Nach den Gebrüdern Grimm erzählt und illustriert von Regula Murmann-Stärkle

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1 Nach den Gebrüdern Grimm erzählt und illustriert von Regula Murmann-Stärkle

2 Es war einmal ein Schneider, der hatte drei Söhne und nur eine einzige Ziege. Damit die Ziege genug Milch für alle gab, sollte sie die besten Kräuter fressen und täglich auf die Weide hinausgeführt werden. Jeden Tag musste ein anderer Sohn die Ziege auf eine saftige Weide bringen. Einmal ging der Älteste mit ihr auf den Kirchhof, wo die schönsten Kräuter wuchsen, ließ sie da fressen und herumspringen. Abends, als es Zeit zum Heimgehen war, fragte er: Ziege, bist du satt? Die Ziege antwortete: Ich bin so satt, ich mag kein Blatt, mäh, mäh, mäh! So komm nach Haus, sprach der Junge, nahm sie am Strickchen, führte sie in den Stall und band sie fest. Nun, fragte der alte Schneider, hat die Ziege genug gefressen? Oh, erwiderte der Sohn, die ist so satt, sie mag kein Blatt! Der Vater wollte sich selbst überzeugen, ging in den Stall, streichelte das Tier und fragte: Ziege, bist du auch satt? Diese antwortete: Wovon soll ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein, mäh, mäh, mäh! Ei, du Lügner!, sagte der Vater zu seinem ältesten Sohn, sagst, die Ziege sei satt, dabei hast du sie hungern lassen! Da nahm er zornig die Elle von der Wand und jagte ihn mit Schlägen hinaus. 2

3 Am nächsten Tag war der zweite Sohn dran. Er suchte einen Platz an der Gartenhecke aus, wo lauter gute Kräuter standen, und die Ziege fraß sie alle ab. Abends, als er heim wollte, fragte er: Bist du auch satt, liebes Tier? Die Ziege antwortete: Ich bin so satt, ich mag kein Blatt, mäh, mäh, mäh! So komm nach Haus, sprach der Junge, zog sie heim und band sie im Stall fest. Nun, fragte der alte Schneider, hat die Ziege genug gefressen? Oh, erwiderte der Sohn, die ist so satt, sie mag kein Blatt! Der Vater wollte sich darauf nicht verlassen, ging in den Stall, streichelte das Tier und fragte: Ziege, bist du auch satt? Diese antwortete: Wovon soll ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein, mäh, mäh, mäh! Der gottlose Bösewicht!, schrie der Schneider, so ein frommes Tier hungern zu lassen! Er lief in seine Schneiderstube, holte die Elle und prügelte den Jungen zur Tür hinaus. Nun war die Reihe an dem dritten Sohn, der wollte seine Sache gut machen, suchte einen Busch mit dem schönsten, saftigen Laub aus und ließ die Ziege daran fressen. 3

4 Abends, als er heim wollte, fragte er: Ziege, bist du satt? Die Ziege antwortete: Ich bin so satt, ich mag kein Blatt, mäh, mäh, mäh! So komm nach Haus, sprach der Jüngste, führte sie in den Stall und band sie fest. Nun, fragte der alte Schneider, hat die Ziege genug gefressen? Oh, erwiderte der Sohn, die ist so satt, sie mag kein Blatt! Der Schneider traute ihm nicht, ging in den Stall und fragte: Ziege, bist du satt? Das boshafte Tier antwortete: Wovon soll ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein, mäh, mäh, mäh! Nun war der alte Schneider allein mit seiner Ziege. Am andern Tag ging er zu ihr in den Stall, streichelte sie und sprach: Komm, mein liebes Tierlein, ich will dich heut e selbst auf die Weide führen. Er nahm sie am Strick und brachte sie zu den Gräsern und Pflanzen, die Ziegen besonders gern fressen. Jetzt kannst du dich einmal nach Herzenslust satt fressen, und ließ sie bis zum Abend weiden. Da fragte er: Ziege, bist du satt? Die Ziege antwortete: Ich bin so satt, ich mag kein Blatt, mäh, mäh, mäh! So komm nach Haus!, sagte der Schneider, führte sie in den Stall und band sie fest. 4

