Dietrich Klusmann Warum gibt es Gefühle? Eine Einführung in die Evolutionspsychologie

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1 Evolutionspsychologie 1 Dietrich Klusmann Warum gibt es Gefühle? Eine Einführung in die Evolutionspsychologie

2 Evolutionspsychologie 2 Warum gibt es Gefühle? Eine Einführung in die Evolutionspsychologie Zusammenfassung... 2 Einleitung... 2 Die Modularität des mentalen Apparats... 4 Adaptive Funktionen als heuristische Wegweiser... 5 Gefühle... 6 Nahrungspräferenzen... 6 Angst... 8 Verliebtheit... 8 Täuschung und Selbsttäuschung...11 Logik...14 Inzesthemmung...16 Der verdeckte Eisprung...18 Schluß...19 Literatur...20 Zusammenfassung Das menschliche Gehirn hat sich wie jedes andere Organ durch natürliche Selektion entwickelt. Daher sind sein Aufbau und seine Leistungen als Anpassungen an die Lebensumgebung unserer Vorfahren zu verstehen. Auch die Bereitschaft unter bestimmten Umweltbedingungen bestimmte Motive und Gefühle zu entwickeln, basiert auf angeborenen Mechanismen, die in der Evolutionsgeschichte durch den unterschiedlichen Reproduktionserfolg ihrer Varianten die Form angenommen haben, die wir heute vorfinden. Die Evolutionspsychologie untersucht psychologische Mechanismen dieser Art. In dieser Einführung wird die Logik solcher Untersuchungen an Beispielen erläutert: Nahrungspräferenzen, Angst, Liebe, Täuschung und Selbsttäuschung, Inzesthemmung, der verdeckte Eisprung. Einleitung Charles Darwin hat in seinem Werk "On the Origin of Species" vorhergesagt, die Psychologie würde in Zukunft von der Einsicht ausgehen, daß jede mentale Befähigung graduell im Laufe der Evolution entstanden ist (Darwin 1859). Seine Vorhersage hat sich erst in den letzten zwei Jahrzehnten erfüllt - mit der Entwicklung der Evolutionspsychologie (evolutionary psychology), die besonders in den USA stattfindet. Evolutions-psychologie ist kein inhaltliches Feld der Psychologie, wie z.b. die Psychologie der Wahrnehmung, sondern ein neues Paradigma, mit dem die Frage nach der menschlichen Natur im Lichte der biologischen Evolutionstheorie beantwortet werden soll. Das Ziel ist, in den Worten von Leda Cosmides und John Tooby (1997, S. 1): "... to discover and understand the design of the human mind." Robert Wright (1997) spricht auch von einer stillen Revolution gegen die vorherrschende Doktrin in den Sozialwissenschaften, wonach die menschliche Natur das unbestimmte Material ist, das durch soziale Faktoren geformt und transformiert wird und der Rekurs auf biologische Faktoren bei der Erklärung sozialer und psychologischer Phänomene nur als ein letzter Ausweg akzeptiert werden kann. Diese Auffassung beherrscht in verschiedenen Abschwächungen noch immer große Teile der Sozialwissenschaften. John Tooby und Leda Cosmides (1992) haben sie in einem programmatischen Aufsatz als das "Social Science Standard Model"

3 Evolutionspsychologie 3 analysiert und mit dem Modell der Evolutionspsychologie kontrastiert. Was ist nun das Neue an der Evolutionspsychologie? Daß unser Gehirn im Laufe der Evolution 1 entstanden ist, hat auch zuvor kaum jemand bezweifelt. Das Neue ist die differenzierte Vorstellung von Instinkten oder, wie es terminologisch heute meist vorgezogen wird, von Verhaltensprogrammen. Früher glaubte man, Menschen hätten ihre Instinkte weitgehend verloren. Das war die These vom Menschen als einem instinktreduziertem Wesen, die der Soziologe Arnold Gehlen (1950) in den 50er Jahren, damals noch in Übereinstimmung mit dem biologischen Wissensstand, vertreten hat, und die Peter Berger und Thomas Luckmann in ihrem einflußreichen Buch "The social construction of reality" so zusammenfassen: Man s instinctual organization may be decribed as underdeveloped, compared with that of the higher mammals. Man does have drives of course. But these drives are highly unspecialized and undirected (Berger and Luckmann 1973, S. 66) Aber es gab lange zuvor auch schon die gegenteilige Ansicht. Der Psychologe William James 2, hat um die Jahrhundertwende behauptet, menschliches Verhalten sei flexibel und vielgestaltig nicht weil wenige, sondern gerade weil sehr viele und sehr raffinierte Instinkte daran beteiligt sind (James 1890b, S ). In der Kurzfassung seiner "Principles of Psychology" hebt er hervor: "No other mammal, not even the monkey, shows so large a list (James 1892, S. 274) 1 Evolution ist, kurz gesagt, das selektive Überleben von Genen. Gene, die einen Organismus bauen, der mehr ü- berlebende Nachkommen hat als seine Konkurrenten, werden in der nächsten Generation häufiger, während ihre alternativen Varianten (Allele), seltener werden. Letztlich sind es Gene, die miteinander konkurrieren, auch wenn der Wettstreit um die Fortpflanzung zwischen den Organismen stattfindet, die ihre Vehikel sind. Für eine Einführung siehe das in seiner Kombination von Kenntnis mit lebendiger Sprache m. E. noch immer unübertroffene Buch von Richard Dawkins "Das egoistische Gen" (1996, Ersterscheinung 1974). Einen kurzen Abriß speziell für Psychologen gibt Noonan (1987). 2 William James (James 1890b, S. 146) hat vermutlich den Begriff "Evolutionary psychology" als erster benutzt, sowohl in der heutigen Bedeutung, z.b. wenn er Spencer zitiert: "in tracing up the increase (of mental evolution) we found ourselves passing without break from the phenomena of bodily life to the phenomena of mental life" (S ), als auch in einer spirituellen Bedeutung (atomistischer Hylozoismus) von der er sich distanziert. Genau das wurde in der psychologischen Wissenschaft seiner Zeit und auch noch viele Jahrzehnte später als Schwäche empfunden, denn eine lange und scheinbar beliebig erweiterbare Liste von Einzelinstinkten widersprach dem monolithischen Triebkonzept der damals einflußreichen psychoanalytischen Theorie und wurde als theoretisch unelegant empfunden. In der Gegenwart haben kognitve Psychologen keine Schwierigkeiten mehr damit, sich den mentalen Apparat als vielfältig zusammengesetzt zu denken - weil er eben Vielfältiges zu leisten hat (Minsky 1985). Sie sprechen nur nicht mehr von Instinkten, sondern von angelegten Bereitschaften zu Motiven, Gefühlen und Verhaltensweisen, oder von evolvierten Mechanismen (Buss 1999). Die mühelose und automatische Arbeitsweise von Verhaltensprogrammen läßt normales Verhalten als selbstverständlich und nicht weiter erklärungsbedürftig erscheinen. William James fordert deshalb seine Leser dazu auf, die Anstrengung zu unternehmen, sich das Natürliche als merkwürdig vorzustellen und nach dem Warum von instinkthaftem Verhalten zu fragen. Warum z. B. lächeln wir, wenn uns etwas gefällt und runzeln nicht etwa die Stirn? Warum finden wir jemanden schön? Warum verwirrt uns der Anblick der heimlich Geliebten? Warum mögen wir lieber Lammrücken und Champagner als Schiffszwieback und Teichwasser? Warum sind wir bemüht, eine Gefälligkeit zu erwidern (James 1890a, S. 386)? Die Antwort auf solche Fragen ist heute durch zwei Entwicklungen leichter geworden: der Neuen Synthese in der biologischen Evolutionstheorie und der Theorie der Domänenspezifität in der kognitiven Psychologie. Die Neue Synthese begann in den 40er Jahren mit der Entdeckung der Gene und der Einbeziehung der Populationsgenetik (Maynard Smith 1989) in die Evolutionstheorie Darwins. In den 60er Jahren eröffnete Hamilton (1964a; 1964b) mit seiner Klärung des Begriffs der Fitness und einer Analyse der Evolution altruistischen Verhaltens eine neue Denkrichtung, deren Ausfaltung in den der 70er Jahren unter dem Namen Soziobiologie eine heftige Debatte auslöste (Dawkins 1996; Wilson 1975). Die Neuigkeit der Neuen Synthese bestand vor allem in der Präzisierung der Logik der Evolution als dem selektiven Überleben von Genen, nicht etwa von Individuen oder gar des Tüchtigsten, wie es in der historisch ersten aber irreführenden Formel heißt (für eine kurze Zusammenfassung, siehe Kauffman 1993, S. 3-26). Ihre Anwendung brachte eine Fülle neuer Einsichten, z.b. für

4 Evolutionspsychologie 4 das Verständnis des scheinbar uneigennützigen Verhaltens der Arbeiterinnen in einem Ameisenstaat und für das bis dahin unerklärliche Phänomen des Infantizids bei harembildenden Tieren. In der kognitiven Psychologie hat sich die Vorstellung durchgesetzt, daß der mentale Apparat aus vielen spezifischen Einzelapparaten, sogenannten Modulen besteht, die man sich wie Module in einem Computer vorstellen kann (Cosmides and Tooby 1995; Fodor 1983; Hirschfeld and Gelman 1994). Diese Module, manchmal auch als domänenspezifische Funktionen, neuronale Schaltkreise, agents (Minsky 1985) oder gar als demons bezeichnet, regulieren unterschiedliche Aufgaben, z. B. die visuelle Wahrnehmung, das Hören, Nahrungspräferenzen, das Erkennen von Gesichtern, den Erwerb der Sprache sowie eine große Zahl emotionaler Bereitschaften, wie Angst, Aggressivität, sexuelles Begehren. Auch das Gedächtnis ist kein monolithisches Phänomen, sondern segmentiert in ein Gedächtnis für erlebte Episoden, ein Gedächtnis für faktisches Wissen, eines für motorische Abläufe und eines für übergreifende Assoziationen zwischen Reizmustern (Markowitsch 1996). Mentale Module sind nicht bloß abstrakte theoretische Konstrukte, sondern ihnen entsprechen spezifische neuronale Strukturen im Gehirn, die in kooperierenden Zentren organisiert sind. Für die Evolutionspsychologie ist das Gehirn eine Ansammlung solcher Module, die durch natürliche Selektion entstanden sind, um wie Werkzeuge bestimmte Aufgaben zu erledigen (Cosmides and Tooby 1994). Es gibt hier keinen Gegensatz zwischen Instinkt und Lernen, im Gegenteil, Instinkte sind im wesentlichen Lernbereitschaften, die sich erst in der Interaktion mit einer bestimmten Umgebung entfalten. Beim Erwerb der Sprache muß jedes einzelne Wort gelernt werden. Dies ist aber nur möglich, weil es ein dafür angelegtes mentales Modul gibt, das man als den "Sprachinstinkt" bezeichnen kann (Pinker 1994). Die Evolutionspsychologie untersucht solche domänenspezifischen Module und benutzt dabei das Wissen über Adaptation und Populationsgenetik aus der biologischen Evolutionstheorie (Barkow, Cosmides, and Tooby 1992; Buss 1999; Crawford and Krebs 1998; Simpson and Kenrick 1997). Das Center for Evolutionary Psychology an der University of California, St. Barbara, gibt auf seiner Homepage einen Überblick, Literaturhinweise und Verbindungen zu weiteren Zentren 3. In Europa ist das Ludwig- Boltzmann-Institut für urbane Ethologie besonders interessant 4. Neue Forschungsergebnisse werden in mehreren Internet-Foren dargestellt und diskutiert 5. Die Modularität des mentalen Apparats Mentale Module arbeiten überwiegend unbewußt. Bewußtsein ist in der Evolutionspsychologie, wie in der Psychoanalyse, nur die Spitze eines Eisbergs - ein spezielles Modul, das die Arbeit vieler nicht bewußt ablaufender Module integriert. Man kann das Bewußtseinsmodul mit dem Präsidenten eines Staatswesens vergleichen, dessen Wissen darüber, was in der Welt vor sich geht, durch eine große Zahl von Institutionen, Arbeitsgruppen und Abteilungen gesammelt wird, die selbst wieder mit anderen Organisationen zusammenarbeiten (Cosmides and Tooby 1997). Fakten werden gefiltert, vorverarbeitet und danach auf eine höhere Ebene weitergeleitet. Z.B. wird das Bild auf der Retina erst in elektrische Impulse umgewandelt, dann von einer großen Zahl spezialisierter Module nach Bewegung ausgewertet, Richtung der Bewegung, Entfernung, Farbkonstanz, Formkonstanz und schließlich mit speziellen Erkennungsprogrammen z.b. für Gesichter. Menschen vermögen sehr gut menschliche Gesichter voneinander zu unterscheiden, weil sie besondere Module dafür besitzen (Johnson and Morton 1991). Viel schlechter können sie den Unterschied zwischen zerknüllten Papierbällchen erkennen, obwohl die zerklüfteten Oberflächen sich nach rein physischen Maßstäben weniger ähnlich sind als Gesichter. Mentale Module haben komplizierte Aufgaben zu bewältigen, aber diese Komplexität ist dem Bewußtsein verborgen: "easy things are hard" (Minsky 1985). Wie ist es dann aber möglich, daß Menschen Skateboard fahren oder Wellenreiten können, wo doch die Evolution für diese besonderen Aufgaben gewiß kein spezifisches Modul hervorgebracht hat? Die Antwort ist, daß die Module einen Transfer erlauben. Das Basisproblem war hier wahrscheinlich die Balance auf zwei Beinen mit den daraus resultierenden Problemen der Bewegungskoordination. Unsere Module zur Bewegungskoordination erlauben uns ogy.html 5 oder:

