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2 mehr schlägt, wenn ich weine, sind Tränen für mich etwas Verbotenes geblieben. Trotzdem weine ich, Georg. Um dich, um mich, um das, was war, und vor allem um das, was hätte sein können und niemals sein wird. Ich sehe dich vor mir, Georg dich und diese Brücke. Wie oft hatten wir in dem Tal gespielt, bevor sich die Brücke darüber spannte. Schön war es dort, still und geheimnisvoll. Ein Stück Kindheit eine Welt, in der es keine Gefahr, keine Angst, keine Schuld gab. Seitdem du von dieser Brücke gesprungen bist, kann ich das Tal nicht mehr ertragen. Die Brücke ist inzwischen längst dem Verkehr übergeben. Man sieht ihr an, wie viel Geld ihr Bau verschlungen hat. Manchmal frage ich mich, ob wirklich nicht genug Geld für feste Gitter da gewesen wäre. Für irgendetwas, das dich hätte aufhalten

3 können. Obwohl ich weiß, du hättest dich nicht aufhalten lassen. Bis heute traue ich mich nicht, die Brücke, deine Brücke zu betreten. Denn ich habe Angst, es dir an dieser Stelle gleichzutun. Ich habe Angst, dir in den Tod nachzuspringen. Angst, meiner Sehnsucht nach Ruhe und Vergessen und nach dir, Georg, nachzugeben, anstatt endlich das zu tun, was du immer von mir erwartet hast: mich zu wehren, irgendwie.»wir rächen uns!«, hast du oft gesagt, wenn wir verzweifelt, gedemütigt und geschunden Trost beieinander suchten.»eines Tages zahlen wir es ihnen heim! Dann sieht jeder, was hier läuft. Dann wird uns jemand helfen. Dann hört das auf!«ich werde diesen qualvollen Gedanken nicht los, dass du vielleicht noch leben könntest, Georg, wenn ich mich früher

4 gewehrt hätte. Du hattest mir ja immer wieder gesagt, was ich tun solle. Aber ich setzte deine Idee nicht in die Tat um. Wenn ich auf dich gehört hätte, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen: dass du keinen anderen Ausweg mehr sahst, als zu sterben. Du bist tot, Georg. Trotzdem lebst du. In mir. Solange ich sein werde, wirst du in mir sein. Seitdem du tot bist, hat meine Trauer nicht abgenommen und auch nicht mein Wunsch, dich wiederzusehen. Alle Dinge, die ich von dir bekommen habe, sind für mich heilig, ich möchte sie mit keinem Menschen teilen. Und wenn ich an deinem Grab stehe, spüre ich so sehr deine Gegenwart, dass ich nicht imstande bin, die Erde zu harken oder eine Blume zu pflanzen. Mir ist, als müsstest du das Kratzen fühlen, als störte ich damit deinen Schlaf und verletzte deinen Leib.

5 Als einmal das Totenlicht auf deinem Grab erlosch, wurde ich krank. Ich hatte das Gefühl, als sei mit dem Licht die letzte greifbare Verbindung zwischen uns ausgelöscht worden, als seist du abermals gestorben. Ich ertrug es nicht, dich nochmals verloren zu haben. Erst als ich so weit gewesen war, dir ein neues Licht anzuzünden, und die lebendige Flamme die Verbindung mit dir wiederherstellen konnte, wurde ich langsam gesund. In den ersten furchtbaren Monaten nach deinem Tod, als alles, was an dich erinnern mochte, aus der Wohnung verbannt wurde und dein Name bei uns nicht ausgesprochen werden durfte, hatte ich oft Angst, mein Schmerz um dich sei unnatürlich, vielleicht sogar ein Ausdruck von Schwachsinn. Dann aber schrieb mir ein Freund einen langen Brief, in dem es unter anderem hieß:

6 »Georg ist zwar tot, aber er ist nicht einfach gegangen. Er ist schon noch da.«seither war es mir möglich, an dich zu denken und mit dir zu reden, wann immer mir danach war. Ich hörte auf, mir meine eigene Trauer zu verübeln oder sie zu unterdrücken. Heute bist du mir vielleicht näher als in den zwölf Jahren, die wir miteinander gelacht, gestritten, geweint und uns gegenseitig getröstet haben. Draußen ist es kalt, Georg. Es nieselt schon den ganzen Tag. Dein Grab ist weit weg, und doch bin ich dir so nah, wie man einem Menschen nur nah sein kann. Ich habe eine Kerze angezündet. Wenn du wirklich in den letzten sieben Jahren um mich gewesen bist, weißt du, wie viel Kraft es mich kostet, diese Flamme auszuhalten, ohne sie gegen mich zu richten. Aber ich will, dass dieser, dein siebter Todestag ein ganz besonderer ist.

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