Poetry-Slam. - ein alternativer Zugang zu Lyrik für Jugendliche? Katharina Quitmann. B.M.V. Gymnasium Essen. Facharbeit.

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1 B.M.V. Gymnasium Essen Facharbeit Poetry-Slam - ein alternativer Zugang zu Lyrik für Jugendliche? verfasst von Katharina Quitmann Grundkurs Deutsch Jahrgangsstufe Q1 Fachlehrer: Herr M. Stadtfeld Abgabetermin:

2 Inhaltsverzeichnis: Inhalt Seite 1. Einleitung 3 2. Poetry-Slam Definition Entstehung und Verbreitung Bekannte Vertreter Deutschlands Wettbewerbe im Ruhrgebiet 8 3. Poetry-Slam in Schule und Unterricht Umfrage zur Gestaltung des Deutschunterrichtes 9 in Bezug auf Lyrik 3.2 Argumentation für Poetry-Slam im Deutschunterricht Fazit Anhang Abbildungsverzeichnis Literaturverzeichnis Monographien elektronische Quellen Eigenständigkeitserklärung 20

3 1. Einleitung Die Jugend von heute - eine Floskel, die wahrscheinlich jeder gehört und auch selber verwendet hat. Ein allgemeines Jammern über die Verdummung der Jugendlichen schwingt in diesem Satz oft mit. Dabei geht es nicht zu selten um das fehlende Interesse an Lyrik in dem Land, in dem Goethe und Schiller geboren wurden. Im Rahmen dieser Facharbeit wird eine Möglichkeit, Jugendlichen auf eine moderne Art und Weise Lyrik näherzubringen, erläutert. Poetry-Slam heißt das Phänomen, welches die Jugend begeistert und einen Gegenbeweis zu der Phrase Die Jugend von heute zumindest in Bezug auf Lyrik darlegen soll. Das Thema ist hochaktuell und wird in verschiedenen Medien fortwährend erwähnt, da es eine wachsende Anhängerschaft gewinnt. Die Frage, ob Poetry-Slam einen alternativen Zugang zu Lyrik für Jugendliche offenbart, wird in den folgenden Kapiteln versucht, beantwortet zu werden. Hierzu werden verschiedene Aspekte beleuchtet. Diese beinhalten zum einen den historischen Hintergrund und die Popularität in Deutschland und zum anderen den Bezug zur Bildung. 2. Poetry-Slam In diesem Kapitel wird der Begriff Poetry-Slam definiert. Danach schließt sich die Entstehung und Verbreitung von Poetry-Slam an sowie eine kurze Vorstellung zweier bekannter Vertreter in Deutschland. Schließlich wird auf Wettbewerbe im Ruhrgebiet hingewiesen. 2.1 Definition Zu Anfang soll der Begriff Poetry-Slam erklärt werden. Dieser setzt sich aus zwei Wörtern zusammen. Das zweite Wort Slam stammt aus dem Norwegischen Slemma und aus dem Schwedischen Slämma und steht lautmalerisch für das Zuknallen einer Tür und ging als slam in die englische Sprache ein (Anders 2006, S. 14 in: Willrich 2010, S. 13). Im PONS-Wörterbuch findet man für die Übersetzung des englischen Wortes unter anderem die Begriffe Knall und harter Stoß. In unserem Sprachgebrauch kennen wir das Wort allerdings besonders durch den Grand-Slam-Titel, der Gewinn der vier weltweit wichtigsten Tennisturniere. Slam in Bezug auf Poetry-Slam bedeutet folglich Wettkampf oder Wettbewerb. 3

