Briefpapier WVBS. Basel, 9. Februar 2012

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1 Briefpapier WVBS Basel, 9. Februar 2012 Wettbewerbskommission WEKO Sekretariat / Dienst Produktemärkte Prof. Dr. Patrik Ducrey Monbijoustrasse Bern Anzeige gegen die Feldschlösschen Getränke AG Die Carlsberg-Gruppe missbraucht ihre Marktmacht Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Ducrey Die Feldschlösschen Getränke AG hat am 31. Januar 2012 bekannt gegeben, die Preise von eigenen, in der Schweiz produzierten Markenbieren um durchschnittlich 4.4 Prozent zu erhöhen. Als Grund werden "hohe Marktinvestitionen" und "steigende Transportkosten" angegeben. Die Aufschläge betreffen dieses Mal sämtliche Gebinde (Einweg- und Mehrwegflaschen, Dosen, Fass) und alle Verkaufskanäle (Gastronomie, Detailhandel, Getränkehandel), wenn sich auch einmal mehr die schweizerischen Fassbiere überdurchschnittlich stark verteuern. Als weitere Begründung für die aktuelle Preisrunde gibt die Firma an, sie setze weiterhin auf den Produktionsstandort Schweiz. Neben den nationalen Brands Feldschlösschen und Cardinal sowie den regionalen Marken Hürlimann, Valaisanne, Gurten und Warteck produziert die Feldschlösschen-Gruppe auch einige Biere ihrer Mutter Carlsberg für den hiesigen Markt. Die Preiserhöhungen von Feldschlösschen sind für uns schwer nachvollziehbar, halten wir doch Bier für die Gastronomie schon jetzt für viel zu teuer! Unserer Meinung nach müsste der Preis sinken. Natürlich steht es jedem Unternehmen frei, seine Preispolitik zu bestimmen, solange es bereit ist, die kurz- und langfristigen Konsequenzen seines Tuns zu tragen und solange kein Missbrauch der Marktmacht vorliegt. Nicht so frei wie Feldschlösschen sind leider die meisten Wirte, weil sie durch Lieferverträge geknebelt sind. Viele werden in langfristige Lieferverträge gedrängt, ohne dass sie Preiserhöhungen ausbedingen können. Besonders stossend ist, dass solche Lieferverträge nicht nur abgeschlossen werden, wenn Darlehen im Spiel sind, die mit den Rückvergütungen amortisiert werden. Leider ist es ist gerade bei Feldschlösschen gebräuchlich, auch dann Fünfjahresverträge zu verlangen, wenn lediglich Rabatte auf den Listenpreis gewährt werden.

2 Seite 2 Nicht betroffen von den Preiserhöhungen sind die von Feldschlösschen gebrauten Billigbiere, obwohl doch sicher auch hier Transportkosten und (hohe) schweizerische Produktionskosten anfallen. Ja, auch Schweizer Brauereien sind in der Lage, Billigbier für weniger als einen Franken pro Liter herzustellen. Typische Gastronomiegebinde in dieser Preisklasse sucht man allerdings vergeblich! Es ist sehr störend, dass unter anderem "Anker", eine Marke, die ursprünglich in Frenkendorf BL gebraut und 1976 in die damalige Cardinal-Gruppe integriert wurde, von den Preiserhöhungen verschont bleibt. 