zu überwinden, bilden oft spontane Banden oder Gangs mit Gleichgesinnten oder treten diesen bei. Probleme sind zu erwarten, wenn Jugendliche in den Banden eine Art Familienersatz suchen, weil sie ihre familiären Beziehungen als unbefriedigend erleben. Besonders anfällig sind junge Menschen in Reifungs- und Entwicklungskrisen. Paart sich hierbei eine radikale Gewaltideologie mit blindem Gehorsam, begünstigt das Drogenmißbrauch, Gewalt, Vandalismus und halsbrecherische Mutproben. Das muß nicht zwangsläufig sein, liegt aber im Bereich des Möglichen, wie das Beispiel C 20 der radikalen Mädchenbewegung (,,Krswallmädchen ) zeigt. Der Anteil der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren, die sich extremen Jugendgruppen zugehörig fühlen, wie zum Beispiel Punks oder Skinheads, liegt nach Ergebnissen von Befragungen unter fünf Prozent. Trotzdem bilden blindwütiger Radikalismus, Jugendkriminalität und fanatische Sekten eine große Gefahr für die junge Generation und die gesamte Gesellschaft. Anhand von Bildern über Hooligans (C 21), Skins oder Punks sollen die Schüler beschreiben, was sie über solche Gruppen wissen. So sind zum Beispiel die dem Rechtsextremismus nahestehenden Skins mit ihren kurzgeschorenen Haaren, weiten Bomberjacken und Springerstiefeln an ihrer Aufmachung sofort zu erkennen; man sollte sich jedoch davor hüten, in jedem Glatzenträger einen Gewalttäter zu sehen. Punks werden der links-alternativen Szene zugerechnet; Hooligans finden sich im Umfeld von Fan- Gruppen im Fußball. Das Interview C 22 (Ohne Gewalt?) gewährt einen Einblick in die Denkweise von gewaltbereiten Skinheads. 6. Jugend und Politik (C 23 und C 24) Ist die Jugend politikverdrossen? Inwieweit ist sie bereit, sich in Gruppen zu engagieren? Mit diesen und anderen Fragen über Stimmungen und Trends bei Jugendlichen beschäftigen sich immer wieder Jugendstudien unterschiedlicher Auftraggeber mit teilweise sich widersprechenden Ergebnissen. Die Studie,,Teens 2000 von Grey hat herausgefunden, daß bei den Jugendlichen die Devise,,Das Leben genießen dominiere; die Deutsche Shell dagegen stellt fest:,,die gesellschaftliche Krise hat die Jugendlichen erreicht. Was die politische Beteiligung angeht, so bestätigt die zwölfte Shell-Studie geläufige Annahmen von einem gestörten Verhältnis zwischen Jugend und Politik. Es kommt den meisten Jugendlichen nicht in den Sinn, sich auf konventionellem Wege in die Politik einzumischen. Allerdings - und das ist die positive Botschaft-trotz nicht gerade günstiger Perspektiven resignieren die jungen Leute nicht. Das Schaubild C 23 (Politisches Engagement) zeigt, daß die Jugendlichen nicht nur viele Formen der politischen Beteiligung befürworten, sondern - wenn auch in geringerem Ausmaß -

