Dokumentation Heimatkongress Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag 3. Dezember 2011 Salzstadel in Regensburg

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1 Dokumentation Heimatkongress Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag 3. Dezember 2011 Salzstadel in Regensburg Sepp Dürr MdL, Kulturpolitischer Sprecher Patrizia Heidegger, Referentin Kulturpolitik

2 Wir bedanken uns bei allen ReferentInnen, ModeratorInnen und RednerInnen für die wertvollen und spannenden Beiträge und bei allen UnterstützerInnen und TeilnehmerInnen für die Ermöglichung dieses Kongresses. Ein herzlicher Dank geht an die MusikerInnen von Zwirbeldirn und die Allgäuer Kabarettisten Maxi Schafroth und Markus Schalk. Weitere Videos, Fotos, Präsentationen finden sich auf den Internetseiten der Grünen im Bayerischen Landtag: Weitere Infos gibt es zudem auf dem Blog des Landesverbands: Fotos: Felix Poetschke, Ulrich Gensch

3 Inhaltsverzeichnis Kongresseröffnung Begrüßung Margarete Bause MdL, Fraktionsvorsitzende 4 Eröffnungsworte Sepp Dürr MdL, kulturpolitischer Sprecher der Fraktion: Heimat eine politische Aufgabe 5 Workshops: Bayerns Stärken - Grüne Stärken 1. Kulturelle Vielfalt und regionales Selbstbewusstsein Sprachenvielfalt: der globale Normalfall 16 Impulsreferat Prof. Dieter Wolff: Sprachenvielfalt: Der globale Normalfall Dialekt: Heimat für die einen, Ausgrenzung für die anderen? Alle fordern kulturelle Bildung. Und wozu? Kulturelle Teilhabe: Ist Oper nur etwas für Reiche? 32 Impulsreferat Thomas Koch Kulturfluss: die Donau als europäischer Kulturraum Vertriebene und Flüchtlinge: Draußen vor der Tür? Denkmalschutz: Welches Bild von Bayern machen wir uns? Dorfkultur: Jede kennt jeden? Stadtkultur: Macht Stadtluft noch frei? 50 Impulsreferat Eva Leipprand: Stadtluft macht frei 55 Mittagspause mit Musik von Zwirbeldirn 56 2

4 Keynote Prof. Dr. Thomas Meyer: Vom Missbrauch kultureller Unterschiede Wie Heimatgefühle instrumentalisiert werden 57 Foren 1. Der bayerische Volksmusik-Boom: Muss das denn sein, und warum? Wo Heimat zu Hause ist: Welche Natur schützen? Die Mär vom guten Patrioten: Heimat, Stolz, Rechtspopulismus? 76 Kabarettistischer Abschluss mit Maxi Schafroth 79 Stimmen aus der Presse 80 3

5 Kongresseröffnung Begrüßung Margarete Bause MdL, Fraktionsvorsitzende 4

6 Kongresseröffnung Eröffnungsworte Sepp Dürr MdL, kulturpolitischer Sprecher Heimat eine politische Aufgabe Herzlich willkommen zum Heimatkongress der Grünen im Bayerischen Landtag! Wir freuen uns sehr über das große Interesse und vor allem freuen wir uns auf einen interessanten Tag mit spannenden, heißen Diskussionen! Ich bin für meine Fraktion sehr stolz, dass wir das zustande gebracht haben, und möchte mich deshalb ausdrücklich bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedanken. Ich kann leider nicht alle nennen, deshalb möchte ich stellvertretend Patrizia Heidegger danken. Vielen Dank Euch allen für die monatelange Arbeit! Margarete Bause hat schon ausgeführt, dass wir heute namhafte Experten und Expertinnen von Außerhalb und aus Fraktion und Partei eingeladen haben. Auch Ihnen und Euch allen vielen Dank, dass Sie zum Gelingen unseres Kongresses beitragen! Heimat hat Konjunktur Mit dem Thema Heimat geht es uns Grünen so, wie mit vielen unserer politischen Ziele: Wir reiten auf der Welle des Erfolgs. Alle interessieren sich plötzlich dafür. Alle wollen immer schon dafür gewesen sein. Nun wissen wir zwar, und ich glaube, dass das alle anderen auch noch wissen, dass wir lange allein waren beispielsweise mit unseren Forderungen nach mehr Klimaschutz, mehr Öffentlichem Nahverkehr oder der Abschaffung der Atomkraft. Aber den wenigsten ist bewusst, dass wir uns schon Jahrzehnte nicht nur praktisch, durch unsere Personen und Themen, sondern auch bewusst und theoretisch als bayerische Heimatpartei ausgewiesen haben. Margarete Bause hat ja dafür bereits ein paar Beispiele genannt. Am augenfälligsten waren vielleicht unsere weiß-grünen Rauten im Landtagswahlkampf Wenn wir bei unseren Themen, die jetzt scheinbar so in Mode sind, weiter den Ton angeben wollen, dürfen wir uns nicht einlullen lassen, von dieser weichgespülten, vorgeblichen Einigkeit. Wir müssen uns den aktuellen Fragen ganz konkret widmen und auch die unvermeidlichen Probleme gezielt herausarbeiten und versuchen, sie zu lösen, statt sie zu verdrängen. Für das Thema Heimat heißt das z.b., die Gefahren einer Identitätspolitik zu diskutieren, und die eines angeblich gesunden Patriotismus, wie er u.a. von der früheren Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland gefordert wurde. Aber auch die Frage, was etwa Windräder in unseren schönen bayerischen Landschaften oder auf unseren Denkmälern zu suchen haben, werden wir heute erörtern. Gerade weil wir in vielen Bereichen jetzt, nach drei Jahrzehnten politischer Arbeit, die gesellschaftliche Mehrheit hinter uns haben, müssen wir die konkrete Umsetzung unserer Ideen angehen und dürfen auch möglichen Konflikten nicht aus dem Weg gehen. 5

7 Warum beschäftigen wir uns überhaupt mit dem Thema Heimat? Wir Grünen haben früh gemerkt, dass wir, wenn wir im Land und im Landtag einen Fuß auf den Boden bringen wollen, die von der CSU mit allen Mitteln betriebene Identifikation mit Bayern aufbrechen müssen. Ich habe mal dem Spiegel gegenüber erklärt, Sepp ist mein Kampfname, um deutlich zu machen, dass wir unsere Heimatverbundenheit auch als politisches Mittel einsetzen. Zum Glück hatten wir von Anfang an viele Persönlichkeiten, deren Wesen im Widerspruch zum CSU-Monopol stand und die ihre Identifikation mit unserem Land nicht verleugnen wollten: Schwäbische, Allgäuer, altbayerische oder fränkische Grüne. Legendär und unvergessen: unser Sepp Daxenberger. Wir Grünen waren und sind mit vielem in Bayern unzufrieden, aber wir haben nie resigniert. Wir waren und sind überzeugt, dass sich unsere Arbeit lohnt, für uns und für Bayern. Herbert Achternbusch hat sich wie viele bayerische Künstler in einer Art Hass-Liebe festgebissen an unserem Land. Er soll gesagt haben, er gehe nicht weg, er bleibe so lang hier, bis man Bayern das auch ansieht. Das war der Hauptantrieb, warum ich in den Landtag wollte. Dort gab und gibt es genug zu tun. So reden die sogenannten Konservativen beständig von Bayern und von Heimat bewahren. Aber wenn man sich anschaut, was bei ihrer Politik herauskommt, dann besteht die Heimat aus 2. und 3. Startbahnen, Sonder- und Regionalflughäfen, Umgehungsstraßen, Autobahnzubringern oder neuen Gewerbegebieten auf der grünen Wiese. Gerhard Polt hat mal gesagt: Was man liebt, das betoniert man nicht. Zeitgleich mit der Entstehung und mit Unterstützung von uns Grünen entstand damals unter dem Begriff Region so etwas wie eine neue Heimatbewegung. Damals konnte man den Begriff Heimat noch nicht verwenden. Er war vorbelastet, aus der tausendjährigen braunen Vergangenheit und der trivialen, verlogenen Massenkultur der Nachkriegszeit. Die Regionalbewegung ist der Versuch einer ökonomischen Antwort auf die Globalisierung. Wir Grünen sind die politische Antwort. Unsere Slogans aus dieser Zeit lauten: Aus der Region, für die Region oder Global denken, lokal handeln. Darin sind wir Grünen der politische Kern einer neuen Heimatbewegung. Sehnsucht nach Heimat: Eine virulente Mischung von Grundbedürfnissen Der Hirnforscher Gerald Hüther hat einmal in der Süddeutschen Zeitung zwei menschliche Grundbedürfnisse hervorgehoben: Eines nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Vertrautheit Das zweite Bedürfnis aktiv mitzuwirken, Aufgaben zu bewältigen und daran zu wachsen. Diese beiden Bedürfnisse zu befriedigen, wird den Menschen heute extrem erschwert. Wieder einmal, wie schon bei früheren Blüten des Heimatbegriffs, werden alte Sicherheiten zerstört, ohne dass neue erkennbar sind. Wieder einmal gibt es deshalb den Versuch eines Rückzugs auf den vertrauten Nahraum. 6

8 Auch das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und Selbstentfaltung findet keinen gesellschaftlichen oder politischen Raum. Es ist aber das Lebensziel jedes und jeder halbwegs Ambitionierten. Wir haben die Chance, sind aber gleichzeitig dazu verdammt, etwas aus uns zu machen, etwas Besonderes zu sein. Die Jerusalemer Soziologie-Professorin Eva Illouz spricht deshalb von der Sisyphusarbeit der Selbstgestaltung. Schon vor Jahren hat der Soziologe Richard Sennett die moderne Persönlichkeitsstruktur als Der flexible Mensch beschrieben. Die Daueraufgabe, flexibel zu sein, widerspricht den Bedürfnissen vieler. Denn Tradition, Heimatverbundenheit, Familie, Erziehung, Ehrenamt und Nachbarschaftshilfe brauchen genauso Zeit und Verlässlichkeit wie Liebe und Freundschaft. Folge der Globalisierung sei deshalb, sagt Sennet, die Stärkung des Ortes, die Sehnsucht der Menschen nach der Verwurzelung in einer Gemeinde. Die Sehnsucht nach Heimat, so lautet deshalb mein Versuch einer politischen Definition, ist eine Mischung dieser Bedürfnisse. Heimat ist der Ort, an dem diese zentralen Grundbedürfnisse zu ihrem Recht kommen. Nur ein offenes Konzept wirkt nicht ausschließend Bayern zu einem Land zu machen, in dem wir uns alle, alle seine Bewohnerinnen und Bewohner, daheim fühlen können: das ist die politische Aufgabe von uns allen. Dazu müssen wir uns zunächst mit dem alten Heimatbegriff auseinandersetzen, damit wir ein neues, progressives Konzept entwickeln können. Ich meine, dass wir dabei zwischen dem persönlichen und einem politischen Verständnis von Heimat unterscheiden müssen. Die meisten Menschen verorten Heimat im Privaten, in der Kindheit, in den sogenannten Wurzeln. Aber wenn ein politisches Konzept ebenfalls in der Vergangenheit gründet, wenn Herkunft Zukunft dominiert, wird es reaktionär. Vergangenheit ist abgeschlossen. Ein Konzept, das nur darauf gründet, wirkt ausschließend. Nur, wer schon dabei war, darf dabei sein. Noch problematischer wird es, wenn aus der Herkunft ein Überlegenheitsgefühl abgeleitet wird. Sobald Heimatliebe oder Patriotismus von einem geschlossenen Wir ausgehen, das sich aus der Vergangenheit definiert, werden andere systematisch ausgegrenzt: weil Voraussetzung Geburt ist oder ein angeblicher Einheimischen -Status. Das ist der Heimatbegriff, mit dem die CSU lange erfolgreich gearbeitet hat. Die CSU hat eine Mehrheit gebildet, indem sie Minderheiten der bayerischen Bevölkerung ausgegrenzt hat. Erst durch die Ausgrenzung von angeblichen Ausländern, Grünen, oder sonst wie Abweichenden hat sich diese Mia san mia -Mehrheit, die frühere Mehrheit der CSU, gebildet. Und genau deshalb funktioniert Mehrheitsbildung durch Ausgrenzung nicht mehr: Weil die Minderheiten, die früher ausgegrenzt oder als Bürger zweiter Klasse behandelt werden konnten, sichtbar die Mehrheit der Bayern ausmachen. Das beste Beispiel dafür ist die Landratswahl in Regen. Warum konnte da ein sehr junger, schwuler, evangelischer Sozialdemokrat triumphieren? Weil Frauen, Eingewanderte, Menschen, deren Eltern eingewandert sind, die nicht heterosexuell verheiratet oder nicht in der CSU sind, heute die mehreren und die schwereren sind. 7

9 Heimat als offener, progressiver Gestaltungsauftrag Wie könnte nun ein grünes Konzept von Heimat aussehen? Ich will als Beispiel mein Verhältnis zu meiner Heimatstadt Germering nehmen. Es war lange ein schwieriges Verhältnis. Früher wollte ich nur weg aus der dörflichen Enge, später konnte ich mich mit dieser Stadt, die richtig hässlich geworden war, kaum noch identifizieren. Wirklich daheim fühle ich mich dort erst, seit ich angefangen habe, mich aktiv einzumischen und einzurichten. Seit ich daran mitarbeite, diese Stadt nach meinen Vorstellungen zu verändern. Es ist nicht meine Kindheit, die Germering zu meiner Heimat macht. Es ist nicht die Vergangenheit, die mich an diesen Ort bindet, sondern es sind die Möglichkeiten der Zukunft. Je mehr ich mich engagiert habe, desto mehr wurde Germering meine Heimatgemeinde. Ich bin zwar dort aufgewachsen, aber erst viel später habe ich mich entschieden, ein Germeringer zu sein, nämlich durch mein Handeln. Genauso geht es mir mit Bayern: erst durch das Engagement der Grünen und vieler anderer, vor allem aber durch mein eigenes ist dieses Land meine Heimat geworden. Daheim sein heißt heute: sich in der Welt aktiv einrichten, sich die Welt aneignen und sie auch politisch gestalten. Heimat muss man sich schaffen. Ein Beispiel für ein offenes Heimatkonzept bietet das Schweizerische Nationalmuseum in Zürich. Wer die Dauerausstellung zur Geschichte der Schweiz besucht, wird gleich am Eingang mit folgender Erklärung empfangen: Niemand war schon immer da. Nicht immer lebten Japanerinnen und Japaner auf den Inseln östlich von Korea. Der Bosporus im südlichen Europa ist erst seit einiger Zeit von Türkinnen und Türken besiedelt. Auch in der Schweiz waren nicht immer schon Schweizerinnen und Schweizer zu Hause. Und danach folgt eine Geschichte der Einwanderungen. Was historisch gewachsen ist, ist nicht in Stein gemeißelt. 8

10 Der Sinn von Politik ist Freiheit, sagt Hannah Arendt. Freiheit des Handelns sei gleichbedeutend damit, einen Anfang zu setzen und etwas zu beginnen. Das bedeutet, dass wir nichts so hinnehmen müssen, wie wir es vorgefunden haben. Politik heißt: Wir können was ändern. Mit einem Heimatkonzept, das sich nicht aus der Vergangenheit begründet, sondern für die Zukunft und für andere offen ist, vermeiden wir auch die Gefahren gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie Rassismus oder Chauvinismus, die sonst bei der Identifikation mit der eignen Gruppe naheliegen. Denn eine für andere offene Identifikation mit der eigenen Gruppe oder der Region widerspricht geradezu Vorstellungen, dass andere weniger wert sind. Identifikation oder gar Stolz erfolgen dann analog Pestalozzis pädagogischem Grundsatz: Vergleiche nie ein Kind mit einem anderen, sondern immer nur mit sich selbst. Wir sind nicht stolz auf eine anderen vermeintlich überlegene Kultur, sondern identifizieren uns mit der Heimat, die wir uns gemeinsam in Bayern schaffen. Grundlage für unseren offenen Heimatbegriff ist das Grundgesetz, vor allem Art. 3. Diese Anregung verdanke ich dem Sprachwissenschaftler Prof. Werner König. Er bringt den Art. 3 in der Zeitschrift des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege als Schutzartikel für Mundartsprecher und vor allem für mundartsprechende Kinder ins Spiel. Damit ergänzt König unsere Kritik an der populistischen Forderung Deutsch ins Grundgesetz. Denn auch die widerspricht diesem Artikel, der ja gerade fordert, niemanden wegen seiner Sprache zu diskriminieren. In Art. 3 heißt es u.a.: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Wenn wir das Grundgesetz endlich umsetzen, zieht das erhebliche Konsequenzen für alle kulturellen Fragen nach sich. Wir können kein Norddeutsch Ein Thema, das wir heute intensiver in zwei Workshops diskutieren, ist die Sprachenpolitik. Ich war vor gut zehn Jahren mit dem damaligen Minister Erwin Huber auf Reisen, im kalifornischen Silicon Valley und dann in Delhi und Bangalore, um sogenannte Computer-Inder zu werben. Huber war berühmt dafür, dass er ungeniert unverfälschtes Bavarian English redete. Anfangs war ich irritiert, aber dann hat mir sein Selbstbewusstsein imponiert. Denn perfekt eine fremde Sprache zu sprechen, gelingt nur wenigen. Bei allen anderen hört man immer, wo sie herkommen. Das wichtige ist doch, verstanden zu werden. So habe ich mir gut zugeredet, aber meine Irritation blieb. Selbst nachdem mir in Indien aufgefallen war, wie ungeniert und teilweise unverständlich sich unsere dortigen Gesprächspartner mit stärkstem Akzent zu Wort meldeten. Deshalb glaube ich, es liegt an unserer deutschen Geschichte, dass meine Generation unsere Herkunft auch sprachlich leugnen wollte. Der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant hat neulich in der Süddeutschen Zeitung meine damalige Irritation auf den Begriff gebracht. Er schrieb: Der Akzent ist die lautliche Spur einer Erstsprache in einer Zweitsprache. Er ist die Spur der Herkunft, die man eigentlich hinter sich lassen will. Der Akzent wird daher im Allgemeinen als störend angesehen, als Zeichen des Noch-Nicht-Ganz-Angekommen-Seins. 9

11 Aber er ist eben auch das Zeichen des Bildungswillens beziehungsweise des Integrationswillens. Und der ist zu loben, nicht zu verhöhnen. Das gilt natürlich nicht nur für die Sprachen der Eingewanderten, das gilt auch für die Mundartsprecher. Darauf hat Werner König in dem schon angesprochenen Artikel unter dem Titel Wir können alles. Außer Norddeutsch hingewiesen: Wer nicht mit norddeutschem Akzent der wird derzeit als sogenanntes reines Hochdeutsch angesehen spricht, der erlebt seine Muttersprache als Karrierebremse. Hannover ist nicht das Oxford Deutschlands. Es gibt kein Besser und kein Schlechter in diesem Bereich. Und König fügt hinzu: Es ist daher ein Widerspruch in sich, wenn man glaubt, dass ein Sprecher mit norddeutschem Regionalakzent keinen Akzent besitze. Das glauben nicht zuletzt die Sprecher mit diesem Regionalakzent. Auf den Höhepunkten bayerischer Politik gibt es, das ist der Vorteil, wenn man die CSU als Gegner hat, immer auch ein großes bundesweites Medieninteresse für die Opposition. Wenn bayerische Kühe den Verstand verlieren oder bei der Landesbank plötzlich Milliarden fehlen oder der CSU Stoiber verloren geht, dann hagelt es nur so Anrufe außerbayerischer Medien, z.b. auch vom NDR oder MDR. Ich hab mich dann am Telefon immer gemeldet mit: Grüß Gott! Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann vorsichtige Verwunderung oder Kritik, wie ich als Grüner so was sagen könne. Wenn sich die Anrufer dann halbwegs beruhigt hatten, habe ich ihnen erklärt: Ihr Tschüs ist auch nichts anderes als eine gedankenlose Anrufung Gottes. Es kommt von A dieu bzw. Adiòs. Wir Bayern, hab ich ihnen dann weiter erklärt, wissen wenigstens, dass wir beschränkt sind also geprägt von unserer Herkunft. Aber der Unterschied zwischen uns Bayern und anderen ist: wir verbergen unsere Beschränktheit nicht. Deshalb können wir um sie wissen. Im Wissen um die eigene Beschränktheit gründen Respekt und Anerkennung für andere. Denn auch ein Depp kann mal richtig liegen. Das habe ich schon vor 20 Jahren im Germeringer Gemeinderat gelernt, dass auch ein Depp mal was Interessantes sagen kann. Seitdem meine ich: Je mehr unterschiedliche Deppen auf einem Haufen, desto besser das Ergebnis. Deshalb: Lasst viele Arten von Deppen um uns sein! Mit kultureller Vielfalt leben Wir müssen alle lernen, Vielfalt zu schätzen und mit konkurrierenden Interessen und unterschiedlichen Prägungen und Perspektiven zu leben. Auch die Kulturinstitutionen. Die Aura heiliger Hallen, die viele Häuser heute noch ausstrahlen, ist nicht mehr zeitgemäß und vordemokratisch. Unseren Kulturinstitutionen merkt man ihre Herkunft aus höfischer Kultur und früher Bürgergesellschaft und ihre Repräsentationsund Legitimationsfunktion noch allzu deutlich an. Heute fühlen sich nur der Bildungsbürger und seine Frau im Museum oder in der Oper wohl, oft sogar nur seine Frau. Auffällig ist zurzeit, dass sich die ambitioniertesten wie beispielsweise die Staatsoper oder die Staatsgemäldesammlungen in München intensiv darum bemühen, neues und vor allem junges Publikum zu gewinnen. Das ist durchaus verdienstvoll, aber dennoch hat man den Eindruck, die Einrichtungen wollen bleiben, wie sie sind. Sie erwarten, dass sich die Menschen anpassen. 10