12 Liter des Biers (24er-Pack mit 50cl-Dosen) kosten bei regelmässigen Aktionen im Coop CHF 14.40, manchmal sogar CHF 12. Das ergibt einen Nettopreis (exklusive Mehrwertsteuer) von 93 bis 111 Rappen pro Liter, während der Listenpreis für ein Liter schweizerisches Fassbier von Feldschlösschen nun zwischen CHF 3.17 und CHF 3.52 liegt. Feldschlösschen will mit den Preiserhöhungen "die eigenen Marken stärken" und "in den Biermarkt investieren", also die Marketinganstrengungen erhöhen. Man trete so "dem steigenden Anteil der Importbiere entgegen". Den Import von günstigeren (aber qualitativ einwandfreien) Bieren mit einer Preiserhöhung zu bekämpfen, ist nun wirklich absurd! Aber auch das ist wie vieles, was uns am Biermarkt stört vermutlich nicht illegal. Wir kommen deshalb zum Kernpunkt unserer Anzeige. Die Begründung, Feldschlösschen halte am Produktionsstandort Schweiz fest, ist nur ein Vorwand! Das zeigt das Beispiel "Stella Artois". Ein Liter des belgischen Fassbiers schlägt gemäss Feldschlösschen per 1. Mai 2012 von CHF 3.37 auf 3.52 auf. Wie wir mit Bestimmtheit wissen, wird Stella Artois gar nicht in Rheinfelden, sondern nach wie vor in der flämischen Stadt Löwen gebraut. Das Bier wird also aus der Euro-Zone importiert und müsste deshalb massiv abschlagen. Der Preisaufschlag ist offensichtlich rein taktischer Natur und es geht einzig um das Markengefüge. Würde Stella Artois nämlich noch zum Preis von 2007 verkauft (CHF 3.03), wäre es 29 Rappen billiger als das Lagerbier von Feldschlösschen (CHF 3.32), 49 Rappen günstiger als die offene Hopfenperle (CHF 3.52) und gar 96 Rappen unter dem Preis von Carlsberg (CHF 3.99). Stella Artois ist ein Importbier und müsste billiger werden. Noch gravierender ist für uns aber der Entscheid von Feldschlösschen, die Konzernmarken Carlsberg und Tuborg in der Schweiz zu brauen. Das ergibt angesichts der hohen Produktionskosten in der Schweiz nur einen Sinn: Die Preise der internationalen Brands sollen künstlich deutlich über den nationalen und regionalen Marken liegen. Stella Artois stammt im Übrigen nicht aus dem Portfolio von Carlsberg, sondern gehört einem der härtesten Widersacher auf dem internationalen Parkett, der weltgrössten Brauereigruppe Anheuser- Busch InBev. Neben Beck's und Budweiser ist Stella Artois innerhalb der 200 Marken von InBev einer von nur gerade drei "Global Brands". Auch wenn der Marktanteil in der Schweiz eher klein ist, so ist der Preis doch bedeutsam, weil Stella Artois Marken wie Carlsberg und Heineken auf Augenhöhe begegnet. Es geht unserer Meinung nach nicht an, dass die multinationalen Konzerne zusammen spannen, um einen wirksamen Wettbewerb zu verhindern. Wir wissen, dass die Weko sich schon einmal mit dem Feldschlösschen-Vertrieb von InBev-Marken beschäftigt hat.

