Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung und ihre pädagogischen Implikationen

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1 Pädagogik Marie-Luise Leise Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung und ihre pädagogischen Implikationen Entwicklung als Ziel der Erziehung Examensarbeit

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3 Wissenschaftliche Arbeit für das Lehramt an Gymnasien/ Staatsexamen im Fach Pädagogische Studien an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Wintersemester 2010/2011 Entwicklung als Ziel der Erziehung Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung und ihre pädagogischen Implikationen Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg Dozentur Sozialisations- und Bildungsprozesse

4 Inhaltsverzeichnis Einleitung... 1 Kohlbergs Theorie der Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit Stufen der Moralentwicklung Voraussetzungen moralischen Urteilens Entwicklungsniveaus Das präkonventionelle Urteilsniveau Das konventionelle Urteilsniveau Das postkonventionelle Urteilsniveau Weitere definitorische Merkmale Moralische Orientierungen innerhalb der Stufen Zur Angemessenheit des Stufenmodells Entwicklungsstimulierende Faktoren Moralisches Urteilen und Handeln Unterscheidung von deontischem Urteil und Verantwortungsurteil Vorhersage moralischen Verhaltens Weiterentwicklung und Rekonzeptualisierung Moralisches Urteilen und Handeln Soziomoralische Wissenssysteme und Selbst Moralisches Wissen und moralische Motivation Die Sozialwelt der Kinder Moralphilosophische und soziologische Grundannahmen Kohlbergs strikter Universalismus Weiterentwicklung: Der eingeschränkte Universalismus II. Kohlbergs moralpädagogischer 'Just-Community'-Ansatz Der progressive und diskursive Ansatz der Moralerziehung Die Just-Community-Schule Grundgedanken und Ziele Die Struktur einer Just-Community-Schule Minimalbedingungen Exkurs: Dilemmadiskussionen... 55

5 6.3. Demokratieform und Gerechte Schulgemeinschaft Sozialisatorische Relevanz Möglichkeiten und Grenzen des Ansatzes Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse Ausblick... 71

6 Einleitung Wenn man an Moralerziehung denkt, so identifiziert man den Beginn dieser langen Tradition unterschiedlich strukturierter Konzepte in der Philosophie mit Aristoteles prägnanter Tugendlehre und von substantieller Sittlichkeit geprägten Lebensform. Interessant hierbei ist, ohne schon zu sehr vorweg greifen zu wollen, dass dieser schon, in seiner Nikomachischen Ethik, die Lebensform mit der Polis verbindet. Von Aristoteles abweichend und bezugnehmend auf Piaget und Dewey konzeptualisiert Kohlberg ( ) Moralerziehung als Prozess, festgehalten in der Formel Entwicklung als Ziel der Erziehung (Kohlberg/Mayer, 1972). Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten, die Kohlbergsche Formel zu explizieren: So ist zunächst nach dem Gegenstandbereich zu fragen, danach, was sich überhaupt entwickeln soll (Kap. 1), in einem zweiten Schritt, wie sich Entwicklung als solche erklären lässt (Kap. 1.6), drittens, inwiefern diese als wünschenswert und zu fördernd ausgewiesen werden kann (Kap. 4), und viertens, auf das Verhalten bezogen, von welcher Art entsprechende Lernarrangements sein müssen (Kap. 5). In Kap. 6 schließlich wird Kohlbergs pädagogischer Just-Community -Ansatz vorgestellt, der nach im ersten Teil der Arbeit dargestellten entwicklungspsychologischen Annahmen und deren soziologische und moralphilosophischen Grundannahmen rekonstruiert werden soll, um so schließlich die Möglichkeiten und Grenzen des Kohlbergschen Ansatzes hinsichtlich seiner sozialisatorischen Relevanz auszuweisen. In den Schlussbetrachtungen werden dann die Ergebnisse zusammengeführt und abschließend mit Blick auf die heutige Schulkultur reflektiert, inwiefern sich Regelschulen diese zu nutzen machen können. Entsprechend seines Ansatzes des bootstrapping, findet also zwischen philosophischen Annahmen, psychologischen Theorien und pädagogischen Bemühungen ein wechselseitiger Austausch statt. Dies gilt vor allen Dingen für das Moralprinzip der Universalisierung, das Kohlberg in Anlehnung an Piagets Konzept der Dezentrierung mit der Fähigkeit des Heranwachsenden verbindet, bestimmte soziomoralische Perspektiven einzunehmen, die er wiederum in seiner pädagogischen Methode wirksam werden lässt. Es geht ihm zunächst nicht um die Frage, welche Normen Heranwachsende unterschiedlichen Alters anerkennen, ob sie sich entsprechend verhalten oder nicht oder welche Entscheidung sie tatsächlich treffen, sondern um die Entwicklung von Begründungen normativer Urteile und um Orientierungen. Die soziomoralischen Perspektiven liegen den Handlungsentscheidungen zugrunde und lassen sich aus Argumentationsmustern erschließen, so bezieht sich seine Moraltheorie auf den Kernbereich moralischen Denkens und Urteilens. Kohlberg weist mehrere qualitativ verschiedene moralische Perspektiven beziehungsweise Stufen aus, die er 1

