Die Kooperation der Rehabilitationsträger mit den Betrieben

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1 Die Kooperation der Rehabilitationsträger mit den Betrieben (Arbeitsgruppenbericht) 1. Zusammenfassung der Einführung in das Thema der Arbeitsgruppe 1.1 Allgemeines Das SGB IX ist als Fortschritt im Behindertenrecht zu werten. Es enthält eine Vielzahl von Leistungsverbesserungen. Insbesondere wird auf die Selbstbestimmung und auf die Teilhabe behinderter Menschen abgestellt. Gleichzeitig werden durch den Ersatz des Gesetzes zur Angleichung der Leistungen der Rehabilitation (RehaAnglG) nunmehr auch die Träger der Jugendhilfe und Sozialhilfe in die neue gesetzliche Regelung einbezogen. Damit sind auch diese Träger für Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben zuständig. Viele Träger der Sozialversicherung haben bereits vor Einführung des SGB IX eine enge Kooperation mit den Betrieben angestrebt und gepflegt. Für einige Sozialversicherungsträger ist die Zusammenarbeit mit den Betrieben und ihren Vertretern ein neues Geschäftsfeld und damit eine Herausforderung für die Zukunft. 1.2 Bemerkungen und Beispiele zu Regelungen aus dem SGB IX, die eine enge Kooperation mit den Betrieben fordern Vorrang von Prävention ( 3 SGB IX) Durch die besondere Betonung des Vorranges von präventiven Maßnahmen wird die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit den Betrieben besonders gefordert. Einige Rehabilitationsträger haben bereits in der Vergangenheit vermehrt Maßnahmen zur Prävention in enger Kooperation mit den Betrieben initiiert und gefördert. Erkrankungen der Haut sind die bei allen Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung am häufigsten gemeldeten Erkrankungen. Noch vor wenigen Jahren führte eine Vielzahl der Erkrankungen zur zwangsweisen Aufgabe der ZSR, 50. Jahrgang (2004), Heft 4-5, S

2 beruflichen Tätigkeit. Um den neuen Anforderungen im Rahmen der individuellen Prävention gerecht zu werden, hat die Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) organisatorische Anpassungen vorgenommen. Derzeit arbeiten interdisziplinäre Teams, bestehend aus Fachleuten der Präventionsabteilungen sowie Fachleuten aus den Entschädigungsabteilungen, in einem Team zusammen. In den regelmäßig stattfindenden Teambesprechungen werden alle Neumeldungen von Verdachtsfällen auf Berufserkrankungen besprochen und es werden Präventionsstrategien entwickelt. Praktisch lassen sich die Schritte wie folgt darstellen: Unmittelbar nach Eingang eines Berichtes über eine Hauterkrankung wird bei hinreichenden Anhaltspunkten für einen beruflichen Zusammenhang der Erkrankung ein Auftrag zur dermatologischen Behandlung erteilt. Zeitgleich wird den Versicherten die Teilnahme an einem Präventionsseminar angeboten. Wesentlicher Bestandteil dieser Maßnahme ist die sich anschließende Betriebsberatung durch einen fachkundigen Berater. Die Betriebe werden um entsprechende Mitwirkung gebeten. Durch die persönliche Kontaktaufnahme ist die Bereitschaft zur Kooperation bei den Arbeitgebern ausgesprochen hoch. Durch speziell ausgewählte Fachkräfte werden die Versicherten und die Arbeitgeber am Arbeitsplatz beraten. Bei den Friseurinnen werden diese Beratungen durch Friseurmeister mit Ausbildung als Fachkraft für Arbeitssicherheit und spezieller Schulung im Bezug auf Hautschutz durchgeführt. Die anderen Berufsgruppen werden durch die Präventionsdienste der Berufsgenossenschaft oder durch Fachleute aus den Rehabilitationsbereichen beraten. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass eine rechtzeitige Individualprävention die Fortsetzung der beruflichen Tätigkeit sichert. Die ärztliche Behandlung ist neben wirksamen Strategien zur Individualprävention bei Hauterkrankung eine unerlässliche Grundlage dafür. Allerdings lassen sich durch ärztliche Maßnahmen allein wesentliche Elemente einer wirksamen Individualprävention bei Hauterkrankungen, die dem Ziel dient, dem erkrankten Versicherten eine Weiterarbeit am bisherigen Arbeitsplatz zu ermöglichen, nicht realisieren. Die Erfahrung zeigt ferner, dass bei dem Bemühen um eine erfolgreiche Wiedereingliederung von hauterkrankten Versicherten an ihrem Arbeitsplatz 530