4 Das erste Wort Poetry steht für Lyrik und Dichtung. Fügt man die Übersetzungen beider Wörter zusammen, so erhält man Dichtungs- Wettbewerb, was den Sinn eines Poetry-Slams beschreibt. Slam-Poetry bezeichnet den Text, der für einen wettbewerbsorientierten Poetry Slam [sic] oder zumindest für die Aufführung vor Live-Publikum geschrieben worden ist (Anders 2011, S. 4). Slam-Poeten sind analog die Künstler. Unter Poetry-Slam versteht man also einen modernen Dichterwettstreit (www.lektora.de), welcher regelmäßig stattfindet und bei dem jeder selbst verfasste Texte vortragen kann (Anders 2011, S. 7). Inhaltlich gibt es keine Vorschriften und Regelungen. Jeder darf auf der Bühne präsentieren, was er möchte. Lyrik steht gleichberechtigt neben Prosa, Freestyle Rap wechselt sich mit klassischen Reimschemata ab, ernste Texte kontrastieren Humor oder Satire (www.poesieschlacht.xtm.de). Auch wenn man sich inhaltlich an keine Regeln halten muss, gibt es jedoch Vorschriften zur Form. Berücksichtigt werden muss erstens, dass die Texte eigenhändig verfasst wurden und zweitens, dass keine Requisiten oder Hilfsmittel benutzt werden dürfen. Des Weiteren darf nur teilweise gesungen und das Zeitlimit von fünf bis sieben Minuten muss eingehalten werden (vgl. Willrich 2010, S. 14). Der Ablauf eines solchen Poetry-Slams ist in der Regel der Gleiche. Es treten zwischen acht und 14 Poeten im Wettkampf gegeneinander an (Willrich 2010, S. 13). Dabei gibt es zwei bis vier Vorrunden und ein Finale, in welchem die Erst- und Zweitplatzierten noch einmal gegeneinander antreten. Durch die meist abendlich stattfindende Veranstaltung führt ein sogenannter Slam- Master, der die Funktion eines Moderators übernimmt und dafür sorgt, dass das Publikum gut gestimmt ist. Denn dieses übernimmt eine wichtige Rolle. Es soll den Dichtern direkte Rückmeldung durch Applaus und Zurufe geben. Zwei gängige Formen der Bewertung haben sich durchgesetzt. Zum einen besteht die Möglichkeit, dass das gesamte Publikum die Jury bildet. Zum anderen hat sich auch die willkürliche Festlegung auf eine fünf- bis siebenköpfigen Jury aus dem Zuschauerraum bewährt, die Punkte von eins bis zehn mittels Wertetafeln verteilt. Doch nicht nur die Texte an sich werden bewertet, auch die Vortragsart und Performance sind entscheidende Faktoren (vgl. ebd., S ), um den Gewinner zu küren. 4

5 2.2 Entstehung und Verbreitung Die Entstehung und Verbreitung wird chronologisch beschrieben. Die Geschichte des Poetry-Slams reicht bis in die 1980er-Jahre zurück. Als Erfinder gilt der amerikanische Bauarbeiter und spätere Performance-Poet Marc Kelly Smith aus Chicago (www.kulturraumtrier.de). Seine Freizeit verbrachte er mit dem Schreiben lyrischer Texte und dem Besuchen von Lesungen. Gerne hätte er seine eigenen Texte selbst vorgetragen, doch ihn störte die seiner Ansicht nach langweilige und sterile Atmosphäre einer herkömmlichen Lesung. Smith beschloss, seine Texte auf eine andere Art zu vermitteln und begann 1984 diese in der Get me high lounge, einem Jazzclub, zu präsentieren (vgl. Brunke 2007, S. 21 in: Samonig 2010, S.16-17). Am Sonntagabend, dem 20. Juli 1986, veranstaltete er zum ersten Mal im Jazzclub The Green Mill einen Poetry-Slam, in dem er und andere Lyriker ihre Texte in einer Art Wettkampf vortrugen. Bis heute findet dort an jedem Sonntagabend ein Poetry-Slam statt (vgl.www.kulturraumtrier.de). Jedoch hielt Smith nicht alles an der üblichen literarischen Lesung für schlecht, sodass er zwei wichtige Elemente in sein Format übernahm. Dabei handelte es sich erstens um das Open Mic, welches auf Deutsch übersetzt offenes Mikrofon heißt und bedeutet, dass jeder einen Text seiner Wahl präsentieren darf. Zweitens handelt es sich um einen Featured Poet, einen Dichter, der in der Poetry-Slam-Szene bereits Erfahrungen gesammelt hat und für die Einstimmung der Jury sorgt, indem er einige Texte vorträgt. Er wird jedoch nicht bewertet und nimmt nicht am Wettbewerb teil. Die Idee eines Poetry-Slams verbreitete sich in Nordamerika, sodass am 3. März 1988 die New York Times zum ersten Mal darüber berichtete (vgl. Anders 2011, S ). Der darauffolgende erste Poetry-Slam in New York fand 1989 unter der Leitung von Bob Holman statt. Der Literaturaktivist führte die Veranstaltung im Nuyorican Poets Café ein und Slam-Poetry wurde in das US-amerikanische Fernsehprogramm aufgenommen. Sogar der Musiksender MTV strahlte eine Sendung dazu aus (vgl. Im Jahre 1991 wurde der erste national ausgerichtete Poetry-Slam zwischen Chicago, New York und San Francisco in San Francisco durch den Poet und Autor Gary Glazner ausgetragen. Der Wettstreit um die beste Performance enthielt karnevaleske Züge, unter anderem durch die hier erlaubten Requisiten und Hilfsmittel (vgl. Anders 2011, S. 14). 5

