Standpunkte 12/ 2007 Informationsdienst des Münchner Forums e.v.

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1 Standpunkte 12/ 2007 Informationsdienst des Münchner Forums e.v. ISSN Sehr geehrte Damen und Herren, in dieser letzten Standpunkte-Ausgabe des Jahres 2007 berichten wir zunächst über einige Projekte aus dem kulturellen Bereich, und zwar über die Künstlerkolonie Domagkstraße, in der im nächsten Jahr die Abrissbagger anrücken werden, dieses Thema und seine am Ende unbefriedigende Behandlung entmutigt Viele und verschleißt viel guten Willen. Die Künstlerkolonie hätte den besten Siedlungskern geboten, den man sich vorstellen kann. Warum dies nicht als Chance begriffen wird ist nicht nachvollziehbar. Danach berichten wir ü- ber das Haus der Kunst und schließlich kurz über das Lenbachhaus sowie über das geplante NS-Dokumentationszentrum. Diese Berichte finden Sie auf den Seiten 2 bis 10. Dazwischen greifen wir die Diskussion zweier Forums-Arbeitskreise Innenstadt und Stadtgestalt mit dem Bezirksausschuss Altstadt/Lehel über das Tal auf (Seite 6, dazu auch ein Beitrag von Pfarrer Dr. Amann auf Seite 9), bevor wir auf die öffentliche Diskussion über den Olympiapark eingehen. Die neueren Entwicklungen im Olympischen Dorf, im Studentendorf und das geplante Hotel neben der BMW Welt haben wir schon früher kontinuierlich dargestellt. Auch über das geplante Olympic Recreation Centre im Park haben wir in der Ausgabe 12/2006 schon einmal hingewiesen. Nun wird eine Pilotstudie über die Weiterentwicklung des Parks diskutiert, die allerdings noch gar niemand kennt. Hier ist eine offene, eine öffentliche Debatte erforderlich. Danach berichten wir auf Seite 12 über eine geplante Tagung des Forums zur Qualität des Schulhausbaus unter dem Titel ErlebnisRaum Schule. Wolfgang Czisch äußert sich auf Seite 14 zum Neubau der BMW Welt am Olympiapark. Cornelius Mager stellt auf Seite 15 die Konsequenzen der neuen Bayerischen Bauordnung für Stadtgestaltung dar. Und zum Abschluss bringen wir wie Ende letzten Jahres auch heuer wieder ein Stichwortverzeichnis aus allen Ausgaben des zuende gehenden Jahres. Sie ersehen daran, wie breit unser Themenspektrum auch 2007 wieder war. So weit unsere Berichte für dieses Jahr. Wir melden uns wieder wie gewohnt Anfang Januar. Bis dahin beste Wünsche zum Weihnachtsfest und zum Neuen Jahr. Mit freundlichen Grüßen Wolfgang Czisch Vorsitzender des Programmausschusses Schellingstraße 65, München , Redaktionsschluss dieser Ausgabe: Redaktion: Gernot Brauer INHALT: Künstlerkolonie Domagkstraße: Europas größte Künstlerkolonie lebt kleiner weiter 2 Kritische Rekonstruktion : Welche Zukunft soll das Haus der Kunst bekommen? 4 Lenbachhaus modernisiert: Reichstag-Architekt Foster baut erstmals in München 6 Ein vernachlässigtes Stück des historischen Zentrums: Im Tal: ankommen, ausspannen und frische Kraft tanken? zweimal Geburtstag: Das Spital Heilig Geist im Tal wird Jahre alt 9 Wie geht es weiter mit dem Ausbau des Olympiaparks? Die Bauplanung im Olympiapark muss öffentlich sein 10 Nächstes Jahr wird es ernst mit dem NS-Doku-Zentrum: Wie groß es wird bestimmt der Bundeshaushalt 11 ErlebnisRaum Schule : Welche Schulgebäude braucht die Wissensgesellschaft? 12 Wolfgang Czisch zur neuen BMW Welt: Wesentlich weniger Wolke, als wir gedacht haben 14 LBK-Chef Cornelius Mager: Abschied von den ankannten Regeln der Baukunst? 15 Stichwortverzeichnis IMPRESSUM Münchner Forum e.v. Schellingstr. 65, München verantwortlich: U. Ammermann Falls Sie die Standpunkte nicht mehr erhalten möchten, genügt ein kurzer Hinweis an

2 In der Künstlerkolonie an der Domagkstraße gehen nächstes Jahr viele Lichter aus: Europas größte Künstlerkolonie lebt nur verkleinert weiter Was Schwabing vor hundert Jahren gewesen sein mag, war in den letzten 15 Jahren ein früheres Kasernengelände: ein Netzwerk von Kunstvereinen mit über 250 aktiven Künstlern, verteilt über zehn Gebäude der frühren Funkkaserne zwischen der Domagkstraße und dem Frankfurter Ring. Seit die Stadt dort vorwiegend Wohnungen vorsieht, bröckelt diese größte Künstlerkolonie Europas, wie OB Christian Ude sie noch im Sommer lobend bezeichnete. Im Juli stellten noch 160 Künstler dort aus letztmalig; denn bis auf eines werden alle Kasernengebäude mit Kunstateliers ab dem Sommer 2008 abgerissen. In diesem einen zu sanierenden Haus sollen allerdings rund hundert Künstler dauerhaft eine sanierte Bleibe bekommen. Als das Militär 1993 die errichtete Funkkaserne räumte, die nach dem Krieg zuerst zehn Jahre lang Flüchtlingslager und seit 1956 Bundeswehrstandort gewesen ist, belebten sich die leer stehenden Gebäude schnell wieder. Im Nordteil zog der Bundesgrenzschutz ein, die spätere Bundespolizei, und in zehn Kasernengebäuden mit ihren Mannschaftsräumen beidseits breiter Flure mit nur wenigen Toilettenräumen in den einzelnen Häusern mieteten sich bereits Ende 1993 Künstler ein, um hier in idyllischer Ruhe zu billigen Mieten zu arbeiten und Münchens Ruf als Stadt der Künstler so wieder lebendiger zu machen. Ab Anfang 1994 bezogen auch die Akademie der Bildenden Künste und die Musikhochschule auf zwei Jahre einen Teil der Räume engagierte sich das Studentenwerk. Schließlich lebten und arbeiteten mehr als 250 Künstler aus 36 Nationen auf dem Gelände. Mieten unter sechs Euro pro Quadratmeter konnten sie sich gerade noch leisten. Sie erhielten auf drei Jahre befristete Gewerbemietverträge. Das Wohnen ist den Ateliers offiziell nicht erlaubt. Trotzdem sagte die große Mehrheit der Bewohner, ihre Ateliers seien ihr Lebensschwerpunkt. Das entsprach einer Analyse der Geografin Yolande Hoogendoorn; sie war schon 2002 in ihrer Diplomarbeit zu ganz ähnlichen Ergebnissen gekommen. Jeder wusste: Europas so entstandene größte Künstlerkolonie war eine Idylle auf Zeit. Denn bereits 2001 wurde ein städtebaulicher und landschaftsplanerischer Ideenwettbewerb für ein künftiges Wohngebiet ausgelobt. Mitte 2002 lag das Ergebnis vor. Es sah allerdings außer Wohnungen und einem Streifen gewerblicher Nutzung auch Quadratmeter Fläche für die Künstler vor. Die Stadt kaufte das vormalige Kasernenareal vom Bundesvermögensamt. Schon damals hing ein Damoklesschwert über der Siedlung: Die Kanalisation in vielen aufgelassenen Kasernen ist so marode, dass ein Benutzungsstopp drohte. Eilig wurden Abwasserrohre mehr oder minder provisorisch erneuert. Aber da das Areal abgesehen von der abschirmenden gewerblichen Lärmschutzbebauung am Frankfurter Ring (wir berichteten) ein weiteres Münchner Wohngebiet werden soll, wurden die Mietverträge 2004 letztmalig drei Jahre verlängert. Ende diesen Jahres laufen sie aus. Im Sommer 2008 sollen die Bagger anrücken. Kann und darf München es sich leisten, diese Künstlerkolonie zu vertreiben? Schon 2001 hatten zahlreiche Stimmen das verneint. In einem vom Bezirksausschuss Schwabing-Freimann initiierten Workshopverfahren hatte man nach Kompromissen gesucht und sie auch gefunden: Wenigstens ein Gebäude ganz im Südosten des Areals direkt an der Autobahn nach Nürnberg, besser aber auch ein weiteres, das an den Hof dieses U-förmigen Hauses mit seiner bisher kaum nutzbaren Reparaturhalle für Bundeswehrfahrzeuge angrenzt, sollten den Künstlern bleiben. Wenn es gelingt, Teile der Künstlerkolonie als kulturellen Nukleus der neuen Siedlung zu erhalten, sagte OB Ude damals vorsichtig, könne ein kulturell geprägtes Quartier entstehen, das weit über die Stadt ausstrahlen werde. Sechs Jahre später, im Sommer 2007, bemühte sie sich nach seinen Worten noch immer, zumindest einen Teil der Domagkateliers dauerhaft zu erhalten. Das erwies sich als schwierig. Das Kommunalreferat suchte die Künstler zu motivieren, eine Genossenschaft zu gründen, die als Bauherr fungieren könnte. Das zerschlug sich schnell, weil kaum jemand unter den Künstlern über die dazu nötigen finanziellen Mittel verfügt. In einer Befragung der Künstler Ende 2006/Anfang 2007 zeigte sich, dass sie durchschnittlich nur knapp 2

