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1 Masarykova univerzita Filozofick{ fakulta Katedra germanistiky, nordistiky a nederlandistiky Bakal{řsk{ diplomov{ pr{ce 2012 Kubíčkov{ Karina

2 Masaryk Universität Brünn Philosophische Fakultät Institut für Germanistik, Nordistik und Nederlandistik Deutsche Sprache und Literatur Karina Kubíčkov{ Anna Seghers: Der Roman Das siebte Kreuz und die Kurzgeschichte Der Treffpunkt im Vergleich Bakkalaureatsarbeit Betreuer: PhDr. Jaroslav Kov{ř, CSc. Brünn

3 1 Einleitung Anna Seghers Lebensgeschichte Typischer Sprach- und Darstellungsstil Sonderbare Begegnungen Sagen von Unirdischen Die Reisebegegnung Der Treffpunkt Hauptmotive Das siebte Kreuz Allgemein Hauptmotive Symbole Parallele zwischen dem Roman und Anna Seghers Leben Beziehungen Gemeinsame Motive in beiden Werken Feigheit Solidarität Freundschaft Zusammenfassung Fazit Literaturverzeichnis Primärliteratur Sekundärliteratur

4 Hiermit erkläre ich, dass ich meine Bakkalaureatsarbeit selbständig verfasst habe und nur die im Literaturverzeichnis angegebene Literatur und Quellen verwendet habe Karina Kubíčkov{ Am in Brünn 4

5 An dieser Stelle möchte ich mich für die Ratschläge und professionelle Hilfe bei Herrn PhDr. Jaroslav Kov{ř, CSc. bedanken. 5

6 1 Einleitung In meiner Bakkalaureatsarbeit werde ich mich mit zwei Literaturwerken von Anna Seghers beschäftigen. Einerseits behandelt diese Arbeit den weltbekannten Roman Das siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland und andererseits die Novelle Der Treffpunkt aus der Geschichtensammlung Sonderbare Begegnungen. Beide Werke stammen aus der Zeit Hitlerdeutschlands, wie schon der Titel des ersten Buches andeutet, bzw. aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg und beide enthalten eine gemeinsame Thematik und Problematik. Das bewog mich dazu, den Versuch zu machen, sie zu vergleichen. Obwohl der Roman Das siebte Kreuz im Jahre 1942 erschien und die Novelle Der Treffpunkt erst 1971 herausgegeben wurde, kann man zahlreiche Zusammenhänge finden. Mein Ziel besteht darauf, aufgrund der einstudierten Literatur und mit Hilfe der Sekundärliteratur diese zwei Werke zu vergleichen, wobei der Schwerpunkt darauf liegt, die gemeinsamen Motive herauszufinden. Dabei stellt die damalige politische Situation die Grundlage dar, damit man beide Werke verstehen kann. Deshalb ist es wichtig, die politischen Umstände aufzuklären. Was für uns noch wesentlich ist, ist die Tatsache, dass man gewisse Parallelen in Anna Seghers Werk und in ihrem Leben entdecken kann, was uns bestimmt viel verraten kann. Anna Seghers Bücher reagierten immer auf eine aktuelle politische Situation und gingen immer von den gesellschaftlichen oder staatlichen Problemen aus. Ihre literarische Tätigkeit war nämlich eng mit ihrer politischen, aber auch moralischen Überzeugung verknüpft. Diese Verbindung macht ihre Arbeit noch interessanter und realer, weil sie ihre Erfahrungen und Gefühle auf ihre literarischen Figuren anwendet. 6

7 2 Anna Seghers Lebensgeschichte Anna Seghers wurde am 19. November 1900 in Mainz geboren. Ihr Geburtsname ist Netty Reiling. 1 Ein Einzelkind des Vaters Isidor Reiling, der ein bekannter Kunsthändler und Verwalter der Kunstsammlungen des Mainzer Domes war, und der Mutter Hedwig (geboren Fuld). Netty bekam eine humanistische Erziehung, schon in ihren Kinderjahren kam sie in Berührung mit Kunst und Literatur, vor allem dank ihrem Vater. Sie hatte die klassischen deutschen Dichter als Vorbild, wie zum Beispiel J.W. Goethe, F. Schiller oder H. Heine, aber sie kannte auch die Literatur anderer Nationen. Diese Kenntnisse führten sie zur Begeisterung für die deutsche Sprache. Sie konnte sich auch frei entscheiden, wofür sie sich interessieren werde und alle diese Umstände wurden für ihr weiteres Leben bestimmend. In ihren Studienjahren beschäftigte sie sich mit den französischen und russischen Realisten wie Gogol oder Balzac, aber vor allem die Werke von Tolstoi beeinflussten ihre dichterische Entwicklung. Letztendlich wurde Netty aber eher durch die gesellschaftliche und politische Realität als durch Literatur geprägt. Das erste Ereignis, von dem sie stark getroffen wurde, war der erste Weltkrieg, den sie durchlebte und den sie hassen lernte wegen der Gewalt und der Plünderung anderer Länder. Die Nachkriegsjahre unterstützten noch ihre Unsicherheit und trugen zu ihrem größeren Einfühlungsvermögen für soziale Probleme und Unterschiede bei. Die Jahre 1917 und 1918 brachten weitere Geschehnisse mit sich, dank denen sich Netty Reilings eigene politische Einstellung bildete. Hierbei handelte es sich um die Vorgänge mit einem revolutionären Charakter in Russland. 1 Wagner, Frank: Anna Seghers. 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S.6. 7

8 Aber sehr schnell habe ich darüber nachgedacht, und sehr schnell war dieses Ereignis für mich verbunden mit einem neuen..., starken, unerhörten Begriff von Gerechtigkeit... Ich hatte zum ersten Mal voll und ganz verstanden..., daß es ein Oben und Unten, ein Hoch und Niedrig gibt. Das, was wir heute einfach Klassen nennen... 2 Nach dem abgelegten Abitur auf dem Gymnasium folgte 1919 das Studium der Kunstgeschichte, der Geschichte, Sinologie und Philosophie zuerst an der Universität in Köln, später in Heidelberg. An der Universität kam sie mit vielen revolutionär gesinnten Studenten zusammen und fühlte, dass sie sich für eine Partei entscheiden musste. Sie schloss sich der Arbeiterklasse an, anschließend wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands. Das Studium beendete sie mit der Doktorarbeit unter dem Titel Jude und Judentum im Werke Rembrandts, sie interessierte sich für diesen Stoff auch wegen ihrer eigenen jüdischen Herkunft. Sie stellte die Darstellung der Juden in Rembrandts Werk und das wirkliche Leben der damaligen Juden in Frage. Schon in ihrer Doktorarbeit kann man erkennen, dass die Wirklichkeit und Realität für Netty Reiling eine Priorität war, natürlich später auch in ihren eigenen Büchern. Ihr erstes veröffentlichtes Buch war 1924 Eine Sage aus dem Holländischen. Nacherzählt von Antje Seghers Die Toten von der Insel Djal. Hier erschien unter anderem zum ersten Mal der Name Seghers. Das erste Werk, das unter diesem Pseudonym herausgegeben wurde, war Aufstand der Fischer von St. Barbara (1928). Schon in diesem ersten Buch erschien die Unzufriedenheit der Menschen, beziehungsweise der Fischer, die gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestieren. Darüber hinaus wird hier die Natur so plastisch beschrieben, genauso wie es für Anna Seghers in allen anderen 2 Wagner, Frank: Anna Seghers. 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S.9. 8

