Freiwilliges Engagement im Lebensverlauf Persönlichkeitsmerkmal oder Ausdruck sozialer Ungleichheit? Prof. Dr. Petra Böhnke

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1 Freiwilliges Engagement im Lebensverlauf Persönlichkeitsmerkmal oder Ausdruck sozialer Ungleichheit? Prof. Dr. Petra Böhnke Vortrag am Deutschen Zentrum für Alterfragen (DZA), Berlin, 30. Mai DZA, Berlin 1

2 Ausgangspunkt Veränderte institutionelle Rahmenbedingungen: Sozialstaatlicher Um-/Rückbau, demografischer Wandel Hoffnung auf Zivilgesellschaft: Wertschätzung/Nutzen freiwilligen Engagements (Putnam, Coleman), aber ungleiche Verteilung (Bourdieu) Wandel der Arbeitsgesellschaft: Beschäftigungsrisiken und ökonomische Unsicherheiten nehmen zu; Desintegrationspotenzial atypischer Beschäftigung (Bourdieu, Castel, Paugam, Sennett) DZA, Berlin 2

3 Wie entwickelt sich freiwilliges Engagment im Lebensverlauf? Wie reagiert freiwilliges Engagement auf kritische Lebensereignisse wie Verarmung, Arbeitslosigkeit, Prekarisierung? In welchem Verhältnis stehen dabei sozio-ökonomische Determinanten und Persönlichkeitsmerkmale? DZA, Berlin 3

4 Forschungsstand freiwilliges Engagement variiert nach sozio-demographischen und sozio-ökonomischen Merkmalen (Brady et al. 1995, Alscher et al. 2009, Wilson 2000, 2012) Entwicklung: veränderte Formen und verkürzte Engagement-Perioden (Joas/Adloff 2002; Dathe 2005; Ehrhardt 2011) Nutzen-Aspekt, soziale Netzwerke (Coleman 1990) Sozialisation: Eltern als Vorbilder; Biographisierung (Piliavin 2004; Corsten et al. 2008) religiöse Orientierung, Werte, Persönlichkeitsmerkmale: Altruismus, Offenheit für Erfahrung, Verträglichkeit (Bierhoff/Schülken 2001; Carlo et al. 1999; Penner et al. 1998) Engagement im Lebensverlauf: lebensphasenspezifisch; einige Befunde zu Übergängen (Strauss 2007; Erlinghagen 2008; Butrica et al. 2009) DZA, Berlin 1044

5 Defizite Engagement im Lebensverlauf, Ursache-Wirkung? Wohlfahrtsstaatlicher Kontext und Arbeitsmarktregime? Verhältnis sozio-ökonomische Lebensrisiken und psychische Dispositionen? DZA, Berlin 5

6 Hypothesen Engagement wird mit Ereignis aufgegeben (Kumulation) Anomie, relative Deprivation, Referenzgruppen, Ressourcen Engagement wird mit Ereignis verstärkt aufgenommen (Kompensation) Nutzen: sinnstiftend, beziehungskapital-generierend, Coping Engagement reagiert nicht auf Ereignis (Indifferenz/Selektion) stabiles Persönlichkeitsmerkmal, sozialisationsbedingt, bildungsabhängig, Selektionseffekt DZA, Berlin 6

7 Daten Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) Abhängige Variable Engagement: Welche der folgenden Tätigkeiten üben Sie in Ihrer freien Zeit aus? Ehrenamtliche Tätigkeiten in Vereinen, Verbänden und sozialen Diensten und/oder Beteiligung in Bürgerinitiativen, Parteien, in der Kommunalpolitik (täglich, wöchentlich, seltener, nie) Unabhängige Variablen: Armut (<60% Median Netto- Äquivalenzeinkommen, Jahr); Armutsdauer; Arbeitslosigkeit, Arbeitslosigkeitsdauer; sehr große Sorgen um Arbeitsplatz, Dauer Sorgen um Arbeitsplatz; atypische Beschäftigung; BIG 5; Kontrollvariablen: Alter, gender, Familienstand, Haushaltsform, Bildung, Arbeitsmarktanbindung DZA, Berlin 7

8 35% Engagement - Entwicklung (gesamt) 33% 31% 29% 27% 25% 23% 21% 19% 17% 15% wöchentliches, monatliches oder seltenes Engagement in Ehrenamt oder Beteiligung in Bürgerinitiativen, Parteien etc., SOEP , gewichtet DZA, Berlin 8

9 45% Engagement nach Geschlecht 40% 35% 30% 25% 20% 15% 10% Männer Frauen wöchentliches, monatliches oder seltenes Engagement in Ehrenamt oder Beteiligung in Bürgerinitiativen, Parteien etc., SOEP , gewichtet DZA, Berlin 9

10 45% Engagement Arm/Reich 40% 35% 30% 25% 20% 15% 10% Armutsbevölkerung Reichtumsbevölkerung gesamt wöchentliches, monatliches oder seltenes Engagement in Ehrenamt oder Beteiligung in Bürgerinitiativen, Parteien etc.soep , gewichtet DZA, Berlin 10