3 Kooperation der Rehabilitationsträger mit den Betrieben dem Aspekt der Verhaltensprävention eine entscheidende Rolle zukommt. Schließlich erfordert die wirksame Individualprävention in der Regel auch Veränderungen im Sinne der Verhältnisprävention, d.h. Veränderungen am Arbeitsplatz oder in den Arbeitsabläufen. Viele Fragestellungen können ohne Beratung durch einen technischen Sachverständigen nicht gelöst werden. Es ist daher unerlässlich, den Betrieb in die Maßnahmekonzepte zur Individualprävention einzubeziehen. Mit der rechtzeitigen (durch telefonische Kontaktaufnahme nach vorherigem Einverständnis durch den Versicherten) Einbindung des Betriebes hat die BGW ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht. Der Arbeitgeber verfügt über sehr spezifische Kenntnisse der Bedingungen am Arbeitsplatz. Dieses Wissen ist eine wesentliche Säule für den Erfolg der Prävention. Die Zusammenarbeit mit den Betrieben muss daher deutlich intensiviert werden. Durch die veränderten Strategien der BGW erlebt der Betrieb die Berufsgenossenschaft als Dienstleistungsunternehmen mit Beratungskompetenz. Dies hat zu einer deutlichen Verbesserung der Zusammenarbeit mit den meisten Betrieben geführt. Die Teambildung innerhalb der BGW hat zu einer höheren Transparenz für die Entscheidungsträger innerhalb der Betriebe geführt. Kompetente Ansprechpartner sind jetzt bekannt. Die Erfolge dieser engen Kooperation sind eindrucksvoll. Die Notwendigkeit für Maßnahmen zur Teilhabe am Arbeitleben konnte um 65% reduziert werden. Damit wurden die Ausgaben für Rehabilitationsmaßnahmen allein in der Friseurbranche um 60 vom Hundert ( ) von 33 Millionen Euro auf 12 Millionen Euro gesenkt. Ein Erfolg, der zu einer Senkung der Beiträge geführt hat Stufenweise Wiedereingliederung ( 28 SGB IX) Die Vorschrift des 28 SGB IX sieht nunmehr für alle Trägerbereiche der medizinischen Rehabilitation die bisher ausdrücklich nur in der gesetzlichen Krankenversicherung ( 74 SGB V) vorgesehene Möglichkeit der stufenweisen Wiedereingliederung vor. Auch die Unfallversicherungsträger haben bisher schon Maßnahmen zur stufenweisen Wiedereingliederung im Sinne einer Belastungserprobung durchgeführt. Die bisherige Praxis zeigt, dass dieses Instrument im Rahmen der medizinischen Rehabilitation eine gute 531