12 Der Journalist und Migrationsforscher Mark Terkessidis hat kürzlich fundamentalere Veränderungen angemahnt. Er fordert Institutionen, die der Vielfalt in der Gesellschaft gerecht werden diese Vielfalt meint nicht nur den Migrationshintergrund. Die bisherigen Bemühungen gehen ihm nicht weit genug, denn: Die Fördertöpfe für Kultur sehen gewöhnlich einen Sonderetat für interkulturelle Kunstprojekte vor, so als seien alle anderen Projekte weiterhin rein deutsch. Und Terkessidis kritisiert mit Recht, dass die Kulturinstitutionen einen bestimmten Typus bevorzugen: mittelständisch, bildungsbürgerlich, nichtbehindert, einheimisch. Für alle anderen Personen gibt es erhebliche Barrieren. Damit stehen nicht nur die Kulturinstitutionen unter erheblichem Legitimations- und Veränderungsdruck. Sie müssen eine Antwort darauf finden, wie eine rasch verändernde Gesellschaft sich in ihnen wiederfinden soll. Das gilt auch für andere Kulturfelder, z.b. für den Denkmal- und Landschaftsschutz. Da werden wir heute sicher hitzig diskutieren müssen, was zu unserem Selbstbild gehört: etwa, ob nur noch die Kirche im Dorf bleibt oder Windkraftanlagen die Landschaft verschandeln. Landschaft als Kulturprodukt Damit bin ich bei meinem letzten großen Punkt, dem dritten heutigen Forum, der Landschaft als historischem Kulturprodukt. Seit Jahrtausenden bestimmt der Mensch seine Umwelt. Durch Eingriffe in die Natur prägt er die Kulturlandschaft, die uns umgibt. In ihr kann man lesen wie in einem Geschichtsbuch. Hansjörg Küster nennt in seiner Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa dafür viele Beispiele. So ist der Waldrand, wie wir ihn kennen und für selbstverständlich halten, Menschenwerk: Als klar konturierte Grenze zwischen den Nutzungsräumen Wald und Bauernland. Ohne bäuerliche Bewirtschaftung oder bei der lange üblichen Waldweide wären die Übergänge viel diffuser. Auch die Mäander, die uns heutigen so gefallen, sind erst durch menschliche Bewirtschaftung der Flüsse, nämlich durch Mühlen und Mühlenteiche im Mittelalter, entstanden. Es ist nicht nur der Schönheit wegen, sondern auch aus Gründen des Hochwasserschutzes sinnvoll, die Flüsse umzubauen. Aber wir sollten das nicht Renaturierung nennen. Denn der Naturzustand der Flüsse, hält Hansjörg Küster dagegen, ist dauernde Veränderung. Wir hängen an unserer kleinteiligen Kulturlandschaft. Das Besondere an einer Kulturlandschaft ist, dass in ihr viel mehr Menschen leben können als von der reinen Natur. Das ist der materielle Kern einer schönen Landschaft. Die Welt wird zur Heimat, der Blick auf die Landschaft gibt uns ein Heimatgefühl. Aber unsere Bauern behalten die Bewirtschaftungsformen, mit denen sie diese Landschaft nebenbei produziert haben, nicht mehr gleichsam natürlich bei. Denn die ökonomischen Voraussetzungen haben sich völlig geändert. Deshalb können und müssen wir uns darüber verständigen, welche Art von Natur und Landschaft wir in Zukunft gezielt produzieren wollen. Heute machen wir uns ja zu Recht große Sorgen um die Artenvielfalt. Aber auch hier spielt Menschenwerk eine große Rolle. Denn die meisten Tier- und Pflanzenarten konnten bei uns erst heimisch werden, als ihnen Bewirtschaftung Platz gemacht hat. Und das explosionsartige Anwachsen der Menschheit wurde erst durch fundamentalen Artentausch möglich: Wir alle leben von einem relativ kleinen Genpool aus wenigen Regionen, die über die ganze Welt verstreut sind. Beurteilt Arten nicht nach 11

13 ihrer Herkunft, fordern deshalb laut Süddeutscher Zeitung (2.6.11) etliche Wissenschaftler: Die Unterscheidung zwischen einheimischen und fremden Art sei veraltet, da sich die Umwelt sowieso ständig in hohem Tempo ändere, vor allem durch menschliche Nutzung und Klimawandel. Die SZ zitiert auch Ingo Kowarik von der TU Berlin: Unbekümmert stülpt der Mensch der Natur seine Vorstellungen von Gut und Schlecht über. Veränderung an sich bedeute noch keinen Schaden. Offenbar toben sich in der Landschafts- und Naturschutzdiskussion versteckte kulturelle Muster ungehindert aus. Der Kampf gegen vermeintliche Überfremdung wird auch hier oft mit Härte geführt. So gebe es vor allem im praktischen Naturschutz die Haltung, heimische Arten gegen fremde verteidigen zu wollen. Dies zeigt sich schon in der Wortwahl, die an das Militär erinnert oder an eine sich unkontrolliert ausbreitende Krankheit, schreibt die SZ weiter. Hier lohnt es sich, nochmals an das Motto des Schweizer Nationalmuseums zu erinnern: Niemand war schon immer da. Lustig ist, dass der Kampf gegen Überfremdung gegen sogenannte Neophyten geführt wird das sind Pflanzenarten, die nach der Entdeckung Amerikas in eine neue Heimat gekommen sind. Die Einwanderer früherer Jahrtausende aus Asien und Afrika gelten offenbar schon als Einheimische. Das kommt mir vor wie in einer x-beliebigen Neubausiedlung, in der die Neuankömmlinge auch darauf bedacht sind, dass ihnen keiner den schönen Blick verbaut und der Ort nicht noch weiter wächst. Ein neues Element bringen auch Windräder in die Landschaft. Ich will die heutige Diskussion nicht vorwegnehmen, nur einen Aspekt hervorheben, der für mich ein roter Faden durch den Argumentationsdschungel ist. Richard Schindler betont in seinem Buch Landschaft verstehen, das Windkraftanlagen im Schwarzwald begutachtet: Es ist angesichts des historischen Wandels weder möglich noch begründbar, dass ein bestimmtes historisches Erscheinungsbild sozusagen eingefroren und zur Norm erhoben wird. Der Schutz des Landschaftsbildes kann nicht Bewahren im Sinne der Fixierung eines bestimmten historischen Zustands zum Ziel haben. Das ist meiner Meinung nach ganz allgemein ein Prüfstein für jedes Bild von Bayern, seiner Landschaften und Kulturen, für ein Konzept von Heimat. Wozu machen wir einen Heimatkongress? Zum Schluss fasse ich zusammen, was sich die Landtagsfraktion vom heutigen Heimatkongress verspricht: Wir stellen die Frage, was wir tun müssen, damit Bayern zu unserer Heimat, zu der aller Bewohnerinnen und Bewohner unseres Landes werden kann. Das ist Bayern bisher nicht. Denn der tradierte, politisch von der CSU instrumentalisierte Heimatbegriff grenzt, da rückwärtsgewandt auf Herkunft basierend, einen Großteil der bayerischen Bevölkerung aus. Deshalb wollen wir ein progressives Konzept entwickeln, das für alle offen ist. Es gibt keine geschlossene, klar abgrenzbare Identität. Niemand kann beispielsweise definieren, was das sein soll: bayerisch. Aber es gibt ein starkes Bedürfnis nach Identifikation. 12

14 Die Grenzen sowohl für das Eigene wie das Fremde sind diffus und durchlässig. Deshalb taugt nur ein offenes Konzept. Nur ein demokratisches Konzept wird auch der gesellschaftlichen Entwicklung, der Vielfalt der Perspektiven und dem Ende der Deutungshoheit gerecht. CSU und Staatsregierung stützen sich auf ein konservatives Heimatbild, das einen historischen Moment einfriert. Dabei ist noch nicht mal sicher, ob es ihn in der Geschichte Bayerns überhaupt gegeben hat. Beispiel dafür sind die Trachten, die ja bewusst im 19. Jahrhundert in ihrer uns bekannten Form erst erfunden wurden. Es wird so getan, als seien heutige kulturelle Muster, Formen oder Institutionen schon immer da gewesen. Indem ihr Entstehen verdrängt wird, werden sie verewigt. Damit soll jede Veränderung ausgeschlossen bzw. auf einen engen konservativen Handlungskorridor beschränkt werden. Kultur und Landschaft sind jedoch nicht vom Himmel gefallen, sondern geschichtliches Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse. Deshalb finde ich die Rede vom Schöpfung bewahren irreführend. Alles hat eine gesellschaftliche Geschichte, ist von Menschen unter bestimmten Verhältnissen gemacht, kann also auch unter anderen Verhältnissen verändert werden. Wir wenden uns damit auch gegen bisher dominante neoliberale Leitbilder vom Ende der Geschichte bzw. der Politik der Alternativlosigkeit. Sie bedeuten das Ende von Politik. Wir Grünen, als die Alternativen, setzen auf Veränderung, eine Auswahl von Handlungsmöglichkeiten, eine Politik der Freiheit. Wir wollen die Unverwechselbarkeit unserer bayerischen Kulturen und unserer Landschaften bewahren, weil wir uns in ihnen wiederfinden und sie ihren je eigenen Charakter haben. Unser Land und unsere Orte sollen ihr Gesicht nicht verlieren, aber unsere Kultur muss sich für demokratische Gestaltung öffnen: Alles darf bewahrt werden, wenn es ausreichend Argumente gibt und wir uns darauf verständigen können. Genau so darf alles verändert werden. Denn wir wollen unsere Traditionen modernisieren. In der Sehnsucht nach regionaler Identität bündeln sich verschiedene Grundbedürfnisse: nach Zugehörigkeit und Sicherheit, nach Mitsprache und Selbstwirksamkeit, danach etwas Besonderes aus sich zu machen und unverwechselbar zu sein. Man will etwas sein und etwas bedeuten. Das geht nur in einem Umfeld, das selber unverwechselbar ist und einen eigenen Charakter hat. Daheim ist, wo man einen Wert hat. Das hoffe ich auch von der heutigen Veranstaltung. Und nun freue ich mich auf engagierte Diskussionen 13

15 Zusammenfassung Workshop 1: Kulturelle Vielfalt und regionales Selbstbewusstsein Impulsreferate: Michael Lerchenberg, Intendant Luisenburg Festspiele Wunsiedel Moderation: Uschi Sowa, Landesarbeitskreis Kultur 14

16 Michael Lerchenberg stellte die Ergebnisse des Zukunftsrats der bayerischen Staatsregierung, der dieses Jahr mit seinen Empfehlungen zu einem zweigliedrigen Bayern für Aufregung sorgte, an den Ausgangspunkt der Diskussion. In dem Expertenbericht werden die bayerischen Metropolregionen auf der einen Seite und die Schwundregionen auf der anderen Seiten gegeneinander ausgespielt. Sollten die Mittel dorthin fließen, wo Kultur sowieso im Überfluss vorhanden ist, die Nachfrage aber auch groß ist, oder dorthin, wo es einen großen Mangel an Zuschüssen gibt, wo aber auch die Bevölkerung abwandert und immer kleiner wird? Lerchenberg meint, dass man den Zukunftsrat auch als gelungene Realsatire bezeichnen könnte. Unter den Mitgliedern befände sich kein Landrat, niemand aus den betroffenen Schwundregionen. Die TeilnehmerInnen diskutierten die Frage, wie es mit der Solidarität der großen Städte mit den Kleinen aussähe. Wie man die begrenzten Mittel in einem Flächenstaat wie Bayern verteilt, sei die Gretchenfrage. Die Workshopteilnehmer stellen fest, dass das kulturelle Angebot von Oberbayern Franken nicht das Wasser reichen kann, wenn man München und die Schlösser wegrechnet, denn in Franken ist man in der Breite besser aufgestellt. Es gibt dort eine überdurchschnittlich große Dichte an Theatern, Orchestern und Festivals. Doch wie kann auch das Landestheater Coburg weiterhin angebunden und leicht erreichbar sein, wenn die Bahn ihre Netze immer weiter zurückbaut, und die Menschen auf ihr Auto und die Straßen angewiesen sind? Wie können die Grünen, die gegen den Neubau von Straßen sind, hier antworten? Wie sieht die Zukunft des ländlichen Raums wirklich aus? Entscheidend für die Regierungsfähigkeit der Grünen wird sein, was wir hier für Antworten geben können. Die TeilnehmerInnen sind sich einig, dass Kultur im Kern einen sehr regionalen Charakter hat. Kulturelle Vielfalt lebt davon, dass jedes Dorf seine eigene Kirche und einzigartige Kennzeichen der Landschaft hat. Diese auf Dauer zu erhalten ist in unserer immer mehr globalisierten Welt nur möglich, wenn Unterstützung von der Politik kommt. Unsere vielfältige Kulturlandschaft muss bewahrt und weiter ausgebaut werden. Teilnehmer Bernhard Zimmer: Kultur soll nicht nur konsumiert, sondern vor allem geschaffen werden. Michael Lerchenberg sieht deshalb in der Abwanderung aus den ländlichen Gebieten auch eine Gefahr für die Kultur vor Ort. In Wunsiedel werden die Festspiele tot sein, falls keiner mehr im Landkreis wohnt. Bestes Beispiel sind die Passionsspiele Oberammergau, die nur deshalb so erfolgreich sind, weil es durch die Beteiligung der Oberammergauer eine starke Verwurzelung erfährt und identitätsstiftend wirkt. Theresa Schopper wirft ein, dass Identität auch durch Abgrenzung entsteht. Zusammenfassend ist einigen Teilnehmern klar: Man kann dem Bericht des Zukunftsrats auch etwas Positives abgewinnen, denn nun sagen die benachteiligten Regionen Jetzt erst recht, wir sind selbstbewusst, wir zeigen es dem Rest!. Vielen Dank an Daniela Wüst für die Notizen. 15

17 Zusammenfassung Workshop 2: Sprachenvielfalt: Der globale Normalfall Impulsreferate: Prof. Dieter Wolff, Bergische Universität Wuppertal, Experte für Mehrsprachigkeit und bilingualen Unterricht Moderation: Thomas Gehring, MdL, bildungspolitischer Sprecher 16

18 Was ist Mehrsprachigkeit? Unterscheidung 1: Individuelle vs. gesellschaftliche Mehrsprachigkeit Unterscheidung 2: Individuelle Mehrsprachigkeit entsteht durch entweder elitäre (d.h. simultane) Mehrsprachigkeit oder durch erzwungene (d.h. konsekutive) Mehrsprachigkeit. Elitäre Mehrsprachigkeit entsteht durch Aufwachsen in einem Haushalt, in dem mehrere Sprachen gesprochen werden, oder Aufwachsen in einer mehrsprachigen Gesellschaft. Erzwungene Mehrsprachigkeit entsteht beispielsweise durch einen Umzug in ein anderssprachiges Land. Beim Beherrschen von Hochsprache und Dialekt wird nicht von Mehrsprachigkeit gesprochen: Die überwiegende Auffassung geht davon aus, dass man bei zwei intelligible languages (=gegenseitig verständlichen Sprachen) nicht von Mehrsprachigkeit ausgeht. In der öffentlichen Debatte werden weiterhin die Vorteile eines standardsprachigen Unterrichts betont, jedoch auch seine Nachteile für die Dialekte. Prof. Wolff betont, dass bestimmte Mehrsprachigkeit positiver bewertet wird als andere. So sei die Mehrsprachigkeit für ein deutsch-französisch aufgewachsenes Kind oftmals ein (Berufs-)vorteil, wohingegen die Mehrsprachigkeit bei deutsch-türkisch oder deutsch-serbokroatisch aufgewachsenen Menschen oftmals nicht als Vorteil gesehen wird. Mehrwert der Mehrsprachigkeit Einige Forscher argumentieren, dass mehrsprachig aufgewachsene Menschen höhere kognitive Fähigkeiten besitzen. Dies ist jedoch nicht vollständig nachgewiesen. Aspekte dieser höher ausgeprägten Fähigkeiten seien u.a.: - höhere kognitive Flexibilität, - größere Problemlösungsfähigkeit, - Sprachbewusstheit, - Lernfähigkeit, - reduzierte Altersdemenz. Diskussion Der muttersprachliche Unterricht wurde abgeschafft. Problematisch ist, dass oftmals weder die deutschen noch die Kinder mit Migrationshintergrund der Unterrichtssprache folgen können. Die LehrerInnen müssten mehr für sprachsensiblen Fachunterricht ausgebildet werden. Wir leben in einer sprachenarmen Gesellschaft, in der es zu wenig Umgang mit Sprache gibt: Die Standfestigkeit in der eigenen (Mutter-)Sprache ist oftmals keine Voraussetzung für neuen Spracherwerb. Spracharmut und zu wenig Sprachbewusstsein: Man kann viele Sprachen sprechen, aber dennoch nicht sprachbewusst sein. 17

19 Sprache muss als Vehikel verstanden werden: Einerseits als Werkzeug, andererseits auch als Transporteur von Bildung. Konsequenzen für den Unterricht Jeder Unterricht ist Sprachunterricht. Daher muss man Lernstrategien bewusst machen. Auch im Mathematikunterricht und nicht nur beim Sprachenlernen ist Sprachausbildung möglich. Schlussfolgerung für die Schule: Fremde Sprachen dürfen nicht stigmatisiert werden. Sprachen sind etwas natürliches. Insbesondere kann auch frühkindlicher Fremdsprachenunterricht vor allem der Ausbildung eines Bewusstseins gegenüber Sprache dienen. Deutschpflicht auf dem Schulhof? Sprache ist etwas natürliches. Eine staatliche Sprachpolitik ist problematisch. Türkischunterricht für türkische Kinder? Oftmals werden beim heimischen Spracherwerb nur bestimmte, immer wiederkehrende Vokabeln erlernt, so dass muttersprachlicher Unterricht sinnvoll ist. Brauchen wir Fremdsprachige Bibliotheken? Um sich mehr mit fremden Sprachen auseinandersetzen zu können sinnvoll. Beispiel sind finnischsprachige Gemeinschaften in Deutschland. Brauchen wir Europaschulen? Die Europäisierung der Schulen ist zu wenig fortgeschritten. Sprachenlernen sollte weniger akademischer Streitpunkt sein. Ziel einer Sprachpolitik muss sein, dass Menschen sich verstehen. Vielen Dank an Stefan Christoph für die Notizen. 18

20 Impulsreferat Prof. Dieter Wolff Sprachenvielfalt: Der globale Normalfall 1. Einleitende Vorbemerkungen Einsprachigkeit ist die Ausnahme, Mehrsprachigkeit ist die Regel (aber auch Einsprachigkeit ist heilbar ). Diese These, die von Sprachpsychologen und Linguisten schon seit langer Zeit vertreten wird, wird in der Öffentlichkeit noch kaum zur Kenntnis genommen, obwohl die Auswirkungen der Mehrsprachigkeit auf den Einzelnen und unser gesellschaftliches Zusammenleben nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass zum einen der Begriff Mehrsprachigkeit kaum in seiner ganzen Komplexität verstanden wird, zum anderen auch damit, dass man nur wenig über die Vorteile des Mehrsprachigseins weiß. Im Folgenden möchte ich vor allem auf diese beiden Aspekte eingehen, zum einen darauf, was Mehrsprachigkeit eigentlich ist, und zum anderen auf den Mehrwert der Mehrsprachigkeit. Abschließen möchte ich mein kurzes Referat mit einigen Anmerkungen dazu, wie man Mehrsprachigkeit nutzen und wie man sie fördern kann. 2. Versuch einer Definition von Mehrsprachigkeit Mehrsprachigkeit begegnet uns in unseren heutigen Gesellschaften in zwei Ausprägungen, einmal als so genannte gesellschaftliche und zum anderen als individuelle Mehrsprachigkeit. Unter gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit versteht man, ohne den mehrsprachigen Sprecher als Individuum einzubeziehen, den Gebrauch von zwei oder mehr Sprachen in einer Gesellschaft. Nationalstaaten wie die Schweiz, wie Luxemburg oder Belgien, wie Spanien oder Indien, wo zwei oder mehr Sprachen als offizielle Sprachen verwendet werden, sind typische Beispiele für gesellschaftliche Mehrsprachigkeit. Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit bezieht sich aber auch auf den Gebrauch von Minderheitssprachen oder auch Dialekten in einer Gesellschaft wie z.b. des Deutschen und des Türkischen in Deutschland oder des Hochdeutschen und des Schweizerdeutschen in der Schweiz. Die individuelle Mehrsprachigkeit bezieht sich auf den Einzelnen, seine oder ihre Fähigkeit, mehr als eine Sprache verwenden zu können. Im Folgenden möchte ich die gesellschaftliche Mehrsprachigkeit aus meinen Überlegungen ausklammern, weil sie für unsere Themenstellung und die anschließend zu diskutieren Fragen weniger relevant ist. Ich möchte vielmehr auf die individuelle Mehrsprachigkeit fokussieren. Ganz allgemein formuliert bezieht sich der Begriff auf Individuen, die in mehr als einer Sprache kommunizieren können. Hinter dieser zunächst einmal fast nichts sagenden Definition verbirgt sich eine Vielzahl von Fragen und Problemen, auf die hier kurz eingegangen werden soll: 19

21 Wie entsteht individuelle Mehrsprachigkeit? In der Bilingualismusforschung, die sich mit der individuellen Zweisprachigkeit (der häufigsten Form von Mehrsprachigkeit) beschäftigt hat, wird von zwei Typen zweisprachiger Menschen ausgegangen, solchen, die ihre erste und ihre zweite Sprache fast gleichzeitig in der frühen Kindheit, und solchen, die die zweite Sprache mit einer erheblichen Zeitverschiebung erworben haben, meist, wenn der Erwerb der Erstsprache weitgehend abgeschlossen ist. Die erste Form bezeichnet man als simultanen bzw. elitären Bilingualismus, simultan, weil die beiden Erwerbsprozesse mehr oder weniger gleichzeitig verlaufen, und elitär, weil die Entwicklung dieses Bilingualismus meist in Kontexten abläuft, in welchen die Eltern unterschiedliche Erstsprachen sprechen und diese an ihre Kinder weitergeben. Die zweite Form bezeichnet man als konsekutiven oder auch erzwungenen Bilingualismus, weil das Kind hier erst dann mit der zweiten Sprache in Berührung kommt, wenn es den engeren Familienkreis verlässt und der zweiten Sprache in der Peer Group und in der Schule begegnet. Erzwungen ist dieser Bilingualismus, weil das Kind die zweite Sprache lernen muss, um sich in der außerfamiliären Gesellschaft behaupten zu können. Die meisten bilingualen Menschen in unseren westeuropäischen Gesellschaften gehören dieser zweiten Gruppe an. An dieser Stelle ist es notwendig, die zweite Frage zu stellen: Wann kann man sagen, dass ein Mensch zwei- oder mehrsprachig ist? Man muss davon ausgehen, dass so etwas wie eine vollkommene Mehrsprachigkeit nicht existiert; es gibt keine Individuen, die zwei oder mehr Sprachen auf dem gleichen Kompetenzlevel beherrschen. (Stärken und Schwächen in den verschiedenen Registern). Selbst bilinguale Kinder, die anscheinend ihre beiden Sprachen perfekt beherrschen, tun dies vor allem auf der lautlichen Ebene. Es gibt bei mehrsprachigen Menschen immer eine dominante Sprache und eine Sprache, die weniger dominant ist, wobei sich dieses Dominanzverhältnis im Verlauf einer Sprachbiographie ändern kann: die dominante Sprache kann zur weniger dominanten Sprache werden, die weniger dominante zur dominanten, wenn sich z.b. der sprachliche oder der kulturelle Kontext verändert. Mehrsprachigkeit ist deshalb ein variables Phänomen, das hohe Kompetenzen in bestimmten Registern und niedrige Kompetenzen in anderen Registern einschließt: so kann das alltagssprachliche Register (BICS) z.b. in einer als zweite Sprache gelernten Sprache gut entwickelt sein, das schul- oder bildungssprachliche Register (CALP) kaum (Beispiel: Kinder mit Migrationshintergrund). Die Probleme, die aus dieser Erkenntnis erwachsen, sind bisher trotz aller Bemühungen bildungspolitisch noch nicht überzeugend gelöst worden. Schlussfolgerung: Ein Mensch kann also dann als zwei- oder mehrsprachig bezeichnet werden, wenn er sprachliche Kompetenzen besitzt, die es ihm ermöglichen, mit Sprechern zweier oder mehrerer unterschiedlicher Sprachen angemessen kommunizieren zu können. Welche Rolle spielen die Sprachen, die der bilinguale Sprecher spricht, bei der Bewertung seiner Mehrsprachigkeit? Wenn wir uns in der Sprachenlandschaft umsehen, erkennen wir, dass Sprachen einen ganz unterschiedlichen Status haben. Da finden wir Nationalsprachen wie das Hochdeutsche, das Französische, das Italienische, das britische oder das amerikanische Englisch. Es gibt andere Sprachen, die man eher als Regionalsprachen bezeichnen würde, also Sprachen, die sich von der 20