6 Die Verbreitung in die weite Welt erfolgte durch das Nuyorican Poets Café, da von dort Radio-Live-Übertragungen weltweit ausgestrahlt wurden und sogar in Japan Tausende von Zuhörern den Dichtern lauschten (vgl. Der erste Kontakt mit Poetry Slam [sic] entstand in Deutschland 1992, als das Literaturhaus Hamburg den Slam-Poeten Bob Holman zu einer Lesung einlud (Westermayr 2004, S. 27 in: Willrich 2010, S. 16) wurden auch in Berlin USamerikanische Slam-Poeten von der dortigen Literaturwerkstatt eingeladen. Zwei Jahre später, 1995, nahmen einige ausgewählte deutsche Autoren am Deutsch-Nuyorican- Poetry-Festival teil (vgl. Anders 2011, S. 15). Die Popularität wuchs derartig, dass sogar 1996 der erste Dokumentarfilm gedreht und veröffentlicht wurde (vgl. Samonig 2010, S. 17). Im Oktober 1997 war es dann soweit, der erste National Poetry Slam wurde in Deutschland ausgetragen und es traten die fünf Großstädte Berlin, München, Frankfurt am Main, Düsseldorf und Hamburg gegeneinander an. Bereits im darauffolgenden Jahr kamen weitere Städte hinzu (vgl. Allein durch die geographische Lage der fünf Großstädte ist es leicht vorstellbar, wie sich Poetry-Slam in ganz Deutschland zügig verbreiten konnte. Bis heute findet die Meisterschaft einmal jährlich im Herbst statt und war bis 2004 unter der Bezeichnung GIPS (German International Poetry Slam [sic]) bekannt, doch wegen der Teilnahme von Österreich und der Schweiz ab 2001 wurde der Name in SLAM mit der entsprechenden Jahreszahl umgewandelt. Die unterschiedlichen Austragsorte sind im Internet auf der jährlich wechselnden Website (in diesem Jahr nachzusehen. Der deutschsprachige Raum bildet die zweitgrößte Poetry-Slam-Szene der Welt (vgl. Anders 2011, S. 15). Auf der Bühne haben sich sowohl Team Performances als auch Einzelpräsentationen durchgesetzt (Samonig 2010, S. 18). Die Teams bestehen dann aus einer Anzahl von zwei bis sieben Dichtern (vgl. Im Jahre 2007 folgten auch Massenmedien der Strömung und der Fernsehsender WDR strahlt die Sendung WDR-Slam aus. Sat1-Comedy schloss sich ein Jahr später mit der Sendung Slam-Tour mit Kuttner an (vgl. Patzak 2004, S.170ff. in: Willrich 2010, S. 17). Seit 2008 beteiligen sich auch deutschsprachige Poeten aus Liechtenstein. 6

7 Deutschsprachig meint in diesem Falle aber nicht das Sprachliche, sondern das Geographische, da es bezüglich der Sprache keine Vorschriften gibt. Häufig wird Deutsch bevorzugt, um zu gewährleisten, dass jeder Zuhörer die Slam-Poeten verstehen kann (vgl. Anders 2011, S. 16). In den Jahren 2008 und 2009 erreichten die Besucherzahlen bei den SLAMs jeweils eine Beteiligung von fast Besuchern, 2011 beinahe Um den jüngeren Slam-Poeten Chancen zu ermöglichen, findet zusätzlich zum jährlichen SLAM auch seit 2015 eine U20-Meisterschaft statt (vgl. ). Dies unterstreicht noch einmal, dass der Poetry-Slam nicht nur ein vorübergehender Trend ist, sondern mit zunehmender Begeisterung eines bunt gemischten Publikums immer populärer wird. 2.3 Bekannte Vertreter Deutschlands Zu den bekannten Vertretern zählen zunächst diejenigen, die man Mitbegründer der Poetry-Slam-Szene in Deutschland nennen kann. Den ersten Poetry-Slam im Münchener Club Substanz fand 1996 unter Leitung von Rayl Patzak und Ko Bylanzky statt. Noch heute gehören die beiden zu den wichtigsten Veranstaltern der Szene (vgl. [Zugriff am ] in: Willrich 2010, S. 16). Den auch bereits erwähnten ersten National Poetry Slam 1997 gewann Bas Böttcher. Seine Leidenschaft hat er zum Beruf gemacht, wird als Mitbegründer der deutschen Spoken-Word-Szene angesehen und seine Texte gelten als Klassiker der deutschen Bühnenlyrik (www.basboettcher.de). Böttcher ist über die Grenzen von Deutschland bekannt und wurde nach Paris, San Francisco, Berlin, Warschau und Peking zur Präsentation seiner Slam-Poetry eingeladen. Er publizierte zahlreiche Artikel von 1999 bis Im Jahre 2014 brachte er die Poetry-Slam-Fibel heraus, die bisher umfangreichste Sammlung von Poetry-Slam- Stücken. Des Weiteren versucht Böttcher die Kunst der modernen Lyrik jungen Menschen, Schülern und Studenten näherzubringen. So hielt er Lesungen am Deutschen Literatur Institut in Leipzig, am Deutschen Literaturarchiv in Marbach, an der Kulturakademie Baden-Württemberg, am Goethe-Institut sowie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die Texte des Künstlers werden auch in Schulbüchern 7

