Die Erschließung vorhandener Wasserkraftpotentiale in Österreich im Spannungsfeld von Energiepolitik und ökologischen Schutzzielen

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1 Die Erschließung vorhandener Wasserkraftpotentiale in Österreich im Spannungsfeld von Energiepolitik und ökologischen Schutzzielen Markus Gilbert Bliem 8. Internationale Energiewirtschaftstagung TU Wien, 14. Februar 2012

2 Gliederung Ausbau- und Konfliktpotential Aufbau und Durchführung der Befragung Allgemeine Ergebnisse Ökonometrische Ergebnisse Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

3 Ausbau- und Konfliktpotential (I) Ausbau der Wasserkraft ist ein zentraler Bestandteil der österreichischen Klimaund Energiestrategie. - Wasserkraftpotentialstudie (PÖYRY Energy, 2008): Technisch-wirtschaftliches Restpotential von rd. 13 TWh unter Berücksichtigung von Schutzgebieten - Masterplan zum Ausbau des Wasserkraftpotentials: bis 2020 weitere 7 TWh - Energiestrategie (2010): bis ,5 TWh (0,7 TWh durch mehr Effizienz) - Ökostromgesetz 2012: Ausbau um GWh im Zeitraum 2010 bis 2015 ZITAT: In Tirol und Vorarlberg gäbe es hohes Potenzial für neue Wasserspeicherkraftwerke, aber es gibt Probleme mit gewissen Umweltschutzbestimmungen. Wenn wir aber eine europäische Energiepolitik verwirklichen wollen und Erneuerbare Energie in großem Stil einführen wollen, dann brauchen wir höchste Priorität auf die Erteilung von Bewilligungen und den Ausbau von Infrastruktur. Günther Oettinger (EU-Energiekommissar) Wiener Zeitung, Printausgabe vom Samstag, 02. Oktober 2010

4 Ausbau- und Konfliktpotential (II)

5 Ausbau- und Konfliktpotential (III) ZITAT: Öffentliches Interesse muss gegenüber legitimen, aber nicht wirklich objektiven lokalen und privaten Interessen Vorrang haben. Günther Oettinger (EU-Energiekommissar) Wiener Zeitung, Printausgabe vom Samstag, 02. Oktober 2010

6 Ausbau- und Konfliktpotential (IV) Forschungsprojekt (www.hydroval.org) - Ausbauziele für Wasserkraft unter Berücksichtigung der positiven und negativen Effekte ökonomisch zu bewerten. Wissenschaftlicher Ansatz: diskrete Entscheidungsmodelle (Choice Experiments). Mit Hilfe eines Choice Experiments (CE) können die Präferenzen für den Ausbau von Wasserkraft monetär bewertet werden und wohlfahrtsökonomische Schlüsse gezogen werden. Diese Informationen ermöglichen einen nachhaltigen Entscheidungsprozess für die Entwicklung der Wasserkraft unter Berücksichtigung vielschichtiger Einflussfaktoren.

7 Gliederung Ausbau- und Konfliktpotential Aufbau und Durchführung der Befragung Allgemeine Ergebnisse Ökonometrische Ergebnisse Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

8 Aufbau und Durchführung der Befragung (I) Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Präferenzen der Bevölkerung für einen Ausbau der Wasserkraft zu untersuchen. Dabei soll insbesondere auf die positiven und negativen Effekte eingegangen werden. Wissenschaftlicher Ansatz: Choice Experiment (CE) Methode. Choice Experiments zählen zu den Stated Preference Verfahren (direkte Bewertungsverfahren). Dabei geben die Personen ihre Präferenzen im Zuge einer Befragung an. Es geht dabei um Entscheidungen ( Choices ). Grundlegende Annahme des CE Ansatzes: jedes Gut kann an Hand seiner Eigenschaften beschrieben werden. D.h. der Nutzen wird nicht durch das Gut selbst, sondern dessen Eigenschaften bestimmt.

9 Aufbau und Durchführung der Befragung (II) So kann auch eine Wasserkraft-Ausbaustrategie durch mehrere Attribute beschrieben werden: z.b. CO 2 -Reduktion, Jobs, Eingriff in die Natur... Diese Attribute haben wiederum verschiedene Ausprägungen. Durch Kombination dieser Ausprägungen werden hypothetische Entscheidungssituationen ( Choice Cards ) generiert Choice Experiment Design. Jede Entscheidungssituation beinhaltet dabei mehrere Alternativen zur Auswahl. Die Befragten werden nun mit einer Reihe solcher Entscheidungssituationen konfrontiert, bei denen sie sich für eine der angeführten Alternativen entscheiden müssen. Annahme: Die Befragten entscheiden rational. D.h. sie vergleichen die Alternativen miteinander und wählen jene, die ihnen den höchsten Nutzen verschafft.

