Sanierung mit Konzept Hotel Daniel in Graz. von A 2 HOTELCONCEPT und STUDIO AISSLINGER. Fusion Architecture über den Umgang mit dem Bestand

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1 Bauen im Bestand puls MAGAZIN FÜR BEWEGUNG IN DER ARCHITEKTUR Sanierung mit Konzept Hotel Daniel in Graz von A 2 HOTELCONCEPT und STUDIO AISSLINGER Fusion Architecture über den Umgang mit dem Bestand Elektroinstallation in der Altbausanierung Konzertsaal in Köthen von Busmann + Haberer Alt und Neu im Dialog zu Besuch bei Anderhalten Architekten

2 » Editorial Stefan Forster Architekten Stefan Forster hat sich der Aufgabe Wohnungsbau verschrieben. Zahlreiche Preise erhielt er für den Umbau von Plattenbausiedlungen. Zur Sache: Bauen im Bestand puls im Gespräch mit Stefan Forster von Stefan Forster Architekten War der Umbau früher doch eher ein Stiefkind der Architektur, so hat sich die aktuelle Wahrnehmung verändert. Woran liegt das? Der Grund hierfür liegt darin, dass es mittlerweile einen gewaltigen Sanierungsstau bei gleichzeitigem Nachlassen der Neubauaktivitäten gibt. Durch die gewaltige Anstrengung des Umbaus Ost, der nun fast abgeschlossen ist, wurden in den letzten 15 Jahren in Westdeutschland kaum mehr Investitionen in die Instandsetzung getätigt. Dies gilt es nun aufzuholen. In welcher Gebäudekategorie sehen Sie das größte zukünftige Potenzial für Sanierungen? Das wohl wichtigste Gebiet ist mit Sicherheit der Wohnungsbau. Hier geht es vor allem bei weiter ansteigenden Energiekosten um die energetische Sanierung und Aufrüstung der Gebäude. Falls dies nicht mittelfristig geschieht, sind viele Gebäude wegen zu hoher Nebenkosten perspektivisch nicht mehr vermietbar. 02 Ihr Büro ist seit über zehn Jahren auf Wohnungsbau spezialisiert was reizt Sie an Sanierungsprojekten besonders? Zunächst ist der Umbau in puntco Entwurfsgestaltung einfacher. Während man beim Neubau das kreative Problem des weißen Papiers hat, findet man beim Umbau schon etwas vor, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Welche Spezialkenntnisse benötigt man für die Sanierung von Wohnungsprojekten? Ich glaube nicht, dass man für Sanierungen über besondere Spezialkenntnisse verfügen muss. Es geht eher darum, die Logik des Vorgefunden zu begreifen und die architektonische Intervention mit dem System des Bestandes in Einklang zu bringen. Das heißt, nicht gegen das Gebäude, sondern mit dem Gebäude zu arbeiten. Am Ende steht immer die Frage der Kosten-Nutzen-Relation als abschließendes Kriterium über die Realisierung des Projektes. Worauf legen Sie bei Ihren Projekten besonderen Wert? Das Ergebnis der Sanierung muss immer eine Wohnung sein, die auf dem freien Markt konkurrenzfähig ist. Sie muss so neutral sein, dass sie möglichst viele potenzielle Mieter anspricht und den Anforderungen an das Wohnen in der heutigen Zeit gerecht wird. Hier formuliert sich ein gewisser Ewigkeitsanspruch": Die von uns geschaffene Architektur sollte mehrere Jahrzehnte überdauern und auch dann weiterhin transformierbar sein. Vorbild ist für uns der Altbau der Gründerzeit, der über 100 Jahre alt immer wieder umgebaut und saniert wird. Der Altbau ist, im Gegensatz zu vielem, was uns heute dafür verkauft wird, wirklich nachhaltig. (Früher hieß dies dauerhaft oder beständig). Welches prominente Gebäude würden Sie gerne einmal sanieren? Die Heimatsiedlung von Ernst Mey in Frankfurt. puls

3 In der Transformation des Seriellen liegt etwas bizarr Eigenwilliges > S. 04 Bach-Konzert im Reitsaal > S. 14 Çiragan Palace glanzvoller Sultanspalast zwischen Orient und Okzident > S. 20 Hotel mit Lifestyle-Faktor > S. 24 Alte Gebäude neue Konzepte > S. 28 Ich bin im Laufe der Jahre respektlos geworden > S Macro 28 Visionen Fusion Architecture über den Umgang mit Alte Gebäude neue Konzepte dem Bestand. Von Johann Jessen und 32 Zu Besuch Jochem Schneider Interview mit Anderhalten Architekten 10 Micro spannungsvoller Dialog zwischen Alt und Neu Elektroinstallation in der Altbausanierung 36 Workshop Von Dietmar Half Haus-Technik-Zukunft : Die Wandlung des 14 Praxis I Lichtschalters zum Steuerelement der Zukunft Konzertsaal in Köthen eine ehemalige Reit- 38 Material halle wandelt sich zur Kulturstätte Eike Becker über das Material Glas 20 Praxis II 40 Einblicke Ciragan Palace Istanbul das Märchenschloss News und Produktneuheiten aus dem Hause am Bosporus vereint Gegenwart und Zukunft Busch-Jaeger Titelbild: Peter Riedler Bildbearbeitung: Raphael Pohland / stilradar 24 Praxis III Hotel Daniel in Graz ein 50er-Jahre-Bau wird zum Trend-Hotel saniert Denkanstoß Die Preisfrage zum aktuellen Thema Impressum 03

4 Rob 't Hart

5 » Macro Fusion Architecture über den Umgang mit dem Bestand Der Trend ist seit knapp zehn Jahren eindeutig: Der Schwerpunkt der Bauinvestitionen liegt im Bestand. Es geht dabei nicht mehr nur um alte, gar bauhistorisch bedeutende Bausubstanz. Vielmehr steht in Deutschland und Europa ein Gebäudebestand auf dem Prüfstand, der zwischen 1950 und 1980 gebaut wurde. Die Belange des Denkmalschutzes rücken dabei weitgehend in den Hintergrund. Von Johann Jessen und Jochem Schneider Der Aufsatz stützt sich auf eine Studie, die die Autoren im Auftrag der Wüstenrot Stiftung Ludwigsburg durchgeführt haben. Vgl. J. Jessen/ J. Schneider: Umbau und Umnutzungen im Bestand Neuere Tendenzen in Deutschland und Europa. In: Wüstenrot Stiftung (Hrsg.): Umbau im Bestand, Stuttgart/ Zürich, 2008, S Spektakuläre Dachaufstockung in Rotterdam Didden Village von MVRDV. Das Serielle wird unikatisiert ; der Entwurf ist ein Beispiel für die Strategie der Überformung. Die architektonische Auseinandersetzung mit dem Bestand bezog sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in erster Linie auf das bauliche Erbe aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Dabei haben sich bewährte Routinen der Nutzungsfindung und der Gestaltung herausgebildet, deren Grundlage die Knappheit und die Werthaltigkeit des Alten war. Es wurde angestrebt, möglichst nur solche neue Nutzungen in dem alten Gebäude zuzulassen, die mit dem Erhalt des Bestands vereinbar waren. Stilbildend für einen zeitgemäßen Umgang mit alter Bausubstanz war vor allem Carlo Scarpa. Sein Museumsumbau des Castel Vecchio in Verona aus dem Jahre 1964 kann als die Inkunabel einer modernen Umnutzungsarchitektur in Europa betrachtet werden. Grundlegend ist dabei die Vorstellung, dass Alt und Neu im umgebauten Objekt in einem Collage-Prinzip von Schichtung und Fuge ihren Ausdruck finden. Dass der Umgang mit historischem Bestand auch ganz anders aussehen kann, wird bei dem im Herbst 2007 eröffneten Diözesanmuseum in Köln (Architekt: Peter Zumthor) deutlich: Das Alte wird in seinen unterschiedlichen Bestandteilen buchstäblich vereinnahmt und mit dem Neuen zu einem neuen großen Ganzen verwoben. Vor 10 bis 15 Jahren hätte man bei einer solchen Bauaufgabe wohl kaum eine Alternative zu einer respektvollen Distanz zum Alten und einer kontrastierenden Inszenierung gesehen. Nicht wenige sehen in diesem Bau daher deutliche Anzeichen eines Paradigmenwechsels im Umgang zeitgenössischer Architektur mit historischer Bausubstanz. Aktuelle Gestaltungsstrategien Die konturlose Vereinnahmung des Bestandes erscheint bei historischen Gebäuden bisher noch als ungewohnte Option. Anders stellt es sich beim Umgang mit der vielfach profanen und funktionalistisch ausgerichteten Gebäudesubstanz aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar, die jetzt zum Umbau ansteht. Dort ist der Differenzstrategie Alt gegenüber Neu die entscheidende Basis entzogen: das Besondere und Hervorhebenswerte des Bestandes. Entsprechend zeigt sich in jüngst realisierten Projekten eine veränderte ästhetisch-gestalterische Grundhaltung: Der Bestand wird zum frei verfügbaren Material für die Erzeugung eines Neuen Ganzen. Der Denkmalschutz spielt meist eine untergeordnete oder gar keine Rolle. In einer ersten Annäherung lassen sich vier verschiedene konzeptionelle Zugänge zum Gebäudebe- 05

