Planen für mehr. Biodiversität. Schulung zur Förderung der biologischen Vielfalt im Rahmen der kommunalen Planungspraxis

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1 Planen für mehr Biodiversität Schulung zur Förderung der biologischen Vielfalt im Rahmen der kommunalen Planungspraxis h a n d b u c h

2 Schulungsmaterial zur Förderung der biologischen Vielfalt im Planen für mehr Biodiversität

3 Die Berücksichtigung der biologischen Vielfalt in Bauleitplänen und bei anderen Vorhaben bietet Kommunen vielerlei Möglichkeiten für eine nachhaltige Entwicklung. Infolge der fortschreitenden Dezentralisierung werden kommunale Verwaltungen bei der Umsetzung von Richtlinien zum Schutz der Biodiversität immer mehr in die Verantwortung genommen. BD SKILLS hat ein Biodiversitäts-Schulungsprogramm für Beschäftigte kommunaler Verwaltungen entwickelt, das auf den derzeit besten verfügbaren praktischen Erfahrungen aufbaut. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden durch die Arbeit mit diesem Fortbildungsmaterial befähigt, biologische Vielfalt besser in Bauleitplänen und bei anderen Vorhaben vor Ort zu berücksichtigen. Sie erwerben zusätzliche Fachkenntnisse und Fertigkeiten, entwickeln sich persönlich weiter und erhöhen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt, da sich die Wirtschaft im Allgemeinen immer ökologischer orientiert. Nationale und regionale politische Vorgaben bezüglich Biodiversität können so auf kommunaler Ebene besser integriert werden. Weitere Informationen unter Dieses Dokument wurde im Rahmen des internationalen Leonardo-da-Vinci-Projekts Local Skills for Biodiversity entwickelt, das von einem aus sieben Partnern bestehenden Konsortium aus fünf nordwesteuropäischen Ländern durchgeführt wird. Projektpartner Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz, Deutschland Atelier technique des espaces naturels, Frankreich ECNC European Centre for Nature Conservation, Niederlande Gelderse Milieufederatie, Niederlande Natureparif, Frankreich Natuurpunt Educatie, Belgien Yorkshire and Humber Environment Trust, Großbritannien Projektleitung und Kontakt ECNC European Centre for Nature Conservation P.O. Box NL-5000 LG Tilburg Niederlande Haftungsausschluss Das Team von BD SKILLS, geleitet vom ECNC, ist ausschließlich für die Inhalte dieser Publikation verantwortlich. Es wird nicht die Meinung der Europäischen Gemeinschaft vertreten, noch ist die EG verantwortlich für jegliche Nutzung, die aufgrund der hier enthaltenen Informationen entsteht. Die Sichtweisen, die in diesem Dokument ausgedrückt werden, stellen nicht notwendigerweise Grundsätze des ECNC dar und bilden nicht notwendigerweise seine Ansichten oder Meinungen ab. Copyright ECNC European Centre for Nature Conservation Das ECNC und seine Projektpartner verfügen über die geistigen Eigentumsrechte. Deshalb ist es nicht gestattet einen Bestandteil dieser Publikation zu reproduzieren, in einem Archivierungssystem zu speichern oder in irgendeiner Form auf irgendeine Weise (elektronisch, mechanisch, Photokopiertechnik, Aufzeichnung oder anderweitig) ohne die vorherige schriftliche Erlaubnis durch das ECNC zu übermitteln.

4 Inhalt Vorwort 5 Einleitung und Überblick 7 Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen verstehen 16 Grundlagen der Biodiversitätspolitik 36 Konzepte und Ansätze für eine Einbeziehung der Biodiversität in die Planungspraxis 58 Übersicht und Informationen zur Planung für mehr Biodiversität 82 Die Bewertung von Ökosystemdienstleistungen und von Biodiversität 98 Interessensgruppen und Akteure (Stakeholder): Einbeziehung und Kommunikation 112