3 über tausend Euro monatlich umsetzen. Mehr als ein Viertel derer, die antworteten, gab Monatseinkommen von 500 bis 750 Euro an, jeder vierte nannte Werte unter 500, fast jeder fünfte eine Summe von weniger als 250 Euro im Monat. Leben können die wenigsten Künstler der Domagkateliers von ihrer Kunst, sagt auch ihr Sprecher Georg Höngdobler. Die meisten verdienen in einem Zweitberuf das Nötige nebenbei. Für die Bildung von Immobilieneigentum ist das keine Basis. Das Kommunalreferat und das Starnberger Planungsbüro comes real spielten verschiedene Varianten durch, darunter auch ein Betreibermodell mit einer Betreibergesellschaft, in der die Künstlervereine zu den Gesellschaftern gehören sollten. Diese Gesellschaft sollte das Startkapital zur Verfügung stellen und dann Grund und Boden zu Eigentum oder in Erbpacht erhalten. Alles lief darauf hinaus, die künftigen Nutzer finanziell mehr oder minder mit in die Pflicht zu nehmen. Die Sprecher der Künstlervereine die Nutzerschaft jedes derzeit gemieteten Hauses ist im Prinzip als Verein organisiert mussten jedoch immer wieder erläutern, dass die Künstler über eine schmale Miete von rund sechs Euro pro Quadratmeter und Monat hinaus keine Eigenmittel bringen können. Die Stadt will aber darauf sehen, dass die Belegung ihrer mit Steuermitteln erworbenen Grundstücke nicht dauerhaft subventioniert werden müssen. Das Starnberger Planungsbüro schaltete sich auf Seiten der Künstler immer wieder ein. Phantasievolle Entwürfe entstanden. Aber Bestand hatte kaum einer. Denn Udes schon 2001 klar ausgesprochene Bedingung, die Entwicklung müsse insgesamt schlüssig und auch wirtschaftlich tragfähig sein, ließ sich mit einer finanziellen Eigenbeteiligung der Künstler nicht realisieren. Nach langem Hin und Her erklärte sich das Kommunalreferat bereit, Steuergeld in die Hand zu nehmen und zumindest einen Bau zu sanieren: den größten und zugleich die Neubebauung am wenigsten störenden ganz am südöstlichen Rand des Geländes direkt neben der Nürnberger Autobahn. Dieser frühere Bau für die Reparatur von Militärfahrzeugen soll auf Quadratmetern künftig rund hundert Künstlern eine dauerhafte Bleibe bieten. Ausgeschrieben sind diese Ateliers mittlerweile. Bis Ende Januar können Künstler, die schon jetzt auf dem Gelände arbeiten, sich noch bewerben. Die Künstlervertretung darf eine Vorschlagsliste einreichen. Dann wird eine Jury auswählen. Die Schlussentscheidung hat der Kulturausschuss des Stadtrats. Rund hundert Künstler werden in einem der Altbauten eine neue Bleibe bekommen Alle bisherigen Mietverträge laufen zwar Ende diesen Jahres aus, sie werden aber provisorisch nochmals verlängert. Um für alle Künstlerinnen und Künstler die gleichen Voraussetzungen für eine Bewerbung sicher zu stellen, teilte das Kulturreferat in schönstem Amtsdeutsch mit, soll bis zum Baubeginn der Verbleib der bestehenden vertraglichen Nutzungen in den bisherigen Räumen aller Häuser ermöglicht werden. Die weitere Nutzung der bisherigen Mieträume soll bis zum auf Basis einer Räumungsvereinbarung mit den Mietern geduldet werden. Wer dann einen Zuschlag bekommt, muss wohl erst einmal umziehen. Denn zunächst rücken Handwerker an. So lange das sanierte Künstlerhaus nicht bezugsfertig ist (das soll im April 2009 so weit sein), können dessen künftige Mieter in anderen bisherigen Gebäuden bleiben. Diese Häuser werden erst danach abgerissen. Interimistische und neue Mietverträge schließt das Kommunalreferat im Auftrag des Kulturreferats. Das Kommunalreferat bezahlt auch die Gebäudesanierung. Die von der Stadt zu übernehmenden Sanierungskosten betragen voraussichtlich 5,35 Mio.. (Stadtratsbeschluss vom ). Zudem muss die Stadt das Grundstück mit einem Wert von derzeit 2,3 Mio. ablösen (der Ablösebetrag kann sich noch ändern, da nach der Sanierung eine neue Grundstücksbewertung vorgenommen werden soll). Entsprechend dem Stadtratbeschluss vom wird der Mietpreis für die neuen Ateliers im Haus 50 netto Kaltmiete ca. 6-6,70 /m² im Monat betragen, zuzüglich Betriebskosten (Heizung/-Warm-wasser, Wasser/Abwasser, Hausstrom, Straßenreinigung, Müllgebühren usw.) Die Nebenkosten werden sich voraussichtlich auf ca. 3 /m² im Monat belaufen. Die Mieten orientieren sich an denen vergleichbarer Ateliers im städtischen Atelierhaus in der Klenze-/Baumstrasse (3,50 Euro pro m²/monat in Ebene Null, 6,00 Euro in Ebene 3 und 6,70 Euro in Ebene 1 und 2). Die Kaltmiete im Atelierhaus Dachauerstr. beträgt 4,20 m² im Monat. Alle weiteren Gebäude im Bereich Domagkstraße werden ab Mitte 2008 sukzessive abgebrochen. 3

4 Damit verliert München ein Stück an kultureller Vielfalt. Der Einklang von Individuum und Gemeinschaft (Hoogendoorn) hat nur noch eingeschränkt Zukunft. Denn zwar erklärte die überwältigende Mehrheit der dort arbeitenden Künstler, sie würden am liebsten bleiben, um auf dem Gelände auch künftig zu arbeiten und zu wohnen. Die das nicht schaffen werden, wollen aber überwiegend München verlassen. Zwar sagte die Hälfte auf die Frage nach der persönlichen Zukunftsperspektive schlicht weiß nicht : von denen, die die Dinge aber nicht einfach auf sich zu kommen lassen wollen, erwogen nur 13 Prozent eine Alternative in München. 42 Prozent tendieren dazu, dann in eine andere deutsche Stadt oder ins Ausland zu gehen. Gernot Brauer Kritische Rekonstruktion der historischen Substanz was heißt das konkret? Welche Zukunft soll Münchens Haus der Kunst bekommen? Das Haus der Kunst ist nicht so stabil, wie es aussieht. Sein steinernes Äußeres und Inneres ist nur Fassade. Geschieht nichts Durchgreifendes, wird das Haus nach Überzeugung seines Direktors Chris Dercon seinen hundertsten Geburtstag im Jahr 2037 gar nicht erleben. Wie die Zukunft dieses Gebäudes aussehen könnte, diskutierte am 8. November eine hochkarätige Runde mit den Architekten Rem Koolhaas und Jacques Herzog. Lösungen gibt es noch nicht, aber Ansätze einer weiteren kritischen Rekonstruktion. Alles erscheint möglich. Griechenland baut zweieinhalb Jahrtausende nach der Errichtung und nach Jahrhunderten der Zerstörung seinen zentralen Tempelbezirk mit dem Parthenon wieder auf. Deutschland reißt den DDR-Palast der Republik, der wenig mehr als ein Hundertstel dieser Zeitspanne überdauert hat, derzeit ab, um ein Schloss wieder erstehen lassen zu können, von dem nur ein Fassadenteil überlebt hat, das aber längst Teil des benachbarten früheren Staatsratsgebäudes ist. Zugleich hat sich völlig verschoben, was Denkmalschutz überhaupt ist. Im 19. Jahrhundert hatten Denkmäler Jahrhunderte alt zu sein. Heute ist schon denkmalwürdig und bisweilen (etwa bei KZ-Bauten) sogar denkmalbedürftig, was die ältere Generation der jüngeren hinterlassen hat. Künftig, so der Basler Architekt Jacques Herzog (Herzog & de Meuron, Architekt u.a. der Allianz-Arena), werde man in Gebäude ihre Lebensdauer und damit ihre Denkmalwürdigkeit gleich mit hinein konstruieren. Was man zum Denkmal macht, löst man damit aber automatisch aus seinem ursprünglichen Nutzen und Kontext. Preservation is to take an object out of time, sagte Mark Wigley von der Columbia University New York in der englisch geführten Debatte mit Rem Koolhaas und Jacques Herzog im Haus der Kunst. Was also soll aus dem zur Nazi-Zeit errichteten Haus der Kunst in unserer anderen Zeit werden? Kunsttempel, Nazireden, Basketballhalle, Zirkusarena, Faschingshochburg, Performances Adolf Hitler hat das damalige Haus der Deutschen Kunst im Juli 1937 eröffnet. Es zerschnitt den von König Ludwig gewollten sanften Übergang der Stadt in den Englischen Garten. In dessen zentralem Saal hielt Hitler etliche Reden zur NS-Kunst- und Kulturpolitik. Kunst ist eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende Mission, hieß seinerzeit die Parole. Diesen Fanatismus interpretierte der Architekt Troost mit einem Luftschutzbunker unter den Ausstellungsräumen. Nicht einmal zwanzig Jahre danach spielten im zentralen Saal amerikanische Soldaten Basketball. Sogar Pferdedressuren des Zirkus Krone waren hier zu erleben. Und die von Künstlern ausgestalteten Faschingsfeste im Haus der Kunst waren 25 Jahre lang eine Institution. In den späten 50er Jahren wieder in deutsche Verwaltung gegeben, wurde das Haus architektonisch entnazifiziert : Der zentrale Saal bekam ein rein weißes und damit vorgeblich unschuldiges Innenleben. Dass die Untertunnelung des Prinz-Carl-Palais eine massive Straßenverbreiterung und damit die Beseitigung der herrschaftlichen Freitreppe vor dem Gebäude verlangte, passte in dieses Konzept. Die Baumreihe vor dem Haus nannte einer der Architekten dessen heutige Schamhaare: Sie sucht das politisch belastete Haus so gut es geht zu verstecken. 4

