Rudolf-Steiner-Schule Wuppertal

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1 Rudolf-Steiner-Schule Wuppertal Sicht

2 Inhalt Editorial Jahre Rudolf Steiner 4-5 Die Sozialgestalt der Waldorfschule 6-9 Alle Jahre wieder 10 Wir wuppen weiter! Energiesparen mit dem Konjunkturpaket 13 Das Fenster zur Zukunft 14 Hand-in-Hand gegen Atomkraft 15 Was sprudelt und rauscht? Der Feuerofen schweißt zusammen Wenn der Kuchen spricht sind die Krümel ruhig 22 Von der Idee bis zum Kugelschreiber 23 OGATA aus Kindermund Jenseits von Wuppertal (Praktikum in Kenia) Mathe, Malen, Musizieren 31 Unser Bienenhaus Viele Hände, (k)ein schnelles Ende?! Kamioka dirigiert Sinfonie- und Schülerorchester 36 Love is where we are 37 Wald mit allen Sinnen Wieder da! Ehemalige berichten Reiner-Röhrig-Gedächtnis-Fond 44 Robin Hood 45 Impressum 47 Liebe LeserInnen, wir erstellen für Sie diese Zeitung möglich wird sie jedoch erst durch die Unterstützung unserer Anzeigenkunden. Deshalb bitten wir Sie: Schenken Sie auch unserem interessanten Anzeigenteil Ihre Aufmerksamkeit. Die Redaktion. 2 Sicht 2011

3 Editorial Die SICHT feiert in diesem Jahr Jubiläum: Vor nunmehr 10 Jahren begann die Herausgabe einer Schulzeitung mit diesem Namen, nachdem es einige Zeit keine solche Berichterstattung gegeben hatte. Mit Ausnahme eines Jahres erscheint seitdem die SICHT, um einmal im Schuljahr das Leben in der Rudolf-Steiner-Schule Wuppertal darzustellen. Die Redaktionsmitglieder wechselten, einige vom Ursprungsteam sind immer noch dabei und wir hoffen, dass auch weiterhin Interesse an dieser Arbeit bestehen wird. Vor 10 Jahren bei der Schulzeitungsgründung hat die Redaktion zum Thema SICHT sich folgende Gedanken gemacht: Einsicht, Aussicht, Ansicht, Absicht und Umsicht sowie Rücksicht sind die Schlagworte, die das Gesicht der Zeitung prägten. Die zwei Hauptaufgaben, die man sich damals stellte, sind auch heute noch aktuell und im Bewusstsein der Redaktion: Zum einen soll die Zeitung ein Spiegel und ein Forum für das Schulleben sein und zum anderen soll sie in die Wuppertaler Öffentlichkeit hinein wirken und so eine Außenwirkung erzielen (vgl. SICHT 2001, S. 3). Diese erste Ausgabe erschien nicht wie die heutigen zum Adventsfest sondern im Sommer zum Johanni-Fest, weshalb im Editorial intensiv auf die Bedeutung dieses Festes für die Schule eingegangen wurde. Doch schon nach kurzer Zeit wechselt die Zeit des Erscheinens hin zum Adventsfest, so dass Sie nun von 2003 an immer zum Ende des Jahres eine SICHT lesen konnten, die von 2 Schuljahreshälften berichtet, dem aktuellen und dem vergangenen Schuljahr. Auch in dieser Ausgabe versuchen wir wieder, sowohl von den Ereignissen in der Schule zu berichten, als auch Anregungen zum Nachdenken zu geben. Und manchmal hängt beides miteinander zusammen: So war der 150. Geburtstag Rudolf Steiners Anlass für eine festliche Sonderveranstaltung von der wir berichten, und er regte uns außerdem zu der Veröffentlichung eines Artikels von Herrm Padberg zum Thema Die Sozialgestalt der Waldorfschule an, der Grundlage für weitere Gespräche sein kann. Außerdem freuen wir uns darüber, dass in dieser SICHT Artikel von den verschiedensten Mitgliedern der Schule dabei sind: Angefangen bei den Schülerberichten über Elternbeiträge bis hin zu Ehemaligen, die von ihrer Schulzeit aus heutiger Sicht berichten. Wenn auch Sie beim Lesen den Wunsch verspüren, über ein Thema zu schreiben, das Ihnen besonders am Herzen liegt und das in der SICHT vielleicht noch gar nicht angesprochen wurde, dann lassen Sie es uns wissen! Denn die SICHT lebt von dem, was an die Redaktion heran getragen wird nur so wird Schule lebendig bleiben! Monika Mödden (Schülermutter) Sicht

4 150 Jahre Rudolf Steiner Am 27. Februar jährte sich der Geburtstag von Rudolf Steiner zum 150.Mal. Unsere Schule trägt ja nicht nur seinen Namen, sondern sie basiert auf der Waldorfpädagogik, die von Steiner angeregt wurde. Deshalb wollten wir diesen Tag zum Anlass nehmen, die Impulse, die von ihm auf den unterschiedlichsten Gebieten gegeben wurden, näher zu betrachten, inwiefern sie auch in unserem Jahrhundert leben und wie es wohl in der Zukunft damit aussehen wird. Es war ja das große Anliegen Steiners, Spiritualität und Wissenschaftlichkeit zu verbinden, um damit ein neues Menschenbild zu entwickeln, das den Menschen als Bürger zweier Welten sieht, einer sinnlich wahrnehmbaren und einer geistigen. Eine besondere Rolle spielte dabei die Umsetzung seiner Anregungen in das praktische Leben hinein. Letzteres wird besonders deutlich, wenn man sich einmal vor Augen führt, was es alles nicht gäbe ohne die Vielzahl an Impulsen. Da wären im pädagogischen Bereich die Kindergärten, Schulen, Waldorferzieher- und Waldorflehrerseminare, aber auch die Heilpädagogik für behinderte Menschen mit ihren Schulen, Heimen und Werkstätten. Es entstand die anthroposophische Medizin, mit ihren besonderen Heilmitteln, mit Arztpraxen und Kliniken. Auf künstlerischem und kunsttherapeutischem Gebiet wurden Anregungen gemacht (z. B. Eurythmie und Sprachgestaltung). Neue Impulse zum religiösen Leben, der Politik (soziale Dreigliederung) und dem anderen Umgang mit Geld führten zur Gründung einer neuen Religionsbewegung (Die Christengemeinschaft) und später auch einer Bank(GLS-Bank). Darüber hinaus wurde ein neuer, anderer Umgang mit der Erde angeregt, der in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft mündete, in einer Zeit, in der das Wort Bio noch nicht selbstverständlich war. Eine wichtige Grundlage für die Entstehung eines neuen Bewusstseins stellt die Selbsterziehung, die geistige Schulung dar. Die Gedenkfeier wurde mit einem gelungenen festlichen Auftakt eröffnet. Herr Clemens spielte auf dem Klavier eine Rachmaninow-Elegie und der Schüler Martin Röder meisterte eine Zigeunerweise von Sarasak mit Bravour. Entsprechend der vielfältigen Arbeit Rudolf Steiners ging es an diesem Tag, der ja in einer Schule stattfand, nicht nur um Pädagogik sondern auch um die Themen Medizin, Sozialgestaltung, Sprachkunst und Selbsterziehung. Im Anschluss an eine kleine Themeneinführung verteilten sich die Teilnehmer, die nicht nur aus dem Umkreis der Schule stammten, auf fünf verschiedene Arbeitsgruppen: Pädagogik (T. Ploch, L. Koester), Medizin (G. Wettschereck, S. Schulenburg), Selbsterziehung (M. Schnorr, L. Hornemann), Sozialgestaltung (S. Padberg) und Sprachkunst. Im daran anschlie- 4 Sicht 2011

