-Interview mit Prof. Dr. Bernd Overwien zur Bedeutung außerschulischer Lernorte in Schule und Lehrerbildung.

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1 Dietrich Karpa Kooperation will gelernt sein -Interview mit Prof. Dr. Bernd Overwien zur Bedeutung außerschulischer Lernorte in Schule und Lehrerbildung. Zusammenfassung: Praktiker weisen u.a. im Zusammenhang von Globalem Lernen und BNE immer wieder auf die Notwendigkeit hin, handlungs- und kompetenzorientiert zu arbeiten und dabei vielfältige Kooperationen einzugehen. Vielerorts gehören solche Kooperationen bereits zur schulischen Praxis und zur Arbeit von Nichtregierungsorganisationen (NGO). Erkundungen außerhalb der Schule finden etwa in vor- und nachbereiteten Besuchen von Ausstellungen und Aktivitäten statt, die mit BNE und Globalem Lernen inhaltlich verbunden sind. Es wird hier aber auch betont, dass Kooperation gelernt sein will und Kooperationen nicht immer die Erwartungen beider Seiten treffen. Zu unterschiedlich sind die Arbeitskulturen von Schulen und NGO. Einige Beispiele zeigen die Möglichkeiten. Schlüsselwörter: Außerschulische Lernorte, globales Lernen, Bildung für nachhaltige Entwicklung Cooperation is a Thing to be Learned Abstract: In the context of Global Learning and ESD, practitioners consistently underline the necessity to work action and competence oriented and to enter into diverse collaborations. In many places, such cooperation already forms part of schools' practices and of the work of Non-Governmental Organisations (NGOs). Explorations outside of schools take place for instance through prepared and afterwards evaluated visits of exhibitions and activities related to the contents of ESD and Global Learning. It must however be emphasized that cooperation is a thing to be learned and that cooperation does not always answer both sides' expectations. Working cultures of schools and NGOs are simply too different. Keywords: schools and extra-school partners, global education, education for sustainable development 1. Herr Overwien, wie beurteilen Sie grundsätzlich die Relevanz außerschulischer Lernorte für den Schulunterricht und innerhalb der Lehrerbildung? Lernorte außerhalb der Schule in die schulischen Lernprozesse einzubeziehen, kann diese bereichern und in vielen Fällen sowohl zusätzliche Lerngelegenheiten, als auch Vertiefungen des Lernens bieten. Naheliegender Weise ist es beispielsweise im Biologieunterricht ratsam, sich Phänomene aus dem schulischen Unterricht im real existierenden Zusammenhang anzusehen, soweit möglich auch experimentell tätig zu werden. Im Fach Politik und Wirtschaft kann es sinnvoll sein, einen Betrieb unter verschiedenen Aspekten zu erkunden. Ein gut vorbereiteter Parlamentsbesuch in der Landeshauptstadt oder auch in Berlin oder Brüssel kann ebenso schulisches Lernen sinnvoll ergänzen wie ein Gerichtsbesuch. Damit sind einige 1