11 45% Engagement nach Erwerbseinbindung 40% 35% 30% 25% 20% 15% 10% regulär unb. TZ Ausb./Schule/Studium atyp. beschäftigt arbeitslos nicht erwerbstätig wöchentliches, monatliches oder seltenes Engagement in Ehrenamt oder Beteiligung in Bürgerinitiativen, Parteien etc.soep , gewichtet DZA, Berlin 11

12 45% Engagement nach Altersgruppen 40% 35% 30% 25% 20% 15% 10% Alter (bis 30) Alter (31-60) Alter (älter als 60) wöchentliches, monatliches oder seltenes Engagement in Ehrenamt oder Beteiligung in Bürgerinitiativen, Parteien etc.soep , gewichtet DZA, Berlin 12

13 60% Engagement nach Bildungsniveau (ISCED) 50% 40% 30% 20% 10% 0% Isced 0 Isced 1 Isced 2 Isced 3 Isced 4 Isced 5 Isced 6 wöchentliches, monatliches oder seltenes Engagement in Ehrenamt oder Beteiligung in Bürgerinitiativen, Parteien etc.soep , gewichtet DZA, Berlin 13

14 Engagement vor und nach Ereignis Verarmung Arbeitslosigkeit Arbeitsplatzsicherheit 32% 30% 28% 26% 24% 22% 20% 18% 16% 14% 12% 10% gesamt vor Verarmung 1-2 Jahre arm 3-4 Jahre arm 32% 30% 28% 26% 24% 22% 20% 18% 16% 14% 12% 10% gesamt vor Arbeitslosigkeit 1-2 Jahre arbeitslos 3-4 Jahre arbeitslos 32% 30% 28% 26% 24% 22% 20% 18% 16% 14% 12% 10% gesamt vor großen Sorgen um Arbeitsplatzsicherheit 1-2 Jahre große Sorgen um Arbeitsplatzsicherheit 3-4 Jahre große Sorgen um Arbeitsplatzsicherheit wöchentliches, monatliches oder seltenes Engagement in Ehrenamt oder Beteiligung in Bürgerinitiativen, Parteien etc. SOEP , gewichtet DZA, Berlin 14

15 Engagement vor und nach Ereignis 36% 34% 32% 30% 28% 26% 24% 22% 20% 18% 16% 14% 12% 10% Atypische Beschäftigung gesamt vor atypischer Beschäftigung 1-2 Jahre in atypischer Beschäftigung 3-4 Jahre in atypischer Beschäftigung 32% 30% 28% 26% 24% 22% 20% 18% 16% 14% 12% 10% Verrentung gesamt vor Verrentung 1-2 Jahre nach Verrentung 3-4 Jahre nach Verrentung wöchentliches, monatliches oder seltenes Engagement in Ehrenamt oder Beteiligung in Bürgerinitiativen, Parteien etc. SOEP , gewichtet DZA, Berlin 15

16 Fixed Effects Panel Regressionsmodelle Was ist der Einfluss der Ereignisse Verarmung, Jobverlust und Sorge um den Arbeitsplatz auf das freiwillige Engagement? Kontrolliert für invariante Merkmale wie Geschlecht, Herkunft, Bildung etc. Kontrolliert für weitere Zustandswechsel, hier: Erhebungsjahr, Haushaltsform, Familienstand, Arbeitsmarktanbindung DZA, Berlin 16

17 Ergebnisse Engagement sinkt in Folge von Verarmung und Arbeitslosigkeit und mit deren Dauer (Kumulation) Aber: sehr kleine Effekte, schlechte Modellqualität, die Auswirkungen sind gering (Selektion) Gender-Effekte: Arbeitslosigkeit und Armut bei Männern; Scheidung, Alleinerziehend insbesondere bei Frauen entscheidend für Aufgabe von Engagement Vorherige Position entscheidend: Mittelschicht-Absteiger bleiben eher engagiert (Indifferenz) DZA, Berlin 17

18 Konstruktion der Persönlichkeitsmerkmale (Big 5) - SOEP Gewissenhaftigkeit Neurotizismus Extraversion Offenheit für Erfahrungen Verträglichkeit gründlich arbeiten sich oft Sorgen machen kommunikativ, gesprächig sein originell sein, neue Ideen einbringen manchmal etwas grob zu anderen sein eher faul sein leicht nervös werden aus sich heraus gehen können, gesellig sein künstlerische Erfahrungen schätzen verzeihen können Aufgaben wirksam und effizient erledigen entspannt sein, gut mit Stress umgehen können zurückhaltend sein eine lebhafte Phantasie, Vorstellungen haben rücksichtsvoll und freundlich mit anderen umgehen DZA, Berlin 18

19 18 Persönlichkeitsmerkmale nach Einkommen Quintil 2. Quintil 3. Quintil 4. Quintil 5. Quintil Gewissenhaftigkeit Neurotizismus Extraversion Offenheit für Erfahrungen SOEP , gewichtet Verträglichkeit DZA, Berlin 19

