Zur Kirche, die geprägt ist durch die frohe Botschaft des Evangeliums. Wie wird es sein, wenn Du stirbst und Du mußt vor Gottes Gericht erscheinen?

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1 Keine Kirche der Angst. Predigt am Reformationsfest, 6. November 2016, in der Petruskirche zu Gerlingen Das ist es, was Martin Luther aufgegangen ist. Ja, wenn man versucht, es ganz schlicht auf den Punkt zu bringen, worin Martin Luthers Entdeckung bestand, dann kann man es so sagen: Diese Einsicht ist die Wurzel der Reformation. Diese Einsicht ist es, welche die Evangelische Kirche zur Evangelischen Kirche macht. Zur Kirche, die geprägt ist durch die frohe Botschaft des Evangeliums. Keine Kirche der Angst. 1 Mit der Angst vor Gott war Luther aufgewachsen. Wie wird es sein, wenn Du stirbst und Du mußt vor Gottes Gericht erscheinen? Diese Angst hat ihn gequält, und nicht nur ihn. Er hatte Angst vor Gott. Und er hatte Angst vor Christus. Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Was muß ich tun, um Gott gnädig zu stimmen? Das waren die Fragen, die ihn bewegt haben. Wenn man so dran ist: Das ist entsetzlich. Ein furchtbares Lebensgefühl: Immer in Angst leben zu müssen. Bei der genauen Lektüre des Römerbriefs ist ihm, nach langen Ringen, dann aufgegangen, was ich vorhin schon zweimal gesagt habe: Wir brauchen vor Gott keine Angst zu haben. 1 Die Formulierung lehnt sich an bzw. setzt sich ab vom Titel des Fluxusoratoriums des verstorbenen großartigen Künstlers Christoph Schlingensief: Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir 1

2 Hören wir den Predigttext: Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. (Römer 3, 21-28) Der Mensch wird durch den Glauben gerechtfertigt, ohne des Gesetzes Werke. Das heißt: Wir müssen überhaupt nichts tun, um vor Gott bestehen zu können. Gott tut von sich aus alles, damit wir vor seinem Gericht bestehen können. Und deshalb brauchen wir keine Angst vor ihm zu haben. Gott selber will, daß unsere Angst sich löst. Und deshalb hat er sich in seinem Sohn Jesus Christus selber für uns zum Erlöser gemacht. Ihn, Jesus Christus, hat Gott hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit. Keine Angst! Gott stellt sich auf unsere Seite! Er nimmt die Schuld selbst auf sich. Er trägt in seinem Sohn Jesus Christus selber die Strafe. Meine Lieben! Wenn wir uns ganz in die Details hineinversenken, in die Einzelheiten dessen, was der Apostel Paulus im Römerbrief schreibt... dann kann es sein, daß uns manches Detail fern und fremd erscheint. Wir brauchen dann viele Erklärungen und Erläuterungen. Und am Ende befürchten wir, daß wir dann doch nicht alles richtig verstanden haben. So kompliziert will uns dann alles scheinen. 2

