Februar Zwischenbericht nach 6 Monaten

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1 Februar 2014 Zwischenbericht nach 6 Monaten Unglaublich, aber nun sind doch schon 6 Monate um, die ich im faszinierenden, farbigen und facettenreichen Indien verbringen durfte. Diese Zeit war geprägt von neuen verschiedensten Erfahrungen, Erlebnissen und Gefühlen hier im NEST. Dieser Bericht setzt deutlich Akzente in den Themen Glauben, Religion, der Vielzahl an Festen und der Rolle der Frau. Ich wünsche euch gute Unterhaltung beim Lesen. Indien das Land der vielen Religionen Ein unglaublich interessanter Aspekt, der Indien wahrscheinlich so faszinierend auf uns wirken lässt, ist die Ausprägung und Auslebung des Glaubens. In kaum einem anderen Land ist die Einheit von Religion und Alltagsleben so stark zu spüren wie hier in Indien. Im Allgemeinen ist der Hinduismus die vorherrschende Religion mit 80 % der Bevölkerung. Den zweitgrößten Anteil mit 12 % bilden die Muslime, gefolgt von dem Christentum mit 2,4 % sowie dem Buddhismus mit 0,8 %. Gerade aufgrund dieser völlig konträren prozentualen Anteile der Religionen zu unserem Europa, in dem das Christentum die führende Religion ist, macht sich dies doch gerade für mich sehr bemerkbar. Das erste äußerliche Merkmal jeder Inderin und auch vieler Inder ist für uns Europäer wohl die Verzierung ihres Gesichts. Ob nun waagrechte Striche aus heiliger Asche die Stirn verzieren oder aber der sogenannte tilak, ein roter Punkt, der mit Asche und zusätzlich mit kumkum aufgetragen wird. Beide stellen, so wurde mir erzählt, im Hinduismus Segenszeichen dar und gelten symbolhaft als das Dritte Auge. Oft sieht man aber auch viele indische Frauen nur mit einem roten Punkt auf der Stirn (bindi), was traditionellerweise das Zeichen einer verheirateten Frau darstellt. Viele junge indische Mädchen und Frauen tragen auf ihrer Stirn aber auch kleine Glitzersteinchen in allen Farben und Formen als modisches Accessoire. Auch unsere Mädels hier sind sehr große Fans von den Steinchen, und wenn du Glück hast, wird dir dann auch eins auf die Stirn geklebt mit Kommentaren: Oh how nice! Now you re looking like a real Indian. Wenn dann am so genannten Mamy Day, der jeweils auf einen Sonntag im Monat datiert ist, Mütter, Tanten, Onkel oder Großeltern der Kinder die Chance haben, ihre Kinder hier im NEST zu besuchen, ist es sehr süß zu sehen, wie überglücklich die Kinder zurückgelaufen kommen und uns stolz ihr Segenszeichen oder Glitzersteinchen auf der Stirn präsentieren. Oft geben die Eltern ihnen dann auch kleine Döschen mit der heiligen Asche, die die Kinder dann zu besonderen Anlässen auftragen können.

