Julia Hormuth. Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten

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1 Julia Hormuth Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten

2 VS RESEARCH Europäische Kulturen in der Wirtschaftskommunikation Band 13 Herausgegeben von Prof. Dr. Nina Janich, Technische Universität Darmstadt Prof. Dr. Dagmar Neuendorff, Åbo Akademi, Finnland Dr. Christopher M. Schmidt, Åbo Akademi, Finnland Die Schriftenreihe verbindet aktuelle sprachwissenschaftliche, betriebswirtschaftliche, kulturwissenschaftliche und kommunikationstheoretische Fragestellungen aus dem Handlungsbereich der Wirtschaft. Im Kontext einer interdisziplinär verankerten und interkulturell angewandten Forschung sollen wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Problemlösungsstrategien für die Wirtschaftskommunikation geschaffen werden. Auf diesem Wege wird auch eine Überwindung traditioneller Fachgrenzen zur Erhöhung des Erkenntnisgewinns für die einzelnen Disziplinen angestrebt. Seit Januar 2008 erscheint die Reihe, die bisher beim Deutschen Universitäts- Verlag angesiedelt war, im Programm VS Research des VS Verlags für Sozialwissenschaften.

3 Julia Hormuth Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten Eine gesprächsanalytische Studie am Beispiel deutscher Manager in Spanien VS RESEARCH

4 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar. Dissertation Universität Bayreuth, Auflage 2009 Alle Rechte vorbehalten VS Verlag für Sozialwissenschaften GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2009 Lektorat: Christina M. Brian / Dr. Tatjana Rollnik-Manke VS Verlag für Sozialwissenschaften ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in Germany ISBN

5 Vorwort Mit der Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten wird in der vorliegenden Arbeit ein Phänomen der Wirtschaftskommunikation untersucht, das im Kontext der Globalisierung zunehmend an Bedeutung gewinnt. Im Fokus steht damit ein aktuelles und praxisrelevantes Forschungsthema, das mit der Methodik der Gesprächsanalyse und anhand von Daten aus dem Unternehmenskontext bearbeitet wird. Zum Gelingen dieses Projekts haben viele Menschen beigetragen. Ihnen allen möchte ich hierfür danken, auch wenn nicht alle genannt werden können. Herrn Prof. Dr. Bernd Müller-Jacquier danke ich herzlich für die Betreuung der Arbeit, für seine Motivation und die Beratung und Unterstützung von Seiten der Interkulturellen Kommunikation. Herrn Prof. Dr. Heiko Hausendorf gilt ein großer Dank für die Übernahme der Zweitbetreuung und seine konstruktiven Rückmeldungen, insbesondere im Prozess der Modellbildung. Entscheidend zur Entwicklung der Arbeit hat auch Prof. Dr. Reinhard Fiehler beigetragen. Von Anfang an, im Rahmen von Datensitzungen und in der Diskussion einzelner Kapitel hat er mir wertvolle Anregungen gegeben, wofür ich ihm herzlich danke. Stärker als andere Methodiken ist die Gesprächsanalyse auf einen kommunikativen Austausch mit anderen Forschern angewiesen. Für vielfältige Hinweise im Rahmen von Datensitzungen und individuellen Diskussionen danke ich daher Dr. Andrea Bogner, Barbara Dengel, Prof. Dr. Arnulf Deppermann, Dr. Martin Hartung, Dr. Peter Kistler, Prof. Dr. Jan ten Thije, Edelgard Vacek und Prof. Dr. Johannes Wagner. Ein besonderer Dank gilt Dr. Wolfgang Kesselheim für seine hilfreichen Rückmeldungen zu zentralen Kapiteln der Arbeit. Gesprächsanalytische Arbeiten leben von authentischem Datenmaterial. Ein großes Dankeschön gilt daher dem kooperierenden Unternehmen sowie den Auslandsentsandten, die an der Studie teilgenommen haben und dieser durchweg mit großem Interesse und Offenheit entgegengetreten sind. Der Stiftung der deutschen Wirtschaft danke ich für die Förderung der Promotion und den Reihenherausgebern und dem Verlag für Sozialwissenschaften für die gute Zusammenarbeit bei der Publikation. Mein größter Dank gilt schließlich meinen Eltern und meinem Partner, die so wie bei allen anderen Projekten auch während der Promotion immer voll hinter mir standen.

6 Inhalt Einleitung Forschungskontext und theoretische Bezüge Interkulturelle Kommunikation Forschung zur interkulturellen Kommunikation Kulturvergleich, Interkultur und ethnisch-kultureller Diskurs Der Kulturbegriff in der Interkulturellen Kommunikation Interkulturelles Personalmanagement Auslandsentsendung als Forschungsthema Vorbereitung von Auslandsentsandten Vor-Ort-Betreuung von Auslandsentsandten Unterstützung bei der Reintegration Interkulturelles Wissens- und Erfahrungsmanagement Die Begriffe Wissen und Erfahrung Differenzierung zwischen Wissens- und Erfahrungsmanagement Interkulturelles Wissensmanagement Prozesse der Erfahrungskommunikation Wirtschafts- und Unternehmenskommunikation Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Linguistik Linguistische Forschung zur Wirtschaftskommunikation Deutsch-spanische Kommunikation Forschung zur deutsch-spanischen Wirtschaftskommunikation Situation deutscher Auslandsentsandter in Spanien Zusammenfassung und disziplinäre Einordnung... 69

7 8 Inhalt 2 Methodisch-theoretische Grundlagen Methodik der Gesprächsanalyse Die Forschungstradition der Gesprächsanalyse Das methodische Vorgehen der Gesprächsanalyse Die angewandte Gesprächsforschung Gesprächsanalytische Beschreibungsmodelle Das Modell der kommunikativen Gattung Modelle zur Rekonstruktion kommunikativer Aufgaben Zusammenfassung Empirische Studie und Datenkorpus Übersicht der erhobenen Daten Primärdaten-1: Gespräche während der Entsendung Primärdaten-2: Gespräche im Vorbereitungstraining Sekundärdaten: Nachgespräche und Interviews Aufbereitung der Daten Vorstellung ausgewählter Gespräche ENTSENDUNGSZIEL (ENTSZIEL) ANMELDUNG (ANM) LOCKERHEIT (LOCKER) KOLLEGIALE BERATUNG (KOLBER) FREUNDSCHAFT (FREUND) Spanische Kultur als Gesprächsthema Überblick über die behandelten Themen Themen der deutsch-spanischen Forschungsliteratur Thematisierung deutsch-spanischer Zusammenarbeit in den Gesprächen Beispielanalyse und Modellbildung Exemplarische Analyse eines Gesprächsausschnitts Abschnitt-1: Frage nach dem Erfahrungshintergrund des Neuentsandten Abschnitt-2: Darstellung erster kultureller Erfahrungen durch den Neuentsandten Abschnitt-3: Interkulturelle Erläuterungen der erfahreneren Entsandten