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6 Vorwort

7 Vorwort Um die Entwicklung der Gesellschaft und der Wirtschaft innerhalb ökologischer Grenzen zu sichern, werden biologische Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen immer stärker in der kommunalen und regionalen Planungspraxis berücksichtigt. Oft ist es jedoch für die Planer kommunaler Verwaltungen keine leichte Aufgabe, die zahlreichen Wechselwirkungen zwischen biologischer Vielfalt, Ökosystemdienstleistungen und kommunalen (Bauleit-)Plänen zu verstehen. Im Rahmen des Projekts BD Skills Kenntnisse zu Schutz und nachhaltiger Nutzung der biologischen Vielfalt, das vom europäischen Leonardo da Vinci EU-Bildungsprogramm für lebenslanges Lernen kofinanziert ist, haben das ECNC European Centre for Nature Conservation und seine sechs Projektpartner Schulungsunterlagen entwickelt, um die Mitarbeiter der relevanten Stellen zu befähigen, biologische Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen besser zu verstehen und dementsprechend in den Bauleitplänen und Projekten vor Ort berücksichtigen zu können. Hierbei wurde mit Planerinnen und Planern der fünf Partnerländer eng zusammengearbeitet. Infolge des weltweiten, rasch voranschreitenden Verlustes der biologischen Vielfalt steht ihr Schutz mittlerweile auf der politischen Agenda ganz oben. Nachdem mehrere Jahrzehnte lang hauptsächlich Gebiete und Arten geschützt wurden, indem man ihre Gefährdung publik machte und Schutzgebiete auswies, hat sich der Ansatz seit den 1990ern zunehmend dahin verlagert, dass der Schutz der biologischen Vielfalt und der Ökosystemgüter bzw. -dienstleistungen in den meisten politischen Ressorts und Sektoren eine Rolle spielt. Es wurde erkannt, dass neue Partnerschaften mit vielen verschiedenen Akteuren notwendig sind, wenn die umfassenden politischen Maßnahmen umgesetzt werden und funktionieren sollen. Bei der praktischen Umsetzung von nationalen und internationalen Biodiversitätsstrategien und -aktionsplänen kommen kommunalen und regionalen Behörden zusammen mit Wirtschaftsunternehmen und dem Geschäftssektor, sowohl auf kommunaler als auch auf regionaler Ebene, Schlüsselrollen zu. Bei der Konferenz der Vertragsparteien der Biodiversitätskonvention (CBD), die 2010 in Nagoya stattfand, wurde ein Aktionsplan für nachgeordnete Regierungsebenen, Städte und Gemeinden für biologische Vielfalt vereinbart und der Beschluss X/22 einschließlich des Plans wurde von den 193 Vertragsparteien der CBD angenommen. In diesem Plan werden Schulungsmaßnahmen und die Verbreitung der guten fachlichen Praxis gefordert [...]. Staatsregierungen erhalten die Möglichkeit, mit nachgeordneten Regierungen, Städten und anderen kommunalen Gebietskörperschaften an Strategien und Aktionsplänen zur Bekämpfung des Verlustes biologischer Vielfalt zu arbeiten. Gleichzeitig fand mit der TEEB-Studie (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) einem großen internationalen Forschungsvorhaben unter der Leitung des Ökonomen Pavan Sukhdev eine Bewertung des Schutzes von Ökosystemen und Biodiversität aus ökonomischer Sicht statt. Die Ergebnisse und Empfehlungen der Studie sind in einer Reihe von Berichten zusammengefasst, die für die hauptsächlichen Interessensvertreter (Stakeholder) bestimmt sind, die sich mit Biodiversität beschäftigen, darunter regionale und kommunale Entscheidungsträger. Das vorliegende Schulungspaket soll einen Beitrag zur erfolgreichen Umsetzung von Biodiversitätsstrategien leisten, indem kommunalen Planern bessere Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt werden, damit sie die von der CBD und der TEEB zusammengefassten Ergebnisse ebenso wie ortsspezifische Erfahrungen und Ansätze in ihre tägliche Arbeit integrieren können. Das Paket verdeutlicht, dass Biodiversitätsschutz kein Entwicklungshindernis, sondern ein wichtiges und wertvolles Mittel für eine nachhaltige Existenzsicherung und für nachhaltige Städte und Gemeinden darstellt. Ich wünsche allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an dieser Schulung eine inspirierende und produktive Erfahrung und hoffe, dass sie die interaktiven Rollen- und Planspiele unterhaltsam finden. Sir Brian Unwin KCB, Präsident des ECNC 6