5 Evolutionspsychologie 5 Dinge zu tun, die unseren Vorfahren wohl wenig genützt hätten. Auf diese Weise ist auch zu verstehen, warum Seehunde es vermögen, einen Ball auf der Nase zu balancieren, obwohl ihnen das in ihrer Evolutionsgeschichte vermutlich nie einen Reproduktionsvorteil geboten hat. Neugeborene kommen schon mit gewissen Basiserwartungen auf die Welt, z.b. mit der Erwartung, ein Gesicht, mit zwei Augen zu sehen und der Erwartung, daß die Welt in diskrete Objekte eingeteilt ist, die sich in Raum und Zeit kontinuierlich verhalten (Baillargeon 1986; Johnson and Morton 1991). Man kann solche sogenannten crib sheets bei Säuglingen identifizieren, indem man ihre Reaktionen auf normale und abweichende Darbietungen untersucht. Ein verzerrtes Gesicht z.b. löst Überraschung und Abneigung aus, ein Objekt, dass sich nicht nach den Regeln der Physik verhält, weckt eine irritierte Aufmerksamkeit, während ein physikalisch normaler Vorgang nicht besonders zur Kenntnis genommen wird. Auch Annahmen über innere Zustände anderer Menschen, erschlossen aus Mimik, Blickrichtung und Bewegung scheinen bereits programmiert zu sein. Allgemein gilt für mentale Module: Sie sind im Laufe der Evolution zur Lösung bestimmter Probleme entstanden, sie sind universell bei allen Menschen vorhanden, sie arbeiten ohne bewußte Anstrengung oder Instruktion, ihre Tätigkeit und ihre Logik sind dem Bewußtsein verborgen, sie sind spezialisiert, können aber mit anderen Modulen für allgemeinere Aufgaben zusammenarbeiten. Adaptive Funktionen als heuristische Wegweiser Evolutionäre Erklärungen beginnen meist mit der Frage, wozu eine Anpassung dienen könnte (Williams 1966). Eine Funktion kann allerdings niemals als Erklärung hingenommen werden, denn das wäre so, als würde man die Existenz der Sonne damit begründen, daß sie eine Funktion für die Fotosynthese der Pflanzen hat. Die Frage nach der Funktion einer Anpassung gibt jedoch oft einen heuristisch wertvollen Wegweiser dafür, wonach man suchen muß und führt zu Vermutungen, die eventuell später erhärtet werden können. Ein Beispiel ist die Hypothese, wonach Farben, Formen und Düfte der Blumen eine Anpassung an die Art ihrer Bestäubung durch Insekten darstellen. Diese Hypothese wurde durch gezielte Beobachtungen getestet und erhärtet. Aber nicht jedes Merkmal muß eine adaptive Funktion besitzen. Es kann sich um ein Überbleibsel handeln, das durch natürliche Selektion nicht beseitigt werden konnte, wie der Blinddarm, oder ein Nebenprodukt, wie möglicherweise die männlichen Brustwarzen. Auch die Lage des Sehnervs, der oberhalb und nicht unterhalb der Retina austritt und damit ein optisches Hindernis darstellt, den blinden Fleck, ist nicht optimal. Da die Evolution keine Voraussicht besitzt, können in einer frühen Phase der Entwicklung die Weichen irreversibel in eine Richtung gestellt worden sein, die sich später als unzweckmäßig erweist. Wenn der Schlüssel zum Verständnis der Architektur unseres Gehirns die Anpassung unserer Vorfahren an ihre Umgebung ist, dann ist es natürlich wichtig zu wissen, worin diese Umgebung bestand. Solange es keine Zeitmaschine gibt, können darüber nur Vermutungen angestellt werden, die zum einen auf archäologischen Befunden basieren und zum anderen auf der Beobachtung der heute noch existierenden Gesellschaften von Jägern und Sammlern (Nesse and Williams 1995, S ). Die Umgebung evolutionärer Anpassung, kurz UEA, ist weder ein bestimmter Ort, noch eine bestimmte Zeit. Sie war für unterschiedliche Menschengruppen verschiedenartig, z.b. die afrikanische Savanne oder eiszeitliche Landschaften, und sie ist für Männer anders beschaffen als für Frauen, denn beide Geschlechter sind, was die Evolution der Geschlechtsunterschiede betrifft, füreinander Umwelt (Gaulin 1995). Am wichtigsten aber ist die Tatsache, daß die menschliche UEA schon früh eine kulturelle Umgebung war, und daß genetische und kulturelle Entwicklung in Wechselwirkung standen und noch stehen (Durham 1982; Maynard Smith and Warren 1993). Die Frage nach der Funktion kann in die Irre führen, wenn die Umgebung evolutionärer Anpassung früher eine andere war, als heute. So haben sich z.b. Motten noch immer nicht auf die Existenz von Kerzen und Glühbirnen eingestellt, die, gemessen an der langen Zeit der Evolution dieser Tiere, erst seit kurzem existieren. Eine Erklärung bietet die Vermutung, daß eine Motte ihre Flugbahn in der Nacht steuert, indem sie einen bestimmten Winkel zu einem leuchtenden Himmelskörper einhält. Ist die Lichtquelle jedoch nahe, z.b. eine brennende Kerze, dann führt dieses Verhaltensprogramm

6 Evolutionspsychologie 6 dazu, daß die Motte auf konzentrischen Kreisen hineinfliegt - ein nicht-adaptives Verhalten, das wahrscheinlich schwer in den Genen korrigiert werden kann, weil der Selektionsdruck relativ gering ist. Nicht was in der Gegenwart adaptiv wäre, erklärt den Aufbau eines Organismus, sondern nur was vergangenen Generationen Vorteile brachte (Tooby and Cosmides 1990). Die Diskrepanz zwischen der Umgebung evolutionärer Anpassung und gegenwärtiger Umgebung ist beim Menschen besonders kraß. Das Leben in großen anonymen Verbänden, die Verfügung über mächtige Waffen, Empfängsnisverhütung und Samenbanken sind Bedingungen, auf die sich einzustellen die genetische Evolution wenig Zeit hatte. Daher lassen sich evolutionstheoretische Erklärungen nicht ohne Umstände in der modernen Lebenswelt testen (Symons 1992). Auch wenn der Reproduktionserfolg das ultimate Kriterium der Evolution ist, gleichsam ihre Währung, gibt es keinen Instinkt, der direkt auf Fortpflanzung zielt. Tiere wissen gar nicht, was Fortpflanzung ist. Wenn sie ihren Antrieben folgen, z.b. einen guten Platz in der Hierarchie zu gewinnen, unwiderstehlich zu werben und aufopferungsvolle Brutpflege zu leisten, stellt sich der Reproduktionserfolg normalerweise von selbst ein. Gäbe es bei Menschen einen Instinkt zur Fortpflanzung, würde unser Leben anders aussehen: Frauen würden versuchen so viele Kinder wie möglich zu bekommen, Männer ihren Reichtum vornehmlich dafür nutzen, sich einen Harem zuzulegen, und Samenbanken wären ein großes Politikum. Gefühle Unsere Gefühle leiten uns also nicht auf direktem Wege zur Reproduktion; sie haben jedoch etwas damit zu tun. Wozu sind Gefühle gut? Sie helfen, eine Situation summarisch zu bewerten, sie bestimmen Präferenzen und Handlungsziele, sie mobilisieren Geist und Körper schnell und effektiv. Manchmal quälen sie uns auch damit, daß sie diese Funktionen gerade nicht zu erfüllen scheinen, etwa wenn wir nur das vage Gefühl haben, daß etwas nicht stimmt, oder in einem Konflikt hin- und hergerissen sind. Aus evolutionärer Perspektive sind Gefühle nicht dazu da, uns glücklich zu machen oder ethische Ziele zu befördern, sondern weil sie unsere Vorfahren dazu veranlaßten, Dinge zu tun, die ihrem Schutz, ihrem Überleben und letztlich ihrer Fortpflanzung dienten: zur rechten Zeit zu fliehen, anzugreifen, sexuell aktiv zu werden, die rechte Nahrung zu suchen und vieles mehr. Ich werde jetzt auf fünf Beispiele für das evolutionspsychologische Verständnis von Gefühlen näher eingehen: Nahrungspräferenzen, Angst, Liebe, Selbsttäuschung und Inzesthemmung. Nahrungspräferenzen In der Zeit, als noch Jäger und Sammler die Savannen durchstreiften. war es wahrscheinlich adaptiv, Früchte nach ihrer Süße zu suchen und zu bevorzugen. Wer Süßes als wohlschmeckend empfand und wen dies zu ausdauernder Nahrungssuche motivierte, der hatte eine reichere Quelle von Kohlehydraten als andere, bei denen diese Neigung weniger ausgeprägt war. Auch wenn ein solcher Vorteil die Zahl der Nachkommen wohl nur geringfügig erhöht, haben sich die entsprechenden Gene im Laufe vieler Generationen im Genpool durchgesetzt (für den Mechanismus der natürlichen Selektion siehe Kirkpatrick 1996). So entwickelte sich die Bereitschaft, Süßes als genußvoll zu empfinden als eine Prämie der Natur für nützliches Verhalten. In unserer heutigen Welt voller Schokoriegel wimmelt es nur so von süßen Angeboten, die verglichen mit dem Angebot der Natur geradezu supernormale Stimuli sind. Unsere Nahrungsvorlieben sind noch so beschaffen, als seien Fett, Zucker und Salz knapp, als müßten wir uns damit eindecken, wenn die Gelegenheit dazu besteht. Dazu treibt uns nicht ein freudloser dumpfer Drang, sondern ein Belohnungssystem (Rolls 1995; Schultz, Dayan, and Montague 1997), das angenehme Empfindungen hervorruft, wenn wir tun, was für unsere Vorfahren mit einem reproduktiven Vorteil verbunden war. Die Maschinerie des mentalen Apparats ist so komplex geworden, daß ein Teil davon die Existenz dieses Belohnungssystems ausnutzen kann, um es gezielt zu stimulieren, auch wenn kein Fitness-Vorteil daraus resultiert. Steven Pinker (1997, S. 524) nennt das "pushing the pleasure button". Es gibt auch Gefühlsbereitschaften, die uns dazu bewegen, bestimmte Nahrungsmittel zu meiden. So haben z.b. im Zweiten Weltkrieg amerikanische Piloten, die in die Wildnis verschlagen worden sind, lieber gehungert, als Kröten oder Käfer zu essen, obwohl sie wußten, daß sie essbar sind. Der Ekel vor bestimmten Nahrungsmitteln widersteht oft jedem rationalen Argument. Wir finden keimfrei gemachte Küchenschaben nicht weniger abstoßend als solche, die gerade aus der Anrichte hervorkommen. Die meisten Menschen würden nicht aus einem Glas trinken, in das gerade eine