6 Roos Aldershoff / stand als Material identifizieren. Sie bieten sich nur selten in reiner Form dar, häufig verschränken sich mindestens zwei dieser Strategien. Die Strategie des Ertüchtigens Diese Strategie ist gekennzeichnet von einer durchgreifenden Modernisierung des Bestands, der vom Altbau meist nur den nackten Rohbau erhält und eine neue Raumdisposition, Haustechnik und Fassade aufbaut. Im Erscheinungsbild des Gebäudes sowohl in der Innen- wie der Außenansicht ist nicht mehr ablesbar, ob es sich um einen Neubau, eine Modernisierung, einen Umbau oder eine Umnutzung handelt und darauf wird auch kein Wert gelegt. Stellvertretend für diese Tendenz steht das Gebäude der Münchner Rück in München aus dem Jahre Das Haus hat einen Umbau hinter sich, sieht aber aus wie neu. Trefflicher als der Eigentümer selbst könnte man die Wandlung des Hauptsitzes der internationalen Versicherungsgesellschaft nicht beschreiben aus einem Waschbeton-Komplex ist ein Glashaus geworden. Ähnliche Vorgehensweisen zeigen sich auch im Umgang mit einer Vielzahl von Eigenheimen aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Hier kann man durchaus von einem inzwischen breiten Trend des lustvollen gestalterischen Eigenheimtunings sprechen. Während es sich in diesen Fällen trotz aller Veränderung nur um eine Instandsetzung handelt, geht die Ertüchtigung oft auch mit einer Nutzungsänderung einher so etwa im Falle des Rotunda - Bürohauses in Birmingham, einer denkmalgeschützte Ikone der 1960er-Jahre-Architektur. Im Mai 2008 wurde das 06 Gebäude nach kompletter Erneuerung als Apartmentturm wiedereröffnet und bildet weiterhin die Stadtkrone der zweitgrößten Stadt in England. Der Umbau alter Bürobauten zu Wohnungen scheint generell ein neuer Trend, der in England und in den Niederlanden bereits Fahrt aufgenommen hat. Strategie der Überformung Bei Strategien der Überformung bleibt der Altbestand im neuen Gesamtbild erkennbar, obwohl er weitgehend verändert wurde. Oft liegt dann vor allem in der Transformation des Seriellen etwas bizarr Eigenwilliges eine Art Ausbruch aus dem Unscheinbaren. Umbauten lesen sich dann nicht selten wie ein ironischer Kommentar auf die jüngere Bau- und Kulturgeschichte. Aus der Belanglosigkeit des Massenprodukts werden neue ästhetische Codes entwickelt; das vormals Serielle wird unikatisiert. Prototypisch für dieses Vorgehen steht die Transformation der Sint Lucas Kunstakademie in Boxtel (NL) durch das Londoner Büro FAT (Fashion Architecture Taste). Wenn die Fassade der bislang weitgehend gesichtslosen Schule mit betont dekorativen Versatzstücken überformt wird, ist dies nicht nur eine Baumaßnahme, sondern Teil einer Neupositionierung der Schule insgesamt, die ihr Identität und Eigensinn verleihen soll. Die französischen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal plädieren immer für mehr Raum statt höherwertiger Ausstattung. Niemals abreißen, nichts wegnehmen oder ersetzen, sondern immer addieren, Teile transformieren und umnutzen. Viele ihrer Projekte lassen sich als programmatische Umsetzung dieses Leitspruchs Strategien des Adaptierens: Merkx + Girod funktionierten eine alte dominikanische Kirche in Maastricht in einen Buchladen um (oben); für das Projekt Alvéole 14 wurde ein ehemaliger U-Boot-Bunker in ein Zentrum für neue Kunstformen verwandelt (rechts). Architekten: LIN Finn Geipel + Giulia Andi. puls

7 betrachten egal ob es um den Umbau von Kulturbauten wie dem Palais de Tokyo in Paris geht oder um Wohnhochhäuser in der Banlieue. Zur Kategorie der Überformung zählt auch der Umbau der Dornbuschkirche aus den 1960er- Jahren in Frankfurt, der mit dem Wüstenrot-Gestaltungspreis 2006 ausgezeichnet wurde. Strategie des Adaptierens Die konzeptionellen und gestalterischen Lösungen bei der Strategie des Adaptierens beziehen ihre Rechtfertigung aus der Sperrigkeit der Substanz, auf der sie im gelungenen Fall gerade ihren besonderen Reiz des Einzigartigen aufbauen. Diese Vorgehensweise geht in aller Regel mit einer Umnutzung einher, dem die technischen Großbauten mit schierer Größe, spezialisiertem Raumprogramm und spröder Materialität gewöhnlich starken Widerstand entgegensetzen. Da ein Abriss zu teuer war, hat sich die Stadt Nazaire entschlossen, Teile eines U-Boot-Bunkers mit seinen 14 Hallen und insgesamt 20 Liegeplätzen für kulturelle Nutzungen herzurichten. Zunächst wurde in einem Teil das Transatlantik-Museum eingerichtet, bevor 2007 die Kammer Alvéole 14 zu einem Zentrum für neue Kunstformen umgebaut wurde mit einer U-Boot-Kammer als riesigem Veranstaltungsraum und einem kleineren Bühnensaal, beide für experimentelle Theater-, Tanzund Musikaufführungen. Die Architekten haben sich auf karge bauliche Eingriffe beschränkt, die dem bizarren und einschüchternden Raumeindruck der Kammern nichts von seiner Wucht nehmen. Das Galerienhaus ads1a in Köln befindet sich lesbar in einer alten Maschinenhülle. Das vormalige Umspannwerk hat sich durch wenige bauliche Anpassungen zu einem Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst gewandelt. Die Betonfertigteile in der Fassade wurden mit transparenten Plexiglaskuppeln ergänzt, und im Nebeneinander der beiden Industrieprodukte ergibt sich eine eigene, neue Lesart. Jan-Oliver Kunze, LIN Dietmar Tollerian Strategie des Einnistens Der Übergang von der Strategie des Adaptierens zu der Strategie des Einnistens ist fließend. Hier machen sich die neuen Nutzer ein überschüssiges Raumangebot für eigene Zwecke zunutze. Eine Gemeinsamkeit der Projekte liegt im ausgeprägten Erkennen und Ergreifen von Gelegenheiten, die der verfügbare Raum bietet. Die Projekte sind teils auf Dauer mit bleibenden baulichen Eingriffen angelegt, teils von vornherein befristet mit revidierbaren Arrangements. Der Altbau bleibt vielfach in seinen physischen Eigenschaften so dominant, dass die Veränderungen durch die baulichen Eingriffe deutlich in den Hintergrund rücken. Das Einnisten ist keine grundsätzliche Frage des Maßstabs. In der größten freitragenden Halle der Welt in Krausnick, Christian Richters