10 Aufbau und Durchführung der Befragung (III) Eine Wasserkraftausbaustrategie kann durch folgende Attribute beschrieben werden: Arbeitsplätze: Durch einen Ausbau der Wasserkraft können zusätzliche regionale Arbeitsplätze geschaffen werden. Levels: 10, 50, 100, 500 Arbeitsplätze. Reduktion der CO 2 -Emissionen: Durch einen Ausbau der Wasserkraft können die CO 2 - Emissionen im Elektrizitätssektor gesenkt werden. Levels: -10%, -20%, -40%, -60%. Eingriff in die Natur und das Landschaftsbild: Der Bau neuer Wasserkraftwerke stellt einen Eingriff in die Natur dar. Levels: starker Eingriff, geringer Eingriff. Entfernung zum Wohnsitz: Um beim Ausbau der Wasserkraft auch die persönliche Betroffenheit zu berücksichtigen, wurde dieses Attribut im CE verwendet. Levels: 2 km, 4 km, 8 km, 20 km. Zusätzliche Stromkosten pro Monat: Die Kosten für den Bau neuer Wasserkraftwerke sollen teilweise von den Stromkunden getragen werden. Levels: 3, 6, 9, 12, 15, 18.

11 Aufbau und Durchführung der Befragung (IV)

12 Aufbau und Durchführung der Befragung (V) Einbettung des Choice Experiments in einen umfassenden Fragebogen zum Thema Erneuerbare Energien/Wasserkraft. Dieser besteht im wesentlichen aus drei Teilen: (1) Allgemeine Fragen zu erneuerbaren Energien - Stromanbieter - Einstellung zum Ausbau erneuerbarer Energiequellen - Bevorzugte Energiequellen für die zukünftige Stromerzeugung -... Zusätzlicher Fragenblock in der Wasserkraftversion: - Einstellung zur Wasserkraftnutzung - Einstellung zum Ausbau der Wasserkraft - Persönliche Erfahrungen mit der Wasserkraft -... Weitere Fragen in Bezug auf das regionale Wasserkraftprojekt: - Entfernung zum Kraftwerksprojekt - Persönliche Betroffenheit -...

13 Aufbau und Durchführung der Befragung (VI) (2) Choice Experiment - Einleitung zum Choice Experiment (Beschreibung der verwendeten Attribute) - 6 Entscheidungsfragen (Choice Cards) - Schwierigkeit des Experiments - Wichtigkeit der Attribute für die Entscheidungsfindung - Gründe für Protestantworten (3) Demografische und sozioökonomische Fragestellungen - Alter und Geschlecht - Bundesland/Wohnort - Haushaltsgröße - Ausbildungsniveau - Berufliche Stellung - Haushaltseinkommen - Höhe der aktuellen Stromrechnung -...

14 Aufbau und Durchführung der Befragung (VII) Die Befragung wurde von einem externen Marktforschungsinstitut durchgeführt, das über einen rund Haushalte umfassenden Probandenpool verfügt. Im Sommer 2011 wurden Personen eingeladen, an der Befragung teilzunehmen (Rücklaufquote ca. 18,5 %, d.h. 892 Beobachtungen).

15 Gliederung Ausbau- und Konfliktpotential Aufbau und Durchführung der Befragung Allgemeine Ergebnisse Ökonometrische Ergebnisse Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

16 Allgemeine Ergebnisse (I) Wichtigkeit des Ausbaus erneuerbarer Energien in Zukunft 90% 80% 77,2% 70% 60% 50% 40% 30% 20% 20,6% 10% 0% 1,8% 0,5% Sehr wichtig Eher wichtig Eher unwichtig Sehr unwichtig N=1.989

17 Allgemeine Ergebnisse (II) Präferierte erneuerbare Energiequellen für einen Ausbau Sonnenstrom 39,5% 29,8% 30,7% Wasserkraft 37,0% 25,5% 37,5% Windkraft 15,0% 36,0% 49,0% Biomasse 8,2% 8,4% 83,3% Sonstiges 0,3% 99,5% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% N=1.989 Rang 1 Rang 2 Nicht gewählt

18 Allgemeine Ergebnisse (III) Die verstärkte Wasserkraftnutzung ist wichtig......für die Deckung der steigenden Stromnachfrage in Österreich 61,0% 34,0% 4,5% 0,6%...für die Reduktion von klimaschädlichen CO2- Emissionen 53,7% 37,6% 7,4% 1,3%...um die Notw endigkeit von Stromimporten zu senken 54,7% 34,8% 9,5% 1,0% Ein Wasserkraftw erk verunstaltet die Landschaft 7,5% 23,0% 46,1% 23,4% Ein Wasserkraftw erk gefährdet die Lebensräume von Tieren und Pflanzen 13,5% 32,8% 40,7% 13,0% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% N=892 Stimme voll zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu Stimme gar nicht zu

19 Allgemeine Ergebnisse (IV) Generelle Einstellung zur Wasserkraftnutzung in Österreich 60% 50% 45,5% 50,2% 40% 30% 20% 10% 0% 3,7% 0,6% Sehr positiv Eher positiv Eher negativ Sehr negativ N=892