7 Evolutionspsychologie 7 keimfreie Küchenschabe hineingetaucht wurde und trinken auch nur mit Widerwillen Orangensaft, der ihnen in einer neuen gereinigten U- rinflasche serviert wird. Der eigene Speichel ist nicht ekelerregend, solange man ihn im Mund hat, aber viele Leute würden eine Suppe nicht essen, in die sie selbst hineingespuckt haben. In der westlichen Welt gehören Insekten, Maden und Larven nicht zum Speisezettel, obwohl diese Tiere durchaus nahrhaft sind, nicht gesundheitsschädlich und manchen Völkern als Delikatesse gelten. Ekel hält Menschen dazu an, bestimmte Dinge nicht zu essen, sie auszuspucken oder zu erbrechen. Die Nase ist gerümpft, was die Nasenlöcher verengt, und der Mund mit vorgeschobener Zunge geöffnet, so als solle etwas herausbefördert werden. Man kann diese Reaktion, als erste Abwehrfront gegen Toxine betrachten, Erbrechen und Diarrhöe als eine zweite und die Detoxifizierung innerhalb des Körpers als eine dritte (Nesse and Williams 1995). Ekelerregend sind besonders Fäkalien, zähflüssige Substanzen wie Schleim und viele Teile von Tieren. Pflanzen dagegen können zwar bitter schmecken, sie werden aber selten so wie Tierprodukte als abscheulich und unhygienisch empfunden. Anorganische Stoffe wie Sand, Tuch oder Rinde meiden wir einfach ohne starke Gefühle. Welcher adaptive Vorteil hat nun für die Evolution des Ekelgefühls gesorgt? Rozin (1996) sieht darin eine Anpassung an das Dilemma des Allesfressers. Der Vorteil einer vielfältigen Nahrungspalette bringt die Gefahr mit sich, das Falsche zu sich zu nehmen. Verdorbenes Fleisch kann tödlich sein, weil es Mikroorganismen enthält, die Toxine freisetzen, um andere Interessenten abzuschrecken. Ekel hilft zu verhindern, daß diese Substanzen in den Körper gelangen. Ein ekelerregendes Objekt scheint in unseren Augen alles zu verunreinigen, was mit ihm in Kontakt kommt. Einige Objekte wie z.b. Bettpfannen, sind nur deshalb verdorben, weil sie dazu bestimmt sind, etwas ekelerregendes aufzunehmen. Dieses hartnäckige Gefühl der Kontamination hat seine rationale Basis in der Tatsache, daß Keime wirklich durch Kontakt übertragen werden können. Die angelegte Bereitschaft, so zu empfinden, trägt dieser Gefahr stillschweigend Rechnung, selbst wenn unsere Vorfahren nicht von ihr wußten. Allerdings kann dieser Mechanismus nicht rigide festgelegt sein, denn das Spektrum der essbaren Dinge hängt vom lokalen Nahrungsangebot ab. Die Ekelbereitschaft ist daher relativ unbestimmt und wird in ihren Einzelheiten erst durch Lernprozesse im Kleinkindalter genauer festgelegt. Kinder unter zwei Jahren haben keine Hemmungen, sich Dinge in den Mund zu stecken. In psychologischen Experimenten essen sie zum Entsetzen ihrer Eltern imitierten Hundekot, dem auch noch durch gewisse Käsesorten ein entsprechender Geruch gegeben wurde. Die Anthropologin Elizabeth Cashdan (1994) ist der Meinung, daß die ersten zwei Jahre eine kritische Periode für das Erlernen von Nahrungsvorlieben sind. In dieser Zeit lernen Kinder von den Erwachsenen, was sie essen dürfen und was nicht. Danach bleiben sie dabei. Schwangere Frauen erleben häufig Übelkeit, und sie vermeiden bestimmte Nahrungsmittel. Die Übelkeit wird allgemein als eine unspezifische Nebenwirkung hormoneller Veränderungen angesehen. Warum aber sollten Hormone diese Reaktionen zufällig hervorrufen? Psychologische Erklärungen, wonach z.b. die Übelkeit eine Ablehnung der Frau gegen ihren Mann und ihren unbewußten Drang, den Fötus oral abzutreiben, darstellt, sind meist wenig plausibel. Die Biologin Mary Profet (1992) vermutet einen adaptiven Nutzen: Die Übelkeit könnte die Aufnahme von Nahrungsmitteln verhindern, die für das Ungeborene schädliche Giftstoffe enthalten. Selbst biologisch angebautes Gemüse ist nicht frei davon, denn die meisten Pflanzen sind von Natur aus mit zahlreichen Giftstoffen ausgestattet, die sie produzieren, um sich gegen Parasiten zu schützen und große Pflanzenfresser abzuschrecken. Unsere Leber detoxifiziert viele dieser bitter schmeckenden Stoffe, aber vielleicht reicht das nicht aus, um auch den Embryo vor Schaden zu bewahren. Für die Theorie des Schwangerschaftserbrechens als einer Anpassung zum Schutze des Embryos sprechen folgende Tatsachen: Pflanzliche Giftstoffe können Fehlgeburten verursachen Die Übelkeit setzt ein, wenn die Organsysteme des Embryos sich fast ausgebildet haben und verschwindet später wieder Frauen, die an Übelkeit leiden, meiden gezielt bittere, scharfe und besonders intensiv schmeckende Lebensmittel Der Geruchsinn dieser Frauen wird zeitweise besonders empfindlich Die Übelkeit kommt in allen Kulturkreisen vor

8 Evolutionspsychologie 8 Bei Frauen mit starker Übelkeit besteht ein besonders geringes Risiko für Fehlgeburten und für kindliche Geburtsfehler. Ekel ist als menschliche Emotion universell, und die meisten Ekelobjekte wie verdorbenes Fleisch und Fäkalien sind allen Kulturen gemeinsam. Andererseits gibt es auch kulturspezifische Vorlieben, Abneigungen und Tabus. Warum dürfen Hindus kein Rindfleisch essen und Juden weder Schweinefleisch noch Schalentiere? Nahrungstabus können so feinsinnig sein, wie die Vorschrift des jüdischen Rabbis Abraham Ibn Esra, der es als einen grausamen Akt empfindet, ein Zicklein in der Milch seiner Mutter zu kochen. Die Suche nach einem Schlüssel zum Verständnis von Nahrungstabus hat viele Anthropologen beschäftigt und zu komplizierten Theorien geführt (Douglas 1966). Steven Pinker (1998) bietet die folgende Erklärung: Soziale Gruppen brauchen Symbole ihres Zusammenhalts, Abzeichen der Stammeszugehörigkeit. Dazu gehören auch gemeinsam eingehaltene Vorschriften, wie die Ächtung von Nahrungsquellen. Die Loyalität zur Gruppe wird mit der Einhaltung dieser Vorschriften Tag für Tag demonstriert. Außerdem benutzt diese Art der Signalisierung von Stammeszugehörigkeit die Gefühlsbereitschaft des Ekels: jene, die unreine Speisen essen, sind die Anderen, die nicht zu uns gehören. Sich mit den Anderen einlassen bedeutet auch eine Barriere kulturell induzierten Ekels zu überwinden. Angst Angst kann man vor allen Tieren haben, aber Schlangen und Spinnen nehmen als Objekte von Angstreaktionen bei weitem den höchsten Rangplatz ein - nicht nur bei Menschen. Listäffchen z.b. schrecken vor einem auf dem Boden liegenden Plastikrohr zurück, selbst wenn sie im Labor aufgewachsen sind und noch nie eine Schlange gesehen haben. Auch große Höhen, Stürme, Dunkelheit, Blut, Fremde, Eingesperrtsein, tiefes Wasser, lösen bei Primaten wie bei Menschen leicht Angst aus. In unterschiedlichen Angstsituationen reagieren Menschen auch unterschiedlich (Nesse 1990) (Marks and Nesse 1994). Vor einem Tier möchte man fliehen, eine Felsenklippe läßt erstarren, soziale Bedrohung löst Schüchternheit und Gesten der Beschwichtigung aus. Menschen fallen in Ohnmacht, wenn sie Blut sehen, weil ihr Blutdruck jäh absinkt vermutlich eine Vorkehrung gegen Blutverlust. Wir sind leichter bereit, uns vor Dingen zu ängstigen, vor denen unsere Vorfahren schon mit Recht Angst hatten, als vor den realen Gefahren unserer Gegenwart wie elektrischen Geräten, hoher Geschwindigkeit und Radioaktivität. Auch Tiere können schwer konditioniert werden, Ängste vor Dingen zu entwickeln, für die sie keine angeborene Angstbereitschaft besitzen. Angst kann auch ausgehalten und überwunden werden auch von Schimpansen, wie die Biologin Jane Goodall (1990) beobachtet hat, z.b. wenn ein rangniederes Männchen trotz sichtbarer innerer Konflikte den Anführer herausfordert. Die Überwindung der Angst sorgt in diesem Fall für eine Chance, denn wenn das Männchen aus seiner mutigen Offensive als Sieger hervorgeht, kann es diesen Sieg vielleicht in einen Reproduktionserfolg umsetzen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Der adaptive Nutzen von Angstüberwindung ist auch eine Sache des richtigen Timings und der Selbstkontrolle. Das Gefühl der Kontrolle trotz Angst kann Menschen in eine mächtige Hochstimmung versetzen und deshalb absichtlich gesucht werden. Die Hochstimmung stellt sich ein, wenn man sich Prüfungen unterzieht, die so aussehen und sich anfühlen wie urzeitliche Gefahren, wobei man klugerweise dafür sorgt, daß die Sache relativ sicher ist. Winston Churchill hat einmal gesagt: Nichts im Leben löst ein größeres Hochgefühl aus, als beschossen und nicht getroffen zu werden". Verliebtheit Unsere heftigsten und tiefsten Gefühle werden nicht von Süßigkeiten oder Schlangen hervorgerufen, sondern von anderen Menschen. Viele Theorien, psychoanalytische, sozialpsychologische und soziologische, sind entstanden, um die Gefühle der Verliebtheit und der Liebe zu erklären. Dorothy Tennov (1999) kritisiert diese Theorien in folgenden Punkten: (a) das Phänomens wird selten genau beschrieben, (b) der Versuch, Verliebtheit oder Liebe auf andere, besser bekannte Phänomene zurückzuführen 6, 6 Evolutionspsychologen würden gerade nicht versuchen, Liebe auf die Wirkung allgemeinerer Mechanismen oder Faktoren zurückzuführen (abgesehen von natürlicher Selektion). Wegen der Bedeutung von Partnerwahl und Partnerbindung für den Reproduktionserfolg würden sie nach einem Modul suchen, das sich speziell für die Erfüllung dieser Aufgabe entwickelt hat. Tennov hat das Phänomen Limerence durch die Herausarbeitung der stereotyp wiederkehrenden Muster als eine kompakte Einheit beschrieben und damit greifbarer gemacht als es zuvor war - der erste Schritt zur Identifizierung eines domänenespezifischen Moduls. Als Tennovs Arbeit 1979 erschien, wurde sie in der Fachwelt zunächst wenig beachtet. Erst in den 90er Jahren, mit der Verbreitung evolutionspsychologischer Denkweisen, nahm die Resonanz zu und 1999 wurde das Buch neu aufgelegt.