3 Aber im Grunde und im Kern ist es ganz einfach: Wir können vor Gott bestehen, weil er sich selbst an unsere Seite stellt, ja weil er selbst unsere Stelle einnimmt. Er übernimmt unsere Rolle als Angeklagter vor Gericht. Er nimmt unsere Schuld auf sich. Er trägt unsere Strafe. Und deshalb brauchen wir keine Angst zu haben. Keine Angst vor Gott. Wir brauchen vor Gott keine Angst zu haben. Und deshalb ist die Evangelische Kirche keine Kirche der Angst. Wo in dieser Kirche dennoch versucht wird, mit Angst und mit Druck und mit Drohungen zu arbeiten: Da ist sie nicht mehr evangelische Kirche. Für Luther hat seine Entdeckung sein Leben völlig verändert. Die Entdeckung, daß Gott ein gnädiger Gott ist, hat seinem Leben eine ganz neue Ausrichtung gegeben, sie hat sein Lebensgefühl völlig umgekehrt. Im Rückblick nach vielen Jahren beschreibt Luther, wie er sich gefühlt hat, als Gott ihm seine neue Erkenntnis geschenkt hat: Da begann ich die Gerechtigkeit zu verstehen als die, durch die als durch Gottes Geschenk der Gerechte lebt, nämlich aus Glauben, und daß dies der Sinn sei: Durch das Evangelium werde Gottes Gerechtigkeit offenbart, nämlich die passive, durch die uns der barmherzige Gott gerecht macht durch den Glauben, wie geschrieben ist: 'Der Gerechte lebt aus Glauben.' Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten. Da zeigte mir sofort die ganze Schrift ein anderes Gesicht. Luther versteht die Bibel neu: Er versteht sie als ein Buch, das einen ins Paradies führt. Und erst, wenn man sie so versteht, versteht man sie richtig. Einst wurden die ersten Menschen wegen der Sünde aus dem Paradiese vertrieben und Luther fühlt sich nun, als sei er in dies Paradies eingetreten, zurückgekehrt zum Ursprung, wie neu geboren. Weil sie dieses Lebensgefühl zu erwecken vermag: Deshalb schätzt Luther die Bibel so hoch. Freilich: Luther weiß es: solange wir auf Erden leben, hängen uns die Folgen der Sünde an. Und auch die Angst streckt immer wieder ihre Hände nach uns aus. Wir sind nicht jetzt schon dauerhaft im Paradiese. 3

4 Wer wollte das auch ernsthaft behaupten angesichts all dessen, was ganz und gar nicht stimmt in unserem Leben und auf unserer Welt... Aber all das, was nicht stimmt in unserem Leben und auf unserer Welt, all das, was nicht stimmt mit uns: All das ist zum Vergehen bestimmt: Die Angst, und die Sünde und schließlich auch der Tod. All das vermag uns nicht mehr endgültig gefangen zu nehmen. Wunderbar formuliert Paulus das im 14. Kapitel des Römerbriefes (in dem Abschnitt, der auch für den heutigen Sonntag als Predigttext vorgesehen ist). Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. (Römer 14, 7-9) Zum Schluß: Weshalb feiern wir das Reformationsfest? Ist das Reformationsfest nur ein Fall von religiösem Lokalpatriotismus? Religiöser Heimatstolz? Ach herrje, wir sind doch Kirche, ein Teil der weltweiten Christenheit, und kein Heimatverein. Kein religiöser Lokalpatriotismus also. Oder dient das Reformationsfest der Abgrenzung gegenüber anderen Kirchen? Auch das wäre ein schlechtes Motiv: Denn wer sich nur über die Abgrenzung gegenüber anderen definieren kann der ist arm dran. Nichts ist jämmerlicher als einer, der sich nur gut fühlt, wenn er ständig andere schlechtmacht. Das gilt für Menschen wie für Institutionen. Oder feiern wir das Reformationsfest aus Dankbarkeit gegenüber den großen Helden der Reformationszeit? Aus Dankbarkeit gegenüber Martin Luther, gegenüber Philipp Melanchthon, gegenüber Johannes Brenz und all den anderen? Das wäre immerhin ein menschlich anständiges Motiv. Weshalb sollte man diesen großen Glaubensdenkern und Glaubensvorbilder nicht dankbar sein? Wir verdanken ihnen ja in der Tat vieles. Aber der letzte und tiefste Grund ist das auch nicht. 4

5 Weshalb feiern wir das Reformationsfest? Am Ende gibt es nur einen wirklich guten Grund, das Reformationsfest zu feiern: Die Dankbarkeit dem Gott gegenüber, der sich für uns einsetzt bis zum Äußersten. Die Dankbarkeit dem Gott gegenüber, der alles für uns tut. Die Dankbarkeit dem Gott gegenüber, der uns nimmt, wie wir sind. Diese Einsicht ist die Wurzel der Reformation. Diese Einsicht ist es, welche die Evangelische Kirche zur Evangelischen Kirche macht. Zur Kirche, die geprägt ist durch die frohe Botschaft des Evangeliums. Keine Kirche der Angst. Sondern eine Kirche der fröhlichen Zuversicht. Amen. Dr. Martin Weeber, 6. November

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