3 Seite 3 Den damaligen Entscheid haben wir nicht verstanden, auch wenn er wohl juristisch korrekt war. Die Schweizer Wirte kommen nicht in den Genuss von tieferen Preisen durch parallel importierte InBev- Produkte. Das heisst nicht, dass es diese Importe nicht gibt, sondern lediglich, dass die Margen in die Taschen von Zwischenhändlern fliessen. Wie einem Bericht der Basler Zeitung vom 8. Februar 2012 entnommen werden kann, bestreitet Feldschlösschen nicht, dass Stella Artois in Belgien gebraut wird. Man sei aber zu Preisaufschlägen gezwungen gewesen, weil der Hersteller seine Preise erhöht habe. Selbst bei einer wohlwollenden Rechnung kommen wir zum Schluss, dass Stella Artois seit 2007 hätte abschlagen müssen: Nehmen wir an, dass die Hälfte von Feldschlösschen's Kosten in Euro und die Hälfte in Franken anfallen. Das wäre eine Traummarge von 50%. Nehmen wir ferner an, dass InBev den Preis zwischen 2007 und 2012 um insgesamt 10 Prozent angehoben hat, was reichlich viel wäre. Nehmen wir zum Schluss noch an, dass Feldschlösschen's Kosten in Schweizer Franken ebenfalls um 10 Prozent gestiegen sind, was angesichts der schwachen Teuerung sicherlich übertrieben ist. Euro-Kosten und Bruttomarge von Feldschlösschen pro Liter Stella Artois Jahr Eurokurs Kosten in Euro Euro-Kosten in CHF Marge in CHF Total in CHF effektiv Stella Artois müsste also selbst bei den von uns getroffenen, für Feldschlösschen sehr vorteilhaften Annahmen mindestens 7 Rappen pro Liter billiger sein als Stattdessen ist es nun bald 49 Rappen teurer. Feldschlösschen verbessert seine Bruttomarge gegenüber 2007 also um mindestens 46 Prozent resp. um 70 Rappen pro Liter! Unsere These wird gestützt durch die Tatsache, dass die Flaschen und Dosen von Stella Artois nicht aufschlagen. Und andere Importbiere (darunter auch InBev-Marken) zeigen, dass Abschläge dank der Frankenstärke möglich sind. Wir vermuten, dass die Feldschlösschen Getränke AG gegenüber Grossverteilern Preisnachlässe gewährt haben, nicht jedoch gegenüber Getränkehändlern und der Gastronomie. Das wäre mit ein paar Nachfragen bei Firmen wie Coop, Denner, Spar, Manor oder Prodega einfach zu überprüfen. Was wir in der Schweiz dringend brauchen, ist mehr Wettbewerb im Getränkemarkt, speziell auch bei der Belieferung der Kleingastronomie mit Fassbier. Beim Offenbier gibt es ein stillschweigendes Preiskartell und alle Anbieter in der Schweiz haben ein Interesse am hohen Preisniveau. Die Preisunterschiede sind nicht nur im internationalen Vergleich enorm gross, sondern auch zwischen den Absatzkanälen Detailhandel und Gastronomie. Die Weko und die Preisüberwachung sollten sich mit der stark unterschiedlichen Preisentwicklung von gastronomierelevanten Gebinden (insbesondere Offenbier) und typischen Einzelhandelsgebinden (z.b. Einweg-Flaschen und Dosen) beschäftigen. Die "Vertragsbiere" sind seit 1995 um 37 bis 52 Prozent teurer geworden, während die gleichen Biere in Flaschen "nur" 17 bis 22 Prozent zulegten. Das Hauptproblem liegt bei der vertikalen Integration von Carlsberg, deren Tochter Feldschlösschen nicht nur die Hälfte der schweizerischen Bierproduktion, sondern auch die Hälfte des Getränkehandels kontrolliert. Es gibt Landesgegenden, in denen es keine leistungsfähigen, konzern-unabhängigen Getränkehändler mehr gibt. Und es ist anzunehmen, dass die eigenständigen Getränkegrossisten systematisch benachteiligt, vielleicht sogar unter Druck gesetzt werden.