5 Das Haus der Kunst mit dem aufblasbaren Blumenbouquet, das Paul McCarthy 2005 anlässlich seiner Ausstellung "La La Land Parodie Paradies" auf dem Dach installiert hatte. Bäume und Kunst versteckten die Architektur bis zur Unkenntlichkeit. Foto: Christoph Seeberger Als Chris Dercon die Nachfolge von Christoph Vitali antrat, gab er die Parole eines kritischen Rückbaus aus. Die weiße Verkleidung der zentralen Halle verschwand. Das Haus zeigt wieder seine ursprüngliche Architektur. Und es zeigt sich, dass es für die gegenwärtige Kunst mit ihren teilweise exorbitanten Formaten hervorragend geeignet ist. Für den zentralen Saal haben die Freunde des Hauses der Kunst einen von der Künstlerin Petra Blaisse entworfenen raumhohen Innenvorhang spendiert. Er schafft einen Raum im Raum und trennt so Veranstaltungsgäste von Ausstellungsbesuchern, denn der Saal ist gleichzeitig Hauptzugang zum Ostflügel mit seinen Ausstellungsräumen. Seit Anfang Oktober hängt diese blaugraue und teilweise bedruckte Wand aus PVC und Baumwollsamt eine neutrale Folie für Festivitäten, Installationen und Projektionen. Der Westteil des Hauses der Kunst wird wieder frei. Was hinein kommt ist noch offen Im Westteil des Hauses wird das Theater seine Gastspielzeit nicht verlängern und zieht voraussichtlich im kommenden Frühjahr aus. Dercon liebäugelt mit einer kommerziellen Nutzung durch das Haus der Kunst selbst, um mit solchen Einnahmen den Kunstbetrieb im Ostflügel zu finanzieren und damit den Betrieb des Hauses von Steuergeldern unabhängig zu machen. Jacques Herzog plädierte mehr für eine ganzheitlich künstlerische Nutzung. Für Wigley ist das gesamte Gebäude ein think tank to work against a building that was supposed to stop people thinking. Das Haus kann sich aus seiner NS-Geschichte also nicht lösen. Aus dem Publikum kam sogar der Vorschlag, im frei werdenden Westteil die Eröffnungsausstellung von 1937 mit NS-genehmer Kunst nochmals zu zeigen. Wozu? fragte Koolhaas. Da gäbe es etwas zu lachen, meinte Herzog, für den Architektur selbst niemals schuldig sein, aber sehr wohl missbraucht werden kann. Auch die unzureichende Einbindung des Hauses der Kunst in die Umgebung ist neu zu durchdenken. Zwischen den Zeilen dieser Diskussion klang schon einmal an, dass die Unterfahrung des Prinz-Carl-Palais vielleicht nicht für alle Zeit gebraucht wird. Der Kunstbau des Lenbachhauses zwischen dem U-Bahnhof Königsplatz und der Straßenoberfläche hat gezeigt, dass ein Ausstellungsveranstalter auch eine vom Verkehr erzeugte unterirdische Räumlichkeit recht gut bespielen kann. Eine Wiedererrichtung der Freitreppe wollte dann niemand ausschließen. Auch die Einbindung in den Park ist schon einmal besser gewesen. In den Jahren nach der Eröffnung war die riesige Terrasse der Hauses der Kunst auf der Nordseite, in den Englischen Garten hinein, der Platz für ein beliebtes Café. Gernot Brauer 5

6 Das Lenbachhaus modernisiert sich. Im Dezember entscheidet der Stadtrat: Reichstag-Architekt Foster soll auch in München bauen Die Städtische Galerie im Lenbachhaus will sich von ihrem Anbau an der Brienner Straße durch einen Neubau aus dem Büro des Londoner Star-Architekten Sir Norman Foster ersetzen. Im Frühjahr sollen die Bauarbeiten beginnen. Das ist aber auch schon alles, was man bei der Stadt derzeit erfährt. Der Auftrag an Foster zur Analyse der Situation des Lenbachhauses liegt offenbar vor. Im Dezember beschäftigt sie den Kulturausschuss des Stadtrats. Wie die frühere Sitzung, in der ein rund 50 Millionen teurer Umbau des Lenbachhauses auf den Weg gebacht wurde, ist sie aber nicht öffentlich. Das Kulturreferat verweist ans Baureferat, dieses an das Lenbachhaus und dessen Pressestelle an dessen Leiter Kurt Laube. Der teilt lediglich mit: Wie Ihnen ja bekannt ist, hat der Stadtrat der Landeshauptstadt München am einstimmig das von Baureferat und Kulturreferat vorgelegte Konzept zur Gesamtsanierung der Städtischen Galerie im Lenbachhaus mit einem Gesamtvolumen von 51,2 Mio Euro beschlossen und die Verwaltung beauftragt, auf dieser Grundlage eine Entwurfsplanung zu erstellen und die Ausführung vorzubereiten. Das müsse zunächst dem Stadtrat vorgelegt werden. Ich bitte deshalb um Verständnis, dass ich Ihnen zu Ihrer Anfrage derzeit keine Auskunft erteilen kann. Das Kulturreferat und die Städtische Galerie im Lenbachhaus werden die Öffentlichkeit über die Planung und das weitere Vorgehen zu gegebener Zeit informieren. Warten wir also ab, warum diese Planung wie eine geheime Kommandosache läuft. GBr Münchner Forum über ein vernachlässigtes Stück des historischen Zentrums: Im Tal: ankommen, ausspannen und frische Kraft tanken? Jahrhunderte lang war das Tal ein Rastplatz für Bürger und Fremde. Hier spannten nicht nur Fuhrknechte die Pferde aus. Hier entspannten auch Reisende und Münchner Bürger. Und heute? Traditionsgaststätten gibt es zwar noch, auch Schnellrestaurants. Aber Aufenthaltsqualität hat das Tal derzeit nur wenig zu bieten. Für den Pfarrer der Heiliggeistkirche ist seine nördliche Kirchenwand nur mehr eine Lärmschutzmauer und die Kirchentür zum Tal wegen des Verkehrs direkt davor nicht mehr als ein Notausgang. Dabei müsste das alles nicht so sein. Darüber waren sich die Arbeitskreise Innenstadt und Stadtgestalt des Münchner Forums mit dem Bezirksausschuss Altstadt in einer gemeinsamen Aussprache über das Tal am 15. November weitgehend einig. Die Stadtverwaltung hat zwar etwa im Jahr 2000 einmal Pläne entwickelt, wie die Fahrbahnen im Tal ein bisschen schmäler und die Bürgersteige ein bisschen breiter werden könnten. Aber damit wäre erstens nichts Entscheidendes gewonnen, und zweitens sind diese Pläne seither mit jeder Fortschreibung des städtischen Haushalts wieder auf die lange Bank geschoben worden. In diesem Jahrzehnt soll das Tal nun nicht weiter vor sich hin dämmern. Das hat erst jüngst der Stadtrat beschlossen. Was München da an städtischer Qualität haben könnte, erschließt sich erst bei näherem Hinsehen: einen zentralen und trotzdem weniger quirligen Raum als die Fußgängerzone, authentischer, charaktervoller, unverwechselbarer. Dass es mit dem Tal nicht weiter bergab ging, hat der Bezirksausschuss in zähen Gesprächen mit einzelnen Hausbesitzern erreicht. Er konnte verhindern, dass sich hier wie in der Bahnhofsgegend Spielhöllen und Sexshops einnisteten. Der Gesamteindruck der Straßenraumes ist aber enttäuschend. Die Fahrbahnen sind überbreit so breit, dass Autos regelmäßig in zwei Reihen 6

