Kripke über Analytizität: eine zwei-dimensionalistische Perspektive

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1 Kripke über Analytizität: eine zwei-dimensionalistische Perspektive Dr. Helge Rückert Lehrstuhl Philosophie II Universität Mannheim Uni Frankfurt 14. Januar 2008

2 1. Einführung Drei wichtige Begriffspaare: analytisch vs. synthetisch a priori vs. a posteriori notwendig vs. kontingent (logisch-semantisch) (erkenntnistheoretisch) (metaphysisch) - Hauptfrage bei Kant: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? - Wiener Kreis: Nur analytische Wahrheiten können a priori gewusst werden. - Quine (der Große Zermalmer ) ist gegen a) die Unterscheidung analytisch/synthetisch semantischer Holismus b) die Unterscheidung a priori/a posteriori Naturalismus c) die Unterscheidung notwendig/kontingent modaler Skeptizismus

3 2. Kripkes Naming and Necessity - bahnbrechende Arbeit zum Thema Notwendigkeit - Kripkes Hauptthema sind metaphysische Möglichkeit und Notwendigkeit was hätte sein können was unter allen Umständen der Fall gewesen wäre etc. Zwei revolutionäre Hauptthesen Kripkes: 1) Es gibt Notwendigkeiten a posteriori (z.b.: Wasser ist H 2 O ) 2) Es gibt kontingente Aussagen, die man a priori wissen kann (z.b.: Das Urmeter in Paris ist 1m lang )

4 3. Kripke zu Analytizität Wir wollen jedenfalls einfach festsetzen, daß eine analytische Aussage in einem bestimmten Sinn kraft ihrer Bedeutung wahr ist und kraft ihrer Bedeutung in allen möglichen Welten wahr ist. Demnach wird etwas, das analytisch wahr ist, sowohl notwendig als auch a priori sein. (Kripke, Name und Notwendigkeit, S. 49) - Hier ganz klar Notwendigkeit und Apriorizität als notwendige Bedingungen für Analytizität - Ob Notwendigkeit und Apriorizität auch hinreichend für Analytizität sein sollen, dazu findet man bei Kripke kaum Anhaltspunkte

5 4. Gegenbeispiel zu Analytizitätskonzeption Vorschlag: α ist analytisch gdw. (α ist notwendig) (α ist a priori) Zwei (scheinbar) unproblematische Prinzipien: ((α ist notwendig) (α β)) (β ist notwendig) ((α ist a priori) (α β)) (β ist a priori) Der Satz (Wasser ist H 2 O) (Das Urmeter in Paris ist 1m lang) ist laut Kripke sowohl notwendig als auch a priori, und wäre somit gemäß obiger Analytizitätskonzeption auch analytisch. Das ist äußerst komisch!!!

6 5. Gettiers Gegenbeispiel zur traditionellen Wissensanalyse S weiß, dass α gdw. (S glaubt, dass α) (α ist wahr) (S ist gerechtfertigt, zu glauben, dass α) Zwei (scheinbar) unproblematische Prinzipien: ((α ist wahr) (α β)) (β ist wahr) ((S ist gerechtfertigt, zu glauben, dass α) (S ist gerechtfertigt, zu glauben, dass α β)) (S ist gerechtfertigt, zu glauben, dass β)

7 Gettiers zweites Gegenbeispiel: p: Jones besitzt einen Ford, oder Brown ist in Barcelona - Smith glaubt, dass p (da er glaubt, dass Jones einen Ford besitzt) - Smith ist gerechtfertigt, zu glauben, dass p (da er gerechtfertigt ist, zu glauben, dass Jones einen Ford besitzt, und erkennt, dass p daraus folgt) - p ist wahr (da es wahr ist, dass Brown in Barcelona ist) - Es ist falsch, dass Jones einen Ford besitzt, und Smith glaubt nicht, dass Brown in Barcelona ist Es ist klar, dass Smith unter diesen Umständen, nicht weiß, dass p!!!

8 6. Zwischenbemerkungen - Die strukturelle Analogie zwischen Gettiers Gegenbeispiel zur Wissensanalyse und dem Gegenbeispiel zur von Kripke inspirierten Analytizitätskonzeption sollte klar geworden sein - Gibt es vielleicht noch mehr potenzielle Begriffsanalysen, die aus denselben strukturellen Gründen unbefriedigend sind? - Gibt es vielleicht eine Möglichkeit, Kripkes Ansatz zu einer Analytizitätskonzeption zu retten, indem man beibehält, dass Notwendigkiet und Apriorizität für Analytizität zwar notwendig sind, aber aufgibt, sie wären zusammen genommen auch schon hinreichend? Ja: Analytizität eventuell als tiefe Notwendigkeit im Rahmen einer zwei-dimensionalen Semantik!!!

9 7. Zwei-dimensionale Semantik Annahme: Es gibt zwei grundsätzliche Bedeutungsdimensionen Erste Dimension: Epistemische Dimension Primäre Intension eines Ausdrucks: Funktion von Szenarios (epistemisch möglichen Welten) in Extensionen - Ein Satz ist a priori, wenn er eine notwendige primäre Intension hat, also in allen epistemisch möglichen Welten wahr ist. Zweite Dimension: Metaphysische Dimension Sekundäre Intension eines Ausdrucks: Funktion von (metaphysisch) möglichen Welten in Extensionen - Ein Satz ist (metaphysisch) notwendig, wenn er eine notwendige sekundäre Intension hat, also in allen (metaphysisch) möglichen Welten wahr ist.

10 Kombination der beiden Dimensionen Zwei-dimensionale Intension eines Ausdrucks: Funktion von 2-Tupeln von je einem Szenario und einer möglichen Welt in Extensionen Wenn dieses Szenario wirklich ist, was wäre dann die Extension des Ausdrucks in dieser möglichen Welt? - Rekonstruktion der primären Intension als Diagonale der zwei-dimensionalen Intension - Rekonstruktion der sekundären Intension als zweidimensionale Intension mit immer dem wirklichen Szenario an der ersten Stelle des 2-Tupels Vorschlag für eine überzeugende Analytizitätskonzeption im Rahmen einer zwei-dimensionalen Semantik α ist analytisch gdw. α hat eine notwendige zwei-dimensionale Intension

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