9 Büchern typisch ist. Dank diesem Buch wurde die Autorin noch im selben Jahr mit dem Kleistpreis ausgezeichnet. Inzwischen im Jahre 1925 heiratete (in dieser Zeit immer noch Netty Reiling) einen ungarischen Kommunisten und Soziologen L{szlo Radvanyi, bekannt als Johann-Lorenz Schmidt erschien ihr erster Roman Die Gefährten. Die Inspiration für dieses Buch waren die Emigranten aus Polen, Ungarn, Bulgarien, Italien oder China, die Anna Seghers an der Universität kennenlernte. Der Roman beschäftigt sich gerade mit den Schicksalen dieser Menschen, die auf der Seite des Proletariats kämpften. Die Gefährten stellen Revolutionäre dar, die aus ihren Heimatländern vertrieben wurden. Von deren Vorbild angetan und angesprochen entwickelte sich immer mehr die Kommunistin Anna Seghers. Ihre antifaschistischen Einstellungen wurden durch die Italiener geprägt, mit denen sie auch in der Berührung war. Durch die ganz realen Begebenheiten in Anna Seghers Leben hat die faschistische Bedrohung in diesem Roman eine ganz eigene Bedeutung. Im Jahre 1933 verließ Anna Seghers Deutschland: *...+ nachdem die Polizei mich schon einmal verhaftet hatte und mich unter ständiger Bewachung hielt. 3 Ihr Weg führte zuerst nach Paris. Das erste Werk, das im Exil veröffentlicht wurde, war Der Kopflohn. Roman aus einem deutschen Dorf im Spätsommer Anna Seghers bemüht sich hier, verschiedene Bevölkerungsschichten, vor allem die Bauernschaft zu untersuchen. Es handelt sich um die Eindringung des Faschismus auch ins Dorf, wobei hier gezeigt wird, wie sich die einzelnen Bauern verhalten. Dieser Roman ließe sich auch mit Das siebte Kreuz vergleichen, obwohl Der Kopflohn einstweilen nur die Anfänge des Nationalsozialismus enthält. Die Hauptfigur 3 Wagner, Frank: Anna Seghers. 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S.27. 9

10 stellt Johannes Schulz dar, der ebenso wie Georg Heisler in Das siebte Kreuz auf der Flucht ist. Der Unterschied liegt aber darin, dass im Jahre 1932, in dem sich die Handlung abspielt, der Faschismus in den Menschen noch nicht so tief verwurzelt hatte und ihr Verhalten wird bis jetzt nur untersucht. In Paris widmete sich Anna Seghers nicht nur der Literatur, beziehungsweise dem Schreiben der Bücher, sondern engagierte sich auch in anderen gesellschaftlichen Angelegenheiten. Zum Beispiel bildete sie noch mit anderen Schriftstellern die Redaktion der Neuen Deutschen Blätter, wo sie sich vor allem für die Entlassung der politischen Häftlinge des NS-Regimes einsetzte. Im Jahre 1935 nahm sie an dem I. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur teil, wo sie auch eine Rede hielt. Der Kongreß war wie viele spätere Treffen für Anna Seghers ein starkes persönliches Erlebnis der internationalen Zusammengehörigkeit von Menschen aus vielen Nationen mit verschiedenen Weltanschauungen und politischen Bekenntnissen. 4 Seit 1937 arbeitete sie an dem Roman Das siebte Kreuz, der unter anderem den Gegenstand dieser Arbeit bildet. In diesem weltweit bekannten Roman, der erst 1942 erschien, zeigt der Faschismus sein unbarmherziges Gesicht nach dem Beginn des Weltkriegs wurde Johann-Lorenz Schmidt (L{szlo Radvanyi) als antifaschistischer Emigrant in Paris interniert. Anna Seghers machte sich auf den Weg, ihn zu retten. Im Jahre 1941 gelang es ihnen, endlich das Land zu verlassen. Die Zielstation war Mexico-City. Als ein Zeugnis dieser Emigration gilt der Roman Transit, der 1944 zuerst spanisch und englisch und erst 1948 deutsch erschien. Transit beschreibt die damalige Situation in Paris, wo ein Sammelplatz der Emigranten war, die alle die rettenden Küsten erreichen wollten. 4 Wagner, Frank: Anna Seghers. 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S

11 1947 kehrte Anna Seghers wieder heim. Sie wollte, wie viele andere Kommunisten, an dem Wiederaufbau Deutschlands teilhaben. Die Städte waren zertrümmert. Und die Menschen waren im Innern genauso zertrümmert. Damals bot Deutschland eine Einheit von Ruinen, Verzweiflung und Hunger. 5 In dieser Nachkriegszeit spielte die Exilliteratur eine große Rolle. Vor allem Das siebte Kreuz erstattete einen wahren Bericht über die unmittelbare Vergangenheit. Aber auch die Zeiten der Emigration in Mexiko hatten auf Anna Seghers einen großen Einfluss. Ohne den Aufenthalt in Amerika wären die zahlreiche Werke, wie zum Beispiel Die Hochzeit von Haiti (1949), Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe (1949) oder Karibische Geschichten (1962), nicht entstanden. Im Jahre 1948 nahm Anna Seghers wieder an einem Internationalen Kongress in Moskau teil. Ihr Ziel bestand darin, die Friedensbewegung in ganzer Welt zu stärken und die deutsche Literatur aus der Isolation zu befreien. Ich will durch die Bücher, die hier entstehen werden, verhindern, daß die Fehler der Vergangenheit jemals wiederholt werden. 6 Mit dieser Überzeugung wurde der sehr bekannte Gesellschaftsroman Die Toten bleiben jung geschrieben. Es ist das umfangreichste Buch der Schriftstellerin, sogar kann man sagen eine deutsche Chronik, die die Zeit von dem Ende des ersten Weltkriegs bis zum Verfall des Faschismus im 1945 umfasst. Das Werk beschreibt mehrere Generationen, die diesen Zeitabschnitt erlebten, und auch das Verhalten der Deutschen allgemein, wobei der Schwerpunkt in der Nachkriegszeit liegt. Von vielen Leuten wurde dieser Roman als eine aufklärende Geschichte der deutschen Vergangenheit betrachtet. 5 Wagner, Frank: Anna Seghers. 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S Böttcher, Kurt: Anna Seghers. Schriftsteller der Gegenwart. Berlin: Volk und Wissen Volkseigener Verlag, S

