Grundannahmen und Ziele der systemischen Beratung

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1 Grundannahmen und Ziele der systemischen Beratung SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 1 Überblick Grundannahmen und Ziele der systemischen Beratung 1. Entdecke die Möglichkeiten! 2. Hypothesenbildung 3. Zirkularität 4. Allparteilichkeit und Neutralität 5. Haltung einer respektvollen Neugier 6. Respektlos gegenüber Ideen, Respekt gegenüber Menschen 7. Beratung als Verstörung und Anregung 8. Ressourcenorientierung; Lösungsorientierung 9. Der Kunde ist König! SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 2 1

2 1. Entdecke die Möglichkeiten! Von Foerster (1988): Handele stets so, dass du die Anzahl der Möglichkeiten vergrößerst!. Alles, was die Möglichkeiten einschränkt, ist verboten! Keine Tabus Keine Denkverbote Keine Dogmen Keine Richtig-/Falsch-Bewertungen Das Gewusste in Frage stellen Das Unrealistische als Möglichkeit prüfen Ausprobieren wichtig! Nicht nur theo. Überlegungen, sondern auch Umsetzung der Ideen SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 3 1. Entdecke die Möglichkeiten! Von Schlippe (1995): Alle Therapie versucht im weitesten Sinne, die Beschreibungen zu verändern, über die Wirklichkeit erfahren wird. Therapie ist in meinen Augen ein gemeinsames Ringen um Wirklichkeitsdefinitionen. Alle psychologischen Maßnahmen [...] verändern also die den Betroffenen gemeinsamen Sinnstrukturen im Kontext eines jeweiligen Systems. Und dabei braucht es... neben neuen kognitiven Konzepten auch neue Erfahrungen, nicht nur der Kopf muss eine neue Geschichte erfinden, sondern der Leib muss sie neu erfahren. SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 4 2

3 2. Hypothesenbildung Hypothesen: Vorläufige Annahmen über das, was ist Im weiteren Verlauf zu überprüfen Ursprünglich: Ein Mittel, um Erkenntnis zu erlangen (klassische Wissenschaftstheorie) Hypothesen im systemischen Kontext: Der Wert einer Hypothese liegt darin, ob sie nützlich ist: - Hilft sie, die vielen Informationen zu ordnen? (Ordnungsfunktion) - Bietet sie neue Sichtweisen? (Anregungsfunktion) Vorrangiges Ziel ist nicht, die eine richtige Hypothese zu finden, sondern immer wieder neue Möglichkeiten zu eröffnen SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 5 2. Hypothesenbildung Nützliche systemische Hypothesen: Eine Hypothese ist mit um so größerer Wahrscheinlichkeit nützlich - Je mehr Mitglieder des Problemsystems sie umfasst - Und je mehr sie die Handlungen der einzelnen Akteure in wertschätzender Form verbindet Eine Hypothese sollte also: - Möglichst viele Mitglieder des Systems einbeziehen - Den Beteiligten entweder gute Absichten mit unbeabsichtigten negativen Folgen zuschreiben - Oder neben dem Leiden an dem Problem auch die positiven Nebenwirkungen verdeutlichen SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 6 3

4 3. Zirkularität Zirkularität = Kreisförmigkeit Zirkularität: Alles Verhalten ist in einen Kreislaufprozess eingebunden Es geht nicht darum, wer zuerst etwas falsch gemacht hat Stattdessen soll aufgedeckt werden, wie sich das Verhalten der Akteure gegenseitig bedingt Das Muster soll erkannt und aufgebrochen werden - Wenn eine Partei etwas anders macht, muss sich das Gesamtmuster verändern! SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 7 3. Zirkularität Beispiele: Hypothese 1: Die Schüler sind unmotiviert, weil sie schlechte Lehrer haben Hypothese 2: Die Lehrer sind frustriert, weil die Schüler unmotiviert sind Kreislauf: Schüler und Lehrer frustrieren und demotivieren sich gegenseitig Hypothese 1: Kurt zieht sich zurück, weil Karla ihn nervt Hypothese 2: Karla läuft Kurt immer hinterher, weil sich ständig zurückzieht Kreislauf: Kurt rennt vor Karla weg, weil er sich durch sie bedrängt fühlt und Karla läuft ihm hinterher, weil er sich ständig zurückzieht SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 8 4

5 4. Allparteilichkeit und Neutralität Allparteilichkeit des Beraters: Für alle Beteiligten gleichermaßen Partei ergreifen Die Verdienste jedes Mitgliedes gleichermaßen (an)erkennen Sich mit beiden Seiten ambivalenter Beziehungen identifizieren Formen der Neutralität des Beraters: Gegenüber Personen - Auf wessen Seite steht der Berater? Gegenüber Problemen oder Symptomen - Ist das Symptom gut oder schlecht? Gegenüber Ideen - Welche Problemerklärungen, Lösungsideen, Werthaltungen oder Meinungen favorisiert der Berater? SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 9 4. Allparteilichkeit und Neutralität Neutralität des Beraters: Voraussetzung dafür, - dass alle Beteiligten ihn als kompetent akzeptieren - dass er nicht in die Beziehungsmuster des Systems eingebaut wird Nicht Kühle Distanziertheit, sondern - Anteilnahme, aber wechselseitig und offen reflektiert (Metaebene) - Eigene Meinung, aber nicht als Doktrin formuliert Neutralität ist in erster Linie eine Frage der Wirkung, nicht der Absicht SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 10 5