4 Plattform für eine zielführende und dem Betrieb sowie den Betroffenen dienende Maßnahme darstellt Eingliederungszuschüsse ( 34 Abs. 1 Nr. 2 SGB IX) Leistungen an den Arbeitgeber können nach 34 Abs. 1 Nr. 2 SGB IX Eingliederungszuschüsse sein. Diese Leistung an die Betriebe wurde bereits vor Einführung des SGB IX von verschiedenen Rehabilitationsträgern erbracht. Unterschiedliche Regelungen hinsichtlich des Umfangs und der Höhe der Leistungen haben zu erheblichen Verunsicherungen in den Betrieben geführt und damit die Zusammenarbeit erschwert. 34 SGB IX regelt für alle Rehabilitationsträger nunmehr Höhe und Umfang dieser Leistung und räumt einen Ermessensspielraum ein. Die Praxis zeigt, dass trotz der Einführung dieser Vorschrift von den einzelnen Rehabilitationsträgern sehr unterschiedliche Vereinbarungen mit den Arbeitgebern getroffen werden. Eine einheitliche Regelung aller Träger wird die Kooperation mit den Betrieben erleichtern Zusammenarbeit ( 99 SGB IX) Die Zusammenarbeit aller Beteiligten regelt 99 SGB IX für den Bereich der Teilhabe am Arbeitsleben schwerbehinderter Menschen. Für die Gruppe der Behinderten und der von Behinderungen bedrohten Menschen besteht eine derartig umfassende Regelung nicht. Unterschiedliche Kooperationspartner mit sehr differenten Kompetenzen und Qualifikationen sowie sehr unterschiedlichen Betriebsstrukturen (u.a. Groß- und Kleinbetriebe) erschweren die Zusammenarbeit. Die Erfahrungen einiger Rehabilitationsträger haben gezeigt, dass insbesondere die Einbindung von Arbeitmedizinern und Betriebsärzten die Kooperation mit den Betrieben und damit den Zugang von Leistungen zur Teilhabe für die Betroffenen erleichtert Leistungen an Arbeitgeber ( 34 SGB IX) Die Vorschrift fasst die Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, die von den Rehabilitationsträgern an die Arbeitgeber erbracht werden können, zusammen. Für die zielgerichtete und sinnvolle Zahlung dieser Leistungen ist der frühzeitige und persönliche Kontakt zu den Betrieben erforderlich. In der Vergangenheit wurden von den Sozialleistungsträgern Leistungen in sehr 532

5 Kooperation der Rehabilitationsträger mit den Betrieben unterschiedlicher Höhe und für unterschiedliche Zeiträume gezahlt. Dieses führt zu unnötigen Spannungen zwischen Rehabilitationsträgern und Betrieben und erschwert die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Betrieben. Die Verbesserung der Kooperation mit den Betrieben ist unter diesem Gesichtspunkt nur zu erreichen, wenn auch die Kooperation der Rehabilitationsträger untereinander optimiert wird Qualitätssicherung Um die gemeinsamen Bestrebungen aller Rehabilitationsträger nach einer optimierten Kooperation mit den Betrieben zu erreichen und zu sichern, ist die Einführung einer Qualitätssicherung zwingend erforderlich. Vorstellbar sind praktisch u.a. Evaluationskonzepte zur Überprüfung der Effizienz oder Befragungen der Beteiligten hinsichtlich des Grades ihrer Zufriedenheit in der Zusammenarbeit mit den Betrieben. Dafür ist die Bereitschaft aller Träger für die Durchführung vergleichender Qualitätsanalysen als Grundlage für ein effektives Qualitätsmanagement vom Gesetzgeber gefordert. Die Umsetzung dieser Forderung erscheint, unter dem Eindruck der Vorbehalte einer vergleichenden Qualitätsanalyse innerhalb der einzelnen Verwaltungen der jeweiligen Rehabilitationsträger ausgesprochen schwierig. 2. Zusammenfassung der Ergebnisse aus der Arbeitsgruppe 2 Die Besetzung der Arbeitsgruppe war repräsentativ für den interdisziplinären Ansatz der gesamten Tagung. Neben Vertretern aus den Ministerien und der Wissenschaft waren Sozialarbeiter aus den Betrieben ebenso wie Arbeitnehmervertreter, viele Rehabilitationsträger und auch Bildungsträger in die Diskussion eingebunden. Erstes Ergebnis aller Äußerungen war die Feststellung, dass die Rückkehr an den Arbeitsplatz ausreichend vorbereitet und begleitet werden muss. Kontrovers wurde die Frage diskutiert, wer diese Vorbereitung und Begleitung sicherstellen soll und auch kann. Einige Rehabilitationsträger verfügen über Mitarbeiter im Außendienst (Reha-Berater der RV und Berufshelfer der ges. UV), die eine solche Begleitung sicherstellen können. Andere Rehabilitationsträger verfügen über diese Möglichkeit der Dienstleistung nicht, die Kooperation mit den Betrieben ist daher für diese Träger ungleich schwerer. Für alle 533

