Internationale Rechnungslegung was man über IFRS/IAS wissen sollte

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1 1 Internationale Rechnungslegung was man über IFRS/IAS wissen sollte Die Schnelllebigkeit unserer Zeit hat auch vor der kaufmännischen Rechnungslegung nicht Halt gemacht. Angesichts der zunehmenden Globalisierung steigt das Bedürfnis der Unternehmen nach international vergleichbaren Bilanzen und Erfolgsrechnungen, weil die nationalen Rechnungslegungsgrundsätze in den einzelnen Ländern derzeit mehr oder weniger stark voneinander abweichen. Waren noch vor wenigen Jahren die vom in London ansässigen International Accounting Standards Board (IASB) - einer privatrechtlichen Institution, der Vertreter aus über hundert Ländern angehören - herausgegebenen International Accounting Standards (IAS) nur wenigen Experten bekannt, so brachte zumindest das Jahr 2005 einen markanten Wendepunkt in der gesetzlichen Rechnungslegung; denn seit diesem Jahr müssen börsenotierte Unternehmen in der Europäischen Union (EU) ihre Konzernabschlüsse nach diesen internationalen Standards, die seit 2002 unter dem Überbegriff IFRS (International Financial Reporting Standards) zusammengefasst sind, aufstellen und offenlegen. Unternehmen, deren Aktien selbst nicht an der Börse notieren, die aber börsennotierte Anleihen begeben haben, müssen ab 2007 ihren Konzernabschluss auf IFRS umstellen. Ungeachtet dessen sind internationale Abschlüsse, auch Einzelabschlüsse, bereits jetzt Zulassungsvoraussetzung an vielen Wertpapierbörsen. Alle anderen Unternehmen können für ihre Konzernabschlüsse wahlweise entweder die IFRS oder noch die traditionellen Rechnungslegungsvorschriften, wie sie im Handelsgesetzbuch (HGB) niedergeschrieben sind, anwenden. Vielfach erfolgt die Anwendung der IFRS nur aus Imagegründen. Auch außerhalb Europas, so etwa in China, gewinnt die Unternehmensrechnung nach IFRS zunehmend Bedeutung. IFRS versus US-GAAP Für europäische Konzernunternehmen, die bisher nach den US-amerikanischen Regeln (US-GAAP) bilanzierten, wurde die verpflichtende IFRS- Bilanzierung um 2 Jahre, also bis 2007, verschoben. Die beiden Rechnungslegungssysteme sind in einigen Punkten noch unterschiedlich, der Angleichungsprozess schreitet jedoch voran: so haben der US amerikanische Financial Accounting Standards Board (FASB) und der europäische IASB vor wenigen Wochen eine Vereinbarung geschlossen mit dem Zweck, qualitativ hochwertige und für die weltweiten Kapitalmärkte einheitliche, vergleichbare Bilanzstandards zu schaffen. Mittelfristiges Ziel der beiden Standard Setter ist es, bedeutende Unterschiede zwischen IFRS und US-GAAP zu beseitigen und bis 2009 die beiden Standards gegenseitig anzuerkennen. Mittelfristig besteht somit die Hoffnung, dass die IFRS auch von der US-Börsenaufsicht anerkannt und schließlich zum weltweiten Rechnungslegungsstandard werden. IFRS nur für börsenotierte Konzerne? Hinsichtlich der Einzelabschlüsse haben die EU-Mitgliedstaaten das Wahlrecht, die IFRS Anwendung in ihren nationalen Gesetzen vorzusehen. Beispielsweise dürfen derzeit schon Unternehmen in Dänemark, Finnland, Luxemburg, Niederlande, Norwegen und in anderen Ländern Europas ihre Einzelabschlüsse (optional) nach den IFRS aufstellen. In Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweden, Spanien beispielsweise sind die Einzelabschlüsse jedoch zwingend nach den nationalen Regeln vorzulegen. Die IFRS gelten immer noch als zu komplex, um sie generell für Klein- und Mittelbetriebe einzuführen. Für solche Untenehmen soll seitens der EU eine abgespeckte Version (IFRS-SME IFRS for Small and Medium Sized Entities) verlautbart werden. Mit dem Abschluss dieses Projektes (voraussichtlich in 2008) soll für die EU-Mitgliedstaaten die

2 2 generelle Anwendung der IFRS für Einzelabschlüsse attraktiver werden. Damit wären gravierende Folgen für die am Einzelabschluss orientierte Gewinnausschüttung und die Überschuldungsbemessung verbunden. Letztlich wird sich über kurz oder lang jedes europäische Unternehmen mit internationalen Rechnungslegungsvorschriften befassen müssen. Inwieweit die IFRS einmal für die Gewinnbesteuerung maßgeblich sein werden, ist derzeit allerdings noch nicht absehbar. In dieser Hinsicht sind die nationalen Widerstände innerhalb der EU noch zu groß. Aus welchen Teilen besteht ein IFRS-konformer Abschluss? Zwingende Bestandteile eines internationalen Einzel- bzw Konzerabschlusses sind: Gewinn- und Verlustrechnung, kontoförmig oder staffelförmig dargestellt Bilanz, mit zwingender Aufteilung aller Vermögenswerte und Schulden in kurzund langfristige Posten (in der Regel 12-Monatsfrist) Eigenmittelveränderungsrechnung: zeigt die Veränderung des Eigenkapitals zwischen zwei aufeinanderfolgenden Abschlussstichtagen aufgrund von Kapitaleinzahlungen, Kapitalrückzahlungen, Gewinnausschüttungen, Jahresgewinn, nicht über die Erfolgsrechung gebuchte Wertänderungen von Aktiven und/oder Passiven etc Geldflussrechnung:Zeigt Geldeinzahlungen und auszahlungen in der Abrechnungsperiode und damit die Veränderung liquider Mittel gegenüber dem Vorjahr, während die Gewinn- und Verlustrechung auch die nicht zahlungswirksamen Erträge und Aufwendungen darstellt. Notes (Anhang): Sie enthalten sehr detaillierte Ergänzungen und Erläuterungen zur Bilanz bzw Gewinn- und Verlustrechnung sowie zur Geldflussrechnung. Der internationale Anhang zum Jahres- bzw Konzernabschluss ist deutlich umfangreicher als es die nationalen Rechnungslegungsvorschriften des Handelsrechts erfordern. Für österreichische Konzerne zwingend: Ein Lagebericht des Managements über das abgelaufene Geschäftsjahr. Wesentliche Merkmale der IFRS Bilanzierung im Unterschied zum geltenden Handelsrecht. Die internationalen Regelungen ergeben sich aus dem sogenannten Rahmenkonzept der IFRS Grundsätze (Framework), weiters aus insgesamt 36 einzelfallbezogenen IAS/IFRS und aus 12 zusätzlichen Interpretationen (sog IFRICs, SICs). Die vollständigen Texte sind im Fachbuchhandel erhältlich. Ihre Anwendung in der Praxis ist sehr komplex und erfordert unbedingt den Expertenrat eines Wirtschaftsprüfers oder Steuerberaters. Schwerpunkt der IFRS ist eindeutig die Informationsfunktion für die Bilanzadressaten und demnach die Darstellung der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage des Unternehmens durch Abbildung realistischer Wertverhältnisse in der Bilanz, d.h. keine Unterbewertungen beim Vermögen, keine Darstellung überhöhter Schulden, somit die weitgehende Vermeidung sogenannter stiller Reserven bei Aktiven und Passiven. Damit soll eines vermieden werden: in guten Jahren Reserven für allfällige künftige schlechtere Jahre zu legen, um dann solche Reserven im Bedarfsfall ergebnisverbessernd zu realisieren und damit auch in schlechten Jahren noch buchmäßig Erfolge zu zeigen, obwohl diese in Wahrheit nicht mehr vorhanden sind. Zu den materiell wesentlichen Unterschieden der IFRS gegenüber der traditionellen Rechnungslegung:

3 3 Wesentliche Unterschiede zwischen IFRS- und HGB-Bilanzierung IRFS Handelsrecht - Eigene Entwicklungskosten Aktivierungspflicht von Entwicklungskosten für neue Produkte, Verfahren, Dienstleistungen vor Aufnahme der Produktion, sofern technisch realisierbar und am Markt verwertbar - Aufwendungen für Betriebsingangsetzung und erweiterung Aktivierungswahlrecht - Zugekaufte Firmenwerte Aktivierungspflicht, keine Aktivierungswahlrecht, planmäßigen Abschreibungen, planmäßige jährliche Abwertung nur bei Abschreibung tatsächlicher Wert minderung - Sachanlagen Abschreibung auf realistische Nutzungsdauer, Aufwertungspflicht bei späterem Wegfall früherer außerplanmäßiger Abschreibungsgründe Neubewertung zum Zeitwert ( Fair Value zulässig)- > Verbuchung erfolgsneutral gegen Rücklagen - Leasinggüter häufig Bilanzierung als langfristiger Ratenkauf: Aktivierung im Anlagevermögen, Passivierung der Leasingschuld, Verrechnung von Abschreibungen und Zinsen über Aufwand - Vorräte Abwertung nur bei geminderter Verwertbarkeit am Absatzmarkt Kürzere (steuerlich gerade noch zulässige) Nutzungsdauer, in der Regel keine Aufwertungspflicht (wegen Steuerwirkung) Bewertung zu historischen Anschaffungskosten minus Abschreibungen Laufende Aufwandsverbuchung der gezahlten Leasingraten Abwertung auch bei gesunkenem Wiederbeschaffungspreis oder hohem Lagerbestandsrisiko - Auftragsgefertigte Bestände Teilumsatz und - gewinnverwirklichung bereits vor Verkauf ( Percent of completion Methode) Umsatz- und Gewinnverwirklichung erst bei Übergabe an Abnehmer ( Completed contract - Methode) - Finanzinstrumente, wie zb Wertpapiere, Bankguthaben, Häufig Fair Value Bewertung zum Marktpreis Historische Anschaffungskosten als

4 4 Forderungen, Verbindlichkeiten etc am Stichtag absolute Wertobergrenze - Personalrückstellungen: Abfertigungen, Jubiläumsgelder, Pensionen Versicherungsmathematische Bewertung mit künftig erwarteter Bezugsentwicklung Vereinfachte finanzmathematische Bewertung auf Basis aktueller Bezüge für Abfertigungen und Jubiläumsgelder - Sonstige Rückstellungen Bilanzierung nur bei rechtlicher oder faktischer Verpflichtung, mehr als 50 %iger Eintrittswahrscheinlichkeit und zuverlässiger Wertermittlung Bilanzierung bereits bei drohendem Risiko, Bewertung gemäß kaufmännischer Vorsicht - Rückstellungen für eigene Aufwendungen - Künftige Steuerersparnisse aus bestehenden Verlustvorträgen Nicht zulässig, wie zb unterlassene Reparaturen, Kosten für Bilanzerstellung Aktivierungspflicht Aufwandsrückstellungen zulässig Was ist bei erstmaliger Erstellung eines IFRS konformen Abschlusses zu beachten? Grundsätzlich ist so vorzugehen, als hätte man auch in der Vergangenheit schon gemäß IFRS bilanziert. Dabei sind auch die zwingend anzugebenden Vergleichszahlen für das Vorjahr bereits IFRS-konform darzustellen. Um die Sache nicht allzu schwierig zu gestalten, sehen die IFRS gewisse Vereinfachungen bei erst maliger Anwendung vor. Ein Unternehmen, das beispielsweise zum 31. Dezember 2006 erst malig einen IFRS Abschluss aufstellen möchte, muss die bisherigen handelsrechtlichen Abschlüsse der beiden Vorjahre IFRS-konform umrechnen: Die Sache ist also nicht ganz einfach und im Umstellungsjahr sehr aufwendig, vor allem bei komplexen Konzernen mit vielen ausländischen Tochtergesellschaften. Ganz allgemein kann gesagt werden, dass eine IFRS-konforme Rechnungslegung nicht nur im Umstellungsjahr, sondern auch in den Folgejahren höher qualifizierte Mitarbeiter und in der Regel die Beiziehung externer Spezialisten (Wirtschaftsprüfer, Steuerberater) erfordert.

5 5 Lohnt sich der Aufwand, welche Vorteile bringt die Umstellung für das Unternehmen? In der Regel ergibt sich ein höheres Eigenkapital in der Bilanz. Nach deutschen Studien beträgt der Unterschied zum Handelsrecht durchschnittlich rd 35 %. Verbesserung der Ertragslage bei erworbenen Firmenwerten, weil dafür keine laufende Abschreibung vorzunehmen ist. Die Kapitalbeschaffung wird erleichtert: o IFRS Abschlüsse sind eine gute Ausgangsbasis für spätere Börsegänge. o Sie erleichtern die Inanspruchnahme des internationalen Fremdkapitalmarktes. o Es ergibt sich meist ein besseres Kreditrating im Zusammenhang mit der Bonitätsbeurteilung gem Basel II. Die Vereinheitlichung eines grenzüberschreitenden Berichtswesens bei Konzernen mit vielen Tochtergesellschaften wird einfacher. Durch umfangreiche Erläuterungen zum Jahresabschluss in den sogenannten Notes steigt die Transparenz für die Anteilseigner und die sonstigen externen Bilanzadressaten. Es zeigt sich ein verbessertes Standing bei Teilnahme an internationalen Ausschreibungen und Bewerbungen. Das allgemeine Unternehmensimage kann verbessert werden. Nachteile einer IFRS Rechnungslegung So überzeugend die Vorteile auch sein mögen, alles hat seinen Preis: Die IFRS sind hochkomplex und haben eine starke Änderungsdynamik. Ihre Anwendung erfordert qualifizierte Mitarbeiter und verursacht damit höhere Kosten. Letztlich empfinden manche Unternehmer den hohen Informationsgehalt eines IFRS-Abschlusses als nachteilig und würden lieber mehr verbergen, als offen zu legen.

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