9 Evolutionspsychologie 9 ist meist wenig überzeugend (c). Oft ist ein Unwille zu spüren, sich tiefer in dieses irrationale Feld zu begeben (Tennov 1999, S. 5, S ). In den 70er Jahren beginnt sie mit einer Serie intensiver Interviews über den Zustand der Verliebtheit. Weil ihr die im Englischen mögliche Unterscheidung zwischen "being in love with somebody" und "to love somebody" zu unscharf ist, erfindet sie ein Kunstwort: "Limerence". Dieses Wort soll im Folgenden auch verwendet werden, obwohl es nichts anderes bezeichnet, als das deutsche Wort "Verliebtheit"; der Vorteil ist jedoch, daß sich mit "Limerence" noch keine Assoziationen verbunden haben, die den Begriff für unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedeutungen aufladen könnten. Limerence Limerence beginnt oft mit einem plötzlich spürbaren Interesse für den anderen: der Funke, der bei einer einzigen Begegnung der Blicke überspringt. Die Augen, so Tennov, sind die Organe der Limerence, nicht die Genitalien oder gar das Herz. In anderen Fällen ist das erste Interesse kaum merklich, es verschwindet wieder, kehrt zurück, wächst an Widerständen, schwankt, nimmt zunehmend Raum ein und ist schließlich durch nichts zu vertreiben: die Gedanken an die geliebte Person kehren unwillkürlich wieder. Am Anfang erscheinen Gefühle der Limerence noch durch den freien Willen beeinflußbar, später gewinnen sie eine eigene Kraft, entweder als ungebetene Eindringlinge oder als belebende Hoffnungen. Auch wenn das Objekt der Limerence stets sexuell attraktiv ist, spielen sexuelle Phantasien selten eine große Rolle - es geht vor allem darum, ob das Gefühl erwidert wird. Limerente berichten eine Intensivierung der Wahrnehmung. Die Farben werden heller und satter, das Sonnenlicht fühlt sich wärmer an. Die Welt ist in ein rosiges Licht getaucht: "I glowed and the world glowed back to me". Unglückliche Liebe dagegen läßt die Welt als sinnlos erscheinen (Das Leben ohne dich ist sinnlos für mich.). Sexuelle Beziehungen zu anderen Menschen werden vermieden und wenn sie bestehen, dann verflachen sie oder hören ganz auf. Helen Kaplan (1996) beschreibt dieses Phänomen sogar als eine Störung (dysregulation of sexual motivation). Tennov faßt ihre Charakterisierung der Limerence folgendermaßen zusammen: 1. Wiederkehrende Gedanken an die geliebte Person, die unwillkürlich und wie von selbst auftauchen. 2. Wunsch nach Erwiderung. 3. Besondere Sensitivität für alles, was als ein Zeichen von Zuneigung oder Zurückweisung interpretiert werden könnte. Verhaltenweisen, die unvoreingenommenen Beobachtern neutral erscheinen, werden als Zeichen verborgener Zuneigung interpretiert. 4. Abhängigkeit der Stimmung vom Verhalten des Liebesobjekts, genauer gesagt, der eigenen Interpretation dieses Verhaltens. 5. Lebhafte Phantasien über Szenarios, in denen das Liebesobjekt die eigenen Gefühle erwidert. Diese Phantasien vermindern die Unruhe, die Besorgnis oder den Schmerz über Rückschläge bei unerwiderter Zuneigung. 6. Angst vor Zurückweisung, Schüchternheit und Unbeholfenheit in Gegenwart des Liebesobjekts, manchmal sogar Vermeidung des Kontakts 7. Das Gefühl, auf Wolken zu schweben, wenn die Zuneigung erwidert wird. 8. Unfähigkeit zur gleichen Zeit auf eine andere Person ebenso limerent zu reagieren (Ausnahmen bei schwacher Limerence in frühen oder späten Phasen). 9. Intensivierung des Gefühls, wenn trennende Hindernisse überwunden werden müssen. 10. Andere Angelegenheiten des Lebens treten in den Hintergrund. 11. Die bewundernswerten Züge von des Liebesobjekts werden hervorgehoben, die negativen übergangen oder ins Positive gedeutet. Das Gefühl der Verliebtheit scheint sich ganz von selbst aus den wunderbaren Qualitäten des Liebesobjekts zu ergeben. Limerence und Biologie Als Dorothy Tennov ihre Untersuchung zum Gefühl der Verliebtheit begann, erwartete sie zunächst, eine unüberschaubare Vielfalt von Erscheinungsformen. Doch das war ein Irrtum: What I found instead is that the condition follows a common course and produces common symptoms. Its ubiquitous sameness across diverse situations was not something I initially perceived (Tennov 1999, S. 243). Wie kommt diese Gleichförmigkeit zustande? Sozialwissenschaften haben bisher vorwiegend eine Erklärung in kulturellen Modellen, Skripten und Szenarios gesucht. Für manche ist Liebe

10 Evolutionspsychologie 10 ein kultureller Mythos, das Ergebnis einer besonderen sozialen Konstruktion, die in einigen Gesellschaften und historischen Epochen das Gefühlsleben bestimmt, in anderen aber fehlt. Sozial konstruierte Gefühlsszenarios können vielleicht spezifische Wandlungen des Umgangs mit Verliebtheit erklären, z.b. die Übersteigerung der romantischen Liebe im 19ten Jahrhundert; doch die Gleichförmigkeit, mit der die Liebe zwischen den Geschlechtern in historischen Quellen und in unterschiedlichen Kulturen beschrieben wird, spricht für einen universellen biologischen Mechanismus, dessen Arbeit durch die jeweilige kulturelle Form nur besonderes betont oder verborgen wird (Jankowiak 1995; Jankowiak and Fischer 1992). Allerdings erreicht diese kulturelle Gleichförmigkeit nicht den Grad, der für die Interpretation emotionaler Gesichtsausdrücke (Ekman 1993) gefunden wurde. Limerence schafft zwar sexuelle Interaktion, aber das ist nicht das Spezifische, denn sexuelle Aktivität ist auch ohne Gefühle der Verliebtheit möglich. Der besondere adaptive Wert dieses Mechanismus liegt darin, daß er eine feste Paarbindung erzeugt, die wenigstens für eine gewisse Zeit (etwa 2 Jahre) hält und damit die Chance für eine längere Paarbindung auf solider Grundlage schafft (Zeifman and Hazan 1997). Diese länger währende Bindung jenseits der Limerence entspricht der partnerschaftliche Liebe im Unterschied zur unreifen, weil idealisierenden, Verliebtheit. Liebe in diesem reifen Sinne erwächst oft aus Limerence, erfordert jedoch nicht unbedingt diese Vorphase. Tennov berichtet, daß einige ihrer Interviewpartner das Gefühl der Limerence noch nie erlebt hatten, auch dann nicht, wenn sie sich schon jahrelang in liebevoller Zuneigung ihrem Partner verbunden fühlten. Wenn hinter der Erfahrung der Limerence wirklich ein angeborenes Programm zur Paarbindung steht, dann hat dieses Programm in der evolutionären Vergangenheit einen adaptiven Nutzen gehabt, der Nachteile überwog, die sehr schwerwiegend sein können, denn heftige Verliebtheit kann Konflikte schaffen, Loyalitäten aufs Spiel setzen, Familien auseinander bringen und Lebenspläne zerstören. Das war vermutlich bei unseren Vorfahren nicht anders. Der herausragende Vorteil von Limerence, nämlich die Beendigung der Partnersuche, die Konzentration auf den einen Partner und die Vorbereitung einer stabilen Elternschaft muß alle diese Nachteile aufgewogen haben. Paarbindung, zumindest für eine Saison, ist bei Vögeln die Regel und bei Säugetieren selten. Die genetischen Modifikationen, die nötig sind, damit diese Strategie zum Repertoire einer Art gehört, sind wahrscheinlich sehr gering, denn es gibt viele Beispiele für nahe verwandte Arten, die sich fast nur dadurch unterscheiden, daß die eine Art ihre Jungen partnerschaftlich aufzieht und die andere nicht (z.b. "monogame" Präriewühlmäuse und "promiske" Bergwühlmäuse). Welche Strategie die bessere ist, hängt von vielen Faktoren ab, vor allem vom Vorteil paarweiser Fürsorge für die Nachkommen gegenüber der Fürsorge durch einen einzelnen Elternteil (meist den weiblichen). Da in der menschlichen Evolution die elterliche Fürsorge mit der Verlängerung der Kindheitsphase immer aufwendiger geworden ist, hatten vermutlich diejenigen unter unseren Vorfahren einen Reproduktionsvorteil, die einen gut funktionierenden Mechanismus zur partnerschaftlichen Bindung besaßen. Neurochemische Grundlagen Wenn Verliebheit tatsächlich auf einem spezifischen evolvierten biologischen Mechanismus basiert, dann sollte dieser Mechanismus auch identifizierbar sein. Welche neurochemische Grundlage hat das Gefühl der Verliebheit? Crenshaw (1997) skizziert die Rollen der wichtigsten Akteure im Wechselspiel der neuroaktiven Substanzen: Phenyläthylamin (PEA), Pheromone, Deshydroepianrosteron (DHEA), Oxytocin und Vasopressin. Verliebtheit ist sicher nicht mit der Wirkung dieser Substanzen identisch, doch ohne diese Wirkung kann das Gefühl schwerlich entstehen. Eine Analogie: Die Bewegungen einer Ballettänzerin kann man mit geeigneten Meßgeräten als ein Muster motorischer Innervationen aufzeichnen. Das Innervationsmuster ist zwar nicht der Tanz, aber ohne seine Funktion könnte die Tänzerin nicht tanzen. PEA Das natürliche Amphetamin Phenyläthylamin (PEA) erzeugt die oft plötzlich einsetzende Aktivierung, wenn die Verliebtheit beginnt, und die späteren rauschhaften Hochgefühle. Scheitert die Liebe, dann endet auch das chemische Hoch abrupt und es gibt, wie bei einer Sucht, Entzugssymptome, die den Liebeskummer begleiten (Liebowitz 1983). PEA kann zwar auch von außen zugeführt werden, z.b. in Form von Schokolade oder künstlichen Süßstoffen, die Wirkung ist jedoch schwach und von kurzer Dauer. Verliebtheit wird manchmal auch als

11 Evolutionspsychologie 11 leichte Form eines Wahns bezeichnet. Daß diese Parallele nicht ganz abwegig ist, zeigen Zusammenhänge zwischen PEA-Konzentrationen und den Symptomen einer manischen oder schizophrenen Psychose. Der PEA-Spiegel steigt bei Frauen kurz vor der Ovulation an. Er reagiert auch auf Phantasien, z.b. bei der Lektüre von Liebesromanen oder der Erinnerung an romantische Situationen. Pheromone und DHEA Pheromone sind nicht im gleichen Sinne wahrnehmbar wie Parfum oder der Geruch von frischem Brot. Wir riechen sie nicht, aber sie wirken auf uns, z.b. indem sie ein Gefühl der Angezogenheit oder der Abgestoßenheit erzeugen. Pheromone werden vor allem durch Hormonkonzentrationen in der Haut freigesetzt, besonders durch Deshydroepiandrosteron (DHEA). Dieses Hormon wird von den Nebennieren, aber auch im Gehirn erzeugt. Es wirkt ähnlich wie Testosteron, aber schwächer. Bei Frauen ist DHEA in ebenso hoher Konzentration vorhanden, wie bei Männern. Es sorgt für die Bereitstellung einer stets verfügbaren Androgenreserve, unabhängig vom Testosteronspiegel. Als Pheromon lenkt DHEA unsere Aufmerksamkeit auf einen Partner und entfaltet aphrodisische Eigenschaften. Es erhöht das sexuelle Verlangen besonders bei Frauen - bei Männern wird die Wirkung durch das mächtigere Testosteron übertrumpft. Oxytocin Oxytocin ist ein Neuropeptid, das vom Hinterlappen der Hypophyse ausgeschüttet wird. Es erhöht bei Tieren die Berührungsempfindlichkeit und fördert bei beiden Geschlechtern die Paarungsbereitschaft und das Bedürfnis nach Nähe. Bei der Geburt löst Oxytocin die Wehen aus und lindert durch eine endorphinähnliche Wirkung die Schmerzen. Oxytocin steuert bei Tieren und vermutlich auch bei Menschen die Bindung der Mutter an das Neugeborene (Insel 1997). Bei weiblichen Ratten erzeugt die Gabe dieses Peptids mütterliches Verhalten; die Blockade der Rezeption führt dagegen zu Desinteresse und Vernachlässigung der Jungen. Oxytocin erzeugt den Wunsch, zu berühren und körperliche Berührung erhöht wiederum den Spiegel. Dieser Aufschaukelungsprozeß, so Crenshaw, hat sogar die Macht, eine anfänglich etwas laue Liebesbeziehung zu einer echten Leidenschaft werden zu lassen, wenn nur für genügend Gelegenheit zu Berührungen gesorgt ist. Vasopressin Vasopressin wird ebenfalls in der Hypophyse hergestellt und ähnelt chemisch dem Oxytocin. Es hat viele Wirkungen, die nicht direkt mit dem Sexual- und Bindungsverhalten zu tun haben: Gefäßverengung, Temperaturregulation, Schutz vor emotionalen Extremen, die den REM-Schlaf unterbrechen könnten, Verbesserung der Kognition. Vermutlich spielt Vasopressin im Zusammenwirken mit Oxytocin auch eine Rolle für die Befestigung menschlicher Paarbindung (Insel 1997). Die Entschlüsselung der Funktion von Vasopressin für das Bindungsverhalten von Tieren macht zur Zeit große Fortschritte. Viele Untersuchungen werden an amerikanischen Wühlmäusen vorgenommen, von denen es mehrere Arten gibt, die eng miteinander verwandt sind, sich aber in ihrem Sozialverhalten unterscheiden (Gaulin 1995). Präriewühlmäuse sind gesellig und monogam, Bergwühlmäuse dagegen einzelgängerisch und promisk. Dieser Verhaltensunterschied hängt wahrscheinlich mit der Verteilung von Vasopressinrezeptoren im Gehirn zusammen. Im Experiment wurde das Gen, das bei der Präriewühlmaus die Verteilung der Vasopressinrezeptoren kontrolliert, auf Labormäuse übertragen. Die transgenischen Labormäuse zeigten daraufhin nach Injektion mit Vasopressin ein ähnliches Sozialverhalten wie Präriewühlmäuse: sie suchten die Nähe ihrer Artgenossen, gingen "Paarbindungen" ein und verteidigten diese gegen Eindringlinge (Young et al. 1999). Ohne den Gentransfer hatten Injektionen mit Vasopressin keine solche Wirkung. Daher ist zu vermuten, daß affiliatives Sozialverhalten und besonders die Bereitschaft zu monogamer Bindung bei diesen Tieren von einem Gen beeinfußt werden, das die Sensivität für das Neuropetid Vasopressin bestimmt. Die bis jetzt beschriebenen Steuersubstanzen PEA, DHEA, Oxytocin und Vasopressin wirken zusammen, wenn eine Paarbindung in der Phase der Verliebtheit entsteht. Das Bild bleibt allerdings unvollständig, solange nicht weitere Hormone und neuroaktive Substanzen ins Spiel gebracht werden, besonders Testosteron, Östrogen und die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin (für eine gut lesbare Darstellung siehe Crenshaw 1997). Täuschung und Selbsttäuschung Gefühle können vorgetäuscht werden und deshalb kann von ihrer Glaubwürdigkeit vieles abhängen. Eine einfache Methode, Entschlossenheit glaubwürdig zu machen, besteht darin,