22 Standardsprache durch bestimmte phonetische oder auch Wortschatzmerkmale unterscheiden (z.b. das Hessische, das Sächsische). Dann haben wir auch Dialekte, d.h. Regionalsprachen, die in kleineren Regionen gesprochen werden und sich von der Standardsprache beträchtlich unterscheiden. Ich nennen einmal die bairischen oder die schweizerdeutschen Dialekte in ihren verschiedenen Varianten. Dann gibt es die Soziolekte, die von bestimmten sozialen Gruppen gesprochen werden und sich von der Hochsprache ebenfalls unterscheiden, z.b. Formen der Jugendsprache, Gruppensprachen, Familiensprachen. Ist nun jemand, der Deutsch und Schweizerdeutsch oder Deutsch und Bairisch spricht, bilingual? Ist jemand, der Hoch- und Niederdeutsch spricht, bilingual? Oder sind es nur Menschen, die Sprachen sprechen, die mutally inintellible sind, also das Deutsche und das Französische. In der Hierarchie zwischen dem lokalem Patois, dem Soziolekt, dem Dialekt, der Regionalsprache und der Nationalsprache ist es vor allem letzte, die der Verwendung des Begriffs Bilingualismus angemessen ist: Man ist also bilingual, wenn man in zwei Nationalsprachen kompetent kommunizieren kann. Aber eine endgültige Festlegung gibt es hier nicht. 3. Zum Mehrwert der Mehrsprachigkeit In den Jahren 2007 bis 2009 habe ich an einer groß angelegten Untersuchung der Europäischen Union mitgewirkt, die der Frage gewidmet war, ob es eine Beziehung zwischen Mehrsprachigkeit und Kreativität gibt. Unsere Hauptaufgabe war, aus der umfassenden wissenschaftlichen Literatur, die sich mit der individuellen Mehrsprachigkeit beschäftigt, Indizien herauszulösen, die darauf hindeuten, dass bilingualen und multilingualen Sprechern ein höheres Kreativitätspotenzial innewohnt als monolingualen Sprechern. Im Verlauf der Untersuchung stellte sich heraus, dass die Frage selbst nicht direkt zu beantworten war; es zeigte sich jedoch, dass der individuellen Mehrsprachigkeit in verschiedenen Bereichen gegenüber der Einsprachigkeit eindeutig ein Mehrwert zuzuordnen ist. Die Untersuchungen, auf die wir uns beziehen, wurden mit elitär Mehrsprachigen und mit bilingualen Kindern mit Migrationshintergrund durchgeführt. Wir konnten sechs Bereiche identifizieren, in welchen individuell Mehrsprachige monolingualen Sprechern gegenüber Vorteile haben: Kognitive Flexibilität. Der Begriff geistige oder kognitive Flexibilität steht für die Fähigkeit, sich den Anforderungen unterschiedlicher Situationen anpassen zu können, auf sie angemessen reagieren zu können. Menschen besitzen diese Fähigkeit in unterschiedlicher Weise. Aus der Literatur zur individuellen Mehrsprachigkeit geht nun hervor, dass kognitive Flexibilität bei bilingualen Menschen generell in höherem Maße ausgebildet ist als bei monolingualen Sprechern. Erklärt wird dieser Sachverhalt schon seit geraumer Zeit mit der Metapher, dass mehrsprachige Menschen die Welt durch verschiedene Linsen sehen können. Sie haben die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, weil sie mit ihren beiden Sprachen Werkzeuge besitzen, die es ihnen erlauben, eine Fragestellung, ein Problem aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Die beiden Sprachen stellen z.b. verschiedene Kategorien bereit, um einen Sachverhalt zu klassifizieren und daraus Rückschlüsse zu ziehen (Beispiel: Völkerwanderung barbarian invasion; Reichskristallnacht night of the broken glass). 21

23 Problemlösungsfähigkeit. Die Fähigkeit Probleme zu lösen ist eine der wichtigsten Fähigkeiten des Menschen überhaupt. Er muss sich ständig mit Problemen auseinander setzen, er muss ständig Entscheidungen treffen, sei es beim Einkaufen, beim Autofahren oder in komplexeren Zusammenhängen bei seiner Arbeit oder in seinem Zusammenleben mit anderen Menschen. Aus der Bilingualismusforschung geht nun hervor, dass die Problemlösungsfähigkeit bei mehrsprachigen Menschen besser ausgebildet ist, dass sie Problemlösungsprozesse schneller durchführen und auch zu plausibleren Lösungen kommen. Forscherinnen wie Ellen Bialystok führen dies darauf zurück, dass sie aufgrund der Notwendigkeit, ihre beiden Sprachen trennen zu müssen, eine erhöhte kognitive Kontrolle über die Funktionsweise ihres Denkens entwickelt haben. Beim Problemlösen zeigt sich dies vor allem in der größeren Fähigkeit, Hypothesen bzw. Konzepte zu bilden und abstrakt zu denken. Eine Reihe von Studien zeigen auch, dass Bilinguale bei Problemlösungsprozessen vor allem dann schneller sind, wenn es sich um kognitiv anspruchsvolle Aufgaben handelt. Bei weniger anspruchsvollen Aufgaben gibt es kaum Unterschiede zwischen bilingualen und monolingualen Sprechern. Sprachbewusstheit. Gemeinhin sind sich Menschen in unterschiedlichem Maße ihrer Sprache bewusst, d.h. sie erkennen besser oder weniger gut, welche Leistungen Sprache für ihr Denken aber auch für die Kommunikation mit anderen erbringt. Sprachbewusstheit hängt mit Sprachverarbeitung zusammen; sie führt dazu, dass Menschen analysieren können, wie Sprache gebraucht wird und wie man Sprache gebrauchen kann, um bestimmte Ziele zu erreichen. Es ist z.b. bekannt, dass Menschen, die einen höheren Grad an Sprachbewusstheit besitzen, bessere Leistungen beim Lesen und Schreiben erbringen. In der Literatur zum Bilingualismus wird deutlich, dass Menschen, die mehr als eine Sprache sprechen, in höherem Maße Sprachbewusstheit zeigen. Ihre Fähigkeit, immer wieder kehrende Muster in einer Sprache zu erkennen oder den Bezug zwischen einem Wort und seiner Bedeutung zu verstehen (Hannah-Beispiel) ist viel stärker ausgeprägt. Die kognitive Flexibilität wird durch Sprachbewusstheit erhöht. Eine solches Forschungsergebnis war eigentlich erwartbar: Menschen, die mehr als eine Sprache sprechen, haben sehr viel mehr Möglichkeiten als Monolinguale, das Funktionieren von Sprache kontrastierend zu analysieren. Diskursfähigkeit. Aus den Untersuchungen, die im Zusammenhang mit der Frage, ob der frühe Erwerb einer zweiten Sprache der Weiterentwicklung der ersten Sprache nicht hinderlich sei, durchgeführt wurden, lässt sich ein Befund ableiten, der in engem Zusammenhang mit den Befunden zur Sprachbewusstheit steht, nämlich, dass die Diskursfähigkeit bilingualer Menschen generell höher ist als die von monolingualen. Diskursfähigkeit bezieht sich nicht nur auf die rhetorischen Kompetenzen eines Menschen; sie schließt auch Aspekte ein wie das Verständnis für die kommunikativen Bedürfnisse anderer, Sensibilität für den Kontext einer Interaktion, interaktionale Kompetenz in der Kommunikation, und die Fähigkeit, Sprachen oder Register kontextsensitiv auszuwählen. Die Zahl der Untersuchungen, welche die besonders hohe Kompetenz bilingualer Sprecher im Hinblick auf diese Merkmale bezeugen, ist groß. 22

24 Lernfähigkeit. Moderne Lerntheorien gehen davon aus, dass Menschen in der Interaktion mit der Umwelt und vor allem auch mit anderen Menschen lernen. Dieser Prozess, der sowohl das bereits vorhandene Wissen und die Stimuli aus der Umwelt berücksichtigt, wird als Konstruktionsprozess bezeichnet. Das neue Wissen wird konstruiert, gelernt und in das bereits vorhandene Wissen integriert. Lernen ist also die Konstruktion neuen Wissens. Aus der Literatur zur Mehrsprachigkeit geht nun hervor, dass die Gedächtnisfunktionen (sowohl beim Arbeitsgedächtnis wie auch beim episodischen und beim semantischen Gedächtnis) bei bilingualen Menschen ausgeprägter sind als bei monolingualen. Es leuchtet ein, dass dies Auswirkungen auf menschliche Lernprozesse hat, wie in der Literatur auch berichtet wird. So schnitten in Gedächtnisexperimenten bilinguale Kinder grundsätzlich besser ab als monolinguale. Und selbst die Ergebnisse von Untersuchungen, in welchen gezeigt werden konnte, dass mehrsprachige Menschen weitere Sprachen besser und effizienter lernen, werden mit der erhöhten Gedächtnisfunktion in Zusammenhang gebracht. Mehrsprachigkeit und Alter. Eine vergleichsweise kleine Zahl von Untersuchungen hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten mit der Frage nach den Auswirkungen der Mehrsprachigkeit auf den alternden Menschen beschäftigt. Ausgangspunkt war die Frage, ob mehr als ein sprachliches Verarbeitungssystem den normalen Alterungsprozess der menschlichen Kognition verlangsamt und z.b. Formen von Demenz zeitlich verschiebt oder gar verhindert. Die Zahl der Untersuchungen ist noch zu gering, als dass man über bloße Spekulationen hinausgehen könnte. Argumentiert wird im Wesentlichen damit, dass das Gehirn des bilingualen Menschen in stärkerem Maße aktiviert wird (neuronale Plastizität, Verwendung unterschiedlicher Gehirnregionen) als dies beim monolingualen Menschen der Fall ist. Bialystok argumentiert vorsichtiger, wenn sie festhält, dass der Bilingualismus die Entstehung pathologischer Faktoren bei Demenz zwar nicht verhindert, aber dazu führt, dass das Gehirn mit diesen Faktoren besser umgehen kann. 4. Mehrsprachigkeit nutzen und Mehrsprachigkeit fördern Ich will abschließend meine Überlegungen ein wenig weiter führen. In meinen auf einer Vielzahl von empirischen Untersuchungen basierenden Ausführungen hatte ich gezeigt, dass die individuelle Mehrsprachigkeit in ihren verschiedenen Ausprägungen einen kognitiven Mehrwert mit sich bringt, der in der öffentlichen Diskussion weitgehend unbekannt ist. Deshalb wird in unseren Bildungssystemen dieser zweifellos vorhandene Mehrwert der individuellen Mehrsprachigkeit auch nicht ausreichend gewürdigt. Hier sind nun einige Überlegungen dazu, die vielleicht auch dazu beitragen können, die Diskussion in unserem Workshop anzureichern. Mehrsprachigkeit nicht stigmatisieren, sie als Teil unserer Gesellschaft akzeptieren und fördern. Mehrsprachigkeit wird in unserer Gesellschaft häufig dann stigmatisiert, wenn die andere Sprache nicht eine der westeuropäischen Zivilisationssprachen ist. Ein Sprecher mit dem Sprachenpaar Türkisch-Deutsch wird im Hinblick auf seine Mehrsprachigkeit nicht sehr geachtet, ein Sprecher mit dem Sprachenpaar Französisch-Deutsch hingegen sehr viel mehr. Wenn Mehrsprachigkeit insgesamt als Teil unserer Gesellschaft akzeptiert wird, dann sollte es auch mög- 23

25 lich sein, ein positives Verhältnis im Hinblick auf die Erziehung zur Mehrsprachigkeit zu entwickeln. Aus der Literatur wissen wir, dass Kinder nicht überfordert werden, wenn sie zwei Sprachen gleichzeitig lernen. Anderslautende Berichte beziehen sich fast immer auf die elitäre Mehrsprachigkeit: an der Überforderung tragen meist die Eltern Schuld. Die vorhandene Mehrsprachigkeit nutzen und die Sprachkompetenz der Sprecher in beiden Sprachen fördern. Insbesondere Sprecher mit Migrationshintergrund leiden darunter, dass ihre Erstsprache nicht in ausreichendem Maße in der Schule gefördert wird. Eine sprachliche Förderung erfolgt nur in der Mehrheitssprache. Eine Förderung in der ersten Sprache aber erscheint unerlässlich, wenn diese erhalten bleiben soll. Kanadische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Erstsprache besonders effizient gefördert wird, wenn zweisprachige Kinder in ihr auch lesen und schreiben lernen. Nicht nur die sprachlichen Kompetenzen in beiden Sprachen werden so gefördert, das gesamte schulische Leistungsvermögen der Kinder verbessert sich beträchtlich. Die vorhandene Mehrsprachigkeit einsetzen, um sie für den effizienten Erwerb weiterer Sprachen zu nutzen. In unseren Schulen werden Sprachen meist immer völlig losgelöst voneinander unterrichtet. Darüber hinaus werden die Erstsprachen von Kindern mit Migrationshintergrund meist nicht in den Lernprozess weiterer Sprachen einbezogen. Zweisprachige Kinder sind, wie wir aus einer Reihe von Studien inzwischen wissen (DESI-Studie) bessere Sprachenlerner als monolinguale Kinder. Dies ist nicht verwunderlich, da sie ja Erfahrungen mit dem Erwerb von Sprachen haben. Das Potenzial dieser Kinder muss aber im Unterricht auch eingebracht werden. Die Didaktik der Mehrsprachigkeit hat hierzu eine Reihe interessanter Vorschläge gemacht, die sich auch auf den Erwerb weiterer Sprachen beziehen, wenn die zweite Sprache schon eine in der Schule gelernte Sprache ist. Mehrsprachigkeit analysieren, um Lernhemmnisse in der Schule zu beseitigen. Nicht nur in der Didaktik der Mehrsprachigkeit sondern auch in anderen didaktischen Ansätzen sind Vorschläge gemacht worden, wie sich ein zentrales schulisches Lernhemmnis zumindest reduzieren lässt. Denn in gewisser Weise operiert die Schule auch in einem mehrsprachigen Kontext. Da kommen Kinder mit einem Migrationshintergrund in die Schule, daneben aber deutsche Kinder, welchen die Schul- oder Bildungssprache, in der sie unterrichtet werden, ebenso wenig geläufig ist. Unterricht muss in viel stärkerem Maße auf die Förderung der Bildungssprache aus sein, um Schulerfolg zu gewährleisten. Ein sprachsensibler Fachunterricht wird heute als ein Mittel gesehen, um die Bildungssprache zu fördern. Dieser methodische Ansatz, der auch im so genannten bilingualen Unterricht eingesetzt wird, ermöglicht es, dass neben der Alltagssprache der Schüler eine Sprache entwickelt wird, die es ihnen erlaubt, die Bildungsinhalte unserer Schulen zu verstehen und zu lernen. 24

26 Zusammenfassung Workshop 3: Dialekt: Heimat für die einen, Ausgrenzung für die anderen? Impulsreferate: Dr. Monika Fritz-Scheuplein und Dr. Almut König, Unterfränkisches Dialektinstitut der Universität Würzburg Moderation: Ralf Körber 25

27 Vorstellungsrunde: 22 TeilnehmerInnen - 5 Personen aus dem Bereich Medien, 2 Vertreter des Vereins Bairische Sprache und Mundarten Chiemgau e.v. - ein Vertreter aus dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus - Herkunft: u.a. 8 OberpfälzerInnen, 1 Franke, einige Münchner, einige Niederbayern, einige Personen mit norddeutscher, bzw. nicht näher bezeichneter Herkunft und kaum dialektgefärbter Standardsprache. Grund für Teilnahme am Workshop - Interesse am Dialekt, - Verlust des eigenen Dialekts - Einstieg in einen neuen Dialekt - Sorge vor dem Verschwinden von Dialektwörtern - Bedauern, dass die 2. Generation verpreußt ist, obwohl im Elternhaus Dialekt gesprochen wird - besseres Verständnis für die Patientensprache - Druck auf die Kinder in der Schule, die Standardsprache zu lernen - Interesse an Sprachentwicklung Impulsreferat - Impulsreferat mit vielen Beispielen: Bandbreite zwischen Hochsprache und ausgeprägter Basisdialekt, heute in der Regel als leicht gefärbte Standardsprache bzw. abgemilderter Regionaldialekt. - ISB in Zusammenarbeit mit dem BR erstellte Handreichungen zum Thema Dialekt an der Schule, allerdings findet das Material offensichtlich kaum Eingang bei den Schulen. - Regionales Material fehlt, zu sehr vom altbbairischen Dialekt geprägt. - Dialekt in der Familie: Aussagen in Interviews decken sich mit eigenen Beobachtungen und wissenschaftlichen Ergebnissen: In der gleichen Generation (Partner, Kollegen, Freundeskreis, ) wird durchaus Dialekt gesprochen, im Gespräch zwischen Eltern und Kindern wird bewusst die Standardsprache eingesetzt. Diskussion - Dialekt in der Familie: Viele TeilnehmerInnen berichten aus eigenen Erfahrungen oder denen der Kinder. - Wo lernen Kinder heute überhaupt noch Dialekt? Lebhafte Diskussionen in der Kleingruppe. - Ergebnis: Oma, Schulkameraden, Straße, Freundeskreis, aber auch gar nicht mehr! - Einwand von Seiten der Dialektwächter: Nach 50 Jahren Zwangsbeglückung durch die Schulpraxis gäbe es nur noch die nivellierte Standardsprache. Zitat: Den Übertritt schaffst du nur, wenn du richtig Hochdeutsch lernst! 26

28 - Wäre in Bayern ein Modell Regionalsprache möglich, wie es in der Schweiz gefördert und praktiziert wird? Übereinstimmung, dass sich die Verhältnisse in Bayern nicht mit denen in der Schweiz vergleichen lassen. - Mischung der Dialekte in den Familien (Elternteile verschiedener Herkunft, Umzug der Familien durch ganz Deutschland), in der Schule durch Zusammenlegung zu Mittelpunktsschulen, Einfluss des Fernsehens: führen zu einer verwaschenen Einheitssprache. - lokale Dialekte entwickeln sich, z.b. in Traunreut als neu entstandenem Industriestandort. Dialektschützer lehnen diese als Dialekt ab. - Argument: Sprache ist in dauernder Änderung begriffen: positive Einstellung zu Änderungen finden. Sprache ist lebendig, sie soll sich weiter entwickeln. Man will sich in einer gemischten Bevölkerung verstehen und passt sich an. Zum Verständigen gehört guter Wille, sonst grenzt der Dialekt aus. - Gegenargument: Sprache ist Kultur, immaterielles Erbe, sie soll nicht aussterben. Grünen wären die ersten, die dagegen protestieren würden. - Sprache macht fortschreitende Entwicklung durch: vom regionalen Dialekt (z.b. Unterschiede in den Stadtvierteln in München) zu Soziodialekt (Dialekt ist in München heute eher Schichtenkennzeichen). - Mögliche Forderung: Umweltschutz in der Sprache gegen das Aussterben der Dialekte am Beispiel Österreichs - Gegenargument: in Österreich wenig hochdeutscher Einfluss, Österreicher setzen sich bewusst gegen die Sprache der Piefkes ab. Sprachliche Intoleranz kann für Bayern kein Ziel sein: Beispiel nationalistische Tendenzen bei Wahlslogans in Kärnten. - Auseinandersetzung zum Thema Schriftspracherwerb: bewusste Trennung von Schriftsprache und gesprochener Sprache ist nur eine Übergangsphase. Dialekt im Schulbereich wird immer wieder als Negativbeispiel für Unterdrückung der Sprache aufgegriffen, kann aber in der beanstandeten Form heute nicht verallgemeinert werden. Aber: Auch Zwangsdialektisierung im Kindergarten kann keine Lösung sein. Sie grenzt aus und erzeugt falsches Überlegenheitsgefühl. - Diskussion um Anpassung oder Übernahme von nord- und mitteldeutschen Sprachformen: Entscheidung gegen bayerische Dialekte hat historische Wurzeln (Bayern waren die Deppen ). - Vorschlag des Moderators für eine Zusammenfassung: Dialekt ist eine Form von Sprache, die ohne Zwang erhalten bleiben sollte, durch mehr Gelassenheit und mehr Stolz auf die Herkunftssprache, mehr Selbstbewusstsein und Unverkrampftheit im Umgang mit Dialekt. - Aufgaben: durch gute Vorbilder wirken! Beispiele: Kabarettisten, Cem Özdemir im Interview. - Rundfunk und Fernsehen mit mehr Dialektsendungen ausstatten. - Nicht nur oberbayrische Sprachformen anbieten. Vielen Dank an Ingeborg Hubert für die Notizen. 27

29 Zusammenfassung Workshop 4: Alle fordern kulturelle Bildung. Und wozu? Impulsreferate: Dr. Christine Fuchs (Geschäftsführerin AK Kulturarbeit bayerischer Städte und Vorsitzende des Kunstvereins Ingolstadt), Gerlinde und Helmut Gierse (Stiftung Persönlichkeit) Moderation: Dana Kühnau 28

30 Kulturelle Bildung als lebenslange Aufgabe Wozu braucht eine Gesellschaft überhaupt kulturelle Bildung? Der Forderung nach kultureller Bildung liegt das Bild eines freien, selbständig denkenden und handelnden Menschen zugrunde: Darin sind sich die TeilnehmerInnen des Workshops einig. Bei kultureller Bildungsarbeit steht also der Mensch in seiner Individualität im Mittelpunkt. Ihm werden Werkzeuge an die Hand gegeben, wie er sich und seine Talente entwickeln, seine Kreativität und Einzigartigkeit ausdrücken und Gestaltungskapazitäten entwickeln kann. Kulturelle Bildung richtet sich nicht nur an Kinder und Jugendliche: Sie setzt sich zur Aufgabe alle Menschen zur kulturellen Teilhabe zu befähigen. Damit ist kulturelle Bildung als lebensbegleitende Bildungsaufgabe zu begreifen. Die Komplexität unserer globalisierten Welt erfordert Menschen, die zu ebenso komplexen, wie zu neuen und kreativen Denkprozessen fähig sind. Zudem, so die Meinung der WorkshopteilnehmerInnen, sei nur bei kultureller Teilhabe ein gelingendes Leben möglich. Kulturelle Bildung, fördere die Vielfalt von Lebensentwürfen und Überzeugungen, die gegenseitige Toleranz und die Integrationsfähigkeiten einer Gesellschaft. Kulturelle Vielfalt braucht kulturelle Bildung Dr. Christine Fuchs wies in Ihrem Impulsreferat auf den zentralen Stellenwert kultureller Bildung weltweit hin. So wurde kulturelle Bildung auf der zweiten Weltkonferenz im Mai 2010 als vierte Säule der Nachhaltigkeit neben Ökonomie, Ökologie und Soziales implementiert. Wichtig war ihr besonders, dass nicht alle kulturellen Leistungen der Menschheit zur Disposition stehen. Vielmehr hat die UNESCO in ihrem Beschluss zur kulturellen Vielfalt eindrücklich zum Bewahren von Kulturen und deren Vielfalt aufgerufen. Auch das sei eine wesentliche Aufgabe kultureller Bildung. Denn nur was ich bewusst wahrnehme und wertschätze kann und will ich auch schützen. Doch, so eine weitere im Workshop diskutiert Frage, wer bestimmt, was dazu fördernde Kultur ist und was nicht? Dafür, so die Forderung, müssen grüne kulturelle Leitlinien entwickelt werden. Kulturelle Bildung in der Schule Im Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB) der Bundesregierung, das die Länder beim Ausbau von Ganztagsschulen unterstützen soll, kommt der kulturellen Bildung und dem Ausbau der Zusammenarbeit von Schulen und externen Kooperationspartnern eine besondere Bedeutung zu. Das dreijährige Modellprojekt "Kultur macht Schule", das die Bundesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) durchgeführt hat, mache auf den weiteren Ausbau der kulturellen Bildung in Deutschland Hoffnung, so Christine Fuchs. Mangelhafte Vernetzung und Zusammenarbeit der Zuständigen Allerdings fällt die Hauptzuständigkeit für den Ausbau kultureller Bildung an Schulen den Ländern zu und kann daher nicht vom Bund übernommen werden. Bemängelt wurde vor allem die fehlende Vernetzung von Angeboten aber auch die fehlende Zusammenarbeit von Referaten wie Kulturreferat, Sozialreferat und Bildungsreferat, sowie die oft nicht oder nur unsystematisch stattfindende Einbindung außerschuli- 29