7 dort parken. Beidseitige Radwege gibt es nicht. Eine geforderte Baumreihe zumindest im Abschnitt zwischen der Hochbrückenstraße und dem Isartor lässt auf sich warten. Die Fußwege sind teilweise so mit Freischankmöbeln und allerlei anderem Zierrat verstellt, dass Fußgänger kaum noch durch kommen. Die Aufenthaltsqualität der Straße ist sehr gering. Erwartet wird Raum zum Verweilen, zum Schauen und Staunen, zum Reden und Rasten Schon der Zugang ins Tal vom Marienplatz aus schreckt eher ab. Dabei ließe er sich mit wenigen Mitteln grundlegend verbessern. Bilder: Sieber Auffallend ist die schlechte Betretbarkeit des Stadtraums für den Fußgänger vom Marienplatz und vom Isartor. Gerade hier wäre mit der angrenzenden Heiliggeistkirche ein besinnlicher Ruheraum zu erwarten. Schon der Zugang vom Marienplatz durchs Alte Rathaus führt aber über Fahrbahnen, Mittelinseln und Abgrenzungen. Die schmalen Zebrastreifen, auf denen sich die Fußgänger ballen und es oft zu gefahrvollen Situationen zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern kommt, liegen neben einer Fahrbahn, die größtenteils als Autowendeplatz benutzt wird. Trotz Zebrastreifen laufen Fußgänger kreuz und quer über die Straße eine gefährliche, unübersichtliche Situation, die ganze Aufmerksamkeit erfordert. Die jetzige Situation verschenkt, ja verhindert jede Qualitätserfahrung dieses wertvollen Stadtraums. Dabei bedarf es nur weniger Entscheidungen, um hier angemessene Verhältnisse zu schaffen. Wer seine Stadt für seine Bürger und Gäste schön herrichten will, müsste eine völlig andere Erschließung anbieten. Mit seinen jetzigen Zugängen wird den Besuchern die Qualität des Tals verheimlicht Das Gleiche gilt am anderen Ende des Tals: Das Isartor, das wie das Sendlinger Tor zum Hindurchgehen einladen sollte, ist in die Wegebeziehungen des Fußgängers nicht integriert. Es hat eine abweisend öde Sperrfunktion und ist den Belangen des Autoverkehrs völlig untergeordnet. Die Münchner und ihre Gäste haben deshalb auch wohl nur selten den S-Bahnhof Isartorplatz als Ziel, wenn sie in die Innenstadt wollen. Darunter leidet der Platz. Er kämpft vergebens um Qualität. Auch mit den S-Bahn-Ausgängen wird dem Besucher das bedeutende Stadterlebnis verheimlicht. Altstadtring und S-Bahnhof dürfen aber keine Qualitätskiller sein, sondern sollen im Dienst der Stadtqualität stehen. Hat es der Fußgänger endlich in den Stadtraum Tal geschafft, dann wehrt sich dessen Zustand gegen seine Qualität. Lange Autoparkschlangen und die überbreite Fahrbahn zerteilen den Straßenraum und verhindern, dass er als Ganzes wahrgenommen und erlebt wird. Der fließende Autoverkehr trägt sein Teil dazu bei. Erst wenn sich hier etwas ändert, ließe sich dieser Stadtraum wieder sinnvoll gestalten, würde die Aufenthaltsqualität steigen, hätten die ansässigen Geschäftsleute auch wieder mit mehr und besseren Kunden zu rechnen. Geht man zudem langsam durch das Tal, stellt man besorgt fest, dass die zum Stadtraum Tal gehörende Maß- 7

8 stäblichkeit bei vielen Gebäuden verloren geht. Öde Fensterflächen reißen Erlebnislöcher in den Straßenraum. Das Tal mit seinen Quergassen: ein interessanter, im Mittelalter entstandener, einmaliger Raum Denkt man sich die heutige Situation weg, bietet das Tal einen interessanten, im Mittelalter entstandenen, einmaligen Raum. Der Wunsch zu Verweilen stellt sich unmittelbar ein. Das mittelalterliche Gefühl von Enge und Ballung, das besonders die Querstraßen des Tals auch heute noch erzeugen, ließe sich mit neuer Gestaltung gut erleben. Die Weite des Raums, die Vielfalt der Bauformen könnten das Tal zu einem sehr speziellen und beliebten Stück München machen. In den oft kleineren Geschäften halten sich Traditionsfirmen, die es anderswo im Zentrum kaum mehr gibt. Substanz ist also da. Die Stadt muss sie nur nutzen. Die Heiliggeistkirche am stadtseitigen Ende des Tals zum Viktualienmarkt ist ältester Münchner Boden. Die Pfarrei feiert 2008 ihr achthundertjähriges Bestehen. Aber ihr Pfarrer Dr. Thomas Amann nennt die talseitige Kirchenwand nur mehr eine Schutzmauer gegen den anbrandenden Verkehr. Besonders in der Nacht sei das Tal nichts anderes als eine Rennstrecke für Taxis. Dabei ist diese Straße für den allgemeinen Verkehr, abgesehen von einem Notausgang in die Sparkassenstraße, ohnehin eine Sackgasse. Fremde fahren hinein, auch Touristenbusse, nur um am Alten Rathaus wenden zu müssen. Demnächst nimmt der Pkw-Verkehr im äußeren Tal wohl ab. Gerade hat der Stadtrat nämlich beschlossen, dass das Parkhaus an der Herrnstraße abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden soll, der in seinen Kellern wie der Angerblock am Oberanger zwar Stellplätze erhalten wird, aber weniger als derzeit. Wie man mit dem Autoverkehr im Tal, wie man mit dem Anliegerverkehr und Wirtschaftsverkehr umgeht all das ist offen. Aber es zeigt sich: Es lohnt sich, über das Tal nachzudenken. Die Bevölkerungszahl in der Gegend rum um das Tal steigt wieder an Dazu passt, dass das Tal und seine Umgebung wieder mehr Menschen anziehen. Der Bevölkerungswegzug ist, wenn auch auf niedrigem Niveau, gestoppt und kehrt sich um. In der Heiliggeistkirche werden wieder mehr Menschen getauft und verheiratet als in der Pfarrei Menschen sterben. Nun möchte der Pfarrer auch seinen Kirchenbau wieder im Zentrum seiner Gemeinde sehen. Sie sollte auf einem Platz stehen, nicht an einer Kreuzung. Die Münchner Bürger, die sich in zwei Arbeitskreisen des Münchner Forums intensiv mit dem Tal befasst haben, waren sich einig: Das Tal ist eine Revision wert. Seine Qualitäten müssen wieder erlebt werden können. Entschleunigung ist hier angesagt und nicht freie Fahrt für Autos, deren Fahrer oft genug gar nicht wissen, dass das Tal seit einer Generation keine Durchgangsstraße mehr ist. Nicht alles ist möglich auch das wurde in der Forums-Debatte schnell klar. Die in den späten 1960er Jahren zugeschütteten Stadtbäche sind nicht reaktivierbar. Aber ein flaches Gerinne das Tal hinunter wie in Freiburg im Breisgau ist damit ebenso wenig ausgeschlossen wie ein weiterer Brunnen. Die Aufwertung des inneren Tals zwischen Hochbrückenstraße und Altem Rathaus als ein städtischer Platz muss nicht heißen, allen Verkehr auszusperren. Italienische und bundesdeutsche Städte zeige vielerorts, dass es auch anders geht. Aber eine Verkehrsberuhigung erscheint ohne Alternative. Was immer mit dem Tal künftig geschieht: Eine Revision darf nicht nur diesen einen Straßenzug sehen. Dazu ist das Beziehungsgeflecht im Zentrum viel zu komplex. Der Vorsitzende des Bezirksausschusses Altstadt-Lehel, Wolfgang Püschel, fand überwiegend Beifall mit seinem Wunsch, dass Bau-, das Planungs- und das Kommunalreferat sollten im Gespräch mit den Bürgern Pläne auch für das Umfeld dieses traditionsreichen Münchner Straßenzuges entwickeln. Das Forum wird diese Debatte weiter fordern und fördern. Im Januar soll das Stadtarchiv Gelegenheit haben, die historische Dimension des Tal noch intensiver zu beleuchten. GBr/WCz 8