8 Inhalt Systematisierung der Analyseergebnisse Analyseprozess und induktive Modellbildung Systematik der Aufgaben, Verfahren und Formen Aufbau der einzelnen Aufgabenkapitel Aufgabe-1: Erfahrungskompetenzen etablieren Definition und Forschungskontext Aufgabenspezifika Kompetenzbereiche Soziale Rollen und Identitäten Situativ-funktionale Gesprächsrollen Verfahren zur Etablierung von Erfahrungskompetenzen Beschreiben des individuellen Erfahrungshintergrunds Anzeigen des individuellen Erfahrungshintergrunds Demonstrieren des individuellen Erfahrungshintergrunds Zusammenfassung Praxiskommentar Aufgabenüberblick und Bezug zur Praxis Die Herausforderung potenzieller Gesichtsbedrohungen Strategien zum Umgang mit Gesichtsbedrohungen Aufgabe-2: Relevante Themen einführen Definition und Forschungskontext Aufgabenspezifika Hervorhebung und Begründung der Themenrelevanz Verfahren zur Einführung relevanter Themen Explizites Benennen von Themen Implizites Nahelegen von Themen Zusammenfassung Praxiskommentar Aufgabenüberblick und Bezug zur Praxis Die Herausforderung der Identifikation relevanter Themen Die Strategie des Novizen-orientierten Thematisierens

9 10 Inhalt 7 Aufgabe-3: Kulturelle Prägungen darstellen Definition und Forschungskontext Aufgabenspezifika Verwendung des Erfahrungsbegriffs in den Gesprächen Verwendung des Kulturbegriffs in den Gesprächen Kulturelle Verankerung der Aussagen Verfahren zur Darstellung kultureller Prägungen Verallgemeinernde Darstellung kultureller Prägungen Erzählerische Veranschaulichung kultureller Prägungen Zusammenfassung Praxiskommentar Aufgabenüberblick und Bezug zur Praxis Das Problem des Vorbehalts gegenüber Stereotypen und Strategien zur Abschwächung von Stereotypen Die Herausforderung der Verbalisierung von Erfahrungen und die Strategie des Storytelling Aufgabe-4: Individuelle Betroffenheit aufzeigen Definition und Forschungskontext Aufgabenspezifika Individuelle Betroffenheit, Emotionalität und Problemdarstellung Solidarisierungen in der Darstellung von Betroffenheit Verfahren zum Aufzeigen individueller Betroffenheit Thematisieren individueller Betroffenheit Anzeigen individueller Betroffenheit Demonstrieren individueller Betroffenheit Zusammenfassung Praxiskommentar Aufgabenüberblick und Bezug zur Praxis Die Herausforderung der Darstellung von Betroffenheit in institutionellen Kontexten und Strategien zu ihrer Bewältigung

10 Inhalt 11 9 Aufgabe-5: Interkulturelle Ratschläge formulieren Definition und Forschungskontext Aufgabenspezifika Beratung oder Ratschlag? Verfahren zur Formulierung interkultureller Ratschläge Explizites Aussprechen von Handlungsempfehlungen Implizites Anzeigen von Handlungsempfehlungen Zusammenfassung Praxiskommentar Aufgabenüberblick und Bezug zur Praxis Die Herausforderung einer nicht-institutionalisierten Beraterrolle Die Strategie der impliziten Handlungsempfehlung Diskussion und Ausblick Beschreibungsmodell für die Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten Relevanz der Ergebnisse und Konsequenzen für die Unternehmenspraxis Reichweite der Ergebnisse und weiterführende Fragestellungen Literatur

11 Einleitung Auslandsentsendungen von Fach- und Führungskräften nehmen in international tätigen Unternehmen heute einen wichtigen Stellenwert ein. Regelmäßig werden Manager unterschiedlicher Aufgabenbereiche und Hierarchieebenen für eine bestimmte Zeit (durchschnittlich etwa zwei bis drei Jahre) als Auslandsentsandte oder Expatriates 1 an Auslandsstandorte versetzt. Sie übernehmen dort beispielsweise die Funktion eines Abteilungs- oder Gruppenleiters, begleiten die Verlagerung der Produktion eines bestimmten Produkts an den Auslandsstandort oder die Einführung eines Produkts auf dem ausländischen Markt. Meist verlagern diese Manager auch ihren Wohnort ins Ausland, und häufig werden sie von ihrem Lebenspartner oder ihrer Familie begleitet. Die Auslandsentsendung hat für sie daher erhebliche berufliche und private Konsequenzen. Es gibt keine exakten Angaben zur Zahl der Auslandsentsandten in deutschen Unternehmen oder weltweit. Kühlmann (2004) schätzt, dass für die 100 größten deutschen Unternehmen 2004 etwa Auslandsentsandte tätig sind. Im Anschluss an eine Umfrage der Unternehmensberatung PriceWaterhouse- Coopers geht er davon aus, dass die Zahl der Auslandsentsendungen künftig noch steigen wird. 2 Die Auslandsentsendung ist damit ein wichtiges Phänomen unserer globalisierten Gesellschaft. Der kommunikative Austausch unter Auslandsentsandten als Phänomen der globalisierten Gesellschaft Die zunehmende internationale Mobilität von Managern bringt weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen mit sich. Moosmüller (2002a) 3 beschreibt als eine zentrale Veränderung die Herausbildung sogenannter Expatriate Communi- 1 Im Unternehmenskontext und in der Forschung zur interkulturellen Kommunikation wird alternativ zum deutschen Begriff des Auslandsentsandten der englische Begriff Expatriate oder kurz Expat verwendet. 2 Vgl. PriceWaterhouseCoopers (2001). Die Umfrage von PriceWaterhouseCoopers et al. (2006) bestätigt einen nach wie vor andauernden Anstieg der Zahl der Auslandsentsendungen. 3 Vgl. auch die anderen Beiträge in dem Sammelband von Moosmüller (2002b) sowie die Aufsätze in Kühlmann/Müller-Jacquier (2007).

