Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.

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1 1 Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf.(1 Kor 6,12) Liebe Mitarbeiterinnen der Diakonie in Mitteldeutschland, oder soll ich besser sagen : Liebe Sünderinnen und Sünder! Das sind ja interessante Dinge, die ich da über Sie erfahren habe. Da dacht ich, ich komme aus Österreich, in dem ja wie böse Zungen behaupten, der Balkan beginnt in das Mutterland der Reformation, in dem noch protestantische Zucht und Ordnung herrschen. Und jetzt das! Da finden sich Schwarzfahrer, Schwindler, Gigolos und Gottesleugner unter uns. Alles ist erlaubt! scheint ja Ihr Lebensmotto zu sein. Moral und Sitte scheinen nicht wirklich gefestigt zu sein. Doch eines ist gewiss: mit solchen Mitarbeitern, die mit dem Motto uns ist alles erlaubt durch die Welt gehen, wird die Diakonie Mitteldeutschland zu einem Erfolgsunternehmen werden. Denn das ist es, was moderne Unternehmen suchen. Unsere Konkurrenzgesellschaft braucht ja Menschen, die ihre Ellenbogen einzusetzen wissen, die Durchsetzungsvermögen besitzen und die Grenzen auch dann und wann überschreiten. Wenn das Leben ein Kampf ist, dann ist es ein Schlachtfeld, auf dem alles erlaubt ist, was nicht verboten ist.

2 2 Ja also, Liebe Sünderinnen und Sünder, Wenn wir also in einer Gesellschaft leben, in der alles erlaubt ist, was nicht verboten ist ja, dann muss eben viel verboten werden. Das scheint paradox. Lässt sich aber beobachten: Einerseits leben wir in Zeiten, in denen alles erlaubt scheint, doch gleichzeitig leben wir in Zeiten der vielen Verbote. Das Rauchen ist verboten, vor alkoholischen Getränken wird gewarnt, fetthaltige Speisen sollten vermieden werden und die Krankenkassen denken darüber nach, für uns Dicke höhere Tarife einzuführen, weil wir uns, scheints, am Buffet des Lebens zu viel erlauben. Und was nicht verboten ist, das muss zumindest geregelt werden. Und das Einhalten der Regeln muss streng dokumentiert werden. Das alles ist uns auch in der Diakonie nicht fremd. Wir regeln auch gerne vieles. Wir verfassen Selbstverpflichtungen und einigen uns darauf, was sein soll und was besser zu lassen ist. Wir erstellen Ethik Handbücher, Prüf- und Bilanzierungshandbücher, Zuordnungsrichtlinien, Leitbilder, Checklisten und Controllinginstrumente. Das Motte scheint also zu sein: Dort, wo alles erlaubt ist, muss vieles verboten werden. Dort, wo alles erlaubt ist, muss zumindest das meiste geregelt werden. Liebe Sünderinnen und Sünder der Diakonie Mitteldeutschland, Der Apostel Paulus kannte seine Sünderinnen und Sünder in Korinth ja auch ganz genau. Und da waren ganz andere Kaliber darunter als hier und heute in Erfurt: Unzüchtige, Ehebrecher, Lustknaben,

3 3 Kinderschänder, Diebe, Geizhälse, Trunkenbolde, Gotteslästerer und Räuber. Das war seine Klientel. Doch wenn Paulus sich an sie wendet, dann fängt er nicht mit dem Austeilen von Handbüchern, Verhaltenscodices und Regelwerken an. Er fordert nicht einmal Selbstverpflichtungen ein. Er sagt: Ich weiß, ich weiß, ihr seid Sünderinnen und Sünder gewesen, einige von euch von der schlimmeren Sorte. Aber (!): Aber ihr seid rein gewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Ihr seid verwandelt, Euch ist die Freiheit in Christus geschenkt. Euch ist alles erlaubt. Nicht, weil ihr Euch alles erlauben könnt, sondern weil Euch zugesagt ist: Ihr seid frei von allen Regel und Gesetzen! Euch ist die Freiheit geschenkt! Jetzt lernt, sie zu gebrauchen! Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf, nicht alles trägt, nicht alles ist eine solide Basis für ein gutes Leben ein gutes Leben für mich, die Menschen um mich, die Gesellschaft, die Welt. Also versuchen wir s mit Paulus!

