Mathias Lohmer Bernd Sprenger Jochen von Wahlert. Gesundes Führen. Life-Balance versus Burnout im Unternehmen

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1 Mathias Lohmer Bernd Sprenger Jochen von Wahlert Gesundes Führen Life-Balance versus Burnout im Unternehmen

2 A Grundlagen 5

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4 1 Stress, Stressverarbeitung und Burnoutprophylaxe Bernd Sprenger Burnout diesen Begriff kennt heute jeder. Im Jahr 1974, als ihn ein New Yorker Arzt (H. J. Freudenberger) eingeführt hat, war es ein Spezialausdruck für einen bestimmten Zustand, in den Angehörige von Helferberufen geraten können. Heute ist Burnout in den entwickelten Industrieländern quasi epidemisch verbreitet. Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Das zentrale Problem im heutigen Arbeitsleben ist die zunehmende Beschleunigung der Arbeitsabläufe, die praktisch überall einhergeht mit einer Aufgabenausweitung für den Einzelnen. Mit anderen Worten: Wir zahlen einen Preis für den Produktivitätszuwachs, auf den wir gewöhnlich stolz verweisen. Eine höhere Produktivität pro einzelner Arbeitskraft heißt ja, dass diese mehr in der gleichen Zeit leisten kann. Das ist zum Einen natürlich durch bessere Nutzung von technischen Möglichkeiten zu erreichen ein Bagger schafft mehr als ein Mann mit einem Spaten, das ist klar. Aber ein nicht unerheblicher Teil der Produktivitätserhöhung wird auch durch die so genannte Arbeitsverdichtung erreicht d.h. der oder die Einzelne muss mehr Arbeitsabläufe in der gleichen Zeit bewältigen. Dazu kommt bei praktisch allen Tätigkeiten im heutigen Wirtschaftsleben eine Verbreiterung des jeweiligen Aufgabenspektrums. Diese geschieht manchmal offen und manchmal versteckt. Ein Beispiel für eine offene Verbreiterung des Aufgabenspektrums wäre die Übernahme von Arbeiten durch eine Abteilung, die bisher von einer anderen Abteilung geleistet worden ist, welche aus Kostengründen eingespart wird. Von versteckter Verbreiterung des Aufgabenspektrums sprechen wir, wenn z.b. die Bedienung der Werkzeuge, die für die jeweilige Aufgabe benötigt werden, zusätzliches Wissen und Können erfordern. Ein mittlerweile praktisch jedem Menschen, der in einem Industrieland arbeitet, vertrautes Beispiel ist der Einsatz von Informations technologie: Computer zu bedienen und sinnvoll einsetzen zu können erfordert zusätzliches Wissen über die Programme und deren Funktion, das mit der eigentlichen Aufgabe, für die man das Werkzeug Computer braucht, noch nichts zu tun hat. 1 Stress, Stressverarbeitung und Burnoutprophylaxe 7

5 Dieser Entwicklung im Arbeitsleben parallel geht eine Ausweitung der Möglichkeiten des Konsums, der Freizeitgestaltung, des Reisens all dies trägt zur Beschleunigung des Alltags bei, weil auch in der Zeit, in der nicht gearbeitet wird, die meisten Menschen mehr erleben oder konsumieren wollen. Stuff means speed ( Viel Zeugs heißt hohes Tempo, übersetzt vom Autor) sagt James Gleick, der Chaosforscher. Alle diese Faktoren tragen zur Zunahme von Burnout bei. Will man dem Ausbrennen vorbeugen, muss man seine Bemühungen in zwei Richtungen lenken: Verhaltensprophylaxe: Was kann die oder der Einzelne tun, um nicht auszubrennen? Verhältnisprophylaxe: Was muss ein Unternehmen tun, um Burnout zu vermeiden? Auf beiden Seiten beim Einzelnen und beim Unternehmen gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, effektive Burnoutprophylaxe zu betreiben. Auf der Seite des Unternehmens ist der Schlüssel eine gute Führung, doch darum geht es weiter unten ausführlich. Zunächst wollen wir uns im Grundlagenteil mit den Mechanismen von Stress und der Stressverarbeitung im Organismus beschäftigen; das korrespondierende Kapitel im Praxisteil B des Buches ist dort ebenfalls das erste Kapitel, in dem es um Selbstmanagement und Selbstführung geht also um die Verhaltensprophylaxe. Nachfolgend einige Begriffsklärungen: XXStress Der Begriff kommt ursprünglich aus der Materialforschung und bedeutet die kontrollierte Belastung eines bestimmten Stoffes (eines Baustoffes, einer Metalllegierung usw.) Ein Stresstest ist die gezielte Belastung eines Materials um herauszufinden, was es aushält. Manchmal werden auch komplexe Systeme, etwa technische Anlagen (Kernkraftwerke) oder Finanzsysteme (Banken), einem Stresstest unterworfen. Der Begriff Stress wanderte in die Medizin ein und meint dort alle Arten von Belastungen, denen der Organismus ausgesetzt ist. X X Stressor und Stressantwort Als Stressor wird jeder stressauslösende Umstand bezeichnet. Stressoren, die sich auf den Organismus auswirken, können ganz verschiedenen Kategorien angehören. So sind beispielsweise Hunger und Durst Stressoren, aber auch Schlaflosigkeit oder Schmerzen das sind quasi physiologische Stressoren. Lärm ist ein Stressor, Arbeitsdruck, sozialer Druck und unterschiedlichste Anforderungen an den Einzelnen sind Stressoren. Auch Ehrgeiz oder Perfektionismus können 8 A Grundlagen