12 14 Einleitung ties, in denen sich Manager im Ausland zusammenfinden und die mit kulturellen Diaspora-Gemeinden im Kontext bestimmter Migrationsbewegungen vergleichbar sind. 4 Diese Expatriate Communities besitzen laut Moosmüller eine wichtige Bedeutung für die Integration und Identitätssicherung der Manager im Ausland. Hier knüpfen Auslandsentsandte Kontakte zu Personen mit einem ähnlichem kulturellen Hintergrund, mit denen sie sich über ihre Erfahrungen austauschen können. Moosmüller stellt fest, dass deutsche Auslandsentsandte, obwohl sie selbst häufig betonen, dass sie eher die fremde Kultur und Angehörige der fremden Kultur kennen lernen und auf das Neue zugehen möchten, meist den Kontakt zu anderen Deutschen suchen, sich in der Freizeit viel unter Deutschen bewegen und weiter ihre deutsche Art pflegen (Moosmüller 2002a: 22). Eine wichtige Rolle spielt für die Auslandsentsandten in der Expatriate Community der kommunikative Austausch mit anderen Entsandten. Die Auslandsentsendung ist für sie häufig eine neuartige und prägende Erfahrung, die sie entsprechend verarbeiten müssen. Der Austausch mit anderen Auslandsentsandten kann ihnen dabei helfen, Erfahrungen zu reflektieren und das Verhalten fremdkultureller Kollegen oder Mitarbeiter zu verstehen. Insbesondere neue Auslandsentsandte suchen in der Expatriate Community den Kontakt zu erfahreneren Kollegen, die ihnen Wissen und Erfahrungen im Bezug auf die fremde Kultur weitergeben können: Wie kann man beispielsweise Mitarbeiter der fremden Kultur motivieren? Wie sehr muss man nachhaken, um bestimmte Aufgaben rechtszeitig erledigt zu bekommen? Welche Fettnäpfchen gibt es, die man vermeiden sollte? Dies sind Fragen, die sich die Neuentsandten stellen oder deren Relevanz ihnen im Gespräch mit erfahreneren Auslandsentsandten bewusst wird. Neuentsandte verschaffen sich in solchen Gesprächen mit erfahreneren Kollegen einen Zugang zu berufsrelevantem Erfahrungswissen. 5 Umgekehrt scheinen auslandserfahrene Mitarbeiter einen Drang zu verspüren, ihre Fremdkulturerfahrungen in öffentlichen oder privaten Kontexten mitzuteilen (Müller- Jacquier 2007: 18). Auf der einen Seite steht dahinter möglicherweise das Bedürfnis, Kollegen vor Fehlern und Fettnäpfchen zu bewahren, in die man selbst am Anfang getreten ist. Auf der anderen Seite erfahren Auslandsentsandte für ihre Erfahrungen und Hinweise oft Dankbarkeit und Anerkennung seitens der Neuentsandten. 4 Cohen (1997) spricht auch von business diasporas. Kotkin (1996) nennt die gezielt geplante Diaspora japanischer Geschäftsleute im Westen dispora by design. 5 Moosmüller (2002a: 25) schreibt hierzu: In der Praxis zeigt sich [...], daß sich die expats das für sie notwendige interkulturelle Wissen vor Ort aneignen und dabei insbesondere auch auf den Wissens- und Erfahrungsschatz der Diaspora-Gemeinde zurückgreifen.

13 Einleitung 15 Unternehmenspraktische Relevanz der Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten Aus Unternehmensperspektive ist die Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten durchaus begrüßenswert. Sie wird in einigen Unternehmen gezielt genutzt und gefördert und besitzt gegenüber anderen Instrumenten der interkulturellen Personalentwicklung und des unternehmensinternen Wissens- und Erfahrungsmanagement verschiedene Vorteile: 6 Eine zentrale Herausforderung des interkulturellen Personalmanagements besteht darin, Auslandsentsandte vor und zu Beginn ihrer Entsendung möglichst schnell und effektiv auf ihre neue Tätigkeit vorzubereiten. Dazu gehört auch, dass sie kulturspezifische Verhaltensweisen, Werte und Einstellungen bzw. kulturelle Unterschiede kennenlernen, die für ihre Arbeit relevant sein können. Auslandsentsandte besetzen häufig verantwortungsvolle Positionen im Unternehmen. Daher ist es wichtig, dass sie sich von Anfang an ihren Mitarbeitern und Kollegen gegenüber angemessen präsentieren und es vermeiden, in kulturelle Fettnäpfchen zu treten. In den meisten großen Unternehmen besuchen Auslandsentsandte daher interkulturelle Vorbereitungstrainings. Ein wichtiger Bestandteil dieser Trainings ist die Vermittlung von Wissen über kulturelle Unterschiede im Arbeitskontext und über Strategien zum Umgang mit diesen Unterschieden (z.b. Arbeitsorganisation, Führung und Kommunikationsstil). Mündliche Erfahrungsberichte erfahrener Auslandsentsandter können solche interkulturellen Vorbereitungstrainings sinnvoll ergänzen. Denn in mündlichen Berichten werden authentische Erfahrungen weitergegeben, häufig in Form konkreter und lebendiger Erzählungen, die dem neuen Auslandsentsandten leicht und oft einprägsam in Erinnerung bleiben und ihm einzelne Aspekte besonders anschaulich verdeutlichen können. Außerdem können Kollegen aus dem gleichen Unternehmen im Gegensatz zu externen Trainern auch unternehmens- und werksspezifische Aspekte thematisieren, was für neue Mitarbeiter und auch aus Unternehmenssicht von besonderem Interesse ist. Aus der Perspektive des unternehmensinternen Wissens- bzw. Erfahrungsmanagements trägt die Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten dazu bei, dass das Wissen und die Erfahrungen der Mitarbeiter nicht verloren gehen, sondern vielmehr strategisch für das Unternehmen genutzt werden können. Die Gespräche sind damit auch aus Sicht des interkulturellen Wissensmanagements von Vorteil. In Unternehmen wird die Weitergabe kultureller Erfahrungen unter Auslandsentsandten zum einen im Rahmen interkultureller Vorbereitungstrainings 6 Vgl. auch hierzu Moosmüller (2002a: 25): Die entsendenden Organisationen dürften zunehmend daran interessiert sein, die in den Diaspora-Gemeinden vorhandenen Erfahrungen bzgl. der Anpassung an die Gastkultur und der interkulturellen Effektivität im Beruf zu nutzen.