16 14 sich selbst beteiligen. Zumindest starke Minderheiten unter den Jugendlichen sind bereit, sich einzubringen und mitzubestimmen. Sie wollen selbst die Ziele festlegen und diese auch möglichst rasch erreichen. Daran müssen wir im Unterricht anknüpfen. Möglichkeiten zum Mitmachen gibt es zum Beispiel in der Schülermitverwaltung, aber auf kommunaler Ebene auch in Jugendgemeinderäten. Solche Partizipationsmöglichkeiten bieten Chancen, etwas zu vermitteln, was Schule und Familie nur bedingt können: die Erfahrung, daß politisches Engagement auch erfolgreich sein kann. In Arbeitsgruppen könnten die Schüler einen möglichen Aufgabenkatalog für den Jugendgemeinderat ihrer Kommune aufstellen. Das Interview C 24 mit Jugendgemeinderäten aus Bad Wimpfen, Friedrichshall und Künzelsau beleuchtet Chancen und Probleme des politischen Engagements junger Menschen in der Kommunalpolitik. In Sachen Jugendgemeinderat interessierte Jugendliche erhalten Informationen und Tips bei Wolfgang Berger, dem Referenten für Außerschulische Jugendbildung bei der Landeszentrale für politische Bildung, Stafflenbergstraße 38, Stuttgart (Telefax 0711/ ). Aktuelle Themen, attraktive Preise Der Schülerwettbewerb des Landtags Komm heraus - mach mit beim Schülerwettbewerb des Umfrage Landtags! 3. Wahlalter 16? Landtagspräsident Peter Straub ruft die Schülerinnen und Werte deine Ergebnisse aus und nimm Stellung. Lege Schüler aller Schularten von Klasse 9 an zur Teilnahme am den Fragebogen bei. 41. Schülerwettbewerb des Landtags zur Förderung der po- Auswertung litischen Bildung auf. 4. Suche eine Karikatur, ein Bild, eine Bildgeschichte, ei- Der Landtag will die politische Bildung fördern, indem er zur nen kurzen Text, ein Zitat aus dem Bereich des Politi- Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Problemen sehen aus. Werte die Vorlage aus, und stelle das dort aufruft und dafür viele attraktive Preise aussetzt: angesprochene politische Problem vor. Nimm Stellung - Es gibt den Förderpreis des Landtags für herausragende dazu. Lege deine Vorlage der Arbeit bei. Arbeiten. - Eine einwöchige Studienfahrt mit Vorbereitungsseminar Erörterung, Facharbeit, Kommentar, frage, Wandzeitung, Zeitungsseite Reportage, Umfür rund 50 Erste Preisträgerinnen und Preisträger führt 5. Wo muss dem Erfinden eine Grenze gesetzt werden? nach Wien. 6. Wie sehe ich meine Zukunft? - Die besten Sonderschülerinnen und Sonderschüler fah- 7. Wieviele Unterschiede verträgt eine Gesellschaft? ren nach Hamburg 8. Mitbestimmen und mitgestalten - wo und wie? - Empfang und Preisverleihung durch den Landtagspräsi- 9. Welches politische Thema stellst du dir selbst? denten. Grenze es ein und formuliere es als dein Thema. Bear- - Über 1000 zweite und dritte Preise. beite es ausschließlich als Erörterung, Facharbeit, Kommentar, Reportage, Umfrage, Wandzeitung, Zeitungsseite. Folgende Themen stehen zur Auswahl: Plakat Brief, Dialog, Flugblatt, Gedicht, Kommentar, Kurzge- 1. Gestalte ein Plakat, das zu Partnerschaft und Mit- schichtev Piakatp Redes Sketch menschlichkeit aufruft. 10. Welches politische Problem brennt dir am meisten auf den Nägeln? Grenze es ein und formuliere es als dein Reportage Thema. Bearbeite es ausschließlich als Brief, Dialog, wird die Bundesrepublik Deutschland 50 Jahre Flugblatt, Gedicht, Kommentar, Kurzgeschichte, Planach Ereignissen, die dich beeindrucken; alt. Befrage Menschen, was sie erlebt haben; suche kat, Rede, Sketch. verwende anschauliche Illustrationen. Die Reportage muss sich auf einen von dir bestimmten Ausschnitt der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland begrenzen. Reportagen in Schriftform unterliegen den Bedingungen für schriftliche Arbeiten. Eine Hörfunk- oder Videoreportage darf eine Laufzeit von höchstens zehn heraus - Minuten haben. Bitte nur VHS-Kassetten für Videoaufnahmen verwenden. mach mit! Die Ausschreibungsunterlagen wurden an alle Schulen des Landes geschickt; Nachforderungen richten Sie bitte an Landeszentrale für politische Bildung - Schülerwettbewerb - Sophienstraße 28-30, Stuttgart Telefon: , Telefax: , Internet: Einsendeschluß: 25. November 1998

