Predigt bei den Hl. Rock-Tagen 2009 in Trier. Als neue Menschen leben

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1 Predigt bei den Hl. Rock-Tagen 2009 in Trier Als neue Menschen leben I. Als neue Menschen leben. Dieses Wort des Apostels Paulus steht in diesem Paulusjahr über den Hl. Rock-Tagen. Mit diesem Thema reihen sich die diesjährigen Hl. Rock-Tage würdig ein in die große Tradition der Hl. Rock-Wallfahrten und der Hl. Rock-Tage. Sie waren in schwierigen Augenblicken unserer Geschichte immer wieder Zeitansagen, die der Kirche in Deutschland aufrüttelten, die ihr Orientierung und Wegweisung gaben. Auch das Thema dieses Jahres ist eine Wegweisung zu einem beherzten neuen Ja zum neuen Leben. II. Der Apostel Paulus hat den Appell als neue Menschen leben im eigenen Leben durchexerziert. Durch die Begegnung mit dem auferstandenen Christus vor Damaskus, wurde er ein neuer Mensch; aus Saulus, dem leidenschaftlichen Christenverfolger, wurde Paulus, der leidenschaftliche Missionar für Jesus Christus. Alles wurde für ihn anders und alles neu. Um Christi willen erachtete er nun alles andere als Unrat, allein Christus war ihm Gewinn (Phil 3,8). Diese seine Erfahrung stellt Paulus auch uns vor Augen. In der Taufkatechese im 6. Kapitel des Römerbriefs erinnert er daran, dass wir in der Taufe mit Christus gestorben und mit ihm zu einem neuen Leben auferstanden, eine neue Schöpfung (Gal 6,15) geworden sind. Wir sind neue Menschen geworden und sollen deshalb als neue Menschen leben (Röm 6,4). Wir sollen Christus (Röm 13,14), d.h. den neuen Menschen (Eph 4,24) anziehen. Der Hl. Rock, den wir in dieser Woche verehren, ist ein Symbol für Jesus Christus. Diesen Rock, der Jesus Christus darstellt, sollen wir nicht nur anschauen, wir sollen ihn auch nicht nur berühren, wir sollen in ihn hineinschlüpfen, ihn uns überziehen und ihn anziehen. Wir sollen Christus ähnlich werden, uns an ihm orientieren, mit ihm, aus ihm und in ihm leben. Der Apostel Paulus wusste, dass das keine harmlose Angelegenheit ist, sondern zu Auseinandersetzung mit den bösen Mächten und Gewalten in der Welt führt. Deshalb kann er auch sagen, wir sollten die Waffenrüstung Gottes anziehen (Eph 6,11.13). In der Tat, das neue Leben, das Leben nach den Zehn Geboten Gottes,

2 2 das Leben nach dem Liebesgebot Jesu und vollends das Leben nach den Seligpreisungen der Bergpredigt war schon damals, war nie und ist heute zumal nicht die gängige Mode. Damit kann man nicht auf Applaus rechnen; damit muss man mit Widerstand rechnen. Jesus Christus war und ist ein Zeichen des Widerspruchs, an dem sich die Geister scheiden (Lk 2,34 f). III. Als neue Menschen leben stellt uns vor die Entscheidungsfrage, welche uns schon bei der Taufe gestellt wurde und welche in jeder Osternachtfeier wiederholt wird, die Frage nämlich, ob wir dem Bösen und seinen Verlockungen widersagen und nach Gottes Gebot als neue Menschen leben wollen. Es ist die Entscheidung, wie und wonach wir uns in unserem privaten wie im öffentlichen Leben orientieren: Leben wir einfach wie man heute so lebt, wie man so denkt, wie man sich so verhält, oder haben wir als Christen den Mut, in vielem anders zu leben?, anders zu urteilen?, haben wir den Mut für das neue Leben auch dann öffentlich einzutreten wenn andere sich darüber mokieren? Doch seien wir uns über eines im klaren: Der Mut zum neuen Leben ist die einzige Alternative, die uns bleibt, nachdem die alten Werte in der gegenwärtige Krise buchstäblich abgewirtschaftet haben. Die Mode aber ist dadurch definiert, dass sie bereits morgen aus der Mode ist; mit modischen Kleider sieht man schon sehr bald sehr alt aus. Der Hl. Rock, der Christus versinnbildet, veraltet nie. Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit (Hebr 13,8). Wer nach Christus und aus ihm als neuer Mensch lebt, dem gehört die Zukunft. Mit dieser Botschaft stand die Kirche schon oft ein schwierigen Konfliktsituationen. Auch heute. Gewiss, es gibt bei uns keine Christenverfolgung wie in anderen Teilen der Welt. Die Herausforderung ist raffinierter. Ein neuer alter, immer mehr aggressiv und intolerant werdender Atheismus will uns um so genannter politischer Correctness willen den Mund verbieten und uns einreden, das Christentum, das ohnedies im Abschwung sei, es wolle uns doch nur die schönen Seiten des Lebens nehmen, es wolle uns das Leben madig machen und uns das Leben rauben. Nichts ist verkehrter als dies. Das Leben und die Güter des Lebens sind für uns Gottes gute Schöpfungsgabe, uns zum verantwortlichen Gebrauch geschenkt. Gott so sagt es die Bibel ist ein Freund des Lebens (Weish 11,26). In der Fülle der Zeit hat er vollends Ja zu uns gesagt; er wollte er unser menschliches Leben und unser