12 Nach der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik 1949 wurde Anna Seghers eine führende Persönlichkeit der Friedensbewegung und wirkte als Sprecherin, die unermüdlich an verschieden Kongressen im Ausland teilnahm, unter anderem auch in Prag, Warschau oder Wien wurde sie sogar zur Präsidentin des Deutschen Schriftstellerverbandes gewählt erschien die Erzählung Der erste Schritt. Gerade mit diesem Buch begannen jene schlichten Erzählungen [...] zu erscheinen, die den Kritikern im Westen, die noch die poetisch-surrealistische Prosa der frühen Seghers in Erinnerung hatten, als erstes Zeichen ihres Verrats am eigenen Talent galten. 7 Es handelt sich um die Ansprachen der Menschen aus verschiedenen Ländern der Welt, die auch aus verschiedenen sozialen Schichten stammen. Diese Menschen nahmen an einem internationalen Friedenstreffen teil und erzählen, wie sie dazu kamen. Die Solidarität ist hier Thema und gleichzeitig Aufbauprinzip. 8 Durch die andere Erzählung Der Mann und sein Name kann man wieder die Nachkriegsjahre betrachten, dieses Mal aus einer anderen Perspektive. Ein ehemaliges Mitglied der SS gewinnt nach dem Kriegsende die Ausweispapiere eines Antifaschisten und fängt an, sein Leben zu leben. Er hilft sogar dabei, Deutschland wieder aufzubauen. Seine eigene Vergangenheit verfolgt ihn aber unerbittlich. Endlich muss er alles bekennen, und ist bereit, die Folgen zu tragen. Diesem Buch gingen große Vorbereitungen voran, Anna Seghers las viele Bücher und Broschüren und sprach mit vielen Menschen. 7 Žmegač, Viktor. Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 2. Aufl. Weinheim: Beltz, Athenäum, 1994, S ISBN Wagner, Frank: Anna Seghers. 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S

13 Schriftstellerkollegen haben mitunter erstaunt gefragt, was sie eigentlich nicht gelesen hätte. 9 Anna Seghers fand in der Deutschen Demokratischen Republik die Freiheit, die sie für ihre nicht nur literarische Arbeit brauchte und bemühte sich, den Vorwurf, dass die Gegenwartsliteratur nicht der Wirklichkeit entspricht, zu überwinden. Ihr weiterer Roman Die Entscheidung (1959) widmet sich dem Wiederaufbau eines Stahlwerkes zwischen 1947 und 1951 in der Sowjetischen Besatzungszone, beziehungsweise in der späteren DDR. Im Grunde genommen handelt es sich um die Entscheidung zwischen Sozialismus und Kapitalismus, wobei die Hauptrolle die Arbeiterklasse spielt, die sich in dieser Zeit formiert und die später eine herrschende Klasse bildet. Die Gründung der deutschen Demokratischen Republik wird so zum staatspolitischen Ausdruck menschlichgesellschaftlicher Entscheidungen. 10 Die Romane von Anna Seghers aus der Zeit der DDR bieten ein Gesamtbild der damaligen sozialistischen Ideologie und Gesellschaft an, vor allem war ihr das Zusammenhalten einer Gruppe von Menschen und die Treue dem sozialistischen Staat gegenüber sehr wichtig. Künstlerisch sind diese Werke aber eher schwächer, obwohl Seghers frühere und auch spätere Erzählungen und Romane bemerkenswert sind. Im Jahre 1973 erschien die Geschichtensammlung Sonderbare Begegnungen, die den zweiten Schwerpunkt dieser Arbeit bildet. Sie bietet drei Erzählungen an, die sowohl mit der Kunst und den Künstler als auch wieder mit antifaschistischer Thematik verknüpft sind bat Anna Seghers um Entbindung von ihrer Funktion als Präsidentin des Deutschen Schriftstellerverbandes wegen ihrer Krankheit. Fünf 9 Wagner, Frank: Anna Seghers. 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S Ebenda, S

14 Jahre später, am 1. Juni im gleichen Jahr wie ihr Ehemann Johann-Lorenz Schmidt, ging sie über den Jordan. Alle Werke, die Anna Seghers während ihres Lebens verfasst hat, umfassen mehr als eine Hälfte des 20. Jahrhunderts, also die wichtigste Ereignisse der neueren Geschichte. Alle diese Bücher gelten als wahre Berichte sowohl über die zwei Weltkriege als auch über den neuen deutschen sozialistischen Staat, wobei man auch viel über die Gesellschaft und ihr Verhalten erfahren kann. 2.1 Typischer Sprach- und Darstellungsstil Wie man schon in der oberen Beschreibung bemerken konnte, war das Hauptthema, mit dem sich Anna Seghers meistens beschäftigte, der Kampf für den Frieden und die Freiheit, beziehungsweise dreht es sich in ihren Schriften oft um den Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse. Insgesamt wurden alle ihre Bücher im Geist des revolutionären Kampfes geschrieben, wobei es immer ihr wichtigstes Anliegen war, die Wirklichkeit möglichst realistisch widerzuspiegeln. Die Grundlage ihrer literarischen Werke bilden das Leben der Arbeiter, die Zeit und ganze Gesellschaft allgemein. Die Schriftstellerin verwendet keine komplizierten Sätze mit vielen Ausdrücken, sondern nur einfache Sätze, die immer eine klare Bedeutung haben. Es geht ihr in der Hauptsache darum, vor allem Gefühle, Wahrnehmungen und Gedanken zu äußern, meistens in Kurzsätzen. In den Geschichten wechseln sich verschiedene Darstellungselemente einfache Erzählung der Handlung wechselt mit Natur- und Landbeschreibungen oder Gedanken der einzelnen Gestalten. Verschiedene Erinnerungen kommen auch häufig vor, die oft noch mehr über die einzelnen Figuren aussagen. Die Gestalten werden dabei nicht viel beschrieben, sondern die Autorin überlässt Vieles der Fantasie des Lesers. 14

15 Anna Seghers liebte die Welt der Märchen und hatte auch die Neigung zum Fantasieren. Es gab dabei zwei Linien: Erzählen, was mich heute erregt, und die Farbigkeit von Märchen. Das hätte ich am liebsten vereint und wußte nicht wie. 11 Wir müssen auch ihr Interesse für die antike Mythologie und Bibel erwähnen, weil ihre ersten literarischen Erzählungen, bzw. Sagen, die sie schon in ihrer Jugend schrieb und die erst während der Zeiten der Emigration herausgegeben wurden, wurden gerade dieser Thematik gewidmet. Es waren zum Beispiel Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok, Die drei Bäume oder Sagen von Artemis. Auch in dem Roman Das siebte Kreuz ist von der religiösen Thematik die Rede. 3 Sonderbare Begegnungen Die Geschichtensammlung Sonderbare Begegnungen, die 1973 erschien, enthält drei Kurzgeschichten. Erste Kurzgeschichte heißt Sagen von Unirdischen (1970), die zweite, auf der unser Schwerpunkt liegt, trägt den Titel Der Treffpunkt (1971), und für die dritte Erzählung lautet die Überschrift Die Reisebegegnung (1972). Obwohl das ganze Buch im Jahre 1973 herausgegeben wurde, kann man bemerken, dass die einzelnen Geschichten immer ein Jahr aufeinander folgten. Diese drei Geschichten haben im Wesentlichen miteinander nichts zu tun. Das ist in den anderen Geschichtensammlungen von Anna Seghers fast nie der Fall. Nur wie der Titel der Sammlung andeutet, der eng mit den Erzählungen verbunden ist, ist ihren eine Begegnung gemeinsam, die in jeder Geschichte vorkommt. 11 Wagner, Frank: Anna Seghers. 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S