8 Einleitung und Überblick

9 Einleitung und Überblick Hintergrund und Kontext Das Projekt entstand vor dem Hintergrund, dass in ganz Europa im Zuge zunehmender politischer und administrativer Dezentralisierungsprozesse immer mehr Planungsverantwortung und Aufgaben des Umweltmanagements auf die kommunale Ebene übergehen. Gleichzeitig wird der Schutz der Biodiversität auch international als eine der wichtigsten Herausforderungen angesehen, der sich die Menschheit neben dem Klimawandel stellen muss. Das Resultat dieser beiden Entwicklungen ist, dass von kommunalen Verwaltungen zunehmend verlangt wird, politische Biodiversitätsstrategien im Rahmen ihrer Planungstätigkeit umzusetzen. Zwar sind sich immer mehr Menschen der Bedeutung von biologischer Vielfalt, Ökosystemdienstleistungen und der Arbeit innerhalb ökologischer Grenzen bewusst, doch wie dies in die alltägliche Planungspraxis einfließen kann, ist weitgehend unbekannt. Mitarbeiter kommunaler Verwaltungen können demzufolge von einer Weiterbildung in diesem Bereich profitieren, um biologische Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen verstehen und in ihre Planungsaktivitäten vor Ort integrieren zu können. In den aktuellen internationalen und insbesondere europäischen politischen Debatten wird der Schutz der biologischen Vielfalt zunehmend aus einem zweckmäßigen Blickwinkel betrachtet. Die ökonomisch äußerst bedeutsamen Ökosystemdienstleistungen, die wiederum auf biologischer Vielfalt beruhen, sind ein starkes Argument dafür, dass die Gesellschaft die Natur in ihrem ganzen Umfang schützen muss. Einerseits wird dadurch eine gemeinsame Gesprächsbasis für Naturschützer, Ökonomen, Politiker und Entscheidungsträger geschaffen, da sich der ökonomische Wert der Natur und ihrer (Ökosystem-)Dienstleistungen mit Geldmitteln ausdrücken lässt. Andererseits wird so die Natur in ihrer Komplexität, Schönheit und ihrem intrinsischen Wert auf eine Ware reduziert, die nach Belieben besessen, verkauft und gehandelt werden kann. Das ist vor allem im Zusammenhang mit jenen seltenen, besonderen und empfindlichen Lebensräumen und Arten bedenklich, die für die Gesellschaft nur einen geringen oder keinen (bzw. noch keinen bekannten) Nutzen oder ökonomischen Wert haben. Selbst die renommiertesten Umweltschutzorganisationen haben jedoch inzwischen den Weg der Bewertung von Dienstleistungen und Gütern der Natur eingeschlagen. In diesem Zusammenhang sollen etliche Maßnahmen dem Naturschutz durch einen marktbasierten Ansatz dienen, wie er auf ähnliche Weise für die Klimawandelstrategien entwickelt wurde (Emissionshandel mit Obergrenzen etc.). Die Herausforderung für Planer der kommunalen Ebene (und den an den Planungsprozessen Beteiligten) besteht darin, das richtige Gleichgewicht zwischen dem sozioökonomischen und dem intrinsischen Ansatz zum Naturschutz zu finden. Dabei sind zahlreiche Faktoren zu beachten, unter anderem die Miteinbeziehung von Politik, Regierung und verschiedener Ressorts sowie technischen Lösungen, Bewertung und Beurteilung sowie Kommunikation und Mitbestimmung. Die Erkenntnis, dass sich eine nachhaltige Entwicklung vor Ort und eine Vielzahl an sozioökonomischen Aspekten gegenseitig nützen und begünstigen können, ist vielleicht der aussichtsreichste Weg, um Herausforderungen in der kommunalen Planung zu meistern. 8

