Tröstende Philosophie? Eine Auseinandersetzung mit Boethius Trostschrift "Der Trost der Philosophie"

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1 Geisteswissenschaft Anne-Kathrin Mische Tröstende Philosophie? Eine Auseinandersetzung mit Boethius Trostschrift "Der Trost der Philosophie" Masterarbeit

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3 Universität Bielefeld Fakultät für Geschichtswissenschaft, Theologie und Philosophie Abteilung Philosophie Modul Praktische Philosophie Sommersemester 2010 Abschlussarbeit im Master of Education-Studiengang Philosophie mit dem Thema: Tröstende Philosophie? Eine Auseinandersetzung mit Boethius Trostschrift: Der Trost der Philosophie vorgelegt von: Anne-Kathrin Mische M.Ed.Kernfach: Philosophie M.Ed.Nebenfach: Erziehungswissenschaft

4 1. Einleitung Der Trostbegriff Trost und Philosophie Die Gattung der Trostliteratur Die Sophistik Der Kynismus Die Stoa Fazit Der Trost der Philosophie von Boethius Das erste Buch: Trauer über die fehlende Harmonie in der Welt Das zweite Buch: Glück und Schicksal Das dritte Buch: Gott ist höchstes Glück und Gut Das vierte Buch: Das Böse ist nur scheinbar mächtig Das fünfte Buch: Die Vorhersehung schafft Ordnung Wie tröstet sich Boethius? Die Prüfung der Gültigkeit der inhaltlichen Tröstung des Boethius Boethius Weltbild Warum Philosophie heute nicht mehr auf Boethius Trostvorstellung zurückgreifen kann Humes Kritik an einem vorhersehenden Gott Verändertes Weltbild und veränderte Aufgabe der Philosophie Sinn und Trost Die methodische Trostmöglichkeit des Boethius in der heutigen Philosophie Das ungemilderte Bewusstsein der Negativität Die Möglichkeit des Bessern Schluss Literaturverzeichnis

5 1. Einleitung Unser Bedürfnis nach Trost ist unersättlich 1. Der schwedische Autor Stig Dagermann schrieb diese Worte im Jahre Sie besitzen zeitlose Aktualität. Jeder Mensch benötigt im Laufe seines Lebens Trost. Immer wieder erlebt man Verluste und muss mit Enttäuschungen und Schicksalsschlägen umgehen. Das Bedürfnis nach Trost haben Georg Simmel und Hans Blumenberg anthropologisch begründet. Georg Simmel schreibt: Der Mensch ist ein trostsuchendes Wesen 2. Warum der Mensch ein trostbedürftiges Wesen ist, führt Hans Blumenberg weiter aus: [ ] ein Wesen, welches über einen so natürlichen Vorgang wie den des Todes anderer Organismen untröstlich sein kann, ist in ganz anderer Weise mit der Trostbedürftigkeit bis an den Grenzwert der Untröstlichkeit ausgestattet. Der Mensch ist zweifellos ein Wesen, welches aus seiner Vorgeschichte heraus nicht beliebig flüchten kann, auch nicht vor dem Schmerz. Dies muss in der Anthropogenese irgendwann eine entscheidende Rolle gespielt haben: nicht mehr flüchten zu können, andere Formen der Herausarbeitung aus der Sackgasse zu finden Der Mensch ist immer wieder mit Tod, Elend und Leid konfrontiert. Er kann vor alledem nicht fliehen, deshalb muss er Mittel und Wege finden, mit diesem Elend umzugehen. Darum hat er die Kategorie des Trostes entwickelt, die ihn - so Blumenberg - dazu befähigt, das, was er nicht ändern kann, zumindest partiell abzuwälzen, aufzuteilen, mit anderen zu teilen oder sogar institutionell zu delegieren. Blumenberg erweitert den Ansatz von Simmel. Nicht nur aufgrund seiner Veranlagung, Leid auch psychisch empfinden zu können, brauche der Mensch Trost. Der Mensch brauche Trost, weil er an der Kontingenz seines Elends und seines Daseins leide 4. Blumenberg erklärt dies auf folgende Weise: Der Mensch sei als einziges Lebewesen dazu fähig, sich nach erschütternden, existenziell bedrohlichen Ereignissen die Fragen nach dem Sinn und nach dem Warum seines Leidens zu stellen, da er seinen Kummer 1 letzter Zugriff am , 16:48 Uhr. 2 vgl.simmel, Georg: Fragmente und Aufsätze aus dem Nachlass, München 1923, S vgl.blumenberg, Hans: Beschreibungen des Menschen, Frankfurt a.m. 2006, S ebda. 3

6 in den meisten Fällen als unbegründet erfährt. So fragen sich Menschen während oder nach schwerem Leid, warum ausgerechnet ihnen so etwas widerfahren muss oder weshalb sie eine bestimmte Erfahrung nicht erleben dürfen. Die Fragen: Warum gerade ich?, Warum nicht auch ich? bis hin zu Warum überhaupt ich? sind nicht zu beantworten, müssen aber in ihrer Schwere dennoch vom Menschen ausgehalten werden 5. Insbesondere die Frage Warum gerade ich?, die eine Antwort auf die Zufälligkeit von Leiderfahrungen haben möchte, kann Menschen in Verzweiflung stürzen. Ihm fehlt ein erkennbarer Grund für sein Leiden. In solchen Fällen steht die Welt auf der einen Seite, der Mensch, der an dieser Welt und wie sie sich ihm präsentiert leidet auf der anderen Seite. Er leidet entweder an realen Geschehnissen, die er nicht einordnen und akzeptieren kann oder an seiner Existenz, die nicht begründbar ist. Aufgrund dessen leidet er nicht nur an den Geschehnissen selbst, sondern auch an der Welt, die ihn durch Schmerz, Trauer und Nichtverstehen hilflos macht. Die Welt widerspricht in einem solchen Fall den Interessen und Wünschen des Menschen und wird somit different zu ihm. Der Mensch ist also auch deswegen ein trostbedürftiges Wesen, weil schmerzvolle Geschehnisse und das Leid, das damit verbunden ist, immer auch an Fragen gebunden sind, die dieses Leid begründen und einordnen wollen, letzen Endes aber nicht zu beantworten sind. Die daraus resultierende Differenz zwischen dem Menschen und der Welt ist dafür verantwortlich, dass Menschen Trost brauchen. Sie wollen sich nach Leiderfahrungen wieder mit der Welt verbunden fühlen. Wenn das Bedürfnis nach Trost Bestandteil jedes menschlichen Lebens ist, lässt sich die Frage stellen, inwieweit Philosophie diesem Trostbedürfnis nachgekommen ist und nachkommen kann. Grundlage dieser Arbeit ist die spätantike Schrift Der Trost der Philosophie von Boethius. Anhand einer Analyse des Werkes soll gezeigt werden, mit welchen Argumenten und wie Boethius sich tröstet. Der philosophische Trost, der in der Trostschrift des Boethius vorhanden ist, wird anschließend in einen inhaltlichen und einen methodischen Trost aufgeteilt. Beide sollen auf ihre heutige Gültigkeit untersucht werden, wobei auch die Legitimation der inhaltlichen Tröstung zur Zeit des Boethius erläutert werden soll. 5 vgl. ebda, S

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