16 Den Höhepunkt dieses Erzählbandes schafft sowohl ein zufälliges als auch ein verabredetes Treffen. Aus diesen Begegnungen entstehen dann verschiedene Lebensgeschichten, in den man betrachten kann, wie die Menschen handeln, welche Verhältnisse zwischen ihnen sind und worin sie den Sinn ihres Lebens sehen. Allen diesen Schicksalen ist gemeinsam der Glaube an den Menschen, wobei immer die positiven Werte der Menschen berücksichtigen werden, unter anderem Bereitschaft, Kühnheit, Hilfsbereitschaft und Bemühung, eigene Ideale zu schützen. 3.1 Sagen von Unirdischen Die Bezeichnung sonderbar passt vor allem zu der ersten Erzählung Sagen von Unirdischen, in der Märchenelemente und Science Fiction - Elemente erscheinen und in der sich Realität und Traum abwechseln. Diese Verwendung des Phantastischen ist für die DDR-Literatur der 70er Jahre charakteristisch. Es handelt sich um eine Begegnung zwischen einer unirdischen Zivilisation mit sehr entwickelter Technik und den Menschen auf der Erde, wo gerade der Dreißigjährige Krieg tobte. Die männliche Hauptfigur, die zuerst keinen Namen hat, kommt von einem anderen Planeten, bzw. einem Stern. Er gerät auf der Erde, aber nicht zufällig, diese Mission wurde geplant. Dieser Besucher stellt eine ganz reine Person vor, die unkundig ist, was die irdischen Sachverhalte betrifft, er lernt dann die Landschaft und die Leute kennen. Er trifft sich mit einem kleinen Mädchen Marie, die glaubt, dass er ein Engel ist und ihn Michael nennt. Michael lernt den Meister Matthias, Vater von Marie, der Kunstwerke, bzw. Schnitzwerke schafft, die mit dem Christentum verknüpft sind. Michael aber kennt überhaupt keine Kunst und Religion aus seiner Heimat. Matthias 16

17 dachte: Wie töricht ist meine Tochter. Wie kann denn ein Engel von einem so dürftigen Stern stammen, auf dem man von Kunst nichts weiß. 12 Dann bricht Krieg in dieser Welt aus. Die Werkstatt des Meisters und sein erstaunliches Werk verbrennen. Obwohl Michael nur die Situation auf der Erde untersuchen und dann gleich zurückkehren sollte, muss er den Meister und seine Tochter retten. Marie aber stirbt kurz nach der Rettungsaktion und Michael nimmt ihren Vater auf seinen Stern. Matthias will noch vor seinem Tod etwas aus dem Holz schnitzen. Es ist die kleine Marie. Viele Jahre später landet auf der Erde eine neue Expedition. Der neue Kundschafter Melchior sieht wieder nur ein zerstörtes Land und viele verbrannte Städte. Er kann nicht begreifen, warum die Leute etwas schönes schaffen und dann selbst alles zerstören. Melchior unterliegt aber endlich dem Zauber der Erde und entscheidet sich, hier zu bleiben. Er hat sogar eine Ehefrau und eine Tochter und ist sehr zufrieden. Immer sendet er Berichte auf seinen Stern. Eines Tages hört sein Heimatstern auf, Nachrichten zurück zu senden. Melchior fühlt sich heimatlos. Er stirbt an das Heimweh. Aber das Gerät, dank dem sich Melchior mit seinem Stern verbinden konnte, bleibt auf der Erde versteckt. Beide Kundschafter waren über irdische Dinge erstaunt. Sie hatten zwar verschiedene Erfindungen und eine fortgeschrittene Technik auf ihrem Stern, aber kannten nicht die irdischen Errungenschaften wie Liebe oder Kunst. Zuerst betrachteten sie diese Dinge als nutzlos und die Bemühungen um künstlerisches Schaffen als Verschwendung von Zeit. Der erste Kundschafter Michael erklärte der Frau des Meisters Matthias: Gibt es solch einen Meister bei Euch? Nein, nein, sagte Michael, bei uns gibt es keinen Meister, der so etwas schafft. Es gibt bei uns kein ähnliches Werk. Was gibt es denn bei Euch? Bei uns gibt es gar nichts von solcher Art. Weder etwas, was 12 Seghers, Anna: Sonderbare Begegnungen. Sagen von Unirdischen. 1. Auflage. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1973, S.22 17

18 diesem geschnitzten Holz gleicht, noch etwas, was diesem Vorhang gleicht. Man benutzt, das sagte ich schon dem Meister, Verstand und Hände, um Fahrzeuge, Brücken, Stauwerke, alles, was nützlich ist, zu erzeugen. Dadurch hat man Mittel und Wege gefunden, um von unserem Stern zu Eurem zu gelangen Die Reisebegegnung In der Kurzgeschichte Die Reisebegegnung werden wieder die Fantasy Elemente benutzt wie in der vorigen Erzählung. Die Zeitlinie wird abgeschafft, was die Begegnung der drei bekannten Schriftsteller ermöglicht, die in unterschiedlichen Zeiträumen lebten, also sie könnten sich logisch normalerweise niemals treffen. Diese drei Künstler sind E.T.A. Hoffmann, N.V. Gogol und Franz Kafka. Während die Sagen von Unirdischen vor allem die Kunst als einen allgemeinen Wert behandeln, Die Reisebegegnung wird unter dem Gesichtspunkt der Literaturwissenschaft betrachtet, wobei sie sich mit den Kunstmethoden und Kunstvorgehen beschäftigt. Den Schwerpunkt bildet dabei vor allem die Wirklichkeit, die im Kontrast zu der Phantasie steht. Verhältnis zu dem Leser ist hier auch das Thema, das behandelt wird. Am Anfang der Geschichte kommt E.T.A. Hoffmann nach Prag, wo sich er mit N.V. Gogol in einem Kaffeehaus treffen soll. Hoffmann gilt in der Erzählung als ein Reiseführer, denn aus seiner Sicht wird die Geschichte vorgestellt. Ganz zufällig befindet sich dort auch Franz Kafka. Diese drei Männer diskutieren über Literatur, über ihre eigenen Werke und vergessen auch nicht, die Schönheit der Sprache hervorzuheben. Jeder anwesende Schriftsteller erwähnt auch andere berühmte Verfasser aus seiner eigenen Heimat, damit deutlich wird, dass die Historie der Literatur einen großen Teil des Kulturerbes in jedem Land darstellt. Gogol nennt beispielsweise die 13 Seghers, Anna: Sonderbare Begegnungen. Sagen von Unirdischen. 1. Auflage. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1973, S.21 18