14 16 Einleitung genutzt. Hier geben Repatriates 7 ihre Erfahrungen an zukünftige Auslandsentsandte weiter. Zum anderen finden Gespräche zwischen erfahreneren und neuen Auslandsentsandten in der Auslandsniederlassung statt. Das Potenzial der Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten wird jedoch noch nicht ausgeschöpft. Grund hierfür ist möglicherweise auch der noch unzureichende Forschungsstand zur Weitergabe kultureller Erfahrungen in Gesprächen. Forschungsstand und Forschungsbezüge Obwohl die Weitergabe kultureller Erfahrungen von erfahreneren an neue Auslandsentsandte für Manager und für Unternehmen von zentraler Bedeutung ist, fand sie bisher kaum wissenschaftliche Beachtung. Die interkulturelle Personalentwicklung, die sich aufgrund ihrer Anwendungsperspektive mit der Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten beschäftigen könnte, entwickelte zwar vielfältige Ansätze zu interkulturellen Qualifizierungsmethoden (v.a. zum interkulturellen Training und Coaching) und hebt auch verschiedentlich die Vorteile einer Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten hervor (z.b. Wirth 2003: 353, Brüch 2001: 44, Martin 2001, Scherm 1999: 204, Mayrhofer 1996: 35, Debrus 1995a: 163, 1995b: 126, Schröder 1995, Kammel/Teichelmann 1994: 86). Es gibt jedoch keine konkreten Untersuchungen zur mündlichen oder schriftlichen Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten. In der allgemeinen Personalentwicklung sind in den letzten Jahren einige umfassende Studien zu den Instrumenten des Mentoring und der Patenschaft entstanden (z.b. Reichelt 2008, Hilb 2007, Ragin/Kram 2007, Schell-Kiehl 2007, Richert 2006). Diese Instrumente funktionieren grundlegend über die Erfahrungsweitergabe zwischen (im Hinblick auf bestimmte Aspekte) erfahreneren Mitarbeitern und weniger erfahrenen (z.b. erfahrene Führungskraft und Trainee, langjähriges und neues Teammitglied). Die Ergebnisse solcher Arbeiten können in begrenztem Maße auf interkulturelle Kontexte übertragen werden. Übertragbar wären sicherlich Ergebnisse im Bezug auf die Prozesse der Verbalisierung von Erfahrungen und die Organisation einer Erfahrungsweitergabe unter Kollegen. Spezifisch ist im interkulturellen Kontext allerdings die Problematik der Darstellung kultureller Erfahrungen und die Frage, wie man Aussagen über fremde Kulturen machen kann, ohne dabei in den Verdacht der Stereotypisierung zu geraten. Umgekehrt lassen sich auch die Ergebnisse dieser Arbeit in bestimmtem Maße auf andere Kontexte der Erfahrungsweitergabe übertragen (z.b. die Erfah- 7 Repatriates sind Mitarbeiter, die für eine bestimmte Zeit als Auslandsentsandte gearbeitet haben und inzwischen wieder im Heimatland sind.

15 Einleitung 17 rungsweitergabe von Älteren an Jüngere, von Vorgängern an Nachfolger, von ausscheidenden an verbleibende Mitarbeiter). Beispielsweise spiegeln die Ergebnisse zur Etablierung von Erfahrungskompetenzen und zur Formulierung interkultureller Ratschläge (vgl. Kapitel 5 und 8) allgemeine Herausforderungen der Erfahrungsweitergabe wieder. Andere Ergebnisse wiederum sind spezifisch für den Kontext der Auslandsentsendung und somit für andere Kontexte weniger relevant, zum Beispiel die Ergebnisse zur Darstellung kultureller Prägungen (vgl. Kapitel 7). Wie im Personalmanagement so wird auch im allgemeinen Wissensmanagement der Aspekt des Erfahrungsmanagements bzw. konkreter der Erfahrungsweitergabe erst allmählich in den Blick genommen. Dabei gibt es nach wie vor wenig Forschung zu konkreten Instrumenten der Erfahrungsweitergabe. Auch zum interkulturellen Wissens- und Erfahrungsmanagement gibt es bislang sehr wenige Forschungsbeiträge, und auch dort wurde die Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten noch nicht untersucht. Für die beiden Disziplinen des Personal- und Wissensmanagements gilt außerdem, dass in den wenigen Arbeiten, die zur Erfahrungsweitergabe erschienen sind, nur selten die kommunikativen Prozesse der Erfahrungsweitergabe in den Blick genommen werden. Es werden verschiedene Personalentwicklungs- oder Wissensmanagementinstrumente betrachtet, die auf einem Erfahrungsaustausch oder einer Erfahrungsweitergabe basieren (z.b. Mentoring, Patenschaft, Community of Practice). Diskutiert werden die organisatorischen Voraussetzungen, Bedingungen und Kontexte für den Erfolg solcher Instrumente. Dass jedoch all diese Instrumente nur erfolgreich sind, wenn die kommunikativen Prozesse zwischen den Beteiligten funktionieren, und dass entsprechend diese kommunikativen Prozesse genauer untersucht werden müssten, wird selten berücksichtigt. Die Disziplin, die sich grundlegend mit den Organisationsprinzipien und Strukturen mündlicher Kommunikationsprozesse beschäftigt, ist die Gesprächsanalyse. Sie untersucht bestimmte Gesprächstypen und -kontexte im Hinblick darauf, welche kommunikative Formen und Praktiken Gesprächspartner verwenden und welche Funktionen diese jeweils im Gesprächszusammenhang besitzen. Im Rahmen der gesprächsanalytischen Forschung zur Wirtschafts- und Unternehmenskommunikation ist die Erfahrungsweitergabe unter Auslandentsandten ein potenzieller Forschungsgegenstand, der bislang nicht untersucht wurde. Lediglich zu einigen verwandten Gesprächstypen gibt es gesprächsanalytische Untersuchungen (z.b. zu Beratungsgesprächen, Unterweisungsgesprächen). Die Arbeit reagiert also auf einen Forschungsbedarf in Bezug auf die Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten, der aus der Perspektive verschiedener Disziplinen besteht. Gegenstand der Arbeit ist die mündliche Weitergabe kultureller Erfahrungen von erfahreneren Auslandsentsandten an Neuentsandte.

