DEMOGRAFISCHER WANDEL: SIND DIE DEUTSCHEN SOZIALFINANZEN LANGFRISTIG TRAGFÄHIG?

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1 DEMOGRAFISCHER WANDEL: SIND DIE DEUTSCHEN SOZIALFINANZEN LANGFRISTIG TRAGFÄHIG? DAV- / DGVFM-Jahrestagung Berlin, Prof. Dr. Martin Werding Lehrstuhl für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen Überblick Tragfähigkeitsberichte und»tragfähigkeitslücke«bevölkerungsentwicklung und demografische Alterung Projizierte Effekte der demographischen Alterung für GRV GKV SPV Schlussfolgerungen 1

2 Tragfähigkeitsberichte und Tragfähigkeitslücke Tragfähigkeitsberichte des BMF Bisher vier Berichte: Hintergrund: absehbare demographische Alterung Ziel: finanzpolitisches Frühwarnsystem und Monitoring zu EU-Berichterstattung Wichtigste Inhalte: Langfrist-Projektionen zu demografischer Entwicklung und davon besonders betroffenen öffentlichen Ausgaben: GRV, GKV, SPV, Beamte, Arbeitsmarkt, Bildung und Familien Auswirkungen auf gesamtstaatlichen Haushalt: Defizite und Schuldenstand Berechnungen zur Höhe der Tragfähigkeitslücke : Konsolidierungsbedarf Zwei Basisvarianten ( T+ und T ) und insgesamt 80 Alternativszenarien 2

3 Aggregierte Ausgabenquote ( ) Quelle Werding (2016); Projektionen mit dem Modell SIM.13. Erfasste Ausgaben (2014): 60% aller Staatsausgaben bzw. 25,8% des BIP Anstieg bis 2060: +3,3 bis 6,9% des BIP Wenn die öffentlichen Einnahmen je BIP konstant bleiben Schuldenstandsquote ( ) Quelle Werding (2016); Projektionen mit dem Modell SIM.13. (rechnerische Entwicklung bei konstanter Einnahmenquote) Aktuell: günstiger Trend Zwischen 2025 und 2035 kehrt er sich aber um Die öffentlichen Finanzen sind nicht tragfähig 3

4 Tragfähigkeitsberichte des BMF: Resultate Die Tragfähigkeitslücke im gesamtstaatlichen Haushalt beträgt: 1,2% 3,8% des BIP d.h. aktuell ca. 35 Mrd. bis 110 Mrd. p.a. Was heißt das? In diesem Umfang müsste der Haushalt ab sofort und auf Dauer konsolidiert werden, damit der Staat alle seine ungedeckten Ausgaben finanzieren kann ( intertemporale Budgetbeschränkung ) Optionen: öffentliche Ausgaben senken, öffentliche Einnahmen erhöhen oder beides Alternativen: BIP-Wachstum stärken durch Mobilisierung von Erwerbstätigkeitsreserven, (qualifizierte) Zuwanderung, (höhere Geburtenraten) Bevölkerungsentwicklung und demografische Alterung 4

5 Hintergrund: erwartete Bevölkerungsentwicklung Entscheidender Treiber der projizierten Entwicklungen ist die demografische Alterung Langfrist-Projektionen dazu sind vergleichsweise verlässlich Basis im Tragfähigkeitsbericht: Projektionen des Statistischen Bundesamtes (2015) Hier: aktualisierte Berechnungen (mit Effekten für die Bevölkerungszahlen, aber kaum für die Altersstruktur und die öffentlichen Finanzen; vgl. Aretz et al. 2016) Auswirkungen auf Wohnbevölkerung und Altenquotient Wohnbevölkerung ( ) Quellen Ist-Daten: StatBA; Projektionen mit dem Modell SIM.15. Die Bevölkerung in D schrumpft ab etwa 2020 vermutlich 5

6 Altenquotient ( ) Quellen Ist-Daten: StatBA; Projektionen mit dem Modell SIM.15. Der Altenquotient verdoppelt sich tendenziell recht sicher und auf Dauer! Effekte der demografischen Alterung 6