7 in drei Niveaus, die wiederum je zwei Stufen implizieren, unterscheidet. Rekurrierend auf Dewey und Piaget ist Kohlberg moralische Urteilsfähigkeit ein Schlüsselthema für Erziehung und Demokratie zugleich, so nimmt er an, dass moralische Entwicklung nicht durch die bloße Übernahme von moralischen Begriffen und Haltungen gefördert werden kann, sondern durch die diskursive Verarbeitung von Problemen, die bei der Verwirklichung moralischer Prinzipien im Alltag, auch im schulischen, entstehen. Demokratische Teilhabe am Prozess der Erziehung ist nach ihm daher zugleich Ziel und Bedingung für dessen Gelingen, was ihn zum Konzept der Just Community bringt. Kohlberg selbst hat bis zu seinem Tode 1987 viele Veränderungen, Erweiterungen und Spezifizierungen an seinem Stufenmodell (Kohlberg, 1995) vorgenommen, wobei jedoch die Kernannahmen weitgehend unverändert geblieben sind; ebenso am Auswertungsverfahren (Colby/Kohlberg, 1987), an welchem hinsichtlich der empirischen Erfassung moralischer Urteilsstufen jedoch Revisionen vorgenommen wurden, weshalb sich mancher in den 1960er und 1970er berichtete empirische Befund nicht ohne weiteres auf den heutigen Stand der Theorie übertragen lässt. Das Kohlbergsche Modell hat von vielen Seiten unterschiedliche Kritik erfahren, auf welche ebenso in dieser Arbeit ebenso eingegangen werden soll. Insbesondere aber haben seine Schüler, wie beispielsweise Gertrud Nunner-Winkler, dazu beigetragen, vorhandene Einseitigkeiten und Widersprüche aufzuheben, indem sie sein Modell differenziert rekonzeptualisiert haben im Sinne einer das Modell stärkenden Weiterentwicklung (Kap. 3). Kohlbergs Veröffentlichungen haben seit den 1960er Jahren bis heute anhaltend in der Forschung zur moralischen Entwicklung große Aufmerksamkeit erhalten. 2

8 Kohlbergs Theorie der Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit Stufen der Moralentwicklung Piagets kognitivistischen Ansatz reflektierend, verortet sich Kohlberg in seiner Beschäftigung mit Moralität in der kognitiv-entwicklungsorientierten Tradition: Als deutlichstes Merkmal gilt ihm das Vorhandensein eines Stufenkonzeptes, die Vorstellung von einer sequentiellen Reorganisation in der Entwicklung moralischer Einstellungen, d.h. Moralentwicklung enthält eine grundlegende kognitiv-strukturelle, moralische Urteilskomponente. Sie beruht auf einer generalisierten motivationalen Basis und wird in ihren grundlegenden Eigenschaften als kulturübergreifend verstanden, da sich alle Kulturen aus den gleichen Quellen von sozialer Interaktion, Rollenübernahme oder Konflikten speisten, die durch Moral integriert werden müssen. Fundamentale moralische Normen sind Strukturen, die aus Erfahrungen in sozialer Interaktion zwischen dem Selbst und anderen aufgebaut werden. Einflüsse der Umwelt meinen die allgemeine Qualität und das Ausmaß kognitiver und sozialer Anregung im Verlauf der Entwicklung (vgl. Kohlberg, 1976: 162f.). So ist das dahinterstehende Menschenbild ein entwicklungslogisches, das Entwicklung versteht im Sinne des Interaktiven Konstruktivismus, wonach die Quelle kognitiver Veränderungen in der beständigen Interaktion zwischen Individuum und Umwelt liegt (Ko-Konstruktion), d.h. in der Beziehung (vgl. Sutter, 2003a: 246). Voraussetzungen moralischen Urteilens Kohlberg bezieht sich in der Entwicklung seiner Stufenabfolge auf Piagets Stufen des logischen Denkens: Mit Fokus auf das Einsetzen des Sprechens findet man drei Hauptphasen der Entwicklung des Denkens, nämlich das intuitive das konkret-operatorische und das formal-operatorische. Etwa mit dem siebten Lebensjahr löst das Stadium des konkret logischen Denkens das intuitive ab, d.h. die Kinder sind dann fähig, logisch zu schließen, Gegenstände zu klassifizieren und quantitative Relationen zwischen konkreten Dingen herzustellen und mit diesen umzugehen. In der Adoleszenz erreichen viele, aber nicht alle Menschen das Niveau von formalen Operationen, d.h. die Fähigkeit, abstrakt zu denken. Das formal-operatorische Denken ist dadurch charakterisiert, dass viele Möglichkeiten auf komplexe Art und Weise durchdacht werden können, d.h. Beziehungen zwischen Systemelementen hergestellt, Hypothesen gebildet, aus ihnen Implikationen abgeleitet und an der Realität überprüft werden. Kohlberg geht davon aus, dass im allgemeinen fast kein Jugendlicher oder Erwachsener mehr ganz dem konkret-operatorischen Denken verhaftet ist, viele das formal-operatorische Denken teilweise beherrschen und die meisten gar die höchste 3

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