2 Religion im Alltag In vielen Rikshas und fast jedem Bus befindet sich in der Frontscheibe ein Bild des hinduistischen Elefantengottes Ganesha, das von bunten und glitzernden Girlanden, getreu dem Indian Style, geschmückt wird. So hat man doch direkt ein besseres Gefühl bei den holprigen Busfahrten. ;) Neben dem weit verbreiteten Hinduismus sind wir auf den Straßen aber auch schon sehr vielen Muslimen begegnet. Zunächst war es für mich etwas befremdlich, da die Musliminnen hier nämlich komplett in ein schwarzes Gewand eingewickelt sind, und sehr oft nur die Augen hervorblitzen. Trotz alledem sind sie wirklich sehr offen und freundlich, eine Muslima hat uns liebevoll zum Bahnhof begleitet und uns unseren richtigen Bus gezeigt und gewartet bis dieser wirklich auch abgefahren ist. Diese religiöse Vielfalt ist echt spannend und auch hier bei uns im NEST zu spüren. Im Allgemeinen stellt das Projekt eine christliche Ausrichtung dar. Die leitenden Rollen werden hier von Fathers, Brothers und Schwestern übernommen, sodass der christliche Einfluss gerade in Bezug auf den Ablauf des sonntäglichen Gottesdienstes oder auch in Bezug auf die christlichen Feiertage wie Weihnachten, Ostern etc. spürbar wird. Doch gerade aufgrund der Tatsache, dass auch viele Kinder dem hinduistischen Glauben angehören, kamen wir auch schon in den Genuss, ein bisschen von der hinduistischen Religion in Form von einigen Festen mitzunehmen. Indiens Feste dann hieß es mal wieder Holiday Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele bunte Feste hier im Jahr gefeiert werden. Seien es religiöse Momente wie beispielsweise Geburtstage der Götter, das Erscheinen des Vollmondes oder die Begrüßung des Frühlings (Holi), die Inder finden doch genügend Anlässe zum Feiern. In unseren ersten 3 Monaten kamen wir gleich in den Genuss des Ganesha Festes, an dem der Geburtstag des elefantenhäuptigen Gottes Ganesha gefeiert wird. 10 Tage lang wurden unsere Träume von den Klängen indischer Musik aus dem Nachbardorf versüßt, und überall konnte man Menschen am Straßenrand tanzen und feiern sehen. Am Ende der Feierlichkeiten, so wurde uns erzählt, werden die Elefantenskulpturen im Fluss ertränkt. Häufiger wird aber gegen diese Handlung demonstriert, interessanterweise auch einmal genau dann, als wir in Kengeri waren. Man merkt, dass sich in Indien ein steigendes Umweltinteresse entwickelt. Im Oktober letzten Jahres feierten wir hier im NEST das Lichterfest Diwali, welches den Beginn des Hindu-Jahres markiert. Bereits am Morgen des Tages waren schon alle Kinder ganz aufgeregt und haben immer wieder erwartungsvoll gefragt: Habt ihr schon Kracher geholt? Denn Diwali wird hier ungefähr so groß wie Silvester bei uns gefeiert. Abends sind wir dann, nach einem köstlichen Essen mit Chicken und

3 speziellem Brot Parata, mit allen Kindern rausgerannt und haben Raketen in die Luft gejagt, Knallfrösche abgefeuert und Wunderkerzen angezündet. Für alle war dies ein Riesen-Spaß, auch wenn die Kleinen irgendwann immer näher gekuschelt kamen. ;) Im Dezember haben wir natürlich am 24. Dezember hier im NEST Weihnachten gefeiert, was dieses Jahr für mich wirklich ganz anders war. Auch wenn es doch sehr schwierig war in die gewohnte Weihnachtsstimmung einzutauchen, bei warmen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein, haben wir in der Adventszeit begonnen den Adventskranz zu basteln, erste Weihnachtslieder mit den Kindern zu singen, uns an die Weihnachtspost zu setzen, sowie langsam mit der weihnachtlichen Dekoration zu beginnen. Aus einem wirklich sehr praktischen Sareestoff haben wir einen Adventskalender in Form eines Weihnachtsbaumes mit 24 roten Säckchen gebastelt. Jeden Abend durften dann jeweils 2 Kinder zusammen