Langversion des Interviews Ein schmaler Grat mit Kai Gniffke

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1 Langversion des Interviews Ein schmaler Grat mit Kai Gniffke Kai Gniffke ist seit zehn Jahren Chefredakteur der ARD-Tagesschau und der Tagesthemen. Unsere Schülerredaktion wollte von ihm wissen, wie er und sein Team eigentlich die Nachrichten auswählen. Fotos: NDR/Thorsten Jander

2 Yannoh: Herr Gniffke, Sie sind seit fast 20 Jahren im Bereich Journalismus tätig. Wie hat sich der Nachrichten-Journalismus verändert? Kai Gniffke: Verändert hat sich vor allem die Fülle des verfügbaren Materials. Allein das Bildmaterial ist gigantisch gewachsen, weil fast in Echtzeit von jedem Winkel der Erde bewegte Bilder oder auch Fotos verfügbar sind. Das alles in der von den Zuschauern gewünschten Zeit nämlich sofort zu prüfen, zu bewerten und aufzubereiten ist eine große Herausforderung. Yannoh: Worauf achten Zuschauer heute thematisch mehr als damals? Kai Gniffke: Der internationale Blick ist weiter geworden. Die Zuschauer möchten wissen, was in der Welt passiert. Außerdem ist das Internet dazugekommen und Netzthemen spielen heute eine ganz wichtige Rolle. Yannoh: Tagtäglich ereignen sich weltweit zahlreiche Geschehnisse. Wie treffen Sie eine Auswahl, was in der Tagesschau gezeigt wird? Kai Gniffke: Das ist jeden Tag ein schmaler Grat. Wir versuchen nach festen Kriterien zu bewerten, was heute wichtig ist a) für Deutschland und b) für das Weltgeschehen. Yannoh: Was sind das für Kriterien? Kai Gniffke: Wir sortieren die Meldungen nach Relevanz. Dabei ist für uns zunächst einmal wichtig, was viele Menschen betrifft. Ein neues Gesetz zum Beispiel. Eine Rolle spielt auch, wie einflussreich die Akteure bei einem Ereignis sind. Ist die Bundeskanzlerin betroffen oder ein Bezirksbürgermeister? Und wir versuchen abzuwägen, wie folgenreich ein Ereignis ist. Terroranschläge zum Beispiel sind in der Regel folgenreich. Anschließend legen wir aus unserer so getroffenen Auswahl die zehn wichtigsten Themen fest. Bei den Themen, die wir eher zum Ende der Sendung hin zeigen, geht es zum Teil aber auch darum, was zum Beispiel ein besonderes Bild ist oder über welches Thema die Menschen morgen auf der Fahrt zur Arbeit oder in der Mittagspause reden werden.

3 Yannoh: Aus einem bestimmten Lager AfD oder Pegida zum Beispiel taucht derzeit vermehrt die Kritik auf, die Tagesschau und andere Nachrichtenformate würden nicht unabhängig berichten. Behindert das ein Stück weit auch die Arbeit Ihrer Redaktion? Kai Gniffke: Es behindert sie nicht, es bewegt uns und wir diskutieren intensiv: Was können wir tun, um das Vertrauen von Menschen zu erhalten. Das gelingt nur, indem wir unsere journalistische Arbeit ordentlich machen. Wir versuchen jeden Tag, eine Schneise durch die ganze riesige Nachrichtenwelt zu schlagen und die Menschen daran teilhaben zu lassen, wie wir zu unserer Auswahl kommen. Generell müssen wir in einer immer komplexer werdenden Welt noch mehr versuchen, einfache Fragen zu stellen. Denn einige Leute sind auch deshalb misstrauisch gegenüber Nachrichten, weil sie viele, gerade internationale Zusammenhänge nur noch schwer einordnen können. Außerdem machen wir immer deutlich, welche Quellen wir haben. Und wenn wir wirklich etwas verbockt haben, dann müssen wir dafür geradestehen und es korrigieren. Yannoh: In China kriselt die Wirtschaft, es werden Milliarden von Daten abgefangen und demnächst vielleicht wieder Grenzkontrollen eingeführt. Wie vermitteln Sie solche negativen Meldungen? Kai Gniffke: Die Zuschauer müssen für sich selbst bewerten, ob eine Nachricht gut oder schlecht ist. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir sagen ihnen, was passiert ist und bieten den Leuten ein so realitätsnahes Bild wie möglich, damit sie sich ihr eigenes Urteil bilden können. Dabei kann und darf es niemals unsere Aufgabe sein, irgendetwas zu beschönigen oder zu dramatisieren. Auch nicht nach diesem Motto: Only bad news are good news. Yannoh: Aber es kommt bei vielen oft so an, dass nur negative Nachrichten gesendet werden. Gibt es die Chance, dass mehr Positives in die Tagesschau kommt? Kai Gniffke: Ich halte nicht wirklich etwas von einer Quotierung nach dem Motto Jeden Tag muss es mindestens drei gute Nachrichten geben. Denn schon allein darin liegt wieder diese Bewertung, die wir uns verkneifen müssen. Wir haben den Leuten nicht zu sagen, was sie gut oder schlecht zu finden haben. Das können sie selbst einschätzen. Ein Ereignis ist ein Ereignis, weil es wichtig ist. Und dazu gehören Geschehnisse wie Anschläge genauso wie die Tatsache, dass immer weniger Menschen auf der Welt verhungern oder die Jugendkriminalität seit vielen Jahren zurückgeht.