8 veröffentlicht. Böttcher besucht die Schulen zusätzlich persönlich, um die Jugendlichen zu begeistern und ist buchbar für Workshops. Alle Informationen über ihn sind auf seiner Homepage (www.basboettcher.de) nachlesbar. Außerdem sind viele Zeitungsartikel verschiedenster Verlage über ihn erschienen. Beispielsweise schrieb die Rhein-Neckar-Zeitung 2013 von ihm: Dieser Slam-Poet beherrscht die Macht der Sprache (www.rnz.de). Ein anderer, nicht zu unterschätzender Slam-Poet, ist Julian Heun. Der 1989-Geborene ist seit 2007 in der Szene bekannt. Er erhielt mehrfache Preise. Heun ist doppelter deutschsprachiger Meister bei der U20- Meisterschaft im Einzel- und Teamwettbewerb. Zudem ist er dreifacher deutschsprachiger Vizemeister in den Kategorien Einzel und Team, zweifacher Berliner Meister und erhielt 2010 den Kleinkunstpreis Stuttgarter Besen, sowie den Publikumspreis. Wie auch Böttcher überschritt Heun die Grenzen Deutschlands und bereiste als Gast des Goethe-Instituts Poesiefestivals in Europa, Afrika, Süd-und Nordamerika. Das sehr bekannte Projekt Allen Earnstyzz entstand aus der Zusammenarbeit mit den Slam-Poeten Stefan Döring und Tes Fu. Momentan studiert Julian Heun an der FU Berlin allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften und Germanistik. Alle verwendeten Informationen sind auf seiner Homepage (www.julianheun.de) veröffentlicht. Dies sind nur zwei Beispiele von Vertretern. Die Poetry-Slam-Szene in Deutschland setzt sich jedoch aus noch vielen anderen engagierten Künstlern und Künstlerinnen zusammen. 2.4 Wettbewerbe im Ruhrgebiet Die Organisation WortLautRuhr für Poetry-Slam im Ruhrgebiet steht unter Leitung von den Slam-Poeten Chris Wawrzyniak, Sebastian23, Jason Bartsch und Jens Hoffstier. Seit 2005 veranstalten sie Poetry-Slams, Shows und Workshops im Ruhrgebiet. Mit etwa 150 Veranstaltungen pro Jahr zählt WortLautRuhr zu den größten Veranstaltern in Deutschland. 8

9 Daneben bietet die Organisation Workshops an Schulen und sozialen Einrichtungen und Künstlervermittlung an. Sie steht in Kooperation mit Schulen in Bochum, Herne, Dortmund, Essen, Duisburg und Witten (vgl. In Essen bestehen längst einige Organisationen wie Slamassel, Helden-Slam, West Stadt Storys, Krawall & Zärtlichkeit und Grend Slam Revue, die regelmäßig Slams veranstalten. Doch erst kürzlich (am ) fand die erste Essener Stadtmeisterschaft im Poetry-Slam statt. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Szene immer mehr an Popularität gewinnt (vgl. 3. Poetry-Slam in Schule und Unterricht In diesem Kapitel wird näher auf die Chance, die Poetry-Slam für die Schule und den Unterricht bietet, eingegangen. Dazu wird erst über die Ergebnisse einer Umfrage berichtet. Darauf folgt eine Argumentation für die Behandlung von Poetry-Slam im Unterricht. 3.1 Umfrage zur Gestaltung des Deutschunterrichtes in Bezug auf Lyrik Um verschiedene Meinungen zur Gestaltung des Deutschunterrichtes in Bezug auf Lyrik zu hören und zu vergleichen, wurde eine Umfrage erstellt. An dieser nahmen zwei Gruppen teil. Zum einen jetzige Schülerinnen des B.M.V.- Gymnasiums in Essen, welche auch dort im Januar 2017 befragt wurden. Zum anderen wurden Erwachsene im Rahmen eines Poetry-Slams der WestStadtStory am in der Essener Weststadthalle interviewt. Im weiteren Verlauf werden die Ergebnisse ausführlicher erläutert, welche in drei verschiedenen Säulendiagrammen dargestellt werden. Der zweiteilige Umfragebogen befindet sich im Anhang. Die Antwortmöglichkeiten sind in Form einer fünfstufigen Likert-Skala gehalten. Eine Likert-Skala dient zur Erfassung verschiedener Meinungen zu Wertaussagen. So sind auf dem Umfragebogen verschiedene Aussagen notiert, zu denen der Befragte Stellung nehmen und dementsprechend ankreuzen muss. Die Ziffer 1 besagt trifft voll und ganz zu und Ziffer 5 trifft überhaupt nicht zu. Ziffer 2 bis 4 sind Werte, die dazwischen liegen und eine gewisse Affinität darlegen, aber nicht vollkommen in die Extreme gehen. 9