17 Texte und Materialien für Schülerinnen und Schüler 102 Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg KEIN ICH OHNE WIR KEIN WIR OHNE ICH Baustein A Ich lebe in Gruppen A I-A 2 Merkmale von Gruppen A 3-A 7 Rollenerwartungen und Rollenkonflikte A 8-A 9 Prestige und Statussymbole AIO-Al2 Soziale Normen und Ich-Identität Baustein B B l-bi0 Bll-BI4 B15-BI7 B18-B22 Meine Familie Was ist eine Familie? Die Familie als soziale Gruppe Familie als Sozialisationsinstanz Wie wird Familie erlebt? Baustein C c I-C 4 c 5-c 7 C 8-Cl3 c14-c 19 c 20 - c 22 C 23 - C 24 Die Schule und die Freunde Schule als sozialer Erfahrungsraum Lust und Frust in der Schule Mobbing unter Schülern Die Bedeutung der Gleichaltrigen Problematische Subkulturen Jugend und Politik Neckar-Verlag GmbH Villingen-Schwenningen Klosterring 1 Postfach 1820 aus: Politik und Unterricht Zeitschrift zur Gestaltung des politischen Unterrichts Heft 3/ 1998

18 Merkmale von Gruppen Al-Al2 Ich lebe in Gruppen L!!k Meine Welt Q Meine Familie Bild: Heilbronner Stimme Q Unsere Cliquen Bild: Götzinger I Ein normaler Die Schulklasse Bild: Im Verein: Heilbronner Rollstuhl-Basketballer Bild: Andreas Veigel Natalie ist 16 Jahre alt und besucht die 9. Klasse. Sie frühstückt um 7.00 Uhr mit ihren Eltern und ihrem drei Jahre älteren Bruder Andreas, der dieselbe Schule besucht. Die Mutter schimpft mit ihr, da sie gestern nicht wie vereinbart um Uhr von der Disco nach Hause kam und droht ihr damit, das Taschengeld zu kürzen. Um 7.10 Uhr fahren beide mit dem Bus los. Im Bus herrscht ein großes Durcheinander, obwohl die Gymnasiasten, Hauptund Realschüler getrennt voneinander sitzen. Andreas hat mal wieder seine Fahrkarte vergessen; er wird erwischt und muß zur Strafe 20 Mark bezahlen. Natalie sitzt neben ihrer Freundin Melanie, die mit ihrer Levi s Jeans, dem Chiemsee-Sweatshirt und den Nike-Schuhen mal wieder todschick gekleidet ist.,,wie macht die das bloß?, fragt sich Natalie,,,ihr Vater ist doch nur Kellner von Beruf? Man verabredet sich für heute abend zum Handballtraining. Um 7.50 Uhr beginnt für die zwei die Schule, die um Uhr endet. In der großen Pause gibt es Arger in der Klasse, denn zwei Mitschüler werden beim Rauchen erwischt und müssen dafür die Hausordnung abschreiben. Für Natalie selbst läuft der Vormittag ganz ordentlich ab, denn sie wird von ihrem Gemeinschaftskundelehrer für ihre guten Beiträge mehrfach gelobt. Schülertext