9 Nächstes Jahr feiert nicht nur München Geburtstag, auch eine der ältesten Kirchen: Das Spital Heilig Geist im Tal wird 2008 achthundert Jahre alt Münchens älteste Kirche stand angeblich im Tal. Seit 1208 ist dort die Katharinakirche verbürgt, damals verbunden mit einem Pilgerheim der Heilig-Geist-Brüder. An dessen Stelle erstreckt sich heute der Viktualienmarkt. Das Tal gehörte schon immer zu den alten Siedlungsgebieten in München, auch wenn es außerhalb der ursprünglichsten Stadtmauer lag. Hier stand wohl das wahrscheinlich älteste Kirchlein, der heiligen Katharina geweiht. So übernimmt es jedenfalls Stadtpfarrer Huhn im Jahre 1891 aus älteren Quellen in sein umfangreiches Werk über die Geschichte des Spitals. Diese Katharinakirche war mit einem Friedhof versehen bereits eine eigenständige Institution, als im Jahre 1208 Herzog Ludwig der Kelheimer dort ein Pilgerheim gründete und dies dem neuen päpstlich bestätigten Orden der Heilig Geist-Brüder zur Pflege und Verwaltung übergab. Wo früher das Heiliggeistspital stand, erstreckt sich jetzt der Viktualienmarkt Da mit zunehmender Bevölkerung der jungen Stadt München auch die Anzahl derer wuchs, die in dem Pilgerhaus Zuflucht suchten und auch fanden, legte Herzog Otto II. der Erlauchte 1253 den Grundstein zu einem neuen Spital und einer Kirche und fasste die Stiftung seines Vaters zu einem großen Baukomplex zusammen. Die Kirche konnte bereits wenige Jahre später in romanischem Stil vollendet und 1258 geweiht werden. Bischof Konrad II. von Freising erhob das Spital im Jahre 1271 zu einer eigenständigen Pfarrei. Da die Münchener Spitalstiftung einem großen Zeitbedürfnis entgegenkam und von den Bürgerinnen und Bürgern tatkräftig unterstützt wurde, versorgte man hier unzählige Arme und Kranke. Hinzu kamen notwendig ein Findel- und Waisenhaus und weitere Sozialeinrichtungen mit entsprechenden Wirtschaftsgebäuden. Versehen mit Gut und Vermögen, ausgestattet mit päpstlichen Privilegien und ältesten Bierbraurechten, entwickelte sich das Heilig Geist-Spital zu einem ansehnlichen Areal von Gebäuden, das dem heutigen Umfang des Viktualienmarktes entsprach. Nach einem verheerenden Brand von 1327, der Kirche und Spital schwer in Mitleidenschaft zog, errichtete man einen neuen Kirchenbau als gotische Hallenkirche, der stilbildend wirken sollte und in der wesentlichen Struktur noch heute erkennbar ist. Die Barockzeit gab der Spitalkirche ein neues Gesicht im Empfinden der Zeit unter der prägenden Hand der Gebrüder Asam und den heutigen Turm, der den in die Stadt Reisenden schon von weitem grüßt. Da aber die fortschreitenden Bedürfnisse von Pflege und Hygiene die Verlagerung der Spitaleinrichtungen und deren moderne Neubauten immer weiter an den Stadtrand drängten, verlor das Heilig Geist-Spital zunehmend an Bedeutung. Die Gebäude wurden Stück für Stück abgerissen oder fremdem Zweck zugeführt, bis schließlich das Spital am bisherigen Standort aufgelöst wurde und das frei gewordene Gelände als Viktualienmarkt eine neue Bestimmung fand. So konnte heuer der Markt sein 200jähriges Bestehen feiern. Mit einem Sylvesterkonzert beginnt das Jubiläumsjahr von Heiliggeist und ganz München Vom ehemaligen Spital blieb allein die Heilig Geist-Kirche als Gebäude erhalten. Sie verweist aber nach wie vor mit ihren Fresken und Altären auf die große Geschichte des Münchener Spitals, auf die schon immer gewusste Verbindung von Caritas und christlichem Glauben, auf die Einheit von Mitmenschlichkeit und Gotteslob und auf den Halt des Menschen in den Krisen und Gebrechlichkeiten seiner Existenz. Wenn wir also im Jahre 2008 das 800 Jahr-Jubiläum der Spitalgründung Heilig Geist feiern dürfen, eingebettet in das 850 Jahr-Jubiläum der Stadtgründung Münchens, dann sehen wir darin Dank und Verantwortung. Dem wollen wir entsprechen und das herausragende Jubiläumsjahr mit einem Silvester-Jubiläumskonzert in der Heilig Geist- Kirche beginnen. Dr. Thomas Amann, Pfarrer von Heiliggeist 9

10 Kommentar: Wie geht es weiter mit dem Ausbau des Olympiaparks? Die Bauplanung für den Olympiapark muss öffentlich sein Hinter den Kulissen wird die nächste Umbauphase des Olympiaparks vorbereitet. Zwar liegen der Stadt noch keine konkreten Baupläne vor, aber eine Projektstudie ist schon in Arbeit. Wir sagen: Der Park verträgt keine Entscheidungen hinter verschossener Tür, auch keine noch so vorläufigen. Die Debatte muss öffentlich sein. Man erinnert sich: Vor ein paar Jahren erst sah sich die Stadt mit der Forderung des FC Bayern nach einem neuen Fußballstadion konfrontiert. In dem sollte es brodeln: Die Fans sollten vom ansteckenden Fußballfieber gepackt werden. Zunächst hatte sich die Stadtvertretung gegen das Ansinnen nach dem Hexenkessel gesträubt, dann dem Druck der Vereine nachgegeben und das Stadion für den Abriss bzw. Totalumbau freigemacht. Erst ein Sturm der Entrüstung hatte sie zögerlich zur Einsicht gebracht, dass das Olympiastadion für einen großer Teil der Öffentlichkeit über seine inzwischen denkmalgeschützte Weltarchitektur hinaus ein Symbol für das moderne demokratische München ist. Verständnis für das Stadtbewusstsein bei gewählten Verantwortlichen wenig entwickelt Mit den Olympiabauten und dem Olympiapark hatten seine Schöpfer Günther Behnisch, Frey Otto und Günter Grzimek demokratische Gelassenheit für heitere Spiele in Architektur und Landschaft umgesetzt. Fassungslos musste man zur Kenntnis nehmen: Dies und überhaupt das Verständnis für das Stadtbewusstsein der Münchner ist bei den gewählten Verantwortlichen wenig entwickelt. Nun heißt es wieder, bald werde Hand an das Ensemble des Olympiaparks gelegt. Sollte das eben erst gerettete Olympia-Ensemble erneut gefährdet sein? Das erklärt den Aufschrei, der jüngst durch die Presse ging. Schon der Argwohn zeigt: Das Vertrauen in das Einfühlungsvermögen der Verantwortlichen in der Olympiapark GmbH und in der Stadt ist nicht eben groß. Die Fußball-Arena in Fröttmaning hat die Olympiapark GmbH um erhebliche Einnahmen gebracht. Diese Verluste gilt es zu minimieren. Das muss geschehen, ohne den Park selbst zu gefährden. Auch das Münchner Forum hat sich für eine Zonierung des Olympiaparks stark gemacht. Der Stadtrat hat sie 2005 auch beschlossen. Sie trennt seither einen Tabubereich und in einen Entwicklungsbereich. Freibereiche des Olympiaparks müssen uneingeschränkt öffentlich bleiben Als Entwicklungsbereich gilt das Areal von der BMW Welt bis zum Fernsehturm. Ein Teil der Gebäude, die dort stehen, stammt noch aus der Zeit vor der Entscheidung für Münchens Olympische Spiele. Sie haben mit dem denkmalgeschützten Ensemble des Zeltdachs nicht viel zu tun. Wird hier baulich erneuert, kann der Gesamteindruck durchaus besser werden. Weitere Wachsamkeit bleibt aber notwendig, damit auch in Zukunft die Freibereiche den Besuchern uneinbeschränkt zur Verfügung bleiben. Nun kommt an die Öffentlichkeit, dass ein Investor mit Kenntnis der Stadt eine Projektstudie beauftragt hat, um Spielräume für einen weiteren Ausbau dieses Entwicklungsbereichs zu ermitteln. Das wäre eigentlich völlig in Ordnung auch deshalb, weil dieser Untersuchungsauftrag an das Architekturbüro Auer + Weber ging, das den Abriss und Neubau des Olympiastadions aus Verantwortung gegenüber dem eigenen Werk und dessen gewachsener öffentlicher Bedeutung nicht mittragen wollte. Trotzdem ist Misstrauen angebracht. Für die Stadtgesellschaft bleibt es nämlich das übergeordnete Ziel, nicht aus dem Olympiapark aus kommerziellen Gründen ausgeschlossen zu wer- 10