31 scher Bildungsträger in das Schulsystem. Es müsse besser gelingen diejenigen, die Kultur machen, mit denen zusammenzubringen, die Kompetenzen erwerben wollen. Beispielhaft erwähnte Christine Fuchs hier das als Pilotprojekt angelegte Vernetzungsprojekt Kulturmediator in Coburg. Politische Forderung: Landeskoordinierungsstelle kulturelle Bildung Als politische Forderung wurde im Workshop die Einrichtung einer gut ausgestatteten, landesweiten Koordinierungsstelle für kulturelle Bildung formuliert - wie es auf kommunaler Ebene die Stadt Nürnberg schon gemacht hat. Aber auch die Ausbildung in den Kunsthochschulen solle reformiert werden, sodass die Studierenden dort auch eine pädagogische Grundausbildung bekommen. Angesprochen wurde auch die Einführung eines Audit für KünstlerInnen, die an Schulen arbeiten, ebenso wie für LehrerInnen. So könne dann auch eine qualitative Bewertung und damit einhergehend eine Verbesserung der Angebote sichergestellt werden. Ein weiterer Diskussionspunkt war, dass im kulturellen Bereich Tätige oft unter prekären Bedingungen mit niedrigen Stundenlöhnen auf Honorarkraftbasis, ohne Aussicht auf Festanstellung und ohne Ausgleichzahlungen im Krankheitsfall arbeiten müssen. Auch diese Lebenssituation für Kulturschaffende müsse sich ändern, so die Überzeugung im Workshop. Stiftung Persönlichkeit: Ästhetische Bildung fördern! Die Stiftung Persönlichkeit, die das Stifterehepaar Gerlinde und Helmut Gierse im Workshop vorstellte, setzt hier an. Die Stiftung unterstützt Projekte an Schulen und Kindertageseinrichtungen vor allem durch die Zahlung von adäquaten Gehältern für externe Fachkräfte. Aus Sicht der Stifter nehmen Schulen ihre Aufgabe bei der ästhetischen Bildung von Kindern und Jugendlichen nicht ausreichen wahr. In den letzten Jahren hat sich die Lage durch die Einführung des G8 und das Ignorieren von musisch-künstlerischen Fächern beispielsweise bei PISA weiter verschärft. Der Schwerpunkt von Schulen liegt fast nun nur noch auf dem Vermitteln rein kognitiver Fähigkeiten. Dem will die Stiftung möglichst flächendeckend in ganz Bayern (Schwerpunkt Nürnberg), und nicht durch die Förderung einzelner Leuchtturmprojekte, entgegenwirken. Insgesamt wurden bereits 64 Projekte gefördert. Gleichberechtigt werden Projekte aus den Bereichen Musik, Theater, Kunst und Sport unterstützt. Ziel der Stiftung ist es, dass Kinder die Vielfältigkeit ihrer eigenen Persönlichkeit erleben und sie dann, je nach ihren eigenen Talenten, entwickeln. Nachhaltige Projekte Die Stiftung hat es in ihrem Projekt MuBiKiN (Musikalische Grundausbildung von Kindern und Jugendlichen in Nürnberg) geschafft, die geforderte Vernetzung der beteiligten Referate, des Schuldirektorats und der Projektebene in der Schule tatsächlich zu ermöglichen, indem sie Fördergelder von dieser Zusammenarbeit abhängig machte. Innerhalb nur eines Jahres wurde für die Koordination der Beteiligten eine feste Regiestelle im Haushalt der Stadt Nürnberg geschaffen. So soll die nachhaltige Wirkung des Projektes sichergestellt werden. Viel zu oft sind mit externen Kräften initiierte Projekte nicht nachhaltig. Im Gegenteil: Sie können sogar während ihrer 30

32 Laufzeit zu einer ungewollten Konkurrenz für bestehende Angebote werden, z.b. für die Musikschulen, und damit nach ihrer Beendigung die Gesamtsituation sogar noch verschlechtern. Viel Arbeit müsse noch bei der Gestaltung der Übergänge wie z.b. vom Kindergarten zur Grundschule oder zur weiterführenden Schule geleistet werden. Beim Projekt Jedem Kind ein Instrument beispielsweise bekommen 80% aller Kinder in der ersten Klasse kostenlos ein Instrument geliehen, wenn es ab der zweiten Klasse etwas kosten soll, bleiben nur die 20% übrig, deren Eltern bereit sind zu zahlen. Auch der immer dichtere Stundenplan mit zunehmendem Nachmittagsunterricht führe dazu, dass bisher privat am Nachmittag organisierte kreative oder sportliche Angebote (z.b. Instrumentalunterricht oder Sportverein) zeitlich von den Kindern immer weniger genutzt werden können. Ziel müsse es daher sein, Schulen von reinen Lernorten zu Bildungs-, Lebens- und Kulturzentren umzugestalten, die alle SchülerInnen unabhängig vom Elternhaus erreichen und in Kooperation mit den bisherigen Anbietern von nachmittäglichen Freizeitangeboten organisiert werden müssen. Musik: Bayern kein Mekka Erstaunt waren die meisten TeilnehmerInnen von der Information des Teilnehmers Klaus Hatting, der klar stellte, dass Bayern kein Mekka der Musik sei. Zwar werde in Bayern sehr viel Musik gemacht, eine Studie zeige aber, dass Bayern bei den angestellten, ausgebildeten MusikpädagogInnen an vorletzter Stelle in ganz Europa liege. Dahinter folgt nur noch das Saarland. Auch sei z.b. nur für die Hälfte der EinwohnerInnen eine Musikschule in zumutbarer Entfernung erreichbar. Es sei dringend notwendig, den Begriff und den gesellschaftlichen Wert der kulturellen Bildung KommunalpolitikerInnen vermehrt zu verdeutlichen. Die Krux bestehe darin, dass KünstlerInnen meist nicht in die Politik gehen, weil sie durch ihre Projekte und Kunstwerke politisch aktiv sein wollen. Daher gehören sie oft nicht selbst zu den EntscheidungsträgerInnen. Daher die abschließende Aufforderung: Mehr KünstlerInnen in die Politik! Vielen Dank an Birgit Zipfel für die Notizen. 31

33 Zusammenfassung Workshop 5: Kulturelle Teilhabe: Ist Oper nur etwas für Reiche? Impulsreferate: Thomas Koch, Direktor Kommunikation der Bayerischen Theaterakademie August Everding, München; Martin Dumbs (Unternehmensberater; Kulturpolitische Gesellschaft - Landesgruppe Bayern) Moderation: Eike Hallitzky, MdL 32

34 Oper in Bayern: 20% gehen regelmäßig, 50% nie Bayerns Opernhäuser besuchen je Spielzeit rund Theaterinteressierte. Zum Vergleich: Zum FC Bayern kommen zu den Heimspielen fast doppelt so viele Zuschauer. Jede Einwohnerin, jeder Einwohner Bayerns sieht sich - statistisch betrachtet - damit gerade einmal alle 17 Jahre eine Opernaufführung an. Wahrscheinlich noch viel seltener, wenn berücksichtigt wird, dass nach Umfragen eine Minderheit von zwanzig Prozent regelmäßig in die Oper geht, die Hälfte der Bevölkerung nie und ein Drittel weniger als einmal im Jahr, wie Martin Dumbs, Mitglied des Sprecherrates der kulturpolitischen Gesellschaft in seinem Eröffnungsvortrag hervorhob. Häufigkeit von Opernbesuchen korreliert mit Bildungsgrad Liegt der Grund in den hohen Eintrittspreisen? Ist die Oper eine elitäre Veranstaltung für Wohlhabende? Nein, argumentiert Dumbs: Abgesehen von München koste die teuerste Karte im Durchschnitt 36, die Theater erlösen pro Opernkarte weniger als 20, der FC Bayern dagegen pro Ticket 45. Warum aber ist die Schwelle für große Teile der Bevölkerung so hoch, dass sie den Weg in die Theater nicht finden? Alle Untersuchungen belegen, so Dumbs, wichtigster Parameter für den Zugang ist die Bildung: Die Häufigkeit von Opernbesuchen korreliere mit dem Bildungsgrad. Theater gehen auf Ihr Publikum zu Die Theater haben reagiert, trug Thomas Koch, Direktor Kommunikation der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München, in seinem Impulsreferat vor. Im Gegensatz zu vor wenigen Jahren beschäftigen fast alle Häuser nun Theaterpädagogen. Die Theater versuchen ihr Publikum abzuholen. Sie wissen, je früher das Interesse geweckt wird, desto nachhaltiger ist es. Wie es gehen kann, schilderte Koch am Beispiel der Staatsoper Stuttgart, die seit Mitte der 90er Jahre eng mit Schulen zusammenarbeitet. In Workshops wählte anfangs ein Theaterpädagoge des Hauses zusammen mit LehrerInnen Werke des Spielplans aus, für die Unterrichtsmaterialien erarbeitet und neue Wege der Vermittlung erprobt wurden. Ob des Erfolgs reformierte das Kultusministerium die Lehrpläne: Auf einen Pflichtkanon an Opernliteratur wurde verzichtet, stattdessen die Schulen angehalten, sich am Spielplan der Häuser vor Ort zu orientieren und mit ihnen gemeinsam Projekte zu entwickeln wurde die Junge Oper der Staatsoper mit eigenem Spielort eingerichtet, um mit Kindern und Jugendlichen, die künstlerisch, handwerklich und organisatorisch beteiligt werden, Produktionen zu realisieren. Jährlich werden vier Projekte verwirklicht, zuletzt eine musiktheatralische Fassung von Fatih Akins Film Gegen die Wand. Für Koch ist die aktive Mitwirkung der Jugendlichen ein nicht zu unterschätzender Paradigmenwechsel: von der Rezeption und Analyse des Werks... hin zur eigenschöpferischen Arbeit. 33

35 Musische Erziehung muss für Oper und Theater begeistern So sehr die Teilnehmer des Workshops sich einig waren, dass das Beispiel Stuttgart Vorbild für die Theater sein sollte, so sehr bestand Konsens, dass die Theater allein mit der Aufgabe überfordert seien, Heranwachsende für die Oper zu begeistern. Unabdingbar sei ein Umdenken in der Gesellschaft: Der musischen Erziehung gehöre ein höherer Stellenwert eingeräumt, beginnen müsse man damit bereits in der Grundschule. Ansonsten droht die Oper tatsächlich ein exklusives und aussterbendes Ereignis allein für SeniorInnen zu werden. Dankeschön an Peter Pfeiffer für die Notizen. 34

36 Impulsreferat Thomas Koch Rund 35 Millionen Zuschauer aller Altersgruppen besuchen Jahr für Jahr fast Theater-, und Opernaufführungen und über Konzerte. Dies belegt das nach wie vor ungebrochene Interesse an Theater und Musik und macht deutlich, dass die Bürger ihre Theater und Konzertstätte als öffentlichen Denk- und Erlebnisraum, als Ort direkter Kommunikation, als Teil des öffentlichen Diskurses und somit als unverzichtbaren Bestandteil urbaner Lebensqualität begreifen. In jeder Spielzeit werden im Sprech- und Musiktheater in rund Inszenierungen etwa Werke aufgeführt. Zunehmend werden dabei die Grenzen zwischen Schauspiel, Tanz und Musiktheater durchbrochen und neue Spielformen entwickelt. Wegen des föderalen Aufbaus der Bundesrepublik Deutschland ist die Kultur vorrangig eine Aufgabe der Länder. Die Theaterfinanzierung wird daher ungefähr zur Hälfte von den Ländern und Kommunen getragen. Der Bund beteiligt sich an der Finanzierung der Kultur nur in einem vergleichsweise geringen Umfang. Insgesamt zahlt die öffentliche Hand rund 2,2 Milliarden Euro für die öffentlich getragenen Theater und Orchester. Dieser Betrag entspricht etwa 0,2 Prozent der Gesamtausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden. Mit diesem verhältnismäßig geringen Budget beschäftigen die Theater und Orchester direkt etwa Menschen und sichern zugleich indirekt die Arbeitsplätze vieler Betriebe, die auf die Aufträge der Theater angewiesen sind oder von der Existenz der Kulturbetriebe profitieren. Ein großer Teil des öffentlichen Geldes fließt so in Form von Steuern wieder an die öffentliche Hand zurück (sogenannte Umwegrentabilität). Lediglich ein Prozent der Theaterfinanzierung stammt aus privaten Geldern, mit denen in der Regel vor allem prestigeträchtige Projekte gefördert werden. Schon in der Vergangenheit hat zum Beispiel der Deutsche Bühnenverein, der Bundesverband der Theater und Orchester, im Bereich der ästhetischen Bildung eine Reihe von Vorhaben initiiert. Die erste bundesweite Nichtbesucher-Befragung von Personen zwischen 16 und 29 Jahren lieferte Erkenntnisse über das Publikum der Zukunft. Das Symposion "Zukunft durch ästhetische Bildung" im Jahre 2004 und dessen Dokumentation waren Anstoß zu einer bereichsübergreifenden Bildungsdebatte, die der Bühnenverein mit Veranstaltungen, Publikationen wie der neuen Zeitschrift junge bühne oder Projekten wie dem Forum Junges Theater aktiv weiterführt. Der Deutsche Bühnenverein arbeitet auch bei der Initiative Kinder zum Olymp! der Kulturstiftung der Länder mit. Quelle: Deutscher Bühnenverein, Stand: Dezember 2011 Oper kostet Geld, ist aber im Hinblick auf die Höhe der Eintrittspreise kein Ausschlusskriterium. Der durchschnittliche Kartenpreis liegt bei 20 (Quelle: Martin Dumbs, Auswertung der Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins der Spielzeiten 2005/2006 und 2008/2009 für den Freistaat Bayern). Die meisten Opernhäuser verkaufen ihre preisgünstigsten Karten bereits ab 8 (keine Stehplätze). Für Kinder, Jugendliche und Studierende gibt es darüber hinaus in vielen Häusern Kontingente für 8 oder weniger auf allen Plätzen. Möglich wird diese Preisgestaltung durch die öffentliche Finanzierung der Stadt- und Staatstheater, das heißt der Finanzierung und der Preisgestaltung liegt ein politischer Wille zugrunde. Über diese Gelder befinden die Länder- und Kommunalparlamente. 35

37 Die Höhe der Eintrittsgelder ist kein gesellschaftliches Ausschlusskriterium. Reiche besuchen gerne Veranstaltungen, bei denen sie mit anderen Reichen unter sich sind. Die Oper im Stadt- und Staatstheaterbetrieb ist dies nicht. Welche anderen Kriterien beeinflussen den Besuch? Herkunft: Wer bereits im Elternhaus an die Oper herangeführt wurde, ist für diese komplexe Kunstform bereits sensibilisiert. Eine weitere Entwicklung des Interesses ist so leichter möglich. Dies kann also ein Ausschlusskriterium sein. Bildung und Sprache: In vielen Bildungsplänen schwindet die Präsenz musischer Fächer zugunsten der sogenannten Kern-Fächer, die auch gerne als hart bezeichnet werden. Im Umkehrschluss sind musische Fächer also weich und peripher. Ihnen wird kein Nutzen zuerkannt. Eine dinglich orientierte Welt, in der die Produktion und das Besitzen von Gegenständen priorisiert wird, hat es schwer, immaterielle Güter wertzuschätzen, da schon die verwendeten Begriffe aus übergeordneten Bildern, sogenannten Struktur-Metaphern, geprägt werden. Es sind dies die Metaphern, nach denen wir leben ( Metaphors We Live by, George Lakoff und Mark Johnson, Chicago, 1981). Die Sprache ist keinem politischen Prozess unterworfen, allerdings ist der bewusste Umgang mit Begriffen die Voraussetzung dafür, unabhängig denken zu können. Bildung und Sprache können daher ebenfalls Ausschlusskriterien sein. Die Bildungsfrage ist allerdings auch eine politische und kann entsprechend beeinflusst werden. Dass dies auch seitens der Theater geschehen kann, zeigt ein Beispiel aus Baden-Württemberg. Der damalige Stuttgarter Opernintendant, Klaus Zehelein, hatte 1995 als erster Leiter eines Opernhauses eine Vollzeitstelle für einen Musiktheaterpädagogen in seinem Haus eingerichtet. Dadurch sollte die Arbeit zwischen Schulen aus der Region und dem Opernhaus auf eine neue Basis gestellt und erweitert werden. Bislang hatte die Staatsoper nur ein Kontingent ermäßigter Karten für Schüler bereit gestellt. Der Lehrplan sah indes als sogenannte verpflichtende Opernliteratur ausschließlich "Die Zauberflöte", "Der Freischütz" und "Fidelio" vor. Wenn diese Werke nicht auf dem Spielplan oder nicht zur rechten Zeit auf dem Spielplan standen, riefen die Lehrer empört an. Andere Werke, die auf dem Spielplan standen, kamen für sie nicht infrage, weil sie nicht den Anforderungen des Lehrplans entsprachen und es dazu keine Unterrichtsmaterialien gab. Mit dem neu eingestellten Musiktheaterpädagogen hatte die Oper sich ein neues Handlungsfeld eröffnet. Lehrer wurden zu Workshops eingeladen, um gemeinsam Werke des Spielplans auszuwählen, die für sie interessant waren, um dann für diese Unterrichtsmaterialien zu entwickeln und Methoden der Vermittlung praktisch zu erproben. Die neue Lust der Lehrkräfte auf den Musikunterricht sprach sich schnell herum. Die Workshops waren regelmäßig überbucht. Das Kultusministerium (Grundsatzabteilung, Stab der Ministerin) wurde im Rahmen einer Präsentation der Arbeitsweise frühzeitig eingebunden, so dass schon im darauffolgenden Jahr die Lehrpläne dahin gehend reformiert wurden, dass die bislang verpflichtenden Werke gestrichen wurden. Jede Schule sollte sich fortan am Spielplan der Opernhäuser in ihrer Nähe orientieren und versuchen, mit diesen gemeinsame Projekte zu entwickeln folgte die Einrichtung der "Junge Oper der Staatsoper" an einem eigenen Spielort, dem Kammertheater, mit drei zusätzlichen MitarbeiterInnen. Neben der pädagogischen Begleitung des Spielplans im Opernhaus konnten nun eigene Projekte und Produktionen mit Kindern und Jugendlichen realisiert werden. Zusammen mit den Opernhäusern in Brüssel und London wurde in Stuttgart das europäische Netzwerk 36

38 RESEO zur Förderung der musiktheaterpädagogischen Arbeit gegründet. Insbesondere sollte der Zusammenschluss dem Erfahrungsaustausch über Methoden dienen, Koproduktionspartnerschaften für neue Werke und Kompositionsaufträge ermöglichen. Das Netzwerk hat heute über 50 Opernhäuser in ganz Europa als Mitglieder. Themen wie die Begegnung der Kulturen und die Entwicklung von Gesellschaften finden in künstlerischen und pädagogischen Projekten aktuelle Präsenz. Kinder und Jugendliche sind aktiv involviert, ob künstlerisch, handwerklich oder organisatorisch. Sie machen das Musiktheater damit zu ihrer eigenen Sache. Das ist ein nicht zu unterschätzender Paradigmenwechsel: von der Rezeption und Analyse des vorgeschriebenen Werks der sogenannten großen nationalen Literatur hin zur eigenschöpferischen Arbeit in Verbindung mit praktischer und methodenbasierter Auseinandersetzung einer Vielfalt von Werken der europäischen Literatur, bis hin zu Neukompositionen, an deren Entstehung die Kinder und Jugendlichen begleitend beteiligt sind. Im November 2011 ist die Junge Oper der Staatsoper Stuttgart, die jedes Jahr vier Produktionen erarbeitet, für die musiktheatralische Fassung von Fatih Akins Film "Gegen die Wand" mit dem Deutschen Theaterpreis "DER FAUST" in der Kategorie Kinder- und Jugendtheater ausgezeichnet worden. Das Kinder- und Jugendmusiktheater hat sich aus der Niedlichkeitsecke gearbeitet und von dem Weihnachtsmärchen-Pflichtprogramm längst emanzipiert. Woran es fehlt, sind die kompetenten Experten, die diese Prozesse in den Häusern anleiten und die Verbindung zu den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen herstellen und pflegen. Sie sind dringend gesucht. Ein neukonzipierter Masterstudiengang "Musiktheatervermittlung als ästhetischer Bildungsprozess" an der Bayerischen Theaterakademie in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater München liegt zur Genehmigung und Finanzierung dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst vor. Entwickelt wurden Konzept und Curriculum für diesen Studiengang im Rahmen dreier von der Robert-Bosch-Stiftung finanzierter Experten-Tagungen in München unter Vorsitz von Prof. Klaus Zehelein. Oper nur etwas für Reiche? Nein. Jedenfalls nicht die Kunstform Oper, und nicht die Opernhäuser, die die Kunst und ihr Publikum ernst nehmen. 37

39 Zusammenfassung Workshop 6: Kulturfluss: Die Donau als europäischer Kulturraum Impulsreferate: Jürgen Huber (Künstler und Kurator aus Regensburg) und Regina Hellwig-Schmid (DE), Initiatorin und Leiterin der donumenta, Regensburg Moderation: Barbara Lochbihler, MdEP 38

40 Die Donau durchfließt Europa von West nach Ost über 2857 Flusskilometer. Dabei durchquert sie 10 Staaten. Viele Makro- und fast unzählbare Kleinkulturrräume erstrecken sich entlang ihrer Ufer. Der Workshop Kulturfluss: Die Donau als europäischer Kulturraum hat sich mit Fragen beschäftigt, wie die Donau diese Kulturräume beeinflusst und prägt. Ebenso wurde diskutiert, wie die Kulturschaffenden untereinander und mit den Menschen am Fluss noch mehr verbunden werden können. Gefragt wurde schließlich auch danach, ob die Donau, über die geographische Bedeutung hinaus, an sich verbindende Werte hat oder schafft. In ihren beiden Impulsen stellten Regina Hellwig-Schmidt (Initiatorin/Leiterin der donumenta) und Jürgen Huber (Künstler, grüner Stadtrat in Regensburg) den Workshop TeilnehmerInnen zunächst ihre ganz persönlichen Sichtweisen und Perspektiven des Kulturraums Donau vor. Jürgen Huber zog dabei eine Parallele zu der Entwicklung entlang des Rheins in den Nachkriegsjahren des 2. Weltkriegs. So wie der Rhein zu einem Symbol der Westintegration Europas wurde und auch gegenwärtig noch ist, so solle die Donau auch zu einem Symbol der Ostintegration werden. Wenn geschafft würde, die Donau zu einer solchen Integrationsachse werden zu lassen, dann wäre schon viel für ein friedliches und vielfältiges Europa des Wohlstands ohne Raubbau an Mensch und Natur getan. Wie soll das geschehen? Ganz einfach und typisch bayrisch: Mit'm Redn kommen d' Leut zam. Doch nicht nur über verstärkten Austausch und Kommunikation, sondern auch über das (im Wortsinne) Brückenschlagen können die Menschen an der Donau, so Jürgen Huber weiter, mehr zusammen kommen. Doch auch Reden, ein noch gemeinsamerer Naturschutz, die vielfältigen Kulturen entlang des Flusses und konkrete Aktionen/Projekte/Kooperationen könnten ein verbindendes Glied entlang der Donau sein. Nicht zuletzt das von gegenseitiger Neugier angetriebene Kennenlernen der Kulturen, auch insbesondere von Minderheiten und verfolgten Kulturen, entlang der Donau könne eine hervorragende Grundlage für die Entwicklung eines zukünftigen, übergreifenden Verständnisses der Donau sein. Einen Ansatz für die Kommunikation der Kulturen stellte dann Regine Hellwig- Schmidt in ihrem Impulsvortrag zur Konzeption und den bisherigen Veranstaltungen der Donumenta (http://www.donumenta.de/) vor. Als Kernthese formulierte sie aus ihren Erfahrungen, dass unbedingt ein gemeinsames Donaubewusstsein notwendig ist. Bisher, so ihre Wahrnehmungen, hätten sich nicht wirklich funktionierende länderund/oder kultur(en)übergreifende Institutionen herausgebildet. Die Anrainer an der deutschen Donau, Städte/Gemeinden, aber auch die Länder Baden-Württemberg und Bayern, würden immer noch zu sehr Partikularinteressen verfolgen. Es herrsche sogar ein Alleinstellungsmerkmalwahn, um insbesondere im touristischen, aber auch kulturellen Bereich der Wahrnehmung nach Außen möglichst hoch und exklusiv werden zu lassen. In der sich danach anschließenden Diskussion unter den TeilnehmerInnen wurden diese Thesen und Ansichten intensiv erörtert und erweitert. Vor allem die Workshopmoderatorin Barbara Lochbihler (MdEP), Angelika Wegener- Hüssen (Vors. Föderverein Europäisches Donaumuseum, Ingolstadt, und Rainer Ehm (Donauschifffahrtsmuseum, Regensburg, stellten darin auch ihre eigenen Sicht- und Herangehensweisen an die Donau als Kulturraum vor. 39

