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1 Geisteswissenschaft Thomas Grunewald Auf der Suche nach dem Praktischen im Urteilen. Hannah Arendt und Kants Politische Philosophie. Studienarbeit

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3 Gliederung Seite 1. Einleitung 2 2. Eine politische Theorie Kants? 4 3. Die Inhalte der politischen Theorie Kants Die Kritik der Urteilskraft Arendts Interpretation Die Einbildungskraft Der Gemeinsinn Fazit Quellen- und Literaturverzeichnis 40 1

4 1.Einleitung Als schwierigste Aufgabe empfand der Autor dieser Arbeit schon immer das Fällen eines abschließenden Urteils am Ende seiner wissenschaftlichen Hausarbeiten. Er unterschied damals noch nicht zwischen einem rein wissenschaftlichem und einem, sozusagen, persönlichem Urteil. Doch war er der Überzeugung, dass ein Urteil mehr sein musste, als die Zusammenfassung der in der jeweiligen Arbeit heraus präparierten Zwischenergebnisse. Nicht nur, weil es schlichtweg unbefriedigend war, sondern weil darin das 'erarbeitet Verständnis' über den Untersuchungsgegenstand nicht teilhaftig werden konnte. Dieses Problem beschäftigte den Autor dieser Arbeit besonders hinsichtlich seiner Eigenschaft als Student der Geschichte, in welcher er immer wieder mit historischen Ereignissen konfrontiert war, die der Urteilskraft allein deshalb schon bedurften, da sie nach einer Einordnung bzw. Verortung verlangten. Wie jedoch verfährt man mit Phänomenen wie Revolutionen oder dem Nationalsozialismus? Mit welchen Kategorien, Mustern und Schemata ist solchen unbegreiflichen und 'neuen' Ereignissen beizukommen? Gerade eine kurz zuvor fertiggestellte Hausarbeit über das letzte Jahr des Nationalsozialismus sowie ein bemerkenswerter, genereller Mangel an Autoritäten zum Thema Urteil und Urteilsfindung, gaben schließlich den Ausschlag für den Autor dieser Arbeit, das Seminar Über das Urteilen Hannah Arendts zu besuchen. Folgerichtig beschäftigt sich die vorliegende Untersuchung mit eben dieser Thematik, welche in Frageform genauer expliziert werden kann: Was versteht Hannah Arendt unter dem Urteilen und wie gestaltet sich die innere 'Funktionsweise' dieses Prozesses? Warum und in welcher Weise stützt sie sich dabei auf Kants Kritik der Urteilskraft und im Besonderen auf die Kritik der ästhetischen Urteile? Was hat das Urteilen mit der politischen Philosophie Kants zu tun und gibt es überhaupt eine solche? 1 Einer Beantwortung dieser Fragen stehen gleich eine Reihe von Problemen im Weg, die den Charakter der folgenden Untersuchung wesentlich bestimmen und deshalb in einiger Ausführlichkeit genannt werden müssen. Als 'DAS' Hindernis schlechthin stellt sich vor allem das Fehlen eines expliziten Werkes Das Urteilen von Hannah Arendt dar. Ihr früher Tod erlaubte die Verfertigung des allem Anschein nach geplanten und schon strukturierten Werkes, welches direkt an Das Wollen anschließen sollte, nicht mehr. 2 Die im Folgenden untersuchten Textpassagen Arendts entstammen also keinem tatsächlichen, beendeten und veröffentlichtem Werk, 1 Selbstverständlich ist der Autor der Arbeit auch Erkenntnissen hinsichtlich des Urteilens genereller und nicht politischer Natur nicht abgeneigt. 2 Beiner, Ronald: Hannah Arendt über das Urteilen, in: Ders. (Hrsg.): Hannah Arendt. Das Urteilen. Texte zu Kants politischer Philosophie. München, Zürich, 1982, S

5 sondern im Wesentlichen den Aufzeichnungen für eine Vorlesung, welche Arendt im Herbstsemester 1970 in New York hielt. Beiner ist der Meinung, dass sich aus diesen Aufzeichnungen, ergänzt um Seminarmaterialien zum Thema Die Einbildungskraft und verschiedenen Passagen aus Arendts Werken, das nicht geschriebene Buch Das Urteilen nicht gerade rekonstruieren, wohl aber doch erahnen lässt. 3 Unabhängig davon ob Beiner mit dieser Behauptung recht hat und ein solches 'Erahnen' tatsächlich möglich ist, darf für die folgenden Ausführungen nicht vergessen werden, dass es sich um mehr oder weniger gut getroffene Spekulationen handelt. Eine abschließende Sicherheit kann es in diesem Fall nicht geben. Ein weiteres Problem stellt die, Arendts Überlegungen zum Urteilen zu Grunde liegende, Interpretation von Kants Kritik der ästhetischen Urteile in der Kritik der Urteilskraft dar. Für Arendt handelt es sich hierbei eigentlich um eine versteckte, politische Philosophie Kants 4, welche sie in der Vorlesung nach und nach entwickelt und die Beiner folgend den Ausgangspunkt für ihre Theorie des Urteilens bildet. Eine Untersuchung des Arendt'schen Denkens hinsichtlich des Urteilens muss deshalb nicht nur die oben schon erwähnte spekulative Zusammenstellung dieses nicht geschriebenen Werkes in die Analyse miteinbeziehen, sondern auch die Interpretation des Kantischen Textes, welcher die Grundlage der Theorie bildet. Anders ausgedrückt: Es gilt zu überprüfen, ob Arendts Annahme einer politischen Philosophie, im genannten Werk, überhaupt sinnvoll ist. Denn prima facie handelt es sich bei der Kritik der Urteilskraft um eine Untersuchung über die Möglichkeit des Vorhandenseins der Urteilskraft [ ] als einem eigenständigen und sowohl von dem Verstand als auch von der Vernunft abgrenzbaren Erkenntnisvermögen[s] 5 mittels welchem der Mensch [...]vom Besonderen ausgehen und dazu ein Allgemeines finden, unter das [er] dann jenes Besondere subsumieren könn[te]. 6 Dieser Problematik vorangehend, ist weiterhin zu klären, ob eine tatsächliche politische Philosophie bei Kant überhaupt auszumachen bzw. ob die Vermutung einer solchen besonders im Hinblick auf die Thematiken seiner Werke sowie den historischen Umständen seiner Zeit generell gerechtfertigt ist. In diesem Zusammenhang sind Arendts Argumentation und Vorgehensweise genau zu überprüfen. In der umgedrehten Reihenfolge dieser Probleme ergibt sich gewissermaßen der 'Fahrplan' der vorliegenden Arbeit. Zuerst soll also geklärt werden, ob eine politische Philosophie bei Kant überhaupt zu vermuten und ob Arendts Argumentation dahingehend schlüssig ist. Anschließend soll 3 Beiner: Hannah Arendt über das Urteilen, S Arendt, Hannah: Über Kants politische Philosophie. Dreizehnstündige Vorlesung, gehalten an der New School for Social Research, New York, im Herbstsemester 1970, in: Beiner, Ronald: Hannah Arendt. Das Urteilen. Texte zu Kants politischer Philosophie. München, Zürich, 1982, S Römpp, Georg: Kant leicht gemacht. Eine Einführung in seine Philosophie. Köln, 2005, S Ebd., S

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