8 AFF Architekten

9 Schloss Freudenstein in Freiberg AFF Architekten arbeiteten nach dem Hausim-Haus-Prinzip, um das Sächsische Bergarchiv und die Mineralogische Sammlung im Schloss zu installieren. 60 km südlich von Berlin, sollten ursprünglich Cargo-Lifter gebaut werden. Heute sind in der Montagehalle die Tropical Islands untergebracht, die größte überdachte Freizeitlandschaft Europas. Statt vom Luftschiff ist der Ort jetzt geprägt von Regenwald, Tropendorf, Bali-Lagune und der längsten Wasserrutsche Deutschlands. In unmittelbarer Übernahme subkultureller Gestaltungscodes praktiziert die exklusive Modefirma Comme des Garçons das Einnisten im viel kleineren Maßstab: Sie verkauft seit 2004 ihre hochwertigen Textilien auch in sogenannten Guerilla-Stores -Läden, die für die Dauer eines Jahres an ungewöhnlichen Orten mit geringstem Aufwand eingerichtet werden. Dem Vertriebskonzept liegt die Philosophie zugrunde, dass Orte nicht mit Ideen oder Atmosphären besetzt werden dürfen, sondern aus sich selbst heraus ein Statement des Authentischen formulieren müssen. Der erste temporäre Laden wurde in Berlin in einer alten Buchhandlung eröffnet, inzwischen folgten weitere weltweit, in Kopenhagen in einem Eiscafé, in Helsinki in einer ehemaligen Apotheke, in Hongkong und Singapore. Ausblick Der kursorische Überblick zur Praxis des Umbaus in Deutschland und Europa zeigt als entscheidende Veränderung der letzten Jahre die Hinwendung zum Gebäudebestand aus den 1950er- bis 1970er-Jahren. Wenn nicht schon geschehen, wird in den nächsten Jahren nahezu alles, was in dieser Zeit im Zeichen wirtschaftlichen Aufschwungs und eines großzügigen Wohlfahrtsstaats an Bauten errichtet wurde, modernisiert, umgebaut oder abgerissen und neu errichtet werden: Sozialwohnungen und Eigenheime, die Gewerbe- und Bürogebäude, die Kindergärten und die Altenheime, die Schwimmbäder und Sporthallen, die Grundschulen und die Universitäten, die Hospitäler und die Kirchen, die Brücken und die Tunnel. Für fast alles lassen sich europaweit bemerkenswerte Projekte des Umbauens und Umnutzens finden. Hier liegt jetzt schon ein großes Arbeits- und Geschäftsfeld von Architekten und Bauwirtschaft und es wird sich voraussichtlich dramatisch ausweiten. Die Verlagerung der Umbaupraxis auf eine weitgehend alltägliche Bausubstanz bringt eine neue konzeptionelle und gestalterische Freiheit mit sich, die es gestattet, das Vorgefundene weitgehend zu transformieren und es so zu verwenden und zu verwandeln, wie es gebraucht und gewünscht wird. Helden werden nicht geboren. Als Gebäude-System-Designer (m/w) schaffen Sie sich einen spürbaren Vorteil gegenüber Ihrem Wettbewerb. Denn Sie können ab sofort gewerkeübergreifend beraten, Gesamtkonzepte erstellen und umsetzen zum Nutzen Ihrer Kunden. Ganz gleich ob Sie Elektro- oder SHK-Meister, Mitarbeiter von Herstellern oder Architekt sind. Es liegt in Ihrer Hand. Nutzen Sie jetzt die Chance. Werden Sie zum Helden. Auch für Ihre Kunden. Gebäude-System-Designer* ist eine Weiterbildung von DIAL, die berufsbegleitend entweder als Fernlehrgang, Vollzeit oder in Modulen absolviert werden kann. Kompetente Fachleute aus Theorie und Praxis begleiten und unterstützen Sie auf Ihrem Weg. Weitere Infos finden Sie unter *Das Seminar Gebäude-System-Designer ist SIHK anerkannt und von den Architektenkammern gemäß Fortbildungsordnung zertifiziert. Prof. Dr. Johann Jessen lehrt an der Universität Stuttgart am Institut für Stadtplanung und Entwerfen, Fachgebiet Regionalplanung. Jochem Schneider ist Gesellschafter von bueroschneidermeyer Planung. Forschung.Kommunikation in Stuttgart und seit 2005 Vorstandsmitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. 09

10 Zooey Braun

11 » Micro Inspirierte Beleuchtung, die für Atmosphäre sorgt. Agentur Joussen Karliczek in Schorndorf: Umnutzung einer ehemaligen Lederfabrik, ippolito fleitz group bei Altbausanierungen ist eine sorgfältige Planung der Elektroinstallation unerlässlich. Elektroinstallation in der Altbausanierung Vorbildlich sanierte Gebäude zeigen nicht nur eine erneuerte Bausubsstanz sondern integrieren auch modernste Gebäudetechnik. Die Wünsche der Nutzer sollten vorab analysiert werden, um die Chancen innovativer Technik optimal nutzen zu können. Unser Autor gibt einen Einblick, welchen Gestaltungsspielraum moderne Elektrosysteme eröffnen und was bei der Installation im Bestand zu berücksichtigen ist. Von Dietmar Half Fragt man Bewohner, welchen Nutzen elektrische Anlagen in Gebäuden besitzen, so werden viele ohne zu zögern sagen: Sie liefern Strom zum Beispiel für die zahlreichen Elektrogeräte oder für elektrisches Licht. Man kann diesen Funktionsbereich elektrischer Anlagen nicht nur als klassisch, sondern als eine unverzichtbare Grundlage unseres heutigen Zivilisationsstandards bezeichnen. Wir werden diesen klassischen Funktionsbereich der Elektroinstallation im Artikel als Energienetz bezeichnen (Niederspannung 230V 400V), dessen Installation und Betrieb in Zukunft mit der immer dringenderen Energiefrage verknüpft sein wird. Bei genauer Beobachtung hat sich neben diesem klassischen Energienetz eine Art zweites, sehr dynamisches Netz entwickelt, welches wir Informationsnetz nennen und welches innerhalb der Elektroinstallation eine zunehmende Bedeutung erfahren wird. Der Begriff Informationsnetz erscheint sehr passend, da seine wesentliche Eigenschaft die Informationsübertragung von digitalen Daten beinhaltet. In der konventionellen Elektroinstallation werden Informationen gleichzeitig mit der Energieversorgung übertragen. Das bedeutet, dass bei Betätigung eines Lichtschalters der Stromkreis geschlossen wird ein Stromfluss kommt zustande. Die Information Licht einschalten ist mit dem Stromfluss, der die Leuchte zum Leuchten bringt, gekoppelt. Bei einem automatisierten System wird die Informationsübertragung von der Energieversorgung getrennt. Bei Betätigung eines Schalters wird einer zusätzlichen Komponente, genannt Aktor, diese Information übermittelt. Erst der Aktor schließt den Stromkreis die Leuchte leuchtet. Informationen werden von Sensoren ausgesendet, etwa von einem Schalter. Dadurch ist es zum Beispiel möglich, mit einem einzigen Tastendruck die gesamte Beleuchtung in einem Gebäude ein- und auszuschalten. Dieses einfache Prinzip kann auf die gesamte Gebäudetechnik übertragen werden. Sämtliche Funktionsbereiche der Gebäudetechnik werden dabei nicht mehr isoliert voneinander betrachtet, sondern mit Hilfe sogenannter Bussysteme (zum Beispiel KNX) untereinander vernetzt. Bussysteme dienen in erster Linie der Informationsübertragung und erzeugen ähnlich wie das menschliche Nervensystem für sich selbst gesehen zunächst keinen wahrnehmbaren Nutzen. Erst im automatischen Zusammenspiel der unterschiedlichen technischen Gewerke wird das Ziel eines jeden einzelnen technischen Systems optimiert: Das Licht in einem Raum wird nicht mehr nur mit Hilfe eines einfachen Schalters ein oder 11