4 Yannoh: In Dänemark rollen einige öffentlich-rechtliche Sender Nachrichten etwas positiv auf, auch wenn es ein negatives Thema ist. Ein Beispiel: Wenn es in einer Schule Probleme mit der Heizung gibt, zeigt der Sender eine Schule, bei der es wieder gut läuft. Sehen Sie da auch ein Potenzial für ARD-Aktuell oder speziell die Tagesschau? Kai Gniffke: Die Dänen sprechen nicht von guten oder positiven Nachrichten, sondern von Constructive News. Das heißt, sie wollen immer auch Lösungsansätze aufzuzeigen. Der Ansatz ist interessant, aber ich bin etwas skeptisch. Denn in dem Moment, in dem ich einen Lösungsansatz für ein Problem aussuche, beziehe ich auch schon wieder eine Position. Möglicherweise gibt es aber sieben andere Lösungsansätze für das Problem, die ich nicht genannt habe, die aber vielleicht besser sind. Insofern steckt da auch immer eine Bewertung drin. Yannoh: Lösungsvorschläge gibt es zwar noch nicht in der Tagesschau. Aber mir ist aufgefallen, dass Sie mehr erklären als früher. Kai Gniffke: Das stimmt. Wir haben beschlossen, nicht so sehr an der Oberfläche der politischen Diskussion zu bleiben, sondern zu jedem Thema erst einmal eine Aufbereitung zu liefern: Worum geht es überhaupt? Was ist das zentrale Problem? Wenn die Zuschauer verstanden haben, was das eigentliche Problem ist, fällt es ihnen leichter, sich ein Urteil zu bilden, wie man das Problem angehen kann. Das ist die Idee. Yannoh: Wie wird die Zukunft von Nachrichten im Fernsehen aussehen? Kai Gniffke: Wir versuchen verstärkt nach dem Motto zu handeln: Weniger ist mehr. Eher mal auf ein Thema zu verzichten und dafür die Themen, die wir behandeln, ausführlicher aufzubereiten. Wir wollen den Zuschauern gerade bei Themen mit einer größeren Komplexität, wie internationale Ereignisse, eine faire Chance geben, sie zu verstehen. Nehmen Sie ein Beispiel wie Syrien: Da sind so viele Akteure im Spiel, so viele Konfliktparteien, so viele Interessen von unterschiedlichen Handelnden. Das ist schwer darzustellen. Aber wir müssen es probieren. Yannoh: Viele Jugendliche kritisieren, dass Nachrichten im deutschen Fernsehen, insbesondere bei ARD und ZDF, schwer zu verstehen sind. Wie könnten Sie das ändern?

5 Kai Gniffke: Es kann nicht unser Weg sein, diesen schwierigen Themen aus dem Weg zu gehen. Aber wir müssen daran arbeiten, Nachrichten optisch und textlich noch besser aufzubereiten und uns auch trauen, die einfachen Fragen zu stellen. Bevor wir sagen, dass jetzt in Europa diese und jene Grenzen geschlossen werden, müssen wir erklären, wie eigentlich die Balkanroute verläuft. Wie die Menschen von der griechischen Küste bis nach Deutschland kommen mit dem Bus, mit dem Zug? Das ist eine ganz simple Frage, aber ich glaube, viele Menschen in Deutschland wissen das nicht. Yannoh: Vielen Dank für das Interview! Die Fragen stellte Yannoh Mügge, Mitglied der Newcomer-Schülerredaktion (Jahrgang 13).

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