20 18 Persönlichkeitsmerkmale nach Bildung ISCED 0 ISCED 1 ISCED 2 ISCED 3 ISCED 4 ISCED 5 ISCED Gewissenhaftigkeit Neurotizismus Extraversion Offenheit für Erfahrungen Verträglichkeit SOEP , gewichtet DZA, Berlin 20

21 Engagement ( ) (arm oder arbeitslos) Männer Frauen Bildung (Ref. Isced3) isced (0.28) (-0.15) isced ** (-2.15) * (-1.66) isced *** (-3.24) ** (-2.20) isced (-0.20) (-0.14) isced * (1.66) (1.07) isced *** (4.43) 0.200*** (2.93) Persönlichkeitsmerkmale Gewissenhaftigkeit (-0.01) (-0.13) Neurotizismus (-0.47) (-0.85) Extraversion ** (2.27) (0.87) Offenheit für Erfahrungen * (1.91) *** (4.43) Verträglichkeit (0.81) (-0.24) Kontrollverlust (-1.30) (-1.63) Selbstverantwortung (-0.46) (-0.69) Einflussnahme *** (4.30) *** (5.53) Konstante 0.954*** (4.96) 1.097*** (6.25) N R² (between) RE-Regression (SOEP ) unter Kontrolle von Alter und Haushaltsform DZA, Berlin 21

22 Engagement ( ) (arm oder arbeitslos) <= 60 > 60 Bildung (Ref. Isced3) isced (-0.18) 0 (.) isced ** (-2.32) (-1.33) isced *** (-3.26) ** (-2.18) isced (-0.26) (0.01) isced (1.63) (0.83) isced *** (5.07) (1.44) Persönlichkeitsmerkmale Gewissenhaftigkeit (-0.55) (0.20) Neurotizismus (-1.46) (-0.05) Extraversion (1.08) *** (2.92) Offenheit für Erfahrungen *** (3.89) * (1.96) Verträglichkeit (0.40) (-0.31) Kontrollverlust * (-1.76) (-1.19) Selbstverantwortung (-1.49) (0.68) Einflussnahme *** (5.20) *** (4.55) Konstante 1.183*** (7.84) 0.758*** (3.35) N R² (between) RE-Regression (SOEP ) unter Kontrolle von Alter und Haushaltsform DZA, Berlin 22

23 Fazit Querschnittsmodelle suggerieren die starke Abhängigkeit freiwilligen Engagements von materiellen und erwerbsbezogenen Merkmalen Längsschnittmodelle verweisen auf geringe Erklärungskraft dieser Ereignisse für die Aufnahme oder Aufgabe von Engagement Starker Selektionseffekt Stabile, langfristig wirksame und in Sozialisationsprozessen erworbene Dispositionen erhöhen Erklärungskraft (Bildung, Persönlichkeitsmerkmale, Werte) DZA, Berlin 23

24 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! DZA, Berlin 24

25 Engagement ( ) Männer Frauen Bildung (Ref. Isced3) isced *** (2.99) (0.05) isced *** (-4.64) *** (-3.94) isced (-0.95) *** (-4.54) isced (0.78) (-0.52) isced *** (6.57) 0.168*** (4.97) isced *** (8.49) 0.139*** (6.15) Persönlichkeitsmerkmale Gewissenhaftigkeit (-1.35) ** (-2.12) Neurotizismus * (-1.87) *** (-3.58) Extraversion *** (5.98) *** (3.48) Offenheit für Erfahrungen *** (3.72) *** (9.82) Verträglichkeit (0.01) (-1.36) Kontrollverlust * (-1.71) ** (-2.57) Selbstverantwortung (-0.31) ** (-2.02) Einflussnahme *** (12.62) *** (11.66) Konstante 1.120*** (12.60) 1.255*** (15.66) N R² (between) RE-Regression (SOEP ) unter Kontrolle von Alter und Haushaltsform DZA, Berlin 25

26 Engagement ( ) <= 60 > 60 Bildung (Ref. Isced3) isced * (1.80) 0 (.) isced *** (-5.21) *** (-3.06) isced *** (-3.40) * (-1.94) isced (-0.60) (0.35) isced *** (7.43) 0.181*** (4.04) isced *** (5.89) 0.360*** (11.35) Persönlichkeitsmerkmale Gewissenhaftigkeit *** (-4.54) * (1.95) Neurotizismus *** (-4.59) *** (-4.01) Extraversion *** (5.24) *** (2.89) Offenheit für Erfahrungen *** (5.97) *** (6.92) Verträglichkeit (-1.49) *** (-2.67) Kontrollverlust ** (-2.41) ** (-1.98) Selbstverantwortung (-1.40) (-0.21) Einflussnahme *** (14.56) *** (9.76) Konstante 1.429*** (20.05) 0 (.) N R² (between) RE-Regression (SOEP ) unter Kontrolle von Alter und Haushaltsform DZA, Berlin 26