5 ßenden Plenum wurde aus den Gruppen berichtet und Erfahrungen ausgetauscht. Bei der Pädagogik-Gruppe zeigte es sich, dass dieses große Thema nicht leicht in kurzer Zeit zu erfassen ist. Wichtige Fragen entstanden zu Ehrfurcht, Demut, dem Zugang zum höheren Ich und Selbsterziehung. Diese Annäherung soll auf einer Michaelitagung fortgeführt werden. Bei der Arbeitsgruppe zur Medizin entstand die Frage, was nun der Unterschied zur Allgemeinmedizin sei. So wurde beispielsweise dargestellt, dass bei der anthroposophischen Medizin auch die Fragen nach der Ursache einer Erkrankung von Bedeutung ist: wieso werde gerade ich krank und was mache ich jetzt mit der Krankheit?, was bis hin zu Karmafragen gehen kann. Auch in dieser Gruppe entstand der Wunsch, bei einer Tagung dieses Thema fortzusetzen. Das Thema Selbsterziehung stieß auf großes Interesse. In der Einleitung wurde darauf hingewiesen, dass jeder Mensch sich bis zu seinem 25. Lebensjahr von selbst entwickelt, die Entwicklung dann aber auf natürliche Weise aufhört und von da ab jeder selber dafür verantwortlich ist, ob er ein Leben lang entwicklungsbereit und lernfähig bleibt. Dies erfordert Übung und Selbstdisziplin. Im Anschluss an die Einleitung entstand ein offener und reger Austausch über die unterschiedlichen Erfahrungen und Probleme mit diesem Thema. Wer hier weitere Anregungen sucht, kann sich an Herrn Schnorr wenden. Herr Padberg begann in der Arbeitsgruppe zum Thema Sozialgestaltung mit einem geschichtlichen Abriss zur gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland vom totalitären über den feudalen Staat bis hin zum Freiheitsgedanken, geprägt durch die französische Revolution und die daraus entstandenen Gedanken des deutschen Idealismus. Diese Gedanken Goethes und Schillers münden bei Rudolf Steiner in die Idee von der Sozialen Dreigliederung, für deren Umsetzung er auf dem Hintergrund der Schrecken des Ersten Weltkriegs wirbt. (Eine detaillierte Darstellung dieses Konzeptes finden Sie in dieser Ausgabe unter dem Titel Die Sozialgestalt der Waldorfschule (S. 6-8) An diese Einführung schloss sich ein Gespräch der TeilnehmerInnen an, in dem deutlich wurde, dass die Soziale Dreigliederung ein Leitbild ist und kein Modell, das man eins zu eins nur umzusetzen braucht, um eine gute gerechte Welt zu schaffen. Steiner selbst sagt: Die soziale Frage ist nicht lösbar. Es braucht immer wieder Impulse in Richtung soziale Entwicklung und immer wieder Menschen, die dies versuchen umzusetzen in ihrer jeweiligen Situation. Es ist ein Prozess, der sowohl im Einzelnen als auch in der Gemeinschaft, der Gesellschaft stattfindet. Als Beispiel für ein solches Bemühen wurde der Schulrat unserer Schule genannt, der die schwierige Aufgabe hat, zwischen individuellen und gesamtschulischen Bedürfnissen einen Ausgleich zu suchen. Die Sprachkünstler, die mit Herrn Heck gearbeitet hatten, gaben eine Kostprobe ihrer Übungen zum Besten. Sie ließen ein Gedicht hören: einmal auf seine Vokale, dann auf seine Konsonanten reduziert. Dabei wurde ganz deutlich, dass es Freude macht, sich einmal auf andere Weise unserer Sprache zu nähern, die man ja tagtäglich so selbstverständlich nutzt. Das Fazit aller Arbeitsgruppen war deutlich: es ist durchwegs wünschenswert, die Arbeit an anderer Stelle, z. B. bei der geplanten Michaeli-Tagung, zu vertiefen. Nach der Festlichen Tafel, einem köstlichen Abendessen im italienischen Stil, das von Herrn v. Schwanenflügel zubereitet wurde, hielt Herr Hornemann, Priester der Christengemeinschaft, noch einen Vortrag über das Leben und Werk Rudolf Steiners, der einen guten Überblick bot. Heidrun Revers/Monika Mödden (Schülereltern) Sicht