10 Häufigkeit der Bewertung Im ersten Teil (Fragen 1a) bis 1d)) werden vier allgemeine Fragen zum Interesse an Lyrik gestellt. Der zweite Teil (Fragen 2a) bis 2c)) beinhaltet drei spezifische Fragen zum Deutschunterricht. Daran schließt sich eine offene Frage zu Verbesserungsvorschlägen an. Insgesamt wurden 20 Personen befragt, davon waren 95% weiblich und 5% männlich. 45% waren Jugendliche, die momentan die Schule besuchen (davon 25% 16 Jahre und 20% 17 Jahre alt). Dementsprechend waren 55% Erwachsene, ehemalige Schüler (davon 5% im Alter von 19; 5% von 21; 10% von 25; 5% von 26; 15% von 27; 5% von 28, 5% von 29 und ebenfalls 5% von 31 Jahren), welche die Umfrage rückblickend beantwortet haben. Somit wurden verschiedene Altersklassen berücksichtigt Umfrage zur Gestaltung des Deutschunterrichtes Bewertung Frage 1a) Frage 1b) Frage 1c) Frage 1d) Frage 2a) Frage 2b) Frage 2c) 9 Abbildung 1 Auf die Frage 1a) Ich interessiere mich für Lyrik, welche bewusst offen als eine Art Eingangsfrage gestellt wurde, kreuzte die Mehrheit der Befragten den Mittelwert an. Genauer gesagt sieben von 20 Personen ( 35%). Zu 30% wurde mit Ziffer 4 bewertet, was auf ein leichtes Desinteresse an Lyrik hindeutet. Dies wird jedoch mit der nächsten Frage revidiert. Mit dieser wurde die Häufigkeit des Bücherlesens in der Freizeit ermittelt. Anscheinend ist vielen schlicht nicht bewusst, was Lyrik eigentlich bedeutet. Es stimmten nämlich insgesamt 60% mit den Ziffern 1 und 2, und sogar 85% insgesamt für die Ziffern 1 bis 3. Dies zeigt ein großes Interesse am Lesen in der Freizeit und somit auch ein großes Interesse an Lyrik. Ein Interesse an klassischer Lyrik scheint jedoch nur teilweise vorhanden zu sein, was die Resultate zu den Fragen 1c) und 1d) nahelegen. Es ist auffallend, dass die 10

11 Häufigkeit der Bewertung Meinungen zu der Fragestellung, ob klassische Lyrik sie langweile, sehr voneinander abweichen. 30% der Interviewten stimmten mit dieser Ansicht voll und ganz überein, jedoch stimmten 45% fast überhaupt nicht überein. Die restlichen 25% orientierten sich zwischen Ziffer 1 und 4. Bei der Frage 1d), ob Slam-Poetry klassischer Lyrik bevorzugt würde, kreuzten insgesamt 65% Ziffer 1 und 2 an. Niemand konnte sich überhaupt nicht mit der Ansicht identifizieren. Bei der ersten Aussage (Frage 2a)) im zweiten Teil, die Deutschunterricht hauptsächlich in Verbindung mit klassischer Lyrik gesetzt hat, ist eine breite Verteilung der Standpunkte bemerkbar, sodass keine eindeutige Bilanz getroffen werden kann. Ganz im Gegensatz dazu ist ein großer Wunsch nach moderneren Themen im Unterricht wie Poetry-Slam erkennbar. Insgesamt 80% waren nämlich mit dieser Aussage (Frage 2b)) (fast) gänzlich einverstanden und stimmten mit den Ziffern 1 und 2. Dennoch sind 30% überhaupt nicht der Meinung, dass die Freude am Deutschunterricht durch das (fast) ausschließliche Analysieren von älteren Texten verloren geht (Frage 2c)). Allerdings trifft es bei 20% der Befragten voll und ganz zu. So kann man auch aus dieser Frage keine eindeutigen Schlüsse ziehen. Letztlich lässt sich sagen, dass im Allgemeinen die Meinungen und Interessen oft voneinander abwichen, jedoch ein Wunsch nach Modernität in der Gestaltung und in den Themen vorhanden ist. Da oftmals keine eindeutigen Ergebnisse gewonnen werden konnten, ist es interessant die Gruppe der Jugendlichen und die Gruppe der Erwachsenen zu vergleichen: Umfrage an Jugendliche Bewertung Frage 1a) Frage 1b) Frage 1c) Frage 1d) Frage 2a) Frage 2b) Frage 2c) Abbildung 2 11

