Tropfen, Lache, See. k u n s t

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1 Hugo Suter, *1943 in Aarau, lebt in Birrwil am Hallwilersee. Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Zürich. Zahlreiche Ausstellungen u.a. im Kunsthaus Zürich (1988), Swiss Institute New York (1992), Kunsthaus Aarau (1997) und Helmhaus Zürich (1999), Galerie Anton Meier, Genf, (2002). Neuste Publikation: «werkundsonntag» (2004). Hugo Suter Tropfen, Lache, See k u n s t Lichtspiegelungen auf Wasser, Wolkenformen im Himmel, Rauchschwaden einer Zigarette, zugleich die Sicht durch Fliegengitter oder Moskitonetze, die netzartige Struktur verpixelter oder gestickter Bilder, dazu Reminiszenzen an Großstadtlichter in der Nacht. In Hugo Suters vierteiligem Bild «Fangnetz für Spiegelungen» (1993) geht die Sinnlichkeit und Reflexion der Welt Hand in Hand. Zur mehrdeutigen Bildchiffre verwoben, gibt die Bildserie wunderbare Rätsel auf, lässt die Gedanken in alle möglichen Himmelsrichtungen schweifen, verschleift unterschiedliche Lebenswirklichkeiten zu einem offenen Ganzen. Es zeigt sich so die Vielschichtigkeit heutigen Lebens, in dem gleichzeitig oder nebeneinander ganz unterschiedliche Realitäten gleichwertig gelebt und wahrgenommen werden und sich zu einem nicht homogenen Ganzen fügen. Gleichzeitig existierende Widersprüche machen das Leben aus. Dass unsere Wahrnehmung der Welt immer auch eingefärbt und geprägt ist von bereits gesehenen Bildern, die sich im Moment der Wahrnehmung zwischen unsere Augen und die Welt schieben, dass also immer eine Überlagerung mehrerer Bilder ist, was wir als Realität betrachten, ist ein Thema, das Hugo Suter wieder und wieder aufgreift. Mit sandgestrahlten Glasbilderserien etwa führt er tatsächlich vor Augen, wie sich Bildwirklichkeiten mit der Wirklichkeit der Welt mischen können. Und es scheint, als rufe er mit seinen Arbeiten auch diejenigen Bilder wach, die in unserem Gedächtnis eingelagert sind und die das Werk für jeden Betrachtenden auf eigene Weise ganz werden lassen. Hier, für «entwürfe», sind es zuerst Tropfen. Sie wirken wie Spiegel auch, die etwas für den Betrachtenden Unsichtbares ins Bild holen. Oder 89

2 wie Löcher, die den Blick freigeben auf eine Ebene hinter dem Weiß des Papiers. Dort ist ein Muster zu sehen oder sind es Lichtflecken auf Wasser? Dann gibt ein Fleck eine größere Fläche frei von dem, was dahinterliegt: Das Wasser wird eindeutiger. Doch ist es auch ein Fleck mit Potenzial, so merkt man. Aus ihm könnte allerhand werden, er ist bis jetzt eine Versammlung mehrerer Tropfen, doch die beraten sozusagen, ob sie einen See bilden wollen. Der Fleck ist nicht viel, aber auch nicht nichts und so ist er wie manche Wolken ein Bild produzierendes Gebilde. Er fördert zuerst Stimmungen, dann Gedanken zu Tage, die davoneilen oder auch davontrotten, jedenfalls schnell oder auch saumselig Erinnerungen hervorholen an Wasser, Himmel, Wolken, an weite Landschaften. Und dann wird aus dem Fleck, der Lache ein ganzer, Format füllender See, ein Blick auf die bewegte Oberfläche von Wasser, auf schaukelnde Schatten und Lichter. Es wird der Blick frei auf alle je gesehenen Seen und schaukelnden Lichter, die in einem selbst eingelagert sind. Aber dann ist da ein Schwamm, ein Objekt, das etwas zwischen Tier und Pflanze zu sein scheint. Eigentlich war er da, denn der Schwamm, mit Kreide auf die schwarze Tafel gezeichnet, hat Hugo Suter mit einem Schwamm gelöscht und das Trocknen der Löschspuren listig mit Kreide nachgezogen: Schwamm oder nicht Schwamm ist hier die Frage. Was nach dem Auslöschen bleibt, sind die Wasserspuren, die noch vom Schwamm wissen. Und zum Schluss das Eisschiffchen, das poetische, zarte Zeichen auf schwarzem Grund, das schmelzend das Element produziert, das es, existierte es dann noch, zum Schwimmen bräuchte: Wasser. Sogar einen richtigen Fluss bringt es sterbend zustande. Genauso schön und traurig ist es, das Leben. Hugo Suter, so hat man den Eindruck, nimmt die Welt in sich auf und lässt sie durch seine inneren Filter sickern. Irgendwann beginnt es irgendwo wieder zu tröpfeln, eine Lache entsteht und aus der Lache ein See und aus dem See ein Meer, ein Meer an Bezügen und Gedanken. Hugo Suter, der genauso aus dem Meer kommt wie alles Leben, der also aus dem Meer, dem See, der Lache und dem Tropfen stammt, sieht irgendwann irgendwo zum Beispiel einen Tropfen aus dem Hallwilersee, an dem er wohnt, und also sieht Hugo Suter einen Teil von sich und uns allen. Und so wird der Tropfen durch Sickerungsprozesse in seinem Inneren zu einem Bild, einer Zeichnung, einem Objekt, das wiederum unsere Gedanken anstößt in alle Himmelsrichtungen. Er greift im Kleinen etwas auf, das an etwas Großes rührt. Nadine Olonetzky 90 Hugo Suter

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