19 russischen Klassiker wie Lermontow oder Puschkin, Hoffmann nennt Goethe. Gleichzeitig werden verschiedene Themen ihrer Werke besprochen und auch Kurzgeschichten erzählt. Den Schwerpunkt dieses Gespräches bildet einerseits ein Widerspruch zwischen Fantasie und Wirklichkeit, weil die fantastischen Elemente die ganze Komposition bilden und andererseits die Zeitlinie, die in dieser Erzählung allgemein eine große Rolle spielt. In erster Linie handelt es sich um die ganze Komposition dieser Erzählung, denn es gibt da einen Beweis, dass diese Begegnung von dem zeitlichen Gesichtspunkt aus betrachtet wirklich fiktiv ist und die drei Personen das sogar wissen. Wir drei, wir säßen hier doch gar nicht beisammen an diesem Tisch, wenn wir ernstlich die Zeit einhalten würden. Habe ich nicht nur kurze Zeit mit Ihnen, Gogol, gelebt? Und Sie, Gogol, fast hundert Jahre vor Kafka? 14 Es stellt sich noch die Frage an, warum Anna Seghers gerade diese drei Schriftsteller auswählte. Es ist kein Geheimnis, dass sie Franz Kafka sehr bewunderte und obwohl diese Erzählung erst 1972 erschien, war die Idee dafür schon 1933 entstanden, als Anna Seghers ins Exil ging. Schon in dieser Zeit sprach sie über Kafka, Gogol, Hoffmann und andere Autoren. Diese Schriftsteller haben nämlich etwas gemeinsam sie kämpfen in ihren Werken gegen Ungerechtigkeit und Gewalt und protestieren gegen die bürgerliche Gesellschaft. Die Reisebegegnung kann also als eine theoretische Diskussion zwischen drei fiktiven Figuren begriffen werden, obwohl es da keine konkreten Antworten gibt. Dem Leser werden die richtigen Antworten nur angeboten und nicht als endgültige Wahrheiten vorgelegt. Damit schafft die Autorin einen Platz für die Leserschaft, damit sie sich eine eigene Einstellung bilden kann. 14 Seghers, Anna: Sonderbare Begegnungen. Die Reisebegegnung. 1. Auflage. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1973, S

20 3.3 Der Treffpunkt In der Illegalität muß ein solcher Treffpunkt an sich noch nicht sonderbar, also ungewöhnlich sein. Das sonderbare wird hier erst durch verschiedene Umstände hervorgerufen. 15 Die Kurzgeschichte Der Treffpunkt stelle ich hier absichtlich an das Ende des dritten Kapitels, obwohl sie schon als zweite Erzählung (1971) geschrieben wurde. Die Geschichte spielt sich in der Zeit vor und während Adolf Hitlers Antritts als Reichskanzler ab. Der Treffpunkt ist die einzige Kurzgeschichte aus der Geschichtensammlung Sonderbare Begegnungen, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und mit dem Thema Hitler-Ära beschäftigt und gleichzeitig handelt es sich um die einzige Erzählung, die in einem wirklichen historischen Umfeld spielt. Als Hauptfiguren treten Klaus Rautenberg, der Sohn eines Kunstschlossers, und Erwin Wagner, ein hinkender Knabe. Beide Jungen befreunden sich und werden beste Freunde. Sie fangen an, miteinander Wochenendausflüge zu unternehmen. Sie kommen mit anderen Jugendlichen zusammen und Klaus lernt viele neue Leute kennen. Diesen Jugendverein besucht auch ein alter Lehrer namens Deter, den Klaus sehr bewundert. Als Klaus Vater feststellt, dass Klaus mit dem Kommunisten Deter verkehrt, verbietet ihm sich sowohl mit Deter als auch mit Erwin mehr zu treffen. Klaus verlässt jedoch seine Freunde nicht, weil sich nämlich in dieser Zeit seine Zukunft zu formen beginnt und Klaus feststellt, was für ihn wichtig ist. Die Kinder verpflichteten sich auf die Idee ihrer Jugendgemeinschaft, auf Recht und Gerechtigkeit. Und Klaus, in der familienstickigen Wohnstube, fühlte in allen Fasern 15 Neubert, Werner. Literatur und Wirklichkeit: Gespräch mit Anna Seghers. In: Neue Deutsche Literatur. Jahrg. 21. Berlin: Aufbau-Verlag, 1973, S. 8. H.10. ISSN

21 die Verpflichtung, die seine Freunde im kühlsonnigen Frühjahr in Worten und Liedern beteuerten. 16 Klaus Vater bestimmt ihm seine zukünftige Arbeit, er solle die Lehre in der Druckerei Schönberg antreten und Drucker werden. Erwin solle als Setzer ausgebildet werden. Sie treffen sich dann nur selten, aber immer weiter besuchen sie im Geheimen den Lehrer Deter und gemeinsam treten sie dem Kommunistischen Jugendverband bei. Klaus arbeitet in einer kleinen Druckerei in Gotha und Erwin in Erfurt. Erwin lernt in Erfurt Deters Freund Hämmerling kennen, von dem er eine Aufgabe bekommt, die Flugblätter mit dem Text Hitler bedeutet Krieg! 17 auszudrucken. Klaus stellt die gleichen Flugblätter auch her. In Kürze werden jedoch Klaus und Deter verhaftet. Als Klaus aus dem Gefängnis entlassen wird, setzt er mit Erwin die Arbeit fort. Sie unterstützen ihre Ideale unermüdlich. Der Bürgerkrieg in Spanien hatte begonnen. Wer zu ihrer Gruppe gehörte, verteilte Flugblätter: Das Vorspiel zu einem gewaltigen Krieg, der alle Länder bedrohe, sei der spanische Krieg. Sie konnten nicht anders, als immerfort Menschen aufzurütteln. Nie maßen sie die Wirkung an der Gefahr, der sie ausgesetzt waren. Ihre Warnungen tönten wie leichte Hammerschläge zu den Reden von Hitler und Mussolini, zu dem Fabriklärm, der Deutschland erfüllte, zu den Bomben auf Guernica. 18 Da die beiden Jungen von der SA wieder gesucht werden, versteckt sich Klaus bei einem Bauern, für den er als Helfer arbeitet und Erwin verschwindet nach Leipzig. Sie verabreden sich noch eine große Aufgabe. Sie wollen sich in Naumburg treffen, wo Erwin während des Gottesdienstes einen Text für ein neues Flugblatt übergeben soll. Ein vereinbartes Zeichen dient dabei als 16 Seghers, Anna: Sonderbare Begegnungen. Der Treffpunkt. 1. Auflage. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1973, S Ebenda, S Ebenda, S.67 21

22 Warnung, falls einer von ihnen zufällig bespitzelt werden würde. Außerdem legen sie noch ein Ersatztreffen miteinander fest. Sollte diese Zusammenkunft irgendwie scheitern, dann wollten sie am zweiten Dienstag des folgenden Monats in Fulda zusammenkommen. Wenn alles fehlschlägt, sagte Klaus, ohne wirklich damit zu rechnen, daß alles fehlschlagen könnte, dann sucht einer den anderen nachmittags um fünf im Postamt von Gellhausen am Fünften jeden Monats. Verstehst du, das soll für immer gelten. Am fünften jeden Monats um fünf im Postamt von Gellhausen. 19 Als Erwin nach Naumburg kommt, hat er immer ein unangenehmes Gefühl, dass er wirklich bespitzelt wird. Die Angst ergreift ihn, so dass er den Dom erst gar nicht betritt. Im Nachhinein behauptet er, dass Klaus im Dom das verabredete Zeichen machte, aber was danach mit Klaus geschieht, das weiß er nicht. Erwin beschäftigt sich weiter mit dem Druck der Flugblätter, seine Freundin Lore hilft ihm dabei. Dann findet er aber im Geheimen eine Arbeitsstelle in Luckau bei Herrn Schulze in einem Kartonagegeschäft. Herr Schulze hat eine ledige Tochter namens Elfriede, die Erwin heiratet. Sie arbeitet für die NS Frauenschaft 20 und ist deshalb viel unterwegs. Erwin lebt also nur mit dem alten Schulze. Als Luckau zerbombt wird, müssen sie zusammen ein neues Zuhause suchen. Eines Tages soll Erwin ein Paket auf das Postamt in Gellhausen bringen. Er denkt an die Verabredung, die er gemeinsam mit Klaus schon damals schloss und macht sich auf den Weg zu der Post. Es kommt wirklich zu einer Begegnung. Erwin will sofort gestehen, dass er Klaus in Naumburg verriet, aber Klaus fängt gleich an zu erklären, dass er damals in dem Dom wirklich bespitzelt wurde. Bevor Erwin äußern konnte, was ihn sehr belastet, ist Klaus 19 Seghers, Anna: Sonderbare Begegnungen. Der Treffpunkt. 1. Auflage. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1973, S Eine nationalsozialistische Frauenorganisation, die der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) direkt untergeordnet wurde. 22

