Die Rolle des Kontextes

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1 Was ist Sprache? Ein Zeichensystem: Lautäußerungen sind mit Bedeutungen gepaart (gibt es auch schon im Tierreich). Ein kombinatorisches System: verknüpft minimale Zeichen (Lexikonelemente) in berechenbarer Weise zu komplexen Zeichen (gibt es nur sehr rudimentär im Tierreich). Ein digitales System: An den Schnittstellen zum motorisch-sensorischen System (Phonologie) und zum konzeptuellen System (Semantik) werden diskrete Elemente (Merkmale und Typen) eingeführt (gibt es wohl nur in der menschlichen Sprache) Ein symmetrisches System: Artikulation und Perzeption sind in gleicher Weise beteiligt; die Rollen von Sprecher und Hörer können ständig ausgetauscht werden. Sprachmodell Konzeptuelles/Intentionales System Semantik Lexikon Morphosyntax Kontext Phonologie Artikulation Perzeption Mund Ohr Hand Auge Schnittstelle zum artikulatorischperzeptuellen System Zwischen Auge und Hand gibt es schnelle Nervenverbindungen [Evolutionsschritt 1]; Beschränkung auf face-to face-kommunikation. Diese Nervenverbindungen werden für die Relation zwischen Ohr und Mund ausgenutzt, vorausgesetzt eine Veränderung im Kehlkopf [Evolutionsschritt 2]; erlaubt auch Tandem- und Distanzkommunikation. Das Sprachsystem Auge-Hand kann die Aufgaben des Sprachsystems Ohr-Mund übernehmen (Sign Language) Die Rolle des Kontextes Tierkommunikation ist an den jeweiligen Kontext (hic et nunc) gebunden. Menschliche Kommunikation verwendet indexikalische Zeichen, bezogen auf Kontextparameter. Sprache kann den Kontext transzendieren (variable Kontextelemente, kontextunabhängige Zeichen)

2 Die Rolle des Lexikons Tierkommunikation: Laut-Bedeutungs-Paare werden in Bezug auf Kontexte gespeichert. Menschliche Sprache: Laut-Bedeutungs-Paare werden in Bezug auf Kontextelemente oder kontextunabhängig gespeichert. Lexikonelemente sind unterspezifiziert, also für vielfältige Kombinationen und vielfältige Kontexte einsetzbar. Parallelität von Phonologie und Semantik Laute werden digitalisiert: bedeutungsrelevant sind nur charakteristische Lautausprägungen (Phonemund Merkmalsarchitektur). Die Phonologie-Phonetik- Schnittstelle als Digital-Analog-Wandler: Phonetisch sind viele Lautvariationen möglich. Entsprechend werden Konzepte durch semantische Prädikate/Merkmale/Konfigurationen digitalisiert; vielleicht weniger ausgeprägt. Jeder sprachlichen Bedeutung entspricht eine Menge konzeptueller Variationen. Strukturunterschiede Die Zerlegung von Lautäußerungen führt zu zeitlich linearen Strukturen (wobei jedes der Elemente eine gewisse wiederkehrende Merkmalsarchitektur aufweist). [Ansatz von Hierarchie: Segmente, Silben, Füße, prosodische Wörter] Die Zerlegung von Bedeutungen führt zu hierarchischen Strukturen unabhängig von zeitlicher Linearität. Das kombinatorische System muß deshalb zeitlich lineare und rein hierarchische Strukturen aufeinander abbilden können. Das kombinatorische System (Grammatik) Zerlegungsmöglichkeiten in Phonologie und Semantik führen zu einer feineren Gestaltung des Lexikons. Lexikonelemente sind kontextunabhängige Paarungen phonologischer und semantischer Elemente. Die Grammatik kombiniert diese Lexikonelemente in variabler Weise; sie beschränkt die möglichen Kombinationen.