10 Einleitung und Überblick Ein Plädoyer für die Berücksichtigung von biologischer Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen in der kommunalen Planungspraxis Die Berücksichtigung des Werts der Leistungen, die wir durch die biologische Vielfalt erhalten, sollte keine Zusatzoption sein, sondern in der kommunalen Entscheidungspraxis eine zentrale Rolle spielen, denn: Aktuelle Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass die Ökosystemdienstleistungen, die uns die Biodiversität liefert und die von ihr unterstützt werden, von hohem ökonomischem Wert sind. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kosten (50 Milliarden Euro pro Jahr weltweit), die mit ihrem Verlust einhergehen, wurden überzeugend in der internationalen TEEB-Studie dargestellt. (TEEB 2010) Die Dienstleistungen, die uns die biologische Vielfalt bereitstellt, bewahren die Gesellschaft vor hohen Kosten und spielen eine zentrale Rolle in vielen politischen Bereichen, die für die kommunale Planung von Bedeutung sind: Gesundheit, nachhaltige Geschäftsmodelle, Kultur, Anpassung an den Klimawandel, Landwirtschaft, nachhaltige Regionalentwicklung. Die Integration von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen in übergreifende kommunale Planungsprozesse trägt dazu bei, umweltgerechte Lösungen zu finden, die das Miteinander und den gegenseitigen Nutzen von Natur und sektorspezifischen Aktivitäten fördern. Die Auswirkungen von Planungsentscheidungen auf die Funktionsfähigkeit unserer natürlichen Systeme zu verstehen und zu bewältigen, kann den kommunalen Verwaltungen helfen: die langfristige Widerstandsfähigkeit geplanter Projekte zu erhöhen; Risiken für die geplanten Ziele zu reduzieren, die aus beschädigten natürlichen Systemen entstehen können; öffentliche Ausgaben zu mindern, die durch zerstörte Ökosystemdienstleistungen entstehen. Die Bewertung der allgemeinen Umweltauswirkungen politischer Entscheidungen ist schon seit langem Bestandteil der Umweltverträglichkeitsprüfung. Nunmehr ist es möglich, die zuvor weniger sichtbaren Kosten für die Gesellschaft, die aus der Beschädigung unserer Umweltgüter entstehen, sowie den wirtschaftlichen Nutzen, der aus gutem Management hervorgeht, besser bewerten zu können. Berücksichtigung des Wertes der biologischen Vielfalt in Planungsvorschlägen Die Einbeziehung und Bewertung von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen bei der Entscheidungsfindung wird als Ökosystemansatz bezeichnet. Das vorliegende Schulungsmaterial kann als praktische Einführung in die Anwendung dieses Ansatzes in der kommunalen Planung betrachtet werden. Es bietet diesbezüglich eine allgemeine Einführung in das Grundwissen und die entsprechenden Schlüsselkenntnisse. Außerdem finden sich zahlreiche Hinweise auf detaillierte Quellen, Fallbeispiele und Referenztexte zu verschiedenen Themen wie Kommunikation, Wertermittlung und systematisches Denken. Die Umsetzung der erworbenen Kenntnisse wird je nach der Situation vor Ort unterschiedlich sein. Folgende Aspekte sollten jedoch keinesfalls vernachlässigt werden: Suche nach Möglichkeiten, um unter Einbeziehung der biologischen Vielfalt Planungsziele zu erreichen; 9

11 Einleitung und Überblick Bewertung der positiven und negativen Folgen von Planungsentscheidungen auf die Leistungen, die uns durch die Biodiversität bereitgestellt werden; langfristiges Denken in großen Maßstäben; Denken jenseits traditioneller Planungsgrenzen; Bewertung der biologischen Vielfalt und der involvierten Ökosystemdienstleistungen; Erzeuger und Nutznießer von Ökosystemdienstleistungen sollten in den Planungs prozess einbezogen werden. Zweck der Schulung Schulungsziele In vielen Ländern sind das Management der Biodiversität und die Umsetzung von Strategien zum Schutz der biologischen Vielfalt für die kommunale Ebene gesetzlich vorgeschrieben. Die Arbeit zur Förderung der biologischen Vielfalt kann vor Ort jedoch auch sehr nützlich sein und kommunale Planer tun gut daran, entsprechende Möglichkeiten aufzuzeigen und in ihre Planungsvorschläge zu integrieren. Die vorliegende Schulung wurde hauptsächlich für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommunaler Verwaltungen entwickelt, kann aber auch von allen anderen Interessensvertretern, die an kommunalen Planungsprozessen beteiligt sind, genutzt werden. Ziele der Schulung sind: die Zusammenhänge zwischen biologischer Vielfalt, Ökosystemdienstleistungen und Bauleitplanung zu verdeutlichen, das Wissen darüber zu vertiefen und ein Bewusstsein zu schaffen; kommunale Planer zu einem besseren Management der Biodiversität und der Ökosysteme zu befähigen, die sie beeinflussen und von denen sie abhängen; die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die zahlreichen gegenseitigen Begünstigungen, die zwischen dem Schutz der biologischen Vielfalt und anderen gesellschaftlichen Bedürfnissen bestehen, auf kommunaler Ebene nutzbar gemacht werden können. Diese Schulung wurde entwickelt, um Planern ein grundlegendes Verständnis für die Wechselbeziehungen zwischen biologischer Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen und einer nachhaltigen kommunalen Planungspraxis zu vermitteln. Insofern geht sie über den,schutz der Natur im klassischen Sinne hinaus und konzentriert sich vielmehr auf einen positiven Umgang mit ihr, indem ihre Dienstleistungen in der kommunalen Planungspraxis berücksichtigt werden. Nach Absolvierung der Selbststudieneinheiten, der Teilnahme an den Vorträgen, dem Studium der Fallbeispiele, der Teilnahme an Exkursionen und dem Planspiel in den Gruppen werden die Teilnehmer ein umfassendes Verständnis dafür entwickelt haben, was biologische Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen zur kommunalen Planungspraxis beitragen können. Einige Teilnehmer, die beispielsweise in größeren Kommunalverwaltungen arbeiten, sind möglicherweise spezialisierte Umweltwissenschaftler, die bereits gute Vorkenntnisse zu Ökologie und Methodik mitbringen, andere sind jedoch aufgrund der Vielfalt der Themenbereiche, mit denen sie bei ihrer Arbeit zu tun haben, eher Generalisten. Daher besteht diese Schulung aus einer Reihe von Modulen, die sich gegenseitig ergänzen und auf das Lernen, Erleben und Integrieren (von Fertigkeiten) abzielen. 10

