Die Ö1 Kinderuni: Ist mobben mehr als streiten?

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1 Die Ö1 Kinderuni: Ist mobben mehr als streiten? Transkript Also, ich bin der Steven. Ich bin zwölf Jahre alt und mich würde interessieren, was Sie tun würden, wenn Sie jetzt in einer Klasse unterrichten würden, und es gäbe solche Situationen, wo ein Kind gemobbt wird. Ich bin der Arthur. Ich bin zehn Jahre alt und mich würde interessieren, warum ein Kind oder mehrere Kinder überhaupt beginnen zu mobben. Ist mobben mehr als streiten? Vom Schikanieren, Quälen und Verletzen. Ich bin die Theresa und bin elf Jahre alt und mich interessiert, wieso Sie das Thema mobben so sehr interessiert. Expertin Ich bin die Christl Wildner und ich leite ein Projekt, das sich mit dem Thema mobben und Gewalt in der Schule beschäftigt. Es ist leider ein sehr verbreitetes Problem und deswegen interessiert s mich, dass den Betroffenen und allen, die sonst noch mitbeteiligt sind, geholfen werden kann. Manche Kinder werden in der Schule oft ausgelacht, beleidigt, beschimpft, erniedrigt. Und das nicht nur ein Mal, sondern oft, über einen langen Zeitraum hinweg, immer von derselben Person oder denselben wenigen Personen. In diesen Fällen spricht man von Mobbing. Christine Wildner ist Pädagogin, Lehrerbildnerin und Logotherapeutin in Wien und beschäftigt sich schon lange damit, dass in Schulen gemobbt wird. Theresa geht zuerst der Herkunft des Begriffs auf die Spur. Woher kommt das Wort mobben eigentlich? Das Wort kommt aus dem Englischen und heißt eben: jemanden heruntermachen, jemanden klein machen. Es wird im Englischen oft für diese Vorgangsweise gar nicht verwendet, sondern es hat dort, im Englischen, eher den Begriff bullying. Die Ö1-Kinderuni-Reporter Steven und Arthur erklären, was sie unter dem Begriff Mobbing verstehen. Also, es ist ärger als streiten, weil beim Streiten geht s eher darum, dass sich zwei irgendwie kurze Zeit nicht verstehen. Und beim Mobbing ist es eher so, dass es manchmal so weit geht, dass einer nur noch dasitzt und heult oder weint, halt. Seite 1

2 Ich find das eigentlich arg, weil ohne Grund, dass es Kinder so machen: einfach andere Kinder fertig machen. Beim Mobben werden die betroffenen Personen, die gemobbt werden, über längere Zeit hinweg, über mehrere Wochen, Monate, manchmal sogar über Jahre von einem, zwei oder ganz wenigen schikaniert und drangsaliert in allen erdenklichen Ebenen: mit Worten, manchmal auch mit Taten. Es wird in der Schule sichtbar, am Arbeitsplatz sichtbar, am Weg zur Schule, am Weg in die Pause oder aus der Pause zurück. Es gibt ganz viele Möglichkeiten, wo gemobbt werden kann und auch ganz unterschiedliche Formen dieses Mobbens. Es ist gekennzeichnet durch eine längere Form, wo es immer wiederkehrend stattfindet und es zeigt dann letztlich den Betroffenen, den Gemobbten, als einen sehr einsamen, unglücklichen Menschen, der unter sozialen Defiziten leidet, der persönlich schwer gekränkt ist und der mit eigener Hilfe nicht mehr der Sache irgendwie begegnen kann. Er braucht unbedingt, sie braucht unbedingt Hilfe von außen und die soll in der Schule über Mitschüler, über Lehrer, Direktion, Landesschulräte, Schulärzte und Schulpsychologen geleistet und gegeben werden. Der Täter oder der Mobber, ob es nun ein Mädchen oder ein Bub ist, hat viele Möglichkeiten, sein Opfer zu schikanieren und drangsalieren. Das Opfer wird verspottet und verlacht für sein Aussehen, seine Herkunft, sein Verhalten. Mal heimlich, mal öffentlich. Hinter dem Rücken werden Unwahrheiten erzählt, dadurch wird das Opfer bei anderen Kollegen unbeliebt. Dem Opfer selbst werden zum Beispiel Hausübungshefte versteckt und Diebstähle bei anderen Kindern in die Schuhe geschoben. Mobbing kann auch körperlich sein. Das Opfer wird im Vorbeigehen gerempelt oder am Nachhauseweg überfallen und verprügelt. Die Möglichkeiten zur Erniedrigung sind grenzenlos, denn es geht hier nicht um eine einzelne Meinungsverschiedenheit, sondern um eine dauerhafte Verletzung. Warum ist mobben eigentlich schlimmer als streiten? (4 26 ) Dieses Mobben ist sehr viel mehr. Du bist auch gekränkt, wenn du mit deinem Bruder oder einem Klassenfreund streitest, aber es kommt dann dazu, dass ihr euch wieder vertragt, dass ihr austauscht, worüber ihr gestritten habt, und dass ihr Wege sucht, wie ihr zu zweit oder vielleicht sogar zu dritt wieder einen neuen Anfang nehmen könnt, und weitermachen. Beim Mobbing aber, ist das Mobbingopfer, der Gemobbte, das Mädchen oder der Bub, ganz einsam, kann sich selbst nicht mehr helfen, unendlich traurig, ganz unglücklich, traut sich den Freundinnen oft nichts zu sagen, den Lehrern nicht, den Eltern nicht und bleibt so total auf der Strecke und ist ausgeschlossen von ganz vielem Geschehen. Er fühlt sich schlecht, er wird auch krank, mag nicht mehr in die Schule gehen und es interessieren ihn keine Dinge mehr, die andere Jugendliche interessieren. Er ist sozusagen abgeschlafft und kann einfach selber nimmer mehr weiter. Seite 2