6 Die Sozialgestalt der Waldorfschule Woher kommt der Name Waldorfschule? Die Waldorfschulen verdanken sich vor allem dem sozialen Engagement des Tabakwarenfabrikanten Emil Molt. Er war Gründer und Inhaber der Zigarettenfabrik Waldorf Astoria und gleichzeitig langjähriger Anhänger Rudolf Steiners. Nach dem Krieg griff er verschiedene sozialgestalterische Impulse Steiners auf und sorgte z. B. für die Gründung eines Betriebsrats in seiner Fabrik und kaufte Erholungsheime für seine Arbeiter. Als Emil Molt im November 1918 durch seine Firma ging, erzählte ihm einer seiner Arbeiter vom großen Schulerfolg seines Sohnes. Der hatte es nämlich geschafft, von der Volksin eine höhere Schule versetzt zu werden, was damals absolut unüblich war. Da reifte in Emil Molt der Entschluss, eine Schule für seine Arbeiterkinder zu gründen. Diese Schule sollte den Kindern nicht nur eine bessere Bildung gewähren, sondern auch eine neue Gesellschaft vorbereiten helfen. Deshalb wandte er sich an Rudolf Steiner, bei der Gründung einer solchen Schule behilflich zu sein. Dieser sagte seine Hilfe natürlich sofort zu. Er suchte geeignete Menschen aus und übernahm die Lehrerausbildung. Molt kaufte aus seinen Privatmitteln ein ehemaliges Ausflugslokal in Stuttgart an und stattete die Schule mit Mark Anfangskapital aus. Am 7. September 1919 eröffnete sie ihre Pforten mit 256 Schülern. Vieles am pädagogischen Konzept war absolut neu: Jungen und Mädchen wurden gemeinsam unterrichtet und es gab keine Noten. Es war die erste echte Gesamtschule in Deutschland. Sie wurde von 191 Kindern der Waldorf- Arbeiter besucht sowie von 65 Kindern aus besser gestellten anthroposophischen Familien. Das Schulgeld der Arbeiterkinder wurde von der Firma bezahlt. So wurde aus der Waldorf-Astoria-Betriebsschule auf der Uhlandshöhe die Keimzelle der Waldorfschul-Bewegung. Vieles daran erscheint heute abenteuerlich. Dass eine Tabakwarenfabrikant als Geldgeber einer Schule auftritt, die dann auch noch den Namen der Zigarettenmarke übernimmt, ist heute undenkbar. Man stelle sich vor, die Firma, die Lucky Strike produziert, wäre der Geldgeber der ersten Steinerschule gewesen. Dann säßen wir jetzt in einer Lucky-Strike-Schule und würden uns mit der Lucky-Strike-Pädagogik auseinandersetzen! Und doch geht jeder völlig in die Irre, der vermutet, dass es sich bei der Gründung der ersten Waldorfschule um einen geschickten Marketing-Gag eines genialen Schulreformers und eines gewieften Zigarettenproduzenten gehandelt hat, die quasi zum gegenseitigen Nutzen ein Bündnis eingegangen wären. Der fast heilige Ernst, der die beiden beflügelte, und das hohe persönliche Risiko, das sie eingingen, spricht da eine andere Sprache. Molt z. B. förderte die Schule zeitlebens und bezahlte nach dem Verkauf seiner Firma 1929 die Schulgelder seiner Arbeiterkinder weiter. Es war eine persönliche Verpflichtung für ihn, kein geschäftlicher Vorgang! Die Dreigliederungsbewegung nach dem Krieg Molt und Steiner kannten sich schon aus der Zeit vor dem Krieg. Molt muss ein sehr initiativer und unternehmerisch handelnder Mensch gewesen sein. Er hatte immer wieder versucht, die sozialen Impulse, die er durch Steiners Vorträge und Bücher empfing, in seine unternehmerische Praxis einfließen zu lassen. Nach dem Krieg versuchte er in Württemberg im Rahmen des Bundes für Dreigliederung, die soziale Wirrnis der Zeit zu nutzen, um die Dreigliederungsgedanken Steiners in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Hierzu wurden u.a. auch große Veranstaltungen organisiert, in denen Steiner als Redner vor der Arbeiterschaft auftrat. Die Dreigliederung des sozialen Organismus war eine von Rudolf Steiner entwickelte Leitidee, die er in einem Aufruf An das deutsche Volk und an die Kulturwelt im Februar 1919 an die Öffentlichkeit übergeben hatte. Er identifizierte darin drei große Bereiche im Gesellschaftsganzen mit jeweils ganz unterschiedlichen Qualitäten: Das Wirtschaftsleben: Es umfasst die Produktion, den Handel und den Konsum von Produkten und Dienst leistungen. Das Rechtsleben: Es umfasst die Regeln, Gesetze und Vereinbarungen, die das Zusammenleben und -arbeiten der Menschen betreffen. Das Geistesleben: Es umfasst alles, was mit den individuellen Fähigkeiten zu tun hat. Diese drei Bereiche sollten sich in völliger Unabhängigkeit 6 Sicht 2011

7 voneinander jeweils selbst verwalten. Ein zentraler Einheitsstaat sei mit der Tendenz zur Dreigliederung der modernen Gesellschaft auf Dauer nicht vereinbar. Die drei Glieder würden sich zwar durchdringen und einander das liefern, wessen sie bedürfen. Aber sie könnten nicht übereinander verfügen und sich nicht anders beeinflussen, als die nebeneinander bestehenden Gliedorganismen eines natürlichen Gesamtorganismus sich gegen seitig beeinflussen. Im April 1919 wurde seine Schrift Die Kernpunkte der sozialen Frage veröffentlicht. Wohl keines seiner Werke hat zu seinen Lebzeiten so viel Aufmerksamkeit erregt wie dieses. In ihr legt er ausführlich seine Forschungsergebnisse zur Dreigliederung des sozialen Organismus dar und ergänzt sie noch um weitere Aspekte. So entwickelt er dort einen Zusammenhang seiner Ideen mit der Parole der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Jedes der drei Subsysteme soll sich nämlich an einem eigenen Prinzip orientieren. Das Geistesleben soll sich am Prinzip der Freiheit orientieren. Es sollte für uns moderne Menschen nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts unmittelbar einsichtig sein, dass geistiges Leben nur in Freiheit stattfinden kann. Das Wirtschaftsleben soll sich hingegen nicht am Prinzip der Freiheit orientieren, sondern am Prinzip der Brüderlichkeit (heute würde man sagen: Geschwisterlichkeit oder Solidarität). Sie herrscht de facto schon, weil in der modernen Welt kein Mensch mehr von seiner eigenen Hände Arbeit leben kann. Dieser durch die moderne Arbeitsteilung hervor gerufene objektive Altruismus kann aber durch das Gewinnstreben und den Zwang zur Lohnarbeit nicht zum subjektiven Motiv des eigenen wirtschaftlichen Handelns werden. Aus dieser Diskrepanz ergeben sich verschiedene Reformvorschläge, was den Umgang mit Arbeit, Kapital, Bodenschätzen und Geld betrifft, die auch heute leider nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Das Rechtsleben schließlich soll sich am Prinzip der Gleichheit ausrichten. Es regelt die Lebensver hältnisse aller Menschen. Jeder sollte deshalb im gleichen Maß und auf Augenhöhe mit den anderen an ihm teilnehmen können. Wie hängt die Gründung der Waldorfschule mit der Dreigliederungsbewegung zusammen? Die Dreigliederungsbewegung gewann in der Öffentlichkeit nicht die nötige Resonanz. Die geistige Trägheit der liberalen, sozialistischen und spartakistischen Parteipolitiker behielt die Oberhand, die Weimarer Republik nahm ihre bekannten Konturen an, und so schwand schon ab Juli 1919 der Spielraum für eine praktische Umsetzung von Steiners Ideen. Es sollte fünfzig Jahre dauern, bis wieder eine größere Gruppe von Menschen sich mit seinen Ideen öffentlichkeitswirksam auseinandersetzen konnte. Steiner nutzte nun die Zeit für die Vorbereitung der zukünftigen Waldorflehrer. Lediglich die Waldorfschulen haben als einsames Relikt dieser bewegten Periode überdauert und sind heute ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Kulturlandschaft geworden. Rudolf Steiner hatte die Hoffnung, dass die Waldorfschulen einen Beitrag dazu leisten könnten, ein freieres Geistesleben herbeizuführen. Die Erziehung der Kinder zu freieren Menschen, die Erziehung zur Freiheit, war für ihn der wirksamste Hebel zu einer nachhaltigen Gesundung des sozialen Organismus, die Erziehungsfrage hing für ihn eng mit der sozialen Frage zusammen. Freiheit entsteht nicht durch staatliches Handeln. Zur Freiheit kann sich nur jeder erwachsene Mensch selbst erziehen. Im Gegensatz zum post-modernen anything goes war Freiheit für ihn immer in Liebe selbstverantwortete Freiheit, die vollen Respekt vor den Zielen und Lebensbedürfnissen der Mitmenschen genauso umfasste wie die Hingabe an das, was jeder einzelne von ganzem Herzen tun möchte. Leben in der Liebe zum Handeln und Leben lassen im Verständnisse des fremden Wollens: Das ist die Grundmaxime der freien Menschen. (Die Philosophie der Freiheit, GA 4, S. 166) Es versteht sich, dass dieses hohe Ideal nur schrittweise und im Wege der Selbsterziehung errungen werden kann. Bei den Kindern kann dieser Weg allerdings durch eine angemessene Pädagogik erleichtert werden. Als Ziel seiner pädagogischen Bemühungen wollte er die in jedem einzelnen Kinde schlummernde individuelle Intuitionsfähigkeit wachrufen, so dass sie sich in guter Weise mit der Welt verbinden möchte: Sehen Sie, da ist alles auf die menschliche Individualität gestellt. Da muss man den einzelnen Menschen, die Indivi- Sicht