4 4 Liebe Geheiligte in Christus, liebe Heilige, alles ist mir erlaubt, und damit auch euch. Alles ist den Geheiligten in Christus erlaubt, aber: nicht alles trägt, und nicht alles baut mich und die, die um mich herum sind, auf. Nun möchte ich Ihnen eine Geschichte aus Österreich erzählen. Wenn Sie schon einen Prediger von soweit her nach Erfurt einladen, dann sollte er auch eine Geschichte aus den Alpen mitbringen. Auf der Alm, da gibt s, koa Sünd, wie man so schön sagt, auf der Alm. Und wos koa Sünd gibt, ist alles erlaubt, und deshalb muss vieles verboten werden. Vor allem die Touristen erlauben sich vieles auf den Bergen. Nein, nein nicht die Deutschen, es werden wohl die Italiener sein, die die Wälder und Almen durchstreifen, um Beeren und Pilze zu sammeln über alle Maßen. Weil sie sich das erlauben, ist das Pilze sammeln in den Kärntner Wäldern strengstens verboten. Bis zu kann da einer zahlen, der in großem Stil fremde Flure frevelt. Dort, wo der Wald am dunkelsten ist und die Bräuche am urtümlichsten, da zieht sich der Bischof der Evangelischen Kirche Österreichs jeden Sommer in seine Almhütte zurück, ist für niemand zu erreichen und feiert am ersten Augustsonntag zum Almkirtag einen Gottesdienst am Berg. Danach spielt die Teufelsgeige auf, man setz sich an einen Tisch, isst Kärntner Kasnudeln und steht lange nicht mehr auf und schaut tief in den Bierkrug. Der Bischof und der Oberförster schauen am längsten. Als sie gemeinsam in die Krüge schauten, klagte einmal der Förster wieder über die Touristen und ihre Raubzüge. Und der Bischof klagte, dass, obwohl ihm die Pilze bei der Hütte hereinwüchsen, er sie mühsam im Laden erwerben müsse. So klagten sie und saßen noch länger.

5 5 Bis der Förster einen Stift zückte, einen Bierdeckel vom Stapel nahm und darauf mit schon ungelenker Schrift notierte: Bischof Bünker darf alles. Von nun an geht der Bischof nicht mehr vor die Hütte ohne den Bierdeckel in der Tasche. Und bei Bischofs gibt es selbst gesammelte Steinpilze und Beerenkuchen und dann und wann sogar eine Forelle aus dem nahen Bach. Ihm ist die große Freiheit geschenkt worden, dem Bischof. Er darf alles, ihm ist alles erlaubt, dass hat er für immer am Bierdeckel bestätigt. Er könnte nun 30 kg Pilze ernten, 20 Fische und 3 Rehe und 2 Hirschen schießen. Ihm ist ja alles erlaubt. Aber der Förster fürchtet das nicht. Der Förster schenkt Bischof Bünker nicht nur einen Bierdeckel und die uneingeschränkte Berechtigung der Waldnutzung, sondern er schenkt ihm vor allem eines: Vertrauen. Der Förster vertraut Bischof Michael Bünker. Er weiß, dass der Bischof in seinen Entscheidungen, auf seinen Jagdausflügen, Pilz Ernte - Wanderungen und Fischereitouren Rücksicht nimmt: Rücksicht auf die Natur und auf das, was sie geben kann, ohne Schaden zu nehmen. Rücksicht auf andere Menschen, die ebenfalls jagen, fischen und sammeln möchten und sich an den Gütern der Erde laben und erfreuen wollen. Und Rücksicht auf seinen eigenen Magen wer kann schon 3 Rehe und 2 Hirschen essen? Der Oberförster auf den Nockbergen in Kärnten ist gewiss: Bischof Bünker wird das Geschenk der Freiheit nicht ausnutzen. Er wird das Geschenk der Freiheit in Verantwortung annehmen. In Verantwortung anderen Menschen gegenüber, in Verantwortung der Welt, der Natur gegenüber, in Verantwortung sich selbst gegenüber.

