Umsetzung eines Modellprojekts nach 64b SGB V in einer psychiatrischen Abteilung in Berlin Ein Werkstattbericht

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1 Umsetzung eines Modellprojekts nach 64b SGB V in einer psychiatrischen Abteilung in Berlin Ein Werkstattbericht Dr. med. Olaf Hardt Ltd. Oberarzt, Vivantes Klinikum Neukölln, Berlin

2 Kurzdarstellung Netzwerk Vivantes Psychiatrie 2015: ca. 45 % der Fälle Fakten Vivantes 9 Klinika 7 psychiatr. Abteilungen Betten davon Psychiatrie 12 Seniorenheime Mitarbeiter stationäre Fälle ambulante Patienten Ambulante Reha MVZ Vivantes Hospiz -2-

3 Vivantes Klinikum Neukölln - Klinik für Psychiatrie: Versorgungsregion ca Einwohner niedrigster Sozialindex aller Berliner Bezirke hoher Migrantenanteil (40-50%) unklare Zahl von Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis -3-

4 Vivantes Klinikum Neukölln (KNK) Aufbau der Klinik für Psychiatrie 170 (211) Betten 62 (92) tagesklinische Behandlungsplätze 6 Stationen mit je 26/28 Betten 1 Kriseninterventionsstation mit 12 Betten 1 Akut-Tagesklinik mit 22 Plätzen 2 Tageskliniken mit je 20 Plätzen Fallzahl pro Jahr: stationär tagesklinisch 600 Verweildauer (d): stationär 14,1 tagesklinisch 39,7 Institutsambulanz mit ca Patienten pro Quartal -4-

5 KNK - Klinik für Psychiatrie: Besonderheiten ausschließlich offene, nur fakultativ geschlossene Stationen durchmischte allgemeinpsychiatrische Stationen (Normalitätsprinzip) (Ausnahme: Schwerpunktstation für Abhängigkeitskranke) Heimatstationsprinzip Akut-Tagesklinik (stationsersetzendes Modellprojekt) sektorübergreifendes Gesamtkonzept (integrierte PIA, integrierter Tagestatus, BZ ) sozialpsychiatrisches Selbstverständnis intensive Angehörigenarbeit Trialogischer Beirat Open Dialogue-Weiterbildung für alle Berufsgruppen -5-

6 Modellvorhaben nach 64b SGB V Gegenstand von Modellvorhaben ( ) kann auch die Weiterentwicklung der Versorgung psychisch kranker Menschen sein, die auf eine Verbesserung der Patientenversorgung oder der sektorenübergreifenden Leistungserbringung ausgerichtet ist, einschließlich der komplexen psychiatrischen Behandlung im häuslichen Umfeld. In jedem Land soll ( ) mindestens ein Modellvorhaben ( ) durchgeführt werden. Die Modellvorhaben ( ) sind im Regelfall auf längstens acht Jahre zu befristen. Die Vertragsparteien (können) bei den zuständigen Aufsichtsbehörden eine Verlängerung beantragen. Dem DRG-Institut der Selbstverwaltungspartner sind (..) Informationen zur vereinbarten Art und Anzahl der Patientinnen und Patienten, zu spezifischen Leistungsinhalten und den der verhandelten Vergütungen zugrunde gelegten Kosten sowie zu strukturellen Merkmalen des jeweiligen Modellvorhabens ( ) mitzuteilen. Private Krankenversicherungen und der Verband der privaten Krankenversicherung können sich an Modellvorhaben ( ) beteiligen. -6-

7 DAK-Modellprojekt: Ausgangssituation ca. 8,5% aller stationären Behandlungsfälle: ca. 350 ca Behandlungsfälle bzw. Behandlungstage durchschnittlich ca DAK-Patienten auf den Stationen -7-

8 DAK-Modellprojekt: wesentliche Vertragsinhalte Alle 7 psychiatrischen Kliniken bei Vivantes sind eingeschlossen. Budgetmodell Erweiterung und Flexibilisierung des Behandlungsangebotes: Home Treatment gestufte mehrstündige ambulante Leistungen bis halbe TK-Tage einzelne TK-Tage, mehrtägige Beurlaubungen, Nachtklinik Begleitforschung -8-

9 DAK-Modellprojekt: Umsetzung Schwerpunkt: Verkürzung und Vermeidung stationärer Aufenthalte Information der Mitarbeiter/innen Aufbau von Strukturen: personell: Abläufe: Flexibles Team (trotzdem arbeiten alle im Modellprojekt ) Erfassen der Patienten, Kontaktaufnahme, Übergänge, stationsäquivalente Behandlung -9-