12 Evolutionspsychologie 12 auf Freiheitsspielräume zu verzichten. Der Aktivist einer ökologischen Bewegung, der sich an die Eisenbahnschienen kettet, um den Zug aufzuhalten, hat mehr Erfolg als jener, der sich nur auf die Schienen setzt und Gefahr läuft, vom Zug langsam beiseite geschoben zu werden. Odysseus hat nach der Landung in Troja nicht bloß angekündigt, eine Rückkehr nach Griechenland sei mit ihm nicht zu machen - er hat befohlen die Schiffe zu verbrennen. Ein weniger dramatisches Beispiel ist der Autoverkäufer, der vorgibt, er sei durch seinen Chef an einen Mindestpreis gebunden. Auch heftige Emotionen können ihre Kraft aus ihrer Unbeeinflußbarkeit beziehen. Ein Mensch, der in seiner Wut die Grenze seiner Selbstbeherrschung offensichtlich überschritten hat, übt wenigstens in diesem Moment große Macht aus. Glaubwürdigkeit durch Selbstfesselung spielt besonders dann eine Rolle, wenn Normen und Regeln nicht durch staatliche Macht garantiert werden, wie z.b. in der Pionierzeit des Wilden Westens, bei Straßengangs, beim organisierten Verbrechen. Die publik gemachte Entschlossenheit zur Rache und ein unerbittlich durchgesetztes Ehrgefühl sorgen dann für eine gewisse Ordnung. Dabei entsteht jedoch das Problem der Fälschung. Wie kann ich sicher sein, daß die Bestimmtheit des anderen nicht ein Bluff ist, der Autoverkäufer z.b. nur so tut als sei er gebunden? Jeder Mensch ist in der Lage, seine Gefühle schauspielerisch etwas zu verfälschen, zu akzentuieren, herunterzuspielen oder auch ganz zu simulieren. Allerdings verstehen es Menschen auch wieder sehr gut, solche Fälschungen zu erkennen, z.b. ein falsches Lächeln oder ein manipulatives Weinen. Nicht nur bei Menschen gibt es einen Rüstungswettlauf zwischen der Fähigkeit, Signale zu fälschen und gefälschte Signale zu erkennen. Die Eier des Kuckuck ähneln z.b. in ihrer Musterung sehr gut denen seiner Wirtsvögel, welche wiederum feine Unterschiede wahrnehmen können und zuweilen ein Kuckucksei rechtzeitig aus dem Nest werfen (Dawkins 1996, S. 177, ). Betrachten wir eine weitere Parallele aus dem Tierreich: Bei Vögeln werben normalerweise die Männchen, indem sie den Weibchen ein prachtvolles Gefieder oder raffinierte Balztänze vorführen. Weibchen sind sehr wählerisch darin, mit welchem Partner sie ihre kostbaren Gene verbinden, weil ihre Investition in die Fortpflanzung nicht beliebig oft wiederholbar ist. Jetzt könnte bei den Männchen, salopp gesprochen, die Versuchung aufkommen, die Signale ihrer Fitness zu fälschen. Daher ist es im Interesse 7 der Weibchen, nur auf nicht fälschbare Signale zu reagieren, was Männchen begünstigt, die solche Signale bieten. Ein Beispiel dafür ist der prachtvolle Schwanz des Pfaus. Nur gesunde Pfauen mit guter genetischer Fitness können sich eine so luxuriöse Pracht leisten; die weniger gesunden haben aber keine andere Wahl, als ihnen nachzueifern und dieses nicht fälschbare Signal ebenfalls hervorzubringen. Es kann daher vorteilhaft sein, Signale auszusenden, die das Gütesiegel der Nichtfälschbarkeit tragen. Vielleicht hat dieser Grund, so vermutet Pinker (1998), dazu beigetragen, daß unsere Emotionen schwer vorzutäuschen sind. Sie sollen eben auch nicht fälschbar sein, weil sonst die Existenz des Signalsystems von Bluffern ausgenutzt werden kann. Emotionaler Ausdruck ist an körperliche Systeme angekettet, die nicht dem Willen unterliegen, Systeme, die Herzschlag, Atemfrequenz, Blutkreislauf, Schweißabsonderung, Tränenfluß und vieles andere steuern. Diese Körperfunktionen können uns verraten. Aber gerade, weil sie es können, vermögen sie auch dem Beobachter eine gewisse Garantie für die Echtheit unserer Gefühlsbewegungen zu liefern und das liegt auch im eigenen Interesse. Nicht nur Menschen können etwas vortäuschen, auch Tiere senden Signale aus, die nicht der Wahrheit entsprechen. So fälschen gewisse Leuchtkäfer das Paarungssignal der Weibchen einer verwandten Spezies, um heranfliegende Bewerber dann zu verspeisen. Für Biologen ist Täuschung die opportunistische Ausnutzung eines existierenden Systems korrekter Informa- 7 "Interesse" wird hier metaphorisch gebraucht: Weibchen, die eine genetische Disposition haben bei Männchen genau zwischen gefälschten und echten Signalen der Fitness zu diskriminieren, haben auf lange Sicht mehr Nachkommen als jene, die diese Disposition weniger ausgeprägt besitzen, denn sie verbinden ihre Gene häufiger mit denen von Männchen, die wirklich fit sind. Die Kurzfassung dieser umständliche Formulierung ist der Satz: "Genaue Diskriminierung ist im Interesse der Weibchen". Richard Dawkins (1982) bezeichnet eine solche Redeweise als "teleologische Kurzschrift". Sie unterstellt im vorliegenden Beispiel den Weibchen kein Interesse in einem anthropomorphisierenden Sinn, und sie behauptet auch nicht, daß Ziele (Interessen) als Ursachen auftreten können, sondern sie benutzt lediglich intentionale Sprache als abkürzende Metapher für eine Logik, die in evolutionstheoretischen Überlegungen immer wiederkehrt und die, korrekt formuliert, zu ermüdenden Wiederholungen führen würde. Williams (1966) beginnt sein Buch über Adaptation mit der Vorbemerkung, daß er immer dann intentionale Sprache benutzt, wenn er die Übersetzbarkeit des Gedankengangs in die korrekte kausale Sprache genetischer Anpassung für unproblematisch hält. In diesem Sinne wird intentionale Sprache auch im vorliegenden Text verwendet.

13 Evolutionspsychologie 13 tion, eine Art Parasitismus (Trivers 1985). Wenn zum Beispiel eine giftige Eidechse durch ihre auffällige Färbung signalisiert, daß sie nicht gut bekömmlich ist, dann gibt sie ihren Verfolgern ein der Wahrheit entsprechendes Signal, das diese gewöhnlich auch beachten. Damit entsteht für eine verwandte Spezies die Möglichkeit, von diesem Schutz zu profitieren, indem sie obwohl selbst nicht giftig sich ebenfalls die auffällige Färbung zulegt und dabei den biologischen Aufwand für die Herstellung toxischer Stoffe im eigenen Körper einspart. Bluff ist in Rivalitätskämpfen die Regel. Schimpansen vermögen sogar ambivalente Emotionen zu unterdrücken und ein Gesicht aggressiver Entschlossenheit aufzusetzen, das in unbeobachteten Momenten schnell wieder verschwindet (Goodall 1990). Allerdings ist der Ausdruck von Emotionen so eng an unwillkürliche Körperfunktionen gekoppelt, daß verräterische Signale leicht hindurchschlüpfen. Eine Möglichkeit, das zu verhindern wäre, sich selbst ebenfalls zu täuschen. Wenn es dem Schimpansen, der sich unterlegen fühlt, gelänge, sich selbst über seine Stärke etwas vorzumachen, sich also zu überschätzen, dann könnte er einen überzeugenden Eindruck abliefern. Ob Primaten tatsächlich dazu in der Lage sind, ist eine offene Frage (Lockard 1988). Menschen können es ganz gewiß. Die Psychologen Gur und Sackeim (1979) zählen folgende Bedingungen für Selbsttäuschung auf: Wahre und falsche Information wird simultan gespeichert. Die wahre Information ist unbewußt und die falsche bewußt. Selbsttäuschung ist motiviert durch einen pragmatischen Zweck. Ein Experiment (Gur and Sackeim 1979) verdeutlicht das: Menschen reagieren auf das Hören einer Stimme mit einer psychogalvanischen Reaktion. Wenn es sich um die eigene Stimme handelt ist diese Reaktion stärker als bei einer fremden Stimme. Im Experiment wurden Versuchspersonen nach dem Vorspielen einer Stimme gefragt, ob es die eigene oder eine fremde war. Zugleich wurde die psychogalvanische Reaktion gemessen. Beide Informationsquellen stimmten nicht immer überein. Fast immer war die psychogalvanische Reaktion korrekt, die verbale Auskunft aber falsch. Der Irrtum hatte zudem Methode: Versuchspersonen, deren Selbstbewußtsein zuvor durch Mißerfolge geschwächt worden war, weil der Experimentator ihnen eine angeblich leichte, tatsächlich aber schwer lösbare Aufgabe gegeben hatte, erkannten ihre eigene Stimme seltener als andere, deren Selbstbewußtsein durch einen ebenfalls manipulierten Erfolg gestärkt worden war. Die "erfolgreichen" Versuchspersonen glaubten, sich selbst zu hören, auch wenn es nicht stimmte und ihre psychogalvanische Reaktion erhöht war, die Stimme also auf dieser Ebene richtigerweise als fremd "erkannt" worden war. Es scheint, als brächten Erfolge die Selbstrepräsentation zur Ausweitung, während Mißerfolge sie schrumpfen lassen. Das Experiment zeigt, daß Wissen auf unterschiedlichen Ebenen gespeichert sein kann, die nicht unmittelbar miteinander in Berührung kommen müssen. Der Kranke, der seinen bedrohlichen Zustand nicht wahrzuhaben scheint, aber dennoch in vielen Reaktionen zu erkennen gibt, daß er sich darauf eingestellt hat, ist ebenfalls ein Beispiel dafür - ein Phänomen, das Avery Weisman (1979) als middle-knowledge bezeichnet hat. Wir haben alle die Tendenz, uns als gutwillig und effektiv wahrzunehmen und zu präsentieren. Der Biologe Robert Trivers (Trivers 1985, S. 418) nennt diesen Zug "beneffectance". Wenn wir andere verletzt haben, neigen wir dazu, unsere Beteiligung herunterzuspielen oder zu verleugnen. An guten Ergebnissen sehen wir unser eigenes Mitwirken wie durch ein Vergrößerungsglas. Passiert etwas Schlimmes, dann sind wir Opfer der Umstände und beschreiben den Vorgang im Passiv, etwa wie der Autofahrer, der den Baum auf sich zukommen sah. In zwischenmenschlichen Beziehungen nehmen wir bevorzugt die Position des Altruisten ein, dessen Motive rein sind und der andere nicht auszunutzen sucht, sondern eher von ihnen ausgenutzt wird. Wir schreiben fortlaufend die Vergangenheit um, so daß sie mit unseren gegenwärtigen Erfahrungen und Bedürfnissen konsistent bleibt. Das besondere an der Evolutionspsychologie ist, daß sie auf eine einzige, allerdings weit entfernte Ursache rekurriert, den Reproduktionserfolg. Die Bereitschaft zur Selbsttäuschung ist über viele Zwischenschritte mit dieser ultimaten Ursache verbunden und der Weg sieht folgendermaßen aus: Reproduktiver Erfolg erfordert sozialen Erfolg und dieser wiederum hat reziproke Austauschbeziehungen zur Voraussetzung, in denen man nicht weniger sondern möglichst mehr bekommen sollte 8 als man gibt, 8 "sollte" im Sinne teleologischer Kurzschrift: Wer sich in reziproken Austauschbeziehungen fortlaufend ausnutzen läßt, vermindert seine Fitness. Eine Disposition, das zu verhindern, etwa durch ein gutes Gedächtnis, eine innere