16 18 Einleitung Mit kulturellen Erfahrungen sind alle Erfahrungen gemeint, die ein Individuum in der Interaktion mit Angehörigen einer fremden Kultur macht, bei denen kulturelle Verhaltensweisen, Werte oder Einstellungen bzw. kulturelle Unterschiede eine Rolle spielen (z.b. in Bezug auf die Arbeitsorganisation, die Motivation von Mitarbeitern oder den Umgang mit Konflikten). 8 Der Fokus wird dabei auf die kommunikativen und interaktiven Prozesse der Erfahrungsweitergabe im Gespräch gelegt. Der Begriff der Weitergabe ist entsprechend nicht im Sinne eines informationstheoretischen Sender-Empfänger- Modells (Shannon/Weaver 1949) als unidirektionaler Prozess misszuverstehen. Bei der Erfahrungsweitergabe im Sinne dieser Arbeit handelt es sich vielmehr um einen interaktiven und wechselseitigen Aushandlungsprozess der Gesprächspartner. Daher wird in der Arbeit alternativ zum Begriff der Erfahrungsweitergabe auch der Terminus Erfahrungskommunikation verwendet (in Analogie zur Wissenskommunikation, vgl. z.b. Antos 2005, Eppler/Reinhardt 2004, Reinmann-Rothmeier 2001). Dieser Begriff wird der Interaktivität der Prozesse der Erfahrungsweitergabe besser gerecht. Er spezifiziert allerdings keine Teilnehmerrollen und umfasst damit sowohl Prozesse des Erfahrungsaustauschs als auch der Erfahrungsweitergabe (zur Konzeptualisierung der Begriffe Wissens- und Erfahrungskommunikation vgl ). Herausgearbeitet werden die Charakteristika und Besonderheiten der mündlichen Kommunikation kultureller Erfahrungen unter Auslandsentsandten. Dabei wird beschrieben, wie erfahrenere Auslandsentsandte ihre kulturellen Erfahrungen im Gespräch an Neuentsandte weitergeben. Die Methodik der Gesprächsanalyse Zum Einsatz kommt die Gesprächsanalyse als Methodik, die an der Schnittstelle zwischen Soziologie und Linguistik entstanden ist. Die Besonderheit der Gesprächsanalyse besteht darin, dass sie die Organisationsprinzipien und Strukturen mündlicher Kommunikationsprozesse anhand von Audio- oder Videoaufnahmen 8 In Anlehnung an Thomas (2005a) Ausführungen zur fremdkulturellen bzw. interkulturellen Wahrnehmung wird der Begriff kulturelle Erfahrung hier (im Gegensatz zu interkulturelle Erfahrungen ) auf Erfahrungen bezogen, bei denen der Blick primär vom Handelnden auf den Vertreter einer fremden Kultur gerichtet ist bzw. Ausgangsbedingungen beim Handelnden in Bezug auf die Konfrontation mit einer fremden Kultur thematisiert werden (ebd.: 101). Diese Perspektive ist bei den Gesprächspartnern der für die vorliegende Arbeit aufgezeichneten Gespräche dominant. Nur an wenigen Stellen nehmen sie eine interkulturelle Perspektive ein, bei der sowohl die kulturell bedingten Besonderheiten der eigenen Wahrnehmungsprozesse wie auch der des fremdkulturellen Partners gewissermaßen aus einer Außenperspektive (auf einer dritten Ebene ) thematisiert und reflektiert werden (ebd.).

17 Einleitung 19 authentischer Gespräche untersucht. Mithilfe detaillierter Transkripte werden die einzelnen Äußerungen der Gesprächspartner nachvollzogen und ihre Auswirkungen auf den Gesprächsverlauf beobachtet. Die Gesprächsanalyse ist also im Gegensatz zu Methoden, die mit Interviews arbeiten, nicht auf Selbsteinschätzungen der Probanden angewiesen (z.b. zu Herausforderungen bei der Erfahrungsweitergabe oder zu Strategien des Umgangs mit Stereotypen). Sie kann stattdessen die tatsächlichen kommunikativen Prozesse der Erfahrungsweitergabe und die von den Gesprächspartnern verwendeten kommunikativen Verfahren analysieren und beschreiben. Die Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten wird in der vorliegenden Arbeit als kommunikative Gattung (Luckmann 1988, 1986) aufgefasst, die in unserer globalisierten Gesellschaft im Entstehen und für die Gesellschaft prägend ist. Die Ergebnisse der Gesprächsanalysen werden in Rückgriff auf ein gesprächsanalytisches Beschreibungsmodell von Hausendorf und Quasthoff dargestellt (Hausendorf 2000a, Hausendorf/Quasthoff 1996). Dazu werden die kommunikativen Aufgaben rekonstruiert, die sich Auslandsentsandten bei der Erfahrungsweitergabe stellen, sowie die kommunikativen Verfahren und linguistischen Formen, die sie zur Bewältigung dieser Aufgaben verwenden. Die Datenerhebung wurde in Kooperation mit einem führenden deutschen Industriekonzern durchgeführt. Das Unternehmen gehört zu den weltweit größten Unternehmen seiner Branche und hat Niederlassungen auf allen Kontinenten. Entsprechend hat es eine große Zahl an Auslandsentsandten weltweit zu betreuen und bemüht sich kontinuierlich, die Maßnahmen zur Vorbereitung und Begleitung der Auslandsentsandten zur verbessern. In der Studie wurden Gespräche unter deutschen Auslandsentsandten in Spanien betrachtet. Die Community der Auslandsentsandten ist hier in Städten wie Madrid oder Barcelona sehr gut organisiert. 9 Der kulturelle Kontext eignet sich daher gut für eine Untersuchung der Weitergabe kultureller Erfahrungen. Forschungsleitende Fragestellungen Aus dem Ziel der Arbeit und der gesprächsanalytischen Herangehensweise lässt sich folgende übergeordnete Fragestellung ableiten: Was zeichnet die kommunikativen Prozesse der mündlichen Weitergabe kultureller Erfahrungen unter Auslandsentsandten aus linguistisch-gesprächsanalytischer Perspektive aus? 9 Vgl. hierzu eine Umfrage der deutsche Handelskammer für Spanien (AHK Spanien 2006: 31).

18 20 Einleitung In Anlehnung an das verwendete Beschreibungsmodell und im Hinblick auf die Praxisorientierung der Arbeit lassen sich folgende konkretere Fragestellungen für die Arbeit formulieren: Welche kommunikativen Aufgaben müssen Auslandsentsandte bei der Erfahrungsweitergabe interaktiv bewältigen, und welche kommunikativen Verfahren und linguistischen Formen verwenden sie zur Realisierung dieser Aufgaben? Welche kommunikativen Herausforderungen lassen sich identifizieren, die für eine Umsetzung der Gespräche in der Unternehmenspraxis relevant sind, und welche Strategien verwenden Gesprächspartner zu ihrer Bewältigung? Aufbau der Arbeit Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Die Kapitel 1 bis 3 stellen theoretische und methodische Grundlagen sowie das erhobene Datenkorpus vor. Die Kapitel 4 bis 10 präsentieren sukzessive die Ergebnisse der Arbeit, zunächst in Form einer Beispielanalyse und anschließend in systematischer Herangehensweise. Teil A: Theorie, Methodik und Datenkorpus Kapitel 1 gibt einen Überblick über die zentralen Forschungsfelder, die für das Thema der Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten relevant sind und für die die Arbeit gewinnbringende Erkenntnisse liefern: Die Interkulturelle Kommunikation stellt die zentrale Bezugsdisziplin des Projekts dar. Das interkulturelle Personalmanagement und das interkulturelle Wissens- und Erfahrungsmanagement werden als anwendungsorientierte Disziplinen vorgestellt, die sich mit Instrumenten der Erfahrungsweitergabe beschäftigen. Die Forschung zur Unternehmens- und Wirtschaftskommunikation und die zur deutsch-spanischen Kommunikation unterstützen die Charakterisierung der Gespräche im Hinblick auf die spezifischen Gesprächskontexte. Linguistische Forschungsbezüge, die für die einzelnen kommunikativen Aufgaben der Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten relevant sind, werden ergänzend in den Abschnitten Definition und Forschungskontext der Kapitel 5 bis 9 dargestellt. Kapitel 2 stellt Forschungsansätze und Vorgehen der linguistischen Gesprächsanalyse vor und präsentiert die gesprächsanalytischen Beschreibungsmodelle, die zur Charakterisierung der Weitergabe kultureller Erfahrungen herangezogen werden (das Modell der kommunikativen Gattungen von Luckmann 1988,