12 Häufigkeit der Bewertung Umfrage an Erwachsene Bewertung 6 Frage 1a) Frage 1b) Frage 1c) Frage 1d) Frage 2a) Frage 2b) Frage 2c) Abbildung 3 Direkt bei der ersten Frage (1a)) nach dem allgemeinen Interesse an Lyrik wird deutlich, dass die Jugendlichen sich ausschließlich im Bereich der Ziffern 3 bis 5 bewegen und somit so gut wie keinen persönlichen Bezug zu Lyrik aufweisen. Die Erwachsenen orientieren sich hauptsächlich bei den Ziffern 2 oder 3 und sind dementsprechend mit der Aussage einverstanden. Pauschal kann man dies jedoch nicht sagen, da, wie bereits erwähnt, viele nicht wissen, was Lyrik genau bedeutet. Ein weiteres Indiz für diese Schlussfolgerung ist Fragestellung 1b). Denn etwa 55,5 % der Schülerinnen lesen häufig bis manchmal Bücher in ihrer Freizeit (Ziffer 2 bis 3) und 22,2% selten. Somit sind doch einige zumindest teilweise an Lyrik interessiert. Eine ausgeprägtere Vorliebe für das Bücherlesen ist trotzdem bei den ehemaligen Schüler(innen) vorhanden, da sie ausschließlich mit den Ziffern 1 bis 3 gestimmt haben. Davon sogar 45,45% mit Ziffer 1. Der beträchtlichste Unterschied fällt allerdings bei Frage 1c) auf. Die Mehrheit, genauer gesagt 55,5% der befragten Teenager, stimmten mit der Aussage Klassische Lyrik finde ich langweilig voll und ganz überein und 72,72% der Erwachsenen sind fast überhaupt nicht einverstanden. Frage 1d) bestätigt den Standpunkt der Schüler gegenüber klassischer Lyrik. 66,6% der Jugendlichen bevorzugen eindeutig Slam-Poetry der klassischen Lyrik. Die Ansichten der ehemaligen Schüler(innen) gehen hierbei auseinander. Bei den Fragen 2a) und 2b) lassen sich keine großen Unterschiede feststellen. Beide interviewten Gruppen verbinden nicht nur klassische Lyrik mit dem Deutschunterricht, 12

13 wünschen sich jedoch trotzdem modernere Themen und eine abwechslungsreichere Unterrichtsgestaltung. Differenzen lassen sich hingegen bei der letzten Frage (2c)) erkennen. Die Mehrheit der Schülerinnen (77, 7%) empfindet einen Verlust der Freude am Deutschunterricht durch das beinahe ausschließliche Analysieren von älteren Texten und kreuzte Ziffer 1 oder 2 an. Konträr dazu können sich 54,54% der ehemaligen Schüler(innen) überhaupt nicht mit der Aussage einverstanden erklären und stimmten mit Ziffer 5. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sinnvoll ist, die Ansichten der beiden befragten Gruppen noch einmal gesondert auszuwerten. Hierbei wird hervorgehoben in welchen Punkten sie gleicher Meinung sind und in welchen nicht. Im Allgemeinen besteht bei den Erwachsenen ein höheres Interesse an Lyrik, insbesondere an klassischer Lyrik. Die Jugendlichen haben wenig persönlichen Bezug dazu und bevorzugen modernere Lyrik wie Slam-Poetry. Durch das nahezu ausschließliche Analysieren von älteren Texten im Deutschunterricht geht ihrer Ansicht nach die Freude verloren. Beide Gruppen fordern einen abwechslungsreicheren und moderneren Unterricht, was sowohl die Themen als auch die Gestaltung betrifft. 3.2 Argumentation für Poetry-Slam im Deutschunterricht Basierend auf den Ergebnissen der Umfrage und von Sprachwissenschaftlern werden nun Argumente für die Behandlung des Themas Poetry-Slam im Deutschunterricht hervorgebracht. Wie bei der Umfrage eindeutig bewiesen wurde, besteht von Seiten der Schüler und ehemaliger Schüler ein Wunsch nach Modernität und Abwechslung. Der Deutschunterricht ist danach ausgerichtet, das Interesse an Lyrik und der deutschen Sprache zu erwecken und zu entwickeln. Deswegen sollten die Wünsche der Schüler und Schülerinnen auch nicht außer Acht gelassen werden. In der Umfrage wurde zuletzt eine offene Frage nach Verbesserungsvorschlägen gestellt. Auch da sind sich die zehn Personen (davon acht Schüler und zwei ehemalige Schüler), die darauf geantwortet haben, einig. Vorschläge lauteten oft modernere Gedichte und Thematiken sowie die Behandlung von mehr Kurzgeschichten und Songtexten. Zwei weitere Male wurde der Wunsch nach verschiedenen Darstellungsweisen genannt, beispielsweise Rollenspiele, Standbilder und Rap. Zudem wurde auch mehr Freiarbeit und Gruppenarbeit gewünscht. 13