23 wieder weg. Nur ein Zettel mit einer Adresse bleibt Erwin in der Hand. Erwin schreibt also einen Brief, in dem er alles bekennt. Aber Der Postbote hatte den Brief zurückgebracht mit dem Vermerk: Adressat unbekannt verzogen Hauptmotive In dieser Kurzgeschichte kann man unschwer erkennen, dass es da einen tapferen Helden gibt, was in dem Werk von Anna Seghers als keine Ausnahme gilt. Es gibt Figuren in ihren Büchern, die für ihre Überzeugung kämpfen, ebenso wie es die Autorin selbst lebenslang machte. Die in den letzten Jahren veröffentlichten Bücher bringen, jedes auf seine spezifische Weise, die Ansichten eines langen, wechselvollen, stets kämpferischen Lebens und seine Grundmotive gereift zum Ausdruck, ohne unmittelbar vom eigenen, persönlichen Leben zu handeln. 22 Am Anfang stehen nebeneinander zwei Jungen, die auf den ersten Blick ganz ähnlich aussehen, mindestens was den Charakter betrifft. Sie unterstützen die gleichen Dinge, haben gleiche Meinungen, und trotzdem gingen ihre Lebenswege schließlich in ganz unterschiedliche Richtungen. Klaus stellt in der Geschichte einen furchtlosen Menschen dar, der seine Ansichten und Ideale schützt und immer bereit ist, sein Leben zu riskieren. Er könnte in diesem Fall eher als eine Nebenfigur bezeichnet werden, weil sich diese Kurzgeschichte vor allem auf den Erwin konzentriert. Erwin verkörpert zuerst auch einen tapferen Knaben, aber im Laufe der Zeit kann man bemerken, wie ihn der Mut verlässt und die Werte, die er anfangs als wichtige betrachtete, plötzlich nicht wichtiger als sein eigenes Leben sind. Obwohl es selbst Erwin war, der Klaus zeigte, als er 21 Seghers, Anna: Sonderbare Begegnungen. Der Treffpunkt. 1. Auflage. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1973, S Wagner, Frank: Anna Seghers. 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S.85 23

24 ihn erstmals zu dem Wochenendausflug einlud, was er für seine Heimat und für eigene Zukunft tun könnte. Als ein grundlegendes Ereignis der ganzen Erzählung gilt bestimmt die Angelegenheit in Naumburg, wo zu einer Begegnung kommen sollte. In diesem Zeitpunkt veränderte sich Erwin grundsätzlich. Zuerst quälte ihn ein Schuldgefühl, dass er Klaus im Stich ließ, aber trotzdem beschäftigte er sich weiter mit den Flugblättern. Als er aber einen Unterschlupf in Luckau fand, wo er sogar heiratete, obwohl er seine geliebte Freundin Lore hatte, beendete er damit sein revolutionäres Leben. Er begann sogar, die Freundschaft mit Klaus in Frage zu stellen. Obwohl sie anfangs beste Freunde waren und jeder für den anderen alles gemacht hätte. Auf diese Art und Weise bemühte sich Erwin, seine Feigheit zu rechtfertigen. Bei ihrem nächsten Wiedersehen war Erwin ziemlich kalt. Er hatte inzwischen erfahren, Klaus sei verschwunden, er könnte in einem Gestapokeller stecken. Und nachts fing Erwin zu grübeln an: Vielleicht wird er gefoltert. Kann ich für ihn die Hand ins Feuer legen? Er weiß, wo Hämmerling arbeitet. Er weiß, wo ich jetzt lebe. [...] Hätte ich selbst denn allen Fragen widerstanden? 23 Er wollte diese belastende Situation überwinden, sogar sieht es so aus, als ob er hoffen würde, dass Klaus nicht mehr am Leben sei. Über die Möglichkeit, dass Klaus wirklich tot sein sollte, spricht Erwin sozusagen gleichgültig. Hast du etwas von Klaus gehört? Nichts. Er lebt wohl nicht mehr. Lore fuhr auf: Klaus? Der lebt. Wie willst du das wissen? Ich weiß es. Ich spür es in allen Fasern. So einer wie Klaus, der lebt. So einer wie Klaus hat sich gerettet, sogar aus den Klauen der Gestapo. Ach, Lore. Als ob Felix nicht auch so einer wäre. Er ist nicht weniger wert als Klaus Seghers, Anna: Sonderbare Begegnungen. Der Treffpunkt. 1. Auflage. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1973, S Seghers, Anna: Sonderbare Begegnungen. Der Treffpunkt. 1. Auflage. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1973, S.87 24

25 Erwin stellt einen Menschen dar, der zuerst ein klares Ziel für sein Leben hatte, aber im Laufe der Zeit von den politischen Ereignissen so stark beeinflusst wurde, dass er dieses Ziel nicht weiter verfolgen konnte. Anna Seghers zeigt an dieser Stelle, wie die Menschen von dem Regime, das eine große Angst unter den Leuten hervorrief, geprägt wurden. Solche Menschen, die unter einem großen Druck stehen, verhalten sich oft unbegreiflich, was man an diesem Beispiel betrachten kann. Das Grundmotiv der Geschichte liegt vor allem darin, der ganzen Öffentlichkeit zu zeigen, dass eine Gemeinschaft existiert, die gegen das Böse und für die Freiheit kämpft. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Das Ziel ist, den Widerstand gegen das Regime und vor allem den Mut zu zeigen, dass sich ein gewöhnlicher Mensch nicht so leicht von den Nazis bezwingen lässt. Wie schon gesagt, Erwin versagte zwar bei ihm anvertrauten Aufgabe, trotzdem hat die Autorin Verständnis für diese Figur, beziehungsweise für ihr Verhalten, und gibt ihr keine Schuld daran. Obwohl bis jetzt in ihren Werken nur die mutigen Helden vorkamen, bildet hier Erwin eben eine besondere Ausnahme. Sein Verhalten könnte als *...+ Projektion des Willens, sich aus der Niederung zu erheben 25 begriffen werden. Man kann in diesem Fall auch berücksichtigen, dass Der Treffpunkt erst viele Jahre später nach dem Zweiten Weltkrieg erschien und deshalb tritt hier ein gewisser Abstand auf, was beispielsweise gerade die Wertung der Figuren beweist. Obwohl Der Treffpunkt als die einzige Erzählung bezeichnet wurde, die in einem wirklichen und realistischen Umfeld spielt, stellte selbst Anna Seghers das Ende der Geschichte in einem Interview in Frage. Es geht darum, ob zu der Schlussbegegnung zwischen Erwin und Klaus wirklich kam oder nicht. 25 Wagner, Frank: Anna Seghers. 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S.84 25