6 Rehabilitationsträger bietet sich die Beteiligung folgender Personen in den Fällen der Reintegration an: Betroffene Arbeitgeber Betriebsarzt Personalvertretung Die Möglichkeiten der stufenweisen Wiedereingliederung werden von vielen Rehabilitationsträgern derzeit noch nicht oder nicht ausreichend genutzt. Insbesondere fehlt es häufig an der Initiative zur Einleitung und Durchführung einer solchen Maßnahme. Die Praxis zeigt, dass die meisten Eingliederungen nicht durch die Rehabilitationsträger, sondern durch die behandelnden Ärzte eingeleitet werden. Dadurch wird die Kooperation mit den Betrieben verzögert und damit auch erschwert. Eine größere Eigeninitiative der Rehabilitationsträger für die Einleitung der stufenweisen Wiedereingliederung ist daher ebenso anzustreben wie die rechtzeitige Beteiligung der oben genannten Personen. Für die Kooperation mit den Betrieben kommt der Betriebsgröße eine besondere Bedeutung zu. Sowohl bei der Kontaktaufnahme zum Betrieb als auch bei der Unterstützung des Integrationsprozesses durch Mitarbeiter des Betriebes sind deutliche Unterschiede festzustellen. Konsens bestand bei den Mitgliedern der Arbeitsgruppe darin, dass in der Regel die kleineren Betriebe wegen der fehlenden Strukturen eine intensivere Betreuung benötigen. Dieses trifft aber nur dann zu, wenn in den größeren Betrieben die vorhandenen Strukturen (Betriebsarzt, Personalvertretung) auch eingebunden werden. Festzustellen war ebenfalls, dass die Qualifikation des Behinderten ein wesentlicher Faktor für den Erfolg oder Misserfolg der Reintegration ist. Die angespannte Situation auf dem Arbeitmarkt erfordert besonders bei den gering qualifizierten Behinderten eine wesentlich intensivere Betreuung und damit auch eine optimierte Kooperation mit den Betrieben. Die Qualifikation der Berater der Rehabilitationsträger spielt für den Erfolg der Integration und damit auch grundsätzlich für die erfolgreiche Kooperation mit den Betrieben eine entscheidende Rolle. Qualifikation und Akzeptanz in den Betrieben ist stark abhängig von der Entscheidungskompetenz der Berater der Rehabilitationsträger. So wurde insbesondere von Seiten der Personalvertretung die häufig fehlende Entscheidungskompetenz bemängelt. 534

7 Kooperation der Rehabilitationsträger mit den Betrieben Lösungsvorschläge aus der Arbeitsgruppe waren, insbesondere unter dem Eindruck, dass einige Rehabilitationsträger keine Berater beschäftigen, die Einrichtung von Rehabilitationsträger-unabhängigen Reha-Beratern oder Case-Managern. Auf diese unabhängig tätigen Berater könnten dann alle Rehabilitationsträger zurückgreifen. Vorgeschlagen wurde die Anbindung z.b. an die Integrationsämter. Ziel dieser unabhängigen Berater ist auch die Funktion als Vermittler zwischen allen Beteiligten. Die Träger der Sozialversicherungen werden heute, anders als in der Vergangenheit, nicht mehr als Partner wahrgenommen. Dieses liegt für den Bereich der Krankenversicherung sicher wesentlich auch an der Möglichkeit für die Versicherten, den Träger häufiger zu wechseln. Eine einheitliche Struktur der Sozialversicherungsträger besteht in den Betrieben heute nur noch selten. Diese erschwert die Kooperation mit den Betrieben wesentlich. Die Arbeitsgruppe stellt fest, dass das System der gesetzlichen Unfallversicherung in Bezug auf diese Problematik deutliche Vorteile aufzeigt. Alle Leistungen aus einer Hand schaffen für die Betriebe Transparenz und Akzeptanz. Die bestehenden persönlichen Kontakte erleichtern die Kommunikation mit den Betrieben. Insoweit sieht die Arbeitsgruppe das Modell der Berufshelfer der gesetzlichen Unfallversicherung als ein wegweisendes Modell auch für andere Rehabilitationsträger. Anschrift des Autors: Klaus Rojahn Berufgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege Hauptverwaltung Hamburg, Reha-Koordination Pappelallee Hamburg 535

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