20 Allgemeine Ergebnisse (V) Generelle Einstellung zum Bau weiterer Wasserkraftwerke 60% 50% 48,3% 43,8% 40% 30% 20% 10% 0% 7,2% 0,7% Sehr positiv Eher positiv Eher negativ Sehr negativ N=892

21 Gliederung Ausbau- und Konfliktpotential Aufbau und Durchführung der Befragung Allgemeine Ergebnisse Ökonometrische Ergebnisse Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

22 Ökonometrische Ergebnisse (I) Das Statistically Best Fit Modell beinhaltet neben den CE Attributen auch eine Reihe von Interaktionstermen und soziodemografischen Variablen. Das klassische statistische Modell in Verbindung mit einem Choice Experiment ist das multinomiale Logit (MNL) Modell. Dieses Modell beruht jedoch auf einer Reihe von Annahmen. So können in den geschätzten Parametern etwa keine heterogenen Präferenzen berücksichtigt werden.

23 Ökonometrische Ergebnisse (II)

24 Ökonometrische Ergebnisse (III) Fast alle Koeffizienten sind statistisch signifikant und weisen das erwartete Vorzeichen auf. Zunächst kann nur die Signifikanz der geschätzten Parameter und die Richtung des Zusammenhangs interpretiert werden. Positive Konstante (ASC = Alternative Specific Constant) die Befragten tendieren dazu eine der Ausbaustrategien zu wählen, aus Gründen, die nicht im Modell erklärt werden können. Die Attribute Arbeitsplätze und CO 2 -Reduktion weisen positive Vorzeichen auf. D.h. die Befragten präferieren Alternativen, bei denen mehr Arbeitsplätze in der Region geschaffen werden und die CO 2 -Emissionen stärker reduziert werden können. Personen, denen es besonders wichtig ist, dass ihr Strom aus erneuerbaren Energiequellen kommt, achteten bei der Wahl einer Alternative verstärkt auf die CO 2 -Reduktion. Darüber hinaus zeigt sich, dass es die Befragten Personen bevorzugen, wenn geplante Wasserkraftwerke möglichst weit entfernt von Ihrem Wohnsitz errichtet werden. Dieser Zusammenhang spiegelt sich im positiven Vorzeichen des geschätzten Parameters wieder.

25 Ökonometrische Ergebnisse (IV) Das Attribut Natur weist ein negatives Vorzeichen auf. D.h. Alternativen mit einem starken Eingriff in die Natur und das Landschaftsbild werden im Vergleich zu Alternativen mit einem geringen Eingriff weniger präferiert. Befragte, die in der Nähe eines Fließgewässers (max. 10 km Entfernung) wohnen, achteten bei der Wahl einer Alternative verstärkt auf den Eingriff in die Natur. Das negative Vorzeichen des Preisattributs impliziert, dass die Befragten billigere Alternativen vorziehen. Wird die Stromrechnung jedoch nicht vom Befragten selbst bezahlt, schmälert das den negativen Preiseffekt. Darüber hinaus zeigte sich, dass das Alter einen negativen Einfluss hat. D.h. ältere Personen tendieren weniger dazu eine der Wasserkraft-Ausbaustrategien zu wählen. Höher gebildete Personen (mit Universitäts- oder FH-Abschluss) sind eher für einen Ausbau der Wasserkraft. Gleiches gilt für Personen, bei denen es bereits jetzt viele Wasserkraftwerke in der näheren Umgebung gibt. Die Wahrscheinlichkeit ein Ausbauszenario zu wählen ist bei Frauen geringer.

26 Ökonometrische Ergebnisse (V) Marginale Zahlungsbereitschaft

27 Ökonometrische Ergebnisse (VI) Gesamtökonomischer Wert verschiedener Wasserkraftausbauszenarien

28 Gliederung Ausbau- und Konfliktpotential Aufbau und Durchführung der Befragung Allgemeine Ergebnisse Ökonometrische Ergebnisse Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

29 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen Die befragten Personen sind grundsätzlich für einen Ausbau der Wasserkraft. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze als auch die Reduktion von CO 2 -Emissionen wird positiv bewertet (positive Zahlungsbereitschaft). Ein Ausbau der Wasserkraft wird zur Erreichung wichtiger klima- und energiepolitischer Ziele zwar gewünscht, jedoch sollten neue Wasserkraftwerke möglichst weit entfernt vom Wohnsitz errichtet werden. Besonders wichtig ist es den Befragten, dass der Eingriff in die Natur und das Landschaftsbild beim Bau neuer Wasserkraftwerke so gering wie möglich gehalten wird. Werden hier keine zusätzlichen Maßnahmen ergriffen, so führt dies zu einem Wohlfahrtsverlust. Ein Bundesländervergleich zeigte, dass die Präferenzen für einen Ausbau der Wasserkraft in Österreich sehr heterogen sind. Lediglich in Kärnten, Salzburg und der Steiermark sind die Präferenzen gleich.

30 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Kontaktdaten Institut für Höhere Studien Kärnten Dr. Markus Gilbert Bliem Alter Platz 10 A-9020 Klagenfurt Tel: Mail: 30 Verbund

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