8 dualität anschauen und muss voraussetzen: In diesem Herzen, in dieser Seele sind moralische Intuitionen. Darauf muss alle Erziehung hinauslaufen, diese moralischen Intuitionen zu wecken, so dass jeder Mensch fühlt von sich: Ich bin nicht von dieser Erde allein, ich bin nicht bloß ein Produkt der physischen Vererbung, ich bin aus den geistigen Welten heruntergestiegen auf die Erde und habe etwas zu tun auf dieser Erde als dieser einzelne individuelle Mensch. (Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungs kunst, GA 305, S. 225) Diese Erziehung zur Freiheit kann aber selber nur in Freiheit geschehen. (So heißt denn auch ein aktueller Buchtitel zur Waldorfpädagogik konsequenterweise Erziehung zur Freiheit - in Freiheit.) Sie lässt sich niemals rezeptartig, auf Knopfdruck, durch bürokratische Dekrete oder wirtschaftliche Anreize bewerkstelligen. sie wird nur in dem Maße Wirklichkeit, in dem der Lehrer sich selbst in Freiheit mit der gestellten Erziehungsaufgabe verbinden kann. Die pädagogische Betätigung muss quasi durch den Lehrer durch gehen. Sie wird so zur Erziehungskunst. Diesen Grundcharakter müsste eigentlich alle Erziehung haben. Das wäre freies Geistesleben im Bereich der Schule. Als Kind der Dreigliederung ist die Waldorfschulbewegung deshalb berufen, ganz entschieden für ein freies Geistesleben einzutreten. Sie zeigt durch ihre über neunzigjährige Existenz, dass es geht und gibt Hinweise darauf, wie es praktisch umgesetzt werden kann. Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass einer der Hauptstreitpunkte mit dem gesellschaftlichen Umfeld die Finanzierungsfrage ist. Aus Sicht der Waldorfschulbewegung herrscht hier eine gewisse Ungerechtigkeit, da unsere Schulen zwar einerseits einen öffentlichen Auftrag erfüllen, indem sie die ihnen anvertrauten Kinder zu lebenstüchtigen Menschen erziehen, ihnen andererseits aber nicht die gleiche finanzielle Unterstützung zukommt, wie den staatlichen Regelschulen. Ein freies Geistesleben ist eben nur möglich, wenn es auch mit ausreichenden Finanzmitteln ausgestattet ist. Es scheint so zu sein, als käme der Waldorfschulbewegung die Aufgabe zu, hierfür eine Sensibilität im politischen Bereich zu schaffen. Die innere Organisation der Waldorfschule Die Selbstverwaltung nach außen hin, also die Zurückweisung staatlicher oder anderer Bevormun dungen, so weit es eben geht, ist der eine Aspekt. Selbstverwaltung hat aber auch einen Aspekt nach innen: Wie gliedere ich die innere Gestalt der Schule in sachgemäßer Weise so, dass die Pädagogen die ihnen zugedachte Aufgabe auf gute Weise erfüllen können? Es versteht sich aus dem Vorhergesagten, dass eine Waldorfschule keinen Direktor braucht. Ein Direktor hat an einer staatlichen Regelschule pädagogische Weisungsbefugnis. Die ist aber ihrerseits Ausdruck davon, dass es staatliche Lehrpläne gibt und wenig Möglichkeiten, davon abzuweichen. Insofern ist die Weisungsbefugnis des Direktors Ausdruck des Kontrollwillens der Schulverwaltung. Eine Waldorfschule hat keinen verpflichtenden Lehrplan wie ihn die staatliche Regelschule kennt. Es gibt sicherlich zum Teil sehr ausgearbeitete Vorschläge und eine langjährige Erfahrung, was man in welcher Klassenstufe unterrichten sollte. Aber jeder Kollege kann das in der passenden Weise modifizieren. Schulische Erziehung ist in dieser Auffassung eine Beziehungsdienstleistung. Diese haben die Eigenart, dass das, was geschieht, stark von beiden Seiten abhängt: von der Persönlichkeit des Lehrers auf der einen und von dem, was die Kinder mitbringen, auf der anderen Seite. Das Handeln des Beziehungsdienstleisters ist situativ, nicht normativ orientiert. Waldorf päda gogik erwartet gerade nicht, dass man in jeder Situation immer gleich handelt, sondern umgekehrt: Man geht davon aus, dass jeder Pädagoge situationsangemessen handelt. Und das heißt zumeist: immer anders und immer wieder neu die Dinge tun. Mit Weisungsbefugnissen kommt man hier nicht weiter wenn es irgendwo Probleme gibt, sondern nur durch das Gespräch. Die innere Organisation der Waldorfschule soll dies unterstützen. An den allermeisten Schulen wird deshalb vom Schulträger den Lehrern die volle pädagogische Verantwortung übergeben. Das Kollegium trägt die Pädagogik an der Schule, die Lehrer sind die Experten für das waldorfgemäße Unterrichten. 8 Sicht 2011