4 Seite 4 Hinzu kommt die riesige Produktpalette von Feldschlösschen, welche nicht nur konzerneigene Marken, sondern auch Brands ihrer internationalen Widersacher sowie Billiglinien für den Detailhandel umfasst. Wir bitten Sie, die Marktmacht von Feldschlösschen zu untersuchen. Ein Augenmerk wäre dabei auch auf die Preise von Importprodukten aus dem Euro-, Pfund- und Dollarraum zu richten, die Feldschlösschen über ihr "House of Beer" in der Schweiz vertreibt. Allen voran sind die Preise von "Schneider Weisse" und "Franziskaner" fragwürdig. Schweizer Wirte bezahlen für diese Weizenbiere fast drei Mal so viel wie ihre deutschen Berufskollegen. Wahrscheinlich wäre sogar das "Weizenbier-Kartell" eine separate Untersuchung wert, ist doch auch die Heineken- Marke "Erdinger" fast drei Mal teurer als in Deutschland. Im Weiteren bitten wir Sie höflich, Gerüchten nachzugehen, wonach Feldschlösschen direkt oder über eine nahestehende Firma Cardinal-Bier (auch im Fass) und eventuell auch andere Biere zu Preisen ins Elsass verkauft, die weit unter den schweizerischen liegen. Bei allen Untersuchungen sollten Sie nicht nur auf die Listenpreise oder die ausgewiesenen Preise achten, sondern auch auf das Geflecht von Payback-Zahlungen und Zahlungen anderer Art (z.b. aus dem Marketingbudget). Bei dieser Gelegenheit wäre auch das Verhalten der zwei Branchengrössten bei Aufschlägen unter die Lupe zu nehmen. Ein Blick zurück zeigt, dass Erhöhungen von Feldschlösschen und Heineken Switzerland im Takt erfolgen: Am 1. Januar 2007 ging der Literpreis der Lagerbiere von Calanda und Feldschlösschen auf CHF Ein Jahr später schlug Calanda um 20 und Feldschlösschen um 15 Rappen auf. Weiter ging es am 1. Januar 2009: Calanda ging auf CHF 3.05 und Feldschlösschen auf CHF Per 1. Juli 2010 erhöhte sich der Preis von Feldschlösschen auf CHF Es dauerte nur drei Monate und Calanda zog auf CHF 3.15 nach. Um einen wirksamen Wettbewerb im schweizerischen Biermarkt sicherzustellen, sind folgende Massnahmen dringend angezeigt: 1. Die Carlsberg-Feldschlösschen-Gruppe ist anzuhalten, den Grossteil der konzerneigenen Getränkehändler in der Schweiz innert zwei Jahren zu verkaufen. 2. Feldschlösschen hat innert zwei Jahren die Exklusiv-Vertretung von Marken aufzugeben, die nicht zum Carlsberg-Konzern gehören mit einzelnen Ausnahmen für Spezialitäten. 3. Feldschlösschen und andere Brauereien werden angehalten, ihre Preise transparenter zu gestalten. Anstelle von individuell vereinbarten Rückvergütungen hat eine Preisliste mit Mengenrabatten zu treten. So würde jeder sehen, dass Grossgastronomen ihr Bier 20 bis 25 Prozent günstiger einkaufen als die kleinen Wirte. 4. Lieferverträge mit Wirten, die keine Geldleistungen erhalten, dürfen nur abgeschlossen werden, wenn während der Vertragszeit der Einkaufspreis garantiert wird, oder wenn bei einer Preiserhöhung der Vertrag automatisch endet. 5. Lieferverträge mit Darlehen dürfen höchstens drei Jahre dauern. Bei Preiserhöhungen sollen die Kunden der Brauereien die Gelegenheit haben, die Restschuld innert drei Monaten zu begleichen und den Vertrag zu beenden.

5 Seite 5 Zum Schluss noch eine Vermutung: Carlsberg geht es darum, Millionenverluste in Russland zu decken. Die dänische Mutter von Feldschlösschen leidet nicht nur unter dem geringeren Bierdurst der Russen, sondern auch unter einer massiven Steuererhöhung. Der Konzern erzielte bisher 40 Prozent seines Gewinns in Russland. Nachdem der dortige Bierabsatz eingebrochen ist, wird jetzt einfach bei den anderen Ländergesellschaften mehr Geld eingetrieben. Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Ducrey, bitte leiten Sie eine Untersuchung der Wettbewerbskommission ein. Gerne sind wir bereit, mit unserem Wissen und mit verschiedenen Dokumenten zu dieser Untersuchung beizutragen. Besten Dank im Voraus für Ihre Bemühungen. Für Fragen stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung. Ein ähnliches Schreiben ging an den Preisüberwacher. Mit freundlichen Grüssen Wirteverband Basel-Stadt Josef Schüpfer Präsident Maurus Ebneter Delegierter des Vorstands

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