6 erhebliche Stressoren sein die Verwendung dieses Begriffes beinhaltet keine kategoriale Einschränkung. Als Stressantwort des Organismus wird die Art und Weise bezeichnet, wie jemand körperlich, seelisch und geistig auf einen Stressor reagiert und hier betreten wir den Bereich der individuellen Unterschiede. Nicht alle Menschen sind z.b. gleich lärmempfindlich und reagieren auf eine bestimmte Geräuschkulisse gestresst. Diese Tatsache die individuell unterschiedliche Stressantwort auf einen gegebenen Stressor macht es unmöglich, den Stressbegriff zu objektivieren; das werden wir weiter unten noch genauer ausführen. X X Eustress und Distress Man hat lange Zeit in Eustress (eu = griech. gut ) und Distress unterschieden; eine Unterscheidung, die manche Autoren in der Arbeitswissenschaft heute für überholt halten (z.b. Badura et al. 2010). Wir finden diese Unterscheidung allerdings praktisch immer noch ganz hilfreich. Lebendige Organismen sind darauf ausgelegt, mit Belastungen umzugehen sie funktionieren sogar nur dann richtig, wenn regelmäßig entsprechende Belastungen auftreten; hier bewegen wir uns im Eustress-Bereich. Ein Beispiel: Jeder Muskel muss ein Minimum an Bewegung vorweisen, damit er nicht verkümmert, wie alle wissen, die schon einmal einen Gips am Arm oder am Bein hatten. Nach einigen Wochen Ruhigstellung der Gliedmaße muss man die entsprechenden Muskeln wieder regelrecht auftrainieren. Ebenso gilt das für alle anderen Organe, vor allem das Gehirn. Die eiserne Regel für Gelerntes heißt use it or loose it (gebrauch es oder verlier es). Wenn Gelerntes nicht benutzt wird, verschwindet es wieder. Wer sich unter Mühen einmal eine Fremdsprache angeeignet hat und diese dann nicht benutzt, macht die traurige Erfahrung, dass die erworbenen Kenntnisse nach einiger Zeit nicht mehr zur Verfügung stehen. Das heißt zusammengefasst, dass Stressbelastung keineswegs etwas per se Negatives ist, sondern für das Wohlbefinden und die Gesundheit in einem bestimmten Rahmen sogar unerlässlich ist. Distress liegt dann vor, wenn die Stressbelastung schädliche Auswirkungen auf die Struktur oder die Funktion des Organismus hat. Jede andauernde Distress- Belastung macht körperlich, seelisch oder psychosomatisch krank. Vorübergehenden Distress kann der Organismus kompensieren. Lebendige Organismen sind generell sehr anpassungsfähig, und im Fall des Homo Sapiens sehen wir das schon daran, dass Menschen in Polarregionen siedeln können, in denen ewiges Eis vorherrscht, aber auch im tropischen Regenwald oder in der Wüste. Aber für jeden Organismus gibt es Grenzen, deren Überschreitung dazu führt, dass er die Anforderungen mit den vorhandenen Möglichkeiten nicht mehr bewältigen kann: Dann befinden wir uns im Distress-Bereich. 1 Stress, Stressverarbeitung und Burnoutprophylaxe 9