Juni 2012 Schlossmuseum - Südflügel, Schlossberg 1, 4020 Linz

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1 Kongress Oberösterreichischer UMWELTKONGRESS 2012 Es geht ums Ganze! dein Wissen. deine Ideen. dein Handeln! Juni 2012 Schlossmuseum - Südflügel, Schlossberg 1, 4020 Linz Thema: Lebensqualität und Wirtschaftsentwicklung: ein Widerspruch? Referent: Dr. Fred Luks

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3 Fred Luks Wirtschaftsentwicklung und Lebensqualität ein Widerspruch? Überlegungen unter Berücksichtigung des Inputpapiers Landes-Umweltprogramm Vortrag, Linz, 5. Juni 2012 I. Grundsätzliches: Nachhaltigkeit als Kontext jeglicher Umweltpolitik Das Leitbild Nachhaltige Entwicklung hat ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte. Umweltpolitik steht heute immer im Kontext dieses Dreiecks der Nachhaltigkeit. Die Umweltthemen im Inputpapier sind dagegen weitgehend umweltmedial ausgerichtet; im Vordergrund stehen ökologische Einzelbereiche wie Boden, Luft und Wasser. Die Gemeinsamkeiten und Verbindungen zwischen den Einzelbereichen werden bisweilen erwähnt, stehen aber nicht im Vordergrund des Textes. So entsteht einerseits ein umfassendes Bild praktischer aller Umweltprobleme und Ansätze zu deren Lösung andererseits fehlen (explizite) Bezüge zu den Themen Nachhaltigkeit, Lebensqualität und Wirtschaft. II. Gut leben in Oberösterreich: Das Thema Lebensqualität Eindeutig soll das Umweltprogramm auch zur Lebensqualität OÖ beitragen; dies findet auch an verschiedenen Stellen Erwähnung. Die Einzelproblembetrachtung auf regionaler Ebene ist insofern produktiv, als ein klarer Maßnahmenbezug auf Landesebene hergestellt werden kann. Ausdrückliche Bezüge zum Lebensqualitätsthema finden sich aber nur wenige; auf eine systematische Integration des Themas wird verzichtet. Text und Vortrag von Sylvia Lorek gehen auf diese Thematik ausführlich ein. Was insgesamt fehlt, ist der Makroblick auf die Themen. Da große sozioökonomische Rahmenbedingungen aber auch jede umweltpolitische Aktion in OÖ betreffen, steht diese Dimension im Zentrum der folgenden Betrachtungen. III. Das Umweltprogramm im Kontext: Wachstum und Wirtschaft Das Umweltprogramm hat klare Bezüge zum Thema Wachstum, zum Beispiel: o Abfallmanagement das Abfallaufkommen wächst; o Boden die Bodenversiegelung wächst; o Klima der Ausstoß von klimarelevanten Gasen darf nicht nur nicht wachsen, sondern um muss erheblich reduziert werden, also: schrumpfen. Dennoch wird Wirtschaftswachstum als Problemtreiber an keiner Stelle erwähnt. 1

4 Begriffe wie Wachstumsgrenzen, Postwachstum und Entkopplung sind aber aus der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte nicht wegzudenken. Es ist m.e. klar, dass o Wachstum ein wesentlicher Treiber von Umweltbelastungen aller Art ist, o Effizienz in diesen Kontext oft als Problemlöser gesehen wird, o dieser Problemlöser ohne die Ergänzung durch Konzepte wie Suffizienz nicht hinreichen wird. (In diesem Kontext fällt auch auf, dass im Landesumweltprogramm beim Thema Klima und Energie zwar von Effizienz und Erneuerbaren die Rede ist, nicht aber vom zentralen Faktor der Einsparung ; vgl. Text und Vortrag von Sylvia Lorek.) Das im aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurs absolut zentrale Konzept der Entkopplung (zwischen Wirtschaftsleistung und Umweltbelastung) wird überhaupt nicht erwähnt. Gleichzeitig ist diese Entkopplung durchgehend impliziter Bestandteil des Textes: Es wird offenbar vorausgesetzt, dass eine verbesserte Umweltqualität mit einer wachsenden Wirtschaft vereinbar ist. Damit befindet sich das Umweltprogramm in der guten Gesellschaft vieler anderer Nachhaltigkeitsdokumente: o Praktisch alle umweltpolitischen Konzepte auf Bundes- ebenso wie auf Europaebene gehen davon aus, dass sich Wirtschaftsleistung und Umweltverbrauch voneinander entkoppeln lassen. o Die bevorstehende Rio+20 -Konferenz zum Thema Green Economy fußt ebenfalls auf der Vorstellung einer grünen Wirtschaft, die dauerhaft wächst und gleichzeitig die Umwelt schont. Entkopplung ist in der Tat möglich, was wesentlich auf zwei Mechanismen beruht: o Intrasektoraler Strukturwandel durch technischen Fortschritt ist es möglich, bei gleichem Ressourceneinsatz mehr zu produzieren bzw. die gleiche Wirtschaftsleistung mit weniger Umweltverbrauch zu erreichen. o Intersektoraler Strukturwandel eine Wirtschaft, in der Wissen, Kultur und Dienstleistungen zentrale Faktoren sind, ist potenziell weniger umweltintensiv als eine, deren Wertschöpfung vor allem auf Landwirtschaft oder Industrieproduktion basiert. Dabei ist aber zwischen absoluter und relativer Entkopplung zu unterscheiden: o Relative Entkopplung heißt, einfach formuliert, dass die Wirtschaftsleistung schneller wächst als die Umweltbelastung. o Absolute Entkopplung bedeutet, dass die tatsächliche Umweltbelastung abnimmt nur diese Form der Entkopplung ist letztlich für die Umwelt relevant. Substanzielle absolute Entkopplungen sind bislang nicht zu beobachten. Relative Entkopplungen ermöglichen Zeitgewinn, sind aber vor dem Hintergrund der immensen Reduktionserfordernisse (Bsp. Klima) bei weitem nicht hinreichend. Und es gibt Grenzen der Entkopplung, denn: o Man wird nie etwas aus nichts produzieren können. o Es kommt nicht nur auf Veränderungen innerhalb der Zeit an zu berücksichtigen ist auch der akkumulierte Bestand an Umweltproblemen. o Wachstum kann Effizienzgewinne überkompensieren. 2