12 Fotografie Ziora (l.), Rolf Fuhrmann (o.r.) Bottega und Ehrhardt Architekten (u.r.) Tonnengewölbe und Tonnendach um den Altbau zu bewahren, wurde die Elektroinstallation jeweils im Boden verlegt. Links: Umwandlung der ehemaligen Bundesfestung Körnermagazin Rastatt in Wohnungen, Architektur: Rolf Fuhrmann. Rechts: Zollinger Halle in Ludwigsburg, Bottega und Ehrhardt Architekten, Umnutzung eines Industriebaus in Bürostrukturen. ausgeschaltet, sondern es besteht beispielsweise die Möglichkeit, mit Hilfe eines Bussystems unterschiedliche Lichtszenen abzurufen und in Kombination mit Verschattungs- und Mediensystemen zu automatisieren. Möchte man die Summe aller möglichen automatischen Vorgänge in ihrem sinnvollen Nutzen für den Menschen innerhalb eines Gebäudes funktional klassifizieren, bietet sich eine Unterteilung in drei Gruppen an, in physiologische, präventive und soziale Funktionen. Zu den physiologischen Funktionen sind zum Beispiel die Konditionierung eines angenehmen Raumklimas auf der Basis von Raumtemperaturen, Luftqualitäten, Lichtverhältnissen zu zählen. Die zweite Gruppe, die präventiven Funktionen, beinhaltet unter anderem die Überwachung des Gebäudes im Hinblick auf einen energetisch effizienten Betrieb oder die Überwachung auf drohende Gefahren wie Blitzeinschlag, Feuer und Diebstahl. Als dritte Unterteilung sind die sozialen Funktionen aufzuzählen, wie beispielsweise die technisch gestützte audio-visuelle Kommunikation von Menschen untereinander, die audio-visuelle Übertragung von Informationen oder der automatische Komfort (Bedienung). Vielfältige Schnittstellen ermöglichen einen Informationsaustausch der einzelnen technischen Systeme untereinander beziehungsweise eine Verbindung mit dem Internet, welches seinerseits eine ständig wachsende Bedeutung im Bereich der Elektroinstallation erfährt und zunehmend die Basis des gesamten Informationsnetzes bildet. Das Internet basiert auf einem einheitlichen Netzwerkprotokoll, welches den weltweiten Datenaustausch zwischen verschiedenen Computern und Netzwerken reglementiert. Installationsstrategien Möchte man den Gestaltungsspielraum moderner Elektrosysteme auch für das Bauen im Bestand in vollem Umfang erschließen, ergeben sich daraus differenzierte Anforderungen für die Elektroinstallation insbesondere dann, wenn im Rahmen einer Baumaßnahme die gesamte Elektroinstallation erneuert werden soll (Kernsanierung). Während die Installation des Energienetzes konventionell erfolgen kann, sollte die Installation des Informationsnetzes strategisch angelegt sein: Es ist unmittelbar einleuchtend, dass der erhöhte Nutzen durch das Informationsnetz in vielen Fällen mit einem erhöhten Installationsaufwand einhergeht. Der heute übliche Raumbedarf für die Elektroinstallation wird sich deshalb in Zukunft weiter vergrößern. Aufgrund der dynamischen technischen Entwicklung des Informationsnetzes ist es darüber 12 puls

13 David Franck hinaus notwendig, die Flexibilität der Installationen dadurch zu erhöhen, dass man sie besser zugänglich gestaltet und so Nachrüstungen jederzeit möglich sind. Soweit es die vorhandene Bausubstanz ermöglicht, sollte der notwendige Installationsraum für die Geschossinstallation in mindestens einer der folgenden Installationsebenen von vornherein eingeplant werden: in der Installationsebene im Boden (Hohlraumboden), der Installationsebene in den Wänden (Vorsatzschalen) oder der Installationsebene in der Decke (abgehängte Decke). Gute Installationskonzepte zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit einem Minimum an Materialaufwand technisch insoweit umgerüstet werden können, wie dies dem tatsächlichen, momentanen Bedarf entspricht. Im Rahmen einer Kernsanierung stellt die Neuinstallation sämtlicher Leitungsnetze in den meisten Fällen die mit Sicherheit beste Lösung dar. Powerline und Funk Nicht immer ist allerdings eine Neuinstallation sämtlicher Leitungsnetze möglich. Gerade in denkmalgeschützten Gebäuden müssen vielfach andere Wege eingeschlagen werden. Zwei weitere Installationsstrategien, die für die Installation des Informationsnetzes zu nennen sind und deren Einsatz im Hinblick auf Reichweite, Datensicherheit, Störungsunanfälligkeit und Gesundheitsverträglichkeit im konkreten Einzelfall zu überprüfen ist, sind Powerline und Funk. Die Datenübertragung funktioniert bei Powerline über das bestehende Energienetz. Sollen ein Gebäude oder Teilbereiche eines Gebäudes mit neuen Funktionen versehen werden, ohne neue Leitungsnetze installieren zu müssen, bietet sich eine Informationsübertragung über Frequenzen an, die auf eine bestehende Infrastruktur aufmoduliert wird. Man nutzt dabei zum Beispiel das Energienetz (Niederspannung 230 V) zusätzlich, um Informationen zu übertragen ohne dieses Netz zu beeinflussen. Bei der Informationsübertragung via Funk werden die Informationen nicht per Kabel, sondern über Funkwellen weitergeleitet. Die Möglichkeiten moderner Elektrosysteme eröffnen auch beim Bauen im Bestand Gestaltungsspielräume, die nahezu unbegrenzt erscheinen. Es erscheint aber dringend notwendig, diese Technologien intelligent in die vorhandene Substanz zu integrieren, um letztlich erweiterte Freiheiten und das Vorstoßen in neue Bereiche des Bauens zu ermöglichen. Dietmar Half studierte Architektur an der Bergischen Universität in Wuppertal. Er arbeitet seit 1998 als Architekt und ist seit 2005 bei der DIAL GmbH in Lüdenscheid als Projektleiter für den Lehrgang zum Gebäude-System-Designer tätig (www.gebaeude-system-designer.de). 13