ein Säckchen öffnen, in dem jeweils ein kleines Schokolädchen versteckt war. Am 6. Dezember dann durfte der Besuch von Nikolaus und Knecht Ruprecht natürlich nicht fehlen. Am 5. Dezember hieß es also dann für alle Kinder: Slipper putzen bis sie blinken und blitzen! Immer wieder wurden wir gefragt, ob die Slipper wirklich sauber genug sind, bis die Kinder sie dann letztlich abends vor die Tür in eine Reihe aufgestellt haben und schlafen gegangen sind. Nach einer langen Nacht in der Küche waren dann auch alle Plätzchen fertig gebacken, die wir dann auf die Slipper der Kinder verteilt haben. Am darauffolgenden Morgen sind wirklich alle pünktlich ohne Widerstand aus dem Bett gesprungen um nachzusehen, ob der Nikolaus auch wirklich da war. Alle haben sich gefreut, und klar begannen dann auch erste Spekulationen, wann der Nikolaus denn da war, die wildesten Theorien entstanden, was für uns echt amüsant war. ;) An den Adventswochenenden haben wir dann gemeinsam mit den Kindern das Krippenspiel einstudiert. Nachdem die Rollen der unterschiedlichen Charaktere wie Maria und Joseph, die Könige, Engelchen und Schäfchen und nicht zu vergessen Baby Jesus und Jesus Lamb für unsere kleinsten 3-Jährigen Zwillinge Buana und Buppathi endlich verteilt wurden und jeder zufrieden war, konnten wir dann auch die einzelnen Szenen mit den Kindern proben. Bis zum Ende war es echt ein kleines Chaos, die Engelchen und kleinen Schäfchen wollten einfach jedes Mal zu früh auf die Bühne, Mary und Joseph waren doch immer schneller fertig als gedacht, weil einfach Sätze weggelassen wurden, eine Kurzfassung eben um ja schnell fertig zu sein ;) und dann stand Weihnachten auch schon vor der Tür! Am 24. war tagsüber doch sehr viel Stress. Die Krippe musste noch aufgebaut (Indian Time halt ;)), der Weihnachtsbaum geschmückt, die letzten Kostüme gebastelt, die Häuser geputzt und die kleinen Weihnachtssternchen an die Fenster angeklebt werden. Auch wenn so viele Dinge noch erledigt werden mussten, war es echt schön zu sehen, wie wirklich alle mit angepackt haben, wie in einer großen Familie! Abends haben wir dann mit allen Kindern, dem Staff-Team und Schwestern einer anderen Gemeinschaft aus der Umgebung sowie einer indischen Familie die heilige Messe unter freiem Himmel gefeiert. Natürlich erschienen alle Kinder in ihren schicksten Kleidchen, Hemden und Jeans, und wir haben zum ersten Mal unsere ersten Sarrees getragen. Gott sei Dank konnten wir auf die Hilfe der Misses zählen, die uns mithilfe von zahlreichen Sicherheitsnadeln und ihrer gekonnten

4 Wickelkenntnisse die Wickelart ist eine Kunst für sich geholfen haben die Sarrees anzulegen. Zum Schluss durften das indische Glitzersteinchen auf der Stirn, Armschmuck sowie die passenden Ohrringe natürlich nicht fehlen. Fertig war das Weihnachtsoutfit ganz im Indian Style. Nach der Messe haben alle gemeinsam im Gemeinschaftsraum köstliches Essen genossen, die Geschenke für die Kinder wurden verteilt und mit indischer Musik im Hintergrund haben wir den Abend dann gemütlich bei einem Gläschen Wein und natürlich Plumkuchen (der indische Weihnachtskuchen schlechthin) ausklingen lassen. Müde, erschöpft, aber doch glücklich sind wir ins Bettchen gefallen. Silvester war ähnlich strukturiert wie Weihnachten, nach der Messe am Abend stand gemeinsames Essen an. Anschließend wurde zu den neuesten indischen Hits ausgiebig getanzt, was unglaublich süß war. Die Kleinen waren total aus dem Häuschen und auch die großen Jungs sind richtig abgegangen, sodass jeder seinen Spaß hatte. Am 26. Januar wird überall in Indien der Republic Day gefeiert, der Tag an dem Indien eine Verfassung gegeben wurde. So feierten wir morgens eine Messe. Anschließend haben sich alle auf dem