5 Der letzte Punkt ist von fundamentaler Bedeutung: o Durch den sogenannten Rebound-Effekt wird ein Teil umweltpolitischer Erfolge zunichte gemacht: Effizienz kann zum Mehrverbrauch (!) einer Ressource führen. o Unabhängig von umweltpolitischen Anstrengungen führt Wirtschaftswachstum das ja politisch gewollt ist unter sonst gleichen Bedingungen zu mehr Umweltverbrauch. Aus all dem folgt: Man muss auch über Suffizienz sprechen, d.h. über o die Frage des Genug : Gibt es ein rechtes Maß für individuellen Konsum? o Mittel und Ziele: Bei Effizienz geht es nur um den veränderten Einsatz von Mitteln; ein problemadäquater Nachhaltigkeitsdiskurs muss aber auch den Status von Zielen thematisieren. Anlass zu Hoffnung gibt vielleicht, dass es in reichen Ländern eine zweite Art der Entkopplung gibt nämlich zwischen Wirtschaftsleistung und Lebensqualität: Wirtschaftswachstum führt mitnichten automatisch zu einem Mehr an Lebensqualität. Es gibt also unwirtschaftliches Wirtschaftswachstum (Herman Daly): Ein Wachstum, das zu mehr Schaden als Nutzen führt, ist nach ökonomischer Logik unwirtschaftlich. Bei dieser Diskussion ist aber das zentrale Thema der Beschäftigung mitzudenken: Arbeitssparender technischer Fortschritt führt ohne Wachstum definitionsgemäß zu Arbeitslosigkeit solange die Verteilung von Arbeit nicht verändert wird. So führt das Verhältnis von Umweltproblemen und Wachstum am Ende zurück zu einem Ausgangspunkt der Nachhaltigkeitsdebatte der gerechten Verteilung von Lebenschancen innerhalb von und zwischen Generationen. Die Problemdimension und die herrschende Abhängigkeit von Wirtschaftswachstum zeigen deutlich, dass hier dicke Bretter gebohrt werden müssen. Ein Widerspruch zwischen Lebensqualität und Wirtschaftsentwicklung besteht freilich nicht: Denn Entwicklung als qualitative Veränderung ist nicht dasselbe wie Wachstum, dass lediglich die quantitative Zunahme einer Größe beschreibt. Wirtschaftsentwicklung insbesondere: Innovationen hängen aber eng mit Wachstum zusammen. Weil Wachstum ein Treiber von Umweltbelastung ist und Umweltbelastung ein wesentlicher Faktor für Lebensqualität ist, entsteht hier ein Spannungsfeld. Wirtschaftswachstum kann deshalb kann deshalb positiv (Einkommen, Arbeitsplätze, Infrastruktur) und negativ (Umweltbelastung, Stress durch Beschleunigung ) auf die Lebensqualität wirken. All das geht weit über landespolitische Zuständigkeiten weit hinaus und doch tut Oberösterreich gut daran, diese komplexe Problematik bei seinen umweltpolitischen Strategien mitzudenken. 3

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