14 Evolutionspsychologie 14 was dadurch erleichtert wird, dass man andere etwas täuscht, was wiederum leichter ist, wenn man auch sich selbst täuscht. Menschen, die sich fälschlich als Altruisten betrachten, sind besonders gut in der Lage andere auszunutzen und das ohne Gewissensbisse. Die korrekte Wahrnehmung der Realität ist für den Erfolg in Wissenschaft und Technik zweifellos eine Voraussetzung. Für das Alltagsleben gilt das nicht immer. Depressive Menschen sind oft genauer in der Wahrnehmung der Situation, in der sie sich befinden und ihrer Möglichkeiten als Nicht-Depressive, die alles ein bißchen zu rosa sehen, mit ihrer unrealistischen Zuversicht aber besser durchs Leben kommen (Greenwald 1988; Sackeim 1983; Taylor and Brown 1988). In hierarchischen Gruppen, z.b. im Arbeitsleben, ist es für Personen in untergeordneten Positionen vorteilhaft, den Mächtigen zu signalisieren, daß sie keine Bedrohung darstellen, jedenfalls solange sie einer Rivalität nicht gewachsen sind. Dieses Signal ist umso glaubwürdiger, je stärker ein Mensch auch tatsächlich glaubt, daß er kein großes Potential besitzt, sich also nicht viel zutraut oder sich gar durch sein Verhalten selbst Niederlagen beibringt (Hartung 1988). Das Konzept der Selbsttäuschung hat Ähnlichkeit mit dem psychoanalytischen Konzept der Verdrängung (Nesse and Lloyd 1992). Der Psychoanalytiker Malcom O. Slavin (1978) interpretiert Verdrängung als adaptive Selbsttäuschung. Zwischen den Wünschen von Eltern und Kindern gibt es immer Konflikte, die gewöhnlich zugunsten der Eltern ausgehen, denn das Kind kann wegen seiner Abhängigkeit die fürsorgliche Zuwendung der Eltern nicht aufs Spiel setzen. Es muß unerlaubte Wünsche und Impulse aber nicht ganz aufgeben; möglich ist auch den Eltern vorzumachen, die Wünsche und Impulse seien nicht vorhanden, und damit die Täuschung wirkungsvoll ist, auch sich selbst so zu täuschen. Die Wünsche und Impulse verschwinden dann nicht ganz, sondern werden gleichsam aufgespart, aufgehoben für Zeiten, in denen sie sich vielleicht besser realisieren lassen. So werden wichtige Teile des Selbst davor geschützt zum falschen Zeitpunkt Unheil anzurichten, aber auch nicht aufgegeben, sondern im Schlummerzustand gehalten. Buchführung und die Fähigkeit zu geeigneten Schlußfolgerungen, muß auf lange Sicht im Genpool häufiger werden. Cosmides und Tooby (1992) haben eine Theorie entwickelt, die unsere Fähigkeit zu bestimmten Formen der Logik auf die Evolution eines "cheating-detector" zurückführt. Das Märchen Aschenputtel gibt dafür ein Beispiel: Aschenputtel, das brave Mädchen, das alle Schikanen der Stiefmutter und der faulen Stiefgeschwister still hinnimmt, ist über Nacht eine selbstbewußte Prinzessin, die bei Hof nicht nur ihrer Schönheit wegen, sondern auch durch ihr anmutiges Verhalten Bewunderung erregt. Wo hat sie das gelernt? Wie konnte sich dieses Selbstbewußtsein trotz widriger Umstände in ihr entwickeln? Und wie kommt es, daß Generationen von Kindern und Erwachsenen diese wundersame Wandlung nicht als ganz unwahrscheinlich abtaten? Vielleicht weil einem Märchen das Unrealistische nachgesehen wird, vielleicht aber auch, weil solche Metamorphosen nicht ungewöhnlich sind und die Möglichkeit der stillschweigenden Formierung zunächst nicht ausgedrückter Wesenszüge in unserem intuitiven psychologischen Wissen einen Platz hat 9. Logik Darwin war sehr optimistisch, was das Erklärungspotential seiner Theorie für die Erforschung des menschlichen Geistes betrifft. Wer die Affen versteht, so schrieb er in sein Tagebuch, tut mehr für die Metaphysik als Locke. Sein Kollege R. A. Wallace, der zeitgleich mit Darwin die Idee der natürlichen Selektion entdeckte, hatte da Zweifel. Ihm schien der menschliche Geist zu differenziert, als dass er sich allein durch natürliche Selektion hätte entwickeln können. Wallace ging sogar wieder zum Kreationismus über, nachdem er festgestellt hatte, dass Jäger- und Sammlervölker, "Wilde" im Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts, sich biologisch kaum von Europäern unterschieden. Ihre Gehirne waren gleich groß, sie konnten sich auch leicht auf die geistigen Anforderungen des modernen Lebens einstellen. Warum erlaubt das menschliche Gehirn, das sich als Anpassung an eine Naturumgebung entwickelt hat, so abstrakte Operationen wie Differentialrechnung, Schachspielen und die Komposition von Musikpartituren, obwohl darin 9 Judith Rich Harris (1997) benutzt das Märchen um ihre These von der Bedeutung der Gleichaltrigen für die kindliche Entwicklung zu illustrieren. Wenn Aschenputtel nicht nur ihrer Familie ausgeliefert gewesen wäre, sondern auch genügend Erfahrungen mit Gleichaltrigen hätte machen können, dann läge hier eine alternative Antwort auf die Frage, wie ihr Selbstbewußtsein im Verborgenen entstehen konnte. Eine Selbsttäuschung im Sinne Slavins wäre dann nicht nötig - lediglich die unterschiedliche Selbstpräsentation in der Familie und unter Gleichaltrigen.

15 Evolutionspsychologie 15 für unsere Vorfahren wohl kein Nutzen gelegen hätte? Die Antwort hierauf, falls sie überhaupt befriedigend gegeben werden kann, führt in das Feld der kognitiven Psychologie und ich möchte mit nur einem einzigen Beispiel einen Eindruck davon vermitteln, in welcher Richtung sie gesucht werden kann. Adaptive Strukturen können sich mehr oder weniger zufällig auch für andere Aufgaben eignen, z.b. wandelte sich in der Evolutionsgeschichte ein Teil des Kieferknochens der Reptilien zum Mittelohrknöchelchen und übernahm eine Funktion im Hörapparat. Auch ohne evolutionäre Umwandlungen ist ein funktionaler Transfer möglich, etwa wenn wir unsere Arme und Beine zum Schwimmen einsetzen. Wallace erkannte zwar, dass die Jäger und Sammler nicht auf der unteren Sprosse einer biologischen Leiter stehen, doch er unterschätzte die Abstraktionsleistungen, die auch im einfachen Leben dieser Völker erforderlich sind. Ein Beispiel hierfür gibt eine Aufgabe, die der Psychologe Peter Wason erfunden hat, um zu untersuchen, wie normale Menschen logische Schlußfolgerungen benutzen, um eine Hypothese zu prüfen (Cosmides 1989). Logik ist nicht gleichzusetzen mit Rationalität, sie betrifft lediglich das Folgern der Wahrheit einer Aussage, aus der Wahrheit anderer Aussagen, wobei der Inhalt gleichgültig ist. Die Aufgabe beginnt mit folgender Instruktion: Ich lege Ihnen Karten vor, die auf der Vorderseite einen Buchstaben und auf der Rückseite eine Zahl tragen. Die Regel lautet: Wenn eine Karte ein D zeigt, dann ist auf der Rückseite eine 3. Welche Karten müssen Sie umdrehen, um die Richtigkeit der Regel zu überprüfen? D F 3 7 Richtig sind D und 7. Die meisten Personen finden diese Lösung nicht, sondern entscheiden sich nur für das D allein oder das D in Kombination mit der 3. Karte 3 aber ist irrelevant, denn die Regel besagt, dass hinter einem D eine 3 steht, aber nicht, dass auch umgekehrt hinter einer 3 ein D sein muss. F ist auch irrelevant, weil die Regel sich nur auf das D bezieht. Die Karte mit der 7 muss umgedreht werden - stünde auf der anderen Seite ein D, dann wäre die Implikation, D hat eine 3 auf der Rückseite, falsch. Nur 5 10% der getesteten Personen wählten die richtigen Karten. Jetzt lege ich Ihnen ein zweites Problem vor, das in der realen Welt spielt. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einer Bar und müssten auf die Einhaltung einer in Amerika üblichen Regel achten. Die Regel lautet: Wenn eine Person Bier trinkt, muss sie 21 oder älter sein. Sie können entweder überprüfen, was jemand trinkt oder wie alt jemand ist. Wen müssen Sie überprüfen? Einen Biertrinker, einen Colatrinker, eine 25-Jährige, eine 18-Jährige? Die meisten Versuchspersonen haben keine Mühe mit der Lösung: der Biertrinker muss gefragt werden, wie alt er ist und die 18-Jährige, was sie trinkt. Diese Aufgabe entspricht ihrer logischen Variante zuvor, nur ist sie ungleich leichter zu lösen. Die eingekleidete Aufgabe hat die Form eines Vertrages und eine Widerlegung der Regel ist gleichbedeutend mit der Entlarvung eines Verstoßes oder eines Betruges. Ein Vertrag hat immer die Form: wenn du einen Nutzen haben möchtest, musst du eine Bedingung erfüllen. Wer betrügt, möchte den Nutzen einstreichen, ohne die Bedingung zu erfüllen. Die Evolutionspsychologen Cosmides und Tooby (1992) haben gezeigt, dass eine Regel, mit der Betrüger ausfindig gemacht werden können, oft auch eine Regel der Logik ist und dass logische Probleme besonders leicht lösbar sind, wenn die abstrakten Symbole P und Q als Nutzen und Kosten behandelt werden können. Der menschliche Geist scheint über eine Art Betrügerdetektor zu verfügen, der sich meist ebenso wie ein Logiker verhält. Hier wäre also eine mentale Struktur, die sich zwar nicht um der Logik Willen entwickelt hat, die aber für Logik gut nutzbar ist. Warum sollte sich überhaupt ein solcher Betrügerdetektor entwickelt haben? Der Grund liegt in der Logik der Kooperation. Kooperation unter Nichtverwandten ist ein universelles Phänomen auch im Tierreich. Sie kann allen Beteiligten großen Nutzen bringen, z.b. bei der Nahrungssuche oder bei der gegenseitigen Fellpflege; sie birgt aber auch die Gefahr, dass die Gegenseite Dienste in Anspruch nimmt, ohne sich zu revanchieren. In menschlichen Gesellschaften war es wahrscheinlich immer vorteilhaft, seine Kooperationsbereitschaft deutlich zu signalisieren, großzügig zu sein, möglichst sogar Vorschüsse zu leisten, um andere dazu zu bringen, ebenfalls zu kooperieren. Aber es war bestimmt nie adaptiv, sich ausnut-