14 » Praxis Bach im Reitsaal Im September 2008 fanden in Köthen die 22. Bach-Festtage statt. Für das Festival, aber auch für andere Konzerte haben die Köthener in den vergangenen Jahren eine neue Spielstätte errichtet: Nach Entwürfen der Architekten Busmann + Haberer wurde die ehemalige Reithalle zum Konzertsaal umgebaut und dabei um einen eternitverkleideten Kubus aufgestockt. Von Jakob Schoof Fotos Werner Huthmacher Johann Sebastian Bach hat das Bauwerk nie selbst gesehen, in dem seit diesem Jahr ihm zu Ehren seine Kompositionen aufgeführt werden. Bach wurde 1717 durch den damals erst 23-jährigen Fürsten Leopold zum Hofkapellmeister von Anhalt-Köthen ernannt. In den Folgejahren komponierte er in der anhaltinischen Residenz einige seiner Schlüsselwerke wie zum Beispiel die sechs Brandenburgischen Konzerte. Sechs Jahre später zog es ihn indessen weiter: Er wechselte als Thomaskantor ins nahe Leipzig, wo er für den Rest seines Lebens blieb. Die Reithalle des Köthener Schlosses hingegen ist ein klassizistisches Werk des frühen 19. Jahrhunderts; das erste, das der herzogliche Baukondukteur Gottfried Bandhauer am Köthener Hof errichtete fiel das Gebäude einem Brand zum Opfer jedoch nicht infolge des Zweiten Weltkriegs, sondern aufgrund eines Kurzschlusses. Die DDR- Zeit überlebte es mehr schlecht als recht als zum Himmel offene Ruine. Erst 2003 fand ein Architektenwettbewerb zu seiner Sanierung statt. Der Grund: Für die Bachfesttage wurde ein Ausweichquartier erforderlich, nachdem die 14

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16 Kein Ausblenden der Geschichte: Die nur zurückhaltend geflickten Außenwände der Reitsaalruine bleiben durch die Holzlamellen hindurch sichtbar. Der obere Wandteil und die Decke des Saals bestehen aus sechs Millimeter starken, gewellten Holztafeln (links). Grundrisse 1. Obergeschoss und Erdgeschoss (rechts) angestammte Spielstätte im Spiegelsaal des Köthener Schlosses saniert werden musste. Die Geschichte bleibt sichtbar Der Entwurf der Architekten Busmann + Haberer überzeugte die Jury durch seinen selbstverständlichen Dialog zwischen Altem und Neuem: Der neue, zweigeschossige Konzertsaal wurde als hölzerner Klangkörper in die Ruine hineingestellt und überragt diese zwar deutlich, belässt sie jedoch außen und innen sichtbar. Kein Ausblenden der Geschichte also, noch nicht einmal im Inneren des Saals: Hier ist der mittlere Wandbereich in horizontale Lamellen aufgelöst, hinter denen das Mauerwerk der alten Reithalle sichtbar wird und durch die hindurch ungewöhnlich für einen Konzertsaal Tageslicht ins Innere fällt. Der Saalboden liegt 1,30 Meter unter Außenniveau, und bis auf diese Höhe sind seine Wände mit einer Zickzackformation aus Zedern-Furnierplatten verkleidet. Der über die Altbaumauern hinausragende Oberbau ist als umgedrehte Schachtel aus Stahlbeton konstruiert, die auf schlanken Stahlstützen ruht und der innen aus akustischen Gründen eine gewellte Holzschale vorgeblendet wurde. Außen erhielt sie eine recht kleinformatige Eternitverkleidung, die im gleichen Farbton wie der Außenputz des Altbaus gehalten ist und eben dadurch einen spannungsvollen Dialog mit diesem eingeht. Der Wechsel aus horizontal und vertikal angebrachten Faserzementtafeln in unterschiedlichen Ebenen macht aus dem Baukörper beinahe eine kubistische Großskulptur, die indes in ihrer Binnengliederung streng auf das Achsmaß der Altbaufenster darunter bezogen ist. Diese wurden aus Schallschutzgründen als Kastenfenster ausgeführt, wobei die innere Festverglasung im Bühnenbereich um 5 Grad in der Vertikalen gedreht wurde, um eine gleichmäßigere Schallverteilung zu erreichen. Der neue, rund 400 Personen fassende Bachsaal ist Teil eines Gesamtensembles, das auch die sanierten, angrenzenden ehemaligen Remisen umfasst. Die Besucher gelangen zunächst in ein zweigeschossiges Foyer im nördlichen Zwischenbau, das neben dem großen Saal auch (im Obergeschoss) dessen 36 Personen fassende Empore und einen im Nordflügel gelegenen Mehrzwecksaal fasst. Im Südflügel, jenseits der Saalbühne, schließen sich Künstlerumkleiden, Lagerräume und ein Probensaal an. Wimberly Allison Tong and Goo 16 puls

17 Was anmutet wie eine zweigeschossige Komposition, ist in Wirklichkeit ein einziger, hoher Raum: Im unteren Teil wurden die Altbauwände hell verputzt, die obere Hälfte des Konzertsaals erhielt dagegen eine Faserzementverkleidung. 17

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19 » Praxis Ein zweigeschossiges Foyer erschließt den Konzertsaal und die Räume im Nordflügel (links). Der Zugang zum großen Saal (hinten im Bild) ist als akustische Schleuse ausgeführt. Längsschnitt, Lageplan und Querschnitt (rechts) Ein frei in den Raum gestellter Einbau im Erdgeschoss des Nordflügels beherbergt Bar, Toiletten und Garderobe für die Gäste. Gebäudetechnik für vielfältige Nutzungen Der Köthener Bachsaal besitzt mit 25,30 Metern Länge, 13,70 Metern Breite und rund 11,50 Metern Höhe eine klassische (und als akustisch günstig geltende) Quaderform. Der Saal ist lose bestuhlt, wobei die hinteren 10 der 20 Ränge sukzessive bis auf Außenniveau ansteigen. Für Solistenkonzerte erlauben Hubpodien eine andere Raumkonfiguration: Dann entsteht in der Saalmitte eine eigene, kleine Bühne, die ringsum von den Zuschauerrängen umgeben ist. Oberhalb des Saales befindet sich eine begehbare Zwischendecke für die Bühnentechnik und die Wartung der Beleuchtungsanlage. Zur Saalausstattung gehören eine Lichtstellanlage mit entsprechender Lichtregie, eine Tonregie für elektroakustische Verstärkung, eine Schwerhörigen-Infrarotanlage sowie eine Grundausstattung medientechnischer Verkabelung. Die Belüftungstechnik für Saal und Probensaal ist im Kellergeschoss unterhalb des Saales untergebracht. Eine zweite Technikzentrale im ansonsten ungenutzten Dachraum der Remise versorgt das Foyer und den Mehrzwecksaal. Projektbeteiligte Bauherr Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt, Leitzkau, D Architekten BUSMANN+HABERER, Gesellschaft von Architekten mbh Berlin, Busmann, Haberer, Bohl, Vennes, Tebroke Haustechnik skm Haustechnik GmbH, München, D Integrierte Produkte von Busch-Jaeger: Schalterserien future und Busch-Duro 2000 AP, Notrufsystem Busch-Infoline sowie Busch-Wächter Präsenz tech Lichtplanung Studio Dinnebier, Berlin, D 19