3 Mobbing kann einen Menschen zerstören. Auch Steven und Arthur haben so etwas schon erlebt. Also mir ist es auch schon mal passiert. Also bei uns passiert das eigentlich öfters in der Schule und bei uns ist es eher so, dass die Lehrer halt eigentlich, es alles nur noch schlimmer machen, weil sie damit total falsch umgehen, mit der Situation, und es eigentlich nur noch verbreitern, als wär s einfach nur so ein, eine Sache, wie: Ein Kind hat jemandem ein Essen geklaut oder so was und sagen einfach: Das darfst du nicht mehr. Aber ich find, das bringt nicht wirklich was. Wir haben jemanden in der Klasse gehabt in der Volksschule, der hat oft gemobbt und auch mich hat er manchmal gemobbt, aber manchmal hab ich s selber gelöst. Aber oft bin ich zu meiner Mama gegangen und die hat dann mit dem Kind geredet und dann hat er mich in Ruhe gelassen. Aber wenn er andere gemobbt hat, dann hab ich denen geholfen und so. Also ich hätte die Frage, was Sie tun würden, wenn Sie eine Klasse hätten, in der es solche Situationen mit anderen Kindern in Ihrer Klasse halt geben würde: Was würden Sie da tun? Ich glaube, da sind viele Schritte zu setzen, bis man erste Erfolge sieht. Aber der erste, entscheidende Schritt ist der, dass dem Opfer einmal geholfen wird. Und das geht dadurch, dass man ein einfaches Regelwerk mit allen erarbeitet, welches Verhalten gebilligt wird und welches nicht. Und es muss Sanktionen geben, wenn wieder weiter gemobbt wird. So, dass tatsächlich ein jeder weiß: Was ist Fehlverhalten? Was ist noch geduldet? Und es braucht eine Vielzahl von Gesprächen mit den Betroffenen, auch mit den Mobbern, die also nicht die Opfer sind, sondern die eigentlich diese Gewalt ausstrahlen; die brauchen genauso die Hilfe. Und es braucht die Unterstützung der Eltern und des gesamten Lehrerteams einer Klasse. Kinder, die gemobbt werden, kommen aus der Situation alleine nicht mehr heraus. Zwischen Opfer und Täter herrscht ein Ungleichgewicht der Kräfte. Sie unterscheiden sich in körperlicher und psychischer Stärke. Deshalb brauchen gemobbte Kinder Hilfe. Steven fragt sich, was ein Opfer da tun kann. Wenn Kinder Opfer von so einer Situation werden, was sollten sie tun? Diese gemobbten Kinder sollten sich auf alle Fälle einer Vertrauensperson anvertrauen und ihr über die Geschehnisse erzählen. Ihr erzählen, wie diese Schikanen auf sie wirken und welche Gefühle sie dabei haben und welche Handlungen sie setzen und wie s ihnen wirklich geht. Seite 3