11 den. Das ist keine grundlose Befürchtung. Dies zeigt das unrühmliche Ende des Gesundheitsparks im Stadion-Untergeschoss. Die Olympiapark GmbH hat diese Einrichtung der Volkshochschule dort regelrecht heraus gemobbt. Das Instrumentarium der Daumenschrauben reichte von Konkurrenzangeboten zu Dumpingpreisen über überhöhte Parkplatzgebühren für die Volkshochschulbesucher bis zur Renovierungsverweigerung. Alles wurde aufgeboten, um Nutzer mit schmalem Geldbeutel zu vergraulen. Offener Umgang mit dem Olympiapark erfordert eine öffentliche Debatte Dazu passt, dass künftig Spielräume für ein Olympic Recreation Centre geschaffen werden sollen. Die Idee, auch die ältere Generation fit und damit erst einmal körperlich in Bewegung zu halten, sie mit Hotel und Wellness und allem anderen, was man sich in diesem Bereich bis hin zu medizinischer Betreuung, wünschen mag, ist erst einmal gut. Aber sie ist offenbar zugeschnitten auf Menschen mit großem Geldbeutel, auf ein zahlungskräftiges Publikum. Sollten diese Der Olympiapark, wie man ihn kennt. Foto: Wenzel Veränderungen zur Verringerung des Olympiaparkdefizits führen, ist das aus der Sicht der GmbH durchaus in Ordnung. Das darf aber die Zugänglichkeit des Parks nicht einschränken. Er muss im Kern öffentlich bleiben. Seine Ausbauten dürfen das Landschaftbild des Parks nicht zu dominieren versuchen. Sollten sie das Ensemble der Olympiabauten von 1972 beschädigen, wäre eine Bewerbung Münchens um die Olympischen Spiele 2018 unglaubwürdig. Das Münchner Forum fordert daher von der Stadt einen offenen Umgang mit der Entwicklungsplanung des Olympiaparks. Das Nutzungsziel und die beabsichtigte städtebauliche Einbindung müssen öffentlich zur Diskussion gestellt werden. Konsequenzen zur Nutzbarkeit des Olympiaparks für die Stadtgesellschaft und ihre Gäste sind eindeutig zu klären. Das Münchner Forum bereitet eine solche Veranstaltung vor. Wolfgang Czisch Nächstes Jahr wird es ernst mit dem NS-Dokumentationszentrum am Königsplatz: Wie groß genau gebaut wird bestimmt der Bundeshaushalt Im Jahr des 850. Münchner Stadtjubiläums soll das NS-Dokumentationszentrum auf dem Grundstück des ehemaligen Brauen Hauses begonnen werden. Ein Wettbewerb ist vorbereitet. Offen ist aber noch, was der Neubau kosten darf. Auf dem Grundstück zwischen Karolinen- und Königsplatz an der Nordseite der Brienner Straße lagen die Fundamente der früheren NS-Parteizentrale zeitweilig frei. Inzwischen wächst über sie wieder Gras. An der Stelle des Braunen Hauses soll bekanntlich das NS-Dokumentationszentrum entstehen. Sein äußerlich sichtbarer Teil wird ähnlich groß werden wie der Vorgängerbau. Um die vorgesehenen rund Quadratmeter BGF für Veranstaltungen, Seminarräume und eine Dauerausstellung samt allen Nebenräumen unterbringen zu können, sind aber zusätzlich zwei Kellergeschosse bis zur doppelten Grundfläche des oberirdischen Neubaus geplant. Ob es dazu kommt, hängt nicht nur vom Bundeshaushalt 2008 ab, sondern auch davon, wie viele der geplanten bis zu rund neun Millionen Euro Kosten tatsächlich frei gemacht werden. Mit einer definitiven Entscheidung rechnet die Stadt in diesem Jahr nicht mehr. Sobald klar ist, wie teuer das Vorhaben werden darf, soll der vorbereitete Wettbewerb laufen. GBr 11

12 Das Münchner Forum fragt danach, was den ErlebnisRaum Schule bestimmt: Welche Schulgebäude benötigt die Wissensgesellschaft? Zuerst prägen wir Bauten, und dann prägen sie uns. Weil das so ist und weil das in jungen Lebensjahren besonders stark gilt, definieren Schulbauten immer ein Stück weit mit, auf welche Art von Leben sie vorbereiten: auf die Einordnung in lebenslang fremdbestimmende Hierarchien oder auf Selbstorganisation mit Teamorientierung in der multioptionalen Wissensgesellschaft. Im Schuljahr 2009 will der Arbeitskreis Bildung des Münchner Forums Architekten und Pädagogen, Schüler und Eltern und andere Experten einladen, ein Wochenende lang im Haus der Bayerischen Architektenkammer und auf Exkursionen über zeitgemäße Schulbauten nicht nur nachzudenken, sondern aus dem Ergebnis dieses Nachdenkens auch Konsequenzen zu ziehen. Selbst ästhetisch sehr gelungene Schulbauten wie Münchens Vorzeige-Schule am Hildegardvon-Bingen-Anger auf der Nordheide (Bild) gerieten im Korsett der Richtlinien zu weitgehend konventionellen Ansammlungen von Klassenräumen. Was besonders in Privatschulen längst überwunden ist, bestimmt im staatlich bestimmten Schulhausbau noch immer, was Architekten tun dürfen und Lehrer wie Schüler aushalten müssen. Die Anforderungen an junge Menschen in der aufkommenden Wissensgesellschaft haben mit dem, wozu in der traditionellen Industriegesellschaft erzogen und ausgebildet wurde, nur noch wenig zu tun. Schulhäuser, die einstmals eher Kadettenanstalten glichen und noch in der jüngeren Vergangenheit aus ähnlichem Geist Kaderschmieden genannt werden konnten, präparieren nicht ausreichend für die offene Gesellschaft. Aber es gibt Beispiele für Schulbauten, in denen Kinder und Jugendliche sich nicht nur zuhause fühlen, sondern auch erlernen, ihr Leben wissensorientiert zu organisieren. Dass Schulbauten außerdem ein Mindestmaß an technisch bestimmter Aufenthaltsqualität bieten müssen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Trotzdem gibt es zahllose Klassenräume, deren akustische Qualität zum Himmel schreit, die von zu viel Sonne brutal aufgeheizt werden, in denen gedankenlose Möblierung einen freiheitlichen Umgang unendlich schwer macht und viele andere unnötige Ärgernisse mehr. Eine Veranstaltung des Münchner Forums unter dem Arbeitstitel ErlebnisRaum Schule im kommenden Herbst will diesen Fragen nachgehen: Wie müssen Schulbauten in der Wissensgesellschaft pädagogisch und wie müssen sie technisch funktionieren? Welche pädagogischen Konzepte brauchen welchen Raum? Viel zu selten reden Bürokraten in Ministerien und Schulämtern, Architekten und Lehrer, Schülerinnen und Schüler hierüber miteinander. Für diesen Dialog will der Arbeitskreis Bildung im Herbst 2008 eine Plattform errichten. Geplant ist an einem Freitag Nachmittag zunächst eine geführte Exkursion zu Schulgebäuden in München und im näheren Umland und am nächsten Tag, an einem Samstag, eine Erörterung von Chancen und Risiken im Schulhausbau für den ErlebnisRaum Schule in der Wissensgesellschaft. Wenn Sie sich in die Vorbereitung dieses Themas noch mit einklinken möchten, kontaktieren Sie bitte die Arbeitskreis-Sprecherin Doris Niemann unter Gernot Brauer 12

