Rede Dr. Seele zur Mitgliederversammlung der AHK 2014, 25. März

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1 1 Rede Dr. Seele zur Mitgliederversammlung der AHK 2014, 25. März Sehr geehrter Erler, sehr geehrter Herr von Fritsch, liebe Frau von Knoop, lieber Herr Harms, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Mitglieder der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, es hat seit Existenz der AHK keine Mitgliederversammlung gegeben wie diese, und ich glaube auch in den Jahren davor waren die politische und die wirtschaftspolitische Situation nicht so angespannt wie augenblicklich. Wohin uns diese Entwicklung führen wird, ist derzeit nicht absehbar. Aber ich glaube im Namen aller Anwesenden zu sprechen, wenn ich dem Wunsch nach einer baldigen Rückkehr zu Vernunft und Weitsicht, Augenmaß und Dialog Ausdruck verleihe. Normalerweise würde ich schon an dieser Stelle über die Arbeit und Erfolge der AHK im abgelaufenen Jahr reden, über den Zustand der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen, davon, dass Russland noch immer ein hoch attraktiver Markt mit enormen Möglichkeiten für Wachstum und Gewinn ist

2 2 Aber ich denke, jeder hier hat Verständnis dafür, dass ich das dringende Bedürfnis verspüre, die aktuelle Situation zu beleuchten. Es ist noch keine drei Monate her, dass wir uns in einer normalen Welt befunden haben mit all ihren Unzulänglichkeiten und Schwächen zugegeben, aber weit entfernt von der Möglichkeit, dass es in Europa eine bewaffnete Auseinandersetzung geben könnte. Jetzt befinden wir uns in der größten Krise seit dem Zerfall der Sowjetunion. Der Unterschied zur damaligen Zeit besteht jedoch darin, dass Russland nicht vor einem Staatsbankrott und dem totalen Ruin steht, sondern Teil der Weltwirtschaft und in alle internationalen Strukturen eingebunden ist. Und trotzdem konnte es zu diesem Rückfall in die Zeiten des Kalten Krieges kommen. Aber: Es muss auch einen Weg zurück zu Verhandlungen, Vernunft und Gemeinsamkeit geben. Dieser Weg muss jetzt eingeschlagen werden. Wir als AHK und ich ganz persönlich setzen uns dafür ein, dass dies schnellstmöglich geschieht. Ich bin deshalb Herrn Erler auch außerordentlich dankbar dafür, dass er heute extra nach Moskau gekommen ist. Denn die augenblickliche Situation hat schon sehr konkrete Auswirkungen auf alle Konfliktparteien.

3 3 Wir spüren diese Auswirkungen deutlich. Am intensivsten im Verfall der russischen Währung. Zwar verlor der Rubel auch schon vor der Krise in der Ukraine erheblich an Wert, aber diese Tendenz hat sich seitdem noch erheblich dynamisiert. Am unmittelbarsten ist die russische Bevölkerung von dieser Entwicklung betroffen, für die sich mit einem Schlag ausländische Produkte um teilweise bis zu 50 Prozent verteuern. Und natürlich führt die Rubelabwertung auch zu einer schneller steigenden Inflation. Betroffen sind aber auch sehr direkt die Unternehmen. Jeder hier im Saal, der seine Bilanz in Euro mit dem Mutterhaus verrechnet, wird verstehen, wovon ich rede. Wenn aus 20 Prozent Gewinn mit Mühe eine schwarze Null wird. Betroffen sind auch alle Importeure, deren Produkte sich in gleichem Maße verteuern und die zunehmend weniger konkurrenzfähig sind. Betroffen ist endlich auch der russische Mittelstand, dieses zarte Pflänzchen, das in den vergangenen zwei, drei Jahren vorsichtig zu blühen begann. Mit der Intervention der Zentralbank und der Erhöhung des Leitzinses um 1,5 auf sieben Punkte haben sich Kredite von heute auf morgen um

4 4 fast 25 Prozent erhöht und stellen die Mittelständler vor enorme Probleme. Das in einer Situation, in der die russische Wirtschaft sich ohnehin nicht so entwickelt hat wie erwartet. Gerade deshalb befürworten die AHK und die deutsche Wirtschaft nach wie vor die Bemühungen um einen gemeinsamen Wirtschaftsraum Europa-Russland und perspektivisch die sprichwörtliche Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok, selbstverständlich unter Integration der Ukraine. Gerade in dieser schwierigen Situation soll die Wirtschaft als Stabilisierungskraft auftreten. Wir appellieren an die Vernunft und rufen ausdrücklich dazu auf, die bereits begonnenen Projekte fortzusetzen. Denn sowohl russische als auch europäische/deutsche Unternehmen haben ein vitales Interesse an einer Rückkehr zur Normalität und möglichst wenig Beschränkungen der Handelstätigkeit. Integration war auch der Grundgedanke der im vorigen Jahr ins Leben gerufenen Mittelstandsinitiative der AHK. Integration und Innovation. Was ist aus diesem Vorhaben geworden? Ganz reale Projekte.