19 Einleitung , das Modell zur Rekonstruktion kommunikativer Aufgaben im Gespräch von Hausendorf 2000a, Hausendorf/Quasthoff 1996). Kapitel 3 erläutert systematisch das Vorgehen zur Erhebung und Aufbereitung der Daten und gibt einen Überblick über das der Arbeit zugrunde liegende Datenmaterial. Dabei werden auch die zentralen Themen und Inhalte des Korpus im Hinblick auf die deutsch-spanische Zusammenarbeit dargestellt. Teil B: Ergebnisse Gegenstand des Kapitels 4 ist erstens eine Beispielanalyse eines repräsentativen Ausschnitts aus einem der aufgezeichneten Gespräche. Die Beispielanalyse gibt einen ersten Einblick in die Daten und führt dabei das sequenzanalytische Vorgehen der Gesprächsanalyse beispielhaft vor. Zweitens enthält das Kapitel Kommentare zum Modellbildungsprozess. Diese dienen vor allem dem Überblick und besseren Verständnis der nachfolgenden systematischen Ergebniskapitel. Die Kapitel 5 bis 9 stellen systematisch die fünf kommunikativen Aufgaben vor, die sich Auslandsentsandten gemäß den Analysen bei der Erfahrungsweitergabe stellen. Diese Kapitel stellen den Hauptteil der Arbeit dar. Alle Aufgaben werden zunächst definiert, und es werden linguistische Forschungsbezüge aufgezeigt, die sich in den Analysen als relevant herausgestellt haben. Anschließend werden für alle Aufgaben spezifische Analyseergebnisse kommentiert (z.b. zu zentralen Begriffen der Aufgabenbezeichnung oder spezifischen Definitionskriterien) und schließlich kommunikative Verfahren und Formen beschrieben, die die Gesprächspartner zu ihrer Realisierung verwenden. Abschließend enthalten die Aufgabenkapitel jeweils einen Praxiskommentar, der die Bedeutung der Aufgabe aus Sicht der Praxis darstellt und mögliche Konsequenzen für eine Umsetzung in der Unternehmenspraxis formuliert. Das Kapitel 10 fasst die Grundlagen und Ergebnisse der Arbeit zusammen, diskutiert theoretische und praktische Erkenntnisse zur Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten und gibt einen Ausblick auf weiterführende Fragestellungen.

20 1 Forschungskontext und theoretische Bezüge Das Thema der vorliegenden Arbeit ist an der Schnittstelle mehrerer Forschungsfelder angesiedelt. Die Untersuchung der Frage, wie erfahrenere Auslandsentsandte ihre kulturellen Erfahrungen im Gespräch an Neuentsandte weitergeben, ist aus unterschiedlichen Perspektiven relevant und greift auf theoretische Konzepte und Begriffe aus verschiedenen Disziplinen zurück. In diesem Kapitel beschreibe ich den Bezug dieser Forschungskontexte zur Fragestellung der Arbeit. Dabei werden drei Ziele verfolgt: Erstens wird die Arbeit disziplinär eingeordnet, und es werden theoretische Konzepte und Begriffe, die für die Arbeit relevant sind, eingeführt. Zweitens werden innerhalb der einzelnen Disziplinen Fragestellungen aufgezeigt, zu deren Beantwortung die vorliegende Arbeit beiträgt. Drittens wird erläutert, worin aus der Perspektive der einzelnen Forschungsfelder die Relevanz des Projekts besteht. Abbildung 1.1 gibt einen ersten Überblick über die relevanten Forschungskontexte und ihre jeweiligen Bezüge zum Thema der Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten. Abbildung 1.1: Forschungskontexte für die Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten

21 24 1. Forschungskontext und theoretische Bezüge Das Kapitel beginnt mit einem Forschungsüberblick über das interdisziplinäre Feld der Interkulturellen Kommunikation, welche die zentrale Bezugsdisziplin des Projekts darstellt (1.1). Die Arbeit wird im Hinblick auf verschiedene Forschungsperspektiven innerhalb der Interkulturellen Kommunikation eingeordnet, und es wird diskutiert, welcher Kulturbegriff angesichts der Thematik und Herangehensweise angemessen erscheint. Anschließend werden zwei anwendungsbezogene Forschungsdisziplinen betrachtet, die sich mit den Spezifika bestimmter Managementthemen, nämlich dem Personal- und dem Wissensmanagement, im Rahmen interkultureller Kontexte beschäftigen. Im Bezug auf beide Disziplinen wird zum einen gezeigt, wie sich die praktische Relevanz des Themas durch sie begründen lässt, zum anderen, welche Forschungslücke die Arbeit jeweils füllen kann. Innerhalb des interkulturellen Personalmanagements (1.2) lässt sich die Weitergabe kultureller Erfahrungen unter Auslandsentsandten als innovative und gewinnbringende Maßnahme zur Unterstützung von Auslandsentsandten betrachten, die bisher nicht wissenschaftlich untersucht wurde. Im Bezug auf das interkulturelle Wissens- und Erfahrungsmanagement (1.3) ist die Frage nach der Wissensbewahrung und -kommunikation im Unternehmen von hoher praktischer Relevanz. Die Arbeit liefert innovative Einsichten im Hinblick auf verschiedene Aspekte: Sie fokussiert erstens auf das Erfahrungs- im Gegensatz zum Wissensmanagement und nimmt dabei zweitens interkulturelle Kontexte in den Blick. Eine Besonderheit der Arbeit besteht drittens darin, dass sie sich auf die kommunikativen Prozesse der Erfahrungsweitergabe konzentriert, die in der betriebswirtschaftlichen und psychologischen Forschung zum Wissensmanagement häufig vernachlässigt werden. Schließlich werden zwei Forschungsbereiche dargestellt, die den Kontext, in denen die Weitergabe kultureller Erfahrungen unter Auslandsentsandten stattfindet, genauer in den Blick nehmen. Die Erfahrungsweitergabe unter Auslandsentsandten wird als kommunikative Gattung der Wirtschaftskommunikation (1.4) aufgefasst, die in der entsprechenden Forschung noch nicht untersucht wurde. Für den Kontext der deutsch-spanischen Kommunikation (1.5) gilt zum einen, dass es zu ihm im Vergleich zu anderen Kulturbeziehungen (z.b. der deutschfranzösischen) relativ wenig Forschung gibt. Zum anderen eignet sich der spanische Kulturkontext aufgrund der positiven Standortbedingungen für deutsche Auslandsentsandte in Spanien bzw. Madrid für die Untersuchung der kommunikativen Prozesse der Erfahrungsweitergabe. Abschnitt 1.6 fasst die disziplinäre Einordnung der Arbeit, die Bezüge zwischen den Forschungsdisziplinen und die herausgearbeiteten Fragestellungen zusammen.