9 Da an einer Waldorfschule der Unterricht nicht nur im Klassenzimmer stattfindet, entstehen auch in vielen anderen Situationen pädagogische Fragestellungen, für die Lehrer die Verantwortung haben. Die Gestaltung der Räume, Gebäude und Außenanlagen und der Schulfeste sind hier in erster Linie zu nennen. Sie dient pädagogischen Zielsetzungen und liegt deshalb im Verantwortungsbereich des Kollegiums. Hier entsteht gerne eine Konfliktzone, wenn die Eltern zu Engagement und Mitarbeit z. B. bei Schulfesten eingeladen werden, ihnen aber nicht das nötige Verständnis für die pädagogischen Ziele, die damit verbunden sind, vermittelt wird. Jeder Kollege hat natürlich immer die Möglichkeit, andere Kollegen um Rat zu fragen (Kollegiale Beratung). Das Klassenkollegium jeder Klasse wird sich als Klassenkonferenz treffen, um gemeinsam die Situation der Klasse und jedes Schülers zu beraten. Außerdem wird jede Klasse einmal im Jahr in der wöchentlichen Pädagogischen Konferenz im Kreis aller Kollegen besprochen. Bei allen diesen Gelegenheiten fließen die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Beobachtungen der Kollegen in das Gesamtbild ein, sodass der einzelne Kollege fundierte pädagogische Entscheidungen treffen kann. Auch die Eltern sind immer aufgefordert, ihre Wahrnehmungen und Befürchtungen dem Klassenlehrer oder dem jeweiligen Fachlehrer mitzuteilen. Hierzu kann man jederzeit ein Elterngespräch vereinbaren. Sollte man feststellen, dass andere Eltern ähnliche Sorgen haben, kann man auch einen Elternabend nutzen, um mit dem entsprechenden Kollegen ins Gespräch zu kommen. Normalerweise nutzen die Klassenlehrer die Elternabende auch, um die Eltern zu informieren, was sie die nächste Zeit in der Klasse vorhaben. Es ergeben sich so auf natürliche Weise viele Gesprächsräume, bei denen man immer wieder mit den Lehrern das Gespräch suchen kann. Selbstverständlich gibt es auch noch viele Verwaltungsaufgaben an so einer Schule, die nicht unmittelbar pädagogischer Natur sind. All diesen nicht-pädagogischen Aufgaben stellen sich alle Beteiligten am Schulleben in gemeinsamer Verantwortung. Organisatorischer Ausdruck hierfür ist der Schulrat, der paritätisch von Eltern aller Klassenstufen und Lehrern besetzt ist. Er trifft seine Entscheidungen mit Zweidrittel-Mehrheit, sodass sicher gestellt ist, dass sie von einer breiten Mehrheit in der Schule mitgetragen werden. Im Schulrat fließen aktuelle Informationen zusammen, die von dort aus in die verschiedenen Klassen und ins Kollegium weiterfließen. Wichtige konzeptionelle Entscheidungen (wie z. B. die Einrichtung einer Schulküche oder die Verabschiedung einer Medienordnung) können so in einem geordneten Verfahren von allen Beteiligten diskutiert und verabschiedet werden: In einer ersten Sitzung wird Antrag eingebracht und erläutert. Diese Informationen wandern in die Klassen, sodass die Eltern die Möglichkeit haben, dazu Stellung zu nehmen. Diese Rückmeldungen fließen wieder in den Schulrat zurück und führen eventuell zu einer Modifikation des vorliegenden Antrags. Wenn der Schulrat meint, dass die Vorlage abstimmungsreif ist, wird beim nächsten Mal darüber abgestimmt. Für das wirtschaftlich-rechtliche Tagesgeschäft wählt der Schulrat einen paritätisch besetzten Vorstand. Zurzeit besteht er bei uns aus sechs Mitstreitern. Der Vorstand regelt das Tagesgeschäft mit den Verwaltungskräften, Frau Grisse und Frau Hintze-Römer sowie dem Hausmeister. Ein Vorstandsmitglied Hr. Greiner ist gleichzeitig auch Mitarbeiter in der Verwaltung, sodass der Informationsfluss gewährleistet ist. Vorstand und Schulrat berufen für verschiedene regelmäßig anfallende Tätigkeiten Arbeitskreise ein, in denen Eltern und Lehrer gemeinsam tätig sind. Neben den Klassikern Instandhaltungskreis und Festkreis bietet dieser Bereich der Elternmitarbeit heutzutage eine Fülle an verschiedenen Tätigkeiten. Hier sollte sich jedes Elternhaus eine passende Betätigung aussuchen, denn jedes Elternhaus ist ja im Rahmen der Elternmitarbeit verpflichtet, 25 Stunden im Jahr etwas für die Schule zu tun. Zu Beginn ihrer Karriere als Schuleltern werden diese über die entsprechenden Möglichkeiten informiert. Links im Internet: Bayrischer Rundfunk, Bayern 2, Kalenderblatt vom Stephan Padberg (Schülervater) Sicht

10 Alle Jahre wieder Wie in vielen anderen Waldorfschulen feiert unsere Schulgemeinschaft am Samstag vor dem 1. Advent das Adventsfest. Diese Tradition reicht bis in die Gründungszeit unserer Schule zurück. Der Festtag liegt in der dunklen Jahreszeit. Das Bedürfnis nach innerem Licht, nach Gemeinschaft, nach Sinn gebendem Tun dürfte stärker sein als in anderen Monaten. Die Vorbereitungen beginnen im Festkreis bereits im Sommer. Dann bereiten sich 2 Wochen vor dem Fest die Schülerinnen und Schüler mit einer Projektwoche vor: sie basteln, malen, nähen, werken, backen und stellen viele schöne Dinge her, die verkauft werden können. Neben den in der Schule hergestellten Produkten kommen auch noch Anbieter von außen hinzu, die einen Teil ihres Gewinns an die Schule weitergeben. Das Schulorchester, bestehend aus Eltern, Lehrern und Schülern, eröffnet das Fest mit einem schönen Konzert. Danach erst werden die Verkaufsstände geöffnet. Doch auch während des Festes erklingt immer wieder Musik: im Treppenhaus, in den Fluren und in der Eingangshalle werden von Schülern und Erwachsenen alte adventliche Lieder, auch zum Mitsingen, musiziert. Großer Wert wird bei der Organisation des Festes auch auf Möglichkeiten zum Mitmachen und Tun gelegt, besonders für die Kinder. Sie können basteln, Puppenspiele erleben und spielen. Mehrere Cafes laden zu Entspannung, Genuss und Gesprächen ein. Das Fest ermöglicht Begegnung alter Bekannter, es kann neue Kontakte von interessierten Menschen mit der Schule, ihrer Idee und der in ihr wirkenden Menschen schaffen. Das Adventsfest lässt die Schule als wärmenden, duftenden, aktivierenden Raum erleben, den es zu schützen gilt. Der eine oder andere mag kritisch fragen, ob dieser Aufwand notwendig ist, ob die zu erwartenden Einnahmen nicht auch auf anderem Weg heran zu schaffen seien. Vielleicht aber die gemeinschaftliche Vorbereitung aller Klassen auf diesen Tag und die gemeinsame Durchführung kann dazu beitragen, das Verantwortungsgefühl für die Schulgemeinschaft und die Schule zu stärken. Die berechtigte Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mühen kann zum Nachdenken über die Wertschätzung der Schule und der Waldorfpädagogik in der heutigen Zeit anregen. Die Gestaltung der Feste ist Pflege der Schule, Pflege der Schule im ideellen, sozialen und materiellen Sinn. Letzteres dadurch, dass die Einnahmen des Adventsfestes dazu verwendet werden, Anschaffungen wie neues Mobiliar oder geeignete Lernmaterialien zu tätigen und die Schule dadurch zu verbessern. Herzlichen Dank an die Menschen, die sich dieser Aufgabe annehmen! Ulrike Finkenrath (Schülermutter) 10 Sicht 2011