Sportplatz versammelt, um gemeinsam vor der indischen Flagge die indische Nationalhymne zu singen. Die Riesenparade, die jährlich an diesem Feiertag in Delhi stattfindet, wird live im Fernsehen übertragen. Ein Spektakel, das wir uns natürlich nicht haben entgehen lassen. Jeder Staat Indiens wurde mit seinen traditionellen und kulturellen Aspekten durch einen Wagen repräsentiert. Es war fast wie ein kleines Quiz und echt lustig gemeinsam mit den Kindern zu erraten, welcher Staat als nächstes kommen wird etc. Nach dem Mittagessen bekamen wir Besuch von jungen Mitarbeitern/-innen einer indischen Fernsehfirma aus der Umgebung, die für die Kinder verschiedenste Aktivitäten angeboten haben. Von Fußball, Volleyball über Tanz und Armbänder basteln war somit für jeden etwas dabei. Wir alle haben den Tag wirklich sehr genossen, und gerade für uns ist es auch immer sehr spannend neue Leute kennen zu lernen. Frau in Indien Unterdrückung und Wachsendes Selbstbewusstsein Ein weiterer Aspekt, der mich doch in letzter Zeit sehr beschäftigt hat, ist die Rolle der Frau hier in Indien. In zahlreichen Büchern, Lektüren oder Artikeln findet man unter diesem Thema oft die Anhäufung von Begriffen wie: Unterdrückung, Hausmutter, traditionell untergeordnet. Es lässt sich nicht leugnen, dass die männliche Partei hier einige Vorteile genießen kann. Beispielsweise findet man in den meisten Bussen eine Trennung von Männern und Frauen. So dürfen die Frauen nur die erste Hälfte des Busses besetzen, die Männer befinden sich im hinteren Abteil, es ist jedoch durchaus auch legitim, wenn diese vorne sitzen sobald kein Sitzplatz im Männerabteil mehr frei ist. Besonders auffallend ist auch, dass gerade auf den Dörfern die Frauen an ihren Gemüse- und Obstständen stehen oder an einem Kochherd Reis mit verschiedenen Curries kochen und diesen verkaufen. Die Männer dominieren dagegen die handwerklichen Berufe, wie den des Schneiders. Abends in der Dunkelheit ist auch zu beobachten,

5 dass wirklich ausschließlich Männer die Straßen besuchen. Vor allem bei der Durchfahrt der Dörfer ist mir dies besonders ins Auge gestochen. Andererseits ist jedoch auch bemerkenswert, wie sich dieses traditionelle Bild der Frau langsam zu dem einer immer selbstbewussteren Frau entwickelt. Auf unseren Busfahrten nach Bangalore begegnen wir nun immer öfter freundlichen Schaffnerinnen, die die Fahrkarten verkaufen und doch von allen inklusive der Männer respektiert werden. Mehr und mehr Polizistinnen regeln den chaotischen indischen Verkehr, der modische Trend gerade der jungen Studentinnen bewegt sich immer mehr in Richtung westlicher Stil (Jeans, Shirt) und wir haben sogar schon Rollerfahrerinnen gesehen. Von den Studenten/-innen, die abends oft zu der Study Time kommen, um den Kindern zusätzlich bei Fragen weiter zu helfen, haben wir erfahren, dass auch an den Universitäten jetzt mehr und mehr junge Professorinnen Vorlesungen halten. Auch hatten wir das Glück eine unglaublich nette Unternehmerin kennen zu lernen, die ein Riesenunternehmen leitet. Eine wirklich taffe und selbstbewusste Frau. Fazit Allgemein lässt sich sagen, dass sich die Vielzahl an Göttern und der Mix an Religionen in einer Vielzahl unterschiedlicher Feste äußern. Die Rolle der Frau befindet sich im Zwiespalt zwischen Tradition und einem sich wandelnden Verständnis. Der wachsende Zugang zu Bildung und das Auftreten von Frauen in typischen indischen Männerberufen unterstreichen, dass sich das Bild der Frau derzeit stark verändert. Ein halbes Jahr voller spannender Eindrücke liegt nun hinter mir. Einige schön und bunt, andere eher abschreckend und nach westeuropäischem Verständnis überholt. Liebste Grüße Johanna

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