7 Modellierung der Langfrist-Projektionen Hintergrundszenarien zu Arbeitsmarktentwicklung und gesamtwirtschaftlichem Wachstum Ausgaben von GRV, GKV und SPV:»MengengerüstWertkomponente«GRV: Beitragszahler und Rentner Entgeltpunkte und Rentenwert GKV: Mitglieder und Versicherte altersspezifische pro-kopf-ausgaben SPV: Pflegebedürftige Pflegeleistungen je Fall (ambulant / stationär) Fortschreibung lt. Rentenanpassungsformel, Wachstum des pro-kopf-bip bzw. der Löhne Die Fortschreibungsmodalitäten für GKV und SPV sind diskussionswürdig, die Resultate auch aus anderen Gründen mit großen Unsicherheiten behaftet Ausgaben der GRV ( ) Quelle Werding (2016); Projektionen mit dem Modell SIM.13. Die GRV ist vom demografischen Wandel ganz unmittelbar betroffen Wegen des ständig sinkenden Rentenniveaus bleibt der Anstieg fast moderat Ohne die erfolgten Reformen würde die Lage dramatisch Was kann man nach 2030 noch tun? 7

8 Altersprofile der GKV-Ausgaben (2012) medizin-technischer Fortschritt Kompression Medikalisierung Quelle Bundesversicherungsamt (Risikostrukturausgleich 2012). Fortschreibung dieser Profile? Kompressions- vs. Medikalisierungsthese, was gilt? Kostenwirkungen des medizin-technischen Fortschritts? Basisvarianten: rein demografische Effekte Ausgaben der GKV ( ) Quelle Werding (2016); Projektionen mit dem Modell SIM.13. Rein demografische Effekte führen zu einem moderaten Anstieg Möglich sind jedoch auch massive Ausgabensteigerungen Ebenso aber völlig unproblematische Szenarien Wie wahrscheinlich ist Kompression? 8

9 Ausgaben der sozialen Pflegeversicherung ( ) Quelle Werding (2016); Projektionen mit dem Modell SIM.13. Offene Fragen: Wie entwickeln sich die Kosten? Wie entwickeln sich die Leistungen?? Ausgaben-Projektionen: weitere Posten Beamtenversorgung und Beihilfe deutlicher Anstieg, v.a. bei Ländern und Kommunen Arbeitsmarkt (SGB III und SGB II) Arbeitsmarktannahmen Bildung und Familien keine Entlastung, bei Geburtenanstieg: sinnvolle Investition 9

10 Schlussfolgerungen Die öffentlichen Finanzen sind trotz mancher Fortschritte nicht langfristig tragfähig Die»Tragfähigkeitslücke«liegt über alle Varianten hinweg bei 0,3 6,5% des BIP Entscheidender Grund für diese Perspektive ist die demografische Alterung, die sich v.a. zwischen 2020 und 2035 entfaltet und voraussichtlich nicht wieder abflaut Die absehbare Entwicklung der sozialen Sicherungssysteme schafft zugleich Raum für mehr private Vorsorge und Versicherung definitiv in den Bereichen Altersvorsorge und Pflegezusatzversicherungen bei der Krankenversicherung herrschen größere Unsicherheit und politische Risiken Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit! 10

11 Literatur Aretz, Bodo, Désirée I. Christofzik, Uwe Scheuering und Martin Werding (2016), Auswirkungen der Flüchtlingsmigration auf die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen, SVR-Arbeitspapier Nr. 6/2016. Statistisches Bundesamt (2015), Bevölkerung Deutschlands bis 2060: 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Statistisches Bundesamt: Wiesbaden. Werding, Martin (2013), Modell für flexible Simulationen zu den Effekten des demographischen Wandels für die öffentlichen Finanzen in Deutschland bis 2060: Daten, Annahmen und Methoden, Bertelsmann-Stiftung: Gütersloh. Werding, Martin (2016), Modellrechnungen für den Vierten Tragfähigkeitsbericht des BMF, FiFo-Bericht Nr. 20, Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut: Universität zu Köln. Anhang 11

12 Altersprofile der GKV-Ausgaben ( ) Quelle Bundesversicherungsamt (Risikostrukturausgleich). Altersprofile der GKV-Ausgaben ( ) Quelle Bundesversicherungsamt (Risikostrukturausgleich). 12

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