Konversatorium Strafrecht Allgemeiner Teil I

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1 Konversatorium Strafrecht Allgemeiner Teil I 4. Stunde: Vorsatz und Irrtümer Viviana Thompson Lehrstuhl Prof. Dr. Schuster

2 Vorsatz = Vorsatz ist der Wille zur Verwirklichung eines Straftatbestandes in Kenntnis seiner objektiven Tatbestandsmerkmale. Der Vorsatz setzt sich also aus einem voluntativen Element und einem kognitiven Element zusammen.

3 Arten des Vorsatzes (und Fahrlässigkeit) Voluntatives Element (Wollen) Intellektuelles Element (Wissen) Vorsatz - dolus directus 1. Grades (= Absicht) - dolus directus 2. Grades (= Wissen/direkter Vorsatz) - dolus eventualis (= Eventualvorsatz) Fahrlässigkeit (+) möglich / (+) möglich (+) möglich möglich - bewusste Fahrlässigkeit (-) möglich - unbewusste Fahrlässigkeit (-) (-)

4 Irrtümer im Rahmen des Vorsatzes wichtige Begriffe und Konstellationen Tatbestandsirrtum/Tatumstandsirrtum, 16 Abs. 1 S. 1 StGB Der Täter kennt ein Merkmal, das zum gesetzlichen Tatbestand gehört, nicht. Der Täter trifft das Objekt, das er treffen wollte; er irrt jedoch über dessen Qualität. Error in persona vel objecto (Irrtum über das Handlungsobjekt / Identitätsirrtum) Personen- oder Objektsverwechslung Der Täter trifft die Person/das Objekt, die/das er treffen sollte; er irrt jedoch über deren Identität (oder andere Eigenschaften). Objekte sind rechtlich gleichwertig: unbeachtlicher Motivirrtum [Vorsatz (+)] Objekte sind rechtlich nicht gleichwertig: Irrtum ist beachtlich [Vorsatz ( )] Aberratio ictus (Fehlgehen der Tat) Der Täter visiert ein individualisiertes Objekt an, der Verletzungserfolg tritt aber nicht an diesem Objekt ein, sondern an einem anderen, das nicht Ziel der Handlung war. Der Täter trifft nicht die Person oder das Objekt, das er treffen wollte. nach h.m. [sog. Konkretisierungstheorie] Vorsatz ( ), Fahrlässigkeitsstrafbarkeit hinsichtl. des getroffenen Objekts, Versuchsstrafbarkeit hinsichtl. anvisierten Objekts [a.a. sog. Gleichwertigkeitstheorie]

5 Der atypische Kausalverlauf Bedeutung bei der Prüfung der Kausalität: atypischer Kausalverlauf lässt Kausalität nach der conditio sine qua non- Formel/Äquivalenztheorie nicht entfallen (Gleichwertigkeit aller Erfolgsbedingungen!) Bedeutung bei der Prüfung der objektiven Zurechnung nach der Lehre von der objektiven Zurechnung lässt atypischer Kausalverlauf die Zurechnung entfallen; es realisiert sich nicht die vom Täter geschaffene Gefahr, die Tat kann nicht mehr als sein Werk betrachtet werden [ Folge: die objektive Zurechnung ist zu verneinen, der objektive Tatbestand ist zu verneinen, Ende der Deliktsprüfung] nach a.a. ist die Lehre von der objektiven Zurechnung abzulehnen, der atypische Kausalverlauf wirkt sich nicht auf Ebene des objektiven Tatbestandes aus [ Folge: keine weitere Prüfung der objektiven Zurechnung, der objektive Tatbestand ist zu bejahen, weiter mit der Prüfung des subjektiven Tatbestandes/Vorsatzes] Bedeutung bei der Prüfung des Vorsatzes bei einem atypischen Kausalverlauf unterliegt der Täter einem Irrtum über den Kausalverlauf [zu dieser Prüfung gelangt man, wenn man mit der o.g. a.a. die Lehre von der objektiven Zurechnung ablehnt] da bei einem atypischen Kausalverlauf eine wesentliche Abweichung vom Kausalverlauf (=das tatsächliche Geschehen hält sich nicht in den Grenzen des nach allgemeiner Lebenserfahrung Voraussehbaren) vorliegt, die für den Vorsatz beachtlich ist, ist Letzterer zu verneinen

6 Die Qualifikation Möglichkeiten des Prüfungsaufbaus Möglichkeit 1 Möglichkeit 2 Möglichkeit 3 A. Prüfung des Grunddelikts I. Tatbestand I. Tatbestand I. Tatbestand 1. Tatbestand des Grunddelikts 1. Objektiver Tatbestand 1. Objektiver Tatbestand a) Objektiver Tatbestand a) des Grunddelikts 2. Subjektiver Tatbestand b) Subjektiver Tatbestand b) der Qualifikation II. Rechtswidrigkeit 2. Tatbestand der Qualifikation 2. Subjektiver Tatbestand III. Schuld a) Objektiver Tatbestand a) des Grunddelikts B. Prüfung der Qualifikation b) Subjektiver Tatbestand b) der Qualifikation I. Tatbestand II. Rechtswidrigkeit II. Rechtswidrigkeit 1. Merkmale des Grundtatbestandes (s.o.) III. Schuld III. Schuld 2. Merkmale der Qualifikation a) Objektiver Tatbestand b) Subjektiver Tatbestand II. Rechtswidrigkeit III. Schuld

7 Die Qualifikation am Beispiel von 223 Abs. 1, 224 Abs. 1 Nr. 2 Alt. 2 StGB (nach Möglichkeit 3) I. Tatbestand 1. Objektiver Tatbestand a) des Grunddelikts Körperliche Misshandlung und/oder Gesundheitsschädigung b) der Qualifikation Gefährliches Werkzeug 2. Subjektiver Tatbestand a) des Grunddelikts Vorsatz bzgl. der körperlichen Misshandlung/Gesundheitsschädigung b) der Qualifikation Vorsatz bzgl. der Begehung mittels eines gefährlichen Werkzeugs II. Rechtswidrigkeit III. Schuld

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