12 Einleitung und Überblick Die Schulung soll ein Grundverständnis folgender Schlüsselkonzepte ermöglichen: biologische Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen, Schutzprinzipien und -ansätze, politische Rahmenbedingungen, Methoden zur Wertzuweisung, Fähigkeit zur Kommunikation und Interaktion mit anderen gesellschaftlichen Sektoren, Anforderungen an Daten und ihre Interpretation sowie gegenseitiger Nutzen von Naturschutz und dem Erreichen anderer wichtiger sozioökonomischer Ziele im Zusammenhang mit dem Gesundheitswesen, der Abschwächung des Klimawandels und der Anpassung daran, dem Tourismus etc. Im Rahmen dieser Schulung ist es nicht möglich, all diese Themenbereiche bis ins letzte Detail zu behandeln. Vielmehr wollen wir Ihnen die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten vermitteln, um einige grundlegende Zusammenhänge zu erkennen, die in traditionellen Planungsansätzen oft übersehen werden. Die gesamte Schulung folgt dem zentralen Konzept des Ökosystemansatzes. Dieser von der Biodiversitätskonvention entwickelte und geförderte Mechanismus bietet einen breiten Rahmen, der trotz der Vorgabe einiger klarer Regeln auf die verschiedensten Planungssituationen anwendbar ist. Innerhalb des Ökosystemansatzes gibt es auf kommunaler Ebene viele Möglichkeiten für viel speziellere Herangehensweisen, die auf verschiedene Situationen vor Ort zugeschnitten sind, wobei wir auf jene, die unser Interessengebiet (Nordwesteuropa) betreffen, besonders eingehen werden. Zielgruppe In erster Linie ist diese Schulung für die Planer kleiner bis mittlerer kommunaler Verwaltungen in Nordwesteuropa konzipiert. Planer arbeiten jedoch nicht in einem luftleeren Raum, sondern interagieren mit vielen verschiedenen Stakeholdern und anderen Beteiligten. Dazu gehören Beschäftigte und Leiter anderer Abteilungen innerhalb der Verwaltung, aber auch Vertreter anderer Fachbereiche, die von Raumentscheidungen betroffen sind: das Wohnungswesen, die Infrastruktur, die Landund Forstwirtschaft etc. Da Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen als Querschnittsthemen präsentiert werden, die in den meisten Fachbereichen reflektiert werden müssen, sollten auch die Schlüsselakteure dieser Bereiche über ein Grundverständnis verfügen und können dementsprechend ebenfalls von der (partiellen) Teilnahme an dieser Schulung profitieren. Praktische Anwendung der erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten Je nachdem, welche Position man in einer Verwaltung hat, bietet der Ökosystemansatz dem Planer verschiedene Möglichkeiten, Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen in die kommunale Planungspraxis zu integrieren. Die Teilnehmer an dieser Schulung können, wenn sie einmal ein fortgeschrittenes Verständnis von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen im Zusammenhang mit kommunaler Planungspraxis und die Fähigkeit zur Anwendung des Ökosystemansatzes erworben haben, auf vielfältige Weise beginnen. Die Kommunikation innerhalb der Abteilung, zwischen Abteilungen und mit Stakeholdern sowie die Ermutigung von Partnern, dem Ökosystemansatz zu folgen, sind Schlüssel zum Erfolg. Daher wird der Kommunikation im Verlauf des Kurses besondere Aufmerksamkeit zuteil. 11