22 1.1 Interkulturelle Kommunikation 25 Aufgrund der methodischen Herangehensweise sind für die durchgeführte Studie gesprächsanalytische Forschungsarbeiten besonders relevant. Innerhalb dieses Kapitels werden an verschiedenen Stellen gesprächsanalytische Forschungsbezüge aufgezeigt: Für die Konzeptualisierung der interaktionistischen Perspektive innerhalb der Interkulturellen Kommunikation sind linguistischgesprächsanalytische Arbeiten zentral (1.1.2). Die Forschungskontexte der Wirtschaftskommunikation (1.4.1) und der deutsch-spanischen Kommunikation (1.5.1) weisen wichtige Beiträge aus der Gesprächsanalyse auf. In werden die Leistungen und Besonderheit der Methodik für die Erforschung der kommunikativen Prozesse der Erfahrungsweitergabe herausgestellt. Eine Übersicht über die Forschungsrichtung und Methodik der Gesprächsanalyse gibt Kapitel 2. Auf spezifische linguistisch-gesprächsanalytische Forschungsbezüge, die für bestimmte Analyseaspekte innerhalb der einzelnen Aufgaben relevant sind (z.b. Stereotypisierung, Beratung), gehe ich innerhalb der Aufgabenkapitel jeweils im Abschnitt Definition und Forschungskontext ein. 1.1 Interkulturelle Kommunikation Das Thema der Interkulturellen Kommunikation (IKK) ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend Gegenstand verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen geworden. Spätestens seit den 90er Jahren kann man geradezu vom einem Boom interkultureller Fragestellungen und Forschungsprojekte sprechen. Hauptgrund für dieses wachsende wissenschaftliche Interesse an Interkulturalität ist fraglos die zunehmende Bedeutung interkultureller Begegnungen in der Gegenwart. Infolge der zunehmenden Globalisierung und weltweiten Vernetzung ergeben sich internationale Kontakte in Wirtschaft, Wissenschaft, Entwicklungshilfe, Politik, Tourismus etc. Aufgrund allgemeiner Migrationsbewegungen müssen heute sehr viele Menschen im alltäglichen und beruflichen Kontext in interkulturellen Handlungskontexten agieren (z.b. am Arbeitsplatz, in der Schule, in Ämtern). Die Interkulturelle Kommunikation stellt die Rahmendisziplin der vorliegenden Arbeit dar. Untersucht werden Gespräche, die als Folge der Internationalisierung im Kontext interkultureller Wirtschaftsbeziehungen stattfinden. Es handelt sich jedoch nicht um eine Form der interkulturellen Kommunikation im engeren Sinne, bei der Angehörige verschiedener Kulturen in Interaktion treten. Vielmehr sind interkulturelle Kommunikations- bzw. Interaktionssituationen Gegenstand der Gespräche. Die Gesprächspartner sprechen über Kulturunterschiede und über interkulturelle Kommunikationssituationen, um die neuen Auslandsentsandten auf interkulturelle Interaktionssituationen vorzubereiten.

23 26 1. Forschungskontext und theoretische Bezüge Im Folgenden gebe ich zunächst einen Überblick über Forschungsdisziplinen, die einen Beitrag zur Interkulturellen Kommunikation leisten (1.1.1), und verschiedene Forschungsperspektiven innerhalb der Interkulturellen Kommunikation (1.1.2). Anschließend erläutere ich, welche Auffassung von Kultur für unsere Fragestellung angemessen erscheint (1.1.3) Forschung zur interkulturellen Kommunikation Der Forschungskontext der interkulturellen Kommunikation kann heute auf Arbeiten aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zurückgreifen: Frühe ethnologische bzw. kulturanthropologische Ansätze leisteten insbesondere einen Beitrag zur Definition von Kultur (Geertz 1987, Goodenough 1957, Kroeber/Kluckhohn 1952) sowie zur Beschreibung von Kulturunterschieden (Hall 1983, 1976, 1966, 1959, Kluckhohn/Strodtbeck 1961). Seit den 90er Jahren setzt sich in Deutschland insbesondere die Münchner Ethnologie für die Konzeptualisierung einer interkulturellen Kommunikation auf der Basis theoretischer und methodischer Konzepte der Kulturanthropologie ein (K. Roth 2004, Moosmüller 2004, J. Roth/K. Roth 2001, J. Roth 1996). Innerhalb der Psychologie kann auf eine wirkkräftige Tradition der Cross- Cultural Psychology in den USA zurückgegriffen werden (Landis/Bhagat 1996, Triandis/Brislin 1980). In Deutschland wurde in den letzten Jahren vor allem das ebenfalls kulturvergleichend angelegte Kulturstandard-Konzept des Regensburger Sozialpsychologen Thomas auf verschiedene Kulturkontexte übertragen (zu den Grundlagen vgl. Thomas 2005b, 2004, 2000, 1999, 1996, zur Anwendung auf spezifische Kulturkontexte z.b. Thomas/Schenk 2005 zu China, Foellbach/Rottenaicher/Thomas 2002 zu Argentinien, Schroll-Machl 2002 zu Deutschland). Darauf aufbauend wurden praktische Maßnahmen zum Training interkultureller Handlungskompetenzen für Führungskräfte diskutiert (Thomas 2005b, 2000, Kinast 2005, Thomas/Hagemann/Stumpf 2003). Wegweisend im Kontext der Betriebswirtschaftslehre bzw. der interkulturellen Managementforschung waren die kulturvergleichenden Arbeiten Hofstedes (v.a. 1991, 1980), auf die in der Folge verschiedene Forscher aufbauten (v.a. House/Hanges/Javidan 2004, Trompenaars 1993). Daneben beschäftigten sich Forscher mit den Auswirkungen von Interkulturalität auf bestimmte Managementaufgaben wie Führung, Motivation, Teamarbeit (vgl. z.b. die Artikel in Bergemann/Sourisseaux 2003), zu kulturellen Auswirkungen von Firmenfusionen (z.b. Mendenhall/Stahl 2005) sowie zu personalwirtschaftlichen Konsequenzen der Internationalisierung wie insbesondere dem Phänomen der Auslandsentsendung (vgl. hierzu 1.2).