14 Vieles davon verbindet Slam-Poetry. Die Jugendlichen können ihre Ideen frei entfalten. Überdies ist die Darstellungsweise eine Andere als die Übliche. Anstatt auf dem Platz zu sitzen und schlicht vorzulesen, ist es bei einem Poetry-Slam unabdingbar, den selbst verfassten Text mit einer überzeugenden Performance vorzutragen. Der Slam-Poet und Pädagoge Alexander Willrich erklärt, dass bei dem Thema Poetry- Slam vier wichtige Phasen der Didaktik des Schreibens den Schülern nähergebracht werden. Zu den vier Phasen gehört zuerst das Planen, also das strukturelle Überlegen und Organisieren von Ideen und Gedanken. Die nächste Phase beschreibt das Formulieren, folglich die passenden und abwechslungsreichen Wörter zu finden, die die Gedanken auf den Punkt bringen. Auch die Variation im Ausdruck wird durch Slam Poetry [sic] gefördert (Anders 2011, S. 68). Der dann entstandene Text wird in der dritten Phase, dem Überarbeiten, korrigiert und verbessert. Darauf folgt die Präsentation, welche die vierte Phase umfasst. Die Verknüpfung aller vier Komponenten ist notwendig, um einen stichhaltigen Slam-Text zu entwickeln. Doch nach der Präsentation ist der Poet nicht fertig, sein Text muss mindestens noch einmal und wahrscheinlich noch einige weitere Male überarbeitet werden (vgl. Willrich 2010, S ). In dieser Verbindung zwischen Subjektorientiertheit, Strukturierung des Schreibprozesses bei inhaltlicher und stilistischer Freiheit, die Slam Poetry [sic] mit sich bringt, liegt die Chance für eine Schule (Willrich 2010, S. 113). Die Schüler und Schülerinnen können selbst entscheiden, ob sie persönlichen Erfahrungen mit der Klasse teilen möchten oder frei erfundene Geschichten (vgl. ebd., S. 113). Die Freude an Sprache und an Literatur zu fördern, eben das, wofür Deutschunterricht steht, ist mit Slam-Poetry möglich. Denn die Jugendlichen nehmen sich selbst als Kunstschaffende wahr (Anders 2011, S. 67). Das Schreiben, welches die Schüler und Schülerinnen häufig als mühsam und anstrengend empfinden, wird als positiv und Freude bereitend wahrgenommen. Außerdem ist es nötig, sich mit sich selbst und seinen Gedanken auseinanderzusetzten. Ein weiterer, nicht zu vergessener Aspekt ist die besondere Chance für Hauptschüler, die sich durch Slam-Poetry ergibt. Hauptschüler haben oft ein beschädigtes Selbstwertgefühl und eine wenig entwickelte Sicht für die Möglichkeit der eigenen Persönlichkeit (Anders 2011, S. 65). Häufig besitzen sie eine unklare Herkunftssprache und auch zu Hause wird eine andere Sprache als Deutsch gesprochen. Dementsprechend ist der Wortschatz gering, eine gewisse grammatikalische Sicherheit fehlt oft sowie 14

15 orthographische Kenntnisse. Die Jugendlichen können Slam-Poetry besser verstehen als klassische Lyrik, da diese einen persönlichen Bezug ermöglicht. Zusätzlich ist es behilflich, dass es nicht um einen Wissens - sondern um einen Erfahrungsaustausch Gleichaltriger geht und bestärkt die Schüler und Schülerinnen in ihrer Identitätssuche (vgl. Anders 2011, S.66-67). Diese Fakten bezeugen, dass es nicht nur auf Grund des Wunsches der Schüler und Schülerinnen sinnvoll ist, Poetry-Slam im Deutschunterricht zu behandeln, sondern auch angesichts der intensiven Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache. Dies betrifft die notwendige Vielfalt von Wörtern und die vier Phasen der Schreibdidaktik. Insbesondere das kritische Überarbeiten der Texte und eine authentische Präsentation, bei welcher auch eine gewisse Überwindung unvermeidlich ist, fordern die Jugendlichen heraus. Letztlich kommt der Spaß auch nicht zu kurz. 15