13 Einleitung und Überblick Folien Workshop Handbuch Wissen Job Planungspolitik / Planungsentscheidung / Gespräch / Präsentation Schulungsmaterial Assimilation Anwendung Planer in leitenden Funktionen oder Bauamtsleiter sollten die natürlichen Leistungen, von denen ihre Verwaltung hauptsächlich abhängt, sowie die Werte dieser Leistungen und die Auswirkungen auf sie ins Auge fassen. Sie können: bei einem Treffen des Managementteams oder des Vorstands Ökosystemdienstleistungen und Naturkapital als Themen auf die Tagesordnung setzen; diesbezüglich einen Ökonomen für eine Beratung oder Präsentation zu diesem Tagesordnungspunkt engagieren; eine übergeordnete Behörde zu einer Präsentation zum Thema einladen; ein kurzes Scoping-Verfahren beauftragen, bei dem unter Nutzung des in dieser Schulung dargelegten Ansatzes die wichtigsten Schlussfolgerungen für Ihren jeweiligen Arbeitsbereich herausgearbeitet werden; einen Planer damit beauftragen, das Handbuch zu lesen, an der Schulung teilzunehmen und die wichtigsten Schlussfolgerungen und Optionen für Ihren Planungsprozess herauszuarbeiten; einen Analysten damit beauftragen, die Folgen für die Planungsstrategie und ökonomische Bewertung zu erarbeiten. Die Schulung kann Planern bei ihren typischen Aufgaben von Nutzen sein, indem sie: anhand der Liste der Ökosystemdienstleistungen eine Liste der natürlichen Leistungen, von denen ihre Gemeinde abhängt, erarbeiten; das Handbuch lesen; sich das municipal performance assessment erarbeiten, um herauszufinden, was ihre kommunale Verwaltung bereits berücksichtigt und was noch getan werden kann, um die mit natürlichen Leistungen verbundenen Kosten und Risiken zu senken und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten zu steigern; diesen Plan mit Analysten und Projektpartnern diskutieren. Aufbau der Schulung Diese Schulung besteht aus mehreren Modulen: Selbststudium Vorträge Exkursion(en) Planspiel Evaluation 12

14 Einleitung und Überblick Selbststudium: Es ist ratsam, dass die Teilnehmer vor dem Kurs das Handbuch, in dem die sechs Hauptthemen (s. u.) der Schulung detailliert beschrieben werden, lesen. Vorträge: Die Themenbereiche werden durch Vorträge vertieft, wobei die Schulungsleiter interaktiv die Kernaussagen aus dem Handbuch vor allem anhand von praktischen Beispielen verdeutlichen und Zeit für Diskussionsrunden einplanen. Selbststudium Vorträge Exkursion Planspiel Exkursion: Zur vollständigen Version des Kurses gehört auch die Durchführung einer Exkursion. Abhängig vom Veranstaltungsort und der verfügbaren Zeit können im Handbuch oder auf der Website beschriebene Fallbeispiele besucht werden, oder der Schulungsleiter organisiert einen Ausflug zu einem interessanten Ort in der Umgebung. Es werden Richtlinien zur Verfügung gestellt, damit das Programm der Exkursion bestmöglich an die Schulung angepasst wird (z. B. indem der besuchte Ort als Grundlage für das Planspiel dient). Vorbereiten Lernen Erleben Integrieren Handbuch Handouts Exkursion Planspiel Website Präsentationen Fallstudien Diskutieren Planspiel: Ein Planspiel bringt das theoretische Wissen aus dem Selbststudium und den Vorträgen mit der praktischen Erfahrung aus der Exkursion zusammen. Die Teilnehmer arbeiten in kleinen Gruppen auf interaktive und partizipative Weise an einer Planungsaufgabe und berücksichtigen dabei explizit biologische Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen. Die Ergebnisse werden im Plenum vorgestellt und diskutiert. Evaluation: Ein wichtiger Teil des Kurses ist die Evaluierung der Veranstaltung, die in der Gruppe (mittels einer vom Schulungsleiter moderierten Diskussion) und/oder einzeln (durch Ausfüllen eines Auswertungsbogens) erfolgt. Die Module können je nach Bedarf, Interessenlage und verfügbarer Zeit der Zielgruppe unterschiedlich kombiniert werden. Schulungsmaterialien Das komplette Schulungspaket besteht aus den folgenden Hilfsmitteln und Materialien, die auf der Website kostenlos zum Download zur Verfügung stehen (das Handbuch ist auch als Druckversion verfügbar): Handbuch: sechs Themenblöcke; Leitfaden für Schulungsleiter: enthält detaillierte Anleitungen zur Vorbereitung und Durchführung der Schulung einschließlich der Exkursion und des Planspiels; 13

