Gnade und Friede sei mit euch, von dem der da war und der ist und der kommt. Amen.

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1 Predigt am Ewigkeitssonntag (20. November 2016) in St. Salvator, Gera. Gnade und Friede sei mit euch, von dem der da war und der ist und der kommt. Liebe Gemeinde, als ich ungefähr Dreißig war, klemmte ich mir den Daumen in der Tür zur Bibliothek. Es war eine schwere Metalltür, aber sie hatte mich auch nicht richtig erwischt. Der Schmerz verging schnell. Aber dann erschienen zwei schwarze Punkte auf dem Nagel und verschwanden wieder. Und dann löste sich ein Teil des Nagels ab. Und diese Verletzung blieb. Sie heilte nicht wieder Bis heute nicht. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass eine Wunde nicht heilte, dass mein Körper nicht dafür sorgte, dass nach der Verletzung alles wieder so war wie früher. So beginnt das Alter, dachte ich mir, der Körper ist nicht mehr in der Lage, sich vollständig zu regenerieren. Dann fielen mir ein paar Narben ein, die ich beim Toben mit meinem Vater im salzigen Meer oder beim Fussballspielen davon getragen hatte, als ich auf Knien über den Rasen rutschte. Auch die erinnerten mich unauslöschlich an eine Verletzung. Aber das war nicht dasselbe, fand ich. Das waren eher die Trophäen meines Lebens, die Glücksmomente. Aber die Erfahrung mit der Bibliothekstür, hieß: "Ich werde nicht mehr neu." Das war die erste Erfahrung mit dem Tod am eigenen Leibe. Das Ende des Gefühls der Unverletzlichkeit, das man als Kind und als Heranwachsender hat. Vielleicht heißt erwachsen werden, einmal eine solche Erfahrung mit dem Tod zu machen, sie ins Leben zu integrieren, um dann mit dem Tod zu leben. Unser Predigttext enthält die gleichen Motive. - Vom Tod und vom Neuwerden

2 ist auch hier die Rede. Aber nicht mittels einer kleinen, eher beiläufigen Situation, wie ich es eben versucht habe, sondern er malt ein großes Tableau. Der Seher Johannes entwirft eine gewaltige Vision. Hören Sie zu: Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind verschwunden, und das Meer ist nicht mehr-. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herab kommen, gerüstet wie deine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist. Und ich hörte eine laute Stimme vom Throne her sagen: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen; und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein. Und er wird alle Tränen abwischen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sagte zu mir: Schreibe! Denn diese Worte sind zuverlässig und wahr. Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende Ich will dem Dürstenden aus dem Quell des Wassers des Lebens geben umsonst. Wer überwindet wird dies ererben und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. Dieser Text ist wie ein großer Schlussakkord. Fast am Ende der Bibel ruft er alles auf, was die Instrumente zu bieten haben. Das Warten auf Gott wird ein Ende haben. Das Warten auf Gerechtigkeit wird ein Ende haben. Das Leiden an unserem kleinen Leben wird ein Ende haben. Das Herumirren und das Suchen nach dem Sinn wird ein Ende haben. Denn Gott wird bei uns leben und er wird uns von dem lebendigen Wasser geben. Und deshalb kann jedes Verlangen nach ihm und nach der Fülle des Lebens aufhören,