2 Klassiker im Bereich außerschulische Lernorte angesprochen, die auch in Fächer verbindende Überlegungen einbezogen werden können. Innerhalb der Lehrerbildung sollte auf die Nutzung außerschulischer Lernorte vorbereitet werden. Die Nutzung eines solchen Lernortes ist ja nicht ohne Vorüberlegungen und Einbindungen in Unterricht sinnvoll. Es bedarf der Vorbereitung, wie sie aus methodischen Überlegungen der Erkundung bekannt ist, und es bedarf auch der Nachbereitung und damit der Integration in Unterrichtszusammenhänge. An der Universität Kassel arbeiten wir zum einen mit dem Verein Kopiloten e.v. zusammen. In Kooperation mit der Universität wurde hier ein konsumkritischer Stadtrundgang entwickelt, der auch von Schulen genutzt wird. Das Projekt KasselAssel Kinderreporter 1 brachte Schülerinnen und Schüler mit kommunalpolitischen Fragen in Kontakt. Kinder stellten Kommunalpolitikern ihre Fragen und veröffentlichten die Antworten im Internet. An beiden Projekten sind bzw. waren in allen Phasen Lehramtsstudierende an Planung und Durchführung beteiligt. Darüber hinaus besuchen Studierende des Sachunterrichts, des Faches Politik und Wirtschaft oder der Biologie regelmäßig das Tropengewächshaus der Universität Kassel in Witzenhausen. 2. Wie ist der Zusammenhang zwischen außerschulischem Lernen und informellem Lernen? Der Begriff des informellen Lernens ist in Deutschland noch nicht breit bekannt, im Gegensatz zu den englischsprachigen Ländern. Es geht hier schlicht um die Tatsache, dass Lernen nicht nur in organisierter Form stattfindet, also formal in Schulen und Universitäten oder nonformal in der Volkshochschule oder in vielfältigen Kursen anderer Anbieter. Es liegt auf der Hand, dass sowohl im Rahmen von Freizeitaktivitäten, als auch bei Problemlösungen in der Arbeit bedeutsame Lernprozesse stattfinden. Ein solches Lernen bezeichnet man als informelles Lernen. Dies ist nicht automatisch besser als formelles Lernen, es ist anders, kann durchaus auch fehlerhaft sein und ist biographisch oft sehr bedeutsam. Formales Lernen bildet natürlich in vielen Fällen die Grundlage von informellen Lernprozessen, auch hier gilt die altbekannte Aussage vom Lernen lernen. Außerschulische Lernorte haben das Potential, informelles Lernen mit formalem Lernen zu verbinden. So kann in Exploratorien oder ähnlichen Einrichtungen, wie dem Mathematikum in Gießen, dem Phaeno in Wolfsburg, dem Multimar-Wattforum in Tönning, sehr eigenständig informell etwas über Mathematik, Naturwissenschaften oder über Zusammenhänge im Lebensraum Wattenmeer gelernt werden. In diesen vorbereiteten Lernumgebungen können aber auch vorbereitete Erkundungsaufträge dazu dienen, bestimmten Fragen nachzugehen. 3. Welche Rahmenbedingungen halten Sie für unabdingbar bei der Implementierung außerschulischer Lernorte? Es muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass Kooperationen mit außerschulischen Lernorten nicht immer die Erwartungen beider Seiten treffen. Zu unterschiedlich sind die Arbeitskulturen von Schulen und anbietenden Nichtregierungsorganisationen etwa zum globalen Lernen. Deshalb und auch aus Gründen der Qualitätssicherung wurde beispielsweise im Land Berlin eine Vereinbarung zwischen der Bildungsbehörde und der Vereinigung der Nichtregierungsorganisationen geschlossen, die deren Angebote für Schulen transparenter macht und verdeutlicht, wer schulischen Standards gerecht werden kann. Dazu gehört 1 Vgl. 2

3 eine Reihe von Qualitätskriterien, denen die in einer offiziellen Liste verzeichneten Organisationen genügen müssen. So müssen die Anbieter verlässliche Strukturen und eine kompetente Durchführung ihrer Angebote gewährleisten. Sie verpflichten sich zu einer Orientierung an Menschenrechten und sehen in Menschen aller Kontinente handelnde Subjekte und nicht Objekte von Hilfe. Sie weisen alle Formen von Diskriminierung zurück, was sich auch in den Veranstaltungsformen und Inhalten ausdrücken soll. Die Angebote sollen sich im Übrigen am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung orientieren und eine Verbindung von Sozialem, Politik, Umwelt und Wirtschaft im lokalen und globalen Kontext anstreben. Ziel ist die Steigerung der Urteilsfähigkeit der Lernenden, eine Überwältigung und moralisch/ideologisch gebundene Beeinflussung der Schülerinnen und Schüler muss ausgeschlossen sein. Seitens der Schule ist eine angemessene Vor- und Nachbereitung des Besuchs eines außerschulischen Lernortes Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit. Ein Besuch eines außerschulischen Lernortes als Wandertag wird den Potentialen solcher Orte kaum gerecht. 4. Welche Rolle spielen Orte außerhalb der Schule in den Konzepten Globales Lernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung? Im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) gibt es verschiedene geeignete Lernorte, wie etwa das bereits erwähnte Multimar Wattforum. Auch Jugendherbergen mit Nachhaltigkeitsschwerpunkt sind in diesem Kontext zu nennen oder als weiteres Beispiel der Waldkronenpfad im Nationalpark Hainich in Thüringen. Im Feld des globalen Lernens sind botanische Gärten als Beispiel zu sehen, besonders solche, die über ein Tropengewächshaus verfügen. Das Projekt WeltGarten in Witzenhausen 2 verknüpft verschiedene Methoden globalen Lernens und bezieht sich ausdrücklich auch auf den Rahmen einer BNE. In Kooperation von Nichtregierungsorganisationen und dem dort vorhandenen universitären Lernort Tropengewächshaus, wird an drei Lernorten gearbeitet: dem Tropengewächshaus, einer ethnographischen Sammlung im Kontext der ehemaligen deutschen Kolonialschule und einem Weltladen in der nahen Innenstadt des Ortes. Jährlich kommen mehr als Schülerinnen und Schüler, und mittels entsprechender Materialien kommen sie bereits orientiert und vorbereitet nach Witzenhausen. Dort treffen sie auf didaktisch erprobte Lernarrangements und Strukturen. Im Tropengewächshaus finden die Kinder und Jugendlichen an verschiedenen Stationen schülergerechte Materialien vor, die den dort stehenden Kaffeestrauch, die Kakaopflanze, die Banane, die Ölpalme oder Parfümpflanzen in ökologischer, ökonomischer und auch sozialer Hinsicht erklären. Bei der Bearbeitung der Stationen stehen den jungen Leuten Expertinnen und Experten zur Verfügung. So gewinnen sie im Tropengewächshaus ein Bild über tropische Pflanzen und Produkte und ihre Beziehungen zu unserer Welt. Sie erfahren, dass sowohl in der Geschichte als auch in den aktuellen Wirtschaftsbeziehungen die verschiedenen Seiten der Welt nicht zu trennen sind. In der ethnographischen Sammlung geht es um einen kritischen Blick auf den Kolonialismus. Am geschichtlichen Ort kann dies anhand von Ausstellungsobjekten geschehen. Im Weltladen lernen die Schüler etwas über die dort vorzufindenden Produkte und können Bezüge zwischen den Pflanzen im Tropengewächshaus, kolonialen Strukturen und Entwicklung und Konsumprodukten herstellen. 2 3