26 Vielleicht kommt diese letzte Begegnung [...] in der Wirklichkeit nicht zustande. Es kann auch sein, daß die Begegnung Erwins mit Klaus nur in der Hoffnung, durch die Vorstellung und Einbildungskraft stattgefunden hat. Das sollen die Leser herausfinden so wie ich die Lösung oft dem Leser überlasse. 26 Für die weiteren Kapitel ist uns wichtig, die Freundschaft zwischen Erwin und Klaus nahe zu bringen. Wie gesagt, Erwin und Klaus lernten sich schon in ihren Jugendjahren kennen. Sie hatten ein gemeinsames Ziel, für das sie lebten. Klaus bestätigte dann noch diese Freundschaft damit, dass er trotz des Verbotes von seinem Vater weiter mit Erwin verkehrte. Viele Jahre später erinnert sich Erwin an Klaus nur als einen damaligen Freund aus der Jugendzeit. Die Intensität der Freundschaft, die sie damals so stark verband, war ihm verloren gegangen. 4 Das siebte Kreuz Dieses Buch ist den toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands gewidmet. Anna Seghers 27 Das siebte Kreuz, das im Jahre 1942 erschien, ist ein weltbekanntes Werk, das einen großen Anklang fand. Erst dank dieses Buches erfuhr die Öffentlichkeit, was in Nazi-Deutschland geschah, und gleichzeitig wurden diese Verbrechen aufgedeckt. Dieser Roman stellt nicht nur den Kampf gegen das Naziregime dar, sondern ist auch die Chronik einer bewegten Zeit, weil der größte Teil des Geschehens außerhalb des Lagers, mitten im deutschen 26 Neubert, Werner. Literatur und Wirklichkeit: Gespräch mit Anna Seghers. In: Neue Deutsche Literatur. Jahrg. 21. Berlin: Aufbau-Verlag, 1973, S. 9. H.10. ISSN Seghers, Anna: Das siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland. 1. Auflage. Berlin: Aufbau Verlag, 1995, S.7. ISBN: X 26

27 Volk, abrollt, weil hineingeleuchtet wird in die verschiedensten Bevölkerungsschichten. 28 Anna Seghers begann dieses Buch schon im Jahre 1937 zu schreiben, aber erst 1939 brachte sie es zu Ende. In dieser Zeit wurde Seghers schon auf der Flucht in Paris und wurde von der Gestapo gesucht. Als sie nach Mexiko City kam, konnte das Buch endlich erscheinen. Interessant ist, dass dieses Buch eigentlich überhaupt nicht erscheinen könnte, weil 1940 mehrere Kopien des Romans verloren wurden. Dann aber Anna Seghers erfuhr, dass eine Abschrift, die sie schon früher nach New York schickte, gerettet wurde. 29 Der 1942 gegründete Verlag El libro libre brachte [...] die erste deutschsprachige Ausgabe des Siebten Kreuzes [...] heraus. 30 In demselben Jahr erschien Das siebte Kreuz auch auf Englisch in Boston. Er wird beinahe über Nacht zu einem der größten Bucherfolge der Exilliteratur. *...+, außerdem erschienen Übersetzungen in spanischer, portugiesischer und schwedischer Sprache. Niederländische, dänische, norwegische, russische und französische Übersetzungen folgten noch während des Krieges. 31 Das Buch hatte einen so riesigen Erfolg, dass es als meist gelesenes Buch aus der Exilliteratur betrachtet wurde. Anna Seghers begründete diese Tatsache folgendermaßen: Übrigens hat man mich oft gefragt, wieso dieses Buch *...+ solchen Eindruck außerhalb Deutschlands hervorrufen konnte, da man doch dort fast nur über die Greuel, die die Deutschen verursacht hatten, Bescheid wußte und mit Recht geschrieben hat. Wahrscheinlich haben die Menschen durch das Buch gemerkt, daß Hitler sich vor allen 28 Böttcher, Kurt: Anna Seghers. Schriftsteller der Gegenwart. Berlin: Volk und Wissen Volkseigener Verlag, 1961, S BATT, Kurt. Anna Seghers: Versuch über Entwicklung und Werke. 2. Auflage. Leipzig: Verlag Philipp Reclam jun., 1973, S ISBN Spies, Bernhard: Anna Seghers. Das siebte Kreuz. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Diesterweg, 1993, S.14. ISBN: Ebenda, S

28 Dingen gegen sein eigenes Volk, gegen den Antifaschismus in seinem eigenen Land gewandt hat. Das haben die Menschen gesehen, und das hat sie erstaunt. 32 Und gerade die Tatsache, dass Anna Seghers während des Schreibens des Romans im Exil war, macht dieses Buch noch ungewöhnlicher, weil Seghers alle Einzelheiten so vertrauenswürdig beschreibt, als ob sie wirklich im Laufe des Krieges in Deutschland gewesen wäre. Im Jahre 1947, nachdem Anna Seghers aus dem Exil zurückkehrte, wurde der Roman auch in Deutschland herausgegeben. Die Geschichte wurde in den USA unter dem Namen The Seventh Cross verfilmt. Der Film von dem Regisseur Fred Zinnemann, in dem Georg Heisler in der Hauptrolle Spencer Tracy darstellte, wurde weltweit vorgeführt. 33 Das siebte Kreuz stellt ein komplexes Bild des Vorkriegsdeutschlands dar, in dem man alle Gräuel betrachten kann, vor allem aus der Sicht der einfachen gewöhnlichen Bürger, die gezwungen wurden, diese schwierigen Zeiten auch mit ihrem Vaterland zu durchleben. 4.1 Allgemein Der Roman Das siebte Kreuz spielt sich im Jahre 1937 zwischen Taunus und Rheinhessen ab, beziehungsweise zwischen Mainz und Frankfurt am Main. Für die Auswahl dieser Lokalität gibt es eine einfache Erklärung - Anna Seghers wurde in Mainz geboren, deswegen wurde dieses Gebiet, das ihr sehr nahe war, als Schauplatz der Geschichte ausgewählt. 32 Baumgart, Hans. Briefe von und an Anna Seghers und Interviews. In: HEISIG, Bernhard. Zeichnungen zum Roman von Anna Seghers "Das siebte Kreuz". Leipzig: Verlag Philipp Reclam jun., 1987, s Sammlung Handzeichnungen der DDR in der Kunstgalerie Gera. ISBN Spies, Bernhard: Anna Seghers. Das siebte Kreuz. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Diesterweg, 1993, S.18. ISBN:

