Quantität! Rechtsanspruch Personal im Umbruch pädagogische Qualität

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1 Kleine Kinder großer Anspruch! Qualität in den ersten drei Lebensjahren Dr. Monika Wertfein Staatsinstitut für Frühpädagogik München 4. Netzwerktagung Berlin Aktueller Bezug Ausbau der Kindertagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren (Quantität!) Rechtsanspruch ab August 2013 für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr auf einen Betreuungsplatz Personal im Umbruch: Fachkräftemangel, knappe Personalressourcen, Quereinsteiger, neue Studiengänge, hohe Fluktuation steigende Ansprüche an Kindertagesbetreuung, die Qualifizierung der Fachkräfte und die pädagogische Qualität (!) 4. Netzwerktagung Berlin

2 Hintergrund und Fragestellung Projektinitiative der Stadt München (Sozialreferat, Abteilung Kindertagesbetreuung) Fortsetzungsstudie (erste IFP-Krippenstudie 2007, schriftliche Befragung in 36 Kinderkrippen in München) Ziel: Erfassung pädagogischer Qualität in Kinderkrippen(gruppen) Bestandsaufnahme (nach Trägerschaften) Prädiktoren der Prozessqualität: Bedeutung unterschiedlicher Qualitätsaspekte, insbesondere Strukturqualität und Teamqualität Besonderheit: fachliches Feedback an die pädagogischen Fachkräfte ein Jahr nach Erhebung 4. Netzwerktagung Berlin Zweite IFP-Krippenstudie Repräsentative Querschnitt-Studie in 81 Einrichtungen (davon 54 Kinderkrippen und 27 altersgemischte Einrichtungen mit Krippengruppen in München-Stadt) Feldphase: Oktober 2009 bis Februar 2010 Methodische Umsetzung: Fragebogen-Befragung der pädagogischen Fachkräfte (n=107) und Leitungen (n=77) (davon n=19 Fachkräfte mit Leitungsfunktion) Nicht-teilnehmende Beobachtung des Kita-Alltags (Krippenskala KRIPS-R, Tietze et al., 2007) (n=113 Krippengruppen) Individuelle Rückmeldungen an 90 pädagogische Fachkräfte (bis Juni 2011) 4. Netzwerktagung Berlin

3 Beobachtungsinstrument: Krippen-Skala (KRIPS-R) (Tietze, Bolz, Grenner, Schlecht & Wellner, 2007) Instrument zur Einschätzung und Unterstützung der pädagogischen Qualität in Einrichtungen für Kinder unter drei Jahren für den deutschen Sprachraum breite Anwendung im nationalen und internationalen Forschungsbereich Deutsche Adaption der ITERS-R (Harms, Cryer & Clifford, 2003) 4. Netzwerktagung Berlin KRIPS-R: Kriterien für pädagogische Qualität Zusammenspiel verschiedener Qualitätsaspekte Ausstattung und Angebote (z.b. Materialien, Räume, Mahlzeiten) Praktischer Umgang mit Ausstattung und Rahmenbedingungen (z.b. Beaufsichtigung, Tagesstruktur, Hygiene, Sicherheit) Miteinander zwischen Kindern, Eltern und Fachkräften Organisations-, Konzeptions- und Teamentwicklung =>Maßstab für päd. Qualität ist die Sichtweise und das stellvertretend wahrgenommene Interesse des Kindes an guter Bildung, Betreuung und Erziehung (Tietze et al., 2007, S. 6) Leitfragen: Inwiefern werden die individuellen Bedürfnisse der Kinder angemessen berücksichtigt? Altersangemessenheit? Inwiefern können die Kinder ihre Aktivitäten selbst bestimmen (z.b. Verfügbarkeit vs. Zugänglichkeit von Materialien)? 4. Netzwerktagung Berlin

4 Qualität in Kindertageseinrichtungen Input Output Outcome Kindertagesbetreuung Orientierungs -qualität z.b. Auffassungen über Bildung und Erziehung Strukturqualität z.b. Gruppengröße, Verfügungszeit Teamqualität z.b. Kooperation im Team Prozessqualität Bildung, Erziehung Elternabstimmung, Vernetzung mit anderen Stellen Kindlicher Entwicklungsstand Bewältigung von Entwicklungsaufgaben Sozio-emotionale, sprachliche, kognitive Entwicklung Kontext Kontext Abbildung in Anlehnung an Zwölften Kinder- und Jugendbericht, S. 649; Becker-Stoll, Netzwerktagung Berlin Prozessqualität: KRIPS-R Gesamtwerte nach Skalenstufen minimal: akzeptable Betreuung, Aspekte minimal ausgeprägt, Ansätze erkennbar unzureichend: Aspekte sind nicht vorhanden oder unzureichend gestaltet gut: Kinder können mit Unterstützung der Erz. grundlegende entw.angemessene Entwicklungen machen ausgezeichnet: optimale entwicklungsbezogene Betreuung 4. Netzwerktagung Berlin