4 Im WeltGarten soll die sinnlich erlebbare Atmosphäre des Tropenhauses genutzt werden, um das Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen lokalen und globalen Bedingungen und Beziehungen zu schärfen. Orientiert an der Bildung für nachhaltige Entwicklung werden ökologische, soziale und ökonomische Faktoren gleichermaßen behandelt. Thematisch bewegen sich die Veranstaltungen im Bereich des Fairen Handels, der Biodiversität, des Regenwaldes und der Globalisierung. 5. Welche pädagogischen Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Konzept und welche Lernerfolge lassen sich beobachten? Lernerfolge sind generell schwer zu messen, insbesondere, wenn ein längerfristiger Effekt im Mittelpunkt des Interesses steht. Damit müssen Pädagoginnen und Pädagogen teils einfach leben. Es gibt aber auch Forschungsergebnisse zum Globalen Lernen am außerschulischen Lernort. Die Lernprozesse im Tropengewächshaus Witzenhausen und an drei anderen Standorten wurden im Rahmen eines durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt finanzierten Projektes ( ) untersucht, jeweils auch mit dem Ziel, die Lernarrangements zu verbessern, einschließlich vor- und nachbereitender Materialien. Dabei wurde mit den Kompetenzzielen des Orientierungsrahmens für den Lernbereich Globale Entwicklung 3 der Kultusministerkonferenz gearbeitet. Hierbei zeigten sich positive Ergebnisse u.a. bei einem Lernprojekt Viele Menschen decken unseren Tisch. Die Ansprache aller Sinne und aktivierende Lernformen wurden von den befragten Schülern sehr positiv vermerkt, soweit man das mit dem zur Verfügung stehenden Instrumentarium sagen kann, wurden hier und in anderen Fällen die Kompetenzziele zu guten Teilen erreicht. Es gelingt hier, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, komplexe Zusammenhänge bezogen auf ökonomische, ökologische und soziale Aspekte von Pflanzen (Kaffee, Kakao, Tee, Baumwolle, Parfümpflanzen und viele andere) zu erschließen. 6. Wie sollte die Wahrnehmung außerschulischer Lernorte von den Lehrer/innen vor- und nachbereitet werden? Die Vor- und Nachbereitung ist nicht anders zu gestalten, als dies bei Unterrichtsmethoden, wie etwa dem Projekt oder auch der Erkundung Voraussetzung ist. Das heißt etwa, dass Schülerinnen und Schüler mit erarbeiteten Untersuchungsfragen ausgestattet werden und dass sie anschließend gemeinsam die Lernprozesse am Lernort reflektieren. Viele außerschulische Lernorte bieten Vor- und Nachbereitungsmaterialien an, um die Einstiegsschwelle für die Lehrkräfte niedrig zu gestalten. 7. Welche Probleme gibt es bei der Begegnung mit Erwachsenen in außerschulischen Lernorten beeinflussen sie die Schüler durch ihr Wissen und ihre Überzeugungskraft nicht zu stark? Außerschulische Lernorte entfalten durch ihre Authentizität oft eine besondere Wirkung. Dies ist für die Lernprozesse förderlich, kann aber auch zum Problem werden, wenn sie von den Gestaltern des Lernortes in manipulativer Absicht genutzt werden, was theoretisch möglich und für den Bereich von Spendenwerbung durchaus auch hier und da noch anzutreffen ist. 3 Vgl. BMZ/ KMK (Hrsg.): Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung. Bonn u. Berlin Anmerkung: Im Sommer 2015 wird eine überarbeitete Fassung des Orientierungsrahmens der KMK zur Verabschiedung vorgelegt. Vgl. auch die Angaben unter

5 Hier ist es wichtig, dass die Anbieter ihre Absichten transparent machen und etwa im Internet oder auch in Broschüren ihren Hintergrund und die Philosophie des Trägers darstellen. Geschieht dies nicht, ist Vorsicht geboten. Eine Überwältigung der Schüler/innen (Beutelsbacher Konsens 4 ) ist zu vermeiden. Es liegt aber andererseits auch in der Rolle der Lehrenden, im weiteren Verlauf kontroverse Aspekte deutlich zu machen. 8. Wo sehen Sie Grenzen und Hemmschwellen bei der Implementierung außerschulischer Lernorte? Grenzen und Nutzungsprobleme sind einerseits bei der unterrichtlichen Planung zu sehen. Ähnlich wie bei Projekttagen u.a. müssen sich mehrere Lehrkräfte im Einverständnis mit der Schulleitung auf einen organisationalen Rahmen einigen. Dann entstehen Fahrtkosten, die nicht von allen Schüler/innen gleichermaßen leicht zu tragen sind, ein Problem, dass ja auch von anderen schulischen Veranstaltungen bekannt ist. Außerschulische Lernorte im Bereich des Globalen Lernens bieten oft eine Übernahme dieser Kosten oder können Hinweise geben, wo es eine Förderung gibt. Dies verursacht dann natürlich weitere Arbeit, was im enggestrickten Lehreralltag zu einem Hemmnis werden kann. 9. Was wird von Lehrerinnen und Lehrern erwartet, die außerschulisches Lernen im Unterricht etablieren wollen? Es wird die Bereitschaft erwartet, sich auf die Potentiale des Lernortes vorzubereiten und eine vermittelnde Rolle zwischen dem schulischen Lernen und den zu erschließenden Lernpotentialen vor Ort zu spielen. Gleichzeitig müssen Lehrkräfte in der Lage sein, auch die Professionalität der Anbieter ernst zu nehmen und sie in ihrer Rolle zu akzeptieren. 10. Wie kann die Lehrerbildung auf die formalen und informellen Lernchancen außerschulischer Lernorte vorbereiten? Inwieweit können Projekte mit Lehramtsstudenten hierbei eine Rolle spielen? An der Universität Kassel werden angehende Lehrkräfte im Rahmen von Erkundungen innerhalb der Biologie-, Politik- und Grundschuldidaktik auf die Potentiale und Umgehensweisen mit außerschulischen Lernorten vorbereitet. Vorbereitet wird derzeit auch eine längerfristige Kooperation von Schulen mit außerschulischem Lernort und der Hochschule im Rahmen der Schulpraktischen Studien. Hier gibt es bereits eine Reihe von positiven Erfahrungen

6 Bernd Overwien ist Professor für die Didaktik der politischen Bildung am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel. Er ist Zweitmitglied am Institut für Erziehungswissenschaft derselben Hochschule. Arbeitsschwerpunkte: Globales Lernen, informelles Lernen, Lernortkooperation, Partizipation. Hierzu: Overwien, Bernd/ Rode, Horst (Hrsg.): Bildung für nachhaltige Entwicklung: Lebenslanges Lernen, Kompetenz und gesellschaftliche Teilhabe. Leverkusen-Opladen 2013 Overwien, Bernd: Lernen (in-) formell und Bildung (non-) formal. In: Lang-Wojtasik, Gregor; Klemm, Ulrich (Hrsg.): Handlexikon Globales Lernen. Münster/Ulm 2012, S Horst, Peter/ Moegling, Klaus/ Overwien, Bernd: Politische Bildung für nachhaltige Entwicklung. Immenhausen

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