16 Evolutionspsychologie 16 zen zu lassen und daher hatten jene unter unseren Vorfahren einen Vorteil, die eine differenzierte kognitive Struktur zur Aufdeckung opportunistischer Täuschungsmanöver entwickelten. Inzesthemmung Sigmund Freud (1972, S. 127)schrieb in seinem Aufsatz 'Die Umgestaltung in der Pubertät' über die Inzestschranke das folgende: "Die Beachtung dieser Schranke ist vor allem eine Kulturforderung der Gesellschaft, welche sich gegen die Aufzehrung von Interessen durch die Familie wehren muß, die sie für die Herstellung höherer sozialer Einheiten braucht." Freud war, wie die meisten seiner Zeitgenossen und ein Teil der Sozialwissenschaftler noch heute der Auffassung, dass Menschen von Natur aus eine Neigung zum Inzest besitzen und diese Neigung erst durch kulturelle Verbote in Schach gehalten wird. Man glaubte auch lange Zeit, daß Tiere keine Inzesthemmung besäßen und fühlte sich daher auch von dieser Seite bestätigt. Dies ist jedoch ein Irrtum, der vermutlich auf den Beobachtungen basiert, daß bei domestizierten Tieren Inzest unter Umständen vorkommt und daß heranwachsende Tiere oft sexuelle Spiele treiben. Bei freilebenden Tieren ist Inzestverhalten jedoch äußerst selten und sexuelle Spiele können viel besser als Vorbereitungen auf die Herausforderungen des Erwachsenenalters erklärt werden. Der schottische Anthropologe Edward Westermarck, ein Zeitgenosse Freuds, stellte dagegen die Hypothese auf, die Abneigung gegen Inzest sei ein angeborenes Verhaltensprogramm, das in der Kindheit durch bestimmte Erfahrungen ausgelöst wird. Zu seinen Lebzeiten hat Westermarck nicht viel Zuspruch für seine Hypothese erfahren, doch in der Gegenwart scheint es, als habe er Recht behalten. Biologen haben schon lange gewußt, daß Inzucht genetisch abträgliche Folgen hat, vor allem durch die vergrößerte Wahrscheinlichkeit, mit der sich rezessive Gene ungünstig kombinieren (Ralls, Ballou, and Templeton 1988). Das Resultat ist beim Menschen erhöhte Sterblichkeit, Krankheitsanfälligkeit, Minderwuchs und geistige Retardierung (Seemanova 1971). Angesichts dieser Nachteile ist es nicht verwunderlich, daß die Evolution Mechanismen hervorgebracht hat, die Inzest verhindern oder wenigstens unwahrscheinlich machen. Schon aus der Logik der Sexualität ist das zu erwarten. Die Vorstellung, Sexualität sei zur Fortpflanzung erforderlich, ist genau betrachtet nicht richtig, denn Fortpflanzung ist auch asexuell möglich. Niedere Tiere können sogar zwischen sexueller und asexueller Fortplanzung hin- und herschalten und selbst bei höheren Tierarten, z.b. bei Renneidechsen, kommt es vor, daß sich aus sexuellen Spezies asexuelle Varianten entwickeln, die sich durch Jungfernzeugung fortpflanzen. Bei diesen Eidechsen gibt es nur Weibchen. Sie vermehren sich schneller als ihre sexuelle Ursprungsart, in der die Hälfte aus unproduktiven Männchen besteht. Warum sind asexuelle Arten dann nicht häufiger? Der wichtigste Vorteil sexueller Rekombination liegt in dem großen Potential, neue genetische Variation zu schaffen und damit im Wettlauf mit Parasiten, die immer wieder versuchen, sich auf das Genom einer Spezies einzustellen, die Nase vorn zu behalten. Dieser und andere Vorteile scheinen die großen Kosten sexuellen Verhaltens mehr als auszugleichen (Maynard Smith 1978). Wenn es keine Inzestvermeidung gäbe, wären sie schnell wieder dahin, denn gleiche genetische Anlagen würden immer wieder zusammenkommen. Welche Mechanismen verhindern dann aber den Inzest? Bei manchen Tieren scheint das bloße Abwandern der Männchen aus dem Gruppenverband zu genügen; andere entwickeln stattdessen oder zusätzlich eine gezielte Sexualhemmung, die durch eine besondere Erfahrung ausgelöst wird. Nach Westermarcks These ist dies die Erfahrung, im gleichen Nest aufzuwachsen. Experimentelle Untersuchungen an Tieren stimmen damit überein. Zum Beispiel wählen sich Graugänse, die zusammen aufgewachsen sind, später nicht als Sexualpartner (Bischof 1989); sie meiden sich sogar ausdrücklich. Wenn man jedoch Geschwister von Geburt an getrennt aufzieht und später als Erwachsene wieder zusammenbringt, umwerben sie sich und kopulieren miteinander, ebenso wie Nichtverwandte. Wie sieht es nun beim Menschen aus? Es gibt ja tatsächlich kulturelle Inzesttabus, die oft sehr weitreichend sind. Im Mittelalter verbot die Kirche Ehen bis zum siebenten Grad der Verwandtschaft. Das bot für manche Adelige eine willkommene Möglichkeit, den Fesseln der unlösbaren Ehe zu entrinnen, indem sie einfach nachwiesen, daß eine ganz entfernte Verwandschaft bei Eheschließung übersehen worden war. Für die Kirche hatte das Verbot noch größere Vorteile: es half zu verhindern, daß Macht und Reichtum des Adels sich durch Heirat in wenigen Händen konzentrieren konnte und

17 Evolutionspsychologie 17 erhöhte indirekt die Chance dafür, daß Adlige unverheiratet blieben und ihr Reichtum später der Kirche zuviel (Betzig 1992). Den Pharaonendynastien Ägyptens war Inzest nicht verboten, sondern ein verpflichtendes Privileg. Von diesem Privileg wurde jedoch nicht gern Gebrauch gemacht und als die Pharaonenherrschaft bröckelte, haben die niederen Ränge des Adels und des Volkes den Pharaonen vieles nachgeahmt, was sie vorher nicht durften der Inzest gehörte nicht dazu (Bischof 1989). Für Freud war schon die bloße Existenz des kulturellen Inzestverbots ein Beleg für seine Notwendigkeit. Wozu sollte es bestehen, wenn nicht eine natürliche Inzestbereitschaft als Gegenspieler existierte? Richard Dawkins (1996, S. 465) findet einen Fehler in dieser Logik. Sie sei so, als würde man von der Tatsache, daß Autos ein Schloß an der Tür besitzen darauf schließen, daß es kein weiteres am Lenkrad geben kann. Für Evolutionspsychologen sind kulturelle Formen nicht in erster Linie Maßnahmen zur Eindämmung archaischer Triebkräfte, sondern im Gegenteil Inszenierungen und Gestaltungen natürlicher Verhaltenstendenzen, die darin eher ausgedrückt werden als unterdrückt. Edward Wilson geht noch weiter: The Westermarck effect rocks other boats as well. There is the matter of whether social regulation in general exists to repress human nature or to express it. And from that comes the not so trivial question of what incest taboos imply about the origins of morality. Orthodox social theory holds that morality is largely a convention of obligation and duty constructed from mode and custom. The alternative view, favored by Westermarck in his writings on ethics, is that moral conceptions are derived from innate emotions (Wilson 1998, S. 179). Das kulturelle Inzesttabu ist zwar universell, doch es gibt einige gesellschaftliche Umstände, in denen die Hypothese Westermarcks getestet werden kann. Das sind vor allem die Lebensform des Kibbuz in Israel und eine Form der Eheschließung im Kindesalter in Taiwan. In einem Kibbuz werden die Kinder verschiedener Familien gemeinsam in einem Kinderhort aufgezogen, in dem sie wie Geschwister zusammen essen, spielen und lernen. Westermarcks Hypothese sagt vorher, daß solche Kinder sich später sexuell meiden müßten und das ist auch tatsächlich der Fall (Shepher 1971; Talmo 1964). Bei 2769 Kibbuzkindern, die in der frühen Kindheit vor dem sechsten Lebensjahr zusammengelebt hatten, fand L. Shepher im Erwachsenenalter keine einzige Ehe; nur von den Kindern, die bei Eintritt älter als 6 Jahre waren, heirateten einige später. In Taiwan gab es noch bis vor wenigen Jahrzehnten die Sitte der Simpua (die kleine Ehe), eine Ehe, die schon in der frühen Kindheit, manchmal sogar während der Schwangerschaft, zwischen den Eltern abgesprochen wird. Die zukünftige Braut kommt noch vor ihrem ersten Geburtstag in die Familie ihres zukünftigen Ehemannes, der ebenfalls noch im Kleinkindalter ist, und wächst dort mit ihm zusammen auf. Wenn das Paar dann die Adoleszenz erreicht, erfahren beide, daß sie bereits verheiratet sind. Diese Ehen, die der amerikanische Anthropologe Arthur Wolf (1970) untersucht hat, werden oft unter großem Widerstand vollzogen, das Paar wird in das Schlafzimmer gebracht, die Tür verschlossen und es heißt, die beiden müßten zusammengeschubst werden. Trotz sozialen Drucks halten diese Ehen schlecht; es gibt etwa 30% weniger Nachkommen, Seitensprünge sind häufig und viele Simpua-Paare gestanden dem Anthropologen, daß sie die Ehe niemals vollzogen haben. Wenn wir jetzt glauben sollen, daß Inzestscheu eine angeborene Disposition ist, warum gibt es dann in menschlichen Gesellschaften so viele Überschreitungen dieser Schranke? Die erste Antwort auf diese Frage ist, daß trotz der erschreckenden Häufigkeit inzestuösen Kindesmißbrauchs dieses Verhalten die Ausnahme ist. Nach der Theorie Westermarcks müßte diese Ausnahme besonders wahrscheinlich sein, wenn sich Eltern und Kind selten sehen und nicht viel miteinander zu tun haben. Je geringer die elterliche Fürsorge, je weniger ausgeprägt die familiäre Bindung, desto größer die Gefahr, daß die natürliche Inzesthemmung ungenügend entwickelt wird. Diese Vorhersage stimmt mit einschlägigen Untersuchungen überein (Erickson 1993). Auch in literarischen Dramatisierungen des Inzestthemas sind die Protagonisten oft in der Kindheit voneinander getrennt worden oder es bestand wenig Kontakt. Ödipus wurde von seiner Mutter Iokaste nach der Geburt fortgegeben. Weder er noch sie konnten eine Sexualhemmung entwickeln und so zeigt dieser Mythos auch, was Freud gar nicht im Sinn hatte: Das Versagen der Inzesthemmung durch das Fehlen des Mechanismus, der sie hervorbringt. Inzesthemmung ist ein gutes Beispiel für die Genauigkeit, mit der emotionale Verhaltensprogramme arbeiten können: Bruder und