5 Als er wegging, drehte er sich noch einmal um und sagte: Heute bist du endlich einmal satt! Aber die Ziege machte es ihm nicht besser und rief: Wovon soll ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein, mäh, mäh, mäh! Als der Schneider das hörte, stutze er und merkte, dass er seine Söhne zu Unrecht fortgeschickt hatte. Warte, du undankbares Geschöpf. Dich fortzujagen, wäre zu weinig! Ich will dich zeichnen, dass du dich unter ehrbaren Schneidern nicht mehr blicken lassen kannst. Schnell sprang er in sein Haus, holte sein Rasiermesser, seifte der Ziege den Kopf ein und schor sie so glatt wie seine flache Hand. Und weil die Elle zu ehrenvoll gewesen wäre, nahm er die Peitsche und gab ihr damit solche Schläge, dass sie in gewaltigen Sprüngen davonlief. Als der Schneider so allein in seinem Haus saß, wurde er traurig und hätte seine Söhne gerne wieder bei sich gehabt, aber niemand wusste, wo sie hingeraten waren. Der Älteste war zu einem Schreiner in die Lehre gegangen, da lernte er fleißig, und als seine Zeit herum war, dass er wandern sollte, schenkte ihm der Meister ein Tischchen, das aus gewöhnlichem Holz war und nicht besonders aussah. Es hatte aber eine gute Eigenschaft: Wenn man es vor sich hin stellte und Tischchen, deck dich!, sprach, so war das gute 5

6 Tischchen auf einmal mit einem sauberen Tüchlein bedeckt und darauf standen Teller, Gabel, Messer und daneben Schüsseln mit Gesottenem und Gebratenem, so viel Platz hatte, und ein großes Glas mit rotem Wein leuchtete, dass einem das Herz lachte. Der junge Geselle dachte: Damit hast du dein Lebtag lang genug!, und zog fröhlich in die Welt hinaus. Es kümmerte ihn gar nicht, ob ein Wirtshaus gut oder schlecht war. Wenn es ihm gefiel, so kehrte er gar nicht ein, sondern, wo immer er Lust hatte, auf dem Feld, im Wald oder auf einer Wiese, nahm er sein Tischchen vom Rücken, stellte es vor sich hin und sagte: Deck dich!, so war alles da, was sein Herz begehrte. Schließlich kam es ihm in den Sinn, er wolle zum Vater zurückkehren, sein Zorn würde sich gelegt haben und ihn mit dem Tischchendeckdich gern wieder aufnehmen. Auf dem Heimweg kam der Geselle abends in ein Wirtshaus, das mit Gästen gefüllt war. Sie luden ihn ein, sich zu ihnen zu setzen und mit ihnen zu essen, sonst würde er kaum noch etwas bekommen. Nein, antwortete der Schreiner, die paar Bissen will ich euch nicht wegnehmen, lieber sollt ihr meine Gäste sein! Sie lachten und meinten, er triebe einen Spaß mit ihnen. Er aber stellte sein hölzernes Tischchen mitten in die Stube und sprach: Tischchen, deck dich! Sofort war es voll mit den allerbesten Speisen, die selbst der Wirt nicht hätte herbeischaffen können, und wovon der Duft den Gästen lieblich in die Nase stieg. 6

7 Greift zu, liebe Freunde, sprach der Schreiner, und die Gäste ließen sich nicht zweimal bitten. Und was sie am meisten verwunderte: Wenn eine Schüssel leer geworden war, stellte sich gleich von selbst eine volle an ihren Platz. Der Wirt stand in einer Ecke und sah zu. Er wusste gar nicht, was er sagen sollte, dachte aber: Einen solchen Koch könntest du in deiner Wirtschaft brauchen. Der Schreiner und seine Gesellschaft waren lustig bis in die späte Nacht. Endlich legten sie sich schlafen und der junge Geselle ging auch ins Bett und stellte sein Wünschtischchen an die Wand. 7

8 Dem Wirt aber ließen seine Gedanken keine Ruhe. Es fiel ihm ein, dass in seiner Rumpelkammer ein altes Tischlein stehe, das gleich aussah, das holte er sich leise und vertauschte es mit dem Wünschtischchen. Am andern Morgen zahlte der Schreiner sein Schlafgeld, packte sein Tischchen auf seinen Rücken und dachte gar nicht daran, dass er ein falsches hätte und ging seiner Wege. Mittags kam er zu seinem Vater, der ihn mit großer Freude empfing. Nun, mein Sohn, was ist aus dir geworden?, fragte er ihn. Vater, ich bin Schreiner geworden. Ein gutes Handwerk!, erwiderte der Alte; aber was hast du von deiner Wanderschaft mitgebracht? Vater, das Beste, was ich mitgebracht habe, ist das Tischchen hier! Der Vater betrachtete es von allen Seiten und sagte: Das ist kein Meisterstück geworden, das ist ein altes und schlechtes Tischlein. Aber es ist ein Tischchendeckdich, antwortete der Sohn; wenn ich es hinstelle und ihm sage, es soll sich decken, so stehen gleich die schönsten Gerichte darauf und Wein dabei, der das Herz erfreut. Ladet nur alle Verwandten und Freunde ein, denn das Tischlein macht sie alle satt. Als die Gäste alle da waren, stellte er sein Tischchen mitten in die Stube und sprach: 8

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