20 » Praxis Märchenschloss am Bosporus Stolz erhebt sich das Çiragan Palace am Ufer des Bosporus in Istanbul. Das Gebäude erlebte im Laufe der Zeit Höhen und Tiefen, Abriss und Wiederaufbau, Feuerzerstörung und Sanierung. Heute restauriert und in ein luxuriöses Gästehaus verwandelt wirkt der ehemalige Sultanspalast wie ein Märchenschloss, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander vereint. Von Hale Yaylali Der Çiragan-Palast blickt auf eine ereignisreiche Geschichte zurück, die bis ins 17. Jahrhundert in die Regierungszeit von Sultan Murat IV. zurückgeht. Direkt am Wasser, an der Meerenge des Bosporus, stand dort eine für die Sultanstochter Kaya Sultan erbaute Villa. Das Gebiet war damals als Kazancioglu-Garten bekannt. Die eigentliche Glanzzeit des Baus begann jedoch erst in der sogenannten Tulpenzeit des Osmanischen Reichs zwischen 1718 und Der Palastname leitet sich aus dieser Zeit Sultan Ahmeds III. ab: In den weitläufigen Gartenanlagen wurden extravagante Feste abgehalten, Öllampen erhellten dabei die Nacht Çiragan oder Çeragan bedeutet im Persischen Licht oder Lampe. In der Folgezeit bis 1859 wurde der Palast immer wieder erweitert und verändert. Unter Mahmud II. wurden die Gebäude 1835 zerstört und ein neuer Holzpalast von Garabet Balyan errichtet ließ Sultan Abdülmecid den gesamten Komplex abreißen und gab einen Palast im westlichen Stil in Auftrag. Zwischen Orient und Okzident Der neue Palast wurde 1871 erst unter Sultan Abdülaziz zu einem Preis von zweieinhalb Millionen Goldmünzen fertig gestellt er war ein Musterbeispiel des Orientalismus. Er zeigte deutliche Bezüge zu nordafrikanischer Architektur und zum in der spätosmanischen Architektur vorherrschenden eklektischen Stil. Neben klassizistischen Elementen war die Fassade mit neugotischen Motiven gestaltet, die Innenräume beinhalteten Hufeisenbögen, Türen mit Perlmuttintarsien und Möbel, in denen sich östliche und westliche Stileinflüsse trafen. Der Çiragan-Palast war ein beeindruckendes Beispiel osmanischer Architektur mit großem Einfluss westlicher Kunst und unter Verwendung orientalischer Motive. Der Sultan Abdülaziz nachfolgende Sultan Murat V. wurde durch einen Militärputsch gestürzt und bis zu seinem Tode im Jahre 1904 im Palast festgehalten. Danach wurde der Palast zum neuen Parlamentssitz ernannt und am 14. November 1909 wiedereröffnet. Unglücklicherweise brach nur zwei Monate später, am 19. Januar 1910, im Dachgeschoss ein Feuer aus, das rasch auf das gesamte Gebäude übergriff und es binnen fünf Stunden zerstörte. Vom Palast blieb nur eine Ruine aus verkohlten Mauern übrig die später der Istanbuler Fußballklub Besiktas JK als Fußballstadion nutzt. Erst 1986 veränderte sich dieser trostlose Zustand: Die internationale Hotelkette Kempinski erhielt einen Pachtvertrag über 49 Jahre, um das Gebäude instand Das Atrium zeigt die Pracht des orientalischen Baustils. Architektin Hande Tözün zeichnete für die Leitung der Renovierungsarbeiten verantwortlich, die Kunsthistorikerin Nurhan Atasoy stand ihr beratend zur Seite. 20 puls

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22 oben: Kempinski

23 Heute erstrahlt der Çiragan- Palast als Fünfsterne-Luxushotel in vollem Glanz. Die Fassade wurde 1992 originalgetreu wiederhergestellt (oben), die Innenräume wurden im Jahr 2007 aufwendig renoviert (unten). zu setzen und als Hotel zu betreiben. Die Renovierungsarbeiten erwiesen sich als sehr aufwendig: Das verbrannte Mauerwerk wurde mit Stahlträgern verstärkt, neue Pfähle wurden in das Plattenfundament getrieben und ein völlig eigenständiges Gebäude aus Stahl und Beton errichtet. In das erste und zweite Stockwerk wurden jeweils Zwischengeschosse eingezogen, um so die nutzbare Fläche auf fünf Stockwerke zu erweitern. Die Innenräume wurden ihrem neuen Verwendungszweck entsprechend umgestaltet, die Fassade in genauer Anlehnung an ihren ursprünglichen Zustand restauriert. Direkt vor Ort wurde eine Marmorwerkstatt eingerichtet, um Nachbildungen der originalen Fassadensäulen herzustellen. Das türkische Bad, einer der am wenigsten zerstörten Palastbereiche, wurde originalgetreu wiederhergestellt. Im Stahldach und anderen Bereichen wurde aufgrund der brandhemmenden Eigenschaften zur Wärmedämmung Steinwolle eingesetzt. Die umfangreichen Renovierungsarbeiten wurden 1992 abgeschlossen und das Palasthotel eröffnet. Beheizt wird die Quadratmeter große Anlage heute mit Erdgas. Dank einer Trigenerationsanlage kann das Çiragan Palace Kempinski selbst Strom erzeugen. Renovierung der herrlichen Palasträume 2006 wurden die Innenräume des Palasts nach dreijähriger Vorbereitungszeit erneut umgestaltet. Die Leitung des Renovierungsteams hatte Hande Tözün inne, Nurhan Atasoy, Professorin der Kunstgeschichte, stand ihr als Beraterin zur Seite. Das neue Design des Palasts vermischt die ursprüngliche orientalische Gestaltung mit einem eklektischen Stil des 19. Jahrhunderts. Man renovierte die Suiten, die öffentlichen Bereiche, die Tagungsräume und den Ballsaal, bis 2007 schließlich der gesamte Palast generalüberholt war. Weiß ist die vorherrschenden Farbe sie soll ein Gefühl von Offenheit und Glanz vermitteln. Von Stoffen und Teppichen prangen osmanische Muster. Jeder Raum ist mit eigens entworfenen Polstermöbeln und Vorhängen ausgestattet. Als Vorbild für die Gestaltung in typisch orientalischen Farben dienten die Orienträume des Beylerbeyi-Palasts. Die Porphyrverzierungen und Wandgemälde wurden von einem 50-köpfigen Team türkischer und bulgarischer Künstler angefertigt. Der geschichtsträchtige Palast dient heute, einem Fünfsterne- Hotel angeschlossen, auch als Gästehaus der türkischen Regierung. Mit modernster Technik ausgestattet, lässt das Haus der Kempinski Gruppe in Sachen Komfort keine Wünsche offen. Die Gebäudetechnik wurde mit Produkten von ABB auf den neuesten Stand gebracht, die technische Infrastruktur des Gebäudes großformatige LCD-Bildschirme, Projektionswände, Jalousien, Fernbedienung für Licht und Klimaanlage fügen dem Glanz der Palastanlage die Innovationen modernen Hightechs hinzu. Am 19. Januar 1910 zerstörte ein Feuer den Çiragan-Palast fast vollständig. Lange Zeit blieb die Ruine sich selbst überlassen bis im Jahr 1987 mit den Renovierungsarbeiten begonnen wurde. Projektbeteiligte Bauherr Çiragan Palace Kempinski Architektur Turgut Alton, Birlesmis Mimarlar Co. Innenarchitektur Zimmer: Ezra Atya, EAA Palast: Hande Tözün, Çiragan Palace Kempinski Haustechnik Integrierte Produkte von Busch-Jaeger: KNX-System, Controlpanel sowie Bedienelemente der Schalterserie carat Gold 23