18 Evolutionspsychologie 18 Schwester empfinden meist eine enge Zuneigung zueinander und sie können aneinander ihre sexuelle Attraktivität ebenso wahrnehmen wie an Nicht-Verwandten. Doch trotz dieser günstigen Bedingungen für eine erotische Liebesbeziehung werden sexuelle Wünsche selten geweckt und wenn doch, entfalten sie sich meist nicht über bloße Neugier hinaus. Der verdeckte Eisprung Was wäre, wenn eine Frau genau wüßte, wann ihr Eisprung ist, wenn sie diese Tatsache durch deutlich sichtbare körperliche Zeichen signalisieren würde und wenn dies nur vier Wochen im Jahr, vielleicht im Frühling, so wäre? Wir Menschen würden sicher ein anderes Sexualleben haben, andere Gefühle und andere Gebräuche. Aber so ist es nicht: Menschen sind nicht nur wegen ihres großen Gehirns eine Ausnahme im Tierreich, sondern auch, weil bei ihnen die weibliche Ovulation verdeckt abläuft und nicht saisonabhängig ist. Das gehört zu unserer Natur und zu der einiger weniger anderer Primaten. Auf den ersten Blick ist es schwer, einen plausiblen adaptiven Sinn in dieser Einrichtung zu erkennen, denn sexuelles Verhalten ist in der Natur eine kostspielige Angelegenheit, die Zeit verbraucht, Rivalitätskämpfe heraufbeschwört, aufwendiges Werbeverhalten erfordert und das Risiko erhöht, von Räubern erbeutet zu werden. Daher scheint es ökonomischer, sexuelle Empfänglichkeit auf eine kurze Zeit zu begrenzen und deutlich anzuzeigen, wie das bei den meisten Säugetieren auch der Fall ist. Warum diese Ausnahmen? Viele Theorien sind hierzu entstanden (Diamond 1997). Eine der ersten behauptete, sexuelles Verhalten, unabhängig vom Fortpflanzungszyklus und von der Jahreszeit sei das Bindemittel, das ein menschliches Paar zusammenhält. Aber festen partnerschaftlichen Zusammenhalt gibt es in der Natur auch ohne fortlaufenden Sex, z.b. bei den meisten Vögeln und bei Gibbons, die jahrelang überwiegend sexuell abstinent in monogamen Zweierbeziehungen leben. Umgekehrt haben Schimpansen mehr Sex als Menschen, ohne daß sie feste Partnerschaften eingehen. Aus der Fülle der Hypothesen gehen zwei besonders aussichtsreiche hervor, aus deren Kombination möglicherweise eine Erklärung zu gewinnen ist. Die erste These sieht den adaptiven Vorteil der verborgenen Ovulation darin, daß ein Männchen ständig bei seinem Weibchen bleiben muß, weil das Weibchen zu jeder Zeit fruchtbar sein könnte und andere Männchen ihm Hörner aufsetzen könnten. Das Männchen kann also nicht, wie es bei den meisten Säugetieren geschieht, nach der Befruchtung einfach verschwinden, sondern hat einen Anreiz, zu bleiben. Das ist der erste Schritt für seine Unterstützung des Weibchens und später für seine Mithilfe bei der Sorge um die Nachkommen. Weibchen mit verlängertem, am besten gar nicht mehr bemerkbaren Östrus haben daher einen Selektionsvorteil: die Kooperation des Männchens. Je größer die Investition des Männchens in die gemeinsame Fürsorge, desto fataler wäre es für seine genetische Fitness, wenn die Nachkommen nicht von ihm wären. Die zweite Theorie basiert auf einer ganz anderen Überlegung. Bei vielen Arten mit Harembildung töten Männchen, die einen Harem erobern, alle Jungtiere, die sie vorfinden. Solcher Infantizid kommt bei Löwen und Wildhunden oft vor. Bei Gorillas sterben 1/3 aller Jungen aus diesem Grunde und ein typisches Gorillaweibchen verliert in ihrem Leben wenigstens ein Junges auf diese Weise. Die mörderischen Männchen fügen damit zwar den Weibchen der Gruppe einen Schaden zu, erringen aber selbst einen genetischen Vorteil, denn sie können sofort mit ihrer eigenen Fortpflanzung beginnen, weil ein Weibchen, das kein Junges mehr versorgt, schnell wieder zur Empfängnis bereit ist. Die verborgene Ovulation könnte sich als eine Gegenmaßnahme gegen die Gefahr des Infantizids entwickelt haben. Wenn Weibchen in lockeren sozialen Verbänden ständig mit vielen Männchen kopulieren und jede Kopulation zu Nachwuchs führen kann, läuft jedes Männchen Gefahr, bei einem Infantizid versehentlich die eigenen Nachkommen zu töten, was dieses Verhalten nachteilig macht und im Genpool seltener werden läßt. Welche der beiden Theorien ist besser? Die Biologen Sillén-Tullberg und Møller (1993) haben 68 Species von Primaten auf ihr sexuelles System untersucht. Sie unterscheiden Harembildung, Promiskuität und Monogamie einerseits und die Stärke der Signale des Östrus bis zur völligen Verdeckung andererseits. Diese Fakten bringen sie mit der Rekonstruktion eines evolutionären Stammbaums der Arten in Verbindung. Ihr Ergebnis: Wenn eine Art monogam ist, gibt es fast immer auch den verdeckten Östrus. Das umgekehrte gilt aber nicht: Arten mit verdecktem Östrus sind manchmal auch harembildend oder promisk, aber dann gehen sie in der Evolutionsgeschichte den monogamen Arten voran. Die Schlußfolgerung daraus ist, daß sich der verdeckte Östrus in einem Zweistufenprozeß entwickelt haben könnte und zwar zunächst als

19 Evolutionspsychologie 19 Anpassung an die Gefahr des Infantizids in harembildenden und promisken Gruppen. Später, als die Art zur Monogamie überging, wurde der bereits entwickelte verdeckte Östrus beibehalten, wahrscheinlich weil nun die in der ersten These postulierte Befestigung der Paarbindung als Vorteil zum Tragen kam. Man könnte sich nun fragen, warum bei Menschen, deren kognitiver Apparat so hoch entwickelt ist, das Wissen um den Zeitpunkt des Eisprungs nicht zugänglicher ist, warum also Frauen diesen Vorgang nicht deutlicher spüren sie könnten dieses Wissen ja dann immer noch verbergen. Das würde allerdings angesichts der Durchschaubarkeit unseres Gefühlslebens das Risiko der Entdeckung bergen und daher hat sich wohl im Laufe der Evolution der sichere Weg, die (fast) vollständige Verborgenheit des Östrus, durchgesetzt. Schluß Das letzte Beispiel illustriert besonders die zu Anfang erwähnte Forderung William James, das Natürliche als erklärungsbedürftig anzusehen. Im Original (James 1892, S.261) endet die Textpassage mit: It takes (...) a mind debauched by learning to carry the process of making the natural seem strange so far as to ask for the why of any instinctive human act". Das Wort "debauched" heißt so viel wie "zügellos", "verführt". Das Natürliche der menschlichen Natur nicht einfach als undurchsichtige Grundtatsache hinzunehmen, sondern erklären zu wollen, wird heute zwar nicht als ein Zeichen von Zügellosigkeit angesehen, stößt aber oft auf Widerstände. Der Biologe Alexander (Alexander 1987) hat behauptet, unser moralisches Selbstverständnis würde geradezu davon leben, daß seine weniger edlen Ursprünge nicht so deutlich beleuchtet werden. Die Biologie hat die Tendenz, solche unfeinen Abstammungen, z.b. selbstloser Motive, rücksichtslos ans Licht zu ziehen (Wright 1997). Weiterhin ist sie ständig in Gefahr, für inhumane politische Ideologien mißbraucht zu werden (Dawkins 1989; Mc Knight 1997, S ). Viele der hier skizzierten Theorien sind nicht mehr als Hypothesen, die durch einige Argumente plausibel gemacht werden können. Der Schriftsteller Jonathan Swift hat Kindern in seinem Buch "Just so stories" alles mögliche erklärt, z.b. wie das Kamel seinen Höcker bekam, indem er einfach eine magische Begebenheit aus der Vergangenheit schilderte, die in diesem Fall, dem Kamel, das früher so aussah wie ein Pferd, seinen Höcker verpasste. Die Evolutionspsychologie lädt solche "just so stories" zu a- daptiven Funktionen geradezu ein. Sie ist ähnlich wie die Psychoanalyse ein Erklärungssystem, in dem es ebenso gut möglich zu sein scheint A wie nicht A zu erklären, scheint möchte ich betonen, denn die Logik der natürlichen Selektion kann sehr einschränkend sein 10. Ebenso wie die Psychoanalyse hat die Evolutionspsychologie ihre Stärke in der Erklärung. Ihre Begründungen reichen weit über das Naheliegende hinaus; sie sind interessant nach der Regel, wonach ein Grund umso mehr Erklärungskraft besitzt, je weiter er konzeptuell von der Ursache entfernt liegt. Zugleich ist die Evolutionspsychologie, anders als die Psychoanalyse, eng mit dem System der Naturwissenschaften verbunden. Sie möchte Teil einer einzigen kausal erklärenden Wissenschaft sein (Dennett 1995; Tooby and Cosmides 1992) - eine Idee, die Edward Wilson (1975) in seinem wegbereitenden Buch "Sociobiology. The New Synthesis" (Wilson 1975) entwickelt hat und vor kurzem noch einmal emphatisch ausführte (Wilson 1998). Evolutionspsychologie wird, wie auch die biologische Evolutionstheorie, von ihren populärwissenschaftlichen Schreibern ungewöhnlich gut dargestellt (siehe z.b. Baker 1996; Dennett 1995; Diamond 1997; Fisher 1993; Pinker 1998; Wright 1997). Sie findet in der Öffentlichkeit eine Verbreitung, mit der ihre Präsenz in den Sozialwissenschaften nicht mithalten kann. Es scheint so, als sei der Versuch, die Dinge aus ihrer biologischen Gewordenheit heraus zu erklären, für Laien mit ihrem Alltagsverstand einleuchtender und vielversprechender als für Sozialwissenschaftler. Vielleicht spielt hier auch die Rivalität der Fächer eine Rolle, denn bisher war es das Privileg der Sozial- und Geisteswissenschaften, uns zu sagen, woher wir kommen und wer wir sind. Dr. Dietrich Klusmann Abteilung für Medizinische Psychologie Universitätskrankenhaus Eppendorf Martinistr Hamburg Tel Sekr Fax Ein gutes Beispiel für die systematische Führung der Hypothesenbildung durch Evolutionstheorie gibt die Arbeit von Steven Gaulin (1995) über Geschlechtsunterschiede in der Gehirnarchitektur.

20 Evolutionspsychologie 20 Literatur Alexander, R. D The biology of moral systems. Hawthorne, N.Y.: Aldine de Gruyter. Baillargeon, R Representing the existence and the location of hidden objects. Object permanence in 6- and 8-month old infants. Cognition 23: Baker, R Krieg der Spermien. Weshalb wir lieben und leiden, uns verbinden, trennen und betrügen: Limes. Barkow, J. H., L. Cosmides, and J. Tooby The adapted mind. Evolutionary psychology and the generation of culture. New York: Oxford University Press. Berger, P., and T. Luckmann The social construction of reality. A treatise in the sociology of knowledge. London: Penguin Books. Betzig, L Medieval monogamy. In Darwinian approaches to the past, edited by S. Mithen and H. Maschner. New York: Plenum. Bischof, N Das Rätsel Ödipus. Die biologischen Wurzeln des Urkonflikts von Intimität und Autonomie: Piper. Buss, D. M Evolutionary psychology. The new science of mind. Boston: Allyn and Bacon. Cashdan, E A sensitive period for learning about food. Human Nature 5: Cosmides, L The logic of social exchange. Has natural selection shaped how humans reason? Studies with the Wason selection task. Cognition 31: Cosmides, L., and J. Tooby Cognitive adaptations for social exchange. In The adapted mind. Evolutionary psychology and the generation of culture., edited by J. Barkow, L. Cosmides and J. Tooby. New York: Oxford University Press. Cosmides, L., and J. Tooby Origins of domain specifity: The evolution of functional organization. In Mapping the mind. Domain specificity in cognition and culture, edited by L. A. Hirschfeld and S. A. Gelman. Cambridge: Cambridge University Press. Cosmides, L., and J. Tooby From function to structure: The role of evolutionary biology and computational theories in cognitive neuroscience. In The cognitive neurosciences, edited by M. S. Gazzaniga. Cambridge, Mass.: Bradford, MIT Press. Cosmides, L., and J. Tooby Evolutionary psychology: A primer [cited 1999]. A v a i l a b l e f r o m er.html. Crawford, C., and D. L. Krebs, eds Handbook of evolutionary psychology. Ideas, issues, and applications. Mahwah, New Jersey: Lawrence Erlbaum. Crenshaw, T The alchemy of love and lust : How our sex hormones influence our relationships: Pocket Books. Darwin, C On the origin of species. Cambridge, Mass.: Harvard University Press, reprint1964. Erstveröffentlichung: 1859 Dawkins, R The extended phenotype.: New York: Oxford University Press. Dawkins, R Sociobiology: the new storm in a teacup. In Science and beyond, edited by S. Rose and L. Appignannesi: Basil Blackwell. Dawkins, R Das egoistische Gen. Hamburg: Rowohlt. Dennett, DC Darwin's dangerous idea: Evolution and the meanings of life.: New York: Simon & Schuster. Diamond, J Why is sex fun? The evolution of human sexuality: Weidenfeld & Nicolson, London. Douglas, M Purity and danger. An analysis of the concepts of pollution and taboo. London: Ark Paperbacks. Durham, W. H Interactions of genetic and cultural evolution: Models and examples. Human Ecology 10: Ekman, P Facial expression and emotion. American Psychologist 48: Erickson, M. T Rethinking oedipus: an evolutionary perspective of incest avoidance. Am J Psychiatry (150): Fisher, H Anatomie der Liebe. Warum Paare sich finden, sich binden und auseinandergehen.: Knaur. Fodor, J. A The modularity of mind. Cambridge, Mass.: M.I.T. Press. Freud, S Die Umgestaltungen der Pubertät. In Gesammelte Werke, Werke aus den Jahren , edited by A. Freud. Frankfurt a. M.: Fischer.

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