3 3 Schicksal teilen. Jesus Christus sagt, er sei gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben (Joh 10,10). Am Kreuz hat er sogar die Mächte der Finsternis und des Todes auf sich genommen. Er hat das Böse nicht einfach abgeschafft; er hat es in der Wurzel getroffen und besiegt. Er hat in seiner Auferstehung mitten dieser alten vergänglichen Welt neues, ewiges Leben begründet, das auch im Tod kein Ende hat. Dieses neue Leben wird uns in der Taufe geschenkt; es wird bei jeder Feier der Eucharistie gegenwärtig, wenn wir Christus, das Brot des Lebens (Joh 6,35) empfangen. Er ist im Leben und im Sterben, in guten wie in schweren Tagen bei uns. Wer kann uns Besseres, wer Größeres geben? Wohin sollten wir sonst gehen? IV. Fragen wir also: Was heißt das, als neue Menschen leben?, wie geht das? Die Kirche hat auf diese Frage eine einfache, bleibend gültige Antwort gegeben. Neues Leben ist Leben aus Glaube, Hoffnung und Liebe. Glaube, das meint., dass wir aus dem Ja Gottes leben und zu dem Gott, der Ja zu uns sagt, aus ganzem Herzen Ja sagen. Aber wir müssen dieses Ja erst wieder neu buchstabieren lernen. Wir müssen erst wieder lernen, was Großes und Schönes der Glaube ist, was Großes und Schönes es ist, ein Christ sein zu dürfen und aus Gottes unbedingten Ja zu leben. Wir müssen neu lernen: Die Freude an Gott ist unsere Stärke (Neh 8,10). Erst dann werden wir anziehend und einladend sein. Viele kennen den christlichen Glauben und seine Schönheit gar nicht mehr. Wir sind weithin religiöse Analphabeten geworden. Die große Aufgabe und Herausforderung für die Kirche in Deutschland und ganz Europa heißt darum neue Evangelisierung. Dazu gehört auch die grundlegende Erneuerung der katechetischen Einführung in den Glauben, die neu Freude am Glauben verbreitet. Von dem, was ich in dieser Hinsicht in Missionsländern, in den Vereinigten Staaten und in Italien gesehen habe, könnten und müssten wir uns hierzulande ein schönes Stück abschneiden. Der Glaube an das Ja Gottes ist Quelle der Hoffnung Sie brauchen wir müde gewordenen und zum Lamentieren neigende Europäer ganz besonders. Sie ist bei uns Mangelware geworden. Hoffnung ist etwas anderes als billiger Optimismus, der die dunklen und tragischen Seiten des Daseins ausblendet. Die Hoffnung ist die Spannkraft, die mitten in den Schwierigkeiten und Traurigkeiten dieses Lebens auf den Sieg des neuen und ewigen Lebens setzt. Deshalb traut die Hoffnung dem

4 4 Leben; sie gibt niemals auf. Aber sie gibt sich nicht zufrieden mit dem halben Glück materiellen Wohlergehens. Sie schenkt Großmut, d.h. Mut zu großen Dingen, zu den großen Werten, Zielen und Idealen, und sie schenkt die Tapferkeit um des großen Ziels willen, wenn es sein muß, auch Nachteile in Kauf zu nehmen. Sie weiß, dass es niemals umsonst ist, etwas Gutes zu tun und sich für das Gute einzusetzen. Als Christen sollten wir darum Menschen sein, die den Mut haben, sich für das Leben privat wie öffentlich einzusetzen, die sich nicht wegducken und sich nicht verstecken, und sich fast entschuldigen, dass es uns auch noch gibt. Viel mehr Menschen als wir denken warten auf unser klares und ermutigendes Wort. Aber in letzter Zeit sagen mir viele, welche das kirchliche Leben von außen betrachten, dass sie uns Christen in der Öffentlichkeit als allzu kleinlaut wahrnehmen. Aus einer falschen Toleranz wollen wir niemand nahe treten und geben klein bei. Die andern denken nicht daran; im Gegenteil, sie wollen die Religion und religiöse Symbole zunehmend aus der Öffentlichkeit verbannen. Wenn wir nicht bald aufwachen, werden wir bald unangenehm überrascht aufwachen. Schließlich: Der Glaube an das neue und ewige Leben beflügeln uns zur Liebe. Sie ist das größte Gebot (Mk 12,28-32) und die die Erfüllung des ganzen Gesetzes (Röm 13,14); sie ist der zusammen-fassende Inhalt des neuen Lebens. Mit Gefühlsduselei hat das wenig zu tun, wohl aber damit, dass wir in der Nachfolge Jesu nicht nur Prozessionen um uns selbst herum machen sondern über den eigenen Schatten springen um für andere und für die Gemeinschaft da zu sein. Damit geht uns nichts verloren. Im Gegenteil, es ist die Selbstsucht, die innerlich arm und eng macht und dabei doch nie auf ihre Rechnung kommt Die Freude aber, die man schenkt, die kehrt ins eigene Herz zurück. So ist die Liebe die Erfüllung und das wahre Glück des Lebens. Das sage ich vor allem euch, liebe Jugendliche, man muß sich und sein Leben verschenken um es zu gewinnen (Mk 8,35). In der gegenwärtigen Krise, wo mächtige Großbanken, die wir bisher für das Rückgrat der Weltwirtschaft gehalten haben, über Nacht zusammenbrechen und einfach weg sind, fragen viele: Was trägt, was bleibt, worauf können wir uns wirklich verlassen? Der Apostel Paulus gibt uns die Antwort: Alles vergeht; nur die Liebe hört niemals auf (1 Kor 13,8). Am Ende können wir nichts mitnehmen, da zählt dann nur noch, was wir aus Liebe getan haben. So stehen wir in der gegenwärtigen Krise, wo Altes abgewirtschaftet hat, als Christen vor der Aufgabe, uns für