13 Wolfgang Czisch zum jüngst eröffneten Neubau der BMW Welt am Olympiapark: Wesentlich weniger,wolke, als wir gedacht haben Wolfgang Czisch äußerte sich in einem Interview im Mittagsmagazin des Bayerischen Rundfunks mit Stadtbaurätin Elisabeth Merk und dem Architekturmuseums- Chef Winfried Nerdinger am 3. November zum Neubau der BMW Welt. Die Fragen stellte Christoph Wiedemann. Hier Czischs zwiespältiger Eindruck: Zunächst einmal hat der ausgeschriebene Architektenwettbewerb unsere große Zustimmung gefunden und wir sind auch glücklich darüber, dass so ein spektakuläres Unterfangen daraus geworden ist. Ein vollkommener Solitär, der auf die Olympiabauten antwortet, ist dort entstanden. Wir dachten allerdings, dass BMW sich stärker an der Luftigkeit und der demokratischen Offenheit der Olympiaanlagen orientieren würde. Dem ist aber nicht so. BMW hat der Olympiaarchitektur eine Skulptur entgegengesetzt, die sich hauptsächlich nach innen orientiert. Zwar ist die Skulptur nach außen hin sichtbar, sie ist aber wesentlich weniger Wolke, als wir gedacht haben. Sie ist schwer und kompakt. Sie ist sehr körperlich; nicht aufgelöst. Vielleicht liegt das auch daran, dass BMW doch nicht alle Wünsche des Architekten erfüllen wollte, so dass es ein stark nach innen gewendetes Bauwerk ist. Da soll ein Gefühl heraufbeschworen werden, wie wenn jemand heiratet Wiedemann: Es ist ja ein Gebäude, das keinen handfesten Zweck hat. Denn für die Auslieferung allein brauche ich nicht diesen riesigen Gebäudekomplex. Es ist ja in erster Linie eine Inszenierung. Da soll ein Gefühl heraufbeschworen werden. Es werden in diesem Zusammenhang Bilder genannt, wie wenn jemand heiratet: der wichtigste Tag im Leben eines Mannes ist wenn er seinen BMW abholt und das wird dann mit allen Mitteln inszeniert. Das heißt es ist ein Gebäude, das der Show und der Manipulation dient, oder? Czisch: Das ist ganz eindeutig so, was ja theatralisch auch nicht anstößig ist. Nur ist die Frage, ob das eine gesellschaftliche Botschaft ist. Die gesellschaftliche Relevanz dieses Gebäudes ist wahrscheinlich kleiner, als der Anspruch im Stadtkörper. BMW ist natürlich ein ganz wichtiger Player in München, aber zur gesellschaftlichen Debatte, die gegenwärtig weltweit ansteht, ist dieses Gebäude kein Beitrag. Das zentrale Thema dieses Gebäudes ist nicht, wie die Schäden, die das Automobil in der Umwelt anrichtet, verringert werden können, sondern umgekehrt, wie vergrößere ich die Inbrunst, mit der die Menschen leidenschaftlich an das Auto gebunden werden können. Eine Gegenbewegung zur Zeitproblematik, sozusagen ein letzter Versuch, die gesellschaftlichen Realitäten zu leugnen. Monumentalbauten heute. das goldene Kalb gegen die zehn Gebote? Wiedemann: Monumentalbauten von dieser Größe sind eigentlich in der Geschichte der Architektur erst einmal religiöse Bauten. Bei den alten Griechen sind es die Tempel, die mit enormem Einsatz erbaut wurden. Im Mittelalter sind es dann Kathedralen, also ebenfalls Orte der religiösen Identifikation, der Beziehung zu einem Überirdischen. Später, in der bürgerlichen Zeit, sind es Orte gewesen, die immer noch öffentliche Orte sind, jedoch von einer politischen Tragweite, in der sich die gesamte Bevölkerung repräsentiert sehen kann, ob es jetzt ein Reichstag ist oder ein Rathaus oder auch ein Justizpalast in München. Bei dieser BMW Welt ist dieser Gedanke eigentlich weg. Das ist nichts Öffentliches mehr, sondern es ist etwas Privatwirtschaftliches. Czisch: Es ist eine quasireligiöse Angelegenheit, sozusagen das goldene Kalb gegen die zehn Gebote und das ist natürlich ein sehr modernes Verhältnis zum Besitz. Eine Choreographie, die hier sehr perfekt beherrscht wurde und von daher eine religionsähnliche Situation herbeiführt. Das müsste im katholischen Bayern eigentlich aufstoßen. 13

14 Baugestaltung trotz, wegen und mit der neuen Bayer. Bauordnung (BayBO 08): Auf Wiedersehen Abschied von den Regeln der Baukunst? Trotz breiter Beteiligung interessierter Kreise im Vorfeld haben viele noch nicht registriert: Am tritt die neue Bayerische Bauordnung in Kraft. Einmal mehr soll alles einfacher werden. Die Auswirkungen der Reform auf das so wichtige Thema der Baugestaltung schilderte der Chef der Lokalbaukommission, Cornelius Mager, in der Novembersitzung der Stadtgestaltungskommission. Kernstück der Reform: Das Vereinfachte Verfahren, mit dem rund 80 Prozent der Bauvorhaben in München abgehandelt werden, wird weiter ausgedünnt. Künftig werden Bauvorhaben nur noch anhand nur noch anhand des Bauplanungsrechts und örtlicher Satzungen geprüft. Das gesamte Bauordnungsrecht damit auch der Verunstaltungsparagraph werden in die Eigenverantwortung der Bauherren gegeben. Damit wird es nach LBK-Einschätzung künftig schwerer werden, im Vorfeld einer Baugenehmigung Gestaltungsfragen überhaupt noch zu thematisieren. Bisher enthielt Art. 11 BayBO in seinem ersten Absatz neben dem Verbot der Verunstaltung auch das positive Gebot, bauliche Anlagen nach den anerkannten Regeln der Baukunst durchzubilden. Natürlich, so Mager, sei es dabei nicht um einen starren Katalog von Gestaltungsregeln gegangen. Die Zeit, in der die LBK noch mit Rotstift und Stempel die Ordnung der Geschosse und ihrer Gliederungen vorgeschrieben hatte, seien ohnehin seit langem vorbei. Die Vorschrift war vielmehr der Aufhänger, zwischen Bauherrn, Architekt und Behörde den fachlichen Diskurs über die richtige Gestaltung in Gang zu setzen. Die anerkannten Regeln der Baukunst werden gegen viel Protest aus der Fachwelt jetzt aus dem Gestaltungsparagraphen verbannt und finden ihr sanftes Ende in einem allgemeinen Auffangtatbestand, dem Art. 3 BayBO, der allerdings nur bei Gefahr für Leib und Leben überhaupt aktivierbar ist. Es gebe wenige Vorhaben, kommentiert Mager, bei denen die Gestaltung aus Gesundheitsgründen hätte thematisiert werden müssen. Anerkannte Regeln der Baukunst gelten nicht mehr, nur mehr ein Verunstaltungsverbot Es bleibt das Verunstaltungsverbot, eine Regel, die nach der Rechtsprechung auf die Einschätzung eines für ästhetische Belange aufgeschlossenen Durchschnittsbetrachtes abstellt, also auf den Laiengeschmack. Dieses Verunstaltungsverbot künftig in Art. 8 BayBO 08 muss grob und für jeden offensichtlich verletzt sein, damit dieser Paragraph noch anspringt. Der Begriff der anerkannten Regeln der Baukunst hatte den Dialog der Fachleute im Blick, zielte also in eine ganz andere Richtung. Die Staatsregierung begründet die Streichung damit, dass dem Begriff anerkannte Regeln der Baukunst neben dem Verunstaltungsverbot in der BayBO angeblich nie eine eigenständige Bedeutung habe zuerkannt werden sollen. Die Rechtssprechung hatte das allerdings anders gesehen; auch die Kommentarliteratur hatte keine Schwierigkeiten, den Begriff der anerkannten Regeln der Baukunst mit Leben zu erfüllen hatte der BDA das Thema in einer von Matthias Castorph moderierten Aktion ironisch aufgespießt und die verbindlichen Aussagen zur Baugestalt in einer Lesung des Kammerspiel- Schauspielers Stefan Hunstein auf CD gebannt. Hatte man damals noch über die Versuche der Rechtssprechung oder der juristischen Kommentatoren geschmunzelt, zur Baugestalt Verbindliches zu sagen, wird man künftig die inhaltliche Leere der neuen BayBO zu diesem für die gebaute Stadt ja nicht ganz unwichtigen Punkt beklagen können. Insbesondere bei Werbeanlagen, so stellte Mager dar, führe das neue System zu eher mehr Bürokratie. Nachdem die Gestaltung im vereinfachten Verfahren nicht mehr im Prüfprogramm 14