24 » Praxis Hotel mit Lifestyle-Faktor Das Hotel Daniel in Graz erbaut in den 50er-Jahren benötigte eine Verjüngungskur, um weiterhin am Markt bestehen zu können. a 2 hotelconcept realisierten einen Entwurf, der das in die Jahre gekommene Haus modernisierte und in ein Budget-Design-Hotel umfunktionierte. Zielgruppe ist ein junges Publikum, das viel Wert auf urbanen Chic und klares, stilvolles Design legt. Von Jürgen Eicher Das Hotel Daniel in Graz kann auf eine wahrlich lange Tradition zurückblicken. Auch wenn das heute bestehende Gebäude erst in den Jahren 1955/56 entstand, so wurde schon 1887 ein Hotel im Gründerzeitstil an gleicher Stelle errichtet. Der Gründer und Erbauer hieß Alois Daniel, daher auch der heute noch gültige Hotelname. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg plante der Wiener Architekt Georg Lippert einen Neubau im eleganten Stil der 50er-Jahre. Dieser hat bis heute nichts von seiner architektonischen Qualität verloren. Städtebaulich an exponierter Stelle gelegen, markiert das Hotel Daniel von der Grazer Altstadt kommend das Ende der Annenstraße. Da es sich mit seiner schmalen Loggienfront zur Stadt hin zeigt, wirkt es auf weite Entfernung fast wie ein Hochhaus. Die breite Seite zum Grazer Hauptbahnhof hin versteckt sich hinter mächtigen Bäumen und einem starken Fassadenbewuchs, sodass das 107-Zimmer-Haus in seiner ganzen Größe gar nicht wahrzunehmen ist. Nach außen hat sich das Hotel glücklicherweise nicht verändert. Lediglich die Loggienrückseiten wurden in den Hotelfarben, die sich als Teil des gesamten Gestaltungskonzepts durch das ganze Gebäude ziehen, gestrichen. Nachts werden sie durch Scheinwerfer großartig in Szene 24 gesetzt. Im Inneren war von der Originalausstattung der 50er-Jahre nicht viel erhalten; sie fiel in den 80er-Jahren der Modernisierung zum Opfer. Lediglich im Foyer sind noch Relikte zu finden. Diese wurden behutsam restauriert und in die Umgestaltung miteinbezogen. Allerdings nicht als Museumsstücke, sondern als Teil und Inspiration für das Ganze. Auf den Zimmeretagen blieben nur die Erschließung und die Zimmereinteilung erhalten. Haus- und Elektrotechnik wurden komplett erneuert. Mit der Planung beauftragt wurde das Wiener Büro a 2 hotelconcept. Für die Gestaltung der Zimmer zeichnete das Berliner Designbüro studio aisslinger verantwortlich. Heute zeigt sich das Haus als Design-Hotel im Low-Budget-Bereich. Bereits im Foyer fühlt man sich ein wenig wie auf einer Zeitreise. Vespas und ein Mini stehen am Eingang bereit: zum Mieten für die Hotelgäste. Terrazzoböden, geschwungene Treppen und originale Holztüren versprühen den Charme vergangener Tage. Die Neugestaltung nimmt Bezug auf die Entstehungszeit und erweist dieser ihre Reverenz, ohne sie zu imitieren. Die Bistrostühle und -tische, die Kaminwand aus schmalen, geschichteten Natursteinplatten und Lilienporzellan in den pastelligen Hotelfarben (grün, türkis, orange, rosa) fügen Markant leuchtet die Fassade des Hotels Daniel in der Nacht. Die zentrale Lage bietet sich als idealer Ausgangspunkt für Stadterkundungen an. puls

25

26 Veronika Stabinger, Peter Riedler sich zu einem harmonischen Gesamtbild. Sie geben dem Hotel genau das, was es von den vielen anderen Design- Hotels unterscheidet. Da es sich um ein Budget-Hotel handelt, sind Foyer und Zimmer entsprechend reduziert und klar gestaltet. Wobei sich die Reduktion nicht auf die Qualität, vielmehr auf die Quantität bezieht. Wichtigstes Möbel: Luft, so lautet das Motto im Daniel. Statt einer repräsentativen Rezeption findet man eine stylische Bar, von der aus der Hotelbetrieb gemanagt wird. Statt einer Lobby mit Couchund Sessellandschaft prägt ein loftartiger Bereich mit Kamin und Wasserbecken das Ambiente. Unterschiedliche Materialien und Bodenbeläge markieren Bereiche zum Plaudern, Kaffeetrinken, Entspannen oder zum Surfen im Internet. Auch in den Zimmern lautet das Motto: Weniger ist mehr. Es gibt keinen Kleiderschrank, stattdessen eine Ablage und eine Kleiderstange. Statt Tisch gehört ein Trolley zum Inventar der Zimmer, der in Verbindung mit der filzüberzogenen Bank als Arbeitstisch dienen kann. Der insgesamt hohe Anteil an Holz, Filz und anderen natürlichen Materialien erzeugt statt einer cool-designorientierten eine primär behagliche Atmosphäre. Zwei Zimmertypen stehen zur Auswahl: Das daniel.loggia ist ein etwas geräumigeres 26 Zimmer mit Blick auf die Stadt, das daniel.smart ein kompakteres und günstigeres Zimmer. Beide Typen verfügen über offene Bäder. Die Waschbecken sind vor einer schwarzen Natursteinwand installiert, dahinter verbirgt sich je eine Zelle für Dusche und WC. Beide sind mit ein und derselben Schiebetür verschließbar, sodass jeweils eine Zelle offen steht. Auch die Gestaltung der Dusche unterliegt dem Prinzip der Offenheit: Zum Schlafbereich ist sie mittels einer Glasscheibe abgetrennt, die Ein- und Ausblicke zulässt. Ein kluges Konzept Insgesamt gesehen hat es die Weitzer Hotels Betriebsges. mbh geschafft, kostengünstig ein Hotel höchster Designqualität zu errichten. Das rundum und bis ins Detail stimmige Konzept scheint die Gäste zu überzeugen. Die Auslastung liegt bei über 80 Prozent, sechs weitere Zimmer wurden daher im Vorjahr noch durch den Umbau ehemaliger Dienstbotenkammern dazugewonnen. Aber auch in Branchenkreisen erregte das zukunftsweisende Hotelkonzept Aufsehen. Das Hotel Daniel wurde im Jahr 2006 als Hotelimmobilie des Jahres ausgezeichnet und erhielt somit den Oscar der Hotelbranche in Europa. Werner Aisslinger setzte bei der Zimmergestaltung auf warme Farben und behagliche Stoffe wie Filz (links). Das Foyer zeigt offene Sitzbereiche in reduziertem Design (rechts). puls

