Welche Lebens- und Arbeitsverhältnisse führen zum vermehrten Auftreten psychischer Erkrankungen?

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1 Welche Lebens- und Arbeitsverhältnisse führen zum vermehrten Auftreten psychischer Erkrankungen? Impulsvortrag PD Dr. Yve Stöbel-Richter & Prof. Dr. Elmar Brähler Universität Leipzig, Medizinische Fakultät/ Department für Psychische Gesundheit Abt. für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie Bundeskonferenz der AG der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Gesundheitswesen

2 Wie hängen h Gesellschaft und Gesundheit zusammen? Gesellschaft Rahmenbedingungen z.b. Gesetzesgrundlagen Strukturen z. B. Versorgungsdichte Ausgestaltung & Finanzierung des Gesundheitswesens Ressourcen z. B. Allokation Wirtschaft Politik Medizin Soziale Lage/ Individuelle Lebensbedingungen Familie Arbeit Freizeit Lebensstil Alter Geschlecht Schicht Region Bildung Gesundheit Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 2

3 Analytische Sozialepidemiologie Zusammenhänge zwischen sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit (Erklärungsmodell nach Mielck 2000, S. 173) Soziale Ungleichheit Unterschiede in den gesundheitlichen Belastungen (z.b. physische und psychische Belastungen am Arbeitsplatz) Unterschiede in den Bewältigungsmöglichkeiten (z.b. soziale Unterstützung) Unterschiede im Gesundheitsverhalten (z.b. Ernährung, Rauchen, Compliance) Unterschiede in der gesundheitlichen Versorgung (z.b. Arzt-Patienten- Kommunikation) D r i f t H y p o t h e s e Gesundheitliche Ungleichheit Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 3

4 Über 13 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind einem Armutsrisiko ausgesetzt. Eine sozial benachteiligte Lage begünstigt unter anderem Schlaganfälle, Bronchialleiden, Rückenschmerzen und Depressionen. Gesundheitsberichterstattung des Bundes Gesundheit in Deutschland, 2006, S. 80 Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 4

5 Fakten I Lebenserwartung: Männer und Frauen, die weniger als 60 % des mittleren Einkommens verdienen, um elf bzw. acht Jahre kürzer als bei denjenigen, die mehr als 150 % des mittleren Einkommens verdienen (Kroll und Lampert 2009) Auftretenswahrscheinlichkeit chronischer Krankheiten und Beschwerden bei Personen mit niedriger Bildung oder niedrigem Einkommen meist erhöht (koronare Herzkrankheiten, Diabetes Typ 2, bösartige Neubildungen oder chronische Atemwegserkrankungen; Lampert, Ziese, Saß und Häfelinger 2005) Hurrelmann et al Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung; 382ff Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 5

6 Fakten II Verhaltensbezogene Risikofaktoren für chronische Krankheiten: Wahrscheinlichkeit des Rauchens bei Personen mit niedrigem sozialem Status deutlich erhöht, ebenso körperliche Inaktivität, ungesunde Ernährung und Übergewicht (Helmert und Schorb 2009). Soziale Ungleichheiten auch hinsichtlich der subjektiven Gesundheit: Sozial benachteiligte Männer und Frauen schätzen ihre Gesundheit deutlich häufiger als schlecht ein (Lampert et al. 2005). Hurrelmann et al Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung; 382ff Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 6

7 Rahmenbedingungen Arbeit/ Berufstätigkeit tigkeit Flexibilität Hohe Belastbarkeit Ersetzbarkeit Unsichere Arbeitsverhältnisse Befristete Arbeitsverträge/ Zeitarbeit Immer mehr Bildschirmarbeitsplätze, immer weniger Berufe mit körperlich belastender Tätigkeit Emotionaler und physischer Stress Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 7

8 Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 8

9 Psychische und körperliche k Ursachen von Depression Symptome: Appetitstörungen mit Gewichtsveränderungen, Schlafstörungen, Störungen der Konzentration und des Denkens, psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit, Selbstwertverlust, Grübeln, Schuldgefühle, Suizidgedanken Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes RKI,, 2010, Heft 51, S. 14 Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 9

10 Entwicklung der stationären Fälle mit Hauptdiagnose Affektive Störung (altersstandardisiert) Quelle: Krankenhausdiagnosestatistik. In: Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes 20 Jahre nach dem Fall der Mauer. RKI 2009, S. 92 Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 10

11 Ärztlich oder therapeutisch festgestellte Depressionen Gesundheitsberichterstattung des Bundes RKI,, 2010, Heft 51, 20) Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 11

12 Männer: Antidepressiva-Verordnungen nach TätigkeitT Berufsgruppen ab Beschäftigte mit der höchsten Inanspruchnahme Quelle: BKK Gesundheitsreport 2006 Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 12

13 Selbsteinschätzung tzung in der Allgemeinbevölkerung lkerung Major Depression im PHQ-2 (unter 70-Jährige) (Cut-Off 3) Mittelwert Mittelwert Major Depression im PHQ-2 (unter 70-Jährige) Frauen 6 Männer Altersgruppe N=2.144 Männer, N=2.540 Frauen Altersgruppe Frauen Männer (Beutel et al., 2009, 2010; Daig et al., 2009) Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 13

14 Psychische Gesundheit (Depression) in Abhängigkeit von Arbeitslosigkeit nie 3,47 3,75 3,61 3,73 einmal 3,67 4,21 3,83 4,55 mehrmals 4,98 5,58 4,69 4,83 Sächsische Längsschnittstudie , N = 350 Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 14

15 Zusammenhang zwischen psychischer Belastung (D-Score), Einkommen und Arbeitslosigkeit Distress 2,5 1, bis 999 0,78 1,00 0,82 2, ,56 1,13 0,43 0, ,41 0,35 0,52 0, ,36 0,41 0,10 0,00 Sächsische Längsschnittstudie 2009, N = 350 Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 15

16 Quelle: Möller-Leimkühler, Der Gynäkologe 5/2008 Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 16

17 Diagnostische Kriterien Quelle: Möller-Leimkühler, Der Gynäkologe 5/2008 Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 17

18 Diagnostische und therapeutische Defizite Gesundheitsberichterstattung des Bundes RKI,, 2010, Heft 51, S 31 Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 18

19 Weitreichende Folgen von Depressionen eingeschränkte subjektive Gesundheit eingeschränkte Leistungsfähigkeit lang anhaltender Arbeitsausfall geringe Arbeitsproduktivität hohe Wiedererkrankungsrate depressionsbedingte Einschränkungen und Behinderungen halten oft wesentlich länger als die eigentliche Depressionssymptomatik an (möglicher Rückfallfaktor) Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 19

20 Auswege Entstigmatisierung Anti-Depressionsnetzwerke, Antisuizidprogramme Nationale Gesundheitsziele Depressive Erkrankungen: verhindern, früh erkennen, nachhaltig behandeln, gesund aufwachsen Bessere Diagnostik Ärzteweiterbildung (Hausarztkompetenz) Bedarfsgerechte Versorgungsstruktur, niedrig schwelliger Zugang zu Versorgungseinrichtungen Veränderte Arbeitsbedingungen, -inhalte, -formen Betriebliches Gesundheitsmanagement Reintegration nach Erkrankung Veränderte Lebensbedingungen (Familie?!) Soziale Netzwerke vs. Individualisierung Umgang mit Arbeitslosigkeit? Prävention auf gesellschaftlicher Ebene??? Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 20

21 Vielen Dank für f r Ihre Aufmerksamkeit Lebens- und Arbeitsverhältnisse und psychische Erkrankungen 21

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