41 Die Kernpunkte dieser/der Diskussion waren/sind: Um die Donau zu einem gemeinsamen Kulturraum auszubauen muss noch viel mehr auf die verbindenden Elemente geachtet werden und dabei bietet der Fluss als lange West-Ost-Achse durch Europa einen hervorragenden Anknüpfungspunkt. Die Entwicklung an der Donau muss auch mit der Menschenrechtsfrage verbunden werden (Sinti/Roma). Bayern soll seine Verantwortlichkeit für die Biodiversität im Rahmen der EU- Donaustrategie noch aktiver und v.a. auch öffentlichkeitswirksamer wahrnehmen Im Rahmen der EU-Donaustrategie und auch bei kulturellen Kooperationen sollten Baden-Württemberg und Bayern stärker zusammenarbeiten (v.a. das Donau-Büro in Ulm (http://www.donaubuero.de) ist hier sehr aktiv). Die Donau als Transportweg sollte wieder mehr gesamteuropäisch gedacht und wahrgenommen werden. Auch sollte mehr wahrgenommen werden, dass schon das Leben auf der Donau an sich Werte ( Donausprache der Schiffer) geschaffen hat. Es sollen verstärkt NGO-Strukturen mit länderübergreifender Zusammenarbeit gefördert werden, wobei der Fokus auf der Selbstermächtigung und einem gemeinsamen Donau -Bewusstsein der Kulturen/Menschen liegen sollte. Dabei könnte das schon vielfach vorhandene Flussbewusstsein zu einem (gemeinsamen) Donaubewusstsein ausgebaut werden. Gegenwärtig nehmen noch viele Kommunen entlang der Donau eine Definitionshoheit für Donauprojekte für sich in Anspruch. Hier sollte durch die Schaffung von Koordinationsstrukturen geschaut werden, wie diese Hoheit durchbrochen werden kann. Heimat muss vor Ort auch wieder mehr mit dem Fluss in Kontakt kommen (Stichwort: Emscherkunst (http://www.emscherkunst.de/) oder Festivals an der Ruhr (http://www.klavierfestival.de/, und Der Fluss ist immer auch der Weg zum Anderen (z.b. bayerische Initiative zur Vernetzung der grünen Parteien bzw. grünen Bewegungen entlang der Donau). Wichtig ist die Schaffung tragfähiger zivilgesellschaftlicher Strukturen (formelle u. Informelle Netzwerke) in den Ländern entlang der Donau für Künstler und Kulturschaffende. Das Entstehen von Perlen entlang der Donau sollte befördert/beobachtet werden, um diese Perlen dann (in Überwindung der Partikularinteressen) auf die Kette Donau aufzureihen (so können von öffentlicher/privatwirtschaftlicher Seite z.b. Patenschaften für (sich entwickelnde) kulturelle Einrichtungen übernommen werden). Daraus folgt auch ein Auftrag an die bay. Grünen zu klären, wie gleichberechtigt alle kulturellen Einrichtungen (öffentl./privat) an der bay. Donau (besser) gefördert werden können. Die bay. Grünen sollen die bayerische Verantwortung für die Biodiversität im Rahmen der EU-Donaustrategie wesentlich mehr (als die Staatsregierung) in den Vordergrund bringen (z.b. Projekt der Renaturierung der Donauauen zwischen Neuburg a.d. Donau und Ingolstadt). Dankeschön an Christian Höbusch für die Notizen. 40

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43 Zusammenfassung Workshop 7: Vertriebene und Flüchtlinge: Draußen vor der Tür? Impulsreferate: Dr. Sarah Scholl-Schneider, Universität Augsburg Moderation: Margarete Bause, MdL 42

44 Der Workshop zu Vertriebenen und Flüchtlingen stieß auf großes Interesse: Das Thema, so zeigte die lebhafte Diskussion, ist noch immer virulent, auch für die Generation der Enkel. Geglückte Integration der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg Meist werde Heimat erst zum Thema wenn sie verloren gehe, stellte Dr. Sarah Scholl-Schneider zu Beginn fest. Über 2 Millionen Heimatvertriebene, überwiegend Sudetendeutsche, gelangten nach dem Krieg nach Bayern, Heimatlose unter vielen anderen Heimatlosen wie Überlebende der Konzentrationslager, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Evakuierte und Heimkehrer. Eigentlich seien sie privilegiert gewesen, denn ihre Wanderung führte zur Hauptethnie und es gab die gemeinsame Sprache, dennoch stießen sie oft auf Ablehnung und Benachteiligung. Trotz der Anfangsschwierigkeiten gelte ihre Integration aber als geglückt. Dazu habe auch die Politik der bayerischen Staatsregierung beigetragen, welche die Identität und die Integration von Bayerns 4. Stamm gefördert habe auch aus dem machtpolitischem Kalkül damit konservative Wählerschaft für sich zu gewinnen. Und schon bald erwiesen sich die neuen Bürger als unverzichtbarer Motor der Modernisierung in Bayern, weil sie z.b. gut ausgebildet waren und neue Industriezweige ins Land brachten. Erinnerungen in einem zusammenwachsenden Europa Sarah Scholl-Schneider gehört zu einer Gruppe von WissenschaftlerInnen an der Universität in Augsburg, die die Erinnerung an diese Zeit festhalten als ein grenzüberschreitendes, transnationales verbindendes Projekt von Deutschen und Tschechen im zusammenwachsenden Europa. Hintergrund ist das Konzept für das geplante Sudetendeutsche Museum in München. Dabei ginge es nicht darum, einen Grundkonsens herzustellen, sondern die Vielstimmigkeit zuzulassen. Interviews mit Zeitzeugen in Augsburg würden ergänzt durch eine Spurensuche auf tschechischer Seite - auch in Zusammenarbeit mit historischen Arbeitsgruppen in Tschechien. Diskussion Aber wie sinnvoll ist es, Heimat über das Vergangene zu definieren, fragte ein Diskussionsteilnehmer. Solle man nicht nach vorne schauen, die Europäische Union stärken, die Beziehungen zwischen Tschechien und Bayern verbessern, die - da war man sich einig - nach wie vor hoch sensibel gehandhabt werden müsse? Und: Wenn sich die deutschstämmigen Vertriebenen in Bayern schon so fremd fühlten, wie müssten erst die heutigen Flüchtlinge oder Aussiedler empfinden? Kann man aus den eigenen Erfahrungen heraus helfen, z.b. indem man der Frage nachgeht, welche Strukturen dafür gesorgt haben, Integration gelingen zu lassen? Festgestellt wurde, dass auch die Vertriebenverbände sich verändert hätten. Die Verbände lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Aber wie groß ist das Interesse der Sudetendeutschen an dem heutigen Tschechien jenseits der Suche nach der alten Heimat? Hier könnte der Ansatz weiterführen, die Kommunikation über Heimat als verbindendes Projekt zu verstehen, das hilft zueinander zu finden. Denn - so eine Teilnehmerin - erst mit der Aufarbeitung kann Versöhnung stattfinden. Dankeschön an Eva Tiedemann für die Notizen. 43

45 Zusammenfassung Workshop 8: Denkmalschutz: Welches Bild von Bayern machen wir uns? Impulsreferate: Prof. Dr. Egon Greipl, Generalkonservator des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege Moderation: Ulrike Gote, MdL 44

46 In seinem Impulsreferat verschaffte Generalkonservator Prof. Greipl den TeilnehmerInnen einen Überblick über die Faktenlage der bayerischen Denkmalpflege. Die freistaatliche Denkmalliste umfasst Baudenkmäler und 900 Ensembles. Leitlinie des bayerischen Denkmalschutzes müsse sein, Fortschritt und Geschichtspflege in Einklang zu bringen. Denkmalschutz lebt im und mit dem Wandel. Er steht weder für Käseglocke noch Musealisierung. Typische Landschaft und Architektur seien maßgebend für die Entwicklung und Beibehaltung einer Heimatidentität. Die Ausweisung von Neubaugebieten und der architektonische Wildwuchs in teilen Bayerns hingegen gefährden Kulturlandschaft und bauliche Identität der Regionen. Mahnende Beispiele seien weite Teile Tirols in Österreich und in abgeschwächter Form Oberfranken. Der Stellenverlust von Bezirksbauleitern in den bayerischen Regionen, deren Aufgabe es war, Neubauten mit den vorhandenen Ensembles in Einklang zu bringen, wirke sich negativ auf den Erhalt der kulturhistorischen Substanz aus. Besonders alte Baukonstruktionen und Formen seien ohne einen strikten Denkmalschutz unwiederbringlich für die Nachwelt verloren, denn die Erfahrung zeige, dass einmal Verlorenes nicht wiedergebracht wird, da finanzielle Mittel, Know-how oder der politische Wille fehlen. Besonderen Stellenwert misst Prof. Dr. Greipl dem Konflikt zwischen Klimaschutz und Denkmalschutz bei. Er betonte, dass insbesondere durch die Dachflächennutzung auf geschützten Gebäuden die Ästhetik von Denkmälern leide. Gleiches gelte für die Landschaftspflege. Bei Neubauplanungen von Windrädern, Freiflächenanlagen oder Biogasinstallationen werde der Schutz der Kulturlandschaft und der Landschaftsästhetik oft ignoriert oder sei ein untergeordneter Gesichtspunkt. Die Vorgaben zur Energieeffizienz bei Sanierung und Restaurierung von Baudenkmälern müssten ebenfalls überdacht werden, da höhere Kosten Bauherren mitunter von einer Sanierung abschreckten. Insgesamt sei die Nutzraumfläche sowie die für die Solarenergie nutzbare Fläche aller Denkmäler Bayerns so gering, dass sich die Energiewende auch ohne eine potentielle Gefährdung des Denkmalschutzes bewerkstelligen ließe. Greipls Ausführungen zum Klimaschutz waren erstes Diskussionsthema 45

47 der Workshoprunde. Katharina Schulze von den Grünen München pochte mit einigen anderen TeilnehmerInnen darauf, dass die Klimawende nur durch die Einbeziehung aller Potentiale zu bewerkstelligen sei, zumal viele Installationen ohne substantielle Schäden rückbaubar seien. Es gehe nicht darum, jede Kleinstfläche beispielsweise auf Statuen zu nutzen, die großflächigen Dächer von Kirchen oder denkmalgeschützten Gehöften müssten jedoch für die Energiewende genutzt werden. Die Landtagsabgeordnete Ulrike Gote war sich mit allen TeilnehmerInnen einig, dass jede Nutzung eines denkmalgeschützten Baus auf seine Plausibilität undogmatisch untersucht werden müsse. Grüne StadträtInnen aus Schwaben und der Oberpfalz berichteten von zähen Auseinandersetzungen mit Denkmalschützern vor Ort, die sich einer baulichen Modernisierung versperrten und so die funktionsbauliche Veränderung von Innenstadträumen für neue Verkehrsprojekte oder neue Bauraumnutzungen versperrten. Mehrfach wurde Kritik an der mangelnden Denkmal- und Ensemblesensibilität neuerer architektonischer Entwürfe geäußert. Eine teilnehmende Architektin stimmte der Meinung zu, widersprach jedoch dahingehend, dass es das Verständnis vieler Büros und auch Teil des Architekturstudiums sei, das Ensemble planerisch immer zu berücksichtigen. Angesprochen auf die laufende Diskussion um den Bau eines neuen Konzertsaals auf den Isarinseln in München distanzierte sich Greipl davon, nur auf Grund von Prestige ein hypermodernes Stararchitektenwerk aus dem Boden zu stampfen, obwohl sich bestehende Gebäude für eine Modernisierung ohne Zerstörung der historischen Subtanz anböten. Vielen Dank Philipp von Nathusius für die Notizen. 46

48 Zusammenfassung Workshop 9: Dorfkultur Jede kennt jeden? Impulsreferate: Christian Klems (DORV-Zentrum) und Dieter Gewies (Bürgermeister Furth) Moderation: Thomas Mütze, MdL 47

49 Dieter Gewies: lebendige Dorfkultur Lange Zeit wurde der Begriff Dorfkultur vor allem durch Feuerwehrfeste und anderer Vereinsveranstaltungen dominiert. Doch in der Gemeinde Furth änderte sich das mit dem Amtsantritt von Dieter Gewies als Bürgermeister. Mittlerweile gibt es ein breites Angebot an Kulturveranstaltungen, so dass neben traditionelle Vereinsfeste Auftritte der Biermösl Blosn, Rockkonzerte und Kammermusik-Abende getreten sind. Diese Vielfalt an Angeboten ermöglicht auch die Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger, was für Dieter Gewies essentiell für eine lebendige Dorfkultur ist. So postuliert er für seine Gemeinde auch eine Einladungs- und Mitmachkultur, die sich ganz fundamental von der Stadtkultur unterscheidet, die außer den turnusgemäßen Wahlen kaum Teilhabe für die Bürgerinnen und Bürger bereithält. Christian Klems: Gewährleistung der Nahversorgung Für Christian Klems ist die Möglichkeit im Dorf zu leben, sprich die Gewährleistung der Nahversorgung, wesentlich für eine funktionierende Dorfkultur. Aufgrund von Profitdruck müssen immer mehr Läden, Banken, Gaststätten und Arztpraxen auf dem Land schließen. Selbst landwirtschaftliche Betriebe werden immer häufiger aufgegeben. Aus dieser Misere ist in Barmen bei Jülich (NRW) die Idee entstanden, einen genossenschaftlichen Dorfladen zu eröffnen. Dieser mittlerweile mit angeschlossenem Café dient den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht nur zum Einkaufen, sondern vor allem auch als wichtige Kommunikationsplattform und steht somit mehr und mehr in der Tradition des Marktplatzes. Das DORV-Zentrum (Dienstleistung und Ortsnahe Rundum-Versorgung) deckt rund 90 Prozent der Waren des Alltagsgebrauchs ab und bietet alltägliche Dienstleistungen sowie eine Arztpraxis. Funktionierendes Dorfzentrum ausschlaggebend Laut Dieter Gewies fokussieren sich Gemeindevertreter leider immer mehr auf die Außenentwicklung eines Dorfes, sprich Supermärkte auf der grünen Wiese, anstatt das Zentrum zu stärken. Ein funktionierendes Dorfzentrum ist jedoch ausschlaggebend für eine positive Dorfentwicklung und eindeutig identitätsstiftendes Moment. So gibt es in Furth mittlerweile neben einem Supermarkt unter anderem mehrere Bäckereien und Metzgereien, eine Drogerie und neun Gastwirtschaften. Zudem stellt Betreuung und Bildung eine wichtige Säule der nachhaltigen Entwicklung dar. Jedoch weiß auch Gewies, dass er in einer relativ komfortablen Situation ist, da er sich mit Furth im Landkreis Landshut in einer Wohlstandsregion befindet. Beteiligung der BürgerInnen Als besonders wichtig für die Entwicklung von Furth sieht Gewies dennoch vor allem die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger: einerseits durch Einbringung eigener Ideen, andererseits aber auch durch monetäre Bürgerinvestitionen. So seien mehr Projekte aus Ideen der Bürgerinnen und Bürger entstanden als aus Initiativen des Gemeinderats. Gewies Credo zur Gewährleistung der Selbstbestimmung bei der Dorfentwicklung: erst die Idee, dann die Suche nach dem passenden Investor. 48

50 Resümee Aus den Referenten-Inputs und der anschließenden Diskussion resümiert Thomas Mütze, dass demnach für eine funktionierende Dorfkultur zunächst die Möglichkeit zum Mitmachen und zur Teilhabe geschaffen werden müsse. Hinzu trete natürlich auch der klassische Kulturbegriff mit Konzerten, Theater und Festen. Aber als noch grundlegender sei die Gewährleistung einer Nahversorgung (wie von Klems mit dem DORV-Konzept vorgestellt) und ein Gemeindezentrum oder ähnliches als Kommunikationsplattform zu verstehen. Darüber hinaus helfe eine gesunde Mischung aus der Beschäftigung mit der Historie eines Ortes einerseits und der Offenheit für Neues andererseits zur Einbindung aller Bewohnerinnen und Bewohner auch und vor allem der Zugezogenen. Dankeschön an Christopher Reiter für die Notizen. 49

51 Zusammenfassung Workshop 10: Stadtkultur: Macht Stadtluft noch frei? Impulsreferate: Eva Leipprand (Stadträtin Augsburg, eh. Kulturreferentin, Autorin) und Silvia Gonzales (Greencity e.v., stellv. Geschäftsführung, Leitung Stadtgestaltung) Moderation: Dieter Janecek, Landesvorsitzender 50

52 Die lebhafte und teilweise kontroverse Diskussion im Workshop wurde geprägt durch die unterschiedlichen Perspektiven der TeilnehmerInnen. Es wurde aus unterschiedlich großen Städten - von kleinen wie Wertheim, Dachau, Rothenburg, bis zu großen wie Nürnberg, München und mit einem Beispiel Berlin - die Erfahrungen mit diesen als Heimat berichtet und reflektiert. Wichtig war allen Beiträgen, dass es nicht darum geht ein altes Verständnis der Identifikation mit der Stadt zu pflegen zu dem die Ausund Abgrenzung (Rivalität mit anderen (Nachbar-)Städten) gehören. Eva Leipprand: Stadt erlaubt schnellere Identifikation Eva Leipprand, Stadträtin Augsburg: Die Stadt ist DER Ort, an dem ein emanzipatorischer Heimatbegriff entwickelt werden kann. Wenn ich aus der Türkei komme, sage ich leichter und schneller: Ich bin Augsburgerin als dass ich sage: Ich bin Deutsche. Eva Leipprand argumentiert, dass es in der Kultur um Symbole geht, die ganz eng mit Heimat verbunden sind. Wir Grünen haben Hemmungen, uns um Heimat-Gefühle zu kümmern: Auch weil diese leicht zu missbrauchen sind. Wir brauchen einen Prozess für einen emanzipierten Heimatbegriff. Martina Löw hat ein Buch zum Thema Stadt veröffentlicht und argumentiert, dass jede Stadt eine Persönlichkeit hat. Ein Kern bleibt und gleichzeitig gibt es ständig Veränderungen. Die Persönlichkeit einer Stadt bleibt nicht immer gleich. Die Stadt ist der geeignete Ort für einen emanzipatorischen Heimatbegriff. In der Stadt könnten wir eher (als in der Nation) einen Wir -Begriff schaffen, der nicht ausgrenzen muss. Auch wenn Augsburger über die Regensburger schimpfen - wenn sie uns die Kulturhauptstadt wegnehmen, dann ist das eher spielerisch und gilt nicht wirklich. Der Mensch braucht etwas zum Andocken Der Mensch ist nicht in erster Linie Weltbürger, sondern braucht etwas zum Andocken. Die Kommunalpolitik sollte auf das Unverwechselbare achten. Ein Mensch, der sich in einem unverwechselbaren Etwas zugehörig fühlt, fühlt sich selbst auch unverwechselbar. Diese Identität können nicht nur die haben, die da schon immer waren, sondern auch die, die dazu gekommen sind. Kulturelle Vielfalt heißt nicht, dass wir unsere jeweilige Kultur über Bord werfen müssen siehe UNESCO-Erklärung von 2005 zur Kulturellen Vielfalt. Die vielen Zuwanderungsgeschichten sollten als fruchtbarer Boden, als Ressource gesehen werden. Die Vielfalt ist nützlich vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Basis. Es ist gut, wenn jeder sagt Ich bin ein Augsburger egal von woher er nach Augsburg gekommen ist. Tourismusexperten prägen Bilder für Städte. Eva Leipprand argumentiert, dass man aufpassen muss, dass diese nicht an den Menschen vorbei entwickelt werden. Dieter Janecek verweist auf Kontroversen innerhalb der Grünen: Die Grüne Jugend zum Beispiel lehnt es ab, den Heimatbegriff zu verwenden. 51

53 Silvia Gonzales: BewohnerInnen gestalten ihre Stadt Silvia Gonzales von Green City (www.greencity.de) berichtet von vielen kleinteiligen Projekten, mit denen die Bewohnerinnen und Bewohner direkt überschaubare Bereiche neu gestalten - etwa bepflanzen - und sich damit den öffentlichen Raum aneignen. In diesen Prozessen lernen sie diese Orte kennen und es lernen sich die Menschen, die dort wohnen, kennen. Greencity arbeitet an drei Schwerpunkten: Energie/Klimaschutz/Stromsparen, Mobilität und Stadtgestaltung. Silvia Gonzales ist stolz darauf, als Ausländerin genau für den Bereich Stadtgestaltung zuständig zu sein. WANDERBAUMALLEE Die wandernde Allee: Greencity bringt fünfzehn Bäume in Kübeln, unter die Rollen montiert sind. Sie stellen die Bäume in eine Straße. Die Anwohner kümmern sich um diese Bäume und nach einigen Wochen werden sie wieder abgeholt und ein gemeinsames Fest gefeiert. Das Projekt gibt es seit zwanzig Jahren: Seitdem sind über 150 Bäume gepflanzt worden. PARK (ing) DAY Ein Parkplatz wird für einen halben Tag zum öffentlichen Raum, in dem die Münchner ihre Bedürfnisse zeigen können: Vom Schafkopfwettbewerb über eine Lesung bis hin zum Kaffeekränzchen. Botschaft: Der öffentliche Raum hat mehr Potenzial als nur für Autos zu dienen. GUERILLA GARDENING Eine schöne Methode von Greencity, um sich für mehr Grün in der Stadt einzusetzen. Anfangs waren Greencity sehr vorsichtig und behutsam, da eigentlich nur die Stadtverwaltung bzw. das Grünflächenamt den öffentlichen Raum gestalten darf. Darum haben sie unterschiedliches (auch heimlich und abends) ausprobiert. Die AktivistInnen haben festgestellt, dass sie die Pflege der Pflanzen nicht übernehmen konnten. Daher wurde das Konzept weiterentwickelt und Paten gesucht. Seit einem halben Jahr gibt es ein Kooperationsprojekt mit dem Gartenbauamt. Die BürgerInnen schlagen bestimmte Standorte vor, Greencity prüft diese und schlägt sie der Verwaltung vor. Darauf folgen eine gemeinsame Anpflanzaktion und ein Straßenfest. Wenn die Guerrila-Gärtner sich zurückziehen, dann bleiben die Anwohner und pflegen das Beet. Oftmals lernen sich Bürger dabei kennen und kommen miteinander ins Gespräch. Das Blumenbeet wird zum Treffpunkt. BANK & BAUM Im Rahmen des Bundesprogramms Soziale Stadt hat Greencity dieses Projekt in München-Giesing begonnen. Die BürgerInnen schlagen vor, wo sie neue Bänke brauchen. In drei Jahren hat Greencity für 12 neue Bänke gesorgt. Wer meint, dies sei viel Zeit für wenig Ergebnis, sollte bedenken, dass die Akzeptanz und Annahme durch die intensive Beteiligung viel höher ist. 52