4 Vertrauenspersonen sind zum Beispiel Eltern, Freunde oder Lehrer. Das Opfer soll sich trauen, wirklich alles zu erzählen, damit die Lage auch ernst genommen werden kann. Denn viel zu oft wird die Situation unterschätzt und das Leid des Gemobbten nicht erkannt. Und selbst wenn Mobbing erkannt wird, schauen viele einfach weg, halten sich raus, tun nichts, helfen nicht. Das ist in Arthurs Klasse auch passiert. In meiner Klasse, also der eine, der gemobbt hat, der war der brutalste und vor dem hatten alle Angst, praktisch. Und deswegen wollte sich, was mit dem zu tun hatte, wollte sich jeder raushalten. Und vielleicht ist es auch bei anderen Klassen so, dass eben die Kinder Angst haben, da sich mit reinzumischen oder so. Du hast schon ganz Recht. Die meisten Zuschauer, die das beobachten, haben selber Angst, dass sie dann von dem Mobber auch angegriffen werden und weiter zu einem Opfer werden. Dann gibt s natürlich die Gruppe derer, die überhaupt gleichgültig sind und prinzipiell überall wegschauen. Die machen sich einfach keine Gedanken, das ist ihnen wurscht. (9 20 ) Mobbing ist nicht schön, sind sich die Ö1-Kinderuni-Reporter einig. Warum passiert es aber dennoch, fragen sich Arthur und Theresa. Warum beginnen manche Kinder überhaupt, andere Kinder zu mobben? Bei den Mobbern, ob es Mädchen oder Buben sind, gibt es meistens eine sehr unglückliche Vergangenheit. Sie selber sind mit vielem in ihrem Leben unzufrieden, möchten das gerne ändern und versuchen jetzt, bei anderen zu kritisieren, die zu schikanieren, um ihre eigene Unzufriedenheit zu übertünchen, um Erfolg zu haben bei dem Mobben, dann sind sie nämlich von anderen geschätzt und angesehen, da sind sie wer Besonderer, der sich was traut. In Wirklichkeit aber sind auch sie sehr unglücklich, sehr leidend und sehr arm und hätten in Wirklichkeit gern alles anders, können s aber nicht. Wieso läuft so oft Mobbing geheim ab? Die Mobber, die andere schikanieren und drangsalieren, die möchten natürlich nicht erkannt werden, weil sie im tiefsten Inneren spüren, dass sie Dinge tun, die sie nicht tun sollten. Und sie können s aber nicht abstellen, oder sie sind noch nicht in der Lage, das zu verändern und daher ist jede Situation angenehm, wo sie im Geheimen die anderen schikanieren können und sie im Hintergrund bleiben. Es gibt Kinder, die immer wieder Opfer von Mobbing werden. Die Pädagogin Christine Wildner erklärt, dass es zwei Gruppen von Opfern gibt. Seite 4

5 Es gibt aggressive Mobbingopfer und es gibt passive Mobbingopfer. Solche, die das direkt herausfordern; und dann sind viele schnell da und unterstützen und machen und tun. Und es gibt die passiven Mobbingopfer, die sich alles gefallen lassen, wo einfach jeder auf sie einschlagen kann, sie treten kann, sie knechten kann, sie schikanieren kann und sie rühren sich nicht, also muss auch der Mobber keine Gefahr fürchten, dass aufgedeckt wird, oder dass das offensichtlich wird, was er tut. Nicht nur die Persönlichkeit macht ein Opfer aus, sondern auch die Herkunft und die Beziehung zu den Eltern. Gibt s gewisse Menschengruppen, sag n ma mal, die besonders leicht gemobbt werden, oder bestimme Menschencharaktere? Es gibt natürlich soziokulturelle Unterschiede, die heute bei der großen Mobilität der Menschen in Europa und auf der ganzen Welt Leute zusammenführen, die in ihrer Kultur sehr unterschiedlich sind. Und diese Unterschiede kann man nur in einem gewissen Maß gut verdauen. Wenn sie zu groß werden, werden sie schwierig. Es gibt große ökonomische Unterschiede, das heißt Reich und Arm leben in nächster Nachbarschaft zusammen, man besucht gemeinsam die Schule, dann gibt s große Unterschiede. Ihr werden das kennen: Wenn der eine Markenklamotten trägt und der andere hat keine wie geht man damit um? Darf er das? Muss er sich jetzt auch welche anschaffen? Muss das Kind zu Hause penzen und sagen, ich will auch so ein Kapperl, ich will auch die Schuhe haben, sonst kann ich nicht bestehen in meiner Klasse. Oder darf es diese Unterschiede geben? Weiters kommt dazu, dass durch die Berufstätigkeit vieler Eltern, die, um den Standard der heutigen Zeit zu erreichen, beide wenig Zeit haben für die Familie und die Kinder und dass dann alles sehr schnell und rasch abgewickelt wird, und dass wenig Zeit für gemeinsames Tun und für gegenseitiges Verständnis, für Liebe und Austausch und Gemeinsamsein und Kuscheln und sich s gut gehen lassen, schöne Zeit miteinander verbringen, dass dafür kaum mehr Zeit zur Verfügung ist und so schon Gewalt in der Familie vortrainiert wird, die dann die Jugendlichen in die Schule mitbringen. Es gibt viele Gründe dafür, warum Mobbing in der Schule vorkommt und sogar immer häufiger wird. Deshalb müssen alle zusammenhalten; wenn Kinder oder Jugendliche gemobbt werden, niemand darf wegschauen, denn Mobbing ist kein Spaß. Ist mobben mehr als streiten? Vom Schikanieren, Quälen und Verletzen. Gestaltung: Tina Plasil. Gesprochen hat Mirjam Unger. Das Gespräch mit der Wiener Pädagogin, Lehrerbildnerin, Logotherapeutin und Existenzanalytikerin Christine Wildner führten die Ö1-Kinderuni-Reporter: Theresa Maderner, Steven Nowak und Arthur Czasch. Diese Sendung fand in Koorperation mit der Kinderuni Wien statt. Nachzuhören ist die Ö1 Kinderuni im Internet unter Dort kann man auch den Kinderuni-Podcast abonnieren. Seite 5

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