5 5 eine neue Zivilisation des Lebens und der Liebe und für eine Globalisierung einzusetzen, welche nicht die reichen Nationen unter sich ausmachen, sondern für eine Globalisierung der Solidarität besonders mit den Armen, und sie sind Gott sei s geklagt auf die Menschheit bezogen die übergroße Mehrheit. Eine neue Ordnung in der Welt braucht neue Menschen, Menschen, die nicht aus den alten Werten, die sich verschlissen haben, sondern aus den Werten des neuen Lebens, die aus Glaube, Hoffnung und Liebe leben und die den Mut haben, dafür einzutreten. Die Botschaft dieser Hl. Rock-Tage soll darum sein: Wir Christen wollen neue Menschen sein damit die Welt neu werden kann. Wir sollen darum Freude zeigen, Menschen zu sein, die leben aus Gottes Ja zum Leben, Menschen, die statt zu Jammern selbst Ja sagen und zupacken, Menschen, deren Freude am Glauben einladend und ansteckend ist. Als neue Menschen leben, heißt ein Licht und ein Feuer anzünden, heißt das Licht und Feuer der Hoffnung für das Leben in die Welt tragen. Als neue Menschen leben heißt, selbst Licht und Feuer der Liebe und des neuen Lebens zu sein. Amen.

6 6 [So 1844, wo der Gelehrte und Publizist Johann Joseph Görres die deutschen Katholiken aufrüttelte als es in den Kölner Wirren um die Freiheit der Kirche von staatlicher Bevormundung ging, dann im Kulturkampf nach dem I. Vatikanischen Konzil, wieder im deutschen Schicksalsjahr 1933 zu Beginn der Nazizeit, als Edith Stein im Anblick des Hl. Rocks sich Kraft erflehte, und schließlich als nach dem totalen Zusammenbruch von 1945 die getrennten Christen sich die Hand reichten zu einem neuen ökumenischen Miteinander.] Doch wie sollen Christen das tun, wenn sie untereinander geteilt und zerstritten sind? Das Anziehen des Rockes Jesu Christi hat auch Konsequenzen für die Ökumene. Die Kirchenväter sahen in dem nahtlosen, ungeteilten Rock Christi (Joh 19,23 f) ein Symbol der ungeteilten Kirche und ihrer Einheit (Cyprian, De unitate 7; Augustinus, In Jo 118). Jedes Mal wenn wir das Credo sprechen bekennen wir uns zur einen heiligen Kirche. Die Trennungen zwischen unseren Kirchen dürfen uns daher nicht in Ruhe lassen; sie sind keine als selbstverständlich hinzunehmende Gegebenheit, sie widersprechen dem Willen Jesu und sind zumal in der gegenwärtigen Situation ein Skandal. Vieles, aber leider nicht alles haben wir erreicht. Kein Vernünftiger will hinter das Erreichte zurück. Aber wo noch Risse im Rock Christi sind, und es sind leider Gottes noch solche, da genügt es nicht, einfach einen Flicken draufzusetzen. Der Flicken hält nicht, sondern macht den Riss am Ende nur noch größer. Man muss darum das alte Gewebe des Leibrocks Christi wieder mühsam zusammenweben. Dazu braucht es Geduld. Doch was wir mit Gottes Hilfe erreicht haben, kann uns ermutigen. Es kann auch gerade befähigen, schon jetzt zusammenzustehen und gemeinsam Zeugnis zu geben für das Leben und damit der Welt das Zeugnis und die Orientierung zu geben, welche sie so dringend bedarf. Der gemeinsame Kirchentag in München im nächsten Jahr kann dafür eine gute Gelegenheit sein.

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