10 Flexibles Team: Berufsgruppen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Diplom-Psychologin Ergotherapeutin Genesungsbegleiterin in Planung: krankenpflegerische Teamerweiterung -10-

11 Flexibles Team: Aufgaben Erfassen der DAK-Patienten Abstimmung mit den stationären Behandlern Kontaktaufnahme mit den Patienten: Information über das Modellprojekt Motivation für stationsäquivalente Behandlung Durchführung stationsäquivalenter Behandlungen inklusive Home Treatment Krisentelefon, -Kontakte, Notfallsprechstunde in Einzelfällen ambulante Weiterbehandlung (PIA) Kontakt zu den niedergelassenen Ärzten Vertretung des Modellprojekts nach innen und außen -11-

12 Stationsäquivalente Behandlung Verkürzung und Vermeidung stationärer Behandlungen von schwerkranken Patienten mit stationärer Behandlungsindikation bedürfnisangepasstes ambulantes Behandlungsangebot, für Patienten, die nicht stationär aufgenommen werden wollen oder können oder die durch eine psychiatrische Station überfordert wären Home Treatment hochfrequente Einzelbehandlung Fortsetzung stationärer Gruppentherapie Recovery-Gruppe kurzfristige aufsuchende oder Ambulanz-Termine im Krisenfall Krisentelefon -12-

13 Stationsäquivalente Behandlung Kasuistik -13-

14 DAK-Modellprojekt: Erste Zahlen Start im April 2016 Flexibles Team vorläufig komplett im Oktober 2016 Von April bis Dezember 2016 (knapp 9 Monate): 163 DAK-Behandlungsfälle davon 49 (30%) in stationsäquivalente Behandlung davon 17 (35%) Home Treatment Hoher Anteil Behandlungsfälle mit einer F1-Hauptdiagnose: 102 (63%). Von den übrigen 61 Behandlungsfällen konnten 40 (66%) in eine stationsäquivalente Behandlung übergeleitet werden. Durchschnittliche Dauer: 2-4 Wochen. -14-

15 DAK-Modellprojekt: Positive Effekte weitere Individualisierung des Angebotes Patienten erreicht, die trotz akuten Behandlungsbedarfs nicht zu einer stationären bzw. (akut-)tagesklinischen Behandlung bereit gewesen wären Verkürzung stationärer Behandlungen Entlassungen von Patienten ermöglicht, die sich lange nicht von der Klinik lösen konnten Vermeidung von Behandlungsabbrüchen Flexibilisierung auch in den Köpfen der Behandler und auch zugunsten von Patienten, die gar nicht in der DAK versichert sind Entwicklung neuer Strukturen (Flexibles Team, Recovery-Gruppe.) insgesamt Belebung der Abteilung / motivierende Erfahrungen -15-

16 DAK-Modellprojekt: aktuelle Herausforderungen Problem der kleinen Zahl Stationsteams können nicht ausreichend vergrößert werden, um selbst alle stationsäquivalenten Behandlungen ihrer Patienten durchzuführen aufwändige Dokumentation Abbildung der stationsäquivalenten Behandlungen im elektronischen Patientenverwaltungssytem hoher Anteil abhängigkeitskranker Patienten Vernetzung mit niedergelassenen Kollegen komplexe Struktur von Vivantes -16-

17 Fazit und Ausblick Ein Modellvorhaben nach 64b SGB V zwischen einer einzelnen Krankenkasse und einer Versorgungsklinik in einem großstädtischen Brennpunktbezirk ist realisierbar flexibilisiert und verbessert die Behandlung einzelner schwerkranker Patienten kann ein kreativer Impuls für die gesamte Abteilung sein geht mit geringen ökonomischen Risiken einher. Der Gesetzgeber sollte Krankenkassen stärker in die Pflicht nehmen, Modellprojekte mit interessierten Kliniken auf den Weg zu bringen. Modellvorhaben, die Träger der Eingliederungshilfe, ambulante psychiatrische Pflege und ggf. auch niedergelassene Ärzte mit einbeziehen, sollten - im Sinne einer weiteren Aufweichung der Sektorengrenzen besonders gefördert werden. Bei der weiteren Ausdifferenzierung der Vorgaben des PsychVVG sollte darauf geachtet werden, die stationsäquivalente Behandlung nicht auf Home Treatment zu beschränken. -18-

18 -19-

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