15 Einleitung und Überblick Vortragsskripte: helfen dem Schulungsleiter bei der Vortragsvorbereitung, geben die nahe liegenden Fragen und entsprechende Informationen zu jeder Folie der PowerPoint- Präsentationen in klaren Stichpunkten an; PowerPoint-Präsentationen: sind visuelle Hilfsmittel zur Schulungsbegleitung. Sie enthalten hauptsächlich Fotos und Schaubilder und wenig Text; Handouts: Die PowerPoint-Präsentationen stehen als PDF-Dateien zum Download zur Verfügung und können an die Teilnehmer verteilt werden. Sollten die PowerPoint- Präsentationen verändert werden, sind auch die Handouts entsprechend anzupassen; Evaluationsbogen: wird den Teilnehmern am Ende des Kurses ausgehändigt; Website: enthält sämtliche Informationen und stellt sie zum Download bereit. Sie bietet zahlreiche Links zu anderen thematisch relevanten Websites und detaillierten Fallstudienbeschreibungen. Sämtliche Informationen und Materialien finden Sie hier: 14

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17 Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen verstehen 0

18 1 Lernziele Nach Durchsicht dieses Kapitels werden Sie ein besseres Verständnis der Grundlagen der Biodiversität entwickelt und das Konzept der Ökosystemdienstleistungen kennengelernt haben sowie auf dem aktuellen Stand des Wissens in beiden Bereichen sein. Sie werden die Unterschiede zwischen Habitaten und Ökosystemen sowie deren Bedeutung für das Leben verschiedener Arten verstehen. Sie erkennen, wie wertvoll die Wechselbeziehungen zwischen Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen sind, und lernen einen Ansatz zur Berücksichtigung von Ökosystemen in Politik und Planungspraxis kennen. Dieses fachspezifische Hintergrundwissen wird Sie dazu befähigen, die Förderung der Biodiversität bei Planungsaufgaben zu berücksichtigen und in Ihre alltägliche Arbeit zu integrieren.

19 Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen verstehen Die Grundbausteine der Biodiversität Die biologische Vielfalt stellt die Gesamtheit des Lebens auf der Erde dar. Dazu zählen sämtliche Tier- und Pflanzenarten, Pilze und Mikroorganismen sowie ihre Lebensräume. Auch wir sind Bestandteil dieser Biodiversität und bilden zusammen mit der Natur in all ihrer Vielfalt die Struktur des Lebens, das uns umgibt. Biodiversität hat viele verschiedene Aufgaben. Von besonderem Interesse für den Menschen sind die Dienstleistungen, die uns die Natur bietet. Wie ein Haus aus verschiedenen Elementen besteht, die ein Ganzes bilden (Ziegel, Zement, Fenster), um uns Schutz zu bieten, setzt sich auch die biologische Vielfalt aus grundlegenden Bausteinen zusammen, die ihr Funktionieren ermöglicht. Die Grundbausteine der Biodiversität sind: Arten bzw. Spezies, Lebensräume bzw. Habitate, Ökosysteme und Gene. Arten Ökosysteme Habitate Arten/Spezies Weltweit wurden bisher um die 1,75 Millionen Spezies verzeichnet, und es wird vermutet, dass Gene es sich dabei lediglich um 13 % der Gesamtzahl der Arten handelt, die derzeit auf der Erde leben. Abgesehen von den Mikroorganismen bilden dabei die Insekten die wichtigste und vielfältigste Gruppe. Andere vielfältige Gruppen sind beispielsweise Pilze, Pflanzen, Flechten und Moose. Es ist daher wichtig, sich nicht nur auf die charismatischeren Arten zu konzentrieren. Jede Spezies übernimmt eine bestimmte Funktion und ist ein entscheidender Bestandteil der Struktur des Lebens, von der wir abhängig sind. Lebensräume/Habitate Verschiedene Pflanzen- und Tierarten treffen in unterschiedlichen Kombinationen aufeinander und bilden ökologische Gemeinschaften und Habitate. Sie entstehen im Verlauf von vielen tausend Jahren als Reaktion auf lokale Umweltbedingungen wie Bodenbeschaffenheit, Feuchtigkeit und Klima. Auch der Mensch hat Habitate geformt und geschaffen, die einen hohen Wert für die biologische Vielfalt aufweisen. Nicht nur einzelne Arten sind dabei von Bedeutung, sondern auch typische und atypische Artenkombinationen innerhalb von Habitaten sind essenzielle Elemente der Biodiversität. Wichtige Habitate können überall vorkommen: in einem naturbelassenen Bestand eines Waldes eines streng geschützten Nationalparks, auf einer artenreichen Wiese oder an den Abstellgleisen einer Bahnlinie am Rande eines Stadtzentrums. Habitate werden klassifiziert, um ihren Wert und ihre Bedeutung zu ermitteln, ihre Hauptunterschiede zu erfassen und zu einem effektiveren Management vor Ort beizutragen. Diese Klassifizierung stützt sich auf Daten über die verschiedenen Spezies, aus denen sich ein Habitat zusammensetzt, und/ oder seine strukturellen bzw. chemischen Eigenschaften. In Europa folgt die Habitatklassifizierung meist der EUNIS-Klassifizierung der Europäischen Union. 18