11 Wir wuppen weiter! Das Schuljahr 2010/2011 war das erste komplette Jahr mit dem neuen Elternmitarbeitsmodell an unserer Schule. Was hat sich von der Entwicklung bis zur praktischen Umsetzung alles getan, wie ist das Resümee vom Arbeitskreis für Elternmitarbeit, und wie wird es weitergehen? Unser erster Arbeitsschritt betraf die oft fehlende Transparenz an einer selbstverwalteten Waldorfschule, indem eine Übersichtsbroschüre entwickelt wurde, unter Mithilfe des Öffentlichkeitskreises, neuerdings mit einem ansprechenden Lay-Out und dem Namen NAVIGATOR versehen. Der NAVIGATOR ist bei vielen Schulmitgliedern positiv aufgenommen worden. Besonders aber bei den Erstklasseltern und Quereinsteigern ist die Infobroschüre von großer Hilfe für die persönliche Orientierung. Inzwischen findet man den Navigator auch als Download auf unserer Homepage, ohne alle empfindlichen Daten wie Telefonnummern oder -Adressen, was zu unserer großen Freude auch schon zu Anfragen aus anderen Waldorfschulen (z. B. aus Berlin) zum Thema Elternmitarbeit geführt hat und uns zum Hauptthema der letzten Landeselternratssitzung machte. Der zweite Arbeitsschritt war der Besuch von 11 Elternabenden im Schuljahr 2009/2010, auf denen wir persönlich das neue Elternmitarbeitsmodell erklärt haben. Die Suche nach den jeweiligen Klassenkoordinatoren gestaltete sich als weniger mühsam als gedacht: es fand sich in fast jeder Klasse (bis zur Klasse 10) eine Person für dieses Amt. Sicht

12 Weiterhin besuchten wir in diesem Schuljahr den Vorstand, den Festkreis und organisierten ein Treffen mit den Projektleitern der Jahresaufgaben und mit den Klassenkoordinatoren. Dabei stellten wir fest, wie hilfreich es doch für alle Beteiligten ist, wenn man sich regelmäßig persönlich austauscht. Besonders die Klassenkoordinatoren haben innerhalb ihrer Klassen oft keinen einfachen Stand, die Abfrage der geleisteten Stunden gestaltete sich oft als ein unerfreulicher Telefonmarathon. Als wir die ersten Jahreslisten dann zusammen auswerteten, waren wir ehrlich überrascht, wie viele Menschen sich für die Schule engagieren und wie viele Aufgabengebiete von ihnen bearbeitet und geleistet werden. Wie wird es weitergehen? Im neuen Schuljahr gibt es eine Änderung bezüglich der Jahresaufgaben der einzelnen Klassen. Das alte Modell wird nach Wunsch der Projektleiter nicht weitergeführt werden, weil zu wenig Mithilfe dabei entstanden ist. Dies ist auch wieder positiv, denn das heißt für uns, dass viele Mitglieder der Schulgemeinschaft schon einen eigenen Platz für ihre Elternmitarbeit gefunden haben und deshalb nicht mehr für die Jahresaufgabe zur Verfügung stehen. Herr Nitsch hat uns vorgeschlagen, in Zukunft mit einer Patenschafts-Liste zu arbeiten, d.h. man könnte vorgegebene Aufgaben für ein oder ein halbes Schuljahr in Absprache übernehmen. Das erschien uns als gute Lösung für diejenigen, die nicht regelmäßig in einem Arbeitskreis mitarbeiten wollen. Man könnte also z. B. die Pflege von Beeten, Fensterscheiben oder sonstigen Gegenständen der Schule sein eigen nennen und sich die Zeit entsprechend selbst einteilen. Die Patenschafts-Liste werden wir nach Vorgabe in den neuen Navigator mit aufnehmen. Das persönliche Resümee des Elternmitarbeitskreises ist recht vielfältig: viele Probleme und Fragen haben wir im Vorfeld nicht bedacht. Sie mussten dann im praktischen Tun entschieden werden, was sicher nicht immer auf allgemeine Zustimmung stieß. Auf der einen Seite mussten wir uns immer wieder neu motivieren, Probleme und Unstimmigkeiten durchzustehen. Auf der anderen Seite waren wir aber auch sehr zufrieden über das, was an neuer Energie und Ergebnis durch das verbindliche Modell für die Schule entstanden ist. Die Elternmitarbeit, das Ehrenamt an sich, hat aus vielen Gründen eine zurückgehende Tendenz! Nicht nur bei uns, auch in vielen anderen Institutionen und Vereinen ist dieser Trend zu bemerken. Der Alltag vieler Familien lässt kaum mehr einen Zeitüberschuss zu und warum sollte man sich dann auch noch ohne Entgelt engagieren, wo soll die Kraft des einzelnen herkommen? Die Motivation der Eltern könnte auf den Grundlagen des viel zitierten Artikels von Holger Künemund (aus der Sicht 2008) basieren, Warum gerade ich? Elternmitarbeit und Selbstverwaltung: Jede Unterstützung der Eltern schafft Freiräume für die pädagogische Arbeit an unserer Schule und der Zeitaufwand sollte als Beitrag gesehen werden, der letztendlich dem Wohl unserer Kinder zu Gute kommt. In diesem Sinne wünsche ich uns allen Durchhaltevermögen und vielseitige, gemeinsame und schöne Elternmitarbeits-Erfolge! Anja Käppner-Herzog (Schülermutter) 12 Sicht 2011