54 Diskussion - Eva Leipprand bringt vor, dass Heimat in der Stadt als zivilgesellschaftliches Projekt zu verstehen ist. - Ein Teilnehmer argumentiert, dass sich die Stadt vom Dorf durch die Anwesenheit des Fremden unterscheidet. Ein Problem sei die Segregation. Eva Leipprand hatte hier ein Positivbeispiel eines Kulturprojekts unter Einbeziehung der aus Russland nach Augsburg gezogenen BewohnerInnen erwähnt. - Das Wachstum der Städte entsteht nicht aus sich heraus, sondern durch Zuzug. TeilnehmerInnen aus Dachau fragen sich, wie viel Wachstum der Stadt noch gut tut. Für die Sicherheit, die Heimat bietet, ist Wachstum/Veränderung/Zuzug auch gleichzeitig eine Bedrohung. - In der Stadt kann verloren gehen: Die Stadt ist auch ein Lebensraum, in dem viele Menschen vereinzeln und in der Isolation und Anonymität der (Groß)- Stadt leben. Gegenargument: Wer heute in der Stadt vereinzelt, ist früher auch im Dorf vereinzelt. Auch dort gab es Einsame, Ausgestoßene, Sonderlinge. - Beitrag aus Nürnberg: Identifikation als Nürnberger - aber im Kreis von Nürnbergern wird gesagt: Ich bin Zaboer [Zerzarbelshof ist ein Stadtteil von Nürnberg, der Zabo genannt wird]. Aber kein Zaborigine, sondern ein Zaboraner (also in den Stadtteil zugezogen). Wir brauchen keine globalen, große amorphen Räume, sondern kleinteiligere Kreise für die Identifikation mit Heimat. - Die Stadt als der Ort für einen emanzipatorischen Heimatbegriff : Steckt hier nicht wieder einen konservierenden Begriff? - Beispiel Aphrodite-Brunnen: Wie kann es Kulturpolitik schaffen, einerseits Veränderungen zu gestalten und andererseits den Bedarf nach Bewahrung nicht ignorieren? - Frei kann man in der Stadt als auch auf dem Dorf leben. Im 13./14. Jahrhundert war der Stadtluft macht frei richtig - inzwischen gibt es diesen Unterschied zwischen Stadt und Land nicht mehr. - Kosten: Früher wurden selbstverständlich Aufgaben geteilt und jeder hat daran mitgewirkt. Heute wird immer mehr delegiert und das Anspruchsdenken ist groß: Ich habe schließlich Hundesteuer bezahlt, dann habe ich auch einen Anspruch darauf, dass die Stadt den Hundedreck beseitigt. Wir müssen mehr zu einem Gemeinschaftsdenken kommen. Das ist eine Aufgabe für die Stadt und für die Grünen. - Sigi Hagl: Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Stadt Heimat wird für alle. Seit Jahrzehnten versuchen wir, die Lebensqualität in die Viertel zu holen. Wir müssen die Gemeinschaft stärken und das Bürgerengagement unterstützen - so schaffen wir Identifikation mit der Stadt als Heimat. - Problem der Gentrifizierung ernst nehmen. Beispiel in Kreuzberg- Friedrichshain: Hier stellen die Grünen den Bürgermeister und stecken in einer Zwickmühle. Die, die hinzukommen und die Alteingesessenen verdrängen, sind oft Grün-Wähler. Dankeschön an Ulrich Gensch für die Notizen. 53

55 54

56 Impulsreferat Eva Leipprand Stadtluft macht frei Die Stadt ist seit Jahrtausenden der Ort des verdichteten Lebens, wo Menschen sich auf engem Raum organisieren. Stadt ist die Polis, wo Politik möglich und notwendig wird als die Ebene, wo die Menschen diskutieren, wie sie leben, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen. Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Städte sein. Schon jetzt leben mehr als 50 % in Städten ob in den Megacities der Welt oder in den e- her beschaulichen Städten in unserem Bayern. Dabei ist die Stadt einerseits Hoffnungsträger als Keimzelle neuer, zukunftsfähiger Gesellschaftsmodelle, andererseits manifestieren sich hier die Folgen von Globalisierung und Wachstumskultur mit scharfen Konturen. Stadtluft macht frei, aber sie kann auch ersticken. Stadt ist Vision und Elend zugleich. Die Stadt in ihrer Dichte schafft Probleme (im Bereich Energie, Abfall, Mobilität, Wohnraum, soziale Ungerechtigkeit etc.), sie kann und muss aber gerade deshalb auch der Ort der Problemlösung sein. Heute schauen wir auf die Stadt unter der Überschrift Heimat. In Deutschland hat der traditionelle Begriff Heimat eine negative Konnotation, insbesondere wegen seiner engen Verbindung mit dem aggressiven Nationalstaat. Die Globalisierung hat aber zu einer Renaissance des Heimatbegriffs geführt und zugleich auch zu einer Renaissance der Städte. Bei der Kulturkonferenz im Juni 2009 in Berlin haben wir GRÜNE uns zu einem emanzipierten Heimatbegriff bekannt. Ich wage die These, dass die Stadt für einen solchen Heimatbegriff genau der richtige Ort ist. Wir GRÜNE als urbane Partei sind gut beraten, wenn wir das Thema Heimat wahrnehmen und in unsere Strategien integrieren. Ob die Menschen sich in einer Stadt zu Hause fühlen oder nicht, spielt eine große Rolle. Der Mensch ist nicht in erster Linie Weltbürger. Er braucht auch sein kleines Zuhause. Er will sich irgendwo einrichten, etwas zum Festhalten haben. Er braucht das Unverwechselbare, weil er damit auch selber unverwechselbar bleibt und sich nicht in einer globalen Nivellierung verliert. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger lebt auch später im Geburtsort, viele im Elternhaus. Da gibt es Bindungen, die brauchen wir auch und sollten sie stärken. Diese Bindungen sind unterschiedlich, je nach Milieu, Alter, Zuwanderungsgeschichte, Lebensstil. Deshalb kommt es darauf an, dass sich die vielen unterschiedlichen Menschen jeweils auf ihre Weise in der Stadt zu Hause fühlen können, Raum haben für ihre spezielle Form von Heimat. Für die unterschiedlichen Heimatgefühle brauchen wir eine tragfähige Gemeinschaft in der Stadt die Einheit in der Vielfalt. Dazu ist es hilfreich, das Unverwechselbare hervorzuheben, das Besondere der Stadt. Sie erkennbar zu machen: Das ist meine Stadt, da gehöre ich hin. Die Briten nennen das sense of place, das klingt leichtfüßiger als Heimat, und sie fördern sense of place, weil sie wissen, dass heterogene Gesellschaften auf diese Weise eine gemeinsame Grundlage finden können. Dabei gilt es, die Gefahr der Kommerzialisierung zu vermeiden und nicht dem Inszenierungsdruck der Tourismusmanager zu erliegen. Deren Bilder entsprechen durchaus nicht immer dem Gefühl der Bevölkerung. 55

57 Es gilt vielmehr, die jeweilige Stadtpersönlichkeit zu erspüren. Jede Stadt hat eine eigene Biographie, die auch Entwicklung und Veränderung beinhaltet. Dazu gehört auch die Mentalität, also wie man in einer Stadt lebt. Die Stuttgarter zum Beispiel sind eben sparsame Schwaben, ihre Kehrwoche ist ein Kulturgut. Die Kehrwoche schweißt sie zusammen, quer durch alle Milieus, ob Hanglage oder Mietblock, Bioschwaben oder Zugewanderte. Wir sollten die gemeinsame Grundlage mit den unterschiedlichen Menschen, mit den vielen Kulturen auch zusammen entwickeln, zum Beispiel über Feste, die Öffnung der Institutionen (z. B. Theater und Museen) oder Leitbildprozesse, in denen man sich auf Bilder und auch Werte einigt, in denen sich alle wiederfinden. Es wird weiterhin Konflikte geben, aber sie können dann auf festem Boden ausgetragen werden. In einer Stadt, die allen gehört, kann jede und jeder kreativ an der Identität der Stadt mitarbeiten und damit auch Verantwortung für ihren Weg in die Zukunft übernehmen. Die Identifizierung mit der Stadt birgt dabei nicht das Aggressionspotenzial, das die Identifizierung mit der Nation produziert. Die Gewissheit vom Wert der eigenen Stadt kann sehr wohl mit Weltoffenheit Hand in Hand gehen. Wie kann eine solche Heimatpolitik aussehen? Sie ist mit Sicherheit ressortübergreifend und partizipativ. Kulturpolitik der Bereich der Bilder und Symbole, der Wertvorstellungen hat dabei eine tragende Aufgabe, aber natürlich auch die Bildung, das Soziale. Die Städtebauer. Die Umweltpolitiker. Im Grunde brauchen wir für eine gute Heimatpolitik alle Bereiche der Politik, eine nachhaltige integrierte Stadtentwicklung auf der Grundlage einer breiten Partizipation, einer möglichst umfassenden Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger. Heimat in der Stadt schaffen und erhalten ist ein zivilgesellschaftliches Projekt. Zuhause fühlt man sich, wo man mit gestalten und sinnvoll mitarbeiten kann. Viele Städte arbeiten an integrierten Konzepten nachhaltiger Stadtentwicklung. Dabei darf der Begriff Heimat nicht fehlen. Leitfragen könnten sein: Welche Vision haben wir für unsere Stadt in der Zukunft? Wie können wir sie so gestalten, dass sie bei aller notwendigen Veränderung ihren eigenen Charakter behält und zugleich Platz hat für unterschiedliche Lebensentwürfe? Dass sie öffentliche Räume und Einrichtungen als Gemeingüter zur Verfügung stellt, die allen gehören, Orte, wo man sich trifft und am großen gesellschaftlichen Gespräch teilnehmen kann? Dass sie so eingerichtet ist (zum Beispiel durch kluge Verkehrs- und Stadtteilpolitik), dass nachhaltige Wirtschafts- und Lebensweisen leicht und selbstverständlich werden? Dass Heimat in der Stadt nicht heißt, auf Kosten anderer oder auf Kosten der Zukunft zu leben? Dass sich in ihr ein Wir entwickeln kann, in dem jedes einzelne Ich Platz hat? 56

58 Mittagpause mit Musik von Zwirbeldirn 56

59 Keynote Prof. Dr. Thomas Meyer Die Identitätsfalle. Vom Missbrauch kultureller Unterschiede Wie Heimatgefühle instrumentalisiert werden 1. Der bis vor kurzem eher verpönte Heimatbegriff scheint eine Renaissance zu erleben. Er ist offenbar dabei, auch jenseits der dumpfen Inanspruchnahme fehlgeleiteter Heimatfanatiker al la Thüringer Heimatschutz chic zu werden, etwa im Sinne der neuen Heimat auf dem Prenzlauer Berg als Little Utopia einer Gemeinschaft, aus der niemand von dort stammt, aber sich alle so fühlen, als hätten sie den Ort erfunden und so, wie sie ihn verstehen und leben, haben sie das ja auch. Der Heimatbegriff ist verlockend, er schmeckt für viele nach der besten Seite Kindheit: Reinheit, Geborgenheit, Vertrautheit mit der Welt und Schutz vor ihr seit zweihundert Jahren in Deutschland ein Kernmotiv der romantischen Kultur. Und er verführt nicht wenige, in Krisenzeiten viele, zur Abwehr des und der Heimatfremden auf einer nach oben offenen Skala, angefangen von ihrer Diskriminierung und Ausgrenzung bis hin zur Vertreibung und zum Mord. Die Heimatverlockung erscheint als ein süßes Gift, das in kleinen Dosen Glück spenden kann und in der Überdosis zum Wahn führen kann. Die richtige Dosis ist schwer zu bestimmen, sie hört in der Regel, mit einigen Ausnahmen, dort auf, wo der Begriff in politische Hände gerät. Gebrauch, Überhöhung und Missbrauch liegen beim Heimat-Begriff offensichtlich dichter beieinander als bei den meisten anderen Begriffen der politisch-kulturellen Sprache. Klärung tut not. Bei meiner Suche nach neuren Erkenntnissen, Erfahrungen und Ideen zum alten Thema Heimat, bin ich zumeist nur auf Vertrautes gestoßen, sozusagen eine heimatliche Textwelt. Am meisten eingeleuchtet hat mir bei den ungetrübt positiven Heimatbefunden, um soviel vorweg zu sagen, eine unscheinbare Bemerkung eher abseits der großen Debatten. Als ich in einem jüngst erscheinen Sammelband zur Ehren der berühmten Münchener Bar von Charles Schumann blätterte, stieß ich auf die durch und durch überzeugende Bekundung eines prominenten Fans dieser der Vertreibung nächtlicher Einsamkeit und Lebensfremde gewidmeten Einrichtung. Der Schreiber des Artikel fasste sein ausführliches, jeglichen Hauchs von Kritik bares Loblied in der Bemerkung zusammen: kurzum, ich kann sagen, Charly s Bar das ist meine eigentliche Heimat. Das war natürlich nicht ironisch gemeint. Ich weiß nicht, wo der Mann herkommt und auch nicht wo und wie er heute lebt aber nachdem ich seine Begründung gelesen hatte, hier einen Ort zu finden, wo er ganz als er selbst uneingeschränkt angenommen und anerkannt ist, fand ich: Recht hat er. Seine Schlussfolgerung war nach seinem Erfahrungsbericht vollkommen glaubwürdig. 57

60 Heimat, so könnte man ihn verstehen, ist ein Ort vollkommener Zugehörigkeit, aber nicht Hergehörigkeit, vollendeter Identität von Subjekt und Objekt oder eher bzw. zusätzlich von Subjekt und Subjekt. Ein Platz, an dem die Sehnsucht zur Ruhe kommt, ein Raum der Einstimmigkeit und des Einverständnisses, sozusagen eine Feier gelingender Identität. So etwa lesen sich auch die eher wissenschaftlichen Darstellungen von Heimat, die affirmativen ebenso wie diejenigen, die dann allerdings im weiteren Verlauf oft eine sehr kritische Wendung nehmen, weil sie meinen, derlei sei in der wirklichen Welt, der modernen zumal, immer nur als Illusion zu haben. 2. Die so anspruchsvoll beschriebene Heimat muss ja keineswegs immer ein realer Ort sein, weder ein früh, in der Kindheit tatsächlich erlebter, noch ein später gesuchter und gefundener. Für den marxistisch-humanistischen Philosophen Ernst Bloch ist Heimat und das schreibt er im amerikanischen Exil, während die Nazis gerade seine Herkunfts- Heimat verwüsten ein Noch- Nicht, eine Utopie, eine Hoffnung, deren Erfüllung durch die Emanzipation der menschlichen Gattung noch aussteht. Die aber, in Blochs Verständnis, nicht nur möglich ist, sondern sich mit historischer Gewissheit eines nicht allzu fernen Tages erfüllen wird. Und zwar dann, wenn die Entfremdung zwischen den Menschen, zwischen Ich und Du, der Versöhnung gewichen ist, und das Wir an seine Stelle tritt, ein gesellschaftlicher Ort der Identität von Individuum und Gattung, Einzelmensch und Menschheit. Die Herkunfts- Heimat aber, die Bloch 1933 verlassen musste, erlebten er und mit ihm Millionen andere als einen Ort radikaler Entfremdung, ein Ort größter Fremde, der weites möglichen Entfernung, was ihnen als Wunsch-Heimat erschien, von der der Philosoph Hermann Schweppenhäuser sagte: Die Heimat ist selber das Fremde. Man meint einen Satz aus dem Schatzkästlein der Weisheiten von Karl Valentin zu hören. Ein paar Jahre später, 1935, als sich die Gräuel und der Terror der Nationalsozialsten schon unzweideutig gezeigt hatten, standen die Saarländer vor der Wahl, bei Frankreich zu bleiben und damit vorerst in der Freiheit oder dem Anschluss ans Reich zuzustimmen und damit für die totalitäre Diktatur zu votieren. Am Ende wurde der linke Aufruf ignoriert: Schlagt Hitler an der Saar!. Stattdessen verfingen die Parolen derer, die Heim ins Reich wollten, mit einer Mehrheit von 90.73%. Man dürfe doch in schwerer Stunde die Heimat nicht verraten. So lautete ihre Begründung. Heimat galt ihnen als eine Art naturwüchsiger Zugehörigkeit und Identifikation, die sich durch Denken und Entscheiden und durch keinen politischen Missbrauch zur Disposition stellen ließ. Der man vielmehr auf Biegen und Brechen die Treue zu halten hatte. Herkunft als Schicksal, wie man dazu sagte. Die Schoa war ja in gewisser Weise ein Akt der radikalsten Form der Reinhaltung deutscher Heimat von den Heimatfremden. Als der Vernichtungskrieg dann begann, war die Propagandabotschaft an die Front- Soldaten, ihr Einsatz zu Unterwerfung und Auslöschung fremden Lebens sei Dienst an der Heimat auf bizarre Weise aufgemuntert durch Radiodirektschaltungen zwischen entferntesten Frontabschnitten und der Heimat mit Wunschkonzerten aus der Heimat für ihre treuen Söhne in der Fremde. Heimat als Propaganda- Show für die Kriegführung. 58

61 3. Damit ist der Horizont dessen, was Heimat sein und bedeuten kann, auch schon fast abgeschritten. Ein Ort zwischen Verheißung, Erlösung und Hölle auf Erden für jene, die nicht zugehören dürfen. Offenbar drückt sich im Heimatbegriff ein machtvolles Bedürfnis aus, wie wir vielleicht an und in uns selber spüren, aber in sehr verschiedener Art und Weise, mit höchst unterschiedlichen Inhalten und Bezügen. Das Heimatbedürfnis, so viel scheint fest zu stehen, ist ein Bedürfnis nach ungeteilter sicherer Identität in einer Welt der Verunsicherung. In der Stärke des Dranges scheinen beide Größen der Heimatdrang und die Verunsicherung zu korrelieren. Heimat als letzter Identitäts- Anker, der mir nicht verweigert werden kann, weil er mein naturwüchsiger Ursprung ist. Nun ist ja durchaus ungewiss, was Identität in solchen Zusammenhängen bedeutet. Das Wort ist reichlich strapaziert, es hat, seit es zur Schlüsselvokabel für die Erlösung von höchst unterschiedlichen Unverträglichkeiten und zur Zuflucht vieler Sehnsüchte im Leben der Menschen in der Moderne wurde, den vielfältigsten Gebrauch und Missbrauch erfahren. Für den politisch-kulturellen Zusammenhang, um den es bei der politischen Instrumentalisierung kultureller Identität und damit auch der Heimatsehnsucht geht, mag eine kurze Erinnerung genügen. Um überhaupt als zurechnungsfähiger Teilnehmer sozialer Interaktionen handeln und von den Anderen als solcher anerkannt werden zu können, muss jeder Mensch in der Kontinuität seiner Biographie und im Zusammenhang seines Redens und Handelns in wechselnden Situationen über alle Unterschiede hinweg als derselbe wahrgenommen und verstanden werden können. In diesem minimalen und 59

62 allgemeinen Sinne bedarf er als soziales Wesen einer Identität. Jeder muss für sich selbst wissen können, was auch die Anderen in ihm suchen: wer er ist, wenn er in allem Wandel der Situationen, Rollen, Lebensabschnitte und Bezugsgruppen als dieselbe Person erkannt und anerkannt werden möchte. Identität hat etwas mit Zugehörigkeit zu tun, in modernen Zeiten eher mit selbst gewählten als mit naturwüchsigen. Heimat gehörte traditionell zu den ursprünglichsten Mustern der Konstituierung Identitäts- stützender Eigengruppen gegen die Anderen, die Fremdgruppen. Wir und sie. Sobald nun die soziale Umwelt des Einzelnen ein Mindestmaß an miteinander konkurrierenden Normen, Erwartungen, und Interpretationen für Personen und Situationen bereithält die unausweichliche Grundsituation des modernen Lebens ist personale und soziale Identität kein fester und unverlierbarer Besitz mehr, der, einmal erworben, immerfort wirkt. Sie ist dann nur noch als eine individuelle Leistung möglich, die von Situation zu Situation neu erbracht werden muss und zwar als eine Beziehung zwischen meinem eigenen Selbstbild und dem Bild der anderen von mir. Identität kann ihre soziale Funktion ja nicht dadurch erfüllen, dass der Einzelne sich ein Bild von sich selbst macht und es seinen sozialen Partnern aufdrängt. Sie wird erst wirksam, wenn die Partner ein Bild von diesem Einzelnen gewinnen, in dem sie ihn erkennen und in dem er sich auch selber wiedererkennt. In diesem Sinne ist Identität ein fortgesetzter offener Prozess des Aushandelns zwischen dem Selbstbild, das der Einzelne von sich entwirft, und dem Bild, das sich seine sozialen Handlungspartner in wechselnden Zusammenhängen von ihm machen. Natürlich ist es damit hochgradig störanfällig. Im Zweifel und das ist für viele das Probleme, um das es hier geht muss es von allen Menschen akzeptiert werden können, mit denen wir zu tun haben und nicht nur jenen aus einer selbst gewählten Kleinstgruppe, in die ich mich zur garantierten Selbstbestätigung flüchte und verpuppe. Sozusagen als Kokon-Identität zur Vermeidung von Konflikten, Infragestellung und Verunsicherung. Heimat, der Ort der Herkunft, der ursprünglicher Vertrautheit vom Raum und Leuten und des Erwachens des eigenen Selbstbewusstsein, kann entscheidend zur Identitätsbildung beitragen, aber auch zu ihrem Misslingen. Wenn sie ihn von Widerspruch und Vielfalt fernhält trägt sie zum Misslingen bei, zum Gelingen hingegen, wenn sie ihn damit früh vertraut macht. Es ist wie im Leben der Familie. Die Übereinstimmung zwischen Selbstbild und Fremdbild ist niemals von vornherein garantiert, sie kann immer scheitern. Und wo sie scheitert, liegt die Flucht und die künstliche, selbstgemachte Sicherheit nahe. Die Einzelne kann sich den Zumutungen und Anstrengungen dieses riskanten Prozesses jedoch nicht entziehen, solange sie überhaupt als der bestimmte Mensch, der sie ist, von seiner Umwelt anerkannt werden will. Identität ist darum kein individueller Besitz, von der Herkunft ererbt, sondern der soziale Prozess einer Balance zwischen widersprüchlichen Erwartungen. Das Individuum kann und darf die ihm von den Anderen angesonnene soziale Identität niemals ganz annehmen, solange es Individuum bleiben möchte, und es kann einen gewissen Widerstand zwischen den diversen sozialen Ansinnen und seinem eigenen Selbstverständnis auch schon deswegen nicht aufgeben, weil die Bezugsgruppen und Situationen, von denen sie ausgehen, rasch wechseln. Unnachgiebige soziale Festlegungen durch die soziale Gruppe, die oft weniger mit dem einzelnen Individuum selbst zu tun haben als mit seiner Familie oder gar deren Vorgeschichte, 60