20 Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen verstehen Einige der wichtigsten Bereiche für die Biodiversität sind jene, die nicht vom Menschen verändert oder verwaltet werden, z. B. die Wildnis. Solche Gebiete werden gewöhnlich geschützt, indem der Einfluss auf sie so gering wie möglich gehalten wird. In vielen Gebieten jedoch, einschließlich in einem Großteil von Westeuropa, gibt es nur noch wenig oder gar keine Wildnis mehr. Stattdessen ist im Zuge der Zunahme und Ausdehnung menschlicher Aktivitäten ein Netz semi-natürlicher Habitate entstanden. Dazu gehören beispielsweise Hutewälder, Niedermoore und Heidelandschaften. Semi-natürliche Habitate bedürfen zur Erhaltung ihrer biologischen Vielfalt normalerweise der Bewirtschaftung durch kundige Fachkräfte, ein falsches Management kann sich schädlich auswirken. Kalk-Halbtrockenrasen beispielsweise müssen zu bestimmten Zeiten im Jahr abgeweidet werden, können aber durch ganzjähriges Abweiden oder den Einsatz von Dünger geschädigt werden. Die EUNIS-Klassifizierung Das European Nature Information System (EUNIS) umfasst zahlreiche Informationen über Spezies, Habitattypen und Standorte. Es trägt zur Einhaltung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie sowie der Vogelschutzrichtlinie der EU bei und enthält spezielle Angaben aus internationalen Roten Listen. Durch die Berücksichtigung von EUNIS in Planungsdokumenten können kommunale und globale Ziele miteinander verbunden werden. Vom praktischen Standpunkt aus betrachtet sind die Identifizierung und die Bewirtschaftung von Habitaten einfacher zu bewerkstelligen, wenn man sich auf einzelne Arten konzentriert. Die Festlegung von Werten und Prioritäten ermöglicht jedoch ein effektiveres Management, weil wichtige Pflanzenhabitate (z. B. Wald mit Pinus albicaulis Weißstämmige Kiefer ) sowie die aufrechtzuerhaltenden Schlüsselprozesse (z. B. natürliche Regeneration von Waldbäumen ) leichter erkennbar sind. Selbst Arten, die einander äußerlich ähneln, beispielsweise verschiedene Fledermausarten, haben sich unabhängig voneinander spezialisiert und haben daher sehr unterschiedliche Anforderungen an ihre Habitate bezüglich Nahrungsaufnahme, Fortpflanzung, Rastplätze etc. Zur Entwicklung umfassender Schutzstrategien ist das Wissen über diese spezifischen Habitatanforderungen im gesamten Lebenszyklus einer Art unerlässlich. Ökosysteme Ein Ökosystem kann ein oder mehrere verschiedene Habitate umfassen. Es bildet die Gesamtsumme der Interaktionen aller Spezies (d.h. Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen) und ihrer physikalischen Umgebung an einem bestimmten Ort. Ökosysteme können sich auf alle Ebenen beziehen: auf einen einzelnen verrottenden Baumstumpf in einem Wald, auf ein ganzes Flusseinzugsgebiet oder im Falle wandernder Spezies sogar auf mehrere Kontinente. Die Interaktionen und physikalischen Prozesse dienen der Aufrechterhaltung von Arten und Lebensräumen als auch der für den Menschen lebenswichtigen Güter und Dienstleistungen. Wenn beispielsweise die Nahrungszyklen um einen See herum durch den Einsatz von zuviel Kunstdünger gestört werden, kann dies zu einer massiven Ausbreitung von Cyanobakterien führen, die nicht nur die biologische Große Hufeisennase Habitat: Hecken Hutzen: Futtersuche entlang des Heckenrandes Management: Heckenschnitt minimal halten, nur im Winter durchführen Zwergfledermaus Habitat: Flüsse und Seen Nutzen: nistet an Gewässerufern und ernährt sich von Larven aus dem Wasser Management: Fluktuationen des Wasserstands minimieren Kleinabendsegler Habitat: Strände Nutzen: ernährt sich von Insekten aus Treibholz Management: Belassen von Material natürlichen Ursprungs am Strand Weitere Informationen über Fledermaushabitate und ihr Management finden Sie bei Entwhistle, A et al. (2001): Habitat Management for Bats: A Guide for land managers, land owners and their advisors unter: 19

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