6 6 Wer das Geschenk der Freiheit in Verantwortung annimmt, wer verantwortlich handelt, dem kann man getrost alles erlauben. Wer verantwortlich handelt, braucht nicht hunderte Vorschriften, Regeln und Gesetze. Denn wer verantwortlich handelt, der trägt das Gesetz in sich: sein Gewissen. Liebe Geheiligte in Christus, liebe Heilige, Die Evangelien sprechen von Herz, wenn sie von Gewissen sprechen: im Herzen erfährt sich der Mensch zutiefst und zuinnerst vor Gott, im Herzen hört der Mensch, im Herzen hören wir den Anspruch Gottes. Gewissen heißt nicht, Regeln zu befolgen. Gewissen heißt darüber nachdenken, was gut ist. Was verantwortungsvoll ist anderen gegenüber und mir selbst gegenüber. Im Gewissen geht es nicht darum, Regeln zu befolgen. Im Gewissen geht es um unsere innere Haltung, aus der heraus wir handeln. Dieses Gewissen achten, heißt: dem eigenen Gewissen folgen und Freiheit in Verantwortung leben. Und: Das Gewissen anderer achten. Sie nicht zwingen, gegen ihr Gewissen zu handeln. Denn wider das Gewissen zu handeln, ist beschwerlich, unheilsam und gefährlich. Das erklärte Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms, als er sich weigerte, seine Thesen zu widerrufen. Das Gewissen achten, das verlangt von Kirche und Diakonie eine gewisse Enthaltsamkeit. Die Enthaltsamkeit im Aufstellen von moralischen Regeln, Gesetzen und Normen. Wie der berühmte deutsche Theologe Rudolf Bultmann formuliert:

7 7 Jedermann hat ein Gewissen und kann wissen, was gut und böse ist. Echte christliche Verkündigung hat in Bezug auf die Ethik nicht besondere Forderungen vorzubringen. Wenn echte christliche Verkündigung auf das Gewissen vertraut und darauf verzichtet, moralische Normen vorzubringen, dann vertraut sie darauf: Gott hat uns zur Verantwortung befreit. Und darum ist alles erlaubt. Was für die Verkündigung richtig ist, sollte für die diakonische Arbeit nicht falsch sein. In der Kultur diakonischer Arbeit sollte nicht nur all das erlaubt sein, was nicht verboten ist. Und es sollte nicht die Regel gelten: weil sich alle alles erlauben, muss vieles verboten werden. Die Unternehmenskultur der Diakonie kann keine Unternehmenskultur der Regeln und Gesetze, der Handbücher und Leitlinien sein. Das entscheidende Wort diakonischer Unternehmenskultur heißt: Vertrauen. Unsere Arbeitsbasis beruht auf Geschenken: auf geschenktem Vertrauen, auf dem Geschenk der Freiheit, auf der Freiheit, die zu gewissenhaften Entscheidungen, die zum Handeln führt zu einem Handeln, das dem Gewissen verpflichtet ist und die Gewissensentscheidungen anderer respektiert. Ich lade sie ein: Wenden Sie sich ihrem Nachbar, ihrer Nachbarin zu und schenken sie ihm/ihr Vertrauen! Sagen sie ihm/ ihr: Eines sage ich dir: Alles ist erlaubt, aber nicht alles trägt.

8 8 Nehmen Sie den Bierdeckel, der auf ihrem Sitz liegt, und nehmen Sie einen Stift und schenken sie Vertrauen. Schreiben sie drauf, z.b. Eberhard dir ist alles erlaubt, oder Christine dir ist alles erlaubt. Und seien sie gewiss. Eberhard und Christine werden mich nicht enttäuschen. Liebe Geheiligte in Christus, liebe Heilige, Gott hat Euch zur Verantwortung berufen. Gott hat Euch zur Verantwortung befreit. Das Geschenk der Freiheit, das uns Gott macht, annehmen, heißt: anderen Freiheit zutrauen, anderen vertrauen, dass sie diese Freiheit verantwortungsvoll leben werden, anderen zusprechen, dass ihnen alles erlaubt ist. Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

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