Das Modell assimilativer und akkommodativer Prozesse

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1 Das Modell assimilativer und akkommodativer Prozesse I. Grundlinien des Zwei-Prozess-Modells - Unterscheidung von zwei z.t. antagonistischen adaptiven Grundprozessen: - Assimilative Aktivitäten richten sich darauf, die eigenen Lebens- und Entwicklungsumstände persönlichen Zielen und Ansprüchen entsprechend zu gestalten bzw. zu modifizieren - Durch akkommodative Prozesse werden Ziele und Ansprüche an gegebene Umstände und Beschränkungen angepasst - Beide adaptiven Modi beseitigen - auf unterschiedliche Weise - Diskrepanzen zwischen faktischer und gewünschter Situation - Das Wechselspiel von assimilativen und akkommodativen Prozessen ist eine wesentliche Quelle subjektiver Lebensqualität und Resilienz (insbesondere auch im höheren Alter)

2 II. Kernannahmen des Zwei-Prozess-Modells (1) Facetten und Funktionen - Lösung des Stabilitäts-Flexibilitäts-Dilemmas in der Handlungsregulation (Stabilisierung gesetzter Ziele gegen Ablenkungen, zugleich Vermeiden unproduktiver Persistenz) - Assimilative und akkommodative Prozesse stehen in einer antagonistischen, zugleich jedoch komplementären Relation - Aspekte der assimilativen Funktionslage: zielgerichtete Anstrengung; reaktante Anstrengungssteigerung beim Auftreten von Hindernissen; korrektive und kompensatorische Anstrengungen; aktiv-problemfokussierte Bewältigungsbemühungen - Aspekte der akkommodativen Funktionslage: Ablösung von blockierten Zielen; Akzeptieren irreversibler Verluste; Erzeugung entlastender Kognitionen; Umleitung von Handlungsressourcen auf neue Ziele - Konflikte zwischen beiden Prozessen treten auf, wenn zielgerichtete Anstrengungen an Ressourcengrenzen gelangen

3 (2) Grundlegende Mechanismen - Assimilative Funktionslage: konvergente, zielfokussierte Informationsverarbeitung; erhöhte Verfügbarkeit von Kognitionen, welche die Zielverfolgung unterstützen; Abschirmung gegen konkurrierende Handlungstendenzen und preference reversals - Akkommodative Funktionslage: divergent-holistische Informationsverarbeitung; Ausweitung des Aufmerksamkeitsfeldes; erhöhte Verfügbarkeit von Kognitionen, welche die Ablösung von einem blockierten Ziel unterstützen - der Wechsel von assimilativen zu akkommodativen Bewältigungsformen geht also mit einer radikalen Veränderung der Informationsverarbeitung einher - mögliche dysfunktionale Nebeneffekte assimilativer Persistenz: eskalierende Zielbindung, Festhalten an blockierten Lebensentwürfen, Erschöpfung von Handlungsressourcen, Andauern kontrafaktischer Emotionen (Ärger, Reue) - mögliche dysfunktionale Nebeneffekte akkommodativer Flexibilität: unstabile Zielbindung, verfrühtes Aufgaben von Anstrengungen, mangelnde Nutzung von Handlungsreserven - moderierende Einflussfaktoren: individuelle Handlungspotentiale, Kontrollüberzeugungen; Wichtigkeit des Zieles; Ersetzbarkeit des Zieles; Selbst-Komplexität

4 (3) Dispositionelle Unterschiede - Skalen: Hartnäckige Zielverfolgung (HZ) und Flexible Zielanpassung (FZ) - HZ und FZ als orthogonale Facetten der Bewältigungskompetenz - beide Skalen korrelieren positiv mit subjektiver Lebensqualität etc. - beide Skalen zeigen gegenläufige Zusammenhänge mit der Altersvariable - mit abnehmenden Handlungsressourcen werden akkommodative Bewältigungsformen bedeutsamer - Bedeutung akkommodativer Flexibilität für die Bewältigung alterstypischer Verluste und Behinderungen: Puffereffekte von FZ - Akkommodative Flexibilität und Zufriedenheitsparadoxien : Abschirmung von Lebenszufriedenheit gegen Unzufriedenheit in spezifischen Lebensbereichen - Bedeutung akkommodativer Flexibilität für die Bewahrung von personaler Kontrolle

5 (4) Befunde aus Experimenten und Interviewstudien - Öffnung des Aufmerksamkeitsfeldes im akkommodativen Modus - Flexibilität begünstigt die Erzeugung entlastender Kognitionen - Personen mit hoher akkommodativer Flexibilität sind eher geneigt, alt mit positiven Bedeutungen zu verbinden - Befunde aus Interviewstudien: Häufigkeit akkommodativer Äußerungen geht mit höherer Lebenszufriedenheit, positiven Einstellungen zum Altern einher; flexible Personen finden mehr Kontinuität und Bedeutung in ihrem Leben (5) Reichweite des Modells - Depression - Rumination - dysfunktionale Persistenz, entrapment - benefit finding, post-traumatischer Gewinn - Reue, kontrafaktische Emotionen* - Kompensation - Sinnperspektiven, Weisheit

6 (6) Literatur Brandtstädter, J. (2007a). Das flexible Selbst: Selbstentwicklung zwischen Zielbindung und Ablösung. Heidelberg: Elsevier/Spektrum Akademischer Verlag. Brandtstädter, J. (2007b). Hartnäckige Zielverfolgung und flexible Zielanpassung als Entwicklungsressourcen: Das Modell assimilativer und akkommodativer Prozesse. In J. Brandtstädter und U. Lindenberger (Hrsg.), Entwicklungspsychologie der Lebensspanne. Ein Lehrbuch (S ). Stuttgart: Kohlhammer. Brandtstädter, J. & Greve, W. (1994). The aging self: Stabilizing and protective processes. Developmental Review, 14, Brandtstädter, J. & Renner, G. (1990). Tenacious goal pursuit and flexible goal adjustment: Explication and age-related analysis of assimilative and accommodative strategies of coping. Psychology and Aging, 5, Brandtstädter, J. & Rothermund, K. (1994). Self-percepts of control in middle and later adulthood: Buffering losses by rescaling goals. Psychology and Aging, 9, Brandtstädter, J. & Rothermund, K. (2002). The life-course dynamics of goal pursuit and goal adjustment: A two-process framework. Developmental Review, 22, Brandtstädter, J., Rothermund, K. & Schmitz, U. (1998). Maintaining self-integrity and self-efficacy through adulthood and later life: The adaptive functions of assimilative persistence and accommodative flexibility. In J. Heckhausen & C.S. Dweck (Eds.), Motivation and self-regulation across the life span (pp ). New York: Cambridge University Press. Brandtstädter, J., Voß, A. & Rothermund, K. (2004). Perception of danger signals: The role of control. Experimental Psychology, 51, Brandtstädter, J. & Wentura, D. (1995). Adjustment to shifting possibility frontiers in later life: Complementary adaptive modes. In R.A. Dixon & L. Bäckman (Eds.), Compensating for psychological deficits and declines: Managing losses and promoting gains (pp ). Mahwah, NJ: Erlbaum. Brandtstädter, J., Wentura, D. & Rothermund, K. (1999). Intentional self-development through adulthood and later life: Tenacious pursuit and flexible adjustment of goals. In J. Brandtstädter & R.M. Lerner (Eds.), Action and self-development: Theory and research through the life span (pp ). Thousand Oaks, CA: Sage....\jb\Folien\EntB_FoV_Zwei-Prozess-Modell.doc (1-6)

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