3 Wo könnte die Zerlegung anfangen? Kompakte Situationszeichen werden in wiederkehrende phonologische Elemente zerlegt. Diese werden mit wiederkehrenden semantischen Elementen assoziiert. Solche Assoziationen werden als Lexikonelemente gespeichert. Was sind die fundamentalen kommunikativen Aufgaben? Es müssen Verhaltenstypen (Sprechaktmodi) definiert werden: die Äußerung von X zählt als Warnung, Drohung, Angebot, Zustimmung. [Aus tierischer Kommunikation bekannt] Es müssen Sachverhalte als Gegenstand des Verhaltens definiert werden: Ereignistypen, Objekttypen in Bezug auf variable Ereignisse, eine Kombinatorik von Ereignis- und Objekttypen. Der Beginn von Morphosyntax Die Zerlegung erfolgt nach Ereignistypen (Verb) und Objekttypen (Nomen) involviert in das Ereignis. Die elementare kontextuelle Prädikation besagt: x (Objekttyp) ist involviert in e (Ereignistyp) Kontextunabhängige Prädikaton: x (Objekttyp) ist charakterisiert durch das Prädikat P (eine semantische Merkmalskonfiguration) Kontextuelle Indizierung von Ereignistypen Verben können mehr als einen Objektpartizipanten haben (intransitive, transitive, ditransitive Verben). Die Objektpartizipanten sind mögliche Kontextelemente: Sprecher, Adressat, numerische Konstellationen aus beiden, andere Objekte (belebte vs. unbelebte, anwesend vs. nichtanwesend, andere Salienzen). Die Ereignistypen selbst werden unterschieden (Zustände, Prozesse, Übergänge). Die Ereignistypen werden in der Zeit unterschieden: Aspekt, Tempus. Ereignistypen können ineinander eingebettet werden.

4 Kontextunabhängiger Aufbau von Objekttypen Objekte können kontextuell indiziert werden (Demonstrativa), aber müssen es nicht. Objekte lassen sich Objekttypen aufgrund charakteristischer Merkmale zuweisen (=kontextunabhängige Prädikation): Belebtheit, Beweglichkeit, Individuation (Masse, Einzelding, Gruppe), Größe (Anzahl), Gestalt. Objekte können relational erfaßt werden (Verwandtschaften, Körperteile, Lagebeziehungen) Zweistufiges kontextuelles Referenzsystem Objekte gehören zu Objekttypen, möglicherweise aufgrund kontextunabhängiger Prädikation; sie lassen sich referentiell verankern (Demonstrativa, anaphorische Verweise, indexikalische Possessoren) Ereignisse gehören zu Ereignistypen: sie werden durch Prädikation über Objekte (Argumentstellen) erfaßt; ihre referentielle Verankerung erfolgt durch Kategorien wie Tempus und Modus. Fundamentale lexikalische Kategorien mit eigener Referentialität (funktionale Kategorien) Differenzierung innerhalb der Morphosyntax Verb Referenz auf Ereignisse Zeitliche Komponente Unterschiedliche Anzahl von Objekten Indexikalische Objekte sind möglich Einbettung ist möglich Nomen Referenz auf Dinge Räumliche Komponente Unterschiedliche Gestalt plus Anzahl kontextunabhängige Prädikation ist möglich Attribuierung ist möglich Das Verb konstituiert die Domäne der Prädikation. Funktionale Kategorien (Aspekt/Tempus) werden durch Affixe am Verb realisiert (Morphologie). Argumente des Verbs werden durch pronominale Affixe am Verb realisiert (indexikalisch). Das unterste Argument des Verbs und adverbiale Modifikatoren können inkorporiert werden - außerhalb des Verbs nur zusätzliche Prädikationen (Adjunkte). [Polysynthese] Argumente des Verbs werden außerhalb des Verbs realisiert (klausale Syntax).

5 Morphologie-Syntax-Trennung Morphologie Strikte Anordnung vom lexikalischen Träger aus, nicht von Anfang oder Ende des Wortes aus. Keine wortinterne Kongruenz oder Bindung. Keine Skopusambiguitäten. Tendenziell mehr Irregularitäten Keine Topik-/ Fokus- Markierungen Paradigmenstruktur für Wortformen Schneller prozessierbar Syntax Stellungsalternativen; Anfang oder Ende kann ausgezeichnet sein. Kongruenz/Bindung zwischen syntaktischen Konstituenten ist möglich. Skopusambiguitäten möglich Tendenziell regulärer Topik-/ Fokus-Markierungen möglich Keine Paradigmenstruktur für Konstruktionen Risikofreier für große Populationen Spätere Entwicklungen in Sprachfamilien Morphologie-Syntax-Trennung; Aufgabenverteilung zwischen Morphologie/Syntax Argumentlinkingsysteme (Kasus) Komplexe Syntax: Relativsätze, Subordination Eigenständige funktionale Kategorien wie Komplementierer, Artikel, Auxiliare Basisinventar indexikalischer Elemente Sprechaktbeteiligung: 1., 2., 3. Person incl. Anzahl und evtl. semantische Rolle Demonstrativa (für Objekte, Orte, Ereignisse) evtl. plus Genus/Klassifikator Zeitliche Einordnung: Tempus, Zeitadverbiale Anaphorische Verweise (Konstanz des Gegenstandes)

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