5 Pädagogische Qualität in Kinderkrippen im europäischen Vergleich Wo? Studie Skala N M SD D-München 2009/10 (Wertfein, Müller & Kofler, 2012) KRIPS-R 81 D-München 2005/ 2006 (Heimlich & Behr, 2008) KRIPS-R 4 Integrative Kinderkrippen D-Brandenburg 2009 (Gralla-Hoffmann, Antunes, Stoewer, KRIPS-R ) D-Münster 2010 (Gralla-Hoffmann & Antunes, 2010) KRIPS-R 2 3, ,4.1 3, ,94.37 Niederlande Ländervergleich (Gevers Deynoot-Schaub & Riksen- Walraven, 2005) ITERS ,8 4, Griechenland (Petrogiannis & Melhuish, 1996) ITERS 25 3,5.7 England (Leach et al., 2008) ITERS ,65 3, Portugal/ Porto (Pessanha et al., 2007) ITERS 30 2,60.45 Portugal/ Porto 2004/2005 (Barros & Aguir, 2010) ITERS-R 160 2, Netzwerktagung Berlin Prozessqualität: Bereichswerte nach Zonen 4. Netzwerktagung Berlin

6 Prozessqualität: Betreuung und Pflege der Kinder Mindeststandard nicht gegeben Einzelmerkmale: Begrüßung/ Verabschiedung Mahlzeiten/ Zwischenmahlzeiten Ruhe-/ Schlafzeiten Wickeln/ Toilette Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge Sicherheit 4. Netzwerktagung Berlin KRIPS-Subskala 7: Mahlzeiten/ Zwischenmahlzeiten Folgende Kriterien gehen als Mindeststandard in die Bewertung ein: Essenszeiten (alle 3 Stunden, Säuglingen häufiger) und aktives Anbieten von Getränken Ernährungswert der Mahlzeiten nach den Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (Speiseplan, längeres Warmhalten von Speisen <1 Stunde) grundlegende hygienische Bedingungen (z.b. Händewaschen von Kindern und Fachkraft mit warmem Wasser und Seife vor dem Essen, eigenes Handtuch oder Papierhandtuch) Füttermethoden (Ausschluss von z.b. Lätzchenfixierung, Essenszwang) aktive Rücksichtnahme auf Lebensmittelallergien oder Unverträglichkeiten (Information, Umsetzung) 4. Netzwerktagung Berlin

7 Zwischenfazit: Pädagogische Qualität ist Alltagsqualität! Essenssituationen haben eine große Bedeutung für das Wohlbefinden von Kindern (Roberts, 2011) =>entscheidend: entspannte Atmosphäre! Essenssituationen sind wichtig für das Erleben sozialer Zugehörigkeit =>entscheidend: Interaktionen zwischen den Kindern und mit der Erzieherin! Essenssituationen sind Lerngelegenheiten und damit Bildungssituationen =>entscheidend: Partizipation aller Kinder! =>Weiterbildung: Bedeutsamkeit von Alltagssituationen (Essen, Händewaschen, Wickeln/ Toilette, Umziehen, Schlafen usw.) 4. Netzwerktagung Berlin Strukturqualität: Personelle Ressourcen - Kleinteam =>in 71,8% der Krippengruppen besteht das Kleinteam aus 2 oder 3 pädagogischen Fachbzw. Zweitkräften 4. Netzwerktagung Berlin

8 Inklusive Herausforderung in Kinderkrippen: Kinder mit erhöhtem Betreuungsaufwand In 55 (72.4%) von 76 Einrichtungen werden Kinder unter einem Jahr betreut. In 48 (64.0%) von 75 Einrichtungen werden Kinder unter drei Jahren mit Migrationshintergrund betreut. In 32 (43.2%) von 74 Einrichtungen werden Kinder unter drei Jahren mit Anspruch auf Hilfen zur Erziehung betreut. Nicht erhoben wurde die genaue Anzahl der Kinder mit drohender Behinderung und Entwicklungsauffälligkeiten (ohne Diagnose). => Zusätzliche strukturelle Anpassungen an erhöhten Betreuungsaufwand (z.b. mehr Mitarbeiter, mehr Arbeitszeit, weniger Kinder): Im Großteil der Einrichtungen werden keine strukturellen Anpassungen zur Unterstützung der Teams vorgenommen. 4. Netzwerktagung Berlin Kinder unter einem Jahr in Kinderkrippen In 55 (72.4%) von 76 Einrichtungen werden Kinder unter einem Jahr betreut. Die durchschnittliche Anzahl an Kindern unter einem Jahr pro Einrichtung (N=53) liegt im Mittel bei drei Kindern (M = 3.47; SD = 2.67), mit einer Spannbreite von einem bis zu zwölf Kindern unter einem Jahr. Durchschnittlich besucht ein Kind unter einem Jahr eine Münchner Betreuungseinrichtung* für 27 Stunden pro Woche (M = 26.69; SD = 11.43). *Die Ergebnisse gelten für alle Einrichtungen (N=33), die Kinder unter einem Jahr aufnehmen und dazu auch Angaben machten, wie viele Kinder wie lange in der Einrichtung sind. 4. Netzwerktagung Berlin