63 sind nicht selten der Grund, warum Menschen es eilig haben, ihrer Herkunftsheimat zu entkommen - je nachdem, welcher Platz ihnen da zugewiesen war. Der fortwährende soziale Balanceakt der Selbstbehauptung individueller und sozialer Identität verlangt darum vom Einzelnen ein Mindestmaß an Fähigkeit zum Aushalten von Widersprüchen, zum Widerstand gegen soziale Zumutungen, zum Zusammenleben, zur Empathie mit Anderen heutzutage mitunter auf den ersten Blick dem scheinbar ganz Anderen. Uneindeutigkeiten und Ambivalenz gehören dazu und sind beim Entwurf seiner selbst, den der Einzelne in immer neuen Anläufen fortführen muss, in Rechnung zu stellen. Dazu bedarf es dessen, was Milton Rokeach treffend einen offenen Charakter im Gegensatz zum geschlossenen genannt hat. Ein solcher Charakter bildet eine soziale und persönliche Identität aus, die Spannungen aushält, für wechselnde Situationen und Menschen offen bleibt und darum Verschiedenartigkeit und Widerspruch in der sozialen Umwelt nicht als Bedrohung, Quelle lähmender Angst oder sogar als Abwertung der eigenen Identität, gar als Selbstverlust und Selbstentwertung empfinden muss. Der geschlossene Charakter hingegen empfindet Widerspruch, Unterschiede und die Gegenwart des Anderen als Verunsicherung oder gar Infragestellung, Verlust des Eigenen. Die offene Identität enthält viele Brüche und Unterschiede in sich selbst. Ohnehin bildet der Einzelne in offenen Gesellschaften viele spannungsreiche Teil-Identitäten in seiner Arbeits- und Lebens- und Freizeitwelt aus: als Mutter bzw. Vater, Gläubiger bzw. Gleichgültiger oder Agnostiker, Lehrer oder Handwerker, Wähler der liberalen Partei oder der konservativen, der sozialdemokratischen oder grünen, Hausbesitzer oder Hausbesetzer, Bewohner des Südens oder Nordens, Fußballfan oder -verächter, Gewerkschafter oder Arbeitgeber, Anspruchsteller und Steuerzahler und was sonst noch auf ihn zutreffen mag. Zwischen manchen dieser Teilidentitäten bestehen dauerhafte Reibungen etwa Arbeitgeber und Sozialdemokrat oder Chemiefabrikant und Grüner. Das auszuhalten gehört zu einer lebensfähigen modernen Identität. Heutzutage treten zunehmen die immer weiter gezogenen Kreise der örtlichenräumlichen Zugehörigkeiten hinzu, die gleichwohl mein Alltagsleben gleichermaßen dicht und nah mitprägen können: mein Dorf oder Stadtteil oder Kiez, dann das Land, der Staat, Europa, schließlich das Weltdorf, dem wir heute durch den ökologischen und kommunikativen Zusammenhang unvermeidlich in oft nächster Nachbarschaft alle zugehören. Unter den Bedingungen einer offenen Gesellschaft und damit immer auch widerspruchsvoller sozialer Erwartungen ist für eine stabile Identität nicht der Akt der Identifikation das Entscheidende, sondern bei niemals restloser Übernahme sozialer Erwartungen die Fähigkeit zu Empathie mit anderen Identitäten, sich auch aus der Sicht der anderen sehen zu können. Distanz zu den eigenen Rollen, die jeweils übernommen werden, und Toleranz gegenüber den Uneindeutigkeiten, die stets bleiben. Ein offener Bezug zur eigenen Herkunftsheimat schließt ein Selbstverständnis als aktive Weltbürgerin ein, die sich auch für das Fernste, das alle betrifft - Fukushima, den brasilianischen Regenwald, die Heimatvertreibungen in Darfur genau so lebhaft interessiert und engagiert, wie für das Geschehen vor der eigenen Haustür 61

64 4. Die Identitätssuche, überhaupt und die nach Heimat, wird zum dann Identitäts- Wahn, wenn sie ohne Distanz zu den eigenen Rollen, ohne Empathie für die verschiedenartigen Rollen und Identitäten der Anderen, ohne den Willen, Ambivalenzen zu ertragen, in jedem Handlungsfeld nur ganz als dieselbe aufzutreten vermag und sich in der sozialen Umwelt nur noch spiegeln will. Dann wird das Andere, das Fremde als Bedrohung erfahren und der Fremde als Symbol für die Fremdheit der Welt, sozusagen als ihr Sendbote im vermeintlich doch vor der Welt geschützten Heimatraum abgelehnt oder gehasst. Identität schlägt in Identitäts-Wahn um, sofern sie sich ihrer selbst nur sicher wird, wenn sie in ihrer sozialen Umwelt nichts Andersartiges, Fremdes, Uneindeutiges, Widerständiges mehr erfahren kann, von dem sie sich in ihrem eigenen Anspruch herausgefordert, verunsichert, in Frage gestellt fühlen könnte. Sie muss das Andere, das ihr selbständig gegenübertreten will, darum entwerten, vertreiben oder unterwerfen, die soziale Umwelt von allen kulturellen Unterschieden säubern, um sich ihrer selbst gewiss sein zu können. Das ist der moderne Identitäts- Fundamentalismus. Es gibt ihn in vielen Varianten und in Bezug auf viele unterschiedliche soziale Bezugsdimensionen. Der Heimat-Wahn ist eine von ihnen. Er gewinnt aus der Zunahme der Lebensunsicherheiten und dem Verlust der tröstenden utopischen Energien des modernen Fortschrittsmodells einen starken Antrieb. Eine umfassende Überblicksstudie mit vierzehn empirischen Fallanalysen für sieben unterschiedliche Kulturkreise aus fünf Kontinenten hat gezeigt, dass sprachliche, religiöse, ethnische, regionale und kulturelle Unterschiede in allen Kulturkreisen in verfeindender Absicht politisiert und gegeneinander ausgespielt werden. Identitätspolitik kann sich im Zweifel so gut wie jeden Unterschied zunutze machen, der zwischen Menschen möglich ist. Identitätspolitik ist ein Form des verfeindenden Umgangs mit kulturellen oder ethnischen oder Herkunfts-Unterschieden, eine Strategie vormachtorientierter Politisierung der eigenen Identität Kultur gegen die Anderen. Eine für das Ende des 20. Jahrhunderts höchst merkwürdige Naturalisierung des Verständnisses von Kultur oder Herkunft ebnet diesem Prozess der Rückkehr eines Freund-Feind-Denkens durch die kulturelle Hintertür in die Mitte der politischen Arena den Weg. Als wären Kulturen, Herkünfte und die Zugehörigkeit der einzelnen Menschen zu ihnen so definitiv und so unverbrüchlich wie die Zugehörigkeit von Lebewesen zu ihren biologischen Gattungen und Arten und vor allem a la Samuel Huntington: als seien Unterschiede in dieser Hinsicht unweigerlich Keime der Feindschaft. Hier zeigen sich die besonderen Risiken eines fundamentalistisch zugespitzten Heimatbegriffs. Denn Heimat, so scheint es, ist gerade das, was angeboren ist und nicht erworben werden kann, sozusagen die Natureigenschaft des Menschen par exzellence, die mit anderen, Hinzukommenden im Grunde nicht wirklich geteilt werden kann. Dass die Erde ein Weltdorf geworden ist, heißt in einer unvermeidlich globalen Migrationsgesellschaft eben auch, dass zu uns kommt und uns umgibt, was sich an kulturellen Differenzen und Widersprüchen, vertrackten Fragen und fixen Antworten in allen übrigen Teilen der Welt ergeben hat. Es gibt auf Erden so gut wie keine Lebenswelten, keine Heimatorte mehr, die nicht von Menschen unterschiedlicher religiöser, kultureller oder Herkunfts-Identität geteilt werden. Die Vielfalt ist heute allgegenwärtig. Weder die martialischen Fangzäune an den Südgrenzen der USA mit 62

65 ihren zahlreichen schwerbewaffneten Hobby-Jägern auf illegale Grenzgänger, noch das Schengener Abkommen und die Aushöhlung des Asylrechts in Europa können verhindern, dass sich so gut wie alle Kulturen dieser Welt nun auch in den Wohlstandsgesellschaften des Nordens ein Stelldichein geben und ihre je besonderen Identitätsansprüche geltend machen, sobald sie erst einmal halbwegs Fuß gefasst haben. Mit welchem Recht wollte etwa jemand verbieten, dass sich die Minderheit der türkischen Muslime in Siegen-Weidenau, einem traditionellen Herzland des Pietismus mit protestantisch fundamentalistischem Einschlag im südlichen Westfalen, wenigstens dreimal täglich über phonstarke Lautsprecher zum Gebet rufen lässt, nachdem die Prüfung der Rechtslage ergeben hat, dass allein das Landesimmissionsschutzgesetz Einwände begründen könnte, aber nur im Hinblick auf die Lautstärke. Solche Erfahrungen können je nachdem die kulturelle Neugier anregen oder das Andere, das überraschend und irritierend zum Nachbarn geworden ist, zum bedrohlichen Feind werden lassen, gegen den das Eigene, die Heimat der Eingesessenen besinnungslos mobilisiert werden muss. Erwähnt werden muss dabei, sozusagen als die eigentliche Wahrheit dieses Heimatverständnisses, das der Schriftsteller Heinrich Vormweg, der in seinen Texten das Repressive und Heuchlerische dieser Heimatidentität enthüllt hatte, ihre Unduldsamkeit gegen Freiheit und Abweichung schon gegenüber den Eingeborenen selbst, einst tätlich angegriffen wurde, als er in Siegen aus seinem Heimtattext lesen wollte. Auch in unserer eigenen Herkunftskultur differenzieren sich ja die sozial-kulturelle Milieus mit ihren höchst unterschiedlichen Lebensethiken, Lebensstilen, alltagskulturellen Praktiken, weltanschaulichen Bindungen und kulturellen Überzeugungen immer mehr aus. Dieser Unterschiede etwa zwischen einem neoliberalen BWL-Aufsteiger, einem protestantisch Alternativen, einem katholischen Altindustriellen und einem abgehängten Prekarier oder einem lebenskulturellen Piraten - liegen oft weiter auseinander als die zwischen einem von ihnen und einem verwandten Milieu in einer ganz anderen Kultur. Sie sind einander im Alltag ganz fremd. In Wahrheit gibt es im sozialräumlichen Sinne keine Heimat mehr, in der sie nicht nebeneinander existieren müssen. Aber es gibt heute viele Menschen, die sich ihre Schneisen durch die sozialen Lebenswelten so schlagen, dass sie sogar im selben Ortsraum nur noch mit jenen in direkten Kontakt kommen, die Ihre Vorlieben, ihren Geschmack, ihre Urteile also ihre soziale Identität weitgehend teilen und dem Rest die kalte Schulter zeigen. Das bezieht sich auf das Wohnhaus, die Einrichtung, die Zeitung, die Kita, die Kneipe, den Laden, die Filme, die Bücher die Welt. Dieselben Orte zerfallen oft in getrennte sozial- räumliche Lebenswelten. In den Großstädte sowieso, aber auch in kleineren Orten. 5. Der Heimat Wunsch, die Sehnsucht nach der Geborgenheit des sicheren Ortes mit den bekannten Gesichtern entspringt dem Wunsch, in der modernen Kultur der Offenheit und der Ungewissheit, der Unsicherheit und Unübersichtlichkeit einen Ort der Zuflucht und des Schutzes zu finden. Entweder in einer weichen, gebrochenen und offenen Form, also relativ. Oder in harter, geschlossener und ausschließender Form - also absolut. So gut wie jeder Mensch außer Herr Berggruen Junior sucht einen Lebensort, an der er sich zu Hause fühlt, in der sich eingewöhnen kann. Menschen brauchen als 63

66 Kulturwesen soziale Räume, in denen sie sich angenommen fühlen. Daran ist nicht Problematisches, solange das nicht in fundamentalistischen Radikalismus abgleitet und Ausgrenzung derer verlangt, die man nicht sehen will. Es ist auch etwas ganz anderes, ob Menschen einer örtlichen Gemeinschaft in ihrer als selbstverständlich anerkannten inneren Vielfalt und zwar die unterschiedlichen Menschen im Bewusstsein ihrer Vielfalt ihre Lebenswelt im Rheinischen Braunkohlerevier gegen die Abrissbagger mit der Berufung auf ihr Recht auf Heimat verteidigen (Dies ist eine der wenigen Situationen, wo Heimat, im Sinne der natürlichen Existentvoraussetzungen eines sozialen Lebensortes als politischer Abwehbegriff legitime Verwendung finden kann) oder ob ethno-fundamentalistische Schläger in den Gassen thüringischer Kleinstädte Jagd auf Fremde machen und dabei die Parole Heimatschutz brüllen. Das eine Mal geht es um Lebensmöglichkeiten für alle, das andere mal um Zugehörigkeit oder Ausschluss von Menschengruppen je nach Zugehörigkeitsnachweis. Die große Versuchung, die nicht selten auch beim vordergründig über jeden Verdacht erhabenen, harmlos freundlichen Heimatbegriff mitschwingt, ist der Identitätsfundamentalismus. In gewisser Weise ist er es, der das Verlockende und den Zauber im Bild der Heimat überhaupt erst ausmacht. Heimat als der Gegensatz zur Fremde, zum Fremden, der Ort, an dem ich, an dem wir als Gleichzugehörige zuhause sind, ohne Zweifel, ohne Unsicherheit, ohne Bedrohung, vor allem auch ohne die Zumutungen des Unbekannten, des Anderen und der durch sie erfolgenden Infragestellung. Dieses fundamentalistische Heimatverständnis, das die Abgrenzung und oft auch die Abwertung des Anderen, des nicht Identischen, des Fremden voraussetzt und im gemeinsamen Ritual der Zugehörigen bekräftigt, das ist zwar nie die wirkliche Heimat, der tatsächliche Ort, an dem jemand aufgewachsen und zur Ich-Identität und Selbstbewusstsein herangereift ist. Es ist eine Art Heimatideologie, Ideologie als Heimat. Denn die wirklichen Heimaten dieser Welt sind so gut wie immer von ihren inneren Ausgrenzungen geprägt, von Repressionen, Zwängen, sozusagen einer Art innerer Fremdheit für Viele auch der Zugehörigen. Eine der Wahrheiten, die der Enge, der Einschüchterung, des Erdrückenden, über die wirkliche Ursprungs- Heimat ist in den Erinnerungen an Altötting in Andreas Altmanns Buch zu finden, das den aufschlussreichen Titel trägt: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend. Als der Schriftsteller daraus in seiner Heimat lesen wollte, musste er sich von zwei Bodygards begleiten lassen, nachdem ihn aus ebendieser Heimat zahlreiche s etwa folgenden Inhalts erreicht hatten: Komm ja nicht nach Altötting. Ich werde Dich in der Gülle ersäufen. Heinrich Vormweg ließ grüßen. Heimat ist eben oft auch, natürlich nicht immer und keineswegs für alle, die Erfahrung früher, naturwüchsiger Repression und Beklemmung. Die besseren, die literarischen Heimatromane, etwa Ödön von Horvaths Geschichten aus dem Wiener Wald, haben diese Zusammenhänge, das Fremde, Befremdliche an der Heimat selbst, in authentischer Weise zu Protokoll gegeben. Die Sehnsucht nach Heimat ist eine Sehnsucht nach Identität, zunächst im Sinne einer sozialpsychologischen Anerkennung, Annahme und Vertrautheit durch die Welt, die als Heimat erscheint. Sie kann freilich auch zu einer politischen Ideologie werden, die sich, notfalls mit Macht, gegen alles richtet, was der gesuchten Identität im Wege steht. Gegen ersteres, die sozialpsychologische Sehnsucht nach Heimat, ist nichts einzuwenden, solange sie in der realistischen Sicht verankert ist, die weiß, 64

67 dass Heimat nicht ohne Vielfalt und Widerspruch, Dynamik und Widerstand zu haben ist in einer Gegenwartswelt, in der geschlossene, einheitliche und simpel Lebenswelten nur noch als Fiktion zu finden sind. Dieser offene Heimatbegriff, entspricht der offenen Form pluraler Identitätsbildung, die nicht vergisst, dass in jeder Lebenswelt immer viele Menschen mit unterschiedlichen Lebensformen, Überzeugungen und Glaubensweisen anzutreffen sind, von denen dann auch viele gute Nachbarn oder gar Freunde sein können, mit denen man heimisch werden kann, aber nie mit allen die aber anerkannter Teil der Heimat bleiben. Heimat verweist schon semantisch von sich aus auf die oder das Fremde als seinem Gegenteil. Obwohl schon in diesem Grundbezug mit diesem Gegensatz in offener Weise oder geschlossen, fundamentalistisch hantiert werden kann, liegt doch im politischen Sprachgebrauch die fundamentalistische Bedeutungsschicht immer am nächsten. Zur Heimat scheint auch ein gewisser Drang nach fremden, fernen Sehnsuchtsorten zu gehören denen es uns sogar aus dem sicheren Hafen der Heimat hintreibt. Oft aber nur, wie die Volkslieder ausweisen, um dann dort endgültig zu erfahren, dass eben doch die eigene Heimat das einzig Wahre ist. Mitunter als eine Art Strafe für die, die das nicht glauben wollten oder für jene, die die geschenkte Zugehörigkeit zur gemeinsamen Heimat nicht rechts zu schätzen wissen. Heimatliteratur und Märchen verschweigen freilich fast immer die unvermeidlich zugehörige Begleiterfahrung, dass eben jeder in der Fremde ein Fremder ist, wie Karl Valentin so unvergesslich in Erinnerung rief. Die fälligen Lernprozesse, wie angesichts dieser eigenen Erfahrung die Fremden in der eigenen Heimat zu behandeln wären, bleibt aus. Der politisch oder kulturell instrumentalisierte Heimatbegriff und sogar zu einem guten Teil der, den wir uns gern als Zuflucht als heiles Gegenbild zurechtlegen, wenn wir erst einmal in der Fremde des Erwachsenenseins, den wirklichen Lebenswelten der Moderne, neuer Orte, Arbeitswelten, Alltagsherausforderungen angekommen sind, ist immer ein am Bedürfnis tröstender Identifikation orientierte sozialpsychologische Konstruktion. Diese ist wie eine Folie, die manches vom Wirklichen abdeckt, aber eben vieles, oft das Wichtigste auch nicht, um dann über vertraute Orte und manchmal auch nur Orte der Sehnsucht oder den Ort der Herkunft gelegt wird. Beide verschmelzen dann zu einem einzigen Bild, das in der Erinnerung der eigenen Sehnsucht immer ähnlicher und der Wirklichkeit immer unähnlicher wird. Das nachdenklichere Wort Wahlheimat ist eher gegen die fundamentalistische Versuchung gefeit, weil es schon im Begriff und dem, was ihm in der Sache zugrunde liegt, die eigene Entscheidung sichtbar macht, die hier die zentrale Rolle spielen. Die Wahlheimat ist ein Ort, an dem ich nicht ursprünglich zugehörig bin, den ich mir und unter möglicherweise vielen anderen als denjenigen ausgesucht habe, an dem ich leben möchte und vor allem auch, an dem ich mit anderen, die entweder schon dort waren oder möglicherweise eine ähnliche Wahl wie ich selber getroffen habe, zusammenleben kann und gleichberechtigt zusammen leben muss, da keiner hier auf naturwüchsige Zugehörigkeit pochen kann. Dieser Begriff setzt also neben der Wahl auch die Vielfalt voraus und streift jeden Rest von Naturalismus und Erstgeburtsrecht der Zugehörigkeit, von fundamentalistischem Identitätswahn ab. Er lässt aber Raum für die Emotionen des psychischen und sozialen Einvernehmens, mit einem Ort und wahrscheinlich auch mit den Menschen, die dort anzutreffen sind. Im Grunde ist es so, dass Heimat immer dann, wenn es in der Art der Wahlheimat verstanden wird, gegen den 65

68 Heimatfundamentalismus gefeit ist, der von der Entgegensetzung zum Anderen, zum Fremden, zur Fremde lebt und darum auch immer zur Ausgrenzung neigt. Wahlheimat hingehe ist der selbst gewählte Lebensort an dem wir und zuhause fühlen. 6. Der Rechtsextremismus, zumal in den neuen Bundesländern, hat sich als Heimatfundamentalismus par excellence erwiesen. Sein Programm in Wort und Tat ist die sozialen Ausgrenzung und Verfolgung der Zugezogenen, in ihrer sichtbarsten, fremdesten Form immer die südlich aussehenden oder afrikanischen Neuankömmlingen aus der unmittelbaren Lebenswelt. Es beginnt mit ihrer verbalen Abwertung und Erniedrigung, geht über ihre physische Drangsalierung und Vertreibung, die Errichtung ausländerfreier Zonen bis hin zum gezielten Mord. Die Abfolge dieser Schritte dürfte den Aktivisten des Thüringer Heimatschutzes, die am Ende zu Serienmördern wurden, als logisch, sozusagen als bloße Steigerung in der Konsequenz erschienen sein, mit der sie ihre Heimat, wie sie sie sahen und wollten, gegen Eindringliche schützen. Das Ziel kann nur eine Gemeinschaft der vermeintlich reinen ethnischen Identität sein, aus der alle Nicht-Identischen alle und alles Fremde ein für allemal vertrieben sind. Die neuen Rechtsextremisten, sind freilich bis auf einige updates die alten. Es gibt in den neuen Bundesländern mittlerweile viele und ausgedehnte no go areas, ausländerfreie Zonen, wie der zynische Name lautet. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Mörder des Nationalsozialistischen Untergrunds ihre Blutspur vom äußersten Norden bis zum Süden, vom Osten bis zum Westen Deutschlands zogen, sozusagen in der Form eines äußern Umrisses der ganzen Bundesrepublik, wie um das ganze Land symbolisch als ausländerfreie, als beherrschte Zone im Sinne des Heimatverständnisses der thüringisch-sächsischen Rechtsextremisten zu markieren. Ein Heimatbegriff, der offenbar zum Morden einlädt. Die Vermischung der Kulturen in multikulturellen oder anderen Projekten, die sich gegen kulturelle Separation richten, wird in der neurechten Sprache zum Ethnozid (de Benoist) oder kulturellem Völkertod erklärt (Terkessides). Da eine solche Heimat- Ideologie als ganze unzurechnungsfähig ist, hat es mich durchaus gewundert, dass nun die norwegischen Gutachter, Breivig, der auf dieser Grundlage 77 Kinder und Jugendliche tötete, individuell für unzurechnungsfähig erklärte, wo das doch für die ganze, weit verbreitete und gut verzweigte Ideologie gilt, für die er steht. Doch das galt auch schon für den Nationalsozialismus und sein Programm der Befreiung der deutschen Heimat von ihren Juden. Der Begriff der ethnischen Säuberungen als wenn die ethnisch andere Schmutz wäre, der fortgewaschen gehört ist uns in Europa erst im Zusammenhang der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre vertraut geworden. Im Grunde ist der Drang von beträchtlichen Teilen der ethnisch-fundamentalistischen Politakteure dieser Region trotz der blutigen Opfer, des unermesslichen Leids, das diese Vertreibungs- und Ausrottungspolitik, die sie in Wahrheit war, herbeigeführt hat, bis heute nicht wirklich erloschen. Die meisten Morde, die dort geschahen, sind im Namen einer ethnisch reinen Heimat geschehen als eines Siedlungsraumes, in dem von Rechts wegen sich nur Mitglieder derselben Ethnie und Religion niederlassen dürfen, ganz gleich, wie lang die Kette ihrer Vorfahren, die dort gelebt haben, schon sein mag. Dort, vor allem in Bosnien, aber auch in vielen anderen Regionen dieses Raumes, besonders auch 66