5 5 1. Seit Anfang des Jahres arbeitet unter unserem Dach ein Mitarbeiter an der Implementierung ausgewählter Berufe nach dem Vorbild der dualen Berufsbildung. Dies ist ein wesentlicher Schritt zum Wissenstransfer. Damit haben wir einem der drängendsten Probleme in Russland den Kampf angesagt: dem Fachkräftemangel. 2. Qualität kann nur liefern, wer gut ausgebildet ist und in Unternehmen arbeitet, die auf Weltmarktniveau produzieren. Viele große russische Unternehmen haben die Entwicklung dorthin erfolgreich geleistet. Bei vielen klein- und mittelständischen Unternehmen sieht die Situation aber anders aus. Wir haben im vergangenen Jahr erstmals eine sogenannte Zuliefermesse durchgeführt. Hier konnten sich Produzenten und potentielle Lieferanten treffen. In diesem Jahr findet das Forum zur Lieferantensuche und auch zur Lokalisierung der Produktion am 24. und 25. Juni in Moskau statt. Die russische Seite hat bereits signalisiert, dass sie sich aktiv an diesem Forum beteiligen möchte. 3. Seit Jahr und Tag steht auf der Agenda der Unternehmen die Visavergabe ganz oben. Natürlich haben wir das langfristige Ziel, gänzlich ohne Visa von

6 6 Deutschland nach Russland und umgekehrt reisen zu können. Wir sind uns aber auch bewusst, dass diese Entscheidungen auf europäischer Ebene getroffen werden. Aber heute und hier kann ich Ihnen einen ganz klaren Fortschritt verkünden. Seit Ende letzter Woche gibt es den AHK-Schalter im Visa-Service-Center, der es unseren Mitgliedsunternehmen ermöglicht, wesentlich leichter und einfacher Visa für Mitarbeiter zu beantragen. Ganz herzlichen Dank an die Deutsche Botschaft. 4. Auch beim Thema Lokalisierung decken sich die Interessen der deutschen und der russischen Unternehmen und der russischen Politik weitestgehend. Einige russische Regionen haben in den letzten zwei, drei Jahren die Rahmenbedingungen für ausländische Investoren deutlich verbessert. Trotzdem bleibt noch viel zu tun - jede Investition hat ihre Besonderheiten und muss individuell betreut werden. Wir freuen uns deshalb ganz besonders, dass die russische Seite mit Alexander Repik einen waschechten Unternehmer zum Ombudsman für ausländische Investitionen gemacht hat. 5. Um die Firmen bei ihren Investitionen noch intensiver beraten zu können, haben wir in diesem Jahr unter dem Dach der AHK die AG Lokalisierung gegründet. Sie bildet

7 7 fortan das Scharnier zwischen den Unternehmen und den russischen Entscheidungsträgern. 6. Auch ein Ergebnis der intensiven Zusammenarbeit mit den Unternehmen ist die Ansiedlung eines Koordinators für den Hochgeschwindigkeitsbahnverkehr bei der AHK. Hinter diesem etwas sperrigen Begriff verbirgt sich die gesammelte Expertise und Kompetenz der deutschen Wirtschaft in Sachen Bahnverkehr. Ein deutsches Konsortium bewirbt sich um den Bau, die Planung und die Entwicklung von Bahnstrecken, auf denen Züge mit Geschwindigkeiten von bis zu 400 Stundenkilometern fahren können. Meine Damen und Herren, die Mittelstandsinitiative der AHK hat also bereits zahlreiche konkrete Ergebnisse erzielt. Um sich schon im Vorfeld in Deutschland informieren zu können, haben wir in diesem Jahr erstmals auch ein Kompendium herausgegeben, mit dessen Hilfe man den Markteintritt in Russland planen kann: German Mittelstand in Russland. Ein Leitfaden zum Geschäftserfolg.

8 8 Und noch eines möchte ich nicht unerwähnt lassen, es ist uns in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gelungen, die Mitgliederzahl stabil zu halten. Herr Harms wird Ihnen das in seinem Rechenschaftsbericht noch ausführlich erläutern. Deshalb erlauben Sie mir an dieser Stelle schon einmal ein herzliches Dankeschön an alle AHK-Mitarbeiter. Was erwartet uns 2014? Mit absoluter Sicherheit jede Menge Herausforderungen und sehr viel Überzeugungsarbeit an allen Fronten. Die Verunsicherung ist auf allen Seiten groß. Das Wesentliche aber ist, sich darüber im Klaren zu sein, dass Russland immer noch ein sehr interessanter Markt ist, dass wir alle Anstrengungen unternehmen sollten, um nach Deutschland aber auch nach Russland zu kommunizieren, das wir an die Zusammenarbeit, an die Zuverlässigkeit und an die gemeinsame Zukunft glauben und darauf vertrauen. Diese Botschaft zu vermitteln, darum möchte ich jeden einzelnen von Ihnen bitten. Denn Russland braucht Europa und Deutschland und wir brauchen Russland! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

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