13 Energiesparen mit dem Konjunkturpaket Energetische Teilsanierung der Rudolf-Steiner-Schule das riesige Bauschild auf dem Lehrerparkplatz war nun wirklich nicht zu übersehen. Was verbirgt sich hinter diesen dürren Worten? Doch der Reihe nach: Schon seit längerer Zeit machen sich Vorstand, Verwaltung und Instandhaltungskreis viele Gedanken, wie die rasant steigenden Heizkosten verringert werden können. So wurde unter anderem ein Wärmebildgutachten eingeholt, um zu sehen, an welchen Stellen die teuer bezahlte Wärme aus den Gebäuden entweicht. Und sofort wurde klar: Schwachstellen sind vor allem viele, inzwischen in die Jahre gekommene Fenster. Am dringendsten war der Austausch der maroden Fenster im Eurythmie-Trakt; doch als dies erledigt war, fehlte für weitere Maßnahmen zunächst das Geld. Im Jahr 2009 legte dann die Bundesregierung das Konjunkturpaket II auf, mit dem Maßnahmen zur Energieeinsparung gefördert werden. Wir wollten natürlich auch dabei sein, aber zunächst gab es im Frühjahr 2010 schlechte Nachrichten: Die Stadt Wuppertal, die die Gelder verteilt, wollte nur die städtischen Schulen sanieren, die Schulen in freier Trägerschaft sollten leer ausgehen. Doch nach einigen Gesprächen, Telefonaten und Briefwechseln mit den Ratsfraktionen war endlich klar: Wir freien Schulen waren auch dabei! Die Stadt Wuppertal bewilligte uns einen Zuschuss zur Energetischen Teilsanierung der Schule in Höhe von knapp ,. Dazu kam ein Eigenanteil in Höhe von ,, den die Schulgemeinschaft zu tragen hat. Doch wie setzen wir das Geld am besten ein? Mit dieser Frage beschäftigten sich ausgiebig unser Architekt, Herr Schäfer von dem Architekturbüro Reiser & Partner aus Bochum und verschiedene Fachplaner für Haustechnik. Und schnell bestätigte sich die Einschätzung des Instandhaltungskreises: Am sinnvollsten waren in der Tat der Austausch einiger Fenster. Besonders das alte, undichte Blumenfenster in der Sonnenhalle war den Fachleuten ein Dorn im Auge. Dazu kam die Modernisierung der Heizungsanlage, die sich noch auf dem technischen Stand der Siebziger Jahre befand. In den Osterferien 2011 war es dann endlich so weit: Die Sonnenhalle verwandelte sich in ein Fensterlager, die Schule erhielt teilweise ein Gerüst und überall wurde eifrig gehämmert und gezimmert. Im Heizungskeller wurde ebenfalls fleißig gearbeitet. Und über alles wachte unser Architekt, denn schließlich sollten zum Ende der Ferien die Arbeiten erledigt sein. Pünktlich zum Schulbeginn waren die neuen Fenster eingebaut. Sie helfen nicht nur, Energie zu sparen, sondern sehen auch noch viel schöner aus als die alten Fenster. Dies soll uns ein Ansporn sein, auch die verbliebenen Fenster möglichst bald auszutauschen. Auch unsere alte Heizungsanlage ist modernisiert. Es wurden neue Pumpen eingebaut und Herr Nitsch kann jetzt steuern, zu welchen Uhrzeiten die verschiedenen Gebäude und sogar verschiedene Teile des Hauptgebäudes beheizt werden. Es gibt jetzt die berechtigte Hoffnung, dass wir die Energiekosten nachhaltig senken können. Um dieses Ziel zu erreichen, sind wir jedoch trotz der Umbauten alle gefragt. Jeden Tag. Günter Greiner (Verwaltung) Daten und Zahlen Die Stadt Wuppertal bewilligte eine Zuwendung in Höhe von ,46. Hinzu kommt ein Eigenanteil von 12,5%. Die Gesamtausgaben des Projekts belaufen sich auf maximal ,95 Ausgetauscht wurden die Fenster der Westfront, des Musiksaals, des Malraums, das Blumenfenster in der Sonnenhalle und teilweise die Fenster in den Fluren und der Verwaltung. Die Heizung erhielt neue, effiziente Pumpen. Die Heizkreise Hauptgebäude Süd, Nord, Treppenhäuser und Flure, Saalbau, Kindergarten, Turnhalle und Hausmeisterwohnung sind nun nach Bedarf steuerbar. Sicht

14 Das Fenster zur Zukunft Im Jahr 2004 brauchten die Fenster des Schulgebäudes einen neuen Anstrich. Aber wie sollte der Anstrich finanziert werden? Nach einiger Zeit Recherche stießen zwei Mütter der Schule auf ein Modell der GLS Bank, bei dem es möglich ist, durch viele kleine Spenden bzw. Schenkungen eine Maßnahme oder ein Bauvorhaben zu finanzieren. Das funktioniert so: Es erklären sich Menschen, die das Vorhaben unterstützen wollen, bereit für eine bestimmte Zeit jeden Monat einen kleinen Betrag zu bezahlen. Die Unterstützerinnen und Unterstützer schließen sich zu einer Leihgemeinschaft zusammen. Jeder beantragt einen Kleinkredit bei der GLS Bank, den er über die vereinbarte Zeit in Raten abbezahlt. So können Summen bis zu , zusammenkommen. Im Gegenzug zu den vielen Kleindarlehen bekommt, in diesem Fall die Schule den kompletten Betrag ausgezahlt. So ist es möglich, mit Hilfe von vielen Unterstützern Projekte und Vorhaben zu realisieren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: ein neuer Anstrich für die Fenster! Diese Maßnahme wurde im Jahr 2004 realisiert. Für mich, früher selbst Schülerin der Rudolf-Steiner-Schule Wuppertal, ging es 2 Jahre, nachdem die Leih- und Schenkgemeinschaft erfolgreich durchgeführt wurde, am Ende des 12. Schuljahres um die Frage, wie es nach dem Abitur 2007 beruflich weitergehen soll. Ich fing an, mich über die GLS Bank zu informieren: Geld ist für die Menschen da der Leitsatz der GLS Bank seit Doch was verbirgt sich dahinter? Als erste sozial-ökologische Universalbank der Welt ist die GLS Bank die Referenz für nachhaltige Bankangebote. Als einzige Bank bietet sie vom Girokonto über Geldanlagen, Vermögensmanagement und Finanzierungen bis hin zu Beteiligungen und zur Stiftungsberatung alles aus einer Hand. Mit ihrer Vision ist sie Wegbereiter für eine neue Art der Bankarbeit. Denn sie investiert ausschließlich realwirtschaftlich, d. h. in Unternehmen und Projekte im sozialen, ökologischen und kulturellen Bereich. Dazu gehören ökologische Landwirtschaft, regenerative Energien, die Bio-Branche, aber auch Freie Schulen und Kindergärten, Behinderteneinrichtungen, Wohnprojekte, Baufinanzierung, Gesundheit oder Kultur. Dabei können Kundinnen und Kunden nachvollziehen, wohin ihr Geld fließt, weil alle aktuellen Kredite laufend veröffentlicht werden. Und nicht nur das die Kunden können auch über die Verwendung ihres angelegten Geldes mitbestimmen. Das zukunftsweisende Konzept der GLS Bank hat Erfolg: In den letzten Jahren verzeichnete sie Wachstumsraten zwischen 25 und 37 Prozent. In einer bundesweiten Kundenumfrage von Börse Online und n-tv wurde die GLS Bank zudem zur Bank des Jahr 2010 gewählt. Mit ihren zielgerichtet sozial ökologischen Investitionen und ihrer beispiellosen Transparenz bietet sie ihren Kunden Bankdienstleistungen mit einem dreifachen Gewinn: menschlich, zukunftsweisend, ökonomisch. So habe ich mich für eine Ausbildung bei der GLS Bank entschieden, weil ich die Idee, Kunden selbst entscheiden zu lassen, was mit Ihrem Geld passiert, gut finde. So kann jeder dazu beitragen, dass sinnvolle Projekte unterstützt und umgesetzt werden. Zukunftsfähige Konzepte müssen gerade im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen zum Thema Atomkraft meiner Meinung nach vorangetrieben werden. Die Transparenz, dass alle vergebenen Kredite veröffentlicht werden und wirklich nachvollziehbar ist wie die GLS Bank mit dem Geld Ihrer Kunden arbeitet, hat mich sehr beeindruckt. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es eine gute Entscheidung war, mich um einen Ausbildungsplatz bei der GLS Bank beworben zu haben. Mittlerweile habe ich die Ausbildung zur Bankkauffrau bei der GLS Bank seit gut1 1/2 Jahren erfolgreich beendet und freue mich jeden Tag, in einem so nachhaltigenund zukunftsfähigen Unternehmen mitarbeiten zu dürfen. Lisa Betteldorf (ehemalige Schülerin) 14 Sicht 2011