29 In kaum einem Buch aus jener Zeit einem Gegenwerk zur Blut-und-Boden-Literatur der Nazis wird die Landschaft zwischen Taunus und Rhein so kräftig, lebensvoll, innig beschworen wie in diesem schwarzen Heimatroman. 34 Man muss vor allem erwähnen, wie ungewöhnlich das Werk gegliedert ist. Sieben Flüchtlinge, sieben Kreuze, und sieben Tage, wobei jedem einzelnen Tag ein Kapitel gewidmet wird, das sind die Symbole, mit denen das ganze Buch verknüpft ist. Es handelt sich um einen Kreislauf, in dem die Schicksale der einzelnen Flüchtlinge besiegelt werden, außer dem siebenten gesuchten Georg Heisler. Am Ende der Geschichte, beziehungsweise am Ende des siebenten Tages, bleiben nur der siebente Flüchtling und das siebente Kreuz. Auf den siebenten brauchen wir nicht mehr lange zu warten, denn er ist unterwegs. Der nationalsozialistische Staat verfolgt unerbittlich jeden, der sich gegen die Volksgemeinschaft vergangen hat, er schützt, was des Schutzes wert ist, er bestraft, was Strafe verdient, er vertilgt, was wert ist, vertilgt zu werden. In unserem Land gibt es kein Asyl mehr für flüchtige Verbrecher. Unser Volk ist gesund, Kranke schüttelt es ab, Wahnsinnige schlägt es tot. 35 In dem Mittelpunkt unserer Geschichte steht das KZ 36 Westhofen 37, in dem auch Georg Heisler interniert war. Eines Tages gelingt es sieben 34 Michaelis, Rolf. An einem Herbstmorgen In: Zeit Online: Literatur [online] [zit Zugänglich auf: 35 Seghers, Anna: Das siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland. 1. Auflage. Berlin: Aufbau Verlag, 1995, S.302. ISBN: X 36 Konzentrationslager: Die ersten KZs wurden von der SA 1933 nach dem Reichstagsbrand am zur Internierung politischer Gegner vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten errichtet. Bald kamen zu den politischen Gefangenen Personen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, die dem NS verdächtig oder mißliebig waren: Juden, Homosexuelle, auffällig gewordene Christen, Bibelforscher, Sinti und Roma, für asozial Deklarierte jeglicher Herkunft wurden die KZs der SS unterstellt. Sie baute die Lager in Zahl und Größe aus und organisierte die rücksichtlose Benutzung der Internierten zu Zwangsarbeit, medizinischen Menschenversuchen usw. Von 1941 an wurden die Vernichtungslager eingerichtet, die die industrielle Massenvernichtung von 6 Millionen Juden durchführten. 29

30 Häftlingen, aus dem Lager zu entfliehen. Unter den Flüchtlingen sind außer Georg noch Wallau, Beutler, Pelzer, Belloni, Füllgrabe und Aldinger. Jetzt beginnt der Kampf um das Überleben. Schon kurz nach der Flucht wird der erste Flüchtling Beutler ergriffen. Noch am demselben Tag wird auch Pelzer zurück in das Lager gebracht. Sechs der sieben werden innerhalb der vom Kommandanten gesetzten Frist zur Strecke gebracht. Einige früher, andere später, einige tot, andere lebend, wieder andere mehr tot als lebendig sie alle bezahlen mit ihrem Leben. 38 Georg bemüht sich, zu seiner Freundin Leni zu kommen und sich dort zu verstecken. Während dieser Reise stellt er jedoch fest, dass er nicht flüchten kann, ohne Spuren zu hinterlassen. Zum Beispiel stiehlt er einem Lehrling namens Helwig eine Jacke, der das plötzlich angab und die Polizei bekam auf diese Weise immer nötige Informationen. Für die erste Nacht findet Georg Unterkunft in dem Mainzer Dom, der hier eine wichtige religiöse Rolle spielt. 39 Am nachfolgenden Tag können wir Zeugen sein, wie Georg seinen Weg in die Freiheit fortsetzt. Endlich, als alle Pläne versagen und Georg nicht weiß, wohin er gehen soll, begibt er sich zu seinem Freund Paul Röder. Paul zögert überhaupt nicht und entscheidet sich, Georg zu helfen. Während sich Georg bei Familie Röder versteckt, soll Paul Georgs alte Bekannte besuchen, die ihm über die Grenzen hinweg helfen Spies, Bernhard: Anna Seghers. Das siebte Kreuz. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Diesterweg, 1993, S.21. ISBN: Westhofen: Der Name verweist eindeutig auf das KZ Osthofen bei Worms, das in den ersten Märztagen 1933 errichtet wurde. Es zählte zu den Internierungslagern der ersten Stunde. Spies, Bernhard: Anna Seghers. Das siebte Kreuz. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Diesterweg, 1993, S.21. ISBN: Anna Seghers - Das siebte Kreuz: Buchkritik. In: Untergrund Blättle [online] [cit Zugänglich auf: 39 Siehe unten, Kap Symbole, S.32 30

31 können. Der Genosse Sauer hat aber Angst, dass Paul ein Spitzel von Gestapo sein könnte und tut so, als ob er Georg gar nicht kennen würde. Paul bringt Georg zu seiner Tante Katharina, bei der ein Verwandte von Paul als eine Hilfskraft antreten soll. Paul also stellt Georg als seinen Schwager vor. Paul findet inzwischen eine vertrauenswürdige Person Fiedler, sein Mitarbeiter, den er um Hilfe bittet. Fiedler besorgt einen anderen Vermittler, Doktor Kreß, der im Jahre 1933 sagte: Lieber Fiedler, komm mir nicht mehr mit Sammellisten, komm mir nicht mehr mit verbotenen Zeitungen, für eine Broschüre will ich nicht mein Leben riskieren. Wenn du was hast, was sich lohnt, dann komm wieder. Vor nunmehr drei Stunden hat ihn Fiedler beim Wort genommen. 40 Noch zwei andere Männer spielen hier eine wichtige Rolle. Diese zwei, Reinhardt und Hermann, sollen Georg mit einem Reisepass versorgen. Dann steigt Georg in ein Schiff ein und macht sich auf den Weg in die Freiheit. Das Ende des Romans ist eher offen, weil man nur Georgs Abfahrt betrachten kann, aber was weiter passiert, weiß niemand. Anna Seghers nimmt gleich am Anfang des Buches, beziehungsweise des ersten Kapitels die Zukunft vorweg, das heißt, sie verrät, wie die Geschichte ausfällt. Im Prinzip handelt es sich nur um einen kurzen Text, in dem aber viel ausgesprochen wird. Es könnte sogar um einen Prolog gehen, der Sinn des ganzen Buches und der ganzen Geschichte wird hier nur in ein paar Sätzen zusammengefasst. Das wußten wir damals auch noch nicht. Und selbst wenn wir es gewußt hätten! Was hätte es ausgemacht gegen das Gefühl, das uns übermannte, als die sechs Bäume alle gefällt wurden und dann auch noch der siebte! Ein kleiner Triumph, gewiß, gemessen an unserer Ohnmacht, an unseren Sträflingskleidern. Und doch ein Triumph, der einen die eigene Kraft plötzlich fühlen ließ nach wer weiß wie langer Zeit, jene Kraft, die lang 40 Seghers, Anna: Das siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland. 1. Auflage. Berlin: Aufbau Verlag, 1995, S.368. ISBN: X 31