6 4. Allparteilichkeit und Neutralität Grenzen der Neutralität: Neutralität ist eine professionelle Haltung für bestimmte Beratungskontexte In diversen privaten Situationen und einigen professionellen Beratungskontexten ist sie nicht angezeigt Es ist stets zu prüfen, in welchem Kontext es sinnvoll ist, Neutralität zu verwirklichen SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung Respektvolle Neugier Neutralität und Neugier begünstigen sich gegenseitig Dagegen behindern Kausalitäts-Gewissheit und moralische festgelegte Positionen die Neugierhaltung Systemische Techniken zur Förderung der Neugier: - Hypothesenbildung - Zirkuläres Fragen Implikationen der Neugier-Haltung: Contra Reparaturlogik Interesse daran, wie das System funktioniert, ohne dies als gut oder schlecht zu bewerten (sondern schlicht als wirksam) Contra soziale Kontrolle (keine Bewertungen, s.o.) Unwissenheit des Therapeuten als Ressource verstanden Contra vorschnelle Erkenntnisse SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 12 6

7 6. Respektlos ggü. Ideen, Respekt ggü. Menschen Sollte man auch mit systemischen Grundsätzen respektlos umgehen? Manchmal bietet es sich an, systemischen Überlegungen bewusst nicht zu folgen (Beispiel S. 122) Beispiel: Ratschläge geben, lineare Hypothesen aufstellen Es scheint so, als ob gerade das flexible Umgehen mit eigenen Glaubenssätzen das innovative Potential in der Beratung erhöhen kann Hosemann (1993): Ich glaube keiner Theorie, sondern ich benutze sie nur. Ich benutze von der Theorie immer das Teilstück, das mir hilft,... solange es hilft. SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung Verstörung und Anregung Verstörung des Systems: Das bisherige Muster durchbrechen Manchmal reicht es aus, wenn nur ein kleiner Aspekt verändert wird (Beispiel: Durchschlafstörungen, S. 123, unten) Ob eine Intervention wirklich zu einer Verstörung wird, zeigt sich daran, ob sie wirkt; Terminologie: - Anregung: Das Handeln des Beraters - Verstörung: Die Veränderung des Systems Wie kommt es zu Verstörungen? - Direktes kritisches Anzweifeln bisheriger Glaubenssätze - Neue Anregungen und Ideen, die die bisherigen Glaubenssätze gar nicht direkt kritisieren, aber in deren Licht jene irrelevant werden SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 14 7

8 8. Ressourcenorientierung; Lösungsorientierung Grundannahme Ressourcenorientierung: Das System verfügt bereits über alle Ressourcen, die es zur Lösung seiner Probleme benötigt; es nutzt sie nur derzeit noch nicht. Konzept des lösungsorientierten Denkens: Gegensatz zum weit verbreiteten Defizitkonzept Weniger wichtig, ob es bestimmte Defizite gibt oder nicht, sondern welche Optionen sie dem Betroffenen eröffnen oder verschließen Welches Konzept ist nützlicher in der Beratung? - Ressourcenorientierung ist therapeutisch oft nützlicher - Für den Klienten: Motiviert, gibt Selbstvertrauen - Für den Berater: Menschenbild weniger defizitorientiert SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung Der Kunde ist König! Idee kommt ursprünglich aus der Wirtschaft Kundenorientierung Das Angebot soll auf die Nachfrage abgestimmt sein Dienstleistungsphilosophie Ziel: Professionelle Interventionen danach ausrichten, was der Klient subjektiv wünscht, nicht danach, was er nach Meinung von Fachleuten braucht Vorteil: Klientenorientiertes Arbeiten hilft, unnötige Mühen zu vermeiden (z.b. wenn eigentlich kein Beratungsbedarf besteht) Erste Priorität: Klären, was der Klient wirklich wünscht. SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 16 8

9 9. Der Kunde ist König! Probleme zur Diskussion: Wie gehe ich damit um, wenn im Gespräch deutlich wird, dass ein tiefergehenderes Problem zugrunde liegt, an dem der Klient nicht arbeiten will, z.b. Alkoholismus oder Gewalt in der Familie? Wie gehe ich damit um, wenn ein Klient etwas wünscht, dass ich aufgrund meiner beraterisch-therapeutischen Erfahrungen für völlig falsch halte? - Z.B. Wie gehe ich damit um, wenn der Kunde will, dass ich sein Problem löse (z.b. ihm Ratschläge gebe und für ihn eine Lösung auswähle)? Darf ich unmotivierte Klienten zu motivieren versuchen?... SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung Der Kunde ist König! Fazit: Ich sollte nur handeln, wenn ich von Klienten auch wirklich den Auftrag dazu habe Der Auftrag meines Klientensystems muss mit meinen Mitteln und nach meinen besten Wissen und Gewissen auch wirklich realisierbar sein Ergänzung: Es ist es legitim bzw. u. U. sogar angezeigt, Motivationsarbeit zu leisten (nicht: zu überreden!) Auf der Metaebene mit dem Klienten zu diskutieren, warum ich eine andere Sicht habe, was der Auftrag sein könnte Eine Beratung abzulehnen, wenn der Kundenwunsch nicht erfüllbar scheint (aus institutionellen, therapeutischtheoretischen o.a. Gründen) SoSe 2005: Beratungstraining - Grundannahmen der systemischen Beratung 18 9

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