16 4. Fazit Abschließend lässt sich aufgrund der gewonnen Ergebnisse sagen, dass Poetry-Slam beziehungsweise Slam-Poetry eine hervorragende Möglichkeit darstellt, den Jugendlichen einen alternativen Zugang zu Lyrik zu schaffen. Zu Anfang ist dargelegt worden, dass Poetry-Slam nicht eine neuartige Schnapsidee ist, sondern bereits seit den 1980er-Jahren tiefe Wurzeln auf der ganzen Welt geschlagen hat. Im deutschsprachigen Raum gewinnt der Wettstreit immer mehr Anhänger, was noch einmal von seiner Signifikanz zeugt. Durch die Umfrage und literaturgestützte Argumentation ist deutlich geworden, dass Poetry-Slam in den Lehrplänen auftreten sollte. Es wurden verschiedene Nachweise erläutert, die zeigen, dass Poetry-Slam eines der seltenen Themen ist, das außerordentlich wichtige Aspekte des Deutschunterrichtes verbinden kann wie beispielsweise die vier Phasen der Schreibdidaktik. Des Weiteren ist bedingt durch die Umfrage eine vorhandene Lyrik Verdrossenheit von Schülern belegt worden, die es fortzuschaffen gilt. Poetry-Slam ermöglicht es, Jugendliche mit einer ganz ungewöhnlichen Methode neu für Lyrik zu begeistern und die Floskel Die Jugend von heute mit ihrer negativen Konnotation in Bezug auf Lyrik als Irrtum zu entlarven. 16

17 5. Anhang Umfrage zur Gestaltung des Deutschunterrichtes in Bezug auf Lyrik Geschlecht: weiblich männlich Alter: Jahre 1. Fragen-allgemein: a) Ich interessiere mich für Lyrik. trifft voll und ganz zu b) Ich lese oft Bücher in meiner Freizeit. trifft voll und ganz zu trifft überhaupt nicht zu trifft überhaupt nicht zu c) Klassische Lyrik finde ich langweilig. trifft voll und ganz zu trifft überhaupt nicht zu d) Slam-Poetry bevorzuge ich der klassischen Lyrik. trifft voll und ganz zu trifft überhaupt nicht zu Fragen-bezogen auf den Deutschunterricht: a) Mit Deutschunterricht verbinde ich hauptsächlich klassische Lyrik. trifft voll und ganz zu trifft überhaupt nicht zu b) Meiner Meinung nach sollte der Deutschunterricht moderner werden und auch moderne Lyrik wie Poetry-Slam behandeln. trifft voll und ganz zu trifft überhaupt nicht zu c) Die Freude an der deutschen Sprache geht durch das (fast) ausschließliche Analysieren von älteren Texten verloren. trifft überhaupt nicht zu Gibt es von Deiner Seite noch Verbesserungsvorschläge für die Gestaltung des Deutschunterrichtes bezogen auf das Thema Lyrik? trifft voll und ganz zu 17

18 6. Abbildungsverzeichnis Abbildung Abbildung Abbildung Literaturverzeichnis 6.1Monographien: 1. Anders, Petra: Poetry Slam [sic]. Unterricht, Workshops, Texte und Medien, Baltmannsweiler. Schorndorf, Hrg.: Lange, Günther. 2. Samonig, Sabine: Checker dichten!. Poetry Slam [sic] mit Jugendlichen, Berlin. Dresden, Willrich, Alexander: Poetry Slam [sic] für Deutschland. Die Sprache. Die Slam- Kultur. Die mediale Präsentation. Die Chancen für den Unterricht., Erste Auflage, Paderborn. Magdeburg, elektronische Quellen: 1. Zugriff am unter: 2. Zugriff am unter: Zugriff am unter: =47:geschichte-von-chicago-in-die-welt&catid=34:geschichte&Itemid=59, und Zugriff am unter: =47%3Ageschichte-von-chicago-in-die welt&catid=34%3ageschichte&itemid=59&limitstart=1 18

19 4. Zugriff am unter: 5. Zugriff am unter: 6. Zugriff am unter: Macht-der-Sprache-_arid,23766.html 7. Zugriff am unter: 8. Zugriff am unter: https://www.waz.de/staedte/essen/stadtmeisterschaft-wer-wird-essens-besterpoetry-slammer-id html 9. Zugriff am unter: 19

20 8. Eigenständigkeitserklärung Ich erkläre, dass ich die Facharbeit ohne fremde Hilfe angefertigt und nur die im Literaturverzeichnis angeführten Quellen und Hilfsmittel benutzt habe. Essen, Ort, Datum K.Quitmann Unterschrift 20