19 Rollenerwartungen und Rollenkonflikte 17.A m Typisch Lehrer? L!!!a Was wollen die alle von mir? Bild: Götzinger 1 A 4 1 Meine Last Zeichnung: Daniel Brunner I Dumm gelaufen Zeichnung: David Sommer Der Tag beginnt schon äußerst schlecht für Daniel, Schüler der 10. Klasse, als er mal wieder viel zu spät aus den Federn kommt und ohne Frühstück in die Schule hetzt. Beim Bäcker gleich neben der Schule, kauft er sich noch schnell eine Brezel und erscheint, wie so oft in letzter Zeit, unpünktlich in den Gemeinschaftskundeunterricht. Der Lehrer kennt keine Gnade, denn besonders er verlangt von seinen Schülern Pünktlichkeit und bestellt ihn für heute nachmittag zum Arrest ein. Während der Stunde möchte sein Nachbar sich mit ihm über das Fußballspiel VfB Stuttgart gegen Bayern München unterhalten, aber Daniel will nichts mehr riskieren und paßt lieber auf. Er müßte auch mal was für seine mündliche Note tun, haßt es aber andererseits, als Streber dazustehen. Hatte er doch erst letzte Woche dem Hausmeister freiwillig geholfen, was seine Mitschüler mit bissigen Sprüchen kommentierten. Nachdem er auch die letzten Unterrichtsstunden mehr oder weniger erfolgreich hinter sich gebracht hat, fährt er nach Hause, wo schon die Familie mit dem Mittagessen auf ihn wartet. Kaum hat er am Tisch Platz genommen, erfährt er gleich durch den Anruf seines Fußballtrainers, daß das Training auf heute abend vorverlegt wird. Um diese Zeit ist er doch mit seiner Klassenkameradin Katja verabredet, hinter der er schon lange her ist! Seine Mutter erinnert ihn an den Geburtstag von Tante Gerlinde, der spätnachmittags im Kreise der Familie gefeiert wird und bei dem man sich auch mal blicken lassen

20 Rollenerwartungen und Rollenkonflikte / Prestige und Statussymbole - sollte. Da piepst auch schon sein Handy mit der Nachricht, daß seine Freunde sich heute abend mit ihm in der Disco treffen wollen.,,und wie soll ich das alles unter einen Hut bringen? fragt sich David besorgt. Schülertext k-l Die Schüler... Wie der Lehrer den Schüler sieht. Wie manche Eltern ihre braven Kinder sehen. Zeichnung: David Sommer I Jobben für die Jeans von Joop,,Ich kaufe den Nike Air, weil ich einen möglichst leichten Sportschuh möchte. Adidas-Schuhe trage ich aber auch, die sind sehr bequem, sagt der vierzehnjährige Kiriakos.,,Mein teuerster Turnschuh hat 280 Mark gekostet. Das Geld verdiene ich mir beim Austragen von Werbeprospekten. Immer mehr Jugendliche bevorzugen Markenkleidung. No-Name-Produkte sind vor allem bei Jeans ziemlich out. Nach einer Verbraucheranalyse der Verlage Bastei, Bauer und Springer, für die über 2000 junge Leute befragt wurden, hat sich die Vorliebe für Marken-Jeans 1995 im Vergleich zu 1994 weiter verstärkt. Nicht nur Waren mittlerer Preisklasse wie die traditionelle Levi s 501, sondern zunehmend auch gehobene Mode-Fabrikate wie Diesel, Joop und Replay wandern über die Ladentheke in die Hände von Teenagern... Im Durchschnitt stehen den sechs- bis 17jährigen monatlich 47 Mark für den Konsum zur Verfügung. Aufgebessert wird das Taschengeld durch kleinere Tätigkeiten zu Hause, die im Schnitt mit fünf Mark bezahlt werden. 18 Prozent jobben zusätzlich in ihrer Freizeit. Andreas Knall: Jobben für die Jeans von Joop. Heilbronner Stimme vom , S. 27 m Kaufverhalten Wie viek Kids (in %) bei der Anschafkmg bestimmter Waren ihren Willen durchsetzen DEcbMiTTEl CD-KATER Zeichnung: Monika PolaszlStern Quelle: Kids Verbraucher Analyse 1996 Basis: 1276 Kinder im Alter von 6-l 2 Jahren

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