Theorien und Modelle I WS 2006/07 Prinzipien- und Parametermodell 1

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1 Theorien und Modelle I WS 2006/07 Prinzipien- und Parametermodell 1 Prinzipien- und Parametermodell Für die Generative Grammatik findet sich oft die Bezeichnung Prinzipien- und Parametermodell. Die Bezeichnung ist auf die Annahme der Generativen Grammatik zurückzuführen, dass die Universale Grammatik (UG) aus allgemeinen, für alle natürlichen Sprachen geltenden Prinzipien und aus sprachspezifischen Parametern besteht. Die Aufgabe des spracherwerbenden Kindes besteht zunächst darin, anhand der Inputdaten die von der UG vorgegebenen Parameter zu fixieren. Die Universalgrammatik (UG) Die UG ist die Charakterisierung eines spezifischen Systems mentaler Strukturen, das die Voraussetzung für den Spracherwerb bildet. Die UG ist ein Erwerbsmechanismus, der Prinzipien enthält, die die gemeinsamen Struktureigenschaften aller natürlichen Sprachen spezifizieren. Dieser Erwerbsmechanismus ermöglicht dem Kind, stets die richtige Generalisierung zu wählen und somit die grammatischen Gesetzmäßigkeiten seiner Muttersprache erfolgreich zu erwerben. Wie ist Spracherwerb möglich? Spracherwerb kann nur erfolgreich sein, wenn wir annehmen, dass das Kind bei der Suche nach den seiner Muttersprache zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten von bestimmten Prinzipien (UG) geleitet ist. Die Prinzipien der UG werden nicht im Spracherwerb erlernt, sondern sie sind die Voraussetzung dafür. Spracherwerb ist als Interaktion von UG-Prinzipien und sprachlichem Input anzusehen.

2 Theorien und Modelle I WS 2006/07 Prinzipien- und Parametermodell 2 UG: Prinzipien und Parameter Die UG enthält Prinzipien und Parameter: Die Prinzipien sind für alle Sprachen gültig. Die Parameter sind hingegen sprachspezifisch. Parameter bilden eine begrenzte Zahl von Optionen eines Prinzips, unter denen Sprachen wählen können. Parameter haben die Form von einfachen binären Optionen ( + oder - ). Beispiele für UG-Prinzipien und Parameter UG-Prinzip: Wörter können durch Wörter ergänzt werden: Das Substantiv Himmel kann durch das Adjektiv blau ergänzt werden: der blaue Himmel Das Verb laufen kann durch das Adjektiv schnell ergänzt werden: schnell laufen Parameter (Position der Ergänzung): Substantive werden links durch ein Adjektiv ergänzt: dt.: der blaue Himmel Substantive werden rechts durch ein Adjektiv ergänzt: frz.: le ciel bleu Spracherwerb als Fixierung von Parametern Die Aufgabe des Kindes im Spracherwerb ist, den Wert des jeweiligen Parameters anhand des Erfahrungsangebots zu fixieren, d.h. es muss entscheiden, ob ein Parameter in der Zielsprache den Wert + oder - hat. Beispiel eines zu fixierenden Parameters: pro-drop-parameter: Italienisch [+pro-drop] vs. Deutsch [-pro-drop] Maria parla francese parla francese Maria spricht Französisch *spricht Französisch Sie spricht Französisch Durch die Annahme von Parametern wird einsichtig, dass Sprachkenntnis angeboren sein kann, ohne dass dies die Verschiedenartigkeit der Sprachen ausschließt.

3 Theorien und Modelle I WS 2006/07 Prinzipien- und Parametermodell 3 Konkretisierung der UG Wie sehen die UG-Prinzipien konkret aus? Dies ist eine rein empirische Frage, auf die die Generative Grammatiktheorie in ihren verschiedenen Entwicklungsstadien verschiedene Antworten hatte Da mentale Phänomene unserer Beobachtung nicht direkt zugänglich sind, muss sich die Generative Grammatiktheorie bei der Konkretisierung der UG-Prinzipien empirisch relevanter Daten bedienen (z.b. Spracherwerbsdaten, Aphasiedaten). Rektions- und Bindungstheorie (Governement-Binding-Theory = GB) Die Rektions- und Bindungstheorie stellt eine Zwischenstufe der Entwicklung der Generativen Grammatiktheorie dar (80er Jahre). In dieser Entwicklungsphase wurden die UG-Prinzipien auf generelle Schemata reduziert: Projiziere die Merkmale des Kopfes (X-bar-Theorie). Bewege eine Konstituente. Das Grammatikmodell der Rektions- und Bindungstheorie Ähnlich wie im Standard-Modell der Generativen Grammatik besteht das Grammatikmodell der Rektions- und Bindungstheorie aus einer syntaktischen Komponente, die aus den folgenden Subkomponenten besteht: Basis: Lexikon + X-bar-Theorie eine Tiefenstruktur (D(eep)-structure) eine Transformationskomponente (move α) eine Oberflächenstruktur (S(urface)-structure) und aus zwei interpretativen Repräsentationsebenen: Phonetische Form (PF) Logische Form (LF)

4 Theorien und Modelle I WS 2006/07 Prinzipien- und Parametermodell 4 Subtheorien der Rektions- und Bindungstheorie Neben den allgemeinen Komponenten enthält die Rektions- und Bindungstheorie eine kleine Anzahl von grammatischen Prinzipien (Subtheorien), denen grammatischen Prozesse (vor allem Bewegungen) unterworfen sind. Diese grammatischen Prinzipien (Subtheorien) fungieren u.a. als Beschränkungen für Bewegungsoperationen und verhindern ungrammatische Konstruktionen: Rektionstheorie Theta-Theorie Kasustheorie Bindungstheorie

5 Theorien und Modelle I WS 2006/07 Prinzipien- und Parametermodell 5 Zur Motivation der Tiefenstruktur (D-Struktur) (Stechow / Sternefeld 1988:59ff.) scheinen-konstruktionen: (1) Max scheint, zu gewinnen (S-Struktur) (1') e scheint, Max zu gewinnen (D-Struktur) Warum steht Max tiefenstrukturell, d.h. auf der D-Struktur, in der Subjektposition des eingebetteten Satzes und nicht in der Subjektposition des Matrixsatzes? Semantische (thematische) Rollen werden syntaktischen Positionen zugewiesen. Während Komplementpositionen immer eine semantische (thematische) Rolle zugewiesen bekommen, erhalten Subjektpositionen nicht immer eine semantische (thematische) Rolle. Ob eine Subjektposition eine semantische (thematische) Rolle zugewiesen bekommt, hängt von der lexikalischen Eigenschaften des Verbs ab. Witterungsverben wie regnen, schneien... aber auch Anhebungsverben wie scheinen weisen ihrer Subjektposition keine semantische (thematische) Rolle zu.

6 Theorien und Modelle I WS 2006/07 Prinzipien- und Parametermodell 6

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