15 Hand-in-Hand gegen Atomkraft Zwischen dem Atom-Kraft-Werk Neckarwestheim und Stuttgart gab es am 12. März 2011 eine 40 km lange Menschenkette gegen Atomkraft. Wir fuhren nachts mit einem der vier Sonderzüge zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Vormittags waren wir da. Bis zum Beginn der Menschenkette hatten wir noch sehr viel Zeit, die wir in der Stuttgarter Innenstadt verbrachten. Mit der S-Bahn sind wir zur Station Kornwestheim gefahren. Auch dort mussten wir noch warten, und wir machten uns Sorgen, da wir kaum andere Demonstranten entdecken konnten und an dem Erfolg der Menschenkette zweifelten. Doch zum Glück kamen immer mehr Leute und die Kette schloss sich. Letzten Endes kamen insgesamt ca Leute, ca mehr als erwartet. Viele von ihnen waren sicher auch durch das Unglück in Fukushima, das sich an diesem Tag ereignet hatte, angespornt, sich gegen die Atomenergie einzusetzen. Die Demonstranten protestierten lautstark gegen Atomkraft und verlangten die sofortige Abschaltung aller AKW s. Nach der Menschenkette fand auf dem Stuttgarter Schlossplatz eine große Kundgebung mit Musik statt, bei der der ganze Platz voll war. Hier wurden wir auch interviewt, zum Beispiel dazu, was wir täten, wenn das einzige sichere Atommüll-Endlager in unserem Keller wäre. (Wir würden ihn da lagern, aber selber ausziehen.) Bei der Kundgebung wurde auch dazu aufgerufen an den Montagdemonstrationen, die in vielen Städten stattfinden sollten, teilzunehmen. In der Nacht fuhren wir mit dem Sonderzug zurück. Die Aktion war gut organisiert und hat uns allen sehr gefallen. In den darauf folgenden Monaten wurde jeden Montag in der Elberfelder Innenstadt, sowie in vielen anderen Städten, gegen Atomkraft demonstriert. Wir und auch viele andere aus der Rudolf-Steiner-Schule, waren oft dabei. Auch im nächsten Jahr soll eine Menschenkette stattfinden. Auf der Seite kann man sich darüber informieren, und auf bekommt man allgemeine Infos zu Atomkraft. Wibke Eickmann, Theresa Tritsch und Lina Masek (Schülerinnen, Klasse 9) Sicht

16 Was sprudelt und rauscht? Seit einigen Monaten sprudelt und rauscht eine kleine Wasserkaskade auf unserem Schulgelände den Hang vom Festsaal herab. Dank einer großzügigen Spende eines ehemaligen Schülers aus der Anfangszeit unserer Schule, der in der Zwischenzeit leider verstorben ist, konnte diese Anlage verwirklicht werden. Beim diesjährigen Sommerfest wurden die Flowforms eingeweiht. Seitdem das Kommando Wasser: Marsch! gegeben wurde, können alle miterleben, wie das Wasser bergab rauscht und dabei Formen bildet. Hinter dem Begriff Flowforms steht eine lange Forschungsarbeit: Der englische Bildhauer und Naturforscher John Wilkes beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit den archetypischen Fließmustern und Fließrhythmen in der Natur. 16 Sicht 2011

17 Anfang der 70er Jahre stieß er im Rahmen einer Studie am Institut für Strömungswissenschaften in Herrischried auf ein faszinierendes Verhalten vom Wasser: Er bot dem Wasser Bedingungen an, nach denen es seiner inneren Bewegungsnatur folgend fließen konnte und dabei entstanden erstaunliche rhythmische Fließmuster mit dem Charakteristikum der Lemniskate, der Form der liegenden Acht oder des Unendlichkeitszeichens. John Wilkes betont in seinen Vorträgen immer wieder eindringlich, dass Wasser für das Leben essentiell wichtig ist und dass es der universelle Empfänger alles dessen ist, was wir ihm zufügen. Aus diesem Grund ist die Weise, wie wir Menschen mit dem Wasser umgehen, von ausschlaggebender Bedeutung für unsere Gesundheit und für das Wohl der Erde. Flowforms werden nicht nur als ästhetische Highlights im Gartenbau eingesetzt sondern sie finden zunehmend Anwendung auch in Nutzungsbereichen wie zur Abwasserbehandlung, zur Vitalisierung von Trinkwasser, zur Verbesserung der Haltbarkeit von biologischen Fruchtsäften oder zur Wasserbelebung in Zuchtbetrieben für Wasserlebewesen. Wenn wir demnächst auf dem Schulhof stehen und die Flowforms mit Augen und Ohren wahrnehmen und voll Dankbarkeit genießen, können wir sie vielleicht darüber hinaus zum Anlass nehmen, um miteinander über das Wesen des Wassers ins Gespräch zu kommen. Monika Mödden (Schülermutter) Bei weiterem Interesse: Lieferung durch Fa. Peter Müller Buchtipp: Das Flowform Phänomen von A.J.Wilkens, Verlag Engel und Co. Sicht

18 18 Sicht 2011

19 Industriestraße Wuppertal-Sonnborn Telefon (0202) Fax Wittensteinstr Wuppertal-Barmen Telefon (0202) Fax Sicht

20 Der Feuerofen schweißt zusammen Vom 12. bis zum 14. November 2010 führte die Klasse 12 das Theaterstück Der Gesang im Feuerofen von Carl Zuckmayer auf. Bis es jedoch möglich war, die insgesamt vier Aufführungen des Stücks ohne größere Peinlichkeiten auf die Bühne zu bringen, war es ein langer und teilweise holpriger Weg. Bereits in der elften Klasse mussten wir die Entscheidung, welches Theaterstück am besten zu uns passt, welches wir am liebsten spielen wollten und welches auch technisch und von der Organisation her realisierbar ist, fällen. Dieses Unterfangen stellte sich als ziemlich kompliziert heraus. Mehrere Stücke wurden von Schülern der Klasse vorgestellt und durch Abstimmung wurde schließlich das Stück Einer flog über das Kuckucksnest von Dale Wasserman gewählt. Da dieses Stück, das die meisten wohl eher als Film mit Jack Nicholson in der Hauptrolle kennen, nur wenige weibliche Rollen, und schon gar keine Hauptrollen aufzuweisen hat, hätten wir es verändern und umschreiben müssen, was uns aber aufgrund der Urheberrechte nicht erlaubt war. Ein zweiter Wahlgang musste also durchgeführt werden, wobei es zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem letztendlich gewählten Stück Der Gesang im Feuerofen und 20 Sicht 2011

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