69 im Kosovo, wurden je nachdem was die dominante Gruppe, die definierte, wessen Heimat das sein durfte, entweder die wirkliche (oder vermeintliche) ethnische Zugehörigkeit oder die Religion zum Kriterium der Ausschließung gewählt. Es waren fast nie die Nachbarn selbst, die plötzlich, nachdem sie oft gut und verträglich über viele Generationen hinweg zusammen gelebt hatten, aus heiterem Himmel übereinander herfielen, sondern so gut wie stets ethnisch religiöse Identitätsunternehmer, die die Ausschließung der anderen, Vertreibung, Gewalt, Mord als Mobilisierungsstrategie betrieben. Solche fundamentalistischen Mobilisierungsstrategien dienen häufig in erster Linie dem Zweck, die eigene Herrschaft der Eliten zu legitimieren und zu bekräftigen, Differenzen, Widersprüche, Unterschiede in der eigenen Gefolgschaft zu skandalisieren und auf diese Weise sich eine möglichst hohe und kritiklose Gefolgschaftsbasis zu schaffen. Was dort geschah, ist in anderen Teilen der Welt geschehen und geschieht jetzt in diesem Augenblick anderswo in noch viel größerem Maßstab und noch größere Brutalität. In Indien sind sofort nach der Erklärung der Unabhängigkeit Millionen Menschen getötet worden - in Pakistan, das nun nicht mehr die Heimat von Hindus sein durfte, und in Indien, das nun nicht mehr die Heimat der Muslime sein konnte, so jedenfalls sahen es die Radikalen Identitätsunternehmer, welche die Konfusionen und die Irritationen des Augenblicks erbarmungslos nutzten. Ganze Völkerwanderungen in beide Richtungen von und aus Indien ergaben sich, wiederum mit Nachwirkungen bis zum gegenwärtigen Augenblick, denn auch die Attentäter von Bombay aus dem Jahre von 2008 gehören noch in diesen identitätspolitischen Zusammenhang. Der alte Heimatbegriff der romantischen Flucht vor den Zumutungen der modernen Zeit mit seinem sauber sortierenden und abgrenzenden Identitätsbegriff und seiner Abstammungsidee passt nicht so recht in die Welt der Migration, der religiösen Vielfalt und Säkularisierung, des kulturellen Pluralismus, der Milieudifferenzierung und der individuell selbstbestimmten Zugehörigkeiten. Er gehörte ursprünglich einer Zeit an, in der es all das nicht gab und in der die Lebensweise, oft auch der Lebensweg und der Lebensort für den Einzelnen mit seiner Herkunft vorgezeichnet war. Die Heimatfeiern, die es an so vielen Orten in Deutschland, aber auch überall sonst auf der Welt gibt, waren Rituale zur Bekräftigung der Zusammen- und Zugehörigkeit der eigenen Identität und der Abgrenzung von den anderen, zumeist schon vom nächsten Dorf. Wo es sie heute noch gibt, zumal in modernen Gesellschaften wie unserer, haben sie, wo sie nicht reine Folklore, Inszenierungen des Tourismusbüros sind, etwas Trotziges und Uneigentliches angenommen und unterscheiden sich immer mehr von der Rolle, die sie für die lokale Gemeinschaftsbildung einmal spielten. Ein wachsender Teil der Menschen, die in solchen Kommunen leben, hat damit nichts mehr zu tun, es sei denn als Zuschauer, als innerlich Ortsfremder. Im Oberammergau wird immerhin noch sortiert, wie lange jemand schon im Ort gewohnt haben muss, um für die aktive Teilnahme in Frage zu kommen. Die Rückkehr der Heimat als einem bis vor kurzem weithin verpönten Gefühl, hat viel mit dem Versuch der Selbstfindung in einer unsicheren und unübersichtlichen Welt zu tun, mit der Hoffnung, wie in der Kindheit das Vertraute, Einfache, Heile, den Durchblick und das Vertrauen Können gegen die Zumutungen einer widersprüchlichen hektischen und undurchschaubaren modernen Welt zurückzugewinnen. So eben wie es früher, im eigenen Leben an einem vertrauten Ort, doch einmal war. Solange Heimat ein Begriff der privaten Lebensführung bleibt, 67

70 den der Einzelne auf seine Weise füllt im Respekt davor, wie andere ihn für sich füllen und im Bewusstsein, dass in der modernen Welt die Vielfalt und Unterschiedlichkeit schon längst an jedem Platz angekommen sind, den wir bewohnen können, ist dagegen nichts einzuwenden. Das ist der offene, nicht politisch instrumentalisierte Heimatbegriff. Worum es geht ist der Schutz von Lebensorten, die soziale intakt, kulturell vielfältig, ökologisch lebensfähig und für alle offen sind. An denen wir uns zuhause fühlen und wie von selbst Solidarität lernen und üben wollen. Sie gegen die Herrschaft der Märkte zu fördern und zu schützen, das ist heute eine zentrale Aufgabe der Politik, ohne Anfälligkeit für ideologischen Missbrauch. Heimat aber ist sozusagen ein pharmazeutischer Begriff. Alles kommt auf die Dosis und den Anlass an. Jede Überdosis ist schädlich. Wo der Begriff zum Schlachtruf einer Identitätspolitik der Ausgrenzung benutzt wird, auf die unweigerlich die Herabsetzung des Anderen und danach womöglich der Wunsch nach ihrer Entfernung folgt, zuerst die innere Vertreibung aus der sozialen Zugehörigkeit und dann die äußere aus dem Territorium, aus der geschlossenen Heimat der Angestammten, wird der Begriff zum Brandsatz. Die rechtstaatliche Demokratie und die Kultur der Anerkennung verlangen eine humane Lebenswelt, humane Lebensorte für alle. Mag der einzelne wie jener Stammgast aus Charly s Bar sie für sich nun Heimat nennen oder anders. 68

71 Zusammenfassung Forum 1: Der bayerische Volksmusik Boom: Muss das denn sein, und warum? Impulsreferate: Josef Winkler, Chefredakteur MUH; Evi Keglmaier, Musikerin Zwirbeldirn; Martin Jonas, Volkskundler Moderation: Agnes Krumwiede 69

72 Wunsch nach Regionalität Dass die Klischees über die Volksmusik nicht mehr stimmen, davon ist Agnes Krumwiede, kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/ die Grünen, überzeugt: Sie gehört nicht mehr nur zum CSU-Infostand, sondern auch zu uns, stellt sie in ihrer Einleitung fest. Die neue Volksmusik sei Teil der Gegenbewegung zur Globalisierung - so wünschten sich nach einer Umfrage 60% der Deutschen mehr Regionalität. Der Begriff Heimat habe sein Lederhosenimage verloren. Aber was macht den Reiz der neuen Volksmusik aus? Gehört sie eher einer linken Subkultur an wie etwa die Biermösl Blosn? Heimat am Nullpunkt Für Josef Winkler, Chefredakteur der Zeitschrift MUH, waren die Begriffe Bayern, Volksmusik und Heimat auf dem absoluten Nullpunkt, als die Biermösl Blosn kam, die Rolling Stones der Volksmusik. Seither assoziiere man etwas Linkes oder Hinterkünftiges damit. Früher, so Stimmen aus dem Publikum, haftete der Volksmusik der Ruch des Völkischen an. Volksmusik? Die habe man höchstens aus anderen Ländern gehört, auf Französisch oder Spanisch - keinesfalls auf Deutsch. Zyklische Wiederkehr Der Volkskundler Martin Jonas sprach dagegen von einem zyklischen Phänomen, das in unregelmäßigen Abständen auftrete, zuletzt etwa mit Hubert von Goisern. Andere Beispiele wie BAP oder Haindling werden genannt. Musik muss nicht politisch sein Nicht alle Vertreter des neuen Booms stünden in einem linken Kontext. Ob Volksmusik denn politisch sein müsse, fragte Evi Keglmaier, Musikerin der Gruppe Zwirbeldirn. Nicht unbedingt, argumentierte Jonas, aber das Politische äußere sich wie etwa bei Zwirbeldirn nicht nur im Text, sondern auch durch die Haltung, die man einnehme, wo man auftrete oder auf welchem Label man veröffentliche. Winkler allerdings erwartet von der Volksmusik schon, dass sie im Unterschied zur Popmusik eine Aussage hat. Suche nach dem Authentischen Ist der Volksmusikboom Ausdruck einer Suche nach dem immer Authentischeren? Was ist dann authentisch? Unter dem Siegel neue Volksmusik werden ganz unterschiedliche Musikrichtungen zusammengefasst. LaBrassBanda oder Attwenger haben nichts mit Zwirbeldirn zu tun, weshalb diese sich gegen eine solche Einordnung wehren. Auch das Publikum sei ganz verschieden. Ebenso führe die Unterscheidung zwischen schlechter weil volkstümelnder Musik und echter Volksmusik nicht weiter, denn die Frage, wer wann was aufgeschrieben habe was also das Ursprünglichere sei - ließe sich meist nicht beantworten. Es habe nie eine Art Volks-Ursuppe gegeben, aus der das traditionelle Liedgut entstanden sei, stellt Jonas fest. 70

73 Muss Volksmusik frech sein? Auch ist nicht unbedingt der Fall, ergab die Diskussion. Gleichzeitig entwickele sich eine neue Ästhetik, die sich z.b. in dem Bandnamen Zechenkind äußere kein Mensch hätte sich früher freiwillig so genannt. Ebenso hinter Ruhr 2010 stehe ein neues Selbstbewusstsein der Regionen. Resümee Wesentlich sei, dass man Phänomen nicht eingrenze auf das Eine - eigentlich ein grüner Ansatz alles gelten zu lassen, auch die Freude an Volksmusik vor schöner Bergkulisse. Wichtig sei, dass die Politik Musik nicht bewertet, wie Agnes Krumwiede betont. Dankeschön an Eva Tiedemann für die Notizen. 71

74 Zusammenfassung Forum 2: Wo Heimat zu Hause ist: Welche Natur schützen? Impulsreferate: Prof. Dr. Sören Schöbel-Rutschmann (TU München) und Reinhard Falter (Autor, Stiftungsrat Petra- Kelly-Stiftung) Moderation: Ludwig Hartman, MdL 72

75 Landschaft als Kulturlandschaft Was ist Landschaft? Was ist schöne Landschaft? Und wie kann es gelingen, Windenergie und (schöne) Landschaft zu vereinen? Mit diesen drei Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Schöbel-Rutschmann Eingangs des Forums Welche Natur schützen?. Schöbel-Rutschmann definiert Landschaft zunächst allgemein als die großflächige, naturräumliche Morphologie. Heutzutage ist damit aber mehr die Kulturlandschaft, die durch Durchprägung der Naturlandschaft vor allem nach der Industrialisierung entstanden ist, gemeint. Ganz prinzipiell ist Landschaft nicht mit Heimat oder Nation gleichzusetzen. Anders als bei diesen beiden Begriffen, entsteht Landschaft nicht durch Abgrenzung, sondern durch Zusammenhang und durch Vielfalt. Was ist schöne Landschaft? Spricht man von Schönheit der Landschaft, gibt es nach Schöbel-Rutschmann dafür klassischerweise drei Kategorien: erhaben, malerisch und angenehm. Dies entspricht jedoch nicht der Landschaft im realen Lebensumfeld. Diese ist anders, wenn auch nicht unschön: Sie ist gelingend und gut. Dies meint, dass zur Schönheit der Verstand und die Vernunft treten, die zu einem gelingenden Verhältnis von Kultur und Natur beitragen. Als weitere Kriterien gelten: harmonisch, nicht kitschig, ganzheitlich, kollektiv vorteilhaft, zukunftsweisend, nachhaltig, verknüpft mit Geschichte, nicht eindimensional, eigenartig (nicht einzigartig). Windkraftanlagen als schöne Landschaft? Definitionsgemäß fällt die Windenergie idealerweise in die vierte Kategorie von schöner Landschaft : gelingend, gut und sinnfällig. Voraussetzungen hierfür sind, dass die Anlagen 1. landschaftlich eingefügt (also integrierend) sind. Dafür gilt es sich an der naturräumlichen Morphologie zu orientieren (z.b. an Bergketten, Hanglagen), 2. Vielfalt ermöglicht und nicht einseitig dominierend wirken, 3. Gemeinwillen zeigen, also nicht privater Natur sind und in die kollektive Landschaftsstruktur eingefügt sind, 4. die Eigenart der Landschaften erhalten, also den morphologischen Gegebenheit (z.b. Berghänge), 5. dialogisch geplant werden auch in historischer Sicht (also zwischen früher und heute), 6. Zusammenhänge schaffen, d.h. zum einen ganzheitlich (natürlich, kulturell, regional) wirken, aber auch offene Varianten und Alternativen bieten, 7. Sinn stiften! Denn ein intelligenter Eingriff gilt als Schlüssel zur Akzeptanz bei den BürgerInnen. 73

76 Naturlandschaften, Kulturlandschaften, Zivilisationsbrachen Auch für Reinhard Falter entsteht Landschaft nicht aus Abgrenzung, sondern aus Zusammenhang. Er definiert eine weitere Kategorie von Landschaft: Neben die Natur- und Kulturlandschaft tritt die Zivilisationsbrache, die durch menschliches Eingreifen aus wirtschaftlichem Interesse entsteht. Diese Nutz-, bzw. Vernutz - Landschaften entsprechen laut Falter mindestens 80 Prozent der Landschaft. Wollte man die Kulturlandschaften ernsthaft schützen, müsste man den Menschen musealisieren. In diesem Zusammenhang ist die Renaturierung der Isar im Münchner Stadtbereich vielmehr eine Isar-Re-Kultivierung. In einer Großstadt wie München ist aufgrund von Zwangspunkten in der Planung, welche die Möglichkeiten begrenzen, anderes aber auch nicht möglich und nicht sinnvoll. Schutz der letzten Naturlandschaften Jedoch plädiert Falter dafür, wenigstens von den restlichen Naturlandschaften kompromisslos die Finger zu lassen. Von Naturlandschaften könne ohnehin nur noch bei den letzten 5 Prozent Freiflussflächen gesprochen werden. Dies eröffnet jedoch einen weiteren Konflikt zwischen Umweltschutz und Naturschutz. So spricht Falter beispielsweise auch von der Wasserkraft als weiße Kohle, bei deren weiterem Ausbau noch die letzten Freiflussflächen reduziert werden. Problem Biomasse In der Diskussion mit den TeilnehmerInnen werden noch einige weitere Probleme angesprochen, wie etwa die industrielle Produktion von Biomasse. Die produktionsbedingte Großflächigkeit ist mit der geforderten Erhaltung der Eigenartigkeit von Landschaften nur schwer zu vereinbaren. Ganzheitliches Konzept notwendig Ein weiteres Problem betrifft die Planungshoheit der Gemeinden. Diese führe zu vielen Alleingängen beim Ausbau der Erneuerbaren Energien. Wenn aber die oben genannten Voraussetzungen erfüllt werden sollen, bedarf es seitens der Landesregierung eines ernsthaften und ganzheitlichen Konzepts. So könne etwa nur ein großflächiger Plan die morphologischen Gegebenheiten berücksichtigen. Soweit dies nicht geschehe, müsse zumindest eine interkommunale Zusammenarbeit angestrebt werden. Auch Schöbel-Rutschmann sieht in diesem Fall das Subsidiaritätsprinzip als ungeeignet und würde sich neben der Beteiligung der BürgerInnen ferner mehr Einfluss durch externe Experten wünschen. Beteiligung der BürgerInnen Prinzipiell könne die Akzeptanz von Windkraftanlagen neben der Beteiligung an der Planung, auch über monetäre Beteiligung der BürgerInnen gesteigert werden. Daneben müsse man die Erneuerbaren Energien ebenso als Garant für Arbeitsplätze schätzen lernen: So ist Heimat auch da, wo man sein Geld verdienen kann 74

77 Schutz durch Nutzung Beim Thema Landschaftsschutz herrscht bei den Referenten Einigkeit: Hier könne man durchaus auch vom Denkmalschutz lernen. Das dort angewendete Konzept Schutz durch Nutzung das auch beim Veranstaltungsort, dem Regensburger Salzstadel, verwirklicht wurde hat im Naturschutz leider noch kein Pendant gefunden. Für gewisse Gebiete müsse jedoch ein umfassender Schutz vor jeglichen Eingriffen gelten. Für Ludwig Hartmann hat das Forum erneut bewiesen, dass es eines eigenen grünen Entwurfs für das Landesplanungsgesetz sowie für ein landesweites Energiekonzept bedarf. Diesen Auftrag will er auch für seine Arbeit im Landtag mitnehmen und einen neuen parlamentarischen Vorstoß einleiten. Dankeschön an Christopher Reiter für die Notizen. 75

78 Zusammenfassung Forum 3: Die Mär vom guten Patrioten: Heimat, Stolz, Rechtspopulismus? Impulsreferate: Dr. Miriam Heigl, Expertin für Strategien gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus und Michael Helmbrecht, Bürgerforum Gräfenberg, Vorsitzender der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg Moderation: Theresa Schopper, MdL, Landesvorsitzende 76

79 Rechtsextremistische Szene: rege und gewalttätig Wenn es auch viele bis vor kurzem nicht wahrhaben wollten: Es gibt in Bayern eine rege und gewalttätige rechtsextremistische Szene. Über ihre Aktivitäten in München berichtete Dr. Miriam Heigl, Expertin für Strategien gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus und Leiterin der Fachstelle gegen Rechtsextremismus der Stadt. Bekanntester Neonazi, so Miriam Heigl, sei der NPD-Funktionär Karl Richter, der 2008 über die Bürgerinitiative Ausländerstopp, eine NPD-Tarnliste, in den Stadtrat eingezogen ist. Als Stadtrat überziehe er die Verwaltung mit fast täglichen Anträgen, um dem verhassten demokratischen Establishment das Leben so schwer wie möglich zu machen, außerhalb gebe er den großen Kümmerer und Anwalt der kleinen Leute. In Flugblättern kritisiere er die hohen Mieten und fordere Bürgerentscheide über den Bau von Moscheen, die Jugend versuche er und die NPD über Schulhof- CDs anzusprechen. Bei der Verteilung bediene er sich offen Personen aus dem rechtsextremen Milieu wie Martin Wiese, der wegen eines geplanten Sprengstoffanschlags auf das Jüdische Kulturzentrum in München 2005 zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. In die Mitte und aus der Mitte der Gesellschaft Anliegen von Richter und Gleichgesinnten sei es, in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen, im Unterschied zu den ebenfalls gefährlichen Rechtspopulisten von Politically Incorrect, Pax Europa, Nürnberg 2.0, die aus der Mitte kämen und an rechtsextreme Einstellungen wie Islamophobie anknüpfen, die wie Untersuchungen belegen in der Gesellschaft weit verbreitet sind. So unterschiedlich beider Weltanschauungen auch seien, sie gerieren sich beide als volksnah und grenzen große Teile unserer Bevölkerung aus, so Heigl. Antworten auf ausgrenzende Ideologien Die Fachstelle antworte auf die Umtriebe beider mit einer breiten Palette an präventiven Hilfsangeboten und Maßnahmen: Von Schulbesuchen, Workshops und Argumentationshilfen über Vernetzung mit zivilgesellschaftlichen Gruppen bis zur Information von Gastwirten bei Anmietungen von Sälen für Veranstaltungen. Staat und Kommunen werden den Kampf gegen Rechts nur gewinnen, wenn sich die Zivilgesellschaft beteiligt. Eine Erfolgsgeschichte bürgerschaftlichen Engagements konnte Michael Helmbrecht vom Bürgerforum Gräfenberg erzählen. Seit 1999 fanden jährliche Kundgebungen von Rechtsextremisten am Kriegerdenkmal der Gemeinde statt kündigte die NPD an, nunmehr monatlich zu demonstrieren. Um den Neonazis nicht die Straße zu überlassen und die demokratischen Grundwerte zu verteidigen, wie Helmbrecht meinte, gründete sich das inzwischen mehrfach ausgezeichnete Bürgerforum Gräfenberg ist bunt, das heute rund 50 Personen zählt. Mit kreativen Aktionen und Friedens- und Demokratiefesten erreichte es, dass die NPD ihre Aufmärsche einstellte. 77

80 Widerstand Land auf Land ab Gräfenberg ist kein Einzelfall, wie mehrere TeilnehmerInnen des Forums berichteten. Ob in Regensburg die Aktion Nazis werden nicht bedient oder die Initiative in Landshut für Stolpersteine und aktuell gegen den Landeskongress des Parteinachwuchses der NPD landauf und landab formiert sich der Widerstand, dennoch, war man sich einig, ist man noch lange nicht am Ziel. Es bedarf fortgesetzter Anstrengungen, bis sich in Bayern alle Bewohnerinnen und Bewohner daheim fühlen können. Umgang mit PI und anderen Rechtspopulisten: Strategien entwickeln Sorge machen Störungen von eigenen Veranstaltungen durch Mitglieder rechter Organisationen wie PI. Ihre Strategie scheint es, Veranstaltungen durch expansive Fragerei in ihrem Sinn zu vereinnahmen und zu instrumentalisieren. Es ist anzunehmen, dass PI diese Strategie im Wahlkampf verstärkt einsetzen wird. Ist ein Diskurs möglich? Wo endet die Toleranz? Welche Möglichkeiten bietet das Hausrecht? Stringente Antworten müssen noch gefunden werden. Dankeschön an Peter Pfeiffer für die Notizen. 78

81 Kabarettistischer Abschluss mit Maxi Schafroth und Markus Schalk 79

82 Stimmen aus der Presse Regionalkrimis, moderne Volksmusik, die Lust an der Wiesntracht und die Wiederkehr des Dialekts. All diese Phänomene belegen eine zunehmende Sehnsucht nach Heimat. Dieses Phänomen beschäftigt auch die Grünen, die zwar als hitziger Streiter gegen den überkommenen Mia-san-mia-Heimatbegriff auftreten, andererseits aber mit ihrem Kampf für eine intakte Natur und gegen Atomkraft Heimat bewahren wollen. Süddeutsche Zeitung, Es ist eine Kampfansage an die alte Gleichung Bayern=CSU. Lange genug hätten die Christsozialen einen ausgrenzenden, reaktionären Heimatbegriff geprägt, schimpfen die Grünen. Sie wollen, dass Heimat künftig anders verstanden wird und basteln schon an einem Konzept Münchner Merkur, Die bayerische Heimat vertritt auch ein schwuler, evangelischer Sozialdemokrat. Der Neue Tag, Denn mit der Heimat ist es wie mit der Medizin. Alles kommt auf die Dosis an, und jede Überdosis ist schädlich. Thomas Meyer in der Mittelbayerischen Zeitung, Heimat ist da, wo ich wertgeschätzt werde. In dem Maße, wie ich mich an einem Ort engagiere, bin ich auch mit ihm verbunden. Heimat ist kein starrer Begriff, sondern ein dynamischer. Sepp Dürr im Münchner Merkur, Franz-Josef Strauß und die Grüne Jugend wären sich wohl einige gewesen, einig im Urteil über die Veranstaltung: unerträglich. Der Freitag,

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