15 des Genehmigungsverfahrens abgehandelt werden kann, könnte Schlimmstes künftig nur verhindert werden, wenn parallel zur Genehmigung eine vorläufige Untersagung ausgesprochen werde; der Gestaltungsdialog laufe dann im Rahmen solcher Nebenverfahren. Mager machte in der Stadtgestaltungskommission deutlich, dass es trotz, wegen und mit der BayBO auch künftig möglich sein wird, Diskussionen über die Baugestaltung zu führen. Den Hintergrund für die Auseinandersetzungen böten künftig sowohl das Denkmalrecht als auch das Planungsrecht mit seinem städtebaulichen Einfügungsgebot, notfalls auch örtliche Bauvorschriften. Seine Behörde verstehe sich dabei nicht als Gestaltpolizei, sondern als Dialogpartner, der die legitimen privaten Bauwünsche mit Gemeinwohlbelangen konfrontiere, meist mit guten Ergebnissen. Je weniger die Bauordnung regelt, desto wichtiger wird die Stadtgestaltungskommission Überraschend und erfrischend setzte die neue Stadtbaurätin unter Beifall der Stadtgestaltungskommission noch eins drauf: Wenn sich die Bauordnung aus dem Gestaltbelang mehr und mehr zurückziehe, sei künftig der Dialog in der Stadtgestaltungskommission noch wichtiger. Im Ergebnis also ein Abschied und ein herzliches Auf Wiedersehen: Die Diskussion über das richtige Vorhaben zur richtigen Zeit am richtigen Ort wird weitergehen. Das Münchner Forum wird die Auseinandersetzung über Stadtgestaltung weiter begleiten und jeder der in der Stadt zum Stadtbild beitragen will, sollte diesen Dialog als Chance und nicht nur als Hemmnis begreifen. Cornelius Mager, Lokalbaukommission Stadt München Und so geht es weiter mit den Standpunkten : Damit schließen wir unsere Berichterstattung für 2007 ab. In unserer Januarausgabe werden Sie Beiträge zum Themenschwerpunkt Wohnungsbau lesen, und zwar - zur generellen Situation auf dem Münchner Wohnungsmarkt; noch für etwa neue Wohnungen hat die Stadt Platz; dann ist der Flächennutzungsplan ausgeschöpft. In etwa acht bis zehn Jahren müssen also neue Wohnungsbaukonzepte greifen. Denn die Stadt wird weiter wachsen. - zum Wohnungsbaukonzept auf dem Gelände des Süddeutschen Verlags im Zentrum. Hier ist Schluss mit 08/15-Wohnunsbau. Flexibilität und Phantasie sind angesagt aber zu was für Kosten... - zur Erneuerung der GWG-Siedlung am Hart. Hier wird die Substanz durchgreifend erneuert, aber auch das Angebot heute noch sehr billiger Mieten verschwinden. - zur gescheiterten Werkbundsiedlung Wiesenfeld. Hier wollte die Stadt ein Experiment aber nicht experimentieren. - zur Neufassung der Rechtslage bei der Vergabe städtischer Baukonzessionen und zu deren Folgen für die Planungs- und Baupraxis. Wenn Sie Vorschläge zur Arbeit des Münchner Forums haben, schreiben Sie uns bitte, mailen Sie uns, rufen Sie an oder kommen Sie bitte zur Programmausschusssitzung am 26. Februar 2008 um Uhr in der Schwanthalerstraße

16 Stichwortverzeichnis der Ausgaben 2007 Diese Übersicht hilft Ihnen, einzelne Beiträge schneller zu finden. Eine gleiche Übersicht zu den Ausgaben 2005 und 2006 erschien in der letzten Ausgabe des Jahres Noch schneller finden Sie einzelne Beiträge allerdings auf unserer Homepage. Die dort aktive Suchfunktion listet Ihnen jedes Wort auf, das jemals in den Standpunkten enthalten war. Achse Hbf. Laim Pasing 4/2007 Ackermannbogen 3/2007 Alte Akademie 2/2007 Altstadtring 7/2007, 11/2007 Archit. wie sie im Buche steht 1/2007 Arm und reich 1/2007 Armutsbericht 1/2007 Arnulfpark 5/2007 Außenansichten 6/2007, 9/2007 Bahn-Megatrassen 5/2007 Bahn nach Südosteuropa 2/2007 Bahn-Privatisierung 2/2007, 5/2007 7/2007, 10/2007 Berufsbez. Stadtplaner 10/2007 Bezirksausschüsse 11/2007 Bilanz der Ära Thalgott 4/2007 Bilanz, städtische 1/2007 BMW Welt 10/2007, 12/2007 Bündnis für Klimaschutz 11/2007 City-Logistikzentren 5/2007 Deutscher Städtetag 6/2007 Die soziale Stadt 10/2007 Domagkstraße, Künstlerk. 12/2007 Einkaufszentren 3/2007 Einkommensverteilung 1/2007 Einzelhandel 3/2007 Energieversorgung, kommun. 7/2007 Energiewende 11/2007 Euro-Handelshaus 9/2007 Europ. Metropolregion Mchn. 11/2007 Europäische Pläne der Bahn 5/2007 Europäische Stadt 4/2007 Fahrradparkhaus 5/2007 Finanzen, kommunale 1/2007 Flughafen 6/2007, 8/2007, 9/2007 Frankfurter Ring 9/2007 Freimann 9/2007 Friderich, Gabriele 1/2007 Gewerbeimmobilienmarkt 9/2007 Giesing 10/2007 Güterverkehrszentren 5/2007 Hartz IV-Empfänger 1/2007 Hauptbahnhof 5/2007 Haus der Kunst 12/2007 Haus der Wissenschaft 2/2007 Hirmer, Neubau am Dom 4/2007 Hochhausstudie 4/2007 Hotel am Olympiazentrum 9/2007 Image München 6/2007 Innenstadt 7/2007 Investitionen, kommunale 1/2007 Jahresprogramm Forum 3/2007 Jungfer, Klaus 1/2007 Kasernentram 5/2007 Kinderarmut 1/2007 Klimawandel 6/2007 Küppers, Dr. Hans-Georg 5/2007 Künstlerkolonie Domagkstr. 12/2007 Lenbachhaus 12/2007 Leopolstraße 9/2007 Leserresonanz Standpunkte 11/07 Luise-Kiesselbach-Tunnel 5/2007 Marienhof 5/2007 Megatrassen der Bahn 5/2007 Merk, Dr. Elisab. 5/2007, 6/2007, 8/2007, 9/2007 Metropolregion München 11/2007 Mietpreise in München 1/2007 Migranten integrieren 6/2007 Milbertshofen 10/2007 MIRA 3/2007 Mittlerer Ring 5/2007 Moschee Mittl. Ring Nord 10/2007 Münchens Anziehungskraft 6/2007 Münchner Forum 3/2007 Münchner Tafel 1/2007 Nordheide 3/2007 NS-Doku-Zentrum 12/2007 Obdachlose 1/2007 Ökolog. Stadtumbau 7/2007 Ökolog Bauen in USA 2/2007 Öko-Bautechnik 11/2007 Ökosteuern 11/2007 Olympia Einkaufszentrum 3/2007 Olympiapark, Zukunft d. 12/2007 Olympisches Dorf 11/2007 Panzerwiese Nordheide Parkhausmanagement 5/2007 Pasing-Arcaden 3/2007 PEP Neuperlach 3/2007 Privatisierung, kommunale 2/2007 Privatisierung der Bahn 2/2007, 5/2007, 7/2007, 10/2007, 12/2007 Programmausschuss 3/2007 Ratzingerplatz 3/2007 Riem-Arcaden 3/2007 Riem 10/2007 S-Bahn-Südring 8/2007 Schienennetz, kommun. 5/2007 Schuldenfalle 1/2007 Schulhausbau 12/2007 Selbstverwaltung, kommun. 1/2007 Sendlinger Straße 5/2007 Sozialbürgerhäuser 1/2007 soziale Stadt, Die 10/2007 Stachus-UG 7/2007 Stadtbaurätin, neue 5/2007, 6/2007 Stadtentwicklung 9/2007 Stadtgeburtstag Stadtjubiläum Stadtjubiläum /2007 Stadtplaner, Berufsbez. 10/2007 Stadtteilmanagement 10/2007 Stadtwerke, Münchner 7/2007 Städtetag, Deutscher 6/2007 Standpunkte, Leserresonanz 11/07 Standpunkte Statistik 11/2007 Stellplatzablöse 9/2007 Stiftungsverwaltung 1/2007 Stracke, Prof. Ferdinand 4/2007 Straßenverkehr Altstadtring 11/07 Studentendorf 11/2007 Süddeutscher Verlag 2/2007 Summer-Juhnke, Helga 10/2007 Supermärkte 3/2007 Tal, Das 10/2007, 12/2007 Thalgott, Bilanz der Ära 4/2007 Töpfer, Prof. Dr. Klaus 7/2007 Tram-Planungen 5/2007 Transrapid 5/2007 U-Bahn 5/2007 Ude, OB Christian 1/2007 Urbanität 4/2007 Wissenschaft, Haus der 2/2007 Wohlfahrt, Prof. N. 1/2007 Wohnungsbau, sozialer 1/2007 Zehn-Punkte-Plan d. M.F. 9/2007 ZOB 10/

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