24 1.1 Interkulturelle Kommunikation 27 Die Fremdsprachenphilologien setzen sich schon lange mit Strategien zur Verständigung in interkulturellen Kontaktsituationen auseinander. Neben sprachlichen Aspekten haben sie dabei immer auch den kulturellen und landeskundlichen Kontext berücksichtigt. Insbesondere im Fach Deutsch als Fremdsprache kann von einer intensiven Beschäftigung mit interkulturellen Fragestellungen gesprochen werden. Daher hat sich hier zunehmend der Begriff der Interkulturellen Germanistik durchgesetzt (Wierlacher 2004, 2003). Die Interkulturelle Germanistik beschäftigt sich mit der Vermittlung der deutschen Kultur im Ausland und der Auseinandersetzung mit Fremdheit und Fremdverstehen in interkulturellen Kontaktsituationen zwischen Deutschen und Angehörigen fremder Kulturen. Aus der Linguistik stammen konversationsanalytische Ansätze zur Interkulturellen Kommunikation. Neben kontrastiven Arbeiten zu Unterschieden in den Kommunikationskonventionen konkreter Kulturen (z.b. von Helmolt 1997, Keim 1994, Günthner 1993), findet man hier vor allem empirische Arbeiten zu den Auswirkungen kultureller Unterschiede auf interkulturelle Interaktionssituationen (Müller-Jacquier 2004, ten Thije 2002, Koole/ten Thije 1994a, 1994b) sowie zur Entwicklung einer Linguistic Awareness of Cultures (Müller- Jacquier 2000) bzw. zum Training interkultureller Kommunikationsfähigkeit (ten Thije 2001, Liedke/Redder/Scheiter 1999, Knapp-Potthoff 1997, 1994). Die konversationsanalytischen Ansätze sind aufgrund der in der vorliegenden Studie verwendeten Methodik besonders einschlägig. Neben diesen zentralen Bezugsdisziplinen beschäftigen sich auch weitere wissenschaftliche Disziplinen wie beispielsweise die Soziologie, die Geschichtsund Religionswissenschaften mit einzelnen Aspekten der interkulturellen Kommunikation. Der kurze Forschungsüberblick konnte zeigen, dass insgesamt eine große Interdisziplinarität im Bereich der interkulturellen Kommunikationsforschung herrscht. Das Thema der interkulturellen Kommunikation wird aus unterschiedlichen Perspektiven und mithilfe verschiedener Methoden und Herangehensweisen erforscht. Diese grenzen sich teilweise deutlich voneinander ab, können sich aber auch fruchtbar ergänzen. In den letzten Jahren wird zunehmend die Herausbildung einer eigenen Disziplin der Interkulturellen Kommunikation diskutiert. 10 Auch wenn diese angesichts der unterschiedlichen theoretischen Modelle und Begriffe, Methoden und Fragestellungen eine Herausforderung darstellt, verwende ich den Begriff der Interkulturellen Kommunikation im Folgenden zur Bezeichnung einer solchen interdisziplinären Forschungsdisziplin. 10 Vgl. die Tagung zum Thema Interkulturelle Kommunikation Konturen einer wissenschaftlichen Disziplin in München im November 2004 (Kraemer/Moosmüller 2005).

25 28 1. Forschungskontext und theoretische Bezüge Kulturvergleich, Interkultur und ethnisch-kultureller Diskurs Kulturvergleichende und interkulturell-interaktionistische Forschungsansätze Innerhalb der Interkulturellen Kommunikation kann man zwei Forschungsansätze bzw. -perspektiven unterscheiden. Während kulturvergleichende Ansätze primär die Beschreibung von Unterschieden zwischen Kulturen in den Blick nehmen, beschäftigen sich interkulturelle Ansätze mit den Auswirkungen von Kulturunterschieden in interkulturellen Interaktionssituationen: 1. Kulturvergleichende bzw. kontrastive Ansätze (cross-cultural approaches) beschäftigen sich in Rückgriff auf verschiedene Methoden mit der Erforschung und Erklärung von Unterschieden zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen (z.b. im Bezug auf Werte, Eigenschaften, Verhaltensweisen, Kommunikationskonventionen). Kulturvergleichende Ansätze findet man in der Psychologie (vgl. Straub/Thomas 2003, Schwartz 1994), der BWL (House/Hanges/Javidan 2004, Trompenaars 1993, Hofstede 1991, 1980), der Ethnologie (z.b. Hall 1983, 1976, 1966, 1959, Kluckhohn/Strodtbeck 1961), der Soziologie (Inglehart 1997) und der Linguistik (z.b. von Helmolt 1997, Keim 1994, Günthner 1993) Interkulturelle Ansätze (intercultural approaches) erforschen Auswirkungen von Kulturunterschieden in interkulturellen Interaktionssituationen. Sie betrachten beispielsweise die Entstehung von Missverständnissen in der interkulturellen Kommunikation sowie die Hervorbringung von etwas Neuem, einer Interkultur, in der Interaktion. Wichtige Beiträge zur Erforschung interkultureller Interaktionsprozesse stammen von der linguistischen 11 Die linguistischen Arbeiten zu Kulturunterschieden nehmen innerhalb der Systematik einen gewissen Sonderstatus ein. Sie greifen zwar auf Gesprächsaufnahmen interkultureller Interaktionssituationen zurück und ihr Grundverständnis von Kommunikation ist ein interaktionistisches. Ziel der genannten Arbeiten ist es jedoch, Kulturunterschiede im Bezug auf das kommunikative Verhalten von Angehörigen unterschiedlicher Kulturen zu beschreiben. Daher handelt es sich gemäß unserer Unterscheidung um kulturvergleichende Studien. Auch in anderen Disziplinen gibt es Untersuchungen, die Kulturunterschiede anhand von interkulturellen Daten rekonstruieren (z.b. anhand von Interviews mit Managern, die von ihren interkulturellen Erfahrungen berichten). An einigen dieser Studien ist zu kritisieren, dass sie nicht berücksichtigen, dass sich das Verhalten der Beteiligten in interkulturellen Situationen von ihrem Verhalten in intrakulturellen Situationen unterscheiden kann. Zum Beispiel passen sich Individuen häufig an fremdkulturelle Partner an, oder sie entwickeln neue Verhaltensweisen im Umgang mit Partnern anderer Kulturen (vgl. hierzu die Ausführungen zum Phänomen der Interkultur in diesem Abschnitt). Beschrieben werden also nicht Unterschiede in Bezug auf das normal -kulturelle Verhalten der Angehörigen bestimmter Kulturen, sondern Unterschiede des Verhaltens in interkulturellen Interaktionssituationen. Dies sollte entsprechend deutlich gemacht und bei Schlussfolgerungen berücksichtigt werden.