27 Projektbeteiligte Bauherr Weitzer Hotels Betriebsges. mbh Architekt a 2 hotelconcept, Wien Innenarchitektur a 2 hotelconcept, Wien Gestaltung der Zimmer: studio aisslinger, Berlin Die Etagengrundrisse blieben trotz Sanierung unverändert die kleinen Zimmergrößen legten die Umwandlung in ein Budget-Hotel nahe. Mit viel Geschick wurde die Raumaufteilung der Zimmer neu konzipiert. Haustechnik Integrierte Produkte von Busch-Jaeger: KNX-System, Controlpanel sowie Bedienelemente der Schalterserie future 27

28 » Visionen Alte Gebäude neue Konzepte Eine Stierkampfarena wird zum Shopping-Center und ein Trockendock zum Museum: Umbauprojekte halten für Architekten mitunter die ausgefallensten Herausforderungen bereit. Doch auch wenn es darum geht, öffentliche Gebäude bei gleichbleibender Nutzung zu modernisieren, ist Fingerspitzengefühl gefragt, wie die folgenden Beispiele zeigen. Rogers Stirk Harbour + Partners: Las Arenas in Barcelona Shoppen statt töten so sieht künftig das Nutzungsprogramm der ehemaligen Stierkampfarena in Barcelona aus. Das majestätische Ziegelrund an der Plaça Espanya stammt aus dem Jahr 1898 und stand bereits seit 1990 leer, da der Stierkampf in Katalonien zunehmend unpopulär geworden war. Für den Umbau wurde das Gebäude komplett entkernt und mit vier unterirdischen Geschossen unterkellert. Lediglich die prachtvolle Mudéjar- Fassade blieb erhalten. Allerdings verliert sie ihre tragende Funktion und wird nun von einem Ring aus stählernen Gabelstützen unterfangen, zwischen denen die Besucher das Gebäude betreten. Nach der Wiedereröffnung in wenigen Monaten sollen in der Arena Quadratmeter Nutzfläche und eine Tiefgarage für Autos zur Verfügung stehen. Vier große Baumstützen tragen das stählerne Dach; dazwischen sind die einzelnen Nutzungen wie Tortenstücke eingefügt. In der Mitte der Arena entsteht eine zentrale Eventfläche und ringsum eine Mischung aus Läden und Freizeitangeboten. In das dritte und vierte Obergeschoss wird ein Multiplex-Kino einziehen. Ein sechsgeschossiger Neubauriegel an der Ostseite der Arena beinhaltet weitere Laden- und Restaurantflächen sowie vier Geschosse mit Büros. Rogers Stirk Harbour + Partners 28

29 Bjarke Ingels Group: Dänisches Seefahrtsmuseum in Helsingør Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Die dänische Bjarke Ingels Group (BIG) hat sich als Antwort auf das berühmte Shakespeare-Zitat für Nichtsein entschieden: Sie versenkte ihren Entwurf für das neue dänische Seefahrtsmuseum komplett in ein stillgelegtes Trockendock in Helsingør. Das Relikt aus dem Industriezeitalter liegt an der Zufahrt zu Schloss Kronborg, seines Zeichens UNESCO-Welterbe und Schauplatz der Hamlet-Saga. Ein nach außen hin auffälliger Neubau verbot sich somit von selbst. Doch die Architekten versagten sich selbst die vom Bauherren gewählte Strategie, das Dock einfach mit Museumssälen zu füllen. Stattdessen ordneten BIG die Ausstellungsflächen um das Dock herum an und durchkreuzten den so entstandenen, schiffsrumpfförmigen Innenhof lediglich mit drei verglasten Fußgängerbrücken. Die Ausstellungsflächen sind in Form einer kontinuierlichen Endlossschleife organisiert, deren Steigung 1:50 beträgt und somit von den Museumsbesuchern kaum wahrgenommen wird. Auch hierfür halten die Architekten eine Analogie bereit: Auch die Erde sei ja eine Kugel, werde von den Menschen jedoch so lange als ebene Fläche wahrgenommen, bis sie sich mit dem Schiff auf die offene See hinauswagten. Bjarke Ingels Group

30 IaN+ Höweler + Yoom Höweler + Yoon: Rathaus in Boston Der brutalistische, 1963 bis 1968 nach Entwürfen der Architekten Kallman, McKinnell and Knowles gebaute Betonbau des Bostoner Rathauses ist vielen Bürgern der Stadt ein Dorn im Auge. Die Bostoner Architektenkammer rief daher im vergangenen Jahr einen Ideenworkshop zur Umgestaltung des Gebäudes aus. Der Vorschlag von J. Meejin Yoon und Eric Höweler basiert auf einer klaren Anamnese: Das Gebäude sei zu isoliert, zu dominant und zugleich zu unzugänglich für die Bevölkerung. Die beiden Architekten konzipierten eine mehrfach gefaltete, transluzente Hülle, die sich über das Gebäude legt und zugleich auf dessen Rückseite eine Zugangsrampe zum Dach bildet. IaN+: Belebung historischer Stadtzentren In einem Beitrag zur diesjährigen Biennale in Venedig verdeutlicht das römische Architekturbüro IaN+ seine Vision zur Wiederbelebung historischer Stadtkerne. Mit dem Konzept des City Recycle soll ein urbaner Erneuerungsprozess in Kraft treten. Die Idee von IaN+ versteht sich als Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft: Leerstehende Gebäude werden im Innern ausgehöhlt und mit neu gestalteten Wohneinheiten bestückt die historischen Fassaden bleiben erhalten. Der hierfür entwickelte Prototyp ist autark und nachhaltig konzipiert. Um ein hohes Maß an Flexibilität und Individualität zu ermöglichen, basieren die einzelnen Einheiten auf einem modularen System. Durch eine offene Struktur in den unteren Geschossen, in denen sich öffentliche Nutzungen wie Park- und Einkaufsmöglichkeiten, Arbeitsplätze sowie öffentliche Freiräume befinden, tritt das Gebäude in Interaktion mit seiner Umgebung. puls

31 Diller Scofidio + Renfro mit FXFowle: Alice Tully Hall in New York Die Alice Tully Hall war 1969 das letzte Gebäude des ursprünglichen Lincoln Center in New York, das fertiggestellt wurde. Sie beherbergt ein zweiteiliges Nutzungsprogramm: unten den von der gleichnamigen Mäzenin gestifteten Konzertsaal mit 1100 Plätzen, oben die Räume der Juilliard School, einer der bedeutendsten Tanz- und Musikschulen der Stadt. Der Umbauplan sieht vor, den bislang undurchsichtigen Sockel des Gebäudes von Pietro Belluschi zu öffnen und durch eine mehrgeschossige Glasfassade mit Seilnetzkonstruktion zu ersetzen. Auf diese Weise wird die geschwungene Form des Konzertsaals für die Passanten an der West 65th Street sichtbar. Neben einem wesentlich größeren Foyer, neuen Proberäumen, erweiterten Umkleiden und einem neuen Lastenaufzug erhielt der Konzertsaal vor allem eine akustische Runderneuerung, um ihn speziell für Kammermusikkonzerte fit zu machen. Hierzu erhält der Saal samt allen Einbauten (wie etwa der Logen) eine neue, akustisch wirksame Innenverkleidung aus afrikanischem Moabiholz. Ein Teil der Verkleidungspaneele besteht aus transluzentem Kunstharz mit Oberfläche aus Moabi-Furnier. Diese werden hinterleuchtet und versorgen den Saal mit der notwendigen Grundhelligkeit, sodass auf sichtbare Beleuchtungskörper verzichtet werden kann. FXFowle, Diller Scofidio + Renfro

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