3 es kann aufhören, weil es erfüllt ist. Überhaupt das Verlangen, eigentlich kann man sogar sagen die Begierde, denn unser Text findet erotische Bilder für die Erfüllung dieses Traumes, dass Gott bei uns wohnen wird. Das neue Jerusalem wird aus dem Himmel herab gelassen. Und es ist geschmückt wie eine Braut. Wer ist eigentlich der Bräutigam? Der Bräutigam ist Gott selbst. Er wird der Stadt beiwohnen und alles Leid mit Zärtlichkeit verschwinden machen. Und wer ist Jerusalem, die Braut? Das sind wir. Denn Jerusalem ist der Ort für die Gerechten. Für sehr viele Gerechte, denn die Zahl , die in der Apokalypse genannt wird, ist ein nur ein anderes Wort für die Zahl "unendlich". 12 x 12 sind 144. Das heißt die zwölf Stämme Israels mit den zwölf Aposteln multipliziert. 12 x 12. Und das Ergebnis mal 1.000! Das ist für antike Vorstellungen eine unermessliche Zahl. Wir denken: Vor ein paar Jahren hatte selbst Gera noch Einwohner Also von der ganzen Weltgeschichte bleiben die Einwohner einer mittelgroßen Stadt übrig. So wenige werden gerettet! Aber in der Vorstellung dessen, der unseren Text schrieb, war diese Stadt randvoll mit Menschen aller Art. Eine unübersehbare Menge, größer als jede Stadt, die man schon gesehen hatte. So viele Gerettete - und alle in Hochzeitsstimmung! Nur schade, dass von der Welt, wie wir sie kennen, nichts übrig geblieben ist! Denn es ist ein neuer Himmel und eine neue Erde und es ist ein neues Jerusalem. Das alte Jerusalem, der alte Himmel und die alte Erde sind nicht mehr. Besonders das Meer, damals die Brutstädte des Bösen, vor allem der Chaosmächte Leviathan und Behemoth, ist nicht mehr. Es ist alles ausgemerzt, was Gott entgegenstand.

4 Es ist alles verschwunden, was seine Gegenwart nicht aushält, Leid, Geschrei, Schmerz und der Tod. Vor allem der Tod. Der Tod ist die zentrale Kraft, die dem Leben entgegen steht. Der Tod ist die Vernichtung des Lebens. Es wird ihn nicht mehr geben. Die unermessliche Zahl der Erretteten wird der Ewigkeit entgegen leben ohne Narben und Geschrei. Hier stutze ich. Ist mir dieser Traum eigentlich sympathisch? Gut, ich verstehe die Situation einer bedrängten Gemeinde, in der Leid, Geschrei und Tod tägliche Erfahrung sind, in der jeder weiß, worauf diese Worte anspielen. Ich verstehe diese Gemeinden in Bedrängnis, dass sie sich vorstellen, wie ihr endgültiger Triumph aussehen wird. Aber sind das überhaupt noch wir, diese Gerechten mit ihren neuen Körpern? Ihnen fehlen doch die Narben, die unser Leben sind. Die Narben, die beim Tollen im Meer entstanden sind oder beim Basteln im Keller, beim Unfall mit dem Skateboard. Ganz zu Schweigen von den seelischen Narben, die Menschen haben, die ein Kind verloren haben, eine Ehefrau, die Oma oder den Opa. Und die Lebensnarben der Menschen, die die Hoffnung aufgegeben haben, in diesem Leben noch einmal Glück zu finden, weil sie keine Arbeit mehr haben, noch sich eine erhoffen, oder weil sie glauben, in ihrer Ehe nun durchhalten zu müssen bis ans Ende und nicht an die Erneuerbarkeit der Liebe glauben, an Menschen, die in einem andauernden Streit leben und nicht glauben, dass sie noch einmal aus den Schützengräben des Hasses heraus steigen können.. Unsere Narben, auch unsere seelischen Narben, machen uns aus. Das ist unsere Geschichte. Das sind wir.

5 Ich stelle mir vor, dass im Neuen Jerusalem neue Menschen sind. Aber ich stelle mir vor dass das Neuwerden an den alten Narben begonnen hat und dass es ein Prozess war wie eine Heilung. Alles das in unserem unserem Leben, was uns hat resignieren lassen, das Stumme und Unbewegliche, das wird beginnen, neu zu werden. Unsere Narben werden leuchten und die Glücksfähigkeit wird zurückkehren, die Lebensfähigkeit: nach der Wunde eines Verlustes, wenn wir einen nahen Menschen verloren haben, wieder neu austreiben zu können, neu zu werden, obwohl die Wunde sich erst nicht schließen will. Und doch neu werden, auch wenn man schon alt ist. Erlöst werden, heißt neu werden, neu werden können - Und wenn wir das große Bild vom Neuen Jerusaelm am Ende der Zeiten sehen, dann können wir uns vorstellen, das wir neu werden sollen und können. Und manchmal berührt uns Jesus vor der Zeit und wir können neu werden, ehe Gott alles in allem ist und ehe das neue Jerusalem aus dem Himmel herab gelassen wird. Weil wir wissen, dass wir neu werden einst. Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft behalte eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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