9 Strukturqualität: Personelle Ressourcen - Fluktuation (N=72) 4. Netzwerktagung Berlin Strukturqualität: Zeitliche Ressourcen Verfügungszeit (päd. Fachkräfte) Aus Sicht der befragten pädagogischen Fachkräfte (N=106) bestehen deutliche Unterschiede zwischen vertraglicher Verfügungszeit/ Vollzeit: 3 Stunden tatsächlicher Verfügungszeit/ Vollzeit: 2 Stunden benötigter Verfügungszeit/ Vollzeit: 4 Stunden Zum Vergleich die Ergebnisse aus der ersten IFP- Krippenstudie (2007): empfohlene Verfügungszeit/ Vollzeit: tatsächliche Verfügungszeit/ Vollzeit: benötigte Verfügungszeit/ Vollzeit: 5 Stunden 2 Stunden 7 Stunden 4. Netzwerktagung Berlin

10 Ergebnisse zu zeitlichen Ressourcen 75,2% der 105 befragten Fachkräfte berichtet, dass die Verfügungszeit für anfallende Aufgaben wenig oder nicht ausreicht. Fehlende Verfügungszeit geht oft zu Lasten der Freizeit und damit zu Lasten der Ressourcen bzw. Belastbarkeit der Fachkräfte. Fehlende Verfügungszeit geht oft zu Lasten der pädagogischen Arbeit, u.a. Kernzeit und Interaktionen (!) mit den Kindern, Beobachtung/ Dokumentation, Planung päd. Angebote, Teamgespräche (!) 4. Netzwerktagung Berlin Ergebnisse zur Teamqualität Zusammenarbeit im Team hat für die Fachkräfte den höchsten Stellenwert unter den Rahmenbedingungen (Müller, 2011) Teamqualität in den untersuchten 104 Krippengruppen liegt im Bereich guter Qualität. (M=5,04; SD=.99) Signifikanter Zusammenhang zwischen den KRIPS-Maßen Teamqualität (Kooperation und Kontinuität im Team, Fachliche Unterstützung, α 4 =.59) und der pädagogischen Qualität (α 35 =.86) (rho=.48, p<.01, N=104) Teamqualität (TQ_KRIPS) ist Prädiktor für die pädagogische Qualität (PQ_KRIPS) und erklärt 26% der Gesamtvarianz (β=.51, p<.01). =>Investitionen in die Teamqualität tragen zur pädagogischen Qualität bei! 4. Netzwerktagung Berlin

11 Fazit: Anspruch und Wirklichkeit in Kinderkrippen Soziale Bedürfnisse der Kinder: Je jünger die Kinder, desto mehr (körperliche und emotionale) Zuwendung und verlässliche Zweierbeziehungen brauchen sie. =>Anspruch: Beziehungskontinuität vs. Wirklichkeit: Fluktuation =>Weiterbildung: Kinder im ersten Lebensjahr, Pädagogik der Vielfalt Soziale Bedürfnisse der Fachkräfte: Ein gutes Teamklima erhöht die emotionale Belastbarkeit der Fachkräfte und ihre Unterstützung bei Übergängen (Wertfein, Kofler & Becker-Stoll, 2009). Die Teamqualität bzw. die sozialen Ressourcen der Fachkräfte sind Voraussetzungen für gute pädagogische Qualität. =>Anspruch: Teamentwicklung vs. Wirklichkeit: fehlende Verfügungszeit =>Weiterbildung: Teamprozesse, Selbstfürsorge, Leitungskompetenzen 4. Netzwerktagung Berlin Literatur Wertfein, M., Spies-Kofler, A. & Becker-Stoll, F. (2009). Quality curriculum for under-threes: the impact of structural standards. Early Years, 29 (1), Wertfein, M. & Kofler, A. (2011). Kleine Kinder - großer Anspruch! Zweite IFP- Krippenstudie zur Qualitätssicherung in Tageseinrichtungen für Kinder unter drei Jahren. Erster Ergebnisbericht. München: Staatsinstitut für Frühpädagogik. Müller, K. (2011). Teamqualität in Kinderkrippen und ihre Bedeutung für die Interaktionsprozesse. Unveröffentlichte Diplomarbeit: Universität Augsburg. Wertfein, M., Müller, K. & Kofler, A. (2012). Kleine Kinder - großer Anspruch! Zweite IFP-Krippenstudie zur Qualitätssicherung in Kinderkrippengruppen. Projektbericht. München: Staatsinstitut für Frühpädagogik. Download unter: Wertfein, M. & Müller, K. (eingereicht). Die Bedeutung der Struktur- und Teamqualität für die pädagogische Qualität in